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Full text of "Archiv für katholisches Kirchenrecht"

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HARVARD LAW LIBRARY 



Received AUG 5 1925 



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ARGHIV 



für 

katholisches Kirchenrecht, 

*^ mit besonderer Rücksicht auf 

Deutschland, Oesterreich und die Schweiz. 

Herausgegeben • 
von 

Dr. Friedrich H. Veriiig, 

ord. off, Professor der Rechte an der k. k. Karl-Ferdinandt^UnitieftHät t« Piag, 

Aeht und rierzigster Band, 

(Neuer Folge zweiundvierzigster Band,) I 



Mainz, 

Verlag von Franz Kirchheim. 

1882. 

Printed in Germany 



AüG - 6 lüzo 



Mainz, Druck von Job. Falk III. 



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I. 

Historisch-kritisehe Uebersicht der national-ökonomischen 
und soclal-politlschen Literatur. 

Von L. Erler, Domcapitular in Mainz ^). 

Uie Judenverfolgungen des Mittelalters. 

5. Die Juden Italiens im Mittelalter, 
(Fortsetzung. Vergl. Bd. XLIV. S. 353-416.) 

Die. Juden Italiens unter ostgothischer, griechischer, longobardischer 
fränkischer und saracenischer Herrschaft, Gregor d. Gr, und die Juden, 

Als die Ostgothen unter der Autorität der Kaiser Zeno und 
Änastasius am Ende des 5. Jahrhunderts von Italien Besitz nahmen, 
blieb dasselbe npminell ein Theil des römischen Reiches. Das römische 
Recht, wie es in dem Codex und den Novellen des Theodosius enthalten 
ist, behielt für die seitherigen Bewohner Italiens, und somit auch für die 
Juden seine Geltung. Nach demselben handelte denn auch Theodorich 
gegenüber den Juden. Das im Jahre 500 veröffentlichte, auß den römi- 
schen Rechtsquellen geschöpfte Edict Tljeodorich's , welches in 154 Ar- 
tikeln eine Reihe meist nur das Criminalrecht betreffender Bestimmungen 
für die Gothen, wie für die früheren Bewohner des Reichs enthält, 
ausserdem aber das ganze alte Recht — gothisches für jene, römi- 
sches für diese — fortbestehen lässt, bestätigt demgemäss den Juden 
ihre durch die Gesetze ihnen verliehenen Privilegien und insbesondere 
ihre eigene Gerichtsbarkeit in Streitigkeiten unter sich *). Dies spricht 
Theodorich speciell auch für die Juden zu Genua in einem an sie ge- 
richteten Erlasse aus^). Neue Synagogen zu erbauen oder die vorhan- 
denen zu vergrössern, verbot er dagegen; so ebenfalls in einem Erlasse 
an die Juden zu Genua *). 



1) Wir geben den Ausführungen des gelehrten Herrn Verfassers unverkürzten 
Raum, ohne aber jeden Punkt derselben selbst zu vertreten. (Die Red. des Archiv.) 

2) Art. 43: »Circa Jndaeos'privilegia legibus delata serventur: quosinter 
se jurgantes et suis viventes legibus, eos judices habere necesse est, quos habent 
observantiae praeceptores.« Walter: »Corpus Juris germanici antiqui.« Berol. 
1824, t. 1, pg. 412. 

3) »Oblata itaque supplicatione deposcitis privilegia vobis debere servari, 
quae Judaicis institutis legum provida decrevit antiquitas : quod nos libenter 
annuiifius.« Cassiodorus: Variarum lib. 4, ep. 33. Ed. Migne, Patrol. t. 69, 
col. 630. 

4) Cass, Var. lib. 2, ep. 27; l. c. col. 561.^ 

1* 



Erlevr Hist'krit, Vebersicht d, nationälökon, u, soc-poL Literatur. 

Wo es sich um Streitigkeiten zwischen Christen und Juden handelte, 
suchte "pheodorich üherall nach dem strengsten Rechte zu entscheiden. 
Als die Juden in Eom auf ein Haus, welches durch viele Jahre im Be- 
sitze der römischen Kirche gewesen und dann durch Kauf in andere 
Hände übergegangen war, Anspruch erhohen unter dem Vorgeben , das- 
selbe sei früher eine Synagoge gewesen, befahl Theodorich die Sache 
genau zu untersuchen , und sprach dann erst das Haus der Kirche zu i). 
Als (christliche?) Sclaven in Rom ihre jüdischen Herren getödtet hatten, 
und in Folge der Bestrafung jener das erregte Volk die Synagoge nieder- 
brannte, verfügte Theodorich, dass wenn ein Jude einer Ausschreitung 
sich schuldig gemacht , er zu strafen gewesen , nicht aber die Synagogfe 
hätte niedergebrannt werden dürfen ; der Vorfall sei zu untersuchen, die 
Urheber des Brandes streng zu strafen , und wenn Jemand gegen • die 
Juden etwas vorzubringen habe, so solle er vor dem Senate seine Klage 
vorbringen, auf dass denjenigen, welcher gefehlt, die Strafe treffe. * Da 
die Urheber des Brandes nicht entdeckt wurden, verurtheilte Theodorich 
die römische Co'mmune zum Schadenersatze; diejenigen aber, welche den 
sie treffenden Beitrag verweigerten, liess er öffentlich auspeitschen 2). 
Bezüglich der Juden in Mailand, welche wiederholt klagten, dass nian 
sie bedränge und ihrer Rechte hinsichtlich ihrer Synagoge beraube, ver- 
fügte er, dass kein Geistlicher diese Rechte vergewaltigen oder sich in 
ungehöriger Weise in die Angelegenheiten der Juden einmischen dürfe, 
dass aber auch die Juden sich hüten sollten, die Rechte der Kirche oder 
kirchlicher Personen anzutasten. Uebrigens solle, wie sonst, so auch 
hier der dreissigj ährige Ersitz massgebend sein^). So genossen die Juden 
unter der Herrschaft der Ostgothen bei Auf rech thaltun g der Gesetze des 
Theodosianischen Gesets^uches eine weitgehende Duldung und ausgiebigen 
Schutz ihrer begründeten Rechte. 

Dass sie aber auch damals, wie früher, durch ihr Sclavenwesen An- 
lass zu Klagen gaben, ersehen wir aus dem oben erwähnten Aufstande 
zu Rom, sowie aus einem Erlasse des Papstes Gelasius (492—496), durch 
welchen er mehreren Bischöfen aufträgt, die Klage eines Juden, einer 
seiner Sclaven habe sich in eine Kirche geflüchtet und behaupte , sein 
Herr habe ihm, obwohl er von Kindheit an ein Christ sei, die Be- 
schneidung aufgezwungen, zu untersuchen, damit weder die Religion noch 
auch, im Falle der Sclave gelogen ha1)e, das Recht seines rechtmassigen 
Herrn beeinträchtigt werde*). 

Als Kaiser Justinian Italien durch Belisar der griechischen Herr- 
schaft wieder zu unterwerfen unternahm, hielten die Juden zu den Ost- 
gothen und betheiligten sich bei der Vertheidigung Neapels (536) auf 
das lebhafteste, theils aus Hass gegen die rechtgläubigen Griechen, 
theils weil sie di,e strengeren Gesetze Justinians bezüglich der Juden 
fürchteten. Auch finden wir bei dem damaligen ostgothischen Könige 



1) Cass. Var. 3, 45; 1. c. col. 600. 

2) Cass, Var. 4, 43; 1. c. col. 637. Bevgnoi: »Les Juifs d'Oöcident,« 
Par 1824, I, p. 146. 

8) Cass, Var. 5, 37; 1. c. col. 670. 

4) Decretum Gratian% C. 17, q. 4, c. 34. 



Die Juden Italiens im Mittelalter. 5 

Theodat einen jüdischen Zauberer, zu dessen Kunst derselbe aeiwö Zu- 
flucht nahm-i). In Folge des Sieges Justinians wurde der Codex Justiuiauus, 
sowie die einzelnen später erlassenen Gesetze (Novellen) auch iu Italien 
von Justinian publicirt, mit dem Zusätze, dass Pandekten und Codei 
schon früher als geltende Eechtsbücher von ihm nach Italien geaatidt 
worden seien 2). Die verschärften Judengesetze desselben wurdon sotuit 
auch in Italien massgebend. Mit Ausnahme der alsbald von den Loij ge- 
bärden besetzten Theile blieb dann das römisch -justinianische Recht im 
übrigen Italien und in Sicilien bis zur Invasion der Saraceneu hetrschen- 
des Eecht. 

Wir ersehen dies auch aus den Briefen des hl. Papstes Gregors 
d. Gr. (590—604), der ausdrücklich sagt, dass die Juden nach römiecbera 
Rechte leben 3), und in seinen verschiedenen, insbesondere für die dejn 
römischen Stuhle unterworfenen Gebiete in Unteritalien, Sicilien nod 
Sardinien erlassenen , Entscheidungen oftmals auf das rö min die Recht 
Bezug nimmt. 

Wir gehen hier näher auf die Verordnungen und Ent:?ch0i- 
dungen Gregors des Grossen bezüglich der Juden ein, weil sie uns so- 
wohl die kirchlichen Principien hinsichtlich der Juden , als ivueli derön 
damaligen Verhältnisse namentlich in Mittel- und ünteritaÜen zeigen. 
Selbst die jüdischen Geschichtschreiber müssen die Gerechtigkeit nad 
Milde Gregors anerkennen. Jos« sagt: »Dieser menschenfreundliche Papst 
war eben so grosser Eiferer für das Wohl der Kirche, als strenger Hand- 
haber der Gerechtigkeit und Feind jeder Verfolgung oder Gevvalttiuit . . . 
Er verschmähte durchaus jede Handlung, wodurch die Juden eiire Krikikung 
erlitten und sich in ihren Rechten behelligt glauben konnten*),^ Grät^ 
schreibt : »Eigenthümlich ist es, dass gerade die römischop Bischöfe . , . 
die Juden am duldsamsten und mildesten behandelten. Die Inhaber des 
päpstlichen Stuhles setzten einen Ruhm darein, die Juden vor Utiglimpf 
zu schützen und Geistliche wie Fürsten zu ermahnen, dem Cbristeiithmn 
keine Anhänger durch Gewalt und Druck zuzuführen.« Er beinrrkt du im 
speciell bezüglich Gregors: »Gregor I. der den Grundstein zur Herr- 
schaft des Katholicismus gelegt, sprach den Grundsatz aus, ilass die 
Juden nur durch Ueberredung und Sanftmuth , nicht durch Gewalt zur 
Bekehrung gebracht werden sollten. Gewissenhaft wahrte er das den 
Juden als Römern von den römischen Kaisern anerkannte Bürgerrecht, 
damit es ihnen nicht verkümmert werden sollte. Er war iniermüdlich 
darin, das den Juden zugefügte Unrecht abzuwenden und yie vor üeber- 
-griffen zu schützen 5).« 

In^der That, alle Verordnungen und Entscheidungen des lü. Gregor 
bezüglich der Juden sind von dem Geiste der christlichen Gerechtigkeit 



1) Procopius: »De hello Gothico,« lib. 1, c. 8sq. Yg\,Grä(^: »Gesch. d. 
Juden,« Bd. 5, 2. Aufl., S. 39; Jost: »Gesch. d. Israeliten,« Bd. 5, S, 59* 

2) Vgl. Savigny: »Gesch. d. röm. Rechts im M.-A.,« 2. Ausg., Bd. 2, B. 182. 

3) »Romanis legibus vivere permittuntur,« Epist. 1, 10; Opp. S. Greg* 
Ed. Bened. Par. 1705, t. 2, col. 498. 

4) Jost, a. a. 0. Bd. 5, S. 77, 92. 

5) Grätz, a. a. 0. Bd. 5, S. 31, 40 f. 



6 Krler, Hist-kriL üeberaicht d. nationalökon, u. soc-poL LUeratuK, 

und Liebe eingegeben; sie lehnen sich zwar an das römische Recht an, 
aber nar insoweit dieses mit jenem in Einklang zu bringen ist. Sie 
lassen sich zusammenfassen in folgenden Mahnungen Gregors, die zwar 
zunächst nur an einzelne Bischöfe oder Personen und meist nur in Italien 
(incL Sicilien und Sardinien) gerichtet waren, aber in vielen Sehreiben 
wiederkehren und allgemeine Geltung beanspruchen. Ah die Bischöfe 
Bacaudas und Ägnellu« in Campanien schreibt er: »Wir verbieten es, die 
Hebräer gegen Vernunft und Recht zu belästigen oder zu kränken ; sie 
sollen vielmehr, wie es ihnen gestattet ist, nach römischem Rechte zu 
• leben, so auch, wie es die Gerechtigkeit verlangt, ohne Hinderniss ihre 
religiösen Gebräuche, gemäss ihrer Ueberzeugung, ausüben können. Doch 
sollen sie keine christlichen Sclaven halten dürfen^).« An den Bischof 
Petrus von Terracina schreibt er: »Diejenigen, welche der christlichen 
Religion abgeneigt sind (die Juden), muss man durch Sanftmuth und 
Güte, indem man sie ermahnt und überzeugt, zur Einheit des Glaubens 
überführen, damit sie nicht, während sie durch die Lieblichkeit der Rede 
und die Furcht vor dem künftigen Richter für den Glauben hätten ge- 
wonnen werden können, durch Drohungen und Schreckungen zurückge- 
stossen werden^).« An den Bischof Paschasius . von Neapel schreibt er: 
»Wer in der rechten Absicht Nichtchristen zum wahren Glauben zu 
fuhren wünscht, muss sich lieblicher, nicht rauher Mittel bedienen. Die 
welche anders handeln, beweisen^ dass sie mehr ihre, als Gottes Sache 
erstreben . . . Denn welchen Nutzen soll es bringen, ihnen ihren alther- 
gebrachten Uebungen zu verbieten, da dies sie doch nicht zum Glauben 
und zur Bekehrung führt?* Aber warum sollen wir den Juden Vor- 
schriften über ihre Gebräuche machen, wenn wir sie dadurch nicht ge- 
winnen können? Man muss vielmehr durch Gründe und Milde auf sie 
wirken, so dass sie geneigt werden uns zu folgen, nicht uns zu fliehen; 
aus ihren eigenen Büchern müssen wir sie überweisen und sie so in den 
Schoss der Kirche führen. Dur<;h Ermahnungen entflamme sie, so 
weit du kannst, zur Bekehrung, aber in ihrem Gottesdienste lasse sie 
nicht gestört werden. Ihre Festlichkeiten und Feiertage sollen sie, wie 
t sie selbst und ihre Vorfahren seit langer Zeit es gewohnt waren, frei be- 
obachten und feiern dürfen ^).« In einem Briefe an die Bischöfe Virgilius 
von Arles und Theodor von Marseille missbilligt er, die Juden »mehr 
durch Gewalt als durch Belehrung zur Taufe zu führen.« »Ich lobe,« 
fährt er fort, »die Absicht und glaube, dass sie aus der Liebe zu unserm 
Herrn herrühre .... Aber wer nicht durch die Milde der Belehrung, 
sondern durch Gewalt zur Taufe gebracht wird, wird zu seinem früheren 
Aberglauben zurückkehren und statt der Wiedergeburt einen schlimmem 
Tod finden*).« Christliche Sclaven aber oder solche die Christen werden wol- 
len, sollen durchaus nicht in der Gewalt der Juden verbleiben, »damit 
die christliche Religion nicht im Dienste der Juden befleckt werde,« wie 



1) Oregorius M., L c. Ep. 1, 10, t. 2, col. 497. 

2) Ep. 1, 35, col. 525. 
,3)Ep. 1, 12, col. 1226. 

4) Ep. 1, 47, col. 541. 



Die Juden Italiens im Mittelalter» 7 

Gregor an den Präfect Siciliens, Libertinus, schreibt i). »Denn w^ sind 
die Christen anders,« schreibt er ferner an die fränkischen Könige 
Theodorich und Theodebert, »als Glieder Christi? ... Ist es aber nicht 
widersinnig, das Haupt zu ehren und die Glieder desselben von seinen 
Feinden zertreten zu lassen? Wir bitten Euch daher, diese schlimme 
Verkehrtheit aus Euerem Reiche zu entfernen, auf dass Ihr in Zukunft 
Euch als getreue Verehrer des allmächtigen Gottes erweiset, indem Ihr 
seine Getreuen von seinen Widersachern befreiet 2).« An den Bisphof 
Venantius von Luna in Tuscien schreibt er: »Mit Missfallen haben wir 
vernommen, dass in der Stadt Luna christliche Sclaven in der Dienstbar - 
keit der Juden gehalten werden, während Deine 'Pflicht und die christ- 
liche Religion gebieten, keine Gelegenheit zu gestatten, dass einfältige 
Christen, nicht sowohl durch Ueberredung, als gewissermassen durch das 
Recht der Herrschaft, dem . jüdischen Aberglauben dienstbar werden. 
Wir ermahnen dich daher, nach der Vorschrift der gottgefälligsten Ge- 
setze (»secundum piissimarum legnm tramiten>,« cf. Cod. Just.*!, 10, 1 ; 1, 
3, 56 oder 54) es keinem Juden zu gestatten, christliche Sclaven zu be- 
sitzen. Wenn solche bei ihnen gefunden werden, so sind sie nach der 
Vorschrift der Gesetze (»ex legum sanctiöne« cf. Cod. Just. 1. c.) freizu- 
geben 3}.« _ 

Solche Mahnungen und die sich daraus ergebenden Folgerungen 
kehren in zahlreichen apostolischen Schreiben Gregors wieder. Demge- 
mäss verbietet er die Juden mit Gewalt zu taufen*); sie zu verfolgen 
oder ihre Synagogen wegzunehmen und sie an der Feier ihrer Sabbathe 
und Feste zu hindern; weggenommene Synagogen gebietet er wieder zu- 
rückzugeben 5). Nach Palermo, von wo ihm die Juden über Beeinträch- 
tigung ihrer Rechte hinsichtlich ihrer Synagogen geklagt hatten, schreibt 
er an den Bischof Victor, er solle die Juden in ihrem Rechte schützen. 
Stehe aber etwas der Einräumung ihrer Forderungen rechtmässig ent- 
gegen, so sollen von beiden Seiten Schiedsrichter ernannt, und wenn der 
Streit auch dadurch nicht geschlichtet werden könne, solle an ihn recurrirt 
werden % In derselben Sache schrieb er dann an den Defensor Fantinus, 
da die betreffenden Synagogen den Juden widerrechtlich weggenommen und 
(zu christlichen Kirchen) geweiht worden seien, das einmal Geweihte den 
Juden aber nicht zurückgegeben werden dürfe, so sollten die Synagogen 
und die damit zusammenhängenden Hospizien und Gärten abgeschätzt, 
und der Werth nebst den weggenommenen Büchern und Zierrathen den 
Juden erstattet werden^. — Dagegen will Gregor, dass man die Juden 



1) Ep. 3, 38, col. 654. 

2) Ep. 9, 110, col. 1018. 

3) Ep. 4, 21, col. 699. Es liegt hierin zugleich ein Hinweis auf den 
Proselytismus der Juden, welchen auch die Gesetze betonen : »ne occasione dominii 
sectam venerandae religionis immutent.« ConsL Sirm, 6. »Constit. , quas J. 
Sirmondus divulgavit,€ ed. Haenel, Bonnae 1844, col. 458. Vgl. oben Bd. 44. 
S. 371, 381, 407. 

4) Ep 1, 47, col. 541. 

5) Ep. 1, 10, col. 497; 1, 35, col. 524; 9, 6, col. 929; 13, 12, col. 1226. 

6) Ep. 8, 25, col. 914. — 7) Ep. 9, 55, col. 974. 



8 Erler^ Hist-hriL üebersicht d, nationalöhon. u. soc.-poL Literatur^ 

durch zeitliche Wohlthaten. zur Bekehrnng aufmuntere ^) , solche», die* 
sich bekehren wollten, auf alle Weise entgegenkomme^), und die bo^ 
kehrten unterstütze, wenn sie dessen bedürften^), und schütze, damit sie- 
nicht, weil sie deu besseren Theil erwählt hätten, von böswilligem 
Menschen geplagt würden ^). 

Ganz besonders aber wandte sich Gregor gegen den Besitz und 
Ankauf christlicher Sclaven durch die Jud^n. Am liebsten hätte Gregor 
den Handel der Juden mit christlichen Sclaven ganz unterdrückt^). Da 
er dies jedoch noch nicht durchsetzen konnte, so hielt er wenigstens auf 
genauer Beobachtung der bestehenden Gesetze. Wenn ein Jude christ- 
liche Sclaven besitze oder zu seinem eigenen Dienste erwerbe, so sollten 
dieselben dem Gesetze gemäss («juxtalegum praecepta«) ohne Verzug und 
ohne Lösegeld freigegeben werden^). Christliche Sclaven, welche auf 
Landgütern der Juden arbeiteten, seien zwar auch den Gesetzen gemäss 
(»ex legum dlstrictione«) frei, ^sollten aber, insofern sie schon längere 
Zeit daselbst thätig 'seien , als Colonen daselbst verbleiben und alle 
Colonenpflichten leisten können, ohne dass ihnen jedoch eine weitere Last 
auferlegt werden dürfe. Bestehe aber der Jude darauf, dass der bis- 
herige Sclave nach einem anderen Orte wandere oder in seiner ßbt- 
mässigkeit verbleibe, so habe er sich selbst es zuzuschreiben, wenn er 
das Colonatsrecht und die Herrschaft, über den Sclaven einbüsse^), Im 
Besitze von Juden befindliche, jüdische oder heidnische Sclaven, welche, 
um Christen zu werden, in eine Kirche flüchteten oder überhaupt den 
Willen hätten, die christliche Religion anzunehmen, sollten ebenfalls so- 
fort die Freiheit erhalten. Um jedoch. Klagen der Juden über Beein- 
trächtigung abzuschneiden , sollten dieselben , schreibt Gregor an den 
Bischof Fortunatus von Neapel im Jahre 596, wenn sie des Handels 
wegen aus ausländischen Gebieten heidnische Sclaven erworben hätten und 
ein christlicher Käufer sich fände,, dieselben auch wenn sie dann erklärten, 
Christen werden zu wollen, innerhalb dreier Monate verkaufen dürfen; 
seien aber bereits die drei Monate verflossen, so dürfe ein solcher Sclave, 
wenn er Christ werden wollen nicht mehr verkauft werden, sondern sei 
freizugeben, weil es dann klar sei, dass der Jude den Sclaven nicht zum 
Verkaufe, sondern zu seinem eigenen Dienste erworben habe ^). 

Auf die weitere Vorstellung einiger den Sclavenhandel aus Gallien 
betreibenden. Juden, dass ihnen von verschiedenen Staatsbeamten der 
Ankauf von Sclaven aufgetragen werde und es dabei vorkomme, dass 
unter Heiden auch Christen gekauft wurden, verordnete Gregor in einem 



1) Ep. 2, 32, coL 592; Ep. 5, 8, coL 733. 

2) Ep. 8, 23, col. 912. 

3) Ep. 4, 33, col. 714. 

4) Ep. 1, 71t col. 557. 

5) Ep. 9, 36, col. 953. 

6) Ep. 1, 10, col. 497; 3, 38, col. 651; 4, 21, col. 699; 7, 24, col. 868; 
8, 21, col. 910; 9, 36, col. 953; 9, 109, col 1014. 

7) . . . »ipse sibi reputet, qui jus colonarium temeritate sua, jus vero 
dominii sibi juris severitate damnavit.« Ep. 4, 21, col. 699. 

8) Ep. .4, 9, coL 687; 6, 32, col. 818. 



Die Juden Italiens im Mittelalter, 9 

Schreiben vom Jahre 599 an denselben Bischof, solche Christen müssten 
entweder sogleich den Auftraggebern ausgeliefert oder wenigstens an 
Christen binnen vierzig Tagen verkauft werden. Nach Verlauf dieser 
Frist dürften, den Fall der Erkrankung ausgenommen, keine christlichen 
Sclaven mehr bei Juden zurückbleiben. Sollten jedoch vom Ankaufe des 
vorhergehenden Jahres sich noch solche bei ihnen finden, oder erst kürz- 
lich von dem Bischöfe ihnen weggenommen sein und noch bei ihm sich be- 
finden, so sollten sie auch diese noch veräussern dürfen. Was den Juden 
Basilius- betreffe , der seinen zum Christenthum übergetretenen Söhnen 
einige Sclaven schenken, sie aber in seinem Dienste behalten wolle; da- 
mit dieselben so, wenn sie später etwa Christen wurden, nicht frei, son- 
dern für seine Söhne reclamirt würden, so dürften diese Sclaven, im 
Falle sie Christen würden, jedenfalls nicht im Hause des Basilius bleiben ; 
doch sollten sie ihm, wenn es nöthig würde, jenen Beistand leisten, wel- 
chen ihm auch seine Söhne von Gottes- und Rechtswegen leisten müss- 
ten 1). — Christliche oder christlich gewordene und darum aus der 
Sclaverei der Juden befreite Sclaven dürften ihren früheren Herrn, wenn 
diese selbst später Christen würden, nicht mehr zurückgegeben wer- 
den 2). — Heidnische Sclaven, welche von ihren jüdischen Herrn .be- 
schnitten worden, sollten ohne Verzug freigelassen und in den Schutz 
der Kirche aufgenommen werden, ohne dass ihren Herrn ein Lösegeld 
bezahlt werde, die eigentlich ausser diesem Verluste noch weiter nach 
der Strenge der Gesetze bestraft werden müssten ^). Der Justinianische 
Codex setzte nämlich noch die Todesstrafe darauf (1, 10, 1), welche 
Gregor jedoch nicht ausgeführt wissen wollte. Wie die Juden diese von 
Gregor nur aufs neue eingeschärften Bestimmungen des römischen 
Rechtes respectirten , sagt uns der jüdische Geschichtschreiber Cassel: 
»Die Juden gebrauchten jede List dagegen. Ein Jude liess seine Kinder 
in Neapel die Taufe nehmen, um ihnen seine Sclaven zu schenken und 
so zu benutzen. Der Verkaufszwang, nach dem sie vierzig Tage nach 
Ankunft eines neuen Sclaventransportes die (christlichen) Sclaven an 
Christen verkauft haben raussten, ward auf jede Weise hintergangen *).€ 
In dem fränkischen Reiche, wo die Bestimmungen des Justinianischen 
Codex nicht in Geltung waren — die Concilien von Orleans (541) und 
Ma9<)n (581) hatten nur decretirt, dass man jeden christlichen Sclaven 
bei Juden nach gerechter Taxation, laut dem Concil von Ma9on um zwölf 
Solidi, loskaufen könne — sehen wir Gregor im Jahre 597 durch seinen * 
Stellvertreter auf eigene Kosten christliche Sclaven aus den Händen der 
Juden loskaufen 5), und im Jahre 599 ermahnt er die dortigen Herrscher, 
die Königin Brunhilde und die Könige Theoderich und Theodebert, in 
dem schon erwähnten Schreiben aufs eindringlichste, nicht zu gestatten, 
dass die Juden christliche Sclaven besässen^), doch, wie es scheint, bei 



1) Ep. 9, .36, col. 954. 

2).Ep. 8, 21, col. 910; cf. Cod. Just. 1, 3, 56 (54). 

3) Ep. 6, 33, col. 818. 

4) Cassel: »Juden« in: »AUg. Encyclopädie« von Ersch und Gruber, 
Sect. II, Bd. 27, S. 141. 

5) Ep. 7, 24, col. 868. 

6) Ep. 9, 109, 110, col. 1014 sqq. 

A 



10 Erler ^ Hist.-krit, Ueber nicht d, nationalökon, u, soc-pol. Literatur. 

den dortigen Wirren ohne Erfolg, denn die späteren fränkischen Con- 
cilien nmseten wiederholt darauf zurückkommen. Pen König Reccared 
in Spanien, helobtc er wegen seiner Massregeln gegen die Juden (Verbot 
der Ehen zwischen Christen und Juden, der Bekleidung öffentlicher 
Aemter und der Erwerbung christlicher Sclaven zu eigenem Gebrauche 
durch Juden, Verordnung, christliche, von den Juden beschnittene Sclaven 
ohne Lösegeld freizugeben) i), sowie namentlich, weil er das Geld, welches 
ihm die Juden für Aufhebung jener Massregeln geboten , zurückgewiesen 
hatte«). 

Einen anderen Fall, wo Gregor gegen Bestechung mit jüdischem 
Gelde, verbunden mit Proselyten macherei und dem Kaufe christlicher 
Sclaven auftritt j finden wir in einem Schreiben an Libertinus, den Prä- 
fccten Siciliens» Es sei ihm berichtet worden, schreibt er, dass ein jüdi- 
scher Frevler in Sicilien einen Altar unter dem Namen des Propheten 
Elias errichtet,, viele Christen zu sacrilegischer Anbetung verleitet, auch 
christliche Sclaven zu seinem Dienste und Nutzen gekauft, und dass 
der frühere Präfect aus Geiz sich habe bestechen lassen, diese Verbrechen 
nicht zu bestrafen (»medicamento avaritiae delinitns Dei distulit inju- 
• riam vindicare«). Libertinus solle aufs genaueste dies alles untersuchen, 
und wenn es sich so verhalte, den Juden streng strafen und sämmtliche 
Sclaven nach dem Gesetze befreien ^). Ja es scheint , , dass die Juden 
dieses »ihr gewohntes Mittel« der Bestechung selbst bei dem hl. Gregor 
versuchten; wenigstens berichtet der alte Biograph Gregors^ der Diakon 
Johannes (am Ende des 9. Jahrhunderts): »San^ quia Judaeorum perfidia 
zelum Christianorum datis contra se muneribus ludificare solebat, non 
solum nihil penitus ab eis capiebat, quinimo eorura munera Gregorius 
oxeeräbilia judicabat*).« 

Dass ein im Mittelalter nicht seltener Missbrauch auch damals schon 
vorkam, zeigt uns ein Erlass Gregors an den Subdiakon Anthemius zu 
Venafra in Campanien , wo Kleriker an einen Juden Kelche und andere 
kirchliche Geräthe und Gewänder verkauft hatten; und wenn Gregor 
dem Anthemius befiehlt: »memoratum Hebraeum, qui oOlitus vigorem 
legum praesumsit sacra cimelia comparare, per judicem provinciae faciat 



, 1) Nach ausdrücklichem Willen des Königs hatte das Concil von Toledo 
im Jahre 589 folgenden Kanon (14) aufgenommen: »Conventus noster hoc 
canonibus inserendum praecipit , ut Judaeis non liceat , Christianas habere 
mores vel concubinas, neque mancipium Christianum in usus proprios cojnpa- 
rare: sed et filios, qui ex tali conjugio .nati sunt, assumendos esse ad baptis- 
mum. Nulla officia publica eis injungantur, per quae eis occasio tribuatur 
Christianis poenam inferrc. Si vero Christiani ab eis in Judaismi ritu sunt 
maculati vel etiam circumcisi , non reddito pretio ad libertatem et religionem 
redeant Christianam.« Carranza: »Summa Conciliorura,« Aug. VindeL 1778, 
t. 1, p, 766. — Harduin: »CoUectio Concil.,« t. 3, p. 467. — Mansi: »ColL 
Concil,« t. 9, p. 977. 

2) Ep. 9, 122, col. 1028. 

3) Ep. 3, 38, col. 651. 

4) S. Greg. P. vita a Johanne DUicono scripta 1. 4, c. 49, Opp. S. 
Greg. t. 4, p. 155. 



Die Juden ItaHens im Miltelaller. 11 

convciüri , et sine aliqua raora antefata ministeria reddere conip€llatttr,€ 
so weist dies auf wiederholte Fälle derart und einr dadurch nothwcndig 
gewordene« bürgerliches Gesetz hin, das uns jadoch nicht erhalten ist*). 

Dieselbe Gerchtigkeit , Gewissenhaftigkeit und Milde, wie sie der 
hl. Gregor in den religiösen Beziehungen gegenüber den Juden be- 
obachtete, zeigt sich aach in der Sorgfalt, mit welcher er berechtigte 
Forderungen derselben iiv Civilsachen in Schutz nahm. So trägt er dem 
Subdiakon Siciliens Petrus auf, die ßechtsstreitigkeit des Juden Salpingus 
und einer Wittwe zu untersuchen und über die jenem zurückzugebenden 
51 Solidl, sowie es ihm recht erscheine, zu entscheiden, »ita ut res alienae 
injuste nullo modo a creditoriis defrandentur*).« Ebenso trägt er dem 
Defensor Fantinus in Palermo auf, die Klage eines Juden, dass, obwohl 
ihm sein Sehiffi und seine Waaren von dem Defensor Candidas und seinen 
Gläubigern in Beschlag genommen und für das ihm vorgestreckte Geld 
verkauft worden seien, ihm doch sein Schuldschein vorenthalteo werde, 
zu untersuchen und, wenn es sich so verhalte, jenen mit aller Strenge 
zur Herausgabe des Schuldscheines anzuhalten 3). 

Aus diesen Schreiben des hl. Gregor ist zugleich zu ersehen, dass 
die Juden auch damals namentlich im südlichen Italien zahlreich waren 
(in Palermo besassen sie mehrere schmnckreiche Synagogen nrit zuge- 
hörigen Hospitien und Gärten) *), dass sie, wie von jeher, mit den Küsten- 
ländern und Inseln des Mittelländischen Meeres rege Handelsverbindungen 
hatten*) und namentlich den Sclavenhandel auf das lebhafteste be- 
trieben (Gregor setzt , wie oben angegeben , voraus , dass sie innerhalb 
einer Frist von drei Monaten, ja von vierzig Tagen mit Sicherheit auf 
den Umsatz der gekauften Sclaven rechnen konnten), dass sie endlich 
auch Ländereien besassen, die sie mit christlichen Sclaven, beziehungs- 
weise Colonen bebauten*). 

Als die anfangs noch arianischen Longobarden in Italien eindrangen 
(seit 56S), änderte sich in den von ihnen besetzten Theilen die Lage der 
Juden zu deren -Gunsten. Das römische Recht wurde von allen Gebieten des 
öffentlichen wie des Privatlebens — mit wenigen Ausnahmen ^ verdrängt, 
und die zurückgebliebenen Einwohner unter das kecht der Langobarden ge- 
stellt ^). Damit verloren selbstverständlich die Bestimmungen des römi- 
schen Rechtes auch für die Juden ihre Geltung. In den longobardischen 
Gesetzen selbst geschieht der Juden keine Erwähnung. Es fiel also jede^ 
Ausnahrastellang für sie weg. Die kirchlichen Bestimmungen aber über die' 



1) Ep. 1, 68, col. 554. — 2) Ep. 1, 44, col. 553. 
3) Ep. 9, 56, coL 974. — 4) Ep. 9, 55, col. 973; 

5) Ep. 1, 47, col. 541; Ep. 9, 36, col. 953. 

6) Der sicilianische Gesohichtschreiber Mich, Amari bemerkt über d>ie 
Verhältnisse der Juden in Sicilien während der oströmischen Herrschaft: =>G^li 
Ebrei stanziati nelle cittä principali segnalavansi mono per lo numero loro, che 
per lo avere e per Todio reciproco con le altre schiatte.« »Storia dei Musüi- 
raani di Sicilia.« Firenze 1854—72, vol. 1, p. 195. 

7) Savigny behauptet zwar, dass auch unter der Herrschaft der 
Langobarden in allen Theilen ihres Reiches löngobardisches und römisches 
Recht neben einander zugelassen wurden, beide als persönliche Rechte 



12 Erler y Hist-hriU Uebersicht d, nationalökon» u.soc.-pol. Literatur, 

Jaden kamen unter den Longobarden, sowie später unter der fränkischen 
Hen-schaft mit .ihrem Systeme der persönlichen Rechte (seit 774)', nur all- 
mählich zur Durchführung. Dies wussten die Juden denn auch zu benutzen. 
Dafür zeugen die Gesetze der longobardischen Könige über das Sclaven- 
wesen, insbesondere die Liutprand's (712—744) gegen Menschendiebstahl 
und Verkauf Areier Leute in das Ausland^), sowie die ähnlichen Gesetze 
CarFs d. Gr. *j ; femer das Concil von Rom i. J. 743 (c. 10), welches unter 
dem Anathem yerbot, dass christliche Jungfrauen und Wittwen Juden 
heiratheten und dass Christen Sclaven an sie Terkauften '). Und wie 
schon ein Capitulare CarUs d. Gr. vom Jahre 789 beklagte , dass die 
Christen mit den Juden den Sabbath feierten^), so klagte auch das 
Concil von Friaul (Forojuliense) im Jahre 796 (c. 13), dass die Land- 
leute durch die Juden verleitet, am Samstage müssig seien ^). Kaiser 
Lothar aber musste im Jahre 832 das Verbot Gregorys, kirchliche 
Gegenstände an Juden zu verkaufen, erneuern, untersagte dagegen, 
den Jjuden aussergewöhnliche Zölle aufzuerlegen^). Das Concil zu 
Pavia musste gar im Jahre 850 unter dem Anathem verbieten, 
dass Juden die Zölle erhöben und, sei es in Civil- oder Criminal- 
Processen, richterliche Gewalt über Christen ausübten, welcher Kanon 
auch von den Kaisem Lothar und Ludwig IL promulgirt wurde ^. Im 



nach der Abstammung eines jeden (a. a. 0. Bd. 1, S. 115 ff.; Bd. 2, S. 209 ff.); 
allein Hegel weist nach, dass die Longobarden schlechthin unduldsam waren 
gegen das fremde Recht , selbst der Stammesgenossen , und am wenigsten das 
der unterworfenen Römer duldeten, sondern diese unter longobardisches Recht 
stellten (»Geschichte der Städteverfassung von Italien.« Leipzig 1847, Bd. 1, 
S. 386 ff; insbes. S. 494 ff.). 

1) Liutpr, Legg. L 5, 19 sqq., bei Walter, a. a. 0. I, 776. Leo be- 
merkt hierzu: »Auch ganz neue Verbrechen kommen zum Vorschein: Menschen- 
diebstahl und Verkauf freier Leute als Sclaven in das Ausland. Die Juden 
und Venetianer, diese ärgsten aller Menschenmakler im Mittelalter mögen dazu 
verführt haben . . . Besonders hatten von jeher die Juden diesen Handel be- 
trieben, und die deutsche Volkssage« (Sage? Dieselbe »Sage« befindet sich be- 
kanntlich in allen christlichen liändern), »dass die Juden Christenknaben heim- 
lich zu Tode gemartert hätten, röhrt wahrscheinlich daher, dass sie sonst oft 
schöne Knaben stahlen und verschnitten, um sie dann an die Saracenen zu ver- 
kaufen, und dass bei diesen Operationen viele der armen Kinder unter den 
grässlichsten Martern den Geist aufgaben.« »Gesch. v. Italien.« Hamb. 1829, 
Bd. 1, S. 119, 224 f. . , 

2) VgL Leo, a. a. 0. S. 1, 225. 

3) Harduin, Coli Conc. t. 3, p. 1928 sqq.; Mansi, Coli. Conc. t 12, 
p. 382 sqq. 

4) Mansi, 13, 152. 

5) Harduin, 4, 847; Manai, 13, 830. 

6) Mon. Germ, Leges 1, 363 sq. 

7) »Omni ratione oaret et religioni Christianae noxium et contrarium 
noscitur, ut Judei a Christianis vectigalia exigant, aut ullas civiles aut crirai- 
nales caussas inter Christianos judicandi locum habeant; quicumque igitur ju- 
diciariae potestatis super Christianos aliquam administrationem Judeo tractare 



Die Juden Italiens im Mittelalter, IB 

Jahre 855 scheinen die Uebelstände einen so hohen Grad erreicht au 
haben, dass Ludwig II. eine allgemeine Ausweisung der Junten aus 
seinem italischen Reiche (Ober- und Mittelitalien) verfügte ^) , die aber 
jedenfalls nicht von langer Dauer war, vielleicht bei den dunulig-en Wir- 
ken in Italien kaum zu allgemeiner Ausführung kam. Wenv^^tcn^ wer* 
den schon in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts wie^ler Juden iu 
Oberitalien erwähnt*). 

In Sidlien und in denjenigen Theilen ünteritaliens , \welclie die 
Saracenen von dem Jahre 827 an besetzten, hörte damit natürlich die 
Geltung des romisch-justinianischen Rechtes und der kirclilieheu Bestim- 
mungen für die Juden auf, obwohl jenes auch unter der Herrscliaft der 
Saracenen als geduldetes Sonderrecht der italienisch-griechischen Ein- 
wohnerschaft in Kraft bliebt), woraus man vielleicht schliessen dürfte, 
dass auch die Juden nach ihrem Rechte leben durften. Gewiss ist, ditss 
sie wie die Christen den Saracenen einen Tribut, die s. g, Giaia, zahlten 
und dafür ihre Religion frei ausüben konnten*); überhaupt scheinen sie 
ziemlich grosse Freiheit genossen zu haben. Doch befahl der Tyrann 
. Ibrahim-ibn- Ahmed den Juden wie den Christen als Abzeichen ein weiescä 
Stück Tuch zu tragen, jene mit der Figur eines Affen, Jieae mit der 
Figur eines Schweines, und dieselben Bilder auf Tafeln au ihren Haus- 
thüren anzubringen 5). Auch eine edele That eines Judon aus dieser 
Zeit werde erwähnt. Als nämlich Kaiser Otto IL bei einem Ueherfalie 
durch die Saracenen bei Squillace im Jahre 982 sein Pferd einbüsste und 
^)einahe von dem Feinde ergriffen worden ^äre , gab ihm ein vertrauter 



permiserit, a Christiana communione pellatur.« Harduin, 5, 26; Munsi, 14, 
930; Convent. Ticinensis, 850, c. 24 in: Mon, Germ, Leg. 1, 400. 

1) »Praevidimus de Judaeis, ut nuUus infra regnum Italicum ultra Ka- 
lendas Octobris (der Befehl war im Juli erlassen) maneat, et modo eis deuun* 
tietur, ut omnes usque ad placitum illud exeant ubi voluerint, nlnc nllius eon- 
tradictione. Quod si post Kalendas Octobris aliquis inventus fuerit, ^ qulbus- 
cumque comprehendi potest, cum omni substantia sua ad nostram deducatur 
praesentiam.« Conv. Ticin. 855, c. 4. Mon» Qerm. Leg. 1, 437. Vielleicht 
lag eine Ursache dieser Ausweisung auch in der, so oft in der Geschichte wie- 
derkehrenden, Conspiration der Juden mit den Saracenen , welche ueU 827 im 
Besitze Siciliens waren, auch Bari in Apulien eingenommen hatten und gerade 
damals jährlich verheerende Einfalle an den Küsten Italiens selbst tief ins 
Land hinein machten. Im Jahre 846 waren sie vor den Thoren Rom's, 

2) Casael, a. a. 0. S. 148. 

3) Vgl. W. v.Brünneck: »Sicilien's mittelalterliche Stadtrech tc.* HaJle 
1881. S. XXL 

4) Wenn es bei Ros. Gregorio: »Rerum arabicarum .... coUectio,* 
Panoxmi 1790, p. 14, Note 6 von dem Tribute, welcher Calabrien von den Sa- 
racenen aufgelegt wurde, heisst: »Jam vero vox Arabica, quae hie «äurpatur 
(Adschisia, Gesia, Gisia) tributum illud proprie significat, quod a Christi an ia et 
Judaeis victis, quo libere possint suam profiteri religionem, quotauni^ penditur 
Mohamedanisc (vgL Leo, a. a. 0. 1, 373), so gilt dies ebenso für das ganae 
von den Saracenen unterworfene Gebiet. 

5) Amari: »Storia« etc. 2, 56. 



i 



14 Erler, Hiat-kriL üeher sieht d, nationalökon* w. soc.-poL Literatur, 

Jude (»an gindeo sao fidato«) sein eigenes Pferd. »Besteige mein Pferd,« 
rief er ihm zu, »und wenn sie mich todten, so gedenke meiner Kinder.« 
So entkam der Kaiser , der Jude aber wurde getödtet ^), Um dieselbe 
Zeit (c. 980) wird auch der Jude Domeolus als Leibarzt des byzantini- 
schen Statthalters Eupraxius in Calabrien genannt^). Noch möge eine 
andere Thaisache aus dem byzantinischen Gebiete berichtet werden, 
welche zeigt, welchen Einfluss die Juden auch hier, wenigstens an man- 
chen Orten übten, und was man ihnen zuzugestehen keinen Anstand nahm. 
In dem von einem Zeitgenossen verfassten Leben des hL Nilus (910 bis 
1005) wird erzählt, dass zu Bisignano in Calabrien, welches damals noch 
unter byzantinischer Herrschaft stand, ein junger Mensch einen'von seinen 
Handelsgeschäften zurilckkehrenden Juden tödtete und beraubte. Da der 
Mörder sich durch die Flucht der Strafe entzog, wurde sein Schwieger- 
. Täter von dem Magistrate der Stadt ergriflfen und den J^den zur 
Kreuzigung übergeben (»captus ergo est socer ejus a loci moderatoribus 
et Judaeis traditus ad crucifigendum ob jugulatum Hebraeum«), und 
konnte von dem herbeieilenden Nilus nur dadurch gerettet werden, dass 
dieser sich auf irgend ein uns unbekanntes Gesetz berief, nach welchem 
für sieben Juden erst ein Christ sterben sollet). 

Die Juden Unteritaliens und Siciliens im späteren Mittelalter. 

In dem in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts in ünterita^ien 
und in der zweiten Hälfte in Sicilien begründeten, seit 1130 unter einem 
Herrscher yereinigten Beiehe der JSormannen. welche allen vorge- 
fundenen Volksthömlichkeiten gerecht zu werden suchten und alles , was 
vorher im Brauche war, anerkannten, war die Lage der Juden eine sehr 
günstige. 

Was speciell Sicilien betrifft, über dessen Juden wir einigermassen 
eingehende Nachrichten haben, so »lebten zu jener Zeit in den siciliani- 
Bcheii Städten zahlreiche jüdische Familien, welche dem Handel ergeben 
und durch grossen Wacher reich waren ^}.« Als Palermo durch die Nor- 
mannen erobert wurde (1072), wurde in die »Gewohnheiten« der Stadt 
folgende Bestimmung aufgenommen: »Die Verkäufe, welche geschehen 
sind und künftig geschehen werden durch Saracenen, Juden und Griechen 
in Sicilien, in beweglichen und unbeweglichen Dingen, haben durchaus 
Festigkeit, und alle Instrumente, welche über deren Verkäufe oder Tausch- 
geschäfte oder über irgend andere Verträge in arabischer, griechischer 
und hebräischer Sprache durch die Hände arabischer , griechischer und 



1) 'Ihn 'al 'Atir: »Cronaca compiuta,« bei Amari: »Bibliotheca Arabo- 
Sicula« Vers. ital. vol. 1, p. 434. Pal. 1881. 

2) Damherger : »Synchronistische Geschichte der Kirche und der VVelt 
im M.-A.< Regsbg. 1858 ff. Bd. 5, S. 290. 

3) »Vita S?Nili,« n. 35 in: *Acta Sanctorum,^ Sept. t. 7. p. 283, 
Paris. 1867; ferner bei Muratori: »Antiquitatea Italicae,« Mediol. 1738 sqq., 
t. 1, coL 877. 

4) V. la Mantia: »Storia della legislazione civ. e crim. di Sicilia.« 
PaL 1866-74, vol. 1, p. 47. 



Die Juden Italiens im Mittelalter, 15 

und hebräischer Notare vollzogen sind, auch wenn sie cbrbtliclieTn Ge- 
brauche nicht folgen (»etsi solemnitatibus careant Cbristianorain«), wie 
alle anderen Schriftstücke, die auf dieselbe Weise in Zahinft aafgenoiti- 
raen werden, haben sidiere und dauernde Gültigkeit i).« In einem von 
Roger IL der Stadt Messina aus Dankbarkeit für ihre Beihilfe in dem 
Kampfe gegen die Saracenen gegebenen Freibriefe vom Jahre 1123 wer- 
den den Juden dieselben ausserordentlichen Rechte und Prvvilegioü wie 
den Christen zugesichert*). Messina ist, so hciPöt es u* ei. in dieRem 
Freibriefe, Hauptstadt des Reiches; ihre Bürger und Einwohner können 
nur vor den Gerichten Messina's belangt werden, und zwar Reibst von 
dem Könige und seine Beamten ; auch der Köni^ darf gegen sie keine 
absolute Gewalt, sondern nur die Gesetze geltend machen und nichts 
gegen die Rechte und Freiheiten der Stadt anordnen; von dem Handels- 
stande und den Schiffern erwählte Consuln entscheiden alle Streitigkeiten 
in Handelssachen und erlassen bezügliche Statuten ; Bürger und Ein- 
wohner sind frei von allen Zöllen und Abgaben (»de omnibus et singulis 
gabellis, dohanis et aliis solutionibus quibuscumqnc tarn de inagnis rebus 
et mercibus, quam de parvis, mobiUbus et stabilibns in mari et in terra*) ; 
von jeder ausserordentlichen Steuer können sie sich loskaufen (»dum 
causaverint seu conveneririt a trino procento«); .aus jedem (üscaUschen) 
Walde dürfen sie das für ihren Gebrauch oder den Schiffsbau nothige 
Holz ohne Zahlung entnehmen; sie werden nicht zum Secdien^te ge- 
zwungen; Bürger der Stadt ist, wer ein Jahr, einen Monat, eine Woche, 
einen Tag daselbst gewohnt hat; dieser Freiheiten und Gnaden sollen 
sich die Juden gleichwie die Christen erfreuen; auch sollen sie Zutritt 7,u 
den höheren königlichen und anderen Aeratern haben, so^vie ta dem könig- 



1) »Consuetudines Panormitanae,« cap. 36, bei Ros. Gregovio: »In- 
troduzione allo studio del dritte pubblico Siciliano,« lib. 1, c. l^in »Operescelte,« 
Pal. 1845, p. 83; bei Brünneck, a. a. 0. I, 27. Dasß diese Bestimmung nncli 
lange Geltung hatte, erhellt aus ihrer Aufnahme in die wohl erst mit dem 
Ausgange des 18. Jahrhunderts zum redactionellen Abschlüsse gelan^^ten Co«- 
suetudines. 

2) Dieser Freibrief findet sich im Anhange der zuerst von Stepfu Baluze 
(»Miscellaneorum libri VII,< Par. 1678 sqq., t. 6, p. 188 sqq.) veröffentlichten 
»Brevis historia liberationis Messanae.« Er entnahm dieselbe einer von A* Du- 
chesne hinterlassenen — wie dieser bemerkt, »ex codice lila, [lerantiquo Itiblio- 
thecae Senatus Messanensis summ^ fide transcripta« -^ Oopie. Aueh MuratoH 
druckte sie ab (Reruni Italicarum Scriptores, Mediol. 1723 sqq. t. 0, col C14 aqq.) 
und erachtet sie für einen gleichzeitig oder nicht viel später nbgefassten Be- 
richt (»multam enim vetustatem sapit«). Qregorio dagegen äussert die stärksten 
Zweifel an der Aechtheit sowohl der Historia als des Freibrief.s (^Considerazioni 
sopra la storiadi Sicilia,« 1. 1, c. 4; l. c. p. 96, n. 1; p. Hl, n. ?), und Amari 
erklärt beide aus inneren und äusseren Gründen für eine Fälschung. Z^uGrundü 
liege allerdings eine ursprüngliche und ächte Tradition ; dieselbe sei jedoch mit 
dem wachsenden Einflüsse und Ehrgeize Messina's erweitert und verderbt und 
endlich in der gegenwärtigen Gestalt zusammengestellt worden (>Storiat 3, 56 
sqq.). Der Text des Freibriefes findet sich auch bei Lfmig: »Codex Italiae 
diploraaticus,« Francof. et Lips. 1726, Bd. 2, col. 401. 



A 



16 tJrler, Hist-krit, Ueher sieht d. nationalökon» u. soc.*pol. Literatur, 

liehen Eathe befördert werden können (»Supradictis immunitatibus et 
gratiis gandebnnt Jndaei simnl cum Christianis. Cives eosdem volamns 
in regiis officiis majoribns et aliis promoveri. Eegium Consiliam continuo 
ipsorom civium consultatione niuniri«) *). Inwieweit dieser Freibrief nun, 
wenigstens was die Juden betrifft, interpolirt ist, mögen andere entschei- 
den. Dass die Juden aber in Messina wirklich Zutritt zu öffentlichen 
Aemtern hatten, und zwar bis kurz vor ihrer Vertreibung, scheint durch 
zwei andere Nachrichten bestätigt zu werden. Nach Giovanni erliess näm- 
lich Roger n. im gldchen Jahre 1129 ein Beeret für Messina, in wel- 
chem »von Vergehungen die Rede ist, durch welche Christen oder Juden 
des Rechtes ein öffentliches Amt zu bekleiden, verlustig gehen,« und 
wurden im Jähre 1453 »in Messina, vermöge der alten Verfugung 
Rogers II., wonach Niemand, der vom Vaterlande schlecht gesprochen, 
ein Amt erhalten solle,- vier Juden von öffentlichen Aemtem ausge- 
schlossen^.« Auch wird unter Friedrich II. (1197—1250)' ein Jude als 
Notarius siclae (der Münze) in Messina genannt 8). König Wilhelm I. 
(1154—1166) bestätigte und erweiterte die Freiheiten Messina's im Jahre 
11604); ebenso Wilhelm II. (1166-1189) und Kaiser Heinrich VI. 
(1195—1197), welcher die Bürger von allen Handelsabgaben und vom Kriegs- 
dienste befreite. Kein Messinese, mochte er Lateiner, Grieche oder Jude 
sein, zahlte in einem adeligen oder geistlichen Bezirke Abgaben ;' keiner 
wurde, sobald er Bürgschaft stellte, verhaftet, es sei denn wegen grosser 
Verbrechen 5). Grosse Vorrechte besassen auch andere Städte^ wie Pa- 
lermo, Neapel ^ und mögen auch hier die Juden ihren Antheil daran ge- 
habt haben '). Von Catania ersehen wir aus einer Urkunde vom J. 1168, 



1) Dass die letzte Bestimmung sich ebenfalls auf die Juden bezieht, wird 
noch klarer durch den Text bei LiXnigj wo es heisstr »Su^ra dictis immunita- 
tibus et gratiis gaudebunt Judtzei simut et Chriatiani cives; eosdem, vo- 
iumus in Regiis officiis majoribus et aliis promoveri, Regiumque Consilium« etc. 

2) So Zunz: »Zur Geschichte und Literatur« (der Juden). Bd. 1. Berl. 
1845, S. 486 und 497, der die Angaben seiner »Geschichte der Juden in Si- 
cilien« in dem genannten Werke (S. 484—534) meistens aus Giovanni: »L'e- 
braismo della Sicilia,« entnimmt. 

3) »Gaudius ebreus, notarius siele nostre Messane« nennt ihn Friedrich U. 
in einem Schreiben vom Jahre 1239 an den Secretus zu Messana und sendet 
auch »predicto Gaudio ebreo« ein eigenes Schreiben. Regestum Frid. II. bei 
Carcani: »Gonstitutiones regum regni utriusque Siciliae,« Neapoli 1786, p. 
297. — Huillard'Br^holles: »Historia diplomatica Friderici IL,« Par. 1852 
-1861, t. 5, p. 594. 

4) Baluze, 1. c. p. 194 sqq. ; Muratori, 1. c p. 624 ; Lünig, 1. c. t. 2, 
p. 404. Maurolycus: »Sicanicarum rerum compendium,« lib. 3, p. 158 bei 
Graevius: »Thesaurus antiquitatum et historiarum Siciliae, S^rdiniae, Corsicae« 
etc. Lugd. Bat. 15 vol. 1723—25. tom. 4. Maurol. fügt hinzu: »Neque omit- 
tendum est, a Guilelmo seniore Messaneisibus raultas vectigalium immunitates 
concessas.« / . 

5) Raumer: »Gesch. d. Hohenstaufen,« 2. Aufl. Leipz. 1841. Bd. 3. S. 34.1. 

6) Räumer, a. a. 0. S. 340. 

7) »Von den städtischen Privilegien, den ertheilten Indulten waren die 



Die Judßn Italiens im Mittelälter. 17 

dass der Bischof Agello, der ein ausgedehntes Herrschaftsrecht mit der 
Civil- und Criminal Justiz über die Stadt Catania und ihr Gebiet besass i), 
den Juden daselbst eigenes Eecht zugestand (»Latini, Graeci, Judaei et 
Saraceni unusquisque juxta legem suam judicetur«) ^). Die Juden zu 
Trani hatten zur Zeit Wilhelms ü. ihre »guten Gebräuche und guten 
Gewolyiheiten« (;»bonos usus et bonas consuetudines«), die ihnen auch Ton 
Kaiser Heinrich VI. belassen und von Friedrich IL bestätigt wurden. 
Näheres über dieselben wird nicht angegeben ^). Doch finden sich diese 
Ausdrücke auch bei nicht jüdischen Communitäten. 

Ob den Juden auch an anderen Orten zur Zeit der Normannen und 
inwiefern ihnen eigenes Recht, und insbesondere , ob ihnen eine gewisse 
eigene Gerichtsbarkeit und weit'ere der genannten Privilegien eingeräumt 
waren, darüber fehlen bestimmte Nachrichten. Bei dem erwähnten Grund- 
satze der Normannen, allen vorgefundenen Volksthümlichkeiten gerecht 
zu werden, und nach dem von ihnen anerkannten Princip der Personalität 
des Eechtes dürfte es anzunehmen sein, dass den J-uden hierin ziemliche 
Freiheit gelassen war, zumal da dieselben immer und überall mit grösster 
Hartnäckigkeit eigenes Recht und Gerichtsbarkeit für sich in Anspruch 
nahmen und Rechte und Privilegien, die sie an einem' Orte besassen, 
auch an jedem anderen Orte durchzusetzen suchten. Unter den Norman- 
nen war aber, wie Raumer ausführt, eine allgemeine Gesetzgebung 
selbst bis auf die Idee derselben verloren. »Jeder dehnte den Kreis 
seiner Ansprüche soweit als möglich aus . . . Was von römischen, grie- 
chischen, longobardischen,. kaiserlich deutschen, saracenischen, jüdischen 
und normannischen Rechten gelte, und wo und wie es gelte, wusste Nie- 
mand gründlich zu beantworten*).« La Mantia sagt sogar ganz be- 
bestimmt: »Muselmannen, Hebräer, Longobarden, Franken, Normannen, 
Griechen und Lateiner lebten unter einer Regierung , aber nach ihren 
verschiedenen Gesetzen, Gewohnheiten uhd religiösen Lehren *).< Es war 
also dieses Terrain ganz geschaffen zur Geltendmach ang jüdischer An- 



Juden nie ausgeschlossen, und in der Handhabung des Rechtes gab es keinen 
Unterschied,« bemerkt Zunz S. 504. 

1) Gregorio: »Considerazioni« etc. 1. 1, c. 5, 1. c. p. 12L Das Stadt- 
recht Catania's wurde von König Ludwig im Jahre 1345 bestätigt, »majoris 
tamen Catinensis ecclesiae: In omnibus et per omnia juribus semper salvis.« 
Brünnech, I, 32. 

2) De Groasis, »Catania sacra,« p. 88 sq.; bei Gregorio, »Conside- 
razioni,« 1, 4, 1. c. p. 108 ; ZunZf S. 487. 

3) Winkelmann: »Acta imperii inedita sec. XIII.,« Innsbr. 1880, n. 221; 
Böhmer:* Regesta Imperii V, 1,« herausgegeben und ergänzt von J. Ficker, 
Innsbr. 1881, n. 1320. Wir werden in der Regel statt der gedruckten Quellen 
diese Regesta citiren, und jene nur dann, wenn wir des vollständigen In- 
haltes wegen auf sie recurriren. Die Namen Böhmer*8 oder Ficker's werden 
wir vollständig angeben , je nachdem das betreffende Regest schon von jenem 
oder erst von letzterem beigebracht ist. Das genannte Regest ist von Ficker 
beigebracht. Wir bemerken jedoch, dass die Regesten nicht immer der in den 
Urkunden aufgeführten Juden erwähnen. 

4) Raumer, a. a. 0. S. 318. — 5) La Mantia, »Storia« etc., 1, 67 ; cf. 1, 62. 
Archiv für Kirchenrecht. XLYin. ' 2 



18 Erler f Hist-krit Üeher sieht d, nationalökon» w. soc-poL Literatur. 

Sprüche. Doch hören "wir, dass den Juden von Pescara (früher Atemi) 
in der Provinz Chieti (früher Teate) von dem Grafen (comeö Teatinus) 
^ Trasiraund zu Septi — wohl damals schon unter Normannischer Herr- 
schaft und ziemlich zu Anfang derselben — im Jahre 1065 Eecht ge- 
sprochen wnrde^). Auch finden wir, dass an einer Reihe von Orten 
die Gerichtsbarkeit über die Juden sammt gewissen oder allen Ein- 
künften von denselben den Bischöfen zustand, beziehungsweise von den 
normannischen, wie von späteren Herrschern übetgeben wurde. So schenkt 
Herzog Roger T. von Apulien (1085—1101) der erzbischöflichen Kirche 
von Salerno im Jahre 1090 das Judenviertel und alle Juden daselbst 
. mit ihrer Gerichtsbarkeit und ihren Einkünften % und König Wilhelm IL 
(1166—1189) räumt der Kirche von Asculum in Apulien die weltliche 
Gerichtsbarkeit über die dortigen Juden nebst gewissen Abgaben der- 
selben ein, was von Friedrich II. im Jähre 1226 und von Carl I. im 
Jahre 1280 bestätigt wurde*). Es hing dies zum Theil mit der Lehns- 
stellung der Bischöfe zusammen^), und hatte ohne Zweifel auch noch bei 
einer Reihe anderer Bischöfe statt. - 

Ebenso liegen keine Nachrichten vor, ob die Juden, wie es ihnen in 
Messina zugesichert gewesen sein soll, auch sonst zu Aemtern Zutritt 
hatten. Da jedoch unter der Herrschaft der Normannen nicht bloss Leute 
aus Antiochien, aus Frankreich und England, selbst von geringem Her- 



1) üghelli: »Italia sacra« ed. Coletiy Venet. 1717-25, t. 6, p. 691 sqq. 

2) . . . »Concedimus in sacro Salemitano Archiepiscopio . . . totam Ju- 
deam hujus nostre Salernitane civitatis cum omnibus Judeis, qui in hac 
eadem Civitate modo habitantes sunt et fuerint, aut undecumque huc adveneriut, 
exceptis illis, qui de Terris, que sub dominio nostro sunt, huc advenerint, et 
illis, quos huc tantum ego conduxero, ea ratione, ut semper sint juris et ditionis 
ipsius Salernitani Archiepiscopii : et cuncta servitia et census et plateaticum, et 
portulaticum, et portaticum, intrando et exeundo, et dationes, et quidquid nobis 
nöstrisque successoriBus et parti nostre Reipublice dare, facere et persolvere de- 
bent ; vel quocumque modo in ipsis et in rebis eorum nobis et nostre Reipublice 
aliquid pertinet vel pertinuerit, ipsi Domno Archiepiscopo atque successoribus 
et parti ipsius Archiepiscopii dent, faciant et persolvant atque pertineant.« 
Muratori: »Antiquitates Italicae,« t. 1, coL 899 sq. Wenn Romuald, Erz- 
bischof von Salerno (1153—1181) in seinem »Chronicon« (itfi^rafori, Script. 7, 184; 
Mon, Germ. Script. 19, 418) zum Jahre 1123 sagt: »Hie (Willelmus dux apuliae) 
Salernitan'ae Ecclesiae omnia, quae Robertus dux avus suus, et Rogerius dux 
pater ejus donaverant, cöntirmavit, et Judai/cam pro ma^na^ar^e adjunxit,« 
so kann hierin nur eine Bestätigung der obigen Urkunde, beziehungsweise eine 
weitere Aufhebung der darin gemachten Ausnahmen liegen. 

3) »Volumus itaque et mandamus,« sagt Friedrich H., »ut super tempo- 
rali Jurisdictionen quam ecclesia Asculana obtinet super judaica, ut nobis 
constitit ex concessione prefati regis (Gulielmi II.), et in clericos et judeos 
Asculi et Candeli super üedditibus, plateaticis vulgariter appellatis, qui pro- 
venerunt ex venditione eorum, que venduntur a clericis undecumque habeant, 
et a judeis undecumque sint, nullus predi9tam ecclesiam molestare presumat.« 
Huillard'Br^hoUes, 2, 700; cf. üghellh l c. 8, 226. 

4) VgL darüber Gregorio, »Con8id.€ 1. 5, 1. c. p. 113 sqq. 



bie Juden ttaliens im MiUelatter. t9 

kommen, sondern auch Mohamedaner hohe Wurden erlangten ^), so dürfte 
dies auch den Jaden nicht unmöglich gewesen sein. 

In Sicilien wurde die nicht geringe Zahl der Juden noch dadurch 
vermehrt, dass Roger II. nach der Eroheruug von Corfu, Cephalonia und 
eines Theiles von Moreä (1146) die dortigen Juden, weil er sie als ge- 
wandte Kaufleute und, Seidenweber kannte, dabin überführte ^). Ein in 
hoher Gunst desselben Königs stehender, einflussreicher Höfling bewies 
sich , freilich , wie es scheint , ohne Wissen des Königs , als heimlicher 
Mnhamedaner und grosser Gönner der Juden ^). Roger selbst bemühte 
sich in den letzten Jahren seines Lebens, Saracenen und Juden zu be- 
kehren und beschenkte die Bekehrten reichlich^). 

Da^s auch Apostasien, sowohl zum Judenthume wie zum Muhamedanis- 
raus, vorkamen, ergibt sich aus dem von Boger 11. gegen die Apostaten 
erlassenen Gesetze — womach dieselben mit dem Verluste ihrer Güter, 
ihres Erbrechtes und sonstiger Rechte bedroht werden — welches auch 
von Friedrich II. in seine Constitutionen aufgenommen und wiederholt 
eingeschärft wurdet). Nicht minder scheint aus dem von Roger oder 
wahrscheinlich von Wilhelm II. gegen den Wucher gerichteten und von 
Friedrich II. gleichfalls aufgenommenen Gesetze auf den Wucher der 
Juden geschlossen werden zu dürfen^). Ebenso war das Verbot des 
3. lateranensischen, 11. allgemeinen Concils vom Jahre 1179, dass Juden 
und Saracenen keine christlichen Dienstboten oder Sclaven (mancipia) halten, 
und bekehrte Juden ihr Vermögen nicht einbüssen dürften, ohne Zweifel 
auch durch die Zustände in Sicilien und im Neapolitanischen in beson- 
derer Weise veranlasst, was schon aus der Zusammenstellung mit den 
Saracenen erhellt '^), Es wird dies bestätigt durch das von Friedrich IL 
erlassene, in den zu Capua im Jahre 1220 verkündeten Assisiae enthaltene 



1) Leo, a. a. 0. Bd. 2, S. 20. 

2) »Principes etiam et majores ^mnes et cunctos Judeos illius terre cap« 
tivos ad Siciliam duxit.« ^Annalea Cavenaes* in Mon, Germ, Script, t. 3, 
p. 192; bei Muratori, Script. 7, 925. Vergl. dazu die Nachricht des Otto 
Frisingenais , »Gesta Friderici« 1, 33: »Opifices etiam, qui sericos pannos 
tezere solent, . , . captivatos deducunt. Quos Rogerius in Panormo Siciliae 
metropoli coUocans artem illam texendi suos edocere praecepit et exhinc. prae- 
dicta ars illa prius a Graecis tantum inter Ohristianos habita romanis patere 
coepit ingeniis.» Mon, Germ. 20, 370; Murat Script. 6, 668. Amari be- 
merkt übrigens, dass die Saracenen schon längst die Seidenweberei auf Sicilien 
betrieben hätten. »Storia« etc., 3, 434. 

3) »Synagogas malignantium frequenter visitabat et eis oleum ad con- 
cinnanda luminaria et quae erant necessaria ministrabat.« Romualdi Saler- 
nitani »Chronicon,« bei Muratori, Script. 7, 194. In den Mon, Germ. Script. 
19^ 426 fehlt dieses Gapitel, weil in dem Texte des Vaticanischen Codex nicht 
vorhanden. Amari jedoch hält es für acht (»Storia« 3, 439 A. 1). 

4) Rom. Sal, L c. 7, 196. 

5) ConsL, 1, 3 bei Carcanip.6; Huillard-BrdhoUes.A^S; 5, 206, 216; 
Böhm.'Ficker 2365. 

6) Const, 1, 6; bei Carc, 7; HuilL, 4, 10. 

7) Harduin, 6, 1685; Decret Greg.y 5, 6, 5. 

2* 



20 Erler, Hist-krit Uebersicht d, nationälökon* u, soc-poL Literatur. 

Gesetz, dass kein Jude oder Heide einen christlichen Sclaven erwerhen 
oder unter irgend einem Titel besitzen dürfe i). Endlich finden wir noch 
in den in ihren älteren Bestandtheilen in die Normannenzeit fallenden 

' »Consuetudines et Statuta Messanae« dieselbe Bestimmung mit der 
Strafandrohung, dass der Uehertreter (wie im romischen Rechte) den Ver- 
lust seiner Güter und seiner eigenen Freiheit, und, wofern er den 
Sclaven gar beschnitten oder zur Verläugnung des Glaubens verleitet 
habe, den Tod zu erleiden habe*). 

Berichtet werden auch aus der Normannenzeit zwei Frevelthaten der * 
Juden. Zu Pescara (früher Aterni) in der Provinz Chieti kreuzigten sie 
im Jahre 1062 ein aus Wachs gefertigtes Bild des Heilandes. Auf dem 
oben erwähnten Gerichtstage zu Septi im Jahre 1065 kam dies an's 

~ Tageslicht. Die Schuldigen wurden gestraft, ihre Synagoge zerstört und 
das durch Wunder verherrlichte Crucifix in die Kirche übertragen 3). Die 
andere Frevelthat ist die Kreuzigung eines Widders durch die Juden zu 
Syrakus im Jahre 1193; die Schuldigen wurden auf Befehl Tankreds 
hingerichtet *). 

Dass die Juden auch unter den Normannen und unter den folgenden 
Fürsten die oben genannte Gisia zu zahlen hatten , ist durch eine Beihe 
von Urkunden bezeugt. Auch wurden einer Reihe von bischöflichen Kirchen 
die Abgaben der Juden zugewiesen. So schenkte die Herzogin Sichelgaita, 
Wittwe des Herzogs Robert Guiscard im Jahre 1089, der Kirche von Pa- 
lermo die Abgaben der dortigen Juden 5). Von den ähnlichen Zuwen- 
dungen an die Kirche von Salerno und Asculum haben wir bereits ge> 
hört. Roger I. schenkte femer der Kirche von Melfl den Zins (censas) 



1) »Judaeus, Paganus servum Christianum nee comparare debet, nee ex 
aliquo titulo possidere.« »Assisiae regum regni Siciliae VI,« bei Carc, 227; 
Böhmer-Fick. , 1260. J. Merkel , (»Juris Siculi seu Assisarum regum Siciliae 
fragmenta,« Halisl856) schreibt diese Assisiae dem Könige Roger, La Lumia, 
(»Storia della Sicilia sotto Guglielmo il Buono ,« Fir. 1867) Wilhelm II. dem 
Gütigen zu, während La Mantia (»Storia« etc. 1, 178) sie mit Carcani 
(Praefatio p. IX) entschieden für Friedrich in Anspruch nimmt. Vielleicht rührt 
ein Theil- derselben von den früheren Königen her und wurde von Friedrich nur 
wiederholt. 

2) Brünnecky a. a. 0. I; 98. Bass sich überhaupt in Sicilien, wie im 
Oriente, in Folge des Zusammenlebens mit den Saracenen, die Sdaverei länger 
erhielt, als anderwärts, geht, wie aus den Constitutionen Friedrichs II. (3, 34 
und 86, bei Huillard^ 4, 142, 173), so auch aus verschiedenen Stadtrechten 
Siciliens (Palermo, 20, 31; Corleone, 26; Caltagirone, 44) hervor. Vgl. Brün- 
neck, II, 179, A. 5. und Amariy »Storia,« 3, 234. 

3) Ughelli 1. c. 1, 47. 

4) Zunz, S. 486. 

5) »Ego Sichelgaita Ducissa, Roberti Ducis uxor . . . concedo et firrao 
et firmiter in aeternum de Ecclesiae B. Dei Genitricis Mariae, quae Panormi 
est, et loci illius venerabili Archiepiscopo Duo Alcherio sextam partem de red- 
ditibus Judaeorum, qui Panormi commorantur, post decessum vero meum . . < 
concedo omnes supradictorum reddifcus haeredifario jure possidendos.« Rocchus 
Pirrus, »Sicilia sacra^« bei Oraevitis, 1. c. 1, 56. 



Die Juden Italiens im Mittelalter, 21 

der dortigen Juden, was aufs neue vom Papste Cölestin III. im J. 1193 
bestätigt wurdet). Ebenso überwies Papst Paschalis IL im Jahre 1102 
der Kirche von Melfi den Zins der Juden des Bisthams Laviello, das er 
Oiufhob^). Herzog Wilhelm räumte im Jahre 1113 der Kirche von Co- 
senza den Zehnten seiner Einkünfte von den dortigen Juden, sowie aller 
seiner übrigen Einkünfte daselbst ein^). Dasselbe, und ausserdem noch 
drei bestimmte Judenfamilien, war von verschiedenen Herrschern der 
Kirche von Rossano bewilligt worden und wurde von Friedrich IL be- 
stätigt *). Doch war letzteres keine vereinzelte Thatsache, sondern ganz 
allgemein erhielten die Bischöfe durch Verordnungen des Grafen Roger 
und der späteren Herrscher den Zehenten wie von allen Einkünften des 
Fürsten, so auch von der Gisia der Juden. Friedrich IL bestätigte dies 
und nahm nur die von ihm neu angeordneten Abgaben aus^). Als 
während der späteren politischen Wirren die Leistung dieser Zehnten 
unterbrochen oder verweigert worden war, fand wenigstens in Sicilien 
eine neue Feststellung der betreffenden älteren Zehnten statt, wobei 
ausdrücklich überall die Gisia der Juden genannt wird^). Erwähnt werde 
noch, dass im Jahre 1140 der Bischof von Cefalu , Besitzer der Kirche 
der hL Lucia in Syrakus, der Judengemeinde daselbst ein Stück Land 
als Lehen zu Erweiterung ihres, Begräbnissplatzes bewilligte ''f). 

Unter Heinrich VL (Köigg beider Sicilien von 1194—1198) hören 
wir von den Juden nur, dass er die zu Nerito in den Abruzzen im Jahre 
1195 mit allen Gerechtsamen über dieselben und allen Abgaben und 
Dienstleistungen, wie sie dieselben bisher seinen Vorgängern zu leisten 



1) UghelU, 1. c. 1, 925. 

2) Epist, Pasch, 85, bei Mansi, 20, 1049; vgl. Cassel, 146, A. 43. 

3) Ughelli, 1. c. 9, 192. 

4) Ughelli, 9, 297; Huill., 2, 364; Böhmer-Fick,, 1492. 

5) Constit^ 1, 7; bei Carcani, p. 9; Huill,^ 4, 11. 

6) So heisst es in einer Urkunde der Kirche von Messina vom J. 1270: 
»Ecclesia Messanensis ... de proventibus regiae curiae consuevit anno quolibet 
percipere decimas infrascriptas, videlicet . . . gesiae Judaeorum« etc. Aehnlich 
heisst es in einer Urkunde der Kirche zu Girgenti vom Jahre 1266, wo dann 
fortgefahren wird : praeter regalium proventuum de novo statutorum per quon- 
dam imperatorem Fridericum, videlicet . . . cabellae joculariae inter Judaeos,« 
und ebenso in einer weiteren Urkunde vom Jahre 1309. — In einer Urkunde vom 
Jahre 1280 heisst es : »Vetera jura terrarum ipsatum Agrigenti et Saccae sunt 
haec, videlitjet . . . gisiae Judaeorum, jocularia Judaeorum« etc. Vgl. Gregorio: 
»Consideraz.,« 1, 4; 1. c. p. 109. Statt »jocularia« vermuthet Huillard- 
Briholles: »juzataria« (?) (Preface et Introduct. p. CDXX, n. 2). Cassel 
S. 163 f.) erklärt die cabella jocularia für eine Garne valsteuer und verweist da- 
für auf eine Nachricht von Naudaeus (bei Schudt: »Judische Merkwürdig- 
keiten,« Frkf. und Leipz. 1714, I, 237), wo es heisst : »Le Pape prend tribut 
d'eux (den Juden), ^t d'outre cela ils sont obliges de payer le prix, que Ton 
court (Wettrennen) ä Rome les jours de Carneval.« Vgl. auch Beugnot: 
»Les Juifs d*Occident,« Par. 1824, 1, 167. Aehnliches fand also auf Sicilien statt. 

7) Amari, »Storia« etc., 3, 294, 



22 Erler, HisL-krii, Ueberaicht d. nationalökon, u, soc-pol, Literatur. 

hatten, der dortigen Abtei überwies i) und denen zu Trani, wie aus einer 
Urkunde Friedrichs IL erhellt, ein nicht näher bezeichnetes Privilegium 
ert heilte 2). 

Was die Stellung Friedrichs IL (1198—1250) zu den Juden betrifft, 
so erhellt dieselbe zunächst aus einem allerdings von ihm als Kaiser und 
für einzelne Juden erlassenen, aber sicherlich seine Gesinnung überhaupt 
ausdrückenden Schutzprivileg und aus seinen Constitutionen. In jenem 
sagt er, dass er im Hinblicke auf die Hilflosigkeit des jüdischen Volkes, 
und weil alle Juden, welche in den seiner Jurisdiction unterworfenen 
Ländern wohnten, kraft des christlichen Gesetzes und der kaiserlichen 
Gewalt die speciellen Knechte der kaiserlichen Kammer seien , sie und 
ihre Güter in seinen und des Reiches besonderen Schutz nehme ^nd ihre 
guten Gebräuche und zugebilligten Gewohnheiten, wie sie dieselben unter 
seinen Vorgängern besessen, genehmige ^). In seinen Constitutionen ^1, 16) 
* bestimmt er, dass die Juden (und Saracenen) nicht, weil sie Juden (oder 
Saracenen) seien, ohne ihre Schuld vergewaltigt werden dürften, und dass 
sie desshalb, wie alle übrigen ünterthanen, von dem Eechte der gesetz- 
lichen »defensa imponenda,« d. i. durch Anrufung des kaiserlichen Namens 
gegen ungerechte Angriffe siph zu vertheidigen, Gfcbrauch machen dürf- 
ten*). Femer dehnt er die Constitution »De maleficiis clandestinis 
puniendis« (1, 27) ausdrücklich i^f die Juden (und Saracenen) aus und 
fügt hinzu, dass er dieselben, da sie wegen der Verschiedenheit der Reli- 
gion den Christen verhasst und aller anderen Hilfe haar seien, der 
Macht seines Schutzes nicht berauben könne *►). Und in der Constitution 
»De homicidiis et damnis clandestinis« (1, 28) verhängt er über die Ein- 
wohner des Bezirkes, in welchem ein Mord geschah, dessen Thäter nicht 



1) »Tibi, Innocenti, Venerabilis abbas sanctae Mariae de Neritono, tuisque 
successoribus ... in perpetuum concedimus totam Judaeam civitatis Neritoni 
cum Omnibus et singulis Judaeis, eorum familiis, bonis, Juribus et responsionibus, 
ita ut amodo et in perpetuum sint et habeantur de Jure et Dominio vestro et 
Ecclesiae Neritoni : et omnia servitia, census« contributiones, responsiones, Ligia, 
Gabella, et omne aliud Juris sive scrvitii, quod nobis vel Pracdecessoribus 
nostris et Haeredibus nostris respondere debent vel consueverunt , ex nunc in 
antea et in perpetuum tibi tuisque successoribus et vestrae Ecclesiae integre et 
inviolabiliter solvant.c VgheUi, 10, 298. Vergl. »Chronicon Neritinum« bei 
Muratoriy Script. 24, 894. 

2) Winkelmann: »Actac etc., 221; BöhmrFicker, 1820. 

3) . . . »quod nos attendentes imbecillilatem gentis Judaismi, et quod 
omnes et singuli Judaei degentes ubique per terras nostrae jurisdictioni sub- 
jectas, Christianae legis et imperii praerogativa (qua dominamur et vivimus) 
servi sunt nostrae Camerae speciales« . . . Petrus de Vineis: »Epistolae« lib. I, 
c. 12; Basileae, 1566, p. 727. Nach Lünig: »Das deutsche Reichsarchiv,« 
Lips. 1710—22, t. 4, p. 164 gehört die Urkun4e in d. J. 1234. Hier findet sich 
zum ersten Male der Ausdruck: »die speciellen Knechte der kaiserlicben Kam- 
mer,« obwohl die Sache selbst älter ist. Uebrigens heisst es schon in einem 
Privileg Friedrichs I. vom Jahre 1177 für die Kirche von Arles bezüglich der 
Juden: »quos camere nostre pertinentes« {Huill. 2, 473). 

4) Carc. 17; üuill. 4, 19. - h) Carc. 26; HuiU. 4, 28. 



Die Juden Italiens im Mittelalter. 23 

auszamitteln , für einen ermordeten Christen eine Geldstrafe von 100 
Augustaien , von 50 Augastalen aber, wenn der Ermordete ein Jade oder 
Saracene gewesen, da diese der Verfolgung durch die Christen allzusehr 
ausgesetzt seien (»in quibus, prout certo perpendimus, christianorura per- 
secutio nimis abundavt) ^).« 

Bass die Jud^n übrigens unter Friedrich mit Eintritt seiner Gesetz- 
gebung (1231) eigenes Recht und Gerichtsbarkeit verloren, soweit sie selbe 
überhaupt besassen» unterliegt keinem Zweifel. Es entsprach dies seinem, 
besonders in der zweiten und grösseren Hälfte seiner Eegierung hervor- 
tretenden Bestreben, alle Verschiedenheit des Rechts nach Volksstämmen 
zu beseitigen, eine für Römer, Griechen, Deutsche, Araber, Normannen 
und Juden eii^heitliche Gesetzgebung herzustellen, allen Grossen, wie 
allen Corporationen die Stellung politischer Individualitäten und die Aus- 
übung eigentlicher Staatsgewalt abzuschneiden und den Staat als eine 
das ganze Leben umfassende Form herzustellen ^). Wir verweisen dafür 
auf die Constitution Lib. 2, tit. 64: »De foro competeiiti et de poena con- 
temptorum,« wo die Confiscation aller beweglichen und unbeweglichen 
Güter über diejenigen verhängt wird, »qui nostra jurisdictione contempta 
ad forum aliud de his que ad curiam nostram pertinent, convolaverint ^),« 
was zunächst zwar für die geistliche, sicher aber auch für die jüdische Ge- 
richtsbarkeit galt. Und im Gegensatze zu den im Jahre 1072 durch die 
Normannen anerkannten Gewohnheitsrechten Palermo's (s. oben S. 14) 
wird durch Lib. 1, tit. 80, cf. tit. 79 : »De instrumentis conficiendis« be- 
stimmt: »Instrumenta publica et quaslibet cautiones per litteraturam 
communem et legibilem per Statutes a nobis Notarios scribi debere^).« 
Zu bemerken ist aber, dass das Privilegium, welches Kaiser 
Friedrich am 12. October 1233 Palermo ertheilte, der Hauptstadt 
alle ihre Privilegien und Gewohnheitsrechte (consuetudines) bestätigte 
»non obstantibus novis constitutionibus nostris,« mit dem Bemerken, dass 
diese consuetudines dort schon von den Zeiten der normannischen Könige, 
namentlich aber seit der Regierung König Wilhelms II. mit landesherr- 
licher Zustimmung in ununterbrochenem Gebrauche gestanden hätten ^), 
so dass hier das auch den Juden eingeräumte Recht in Geltung blieb 
und demgemäss auch in die am Ende des 13. Jahrhunderts redigirten 
Consuetudines Aufnahme fand (s. oben S. 15, A. 1).* , 

Doch hatte Friedrich, entsprechend seinem früheren guten Verhält- 
nisse zum Papste, wie er bei seiner Kaiserkrönung im Jahre 1220 die 
kanonische Gesetzgebung überhaupt anerkannte ^), so auch die bezüg- 



1) Carc. 27; HuilL 4, 29. Dieselbe Geldstrafe wird in den Capitula 
Papae Honorii für das Königreich vom Jahre 1285 angesetzt, Giannone: 
»Gesch. d. Königreichs Neapel,« deutsch v. Le Brety Leipz. 1768, Bd. 3, S. 121. 

2) Vgl. Raumer 3, 318 ff.; Leo 2, 241. 

3) Carcani p. 67 ; Huillard 4, 61. 

4) Carc. 67. 80. "81; HuilL 4, 54. 56. 

5) Huill. 4, 454; vgl. Brünneck, S. XXXVIU sqq. 

6) »In die, qua de manu sacratissimi patris nostri sümmi pontificis re- 
cepimus imperii diadema, curavimus ad Dei et ecclesiae suae honorem edere 
quasdem leges . . . §. 1. . . . Irritamus et irrita nunciamus omnia statuta et 



24 Erler^ Hist-kriL üebersicht d. nationalökon. u. soc-poL Literatur. 

liehen Bestimmungen in Betreff der Juden, insbesondere die Beschlüsse 
des IL und 12. allgemeinen Concils (Lateranense III. et IV.) vom J. 1179 
und 1215 eingeführt ^). So verordnete er ausser dem Gesetze bezüglich der 
Sclaven (s. ob. S. 19) auf einem allgemeinen Hoftage zu Messana im J. 1221, 
dass die Juden eine sie unterscheidende Kleidung tragen müssten^), er- 
liess im J. 1224 ein Gesetz, dass die Juden , was religiöse Beziehungen 
und unerlaubten Umgang mit christlichen Frauenspersonen angehe , der 
kirchlichen Inquisition unterworfen seiend), und bestimmte, »dass die 



oonsuetudines, quae civitates, vel loca, potestates, consules vel quaecumque aliae 
personae contra libertatem ecclesiae vel ecclesiasticas personas edere vel servare 
adversus canonicas vel imperiales sanctiones praesumserint ... Im Anhange des 
Corpus juris civilis. Ed. A, et M* Kriegelii, Lips. 1866, t. 3, p. 884 j — Huill. 
2, 3; Böhmer-Fick. 1203. 

1) Zunz schreibt einfach mit Berufung auf Giovanni: »Friedrich unter- 
warf sie (die Juden) zwar durch Erlasse aus den Jahren 1210 und 1224 der 
geistlichen Gerichtsbarkeit, befahl aber, denselben ein gleiches Kecht wie den 
Christen angedeihen zu lassen; der mit der Beschützung der Gerechtsame der 
Unterthanen beauftragte iBeamte solle keinen Unterschied machen, indem Nie- 
mand die Juden quälen dürfe, da vom Paradiese der Kirche ausgeschlossen zu 
sein für sie schon Strafe genug «sei.« a. a. 0. S. 487. 

2) Huill. 2, 178; Böhm.'Ficker n. 1325 a. Die Nachricht ist aus 
Ryccardus de S. Germano. Mon. Germ, Script. 19, 341. 

3) »che 11 dritte di giudicare la perfida nazione in ordine alle cause di 
religione e d'impurita con donna di christiana religione privativamente spetasse 
agli inquisitori del santo uffizio.« Paramua: »De origine et prpgressu sanctae 
inquisitionis.« Matr. 1598, p. 197, bei. Böhm.-Ficker n. 1511. Ficker be- 
merkt, ein solches Gesetz könne von vornherein nicht von Kaiser Friedrich 
herrühren, sondern die Jahresangabe 1224 sei wahrscheinlich irrig, und Kaiser 
Friedrich mit einem der späteren sicilischen Könige dieses Namens verwechselt. 
Allein innere -Gründe sprechen nicht gegen ein solches im Jahre 1224 erlassenes 
Gesetz, insbesondere in Anbetracht der erwähnten Anerkennung der kanonischen 
Gesetzgebung durch Friedrich bei seiner Kaiserkrönung im J. 1220. Nehmen 
wir femer dazu , dass Friedrich die Gerichtsbarkeit über den Ehebruch , wel- 
chem schon nach dem römischen, von Friedrich so bevorzugten Rechte die Ver- 
heirathung mit Juden gleichgalt {Cod, Theod, 3, 7, 2; 9, 7, 5; Cod* Just.h 
9, 6) der Kirche zugestand. (Constit. 3, 83 bei Carc, 219; Huill. 4, 171, cf. 1, 
638; 2, 494; 2, 700; Böhmer-Fick. 1020, 1567, 1688); dass er im J. 1211 
der Kirche von Palermo alle Gerichtsbarkeit über Testamente und Eheange- 
legenheiten (Huill. 1, 191; Böhmer-Fick. 647) und mancher Kirche die ge- 
sammte Gerichtsbarkeit über die Juden überwies, wie insbesondere der ge- 
nannten Kirche von Palermo; dass er die kirchliche Inquisition für Deutsch- 
land ausdrücklich anerkannte und die vom Apostolischen Stuhle für Deutsch« 
land ernannten Inquisitoren in seinen Schutz nahm und allen Obrigkeiten sie 
zu unterstützen befahl (Const. general. vom Jahre 1232 bei Huill 4 , 300 ; 
Böhmer-Fick. 1942)j dass er in seinem Königreiche den Institutarien im . 
Verein mit den Bischöfen die Inquisition anzustellen befahl (im Jahre 1233, 
HuUL 4, 435; Böhmer-Fick. 2021; Rycardus de S. Germano berichtet ad 
ann. 1233: »Item alias [mense julio] ad Casertanum episcopum litteras mittit pro 



t)ie Juden Italiens im MiüelaUer, 25 

Juden für den Ketzei'eien-Inqoisitor and seine Öedienniig sorgen müssieil) 
vrenn derselbe ihrethatber in Amtsgesöhäfttin sich Von einem Orte nach 
einem andern begebe) iieü brancbien sie aber nur einmal jährlich zu lei- 
sten, und dürfe der Beitrag auf einen Kopf einen Gros tonrnois» d; i; 
12V» Grani, V^» Unze oder einen römischen. Paolo liicht ttbefsteigiBtti).^ 

Ebenso scheint Friedrich die Jad^n nicht in öffentlichen Aemtern 
tngelässen zn habeii^ niit ^nsnahroe des oben genannten Notarias siclae 
^a llteBSina^). Darauf weisen auch die Bestimmungen der Constitutionen 
hin, wonach von einer Beihe Ton Beamten ein Zeugniss über ihren 
Glauben und ihre Sitten und der Eid auf das Evangelium verlangt wird^). 
Und wenn Friedrich in dem der Stadt Wien im Jahre 1237 erthellten 
Freibriefe die Juden von Beamtungen aasschliesst , wie es einem christ- 
lichen Fürsten gezieme, damit sie nicht unter dem Verwände ihres Amtes 
die Christen bedrückten, da die kaiserliche Autorität seit alten Zeiten 
ihnen zur Strafe des verübten jüdischen Verbrechens ewige Knechtschaft 
auferlegt habe^), so müssen wir annehmen, dass Friedrich in seinem Erb* 
reiche dem nicht widersprochen habe. 

Femer erneuerte Friedrich da^; erwähnte Gesetz Roger's II. gegen 
die Apostaten^) und wandte sich in seinen Gesetzen gegen die Häretiker 
wiederholt gegen die »Beschnittenen« (Circumcisi) , d. i. zum Christen- 
thum bekehrte, aber rückfällige Juden und judaisirende Christen ^). 
Gleichfalls erneuerte er das Gesetz Rogers (oder Wilhelms) gegen das 
Zinsnehmen ^) und fügte eine weitere ausführlichere Constitution hinzu, 
in welcher er bezüglich des Wuchers der Juden specielle Bestimmungen 
erlässt. Während nämlich das 4* Lateranensische Concil sich nur im all- 
gemeinen gegen »den schweren und unmässigen Wucher der Juden« 
wendet, »damit die Christen von den Juden nicht in ungeheuerlicher 



inquisitione focienda haereticae pravitatis, ut tam Patarenos quam eorum fau- 
tores, quos invenerit hujus criminis reos, sub suo et justitiarii Terrae Laboris 
testimonio sibi debeat intimare,« »Chronicon« in Mon. Germ. Script. 19, 370), 
so wird uns dieses Gesetz nicht unwahrscheinlich erscheinen. 

1) Zunz S. 503. 

2) Raumer bemerkt bezüglich der Regierung Friedrichs II. im König- 
reiche beider Sicilien : »Einen Münzschreiber in Messina ausgenommen , finden 
wir keinen Juden in öffentlichen Aemtem.« A. a. 0. 3, 315. 

8) Bezüglich der Bajuli, Camerarii und Advocati ist namentlich der Eid 
auf das Evangelium (»tactis sacrosanctis Evangeliis . . , corproralia subeant sa- 
cramenta«) erwähnt {Constit 1, 62, 84); ebenso bezüglich der Judices und 
Notarii das »testimonium fidei et morum« {Const 1, 79). Wenn femer wieder« 
holt von Beamten verlangt wird , dass sie »de genere fidelium orti« seien , so 
hat sicherlich das fidelis hier die Bedeutung »gläubig.« Carc. 63. 84. 81; 
UuiU. 4, 41. 62. 55, insbös. N. 1. 

4) Huill 5, 55; Böhmer-Fick. 2237. 
' 5) Const 1, 3 bei Carc. 6; HuilL 4, 8. 

6) HuüL 2, 2 (a. 1220); 4, 298 (a. 1232); 5, 201 (a. 1238) 5, 279 
(a. 1239); Böhmer^Fick. 1208. 1940. 2347. 2422. Nach Zunz S. 487 fand 
zu Palermo im Jahre 1220 die Bekehrung von 200 Juden statt, 

7) Const. 1, 6, bei Carc. 7; Huill. 4, 10. 



26 Erler, HisL-kril, Uebersicht d. nationalöhon. u. soc-poL Literatur, 

Weise bescbwert und ganz aasgesogen würden ^),« sagt Friedrich in der 
genannten Constitution, er nehme zwar die Jaden aus, da bei ihnen das 
Zinsnehroen nicht — als unerlaubt und durch das göttlicl^e Gesetz unter- 
sagt — verhindert werden könne ; allein er wolle auch nicht unmässigen 
Wucher derselben zalassen, sondern lege ihnen eine Gränze auf, dasssie 
nSmlioh für zehn Unzen im Jahre nur eine Unze als Zins annähmen 
(also lO^jo)} was sie darüber nehmen würden, sollten sie in neunfachem 
Betrage der kaiserlichen Gasse zahlen^). Dass sich die Juden übrigens 
an dieser gewiss noch hohen Zinsgränze nicht sehr mögen gestört haben, 
lässt sich schliessen aus den Zinsen, die Friedrich selbst bei seiner fort- 
währenden Geldnoth in seiner späteren Begierungszeit christlichen 
Wacherem zahlen musste. Das uns erhaltene »Begestum imperatoris 
Fridericill.« aus den Jahren 1239 und 12403) liefert dafür die zahlreich- 
sten Beweise*). ' 

Allerdings gibt Friedrich in seinen Schulddocumenten keine eigent- 
liche^ Ziiistaxc an, sondern nur die Summe, welche zurückgezahlt werden 
soll. Allein es ist 'sehr wahrscheinlich, bemerkt Huillard, dass die 
Banquiers bei Zahlung des Darleihens von demselben statt der Zinsen 
eine Summe vornweg abzogen. Ausserdem wurde immer in der Schuld- 
' Urkunde vorgesehen, dass, im Falle der Bückzahlüngs-Termin nicht ein- 
gehalten werde, dem Darleiher für den daraus entstehenden Verlust und 
entgehenden Gewinn (»pro dampno et Interesse«) monatlich eine be- 
stimmte Summe gezahlt werde. Dieselbe war in den meisten Fällen auf 
drei Procent monatlich (»de singulis 100 uuciis tres uncias auri per 
mensem,« also 36<>/o jährlich) angesetzt 5). Doch stieg diese Summe in 
Fällen , wo eine weitere Verlängerung stattfand, auf fünf Procent (»ad 
rationem de quinque uncüs pro centenario per mensdm," also 60 o/o jähr- 



1) Hard. 7, 6; Mansi 22, 960; Beeret Greg. 5, 20, 18. 

2) »A nexu tamen presentis constitutionis nostre judeos tantum excipimus, 
in quibus non potest argui fenus illicitum , nee divina lege prohibitum , quos 
constat non esse sab lege a beatissimis patribus instituta, quos etiam auctoritate 
nostre licentie improbum fenus nolumus [Carcani hat im Texte volumus, be* 
merkt jedoch p. 423, dass nolumus mit dem grichischen Texte und einer Beihe 
von Handschriften jedenfalls richtig sei , wie auch Huillard hat) exercere (der 
griechische Tex4? hat etwas abweichend: Iv oTs xwXudrjvai oO Stivaiai ^ dbcpe«^? 
iwv TOXKJTwv «7ca{Tif)<ji?, xa&ÖTt cpavEpöv l<m fi9) öicoK^a&at toütoü? tö ^eit») vö|xw 
xö Tcapa twv «yCtöv «aWpwv SiateiaYfi^vo), (Ä$ tfj ^Eouata ttj? ^er^pa^ Tuapa^fopiiaews 
a[A^Tpü)$ ttfxou;^ hioxttsbt o5 ßouXd^e^), sed metam ipsis imponimus, quam eis non 
licebit transgredi, ridelicet ut pro decem uncüs per circulum anni integri unam 
ipsis tantummodo lucrari liceat pro usuris; quiequid autem ultra acceperint, in 
nonum (iwGocXavjto^) cnrie nostre componant, nee ex abusu licentie, quam eisdem 
propter necessitatem hominum coacti relinquimus, cominodum ultra licitum 
consequantur.« Conai. \\ 6, bei Carc, 7; HuüL 4, 10. 

3) Bei Cwrcani p. 233--420 ; bei Huillard t. 5. eingereiht nach'' den 
Daten. 

4) Cf. Winkelmann: »De regni Siculi administratione , . . regn. Frid. 
II,« Berol. 1859, p. 31 sq/ 

5) Carc. 250; HuUl. 5, 446 und oftmaki. 



Die Juden Italiens im Mittelalter, 27 

lieh) ^) und selbst auf 5^/2 Froeent (»computatis dampms et interesse 
prediötofam sex theiisinm, de singulis tribos unciis quatuor uneias facere 
exhiberi« oder, wie eä ein andermar heisst : »comt)iitat}s dämpnis et in- 
teresse qnatnor mensinm et dimidii, ad rationem pro singnlig qnatnor 
nnciis quinqne tincias,« ako 66^/0 jährlich^). Da aber diese Darleihen 
gewöhnlich nur für kurze Zeit gema<Jht wurden, so rechnete der Dar- 
leiher auf das TJnTermögen des Schuldners zur Einhaltung des Zahlungs- 
termins und fand in diesem Falle gerade in der bedungenen Oonventio- 
nalstrafe, abgesehen von dem von vornherein 8tsttgefan4enen Abzüge, 
seine grösste Gewinnchance *). In der Thai erwähnen auch alle in dem 
Begestum ausführlich enthaltenen Zahlungsanweistingen Friedrichs dieser 
Conventionalstrafe, die, wie es scheint, oft genug bezahlt werden rausste. 
Auffallender Weise scheinen sich in dem Begestum keine Namen jüdischer 
Darleiher äu finden, obwohl Friedrich in guten Beziehungen zu deft Juden 
stand und sieh reicher Juden zur Ausbeutung seiner Monopolien bediente, 
so dass man kaum an Heranziehung derselben zu «einen Anleiben zweifeln 
kann*). 

Wie seine Vorgänger, so hat auch Friedrich in den 'früheren Jahren 
seiner Regierung einzelnen Kirchen' die Juden ihres Bezirkes mit ihren 
Abgaben und selbst mit allen Gerechtsamen über dieselben; einschliess- 
lich der Gerichtsbarkeit, übergeben. So im Jahre .1211 der Kirche zu 
Palermo (mit Einschluss der fiscalischen Färberei), was er iii demselben Jahre 
^ durch ein ausfahrliches Document mit weiteren Schenkungen bestätigte 5). 
Im Jahre 1215 erneuerte Friedrich dieses Privil^giura, ohne jedoch der 
Juden (und der Färberei) zu erwähnen, resfituirte dieselben jedoch bald, 
allein nur auf sechs Jahre ^)* Ob dann eine neue Bestätigung eintrat, 
wird nicht berichtet. Aus dem Jahre 1247 findet sich nur die allgemeine 



1) Carc. 317; Huill h, 659, 

2) Carc. 3U. 316; ^wiZL 5, 655. 658. 

3) Vgl. HuilL, Pr^face et introduction, p.ODXXI. Dass dies allgemeine 
Praxis der Wucherer des Mittelalters in Italien war, zefigt; auch Muratori, 
Antiq. ital t. 1, col. 893 sq.. Für Frankreich erhellt dasselbe, wie Huillard 
anfuhrt, aus den Untersuchungen von Servai» inj BibL de TEcole d^s chart., 
IV. Serie, t* 4, p. 119 et suiv. Aehnliches findet sioiti b^zügli^h Englands bei 
Matthaeuß Paria: Historia major, ad a. 1235. 

4) A, del Veechio sagt geradezu, Friedrich sei zur erwähnten Gestat- 
tung des Zinsuehmans von Seiten der Juden hauptsächlich durch die Noth- 
wendigkeit, an sie für seine Anleihen zurecurriren, bewogen worden« »La 
legislazione di Federico II.,« Torino 1874, p. Ul, A. 4. 

5) . . . »perpetno eoneedimus omnes Judaeos civitatis nostrae Panormi- 
tanae . . . ut de eetero homines.vestri sini . . . subditi m onndbus existentes 
de gisia et omni servitio et jure et aliis rätionibus eorum vöbis «t-eocksiae 
Panormitanae respondeant, sicut haetenus curiäe et dohanae nostrae consUeverant 
respondere. De oausis etiam eorum non alibi quam in foro ecclesiae conveni- 
autur et judicentur« . . . Rocchua PirruSy U c. 1, 99.101; Huill. 1, 182. 191; 
Böhmer-Fick, 641. 647. 

6) Plrrua, h c. 1, 138; Huill. 1, 364. 373; Böhmer-Fiek. 787. 79*, 



§8 Erler j Hist-Hrit, U^h^r^icht (?. mtiQnalökon, u, soc-poL Literatur. 

Kaehriclitj dftss Friedrieh die PrivUegien dieser Kirche bestätigtet). Ge- 
iViss ist aljör« dass diefseltie noch im I4i Jahrhunderte die Gerichtsbar- 
keit übef die Juden besasä^). Det Kiirche ton Cosenza schenkte er im 
Jahre 12l2 die Jaden daselbst mit der Gerichtsbarkeit über sie nebst 
dfer dem Fiscüs gehörenden Färberei, welche von den Jttden betrieben 
Ätifdö^). i)er. Kirche töfl. Ötranio bestäiiigte f^riedrich im Jahre 1219 
anter verschiedenen von seinen Torgangern verliehenen Privilegien, alle 
Zehenten sowohl von den Christen als von dön iaden ^j^ Der Eircbe' 
von Salerno bestätigte er im Jahre 1221 unter anderen ihr früher er- 
theilten Privilegien auch die Juden dieser Stadt mit allen ihren Frei- 
heiten, Bechten, Giitem und der Gerichtsbarkeit über dieselben^). 
Die zu Trani wohnenden Juden nahm er im Jahre 1221 in seinen be- 
sonderen Schutz, bestätigte ihnen das von seinem ^ater erhaltene Pri- 
vileg und die guten Gebräuche, welche sie zu Zeiten König Wilhelms II. 
und seines Vaters hatten und bestimmt , dass Juden , nachdem sie ein 
Jahr zu Trani wohnten, nach ihrem Vermögen mitzahlen sollen an, den 
38 Goldunzen, welche sie jährlich der Kirche von Trani zu entrichten 
haben, dass keine Christen gegen Juden, wie auch keine Juden gegen 
Christen zum Zeugniss zugelassen werden sollen , wie dies seither unter 
ihnen Gebrauch gewesen sei, dass sie ausserdem niemanden zu 
persönlichen oder sachlichen Leistungen verpflichtet und niemanden, 
als der Curie der Kirche von Trani verantwortlich seien ^). Der Kirche 
von Eossano bestätigte er 1228 den von seinen Vorgängern verliehenen 
Judenzehnten und 8 genannte Judenfamüien daselbst*^). Der Kirche 
von Ascoli bestätigt er 1226 die von Wilhelm IL ihr übergebene welt- 
liche Gerichtsbarkeit über die Juden mit gewissen Abgaben derselben^). 
In den späteren Jahren Friedrichs begegnen wir solchen Zuwendungen 
an die Kirchen nicht mehr, theils wegen des Bestrebens, alle Gewalt in 
seiner Hand zu vereinigen, theils wegen seiäes Kampfes gegen die Kirche, 
theils wegen seiner Geldnoth. 

Zu den besonderen Collecten, welche Friedrich in seinen Geldnöthen 
seit 1235 jährlich, aber auch früher schon oftmals -- wenigstens seit 
1228 in den meisten Jahren — und in manchen Jahren wiederholt, den 
emzelnen Provinzen auferlegte, wobei er die aufzubringende, in der Begel 
sehr hohe Summe selbst festsetzte^), mussten auch die Juden eine be- 
stimmte Suname beitragen i<>). 

Als Friedrich in jener Zeit, wo vor allem seine Geldnöthen be- 
gannen, unter andern Monopolien (dem Handel mit Salz, Eisen, Kupfer 



1) Huill. 6, 558; Böhmer-Fick. 8688. 

2) S. Zunz, S. 488 und unten. - 

3) Ughelli 9, 209; Huill. h 206; Böhmer-Fick. 655. 

4) Ughelli 9, 57; Huill 1, 638; Böhmer-Fick. 1020. 

5) Huill 2, 111; Böhmer-Fick. 1280. 

6) Böhm.-Ficker 1820 ; Winkelmann 221. 

7) Ugheüi 9, 297; HuiU. 2, 364; Böhmer-Fick. 1492. 

8) Ughelli 8, 226; Huill 2, 700; B(^hmer-Fick. 1688; s. ob. S. 18, A.3. 

9) Winkelmann: »De regni Sic. adm.,« p. 28 sqq. 
10) Winkelmann: »Acta« 873, IV. 



Die Juden Italiens im Mittelalter. 29 

und in gewisser Beziehung mit Getreide) auch den Handel mit Rohseide 
und die Färbereien monopolisirte (im J. 1231) , wusste er für diese ein- 
traglichen Moifofiolien — Süditalien war damals noch der Hauptplatz des 
Seidenbaues im Abendlande (vgl. ob. S. 19, insbes. Anm. 2) — keine ge- 
wandteren Verwalter zu finden, als die Juden. Bestimmten Juden aus 
Trani — dessen Juden, wie es nach dem oben erwähnten Privilegium 
scheint, in besonderer Gunst bei ihm standen -^ musste alle Seide in 
dem ganzen Lande verkauft werden, und diese mussten sie zum Nutzen 
der Curie um ein Drittel theuerer verkaufen*). Ebenso scheint er über 
alle Färbereien, als er dieselben für den Fiscus übernahm, Juden gesetzt 
zu haben. So ernannte er in der bezöglichen Weisung an den Justiciar 
der Provinz Terra di Lavoro zwei Juden, welche ausser den Färbereien 
zu Neapel und Capua andere an geeigneten Orten errichten, alle ordnen 
und für die . Entrichtung der festgesetzten Gebühren an den Fiscus sorgen 
soUfen. An die Justiciarien der übrigen Provinzen ergingen aber ähn- 
liche Weisungen, deren Wortlaut jedoch nicht aufbewahrt ist ; nur ist 
aus dem Schreiben an den Justiciar der Provinz Abruzzo erwähnt, dass 
derselbe z.u diesem Zwecke vier reichere und bessere Juden auswählen ' 
solle, denen zugleich ein bezüglicher Auftrag an den Erzbischof und an 
den Logotheten"(d. h. den magister rationum curiae, einen höheren 
Finanzbeamten) ertheilt wurde ^). Zu dieser Zeit (wahrscheinlich im 
Frühjahr 1231) war es wohl auch , dass dör sei. Jordanus , der zweite 
General des Dominikanerordens, dem Kaiser in einer Unterredung unter 
anderen Vorwürfen auch den machte,, dass er die Juden und die Sara- 
cenen allzusehr bevorzuge (»Judaeis et Saracenis nimis favetis«)^). 



1) . . . »praecipitur universis, ut . . . Ebreis de Trano constitutis super 
seta emenda ad opus curie vendant setam, et non.aliis, precio competenti . . . (Ebrei) 
setam emptam precio competenti, considerata solucione precii, eam ad opus 
curie tercio plus vendant.« Winkelmann, Acta, n. 785. Cf. Ryccardus de 
S, Germ, ad a. 1231 : »Mense Augusto de mandato imperiali per totum regnum 
seta cruda emi prohibetur, similiter sal, ferrum et aes emi non nisi a Doana 
imperiali mandatur.« Mon. Germ. 19, 365. 

2) Winkelmanny Acta n. 796. In San Germano (Terra di Lavoro), wo die 
Färberei der Abtei Monte Cassino gebort zu haben scheint, stiessen die Juden 
bei dem Erzbischof auf Schwierigkeiten. Ryccardus de S. Germ, berichtet 
hierüber in seiner Chronik ad a. 1231 : »Tinctarias omnes de regno ad opus 
fisci imperialis recipi praecipit Imperator et super hoc suas mittit litteras gene* 
rales; quas cum duo Judaei pro judaeca Sancti Germani recipienda detulerint, 
ipsam Eeginus archiepiscopus capi proh'ibuit, raandans ipsis Judaeis, ut ipsam 
in pace dimittant monasterio Cassinensi.« Mon. Germ* 19, 365. Dass einzelne 
Färbereien auch schon früher Eigenthum des Fiscus waren und von Juden be- 
trieben wurden, haben wir oben aus den Privilegien der Kirchen von Palermo 
und Coscnza ersehen. 

3) So berichtet der gleichzeitige Dominikaner Gerhart von Frachet 
aus Limousin, Prior der Provinz Provence (t 1271), ein durchaus zuverlässiger 
Geschichtschreiber in seinen >Vitae fratrum ordinis Praedicatorum« 3, 44, die 
er im Auftrage des Orduhsgenerals Humbert verfasste. Cf. Mone: »Quellensamm- 
lung zur bad. Landesgesch.,« Karlsr. 1867, Bd. 4, S. 21, wo auch Näheres über 



30 Erler, Hiat-krit, Uebersicht d. nationatökon. u. soc.-pol. Literatur, 

Wie gern Friedrich die Juden in seinem Königreiche — ihres 
Geldes wegen — hatte, zeigt auch sein Verfahren gegen Juden, die aus 
Africa, weil dort verfolgt, nach Sicilieu im Jahce 1239 ausgewanderjb 
waren. Er Hess ihnen in Palermo, mit dessen Juden sie nicht harmo- 
nirten, Wohnsitze zur Erhauung von Häusern anweisen, gestattete 
ihnen einen eigenen Vorsteher aus ihrer Mitte, jedoch nicht die Erhauung 
einer neuen Synagoge — wofür ihnen eine unhenützte alte eingeräumt 
werden ^lle, die .sie wiederherstellen könnten — und überwies ihnen auf 
ihr Gesuch die Fruchtbarmachung der fiscalischen Dattelpalmenpfianzung 
zu Palermo gegen die Hälfte der Früchte, jedoch nur auf 5—10 Jahre. 
Den in sonstige Theile Sicilicns eingewanderten africanischei^ Juden wollte 
er kdnen Zwang zur Uebersiedlung nach Palermo angethan wissen, da- 
mit nicht andere Juden dadurch von der Einwanderung abgehalten wür- 
den (»ne forte tolleretur aliis qui venturi sint materia conferendi se in 
regnum nostrum«). Einem weiteren Theile dieser Juden wies er grosse 
Strecken fiscalischen Landes (»multas terras«) an, um daselbst zum Nutzen 
seiner Curie verschiedene bis dahin in Sicüien nicht einheimische Pflanzen 
zu cttltiviren. Während er aber im Jahre 1231 bestimmt hatte, dass alle 
Fremde«, welche sich für immer im Königreiche niederlassen wollten, auf 
zehn Jahre von allen Abgaben frei sein sollten ^), ordnete er an, dass 
jene- eingewanderten Juden allsogleich bestimmte jährliche Abgaben 
zahlen^ und diese bei Vermehrung jener gesteigert werden sollten^). 

Auch ztt wissenschaftlichen Zwecken bediente sich Friedrich kundiger 
Juden. So zum Uebersetzen philosophischer und astronomischer Schriften. * 
Einem spanischen gelehrten Juden Jehuda Ihn Matka liess er wissen- 
schaftliche Fragen vorlegen und »beweg ihn wahrscheinlich dazu, nach 
Italien (Toscana) auszuwandern. Derselbe hatte Zutritt zum kaiserlichen^ 
Hofe, vielleicht wegen seiner astrologischen Kenntnisse, denen der Kaiser 
sehr ergeben war 3). Einen anderen jüdischen Gelehrten, Jacob Anatoli, 
Hess der Kaiser aus der Provence nach Neapel kommen und setzte ihm 
einen Jahrgehalt aus, damit er in Müsse der Ver.dolmetschung arabischer 
Werke wissenschaftlichen Inhaltes obliegen sollte ^).« In Salerno wirkten 
an der äi-ztlichen Schule auch Juden, die für ihre Glaubensgenossen Vor- 
träge in hebräischer Sprache hielten s). 



Gerhart. Der Text ist genommen aus einer correcten und vollständigen Hand- 
schrift der Breslauer Universitätsbibliothek, während eine frühere zu Heidel- 
berg, nun zu Rom befindliche, weniger zuverlässige Handschrift den Zusatz 
»Judaeis« nicht hat. 

1) Peter de Vin., I.e. 6, 7; p.716; Huill. 4, 234; Böhml-Ficker 1905. 

2) Eeg. Frid. bei Carc, 280. 290; Huill. 5, 535. 571; Böhm.'Ficker 
2595* 2G27. 

3) > Frederic crut a Tastrologie ju8<j[u'ä la derniere heure de sa vie et 
continua ä a^entourer de devins.« Huill. Preface DXXXI. 

4) Grätzel, 94. -4. del Vtcchio sagt 1. c, p. 247: »Le persone di sen- 
timenti liberal! convenivano a Corte, dove avcvano trovato aiuti e lorga pro- 
tezione molti Ebrei,incarioati dal imperatore di tradurre le opere di scienza araba.« 

5) Ant Mazza: »Urbis Salernitanae historia,« bei Graeviua, Ant.ital. 
9, 63. — Raumer, 3, 417. 



Die Juden Italiens im Mittelalter. ol 

Nach dem Tode Friedrichs scheint eine Verfolgung der Juden aus- 
gebrochen zu sein. Eine jüdische Quelle erzählt, die Juden des König- 
reichs Neapel hätten hei einem heftigen Kriege im Jahre 1240, als be- 
reits alle Hilfsquellen erschöpft gewesen, den König mit ihrem ganzen 
Vermögen unterstützt und so gerettet, wofür der König sie sehr geehrt 
und erhoben habe, so dass die Juden übermüthig geworden seien. Ster- 
bend habe der König seinem Sohue aufgetragen, den Juden ihr Geld zu 
erstatten und sich ihnen gefällig zu zeigen. Diesen aber hätten seine 
Bathgeber überzeugt, das beste Mittel, die Juden zu belohnen sei, sie zu 
bekehren. Listig hätten dann die Juden, um dieser Zumuthung auszu- 
weichen, sich dazu bereit erklärt, wenn sämmtliehe Vornehme des 
Reiches sich mit ihnen verschwägern wollten. Als der König dies ver- 
sprochen, und die Juden sich dennoch der Bekehrung geweigert hätten, 
habe der König ihnen nur die Wahl zwischen dem Christenthume und 
dem Tode gelassen, worauf viele die Taufe angenommen und si<;h üiit 
den Vornehmen verheirathet hätten, die Übrigen aber erschlagen worden 
wären 1). Nach einer anderen jüdischen Quelle würden im Jahre 1260 
»zwei grosse Gemeinden, die zu Neapel und Trani, gezwungen, ihre Re- 
ligion aufzugeben, was die meisten thaten.« Die Veranlassung dazu sei 
die einem Juden zur Last gelegte Verunehrung eines Crucifixes zu Trani 
gewesen, wo man die Juden, insoweit sie nicht flohen, zum Christen- 
thume gezwungen habe. Die, welche nach Neapel flohen, seien dort zum 
Theil von den Vornehmen vejrborgen worden und dann in entfernte Länder 
geflohen, die meisten aber hätten auch dort aus Furcht vor dem ihnen 
angedrohten Tode den Glauben gewechselt*). Beide Berichte werden von 
späteren jüdischen Schriftstellern als zusammengehörend betrachtet ^). 
Das Wahre daran mag sein, dass die Juden von Friedrich, der oft ihres 
Geldes benöthigt war, und von den Grossen des Reiches, die ohne Zweifel 
gar manchmal sich in gleicher Lage befanden , begünstigt , dadurch 
übermüthig wurden und zugleich das Volk ausbeuteten. Dieses aber, 
vom König und von den Juden zugleich ausgebeutet, erhob sich in seiner 
Erbitterung nach dem Tode des Königs und erschlug die Juden oder 
zwang sie zur Taufe, insoweit sie nicht ^ohen*). Dabei mag die unmit- 



1) Jos. ha Cohen: >Emek habacha,« hsg. von M, Wiener, Leipz. 1858, 
S. 40 u. 176, nach Samuel Usque: »Con8ola9am de Ysrael,<f 3. Dial. 

2) »Schevet Jehuda« von R. Salomo aben Verga, hsg. v. M, Wiener j 
Hannover 1856, S. 85. 

3) S. Wiener, Note 170 zu Emek habacha, S. 176. 

4) Das Volk war voll Erbitterung über die schweren Lasten unter Friedrichs 
Regierung. Bezüglich der letzten, von Friedrich im August 1250 ausgeschrie- 
benen CoUecte bringt der gleichzeitige Chronist Matteo SpineUi folgende 
charakteristische Notiz : »Air ^ intrata d'Agosto 1250 fo posta per tutto 
lo Reatne una coUetta la piu grande, che sia stata mai posta, che se 
paghe uno tarl per capo. II di di Santo Simone e Juda Tlraperatore venne 
allo Castiello di Bellomonte, Alli 5. di Novembre lo Justitiero Messer Borardo 
Caracciolo Dusso andao a vedere Tlmperatore, e portaole settocentö onze, che 
a^ea ra^ colto dalle collette. Et lo Imperätore se scorucciao fortemente , che 
non avea raccolto piü, e le disse molte parole injuriose; e lo Justitiero gli 



32 ErleVf Hist'krit üeberaicht d. nationälökon, u. soC'poL Literatur, 

telbare Veranlassung auch in einer Thatsache, wie die von Trani er- 
zählte, gelegen haben. 

Unter der Regierung CarVs L von Anjou (1263—1285) finden wir 
in den Constitutionen, welche sein Sohn — der spätere Carl IL — als 
Reichsverweser mit einer Versammlung der Ständö im Jahre 1283 er- 
liess, unter der Rubrik: »De privilegiis et immunitatibus ecclesiarum« 
etc. cap. 17. die Bestimmung : »Juden, so ünterthanen der Kirche wären, 
solle man keine Aemter anvertrauen, ihnen aber auch keine Beschwerde 
oder Unterdrückung zufügen *) ,« woraus sich zu ergeben scheint , dass 
andere Juden nicht von Aemtern ausgeschlossen waren. Nach einer weiteren 
Nachricht wurden jedoch durch ein Statut CarVs IL vom 8. December 
1298 die Juden nebst allen s. g. Lombarden, Caorcinern und anderen 
Ausländern, welche Wucher trieben, aus dem Königreich Neapel ausge- 
trieben*), was für Sicilien keine Geltung mehr hatte, da dieses seit der 
sicilianischen Vesper (1282) sich von der Herrschaft der Anjou frei ge- 
macht und Peter III. von Aragonien zum Könige (1282—1285) erhoben 
hatte. Vielleicht trug zu dieser Vertreibung, ausser dem Wucher, auch 
die Thatsache bei, dass die Juden in dem Kampfe zwischen Ghibellinen 
und Guelfen (Anhängern der Kirche) für die ersteren Partei ergriffen 
hatten. »In einem Briefe, den Papst Martin an die Messinesen gerichtet 
haben soll, um sie zur Unterwerfung unter Carl von Anjou aufzufordern, 
redet er sie daher an: »»A li perfidi Judei dilla IsUla di Sicilia Martinll 
papa terzu manda quilli saluti, sic^omu a corrumpituri di paci e dl 
Christian! aucidituri e spargituri di lu sangu di nostri figli etc^).«« 



ripose: »»Signore. se non vi place lo servire mio, proveditevi per altro, perche 
le Terre stanno tutte povere,€<i Et lo Imperatore se adirao piu forte« etc. 
£r drohte ihm, ihn über die Mauer hinabwerfen zu lassen. »Ephemerides Nea- 
politanae,« bei Murat Script, t. 7. coL 1067. Andrea d'Isernia sagt, dass 
Friedrich wegen der iBedrückung des Volkes durch übermässige Abgaben »in 
pice et non in pace requiescit« (»Comment. ad Constit.« 1, 7). Thatsache ist, dass 
nach Friedrichs Tod die Provinzen NeapeFs und Sicilien's ganz verarmt waren. 
Vgl. A, del Vecchio, L c. p. 190, A. 1; Depping: »Les Juifs au moyen äge.« 
Par. 1845, p. 459. 

1) Giannone: »Gesch. des Königreichs Neapel,« deutsch von Le Bretf 
Leipz. 1768; Bd. 3, S. 95. 

2) Ducange: »Glossarium ad script. med. et inf. latin.« Par. 1733, t. 2, 
col. 205 sq. 

3) So berichtet der Anonymus der »Historia conspirationis Joh. Prochytae* 
(bei Gregorio: »Bibliotheca scriptorum, qui res in Sicilia gestas sub Arago- 
num regno retulere,« Par. 1791—93, t. 1, p. 267). Ca5«eJ bemerkt hiezu: 
»Dass der Brief nicht an Juden gerichtet war, was, wie es scheint, Gregorio 
und Clarenza (»Storia di Catana« 2, 139) gemeint haben, ist aus den vorher- 
gehenden Worten deutlich . . . Auf ähnliche Weise wurden die Sicilianer von 
den Franzosen Patarener genannt» eine damals besonders in Sicilien vorhandene 
und ungemein verabscheujbe Ketzersecte.« Bei Giovanni Villani (»Historia 
universalis« lib. 7, c. 65, bei Murat Scr. 13, col. 28 fehlt übrigens das Wort 
Judei und heisst es einfach : » A' perfidi et crudeli deir Isola di Cicilia Martino 
papa« etc. Der neuere Geschichtschreiber der sicilianischen Vesper, Mich* 



Die Juden Italiens im Mittelalter, 33 

Dagegen wird Peter von Aragonten bei seinem Feldzuge nach Africa, 
bevor er Sicilien erobert, von einem Juden sehr wirksam unterstützt i), 
und ein aragonischer Herrscher durfte ihnen mehr Sicherheit als ein 
französischer damals gewähren*).« Als Peter von Aragonien in 
Messina im Jahre 1282 einzog, gingen ihm auch die dortigen Juden mit 
dem Gesettze entgegen ^). Sicilien stand nun von 1282 an unter aragoni- 
schen Fürsten (von 1295—1409 unter eigenen, dann wieder unter den 
Königen von Aragonien) und blieb getrennt von Neapel, mit Aus- 
nahme der Jahre 1432--1458, wo König Alphons von Aragonien und 
Sicilien auch Neapel besetzt hatte, das er jedoch im letztgenannten Jahre 
seinem Sohne Ferdinand I. übergab. Im Jahre 1501 dankte Friedrich III. 
von Neapel zu Gunsten Ferdinand's des Katholischen ab, und waren von 
da an. bis 1713 Neapel und Sicilien Provinzen der spanischen Monarchie, 
von Vicekönigen mit fast unumschränkter Gewalt regiert.^ 

Wir betrachten nun zunächst Sicilien, über dessen Juden wir eine 
Reihe speciellerer Nachrichten haben. 

Zuerst erwähnen wir einige Bestimmungen der Stadtrechte si- 
cilianischer. Städte, die sich seit der aragonischen Herrschaft einer 
grossen autonomen Selbstständigkeit gegenüber der allgemeinen Landes- 
gesetzgebung (den Constitutionen Friedrich*s IL und den Capitula der 
aragonischen Könige) erfreuten. Der redactionelle Alsschluss dieser Stadt- 
rechte fällt meistens in das Ende des 13. und in die erste Hälfte des 
14. Jahrhunderts, während ein Theil ihrer Bestimmungen bis in die 
Normannenzeit zurückreicht^). 

Das Stadtrecht (»Antiquissimae consuetudines«) Palermo* s, dessen 
zahlreiche jüdische Gemeinde das Haupt aller Judengemeinden Si- 
ciliens war, stellt sich den Juden ziemlich feindlich gegenüber. Nach 
dem 15. Capitel (»De Judaeis et Saracenis aliisque haereticis a testi- 
monio repellendis«) dürfen Juden nicht als Zeugen oder als Schieds- 
richter wider Christen angenommen werden, »quod est ex longa consuetu- 
dine introductum.« Als Grund wird angegeben: »Cum eos Christianis 
subjacere oporteat. Sunt alias infames Judaei et debent s^ communione 
fidelium separari.« Man fürchtete eben, dass sie gegen Christen nie auf- 



I 



Amari behauptet jedoch mit Recht, wie uns scheint, dass dieser Brief unächt 
sei (»ün Periode delle istorie Siciliane del sec. 13.« Pal. 1842, p. 80 u. 291). 
Cassel bemerkt: »Selbst wenn der Brief nicht acht und die Historia nicht von 
einem Zeitgenossen ist, bleibt doch die darin liegende Anschauungsweise be- 
achtenswerth« (S. 143). 

1) Historiae Sabae Malaspinae Contin. (Villani), bei Qregorio: Script, 
rer. arag. 2, p. 361—364; s. Cassel S. 143. 

2) Cassel, S. 143. 

3) Barthol de Neocastro: »Historia Sicula« c. 53, bei Muratori, 
Script, t. 13, coL 1066. Amari schreibt: »Si.feano innanzi al re . . . e la sina- 
goga de*reietti giüdei, per loro ricchezze or carezzati, or manomessi in quei 
secoli.« 1. c. p. 99. 

4) BrünnecK a. a. 0. S. XXVI u. XXXVII. Leider gibt Brünneck nicht 
sämmtliche vorhanden^, aondem nur die in lateinischer Sprache abgefassten 
Stadtrechte. 

Arohiv fiir Kirchenrecht. XLVIIL 3 



34 Erler, Hiat-hriU Üehersicht d. nationalökon. u, soc-poL Literatur, 

richtig zeugen würden. Dagegen sollten Christen gegen Juden zum 
^eugnisB zugelassen werden, wofern sie nicht durch das gemeine Recht 
vom Zeugfnissgeben überhaupt ausgeschlossen seien. Nach* dem 27. Ca- 
pitel (»De his quibus jus prothimisii non competit«) wurden von dem, 
aus dem griechisch-römischen Rechte herübergenomn^enen , Vorkaufs- 
rechte (Retracte) — das bei Liegenschaften den Verwandten oder Nach- 
barn eingeräumt war und auch nach erfolgter Tradition an den ander- 
weitigen Käufer geltend gemacht werden konnte — nebst dem Fiscus, 
den Kirchen, Klöstern, Grafen, Baronen und Saracenen auch die Juden 
ausgeschlossen. Wir ersehen daraus, dass die Juden Siciliens auch 
noch im 13. Jahrhunderte Landbesitz erwerben konnten (es werden in 
dem genannten Capitel auch Weinberge, Gürten und Landgüter er- 
wäiint), und dass man auch hier' das Bedürfniss fühlte, den kleinen 
Grundbesitz und den Bauernstand gegen den grossen Grundbesitz und die 
reichen Juden zu schützen. Dass den Juden im 36. Capitel die Einrichtung 
besonderer Notare zur Aufnahme von Kaufverträgen und anderer Rechts- 
geschäfte in hebräischer Sprache mit verbindlicher Kraft zugestanden 
w«r, jst bereits oben erwähnt worden. Dass sie von obrigkeitlichen 
Aemtern ausgeschlossen waren, geht schon aus dem 15. Capitel hervor; 
die Stellung von Advocaten, Aerzten u. s. w. war ihnen überdies 
noch durch dea im 67. Capitel auf das Evangelium geforderten Eid, den 
die Advocaten und Aerzte sogar jedes Jahr aufs neue ablegen mussten, 
verwehrt. Im 56. Capitel wird gesagt, dass »ex obtenta et veteri con- 
suetudine« gewisse Classen von Leuten und so auch die Juden (*meretrices 
publicae vel privatae, tabernarii vel buccherii et Judaei«) weder vom 
königlichen Marschall noch von irgend einem Officialeu, möge der König 
an- oder abwesend sein, zu irgend einer besonderen Zahlung oder 
Leistung angehalten werden dürften i). 

Die »Consuetudines et Statuta« Messina^s waren den Juden gün- 
stiger. Wir finden hier nur die Bestimmung, dass Juden nicht gegen 
Christen, aber auch Christen nicht gegen Juden zeugen sollen (Cp.*47; 
vgl. oben S. 28 das Privilegium TranVs), sowie die oben (S.20) erwähnte Be- 
stimmung bezüglich der Sclaven (Cp, 57). Günstig war den Juden jedenfalls 
auch das 35, Capitel (»De usuris«), wonach, entgegen dem kanonischen 
Rechte, bereits gezahlte Zinsen weder zurückgefordert, noch von dem ge- 
schuldeten Capital als Zahlung abgerechnet werden dürfen; doch sollen 
versprochene Zinsen nicht eingeklagt werden können , es sei denn zu 
Gunsten von Wittwen und Waisen, wofern die ausbedungenen Zinsen 
massig seien. »Wenn demnächst Papst Clemens V. (1305—1314) alle 
diejenigen Communen, ihre Magistraten und Richter mit der Excom- 
munication bedroht, welche innerhalb von drei Monaten nicht die den 
kanonischen Zinsverboteh widersprechenden Statuten ihrer Städte wieder 
aufheben würden, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass der päpstliche 
Gesetzgeber dabei gerade auch an das Messineser Stadtrecht gedacht 
und dessen Reprobation bezweckt hat.-^ Dieselbe Bestimmung findet sich 
auch im Stadtrecht von Patti (Pactae, Stat. 62)2), 



1) Brünneck, Theil I, S, 15, 23, 27, 47 ff. 58. 

2) Brünneck I, 93, 98, 89, 210; IL 156. 



Die Juden Italiens im Mittelalter. 35 

Die »Consuetudines« CatanicCs erwähnen der Juden nicht. Wenn 
wir oben (S. 16) sahen, dass den Juden daselbst im Jahre 1168 ihr 
eigenes Eecht zugesichert war, so ist jedenfalls eine etwaige eigene Ge- 
richtsbarkeit derselben später aufgehoben worden, wofür auch die Bestim- 
mung (Tit. 2, cöns. 2) spricht, dass — mit Ausnahme der Wittwen, Pu- 
pillen und Hofbeamten in bestimmten Fällen — niemand vor andern 
Richtern als dem Patricius und den Judices civitatis Recht nehmen dürfe ^). 

Die »Consuetudinesc von Syr actis schliessen ebenfalls die Juden 
(und Ungläubigen) von dem Zeugnisse gegen die Christen aus (»ad 
comprimendam eorum iniquitiam et perfidiam Judaeorum«), aber auch 
die Christen vom Zeugnisse gegen jene (cona. 24), und sprechen überdies 
den von Juden und Ungläubigen producirten Urkunden , sei es öffent- 
lichen, sei es privaten, die Beweiskraft Christen gegenüber ab^). 

Erwähnt zu werden verdient, dass am Ende des 13. Jahrhunderts 
viele Juden Siciliens durch die Wirksamkeit des hl. Albert aus Trapani 
bekehrt worden sind 3). 

Unter König Friedrich IL (III.) (1295-1337) fand es das am 
20. October 1296 zu Piazza abgehaltene Parlament für nothwendig, das 
(schon von Kaiser Friedrich II. verkündete) kanonische Verbot, dass 
Juden Richter und Aerzte seien, einzuschärfen, ihr gerichtliches Zeug- 
niss gegen Christen für unwirksam, dagegen — mit ausdrücklicher Auf- 
hebung der entgegenstehenden Localrechte von Messina und Syracus und 
unter Hinweis auf die Vorschriften des gemeinen Rechtes — das Zeug- 
niss der Christen gegen Juden für statthaft zu erklären, sowie das 
Tragen des jüdischen Abzeichens aufs neue zu gebieten*). Am 23. Juli 
1312 verfügte König Friedrich ferner, dass die Juden in Palermo fortan 
abgesondert von den Christen ausserhalb der Stadtmauern wohnen soU- 



1) Brünneck I, 106. — 2) Brünneck T, 147. 

3) Für diese und die folgenden Angaben über Sicilien verweisen wir, so- 
weit wir nicht andere Belege anführen, durch die eingeklammerten Zahlen auf 
das schon genannte Werk von Zunz: »Zur Geschichte und Literatur,« Berlin 
1845, S. 487 ff., das wir oft wörtlich anführen. Zunz entnimmt seine Angaben 
dem im Jahre 1748 in Sicilien erschienenen, ziemlich umfangreichen, uns 
leider nicht zugänglichen Werke von Giovanni di Giovanni (de Johanne): 
»L'Ebraismo della Sicilia,« berichtet aber in einem christenfeindlichen, den 
Juden nur günstigen Sinne. Die Darstellung Giovanni's mag ganz anders 
lauten. Zunz sagt von ihm: »Die Befangenheit des Geschichtschreibers ist 
gross, aber auch seine Treue.« Uns scheint gerade Zunz Giovanni sehr be- 
fangen benutzt und manches verschwiegen zu haben. Giovanni, der auch einen 
Codex diplomaticus Siciliae herausgegeben hat, war Kanonikus und Fiscal der 
Inquisition in Palermo. Sein Werk besteht aus zwei Abtheilungen. Die erste 
bespricht in 28 Capiteln den Ursprung der Juden auf Sicilien, ihre Volkszahl, 
Wohnplätze, Abzeichen, Freiheiten, Lasten, Besitz, Gerichtsbarkeit, Vorstände, 
Rabbiner, Synagogen, Bäder, ihren Wucher, ihre Verbrechen, die Aufläufe gegen 
sie, ihre Vertreibung und Wiederaufnahme. Die zweite Abtheilung ist in 
33 Kapiteln den einzelnen Orten gewidmet, wo Juden auf der Insel gewohnt 
haben. 

4) C. 67; Friderici (Cap. Regni Sic, I, p. 79) bei Brünneck 11, 267. 

3* 



Erler, Hiat-kriU üebersicht d, nationälöhon. u. soc.-poL Literatur. 

ten. Sie zogen aus , wurden jedoch bald wieder von der Stadt aufge- 
nommen, während es bei dem Ghetto verblieb (S. 487). Uebrigens be- 
wohnten die Juden schon um das Jahr 977 ein eigenes Judenquartier 
(il Quartiere de* Giudei) in Palermo^). 

Der Kirche von Mazara gestand Friedrich am 15. December 1318 die 
Gerichtsbarkeit über die Juden der Stadt und Didcese zu ^). Am 28. Mai 
1327 wollte Peter 11. (1337—1342) dieses Privilegium zurücknehmen, stand 
aber auf Einspruch des Bischofs davon ab^). Dkss die Kirche von Ma- 
zara noch im J. 1392 Jurisdiction über die Juden ausübte, geht aus 
einem Documente von diesem Jahre hervor*). Im Jahre 1405 wurde 
dieselbe von den Juden aufs neue bestritten ; mit welchem Erfolge 
wird nicht berichtet. In Marsala scheinen ähnliche Verhältnisse be- 
standen zu habend). In Palermo behielt der Erzbischof die ihm schon 
von Kaiser Friedrich IL überwiesene Gerichtsbarkeit über die Juden. 
Als hierüber Zweifel" laut geworden, erlangte der Verweser des Bis- 
thums von Peter II. am 25. Februar 1338 die Bestätigung der wohl 
hergebrachten Rechte^). An anderen Orten verblieb den Bischöfen die 
Jurisdiction in geistlichen Dingen. Im Jahre 1338 verbot Peter den Bunde- 
Hauptleuten der Hauptstadt (Palerm«)), die Juden zu behindern, wann sie 
in Aufzügen bei Hochzeitsfeierlichkeiten die Altstadt (Cassero) passirten. 
Am Charfreitage des folgenden Jahres machte ein Volkshaufe einen An- 
griff anf das Ghetto und plünderte mehrere jüdische Familien. Ein 
königliches Decret vom 30. April trat dagegen auf. Auch bedeutete die 
Regierung dem Erzbischof von Messina, dass er eine vor einem könig- 
lichen Gerichtshofe abgemachte Sache nicht nochmals vor sein Forum 
ziehen dürfe (S. 488 f.). 

Unter der Regierung Ludwigs (1342—1355) kreuzigten die Juden in 
Messina im Jahre .1347 ein diristliches Kind. Die Schuldigen wurden 
hingerichtet und die Synagoge in eine Kirche umgewandelt*^) (S. 489). 



1) Ibn Hawqvial: »Libro delle vie e dei reami,« bei Amari: >Biblio- 
theca« etc. T, 20. 

2) • . . »litteras regias 15. Dec. 1318 transmissas Bajulo et Judicibus 
Mazarae obtinuit, quibus decernebatur, causas Judaeorum Mazarae ac ejus dioe- 
cesis ad Episcopum pleno jure spectare.« Ä. Pirrus, 1. c. 2, 959. 

3) . . . Id contra jura Ecclesiae Mazarensis^ noster Antistes esse con- 
tendebat; sed adversus regium -magistratum pro Episcopo judicatum est.« 
Pirrua 1. c. 2, 959. Zunz behauptet das Gegentheil (S. 488); ebenso Cassel 
S. 143, n. 78. 

4) Pirrua, 1. c. 2, 964. 

5) »PInres Mazarae et Marsalae versabantur tunc Judaei. Ji ex privilegio 
Regis Friderici solum suorum rectorum jurisdictioni subjaceri asserebant . . . 
Discussa res est coram F. Matthaeo Quaesitore de rebus fidei in Sicilia et 
coram judicibus magnae curiae per literas 20. Febr. 1405 volonte rege.« Pirrus, 
1. c. 2, 962. ' Vgl. Zunz S. 492 und unten. 

6) Mongitore: »Bullae, privilegia et instrumenta Panormitanae metro- 
polit. ecclesiae,« Pan. 1734, p. 181. 

7) Pirrua f 1. c. 1, 317. Von der Umwandelung der Synagoge in eine 
Kirche sagt Zunz nichts. 



Die Juden Italiens im Mittelalter. 37 

An manchen Orten nöthigten vornehme Beamten die Jaden zu gewissen 
niedrigen Diensten, was durch einen Schutzbrief vom 23. November 
1347 verboten wurde. Ein Decr^t vom 22. December desselben 
Jahres legte den Juden ^e Lieferung der Standarten fQr die Galeeren 
auf; ein anderes vom 2. December 1350, wozu eine Beschwerde der 
Juden zu Palermo Anlass gegeben, schärfte den Beamten ein, bei Be- 
lohnungen und Bestrafungen keinen Unterschied zwischen Juden und 
Christen zu machen (S. 489 f.). 

Den Juden in Castrogiovanni wurde am 16. Juli 1361 durch Friedrich IJI. 
(1355—1377) erlaubt, ihre alte Synagoge neu aufzubauen, und am 12.0c- 
tober 1366 wurde die Vorschrift erneuert, dass bei Neubauten die Sy- 
nagogen nicht grösser und prächtiger als die alten gebaut werden dürf- 
ten, widrigenfalls sie wieder niedergerissen werden sollten, was durch 
Decret vom 20. December 1369 an einigen neu errichteten Synagogen 
wirklich vollzogen wurde. Doch wurde den Juden zu Marsala die Er- 
weiterung der Synagoge durch die Stadt im Jahre 1373, und durch den 
König am 18. April 1375 genehmigt. Gleichergestalt wurde im J. 1369 
das Tragen des Abzeichens neuerdings eingeschärft, und, um die Be- 
obachtung dieser Vorschrift zu sichern, ein höherer Beamter oder Geist- 
licher als >Custos rotellae rubeae« aufgestellt. Es war dasselbe ein rundes 
Stück rothen Tuches von dem Umfange -eines königlichen Siegels erster 
Grösse , welches auf der Brust getragen werden musste i). Die Juden 
von Palermo hatten das Vorrecht, dass ihr Zeichen nur die Grosse eines 
Carolin oder halben Tari hatte (S. 490). 

Ein königlicher Erlass vom 13. November 1375 beschränkte die Ge- 
richtsbarkeit der Inquisition über die Juden von Sicilien, denen fortan 
die Berufung an den königlichen Gerichtshof freistehe. Ohne Zuziehung 
des weltlichen Eichters, des Capitano und der Geschworenen solle die 
Inquisition gegen keinen Juden einen Process einleiten, auch den Ver- 
urtheilten nicht in ihre Kerker, sondern in das öffentliche Gefängnis« 
setzen lassen (S. 491). 

König Martin I. (1392—1409, als König von Aragonien Martin V.) 
erwies sich den Juden sehr günstig. Er erliess zwar im Jahre 1392 die 
Verordnung, dass die Juden überall abgesondert (in dem s. g, Ghetto) 
i^ohnen sollten. Dagegen wurden am 29. März im gleichen Jahre die 
Privilegien der Juden zu Marsala erneuert und denen der Juden zu 
Trapani gleichgestellt, sowie auf Ersuchen der Juden von Palermo die 
früher zum Schutze der Juden erlassenen Bullen durch königliches De- 
cret bestätigt, und durch ein^ eigene Verfügung den sicilianischen Juden 
fernerer Schutz versproclien. Als trotzdem in San Giulano die Juden 
bald nach Bestätigung ihrer Gerechtsame in einem Aufstande gegen sie 
sämmtlich getödtet wurden, eirneuerte der König jene Verfügung, und als 
bald darauf auch gegen die Juden in Syracus ein Tumult ausbrach, befahl 
er am 11. Juli strenge Bestrafung aller daran Betheiligten. Die Syra- 
cusanischen Juden sprachen ihren Dank durch ein Geldgeschenk aus. 
Um dieselbe Zeit befreite die Eegi'erung die Juden zu Mineo von einer 
ihnen widerrechtlich auferlegten jährlicben Abgabe von zehn Unzen Gold 



1) Pirrus, 1. c. 1, 1050. 



38 Erler, Hist-kriL Uebersicht d. nationalökon, u, soc-poL Literatur, 

(S. 491 f.). Im Jahre 1392 schenkte der König »Terram et Castrum Ca- 
meratec mit allen Feudalrechten »cum Christianis et Judaeis« an Peter 
von Queralto, und in gleicher Weise im Jahre 1393 Vizini an Huguest 
de Sancta Face i). 

Wahrscheinlich im eigenen Interesse der Juden wurde am 12. Mai 
1393 verordnet, dass' der von vier Mahnern nach dem Begrähnissplatze 
getragene Sarg einer jüdischen Leiche nur mit einem wollenen oder 
seidenen Tuche bedeckt, sonst aber mit keiner Zierrat von Silber und 
Gold versehen sein solle. Als in demselben Jahre zu Polizzi ein Jude 
sich mit einer Christin vergangen , blieb er ohne weitere Strafe ; das 
geistliche Gericht musste sogar die Geldstrafe, zu der es ihn verurtheilt 
hatte, zurückzahlen und erhielt einen Verweis. Dagegen wurde am 
10. August 1395 das Tragen des Abzeichens unter einer Gefängnissstrafe 
von fün&ehn Tagen aufs neue eingeschärft (S. 492) ^). 

Als die Juden zu Marsala sich im Jahre 1399 beschwerten, dass sie 
von den Marsalesen gezwungen würden, am Stephanstage der Predigt 
beizuwohnen 3); und auf dem Heimwege von Steinwürfen verfolgt würden, 
so erklärte ein Decret vom Jahre 1399 jede an Juden verübte derartige 
Kränkung, sogar für ein Majestäts verbrechen. Drei Jahre darauf (1402) 
erhoben die Juden zu Marsala neue Beschwerden. Sie verlangten : 1) dass 
sie von den königlichen Hofbeamten nicht mehr mit solchen persönlichen 
Dienstleistungen belastet würden, zu welchen sie nur der Person des 
Königs verpflichtet seien; 2) dass ihnen nicht mehr als ein Zehntel der 
allgemeinen städtischen Abgaben auferlegt würde, da sie nur der zehnte 
Theil der Einwohnerschaft seien; 3) dass sie fortan nicht mehr der 
bischöflichen Jurisdiction unterworfen seien , sondern in Civil- und pein- 
lichen Sachen dem königlichen Oberrichter, in ßeligionsangelegenheiten 
dem Inquisitor mit dem Rechte der Berufung an den König; 4) dass für 
ihre Verpflichtung der Fahnenlieferung die in Trapani stattfindende Ord- 
nung eingeführt werde, und sie nicht den Forderungen des Schlosshaupt- 
mannes, sondern dem Befehl des Oberaufsehers der königlichen Schlösser 
zu genügen hätten ; 5) dass ihnen das widerrechtlich genommene Frauen- 
bad in der Stadt restituirt werde. Decrete vom 7. August und 6. De- 
cember 1402 bewilligten diese Gesuche. Ferner wurde im Jahre 1403 
dem Schlosshauptmann von Naro untersagt, die Juden zu unentgeltlichen 
Dienstleistungen zu zwingen, indem sie bloss verpflichtet seien, monatlich 
einmal. Saal und Kammer des königlichen Schlosses reinigen zu lassen 
auch sollte weder er noch sonst Jemand sie an der Befolgung ihrer Ge- 
bräuche hindern. In demselben Jahre (1403) erhielten die Juden von 
Trapani eine ähnliche Zusicherung : "ihre bisherigen Bechte sollen auf- 
recht erhalten bleiben, und kein Christ sie kränken dürfen. Wiederum 
klagten die Juden zu Marsala, dass man das zu ihren Gunsten erlassene 
Decret vom Jahre 1399 ihnen unrechtmässig abgenommen habe und nicht 
zurückgebe, was darauf durch zwei neue Decrete vom 3. und 8. Deceraber 
befohleiy wurde (S. 492 f.). 



1) Gregorio, Script, rerum Aragon. 2, 506, 511; bei Cassel S. 145. 

2) Pirrus, 1. c. 1, 1050. 

3) Pirrus, 1. c. 1, 962. 



^^?fÄ?^V 



Die Juden Italiens im Miltelalter, 39 

Sogar mit wichtigen diplomatischen Sendungen wurden Juden von 
König Martin betraut. Im Jahre 1393 liess er zur Wiedergewinnung der 
früher zu Sicilien gehörigen Insel Gerba dem Fürsten von ^Tripolis durch 
einen Juden eine Allianz gegen Tunis antragen ^) , und im Jahre 1409 
übertrug derselbe König einem Juden von Trapani Namens Samuel Sala 
die Verhandlung der Friedenspräliminarien mit dem Könige von 
Tunis und versah ihn mit den nöthigen Beglaubigungsschreiben uüd In- 
structionen^. Auch wurden diesem Juden Samuel und seinem Bruder Elias 
dafür besondere, jedoch nicht näher angegebene Begünstigungen zu 
Theiis). 

Wie anderswo, so wurden auch in Sicilien die Verfolgungen der Juden 
durch ihr Verhalten hervorgerufen. »Die universellen Verläumdungen,«(?) 
sagt Cassel , »Kindermord und Hostienverletzung , ziehen auch hier 
Fanatismus und Gewaltthaten nach sich .... Aber von den beinahe 
60 Orten in Sicilien, in denen, wie man weiss, Juden sich aufhielten, 
sind es kaum 12, aus welchen solche Scencn der Unruhe und des Un- 
friedens berichtet werden, und kaum 3, worin wirkliche blutige Ver- 
folgungen, wie sie jede deutsche Stadt erfahren, vorgekommen sind.« 
Von Zeit zu Zeit erkauften sich die Juden Verzeihung für alle 
Vergehungen. So sprach der König am 4. Juni 1406 die sicilianischen 
Juden von allön Strafen los, die sie wegen Wuchers und anderer Ver- 
gehen verdient hätten; ein 60 Unzen schweres Stück Gold war ihr An- 
walt. Einem ähnlichen Mittel verdankten die Juden zu Trapani die Zu- 
sicherung der Unantastbarkeit ihrer Privilegien. Auf eine Beschwerde 
der Juden in Polizzi im J. 1413 wegen Beleidigungen in der Charwoche 
und gezwungener Reinigung des Schlosses gewährte ein Erlass des Vice- 
königs Abhilfe. Um dieselbe Zeit machte der Infant Don Juan eine An- 
leihe bei den sicilianischen Juden, welche im Jahre 1415 zurückerstattet 
wurde. Aus Vizini wurden im Jahre 1415 die Juden, trotz dem Verbote 
der Königin Bianca, ausgetrieben und konnten nie wieder dahin zurück- 
kehren (S. 494 f.). 

Unter Alphons V. (1416—1458) wurden für die Juden »die ungünstigen 
Dinge verfügt, die günstigen aber ausgeführt, und neuen bedrohlichen Mass- 



. 1) Grefforio: »Consideraz.« 446. 

2) Ein Schreil^pn des Königs an den Juden beginnt: »Bex Siciliae etc. 
Xamueli. Bicippiniu li toi littri intisu lu memoriali , chi ni mandasti , e zb chi 
to frati ni havi expostu di tua parti, breviter ti respundimu« etc. Die In- 
structionen haben die Ai;ifschrift : »Responsioni fatti per lu serenissimu signuri 
re di Sichilia ad Xamueli Sala judeu di Trapani supra quillu, chi illa scripsi 
a lu dittu signuri re di lu trattamentu di la pachi, chi fu toccatu lu dittu 
Xamueli por lu illustri re di Tuniz.« Gregorio, 1. c. 448 sq. 

3) »Rex Martinus etc. Universis et singulis officialibus regni nostri Sici- 
liae . . . mandamus, quatenus omnes-et quascumque litteras pernos aut dictam 
reginam nostram carissimam consortem', dictis Xamueli et Eliae vel ipsorum 
alteri in eorum favoribus factas, juxta eorum tenorem penitus observetis et 
per quoscumque observari integre faciatis.« Datum 10. Maji 1409; Gregorio, 
1. c. 449. 



40 Erler, HiaL'kriU üehersicht d, nationälökon, u, soc-poL Literatur. 

regeln begegnete altes Gold.« In der Stadtordnung Palermo's vom J. 1423 
findet sich das Verbot aller Arbeiten am Sonntage für die Juden, um 
die Feier nicht zu stören i). Am 15. Februar 1428 schärfte ein könig- 
licher Befehl das Wohnen in deii Ghetto und das Tragen des Abzeichens 
ein. Zugleich wurden Judenpredigten angeordnet. Allein eine jüdische 
Deputation mit betrachüichen Summen Goldes erlangte am 5. Januar 
1430 den Widerruf der letzten MassregeL Ebenso wurde auf die Klage 
der Juden zu Girgenti im J. 1433, dass die Beamten sie zu persönlichen 
Dienstleistangen niedrigster Art höthigten , dieser Missbrauch der Be- 
amtengewalt bei 100 Unzen Strafe verboten. Dagegen wurde am 2. No-' 
vember 1435 decretirt, dass die Fleischscharren der Juden in Palermo 
durch Aushängung des rothen Abzeichens sich als jüdische kenntlich zu 
machen hätten (S. 495 f.). 

Im Jahre (1443 und) 1444 befand sieh der hl. Johannes Capistran 
als päpstlicher Legat auf Sicilien , um die kirchlichen Angelegenheiten 
zu ordnen, wobei er auch gegen die Unordnungen und Missbräuche der 
Juden sich wendete^). Im Jahre 1449 wurde eine Untersuchung gegen 
die Juden eingeleitet. »Man fand sie des Wuchers und anderer Gräuel- 
thaten überführt.c Allein sie wussten sich mit 2000 Unzen loszukaufen. 
Ja noch vor diesem Abschlüsse erhielten sie nicht unbedeutende Rechte,. 
z. B. die medicinische Praxis unter den Christen ; auch wurde den Juden 
in Palermo gestattet, ausserhalb des Ghetto*s zu wohnen. Am^^l. Oc- 
tober 1452 wurde ihnen die alte Zusicherung wiederholt, dass sie nur 
der Jurisdiction der vom Könige eingesetzten Eichter unterworfen seien ^). 
Das Decret, welches den angeklagten Juden die Verzeihung des Königs 
gewährte, erschien am 11. August 1453; es bestätigte das Recht zum 
Besitze von liegenden Granden und verbot Juden zum Kirchenbesuche 
oder zum Anhören christlicher Predigten zu zwingen; aach wurde frei- 
gegeben , bauliche Veränderungen in den Synagogen , ohne Anfrage bei 
dem königlichen Commissarius, vorzunehmen (S. 496 f.). 

Den Juden zu Palermo verminderte Alphons im Jahre 1453 auf ihre 
Beschwerde, dass sie, obwohl nur der zehnte Theil der Bevölkerung, den 
vierten Theil der städtischen Abgaben tragen müssten, ihr Beitrags- 
Quantum um 30 Procent. Im gleichen Jahre fand zu Messina die oben 
erwähnte Ausschliessung mehrerer Juden von öffentlichen Aemtern statt. 
Den Juden zu Taormina, die neben dem Dominicanerkloster eine Sy- 
nagoge nebst Begräbnissplatz errichtet hatten , befahl der König im 
Jahre 1455, auf päpstliche Mahnung, beide zu verlegen. Als im Jahre 
1455 eine Anzahl Juden aus verschiedenen Städten auswandern wollten, 
wurde ihnen , in der Voraussetzung , dass sie" edle Metalle und baares 
Geld mitnehmen wollten, nach einem Gesetze vom Jahre 1400, das 
dergleichen verbietet, der Process gemacht, und sie an Leben und Habe 



1) »Statuta un\versitatis Panormitanae,« bei Gregorio, »Script, rer. 
Aragon.« 2, p. 537; s. Cussel S. 144, n. 93. 

2) »Acta Sanctorum.« Oct, t. 10, p. 291. Näheres ist nicht angegeben. 

3) Ob die Gerichtsbarkeit der Bischöfe über die Juden, soweit sie be- 
stand, allgemein war aufgehoben worden, oder ob dies nur für Pakrmo galt, 
findet sich nicht bei Zunz angegeben. 



Die Juden Italiens im Mittelalter. 41 

für dem Könige verfellen erklärt; sie kauften sich mit tausend Unzen 
los (S, 497 f.). 

In den folgenden Jahren finden wir wiederholte Beschwerden wegen 
des Abzeichens., Die Juden von Palermo wandten sich am 27. Mai 1471 
an den Yicekönig de ürrea. Derselbe sicherte ihnen die ungeschmälerte 
Theilnahme an den städtischen Freiheiten zu; bezüglich des Abzeichens 
werde er nicht zu strenge sein (S. 498 f.). 

Zu Modica wurden am 15. August 1474, als bei Gelegenheit einer 
Frocession die Juden die allerseligste Jungfrau lästerten, 470 derselben 
erschlagen. Die Güter der Erschlagenen fielen der Stadt anheim; die- 
selbe musste aber .7000 Gulden Strafe zahlen. An demselben Tage und 
wohl aus derselben Ursache wurden in Noto 18 Juden erschlagen ^). In 
Oalatagirone gab im Jahre 1475 ein' Auflauf gegen die Juden Anlass zu 
einem Frocesse ; in Messina erkauften sie sich durch ein Geschenk von 
200 Unzen von Johann IL (1458—1479) einen besonderen Schutzbrief; 
ebenso in Agosta. Ein Erlass vom 20. August 1478 verfügte, dass das 
Gerichtsverfahren gegen Christen- und Juden ganz gleich sein müsse. 
Femer wurde den Juden zu Calatagirone im Jahre 1480 unter Ferdi' 
nand IL (1479—1516) das Recht eingeräumt, Schulden halber nicht mit 
Gewalt ans dem eigenen Hause, und überhaupt nicht für einen Betrag 
unter dritthalb Scudi oder einer Sicilischen Unze zur Haft gebracht 
zu werden. Im Jahre 1484 wurden sie nach Ablieferung einer Summe 
Geldes an den Hof von allen Yergehungen losgesprochen. Näheres ist 
über diese Vergebungen nicht berichtet. Zwei Decrete vom September 1482 
und vom 18. Februar 1486 verboten dem Erzbischof von Messina, sich 
von den Vermächtnissen der Juden den vierten Theil zuzueignen, indem 
dieselben seiner Gerichtsbarkeit nicht unterworfen seien, und im J. 1491 
wurde er abermals daran erinnert. 

Zu Castrogiovanni wurden zwar im J. 1484 ein Christ, der bei einer 
Beschneidung zu Gevatterschaft stand, sowie der Vater des Knaben 
streng bestraft, aber im folgenden Jahre (1485) die dortigen Juden, 
welche man zu besonderen Lasten heranziehen wollte , in ihren Frivi- 
legien geschützt. Als man in demselben Jahre den Juden zu Trapani 
die Ausbesserung der Stadtmauer auflegen wollte, weil das Judenquartier 
sich dicht an derselben befand, schritt die Regierung dagegen ein. Den 
Juden in Calatabillotta wurden am 2. Juni 1486 für das Frocess- Ver- 
fahren gewisse Garantieen bewilligt. Als dagegen die Juden in Santa 
Lucia im gleichen Jahre (1486) ihre Synagoge vergrössern wollten, 
wurde ihnen bedeutet, dieselbe nicht grösser und prächtiger als die 
christlichen Kirchen zu bauen. Der Stadtobrigkeit von Taormiha wurde 
im J. 1487 verboten, die Juden schwerer als sich gebühre zu belasten, 



1) So berichten Vinc* Littara (zwischen 1550--1602): »De rebus Ne- 
tinisc bei OraeviuSy Antiq. Sic. t. 12, p. 50 und Plac. Carrafa (c. 1653): 
»Motucae descriptio,« l. c. p. 23. Nach Zunz (S.- 499) waren die Juden natür- 
lich viel schuldloser. Einfach »schrie bei einer Frocession in Modica der Föbel; 
Maria lebe, Tod den Hebräern! drang bewaffnet in das Ghetto und erschlug, 
was ihm unter die Hände gerieth : in Modica 360 oder gar 600 , ifl Noto 500 
Juden,« und Hess der Vicekönig die Rädelsführer erdrosseln. 



42 ErleVf Hist.'krit Uehersicht c/. nationalökon, u, soc.-pol. Literatur. 

und dem Comraandanten des Castells, sie mit der Reinigung der Ge- 
bäude zu behelligen; ebenso den städtischen Beamten von Polizzi im 
Jahre 1491, den Juden Gesetze vorzuschreiben. Auch wurde am 28. Fe- 
bruar 1489 den Dominicanern erlaubt, sich jüdischer Aerzte zu bedienen. 
Zu Palermo vereinigten sich die Juden im J. 1491 mit der christlichen 
Bürgerschaft zur Bewahrung ihrer gemeinschaftlichen städtischen Frei- 
heiten, und der Vertrag wurde mittelst gerichtlichen Actes vom 2. No- 
vember 1491 vollzogen. Um dieselbe Zeit kamen mehrere aus der Pro- 
vence geflüchtete, desgleichen viele africanische Juden in Sicilien an. 
Diese letzteren wollten die Sicilianer, in Anbetracht des Krieges mit den 
Arabern /als Sclaven vorkaufen; aber auf Vorstellung der Juden in Pa- 
lermo nahm sie die Eegierung in Schutz (S. 498 ff.). 

In der letzten Hälfte des 15. Jahrhunderts gährte es schon an vielen 
Orten Siciliens gegen die Juden. Die Juden hatten eben , schon vorher 
zahlreich, seit den Zeiten der Normannen sich immer mehr vermehrt und 
waren unter den aragonesischen Königen über die Massen an Keichthum 
und Zahl gewachsen ^). *In gleichem Masse hatte aber auch ihr Ueber- 
muth zugenommen. Die Begierung richtete deswegen in den Jahren 
1486 und 1487 auf die Vorstellung der Juden zu Sciacca Mahnungen an 
die Fastenprediger, sich der Aufreizung gegen die Juden zu enthalten, 
das Volk vielmehr zu beschwichtigen. Die Juden scheinen freilich nicht 
vorsichtiger geworden zu sein. Ja »als in der Bittwoche 1491 die Procession 
zu Castiglione an dem Hause des Rabbiners Biton vorüberzog, warf dieser, 
heisst es, einen Stein aus dem Fenster, der dem Crucifix einen Arm ab- 
-schlug. Er wurde sogleich von zwei Brüdern Crisi erschlagen« (S. 500 f.). 

Am 18. Juni 1492 endlich wurde das Edict Ferdinands vom 31. März 
1492, welches die Austreibung der Jud^n aus der spanischen Monarchie 
auf den 2. August befahl, in Sicilien amtlich verkündigte).^ Da dasselbe 
schon früher bekannt geworden war, so waren bereits am 24. Mai 
und 1. Juni Decrete erlassen worden, welche die Juden unter königlichen 
Schutz stellten und jeden, der sie kränkte, mit ernsten Strafen bedrohten. 
Dagegen wurde den Juden unter dem 9. Juni bei Leibes- und Vermö- 
gensstrafe verboten, durch heimliche Flucht, Verkauf ihTor Habe, Ver- 
bergung von Waaren sich den angeordneten Massregeln zu entziehen. 
Sie sollten vorher ihre Schulden an den Staat wie an die Einzelnen 
bezahleu, und zu diesem Behufe sollte ihre bewegliche Habe inventarisirt 
und versiegelt werden. Die jüdischen Verträge über Eigenthumsrechte 
mussten binnen 48 Stunden von den Notarien eingeliefert werden, christ- 
liche Gläubiger binnen 14 Tagen ihre Forderungen, christliche Schuldner 
binnen 6 Tagen das Verzeichniss ihrer gegebenen Pfandstücke, ihres 
Schuldbetrags und deif jährlich zu entrichtenden Zinsen einreichen , die 
Juden aber binnen 24 Stunden ihre liegenden Gründe angeben, und die Chri- 
sten sich melden, welche dergleichen vom April 1492 an gekauft hatten. 
Als Ablösungsgeld mussten die Jaden 100,000 Gulden zahlen, worauf sie 
ihre versiegelte Habe zurückerhielten.* Edelsteine und edle Metalle durften 
gar nicht ausgeführt, sondern mussten eingetauscht werden. Die liegende 



1) LU Mantia: ^Storia€ etc. 1, 47 A. 2. 

2) Vgl. Vinc. lAttara, 1. c. p. 52. 



Die Juden Italiens im Mittelalter. 43 

Habe konnten sie veräussern. Auch durften sie ihre Bücher und Scrip- 
turen mitnehmen. Der Abzug wurde zur Abwicklung aller Geschäfte 
auf den 18. December und später , gegen Zahlung von 5000 Gulden auf 
den 12. Januar hinausgeschoben. Die Juden auf den Inseln Malta und 
Gozzo hatten bezüglich der Bedingungen ihres Abzugs noch besondere 
Bedingungen an den Vicekönig gestellt , die, wie es scheint , alle bewil- 
ligt wurden. Die Abziehenden begaben sich grösstentheils nach Apulien, 
Calabrien und Neapel und von dort nacl^ und nach in die türkischen 
Länder (S. 525 ff.). 

Werfen wir nun noch einen Blick auf einzelne Verhältnisse der Juden 
in Sicilien und ihre Lage überhaupt,, so »übersteigt ihre Abgabenlast,« 
wie Cassel in Hinsicht auf die Angaben bei Zunz sagt, »nur um ein 
Geringes die der anderen Mitbürger.« Die besonderen Leistungen der 
Juden waren nämlich: 1) das jährliche Kopfgeld oder die Gisia, welche 
ursprünglich einen Agostaro = V^ Unze (20 Karat, 7^/2 Tari, 5/8 Scudo, 
^/i3 eines sicilianischen Ducaten) betrug und sammt dem Namen ein 
Erbe der arabischen Herrschaft war; 2) die Lieferung der Fahnen für die 
königlichen Schlösser und der Standarten für die Galeeren; 3) die oben 
genannte, von Kaiser Friedrich verordnete Leistung für den Inquisitor; 
4) die mehrerwähnte Verpflichtung, persönlich oder auf ihre Kosten die 
Reinigung der königlichen Schlösser und Castelle zu besorgen. An 
einzelnen Orten gab es besondere Verpflichtungen, aus bestimmten Rech- 
ten hergeleitet, die jedoch von keiner besonderen Bedeutung waren. 
Dahin, gehört die oben erwähnte Cabella jocularia, die wohl nur für ein- 
zelne Städte galt. Die bedeutendste dieser besonderen Verpflichtungen 
war die tägliche Zahlung einer Unze für den königlichen Tisch durch die 
Juden zu Syracus ; bis zum Jahre 1399 mussten sie auch dem Hofe jähr- 
lich eine Quantität Wachs liefern. Von den Juden in Mazara bekam 
der dortige Bischof jährlich an Ostern und Weihnachten je ein oder zwei 
Pfund Pfeffer 1). Von dem Nacht wachedienst auf den Stadtwällen, die 
Graf Nicolo Peralta den Juden Sciacca's auferlegt, kauften diese sich im 
J. 1398 durch eine jährliche Abgabe von 12 Unzen los. 

In Palermo wurden für eine jüdische Hochzeit vier Tari, bei der Ge- 
burt eines Knaben ein Tari, eines Mädchens ein halber Tari gezahlt. In 
Catania und Messina, verrauthlich auch an anderen Orten, war Wein und 
Fleisch mit einer Abgabe belegt; hiervon war die Einnahme theils zur 
Aufbringung der Kopfsteuer, tlieils aber auch für die Bedürfnisse der 
Gemeinde selbst bestimmt. Die Einziehung der Abgaben besorgte ein 
Beamter in Palermo. Wurde wegen verzögerter Zahlungen ein Jude in 
Syracus verhaftet , so musste er täglich dem Gefangenwärter einen Sol 
Grano zahlen (S. 502 ff.) Auch ward den Juden i. J. 1456 den Zehnte und die 
Erstattung der Wucherzinsen für den Krieg gegen die Türken auferlegt 2). 

»Von den städtischen Privilegien, den ertheilten Indulten waren die 
Juden,« sagt Zunz ausdrücklich, »nie ausgeschlossen, und in der Hand- 
habung des Rechts gab es keinen Unterschied; zwar konnte ein Jude 
nicht gegen einen Christen zeugen, aber auch nicht umgekehrt ^). Die 



1) PirruSj L c. 1, 964. — 2) Waddm</: »Annales minorum« ad a. 1496. 
3) Die Ausnahme zu Palermo und unter Friedrich II. (IlL) s. ob. S, 34 u. 35. 



44 Erler t Hiat'kriL Ueberaickt'd, nationalökon. u. aoc-pol, Literatur, 

Jaden besassen Haaser, Äecker, Weinberge ; aber Christensclaven durften 
sie nicht halten, and für einen gekauften heidnischen Knecht, der sich 
taafen liess, -gab es nar' zwölf Soldi Entschädigung. Eigentliche Ghetti 
. . . finden sich nicht vor dem 14.-Säcalani. Die verschiedenen Gemein- 
den besassen verschiedene Privilegien, und eine Gleichförmigkeit wurde 
erst in den letzten vierzig 'Jahren des A^ufenthaltes der Juden auf der 
Insel angestrebt« (Zunz 504). 

Von einer Ausschliessung der Juden von Gewerben hören wir nir- 
gends. Selbst die medicinische Praxis übten sie bei den Christen aus. 
Die kanonische Gesetzgebung bezüglich der Juden war zwar im Principe 
anerkannt, aber in der Praxis oft genug nicht in Geltung. Wenn sie an 
«iner Anzahl von Orten unter der Gerichtsbarkeit der Bischöfe standen, 
so war dies, wie auch andere bezügliche Verhaltnisse, im ganzen Geiste 
des Mittelalters begründet. Sicherlich war diese "Gerichtsbarkeit keine 
härtere, als die weltlicher Beamten. Höchstens waren diese leichter zu- 
gänglich für Geschenke. 

Sehr richtig bemerkt Cassel, gerade mit Rücksicht auf Znnz: 9 Ein 
richtiges Bild von dem Zustande der Juden im Mittelalter und beson- 
ders in Italien ist nicht zu gewinnen, wenn man, persönlich gereizt, die 
Eigenthümlichkeit jener mittelalterlichen Welt vergisst und die einzelnen 
in grossen Zeit- und Raum Verschiedenheiten erscheinenden Gewaltthaten, 
die eben von den Geistlichen allein berichtet , in den Schutzprivilegien 
allein verboten sein können, als continuirend nebeneinander stellt« 
Wenn auch in Sicilien gegen die Juden Gewaltthaten vorkämen, so sind 
sie zwar nicht zu entschuldigen, »aber sie waren provocirt durch den 
»Wucher« und die »Verbrechen« der Juden, von denen Giovanni in zwei 
Capiteln handelt, die aber nach Zunz alle nur erdichtet sind. Nach ihm 
war der Juden »Existenz ihr einziges wirklich erwiesenes Verbrechen« 
(S. 494). 

Was die Zahl der Juden auf Sicilien betrifft, so wird dieselbe im 
15. Jahrhundert auf 100,000 Seelen geschätzt, die in c. 60 Orten wohn- 
ten. Auf der Insel Malta lebten zur Zeit Kaiser Friedrich's II. 25 jü- 
dische Familien (unter 47 christlichen und 681 saracenischen), auf Gozzo 
(Gaudisium) 8 jüdische Familien (unter 203 christlichen nnd 155 moha- 
medanischen) ^). Die Gemeinde zu Palermo, wo bereits im 6. Jahr- 
hunderte eine beträchtliche Anzahl Juden mit mehreren schmuckreichen 
Synagogen und dazu gehörigen Gärten und Hospitälern wohnten*), zählte 
um's J. 1170 ungefähr 1500 Judenfamilien ^), war das Haupt aller jüdischen 
Gemeinden in Sicilien und an Grösse und Relchthum die bedeutendste. 
Man kann darauf schon schliessen aus der Nachricht, dass »bei den Fest- 
lichkeiten, womit sie im Jahre 1469 die Vermählung Ferdinands von 
Aragonien mit Isabella von Castilien feierte, man eine Schaar von 400 



1) Winkelmann, p. 938. — 2) S. oben S. 11. 

3) »Voyages de Rabbi Benjamin de Tudela,^ trad. par Baratier. 
Amsterdam 1734, t. 1, p. 240. Benjamin war ein spanischer Jude, der — auf 
einer wahren oder erdichteten Reise? — gegen 1170 Europa, Asieaund Africa 
besuchte und seine Erfahrungen niederschrieb, unter der Anzahl der Juden, die er 
angibt, scheint er Familienväter verstanden zu haben, wie auch Qrätz annimmt. 



. Die Juden Italiens im Mittelalter, 45 

Sängern und Tänzern bewanderte, die aus den aumuthigsten und kräf- 
tigsten jüdischen Jünglingen bestand« (Zunz , S. 505). Im Jahre 1453 
machten sie jedenfalls, nach ihrer eigenen oben erwähnten Beschwerde 
wegen der Abgaben, den 10. Theil der Einwohnerschaft Palermo's aus; 
ebenso in Marsala. In Messina wird die Zahl der Juden um 1170 auf 
200 1) , im Jahre 1453 auf 180 Familien oder i/ss der Einwohner ange- 
geben. In Catania wird die ZaM der jüdischen Familie^ im J. 1144 
auf 25 angegeben *). 

Die Verfassung der Gemeinden entsprach wesentlich den Einrich- 
tungen der Juden in Aragonien, Catalonien und der Provence. An der 
Spitze der einzelnen Gemeinden standen die Proti. in den grösseren Ge- 
meinden zwölf an der Zahl, und wurden von vier durch die Gemeinde 
gewäblten Geschworenen auf ein Jahr ernannt ; später wurde ein für alle 
Juden "der Insel gemeinsames Obergericht eingesetzt, welches die Vor- 
steher der einzelnen Gemeinden bestellte. Doch warde dieses Oberge- 
richt auf die Klagen der Juden aufgehoben, und den Gemeinden ein 
gewisses Mass der Selbstverwaltung gestattet. In wie weit damit eigene 
Gerichtsbarkeit verbunden war, ist nicht bekannt. 

Mit der Vertreibung der Juden hatte jedoch das Judenthum auf 
Sicilien nicht aufgehört. Viele hatten sich nämlich taufen lassen, 
waren aber heimlich wieder zum Judenthume zurückgekehrt. Sie muss- 
ten zur Strafe, so verfügte der Inquisitor, ein grQnes Kleid mit rothem 
Kreuze tragen. Ihre Zahl war zu Palermo eine sehr grosse (»quorum 
ingens eo tempore Panormi erat multitudo«). Ein Fasteuprediger trat 
im Jahre 1516 zu Palermo gegen diese heimlichen Juden — aus eigenem 
oder auf Antrieb der Grossen (»proprio ingenio an procerum instinctu, 
incertum«) — auf, und die Folge war, dass das erregte Volk nach ge- 
endigter Predigt allen Juden , die ihm mit dem erwähnten Kleide auf- 
stiessen, dasselbe wegriss und es zerfetzte, woran sich weiter ein Auf- 
stand gegen den verhassten Statthalter Hugo Montecatinus anschloss^). 

Erwähnt sei noch, dass die Juden, selbst nachdem Carl V. sie 1539 
auch aus Neapel verbannt, als fremde Kaufleute Sicilien besuchen durf- 
ten, bis Philipp II. im Jahre 1591 auch dies verbot, Carl n. erlaubte 
im Jahre 1695 den Juden wieder , behufs ihrer Geschäfte nach Messina 
zu kommen ; aber sie mussten ein Abzeichen tragen und während der 
Nacht die Stadt verlassen. Am 9. October 1728 wurde ihnen erlaubt, in 
jeder sicilianischen Stadt Handel zu treiben, in Messina zu wohnen, Sy- 
nagogen zu errichten, Begräbnissplätze zu erwerben, ihre Religion zu 
beobachten, als Aerzte zu prakticiren. Im Uebrigen fallen ihre Geschicke, 
daselbst mit denen der Juden in Neapel zusammen. 

Von den Juden des Königreichs Neapel — das bis 1442 unter dem 
Hause Anjou (seit 1382 unter der ungarischen Linie desselben) stand, 
und dann unter aragonischen Fürsten, von 1442—1458 wieder mit Sicilien 



1) Benjamin de Tud. t, 1, p. 240. 

2) AmaH: »Storia dei Musulmani di Sicilia,« t. 3, p. 209. 

3) So der gleichzeitige Qeschichtschreiber Th. Fazetlo: »De rebus Sl- 
culis,« II. Dec. 1. c. 1 bei Graevius, 1. c. t. 3, p. 689. 



46 Erler, Hist-krit Ueberaickt d. nationälökon, u, soc-poL Literatur, 

vereinigt, bis es 1501 mit Sicilieu Provinz der spanisclien Monarchie 
ward — haben wir wenige Nachrichten. Ob die durch das oben er- 
wähnte Decret Carl's IL vom J. 1289 verfugte Austreibung der Juden 
wirklich stattgefunden , darüber fehlen weitere Angaben. Jedenfalls 
finden sich die Juden später wieder in dem Königreiche. »Sie hatten 
sich,«c sagt Giannone bezüglich des 13. und der folgenden Jahrhunderte, 
»besonders in Calabrien so sehr ausgebreitet, dass sie in verschiedenen 
Städten ganze Strassen bevölkerten, welchen man deswegen den Na- 
men Giudecca, Judengasse, gab. Sie vermehrten sich nicht nur iif An- 
sehung der Bevölkerung, sondern sie erlangten auch ausserordentliche 
Reichthümeri).€ Ihr Treiben veranlasste die Königin Johanna am 
3. Mai 1427, den hl. Johannes Capistranus zum Inquisitor der Juden 
zu ernennen, weil si^, wie es in dem betreifenden Diplome heisst, 
in vielen Punkten gegen die gesetzlichen Bestimmungen handelten und 
insbes(^idere durch Wucher das Volk bedrängten 2). Auch legte ihnen 
Johanna am 28. October 1429 eine besondere einmalige Steuer zur Be- 
streitung der Kosten für die Wiedereroberung des hl. Grabes auf ^). Er- 
wähnt sei femer, däss König Alphons am 2l5. Mai 1450 und ebenso 
König Ferdinand L am 12. Mai 1467 der erzbischöflichen Kirche von 
Cosenza die ihr schon von Kaiser Friedrich II. im Jahre 1212 über die 
Juden daselbst verliehene Gerichtsbarkeit in ihrem ganzen Umfange be- 
stätigten, und dass Ferdinand durch einen weiteren Erlass vom 27. März 
1469 an alle Magistrate und Grossen des Königreichs den Erzbischof 
von Cosenza und seine Vasallen im Besitze des dortigen Judenviertels 
und anderer Territorien und Rechte zu schützen befahl*). 

Einen anschaulichen Bericht von dem damaligen Treiben der Juden 
gibt uns der gleichzeitige Geschichtschreiber Ambrosius Leo in einer 
Geschichte seiner Vaterstadt Nola. Im Jahre 1440 seien die ersten Juden, 
erzählt er, in geringer Zahl nach Nola gekommen, unter ihnen auch ein 
Arzt Vilielmus in schäbigem ärmlichem Aufzuge. Ganz Nola sei darüber 
in Aufregung gekommen. Nachdem diese so gleichsam Quartier gemacht, 
seien allmälig mehrere gekommen, so dass sie zwanzig Häuser in Miethe 
bewohnt hätten. Die zuerst Angekommenen ^seien binnen wenigen Jahren 
durch Wucher sehr reich geworden; denn sie hätten gegen Kleidungs- 
stücke aller Art, gegen Gefässe aus Erz , Zinn und Silber, gegen Ringe 
und jedwelcüe Pretiosen als Unterpfand Geld auf Zins geliehen; der Zins 
aber sei monatlich gewesen und habe, zum Capital geschlagen, dasselbe 
in kurzer Zeit so vermehrt, dass die Forderung dem Werthe des Unter- 
pfandes gleich kam und dieses dem Juden verfiel 5). Vilielmus habe als 
der erste auch ein grosses Haus gekauft und dasselbe noch vergrössert 
und verschönert ; ebenso habe er ein umfangreiches Grundstück erworben. 



1) Giannone a. a. 0. Bd. 4, S. 94. Nach Benjamin de Tud. (t. 1, p. 29 sqq.) 
zählte Capua c. 300, Neapel 500, Salerno 600, Amalfi 20, iBenevent 200, Melfi 
200, Ascoli 40, Trani 200, Tarent 300, Brindisi 10, Otranto 500 Judenfamilien. 

2) *Acta Sanctorum,* Octob. t. 10, p. 284, n. 56. 

3) Giannone a. a. 0. S. 94. — 4) Ughelli L c. 9, 218. 240. 244. 

5) »Foenus autem erat menstruum: velut pro sexagenis mutuatis num- 
mis singulos cum seraisso expilabant,« also 120 ^JQ jährlich I 



'^:.: 



Die Juden Italiens im Mittelälter, 47 

Beide seien später in den Besitz der vornehmen Familie der Cäsariner 
übergegangen, als bei dem Einmärsche der Franzosen in das Land (1495) 
alle Juden beraubt worden seien. Sie benzig Jahre hätten die Juden in 
Nola gewohnt, bis sie im Jahre 1509 aus dem ganzen Königreiche aus- 
gewiesen worden seien i). 

Gegen dieses wucherische Treiben trat auch der selige Bernardinus 
von Feltre während seiner Wirksamkeit im Neapolitanischen am Ende 
des Jahres 1488 und am Anfange des folgenden Jahres auf. Als er zu 
Aquila weilte und zur Eindämmung des Judenwuchers die Wiederherstellung 
des in Vergessenheit gerathenen Mons pietatis (Leihhauses) bewirkte, schick- 
ten die Juden , voll Unwillen über diese Beeinträchtigung ihrer Leihge- 
schäfte, Abgesandte an ihn mit der Bitte, er möge, da der König durch 
ihre Privilegien sie beschütze, nicht so heftig gegen sie auftreten und 
ihre Zinsgeschäfte, die sie ja überall und gerade in den vornehmsten 
Städten Italiens betrieben, nicht für so unerlaubt erachten. Als dies ver- 
geblich war, gewannen sie den Vorsteher der Provinz durch viele Geschenke 
fiii; sich und reizten ihn, sowie auch den Herzog von Calabrien, den 
späteren König Älphons, Sohn König Ferdinand L, gegen den Heiligen 
auf. Von Alphons erhielt er alsbald ein Schreiben, dass er vor 
dem Könige in Neapel zu erscheinen habe , und von dem <}uardian zu 
Neapel. wurde er gemahnt, dass der König wegen der Aufregung aller 
Bürger gegen die Juden sehr über ihn erzürnt sei. Bernardinus antwortete, 
er sei für die Sache Gottes und der Armen eingetreten und habe den 
gottlosen Wucher verurtheilt; er wundere sich überaus, dass von katho- 
lischen Fürsten das so verbrecherische, den Christen so feindselige, Gott 
und den Menschen verhassto jüdische Volk durch soviele Gunstbezeugungen 
und Privilegien in Schutz genommen werde; er werde jedoch er- 
scheinen und sich über seine Thätigkeit verantworten, sobald er von 
seinem Vorgesetzten die Erlaubniss erhalten habe, Aquila zu verlassen. 
Man scheint ihn jedoch nicht weiter behelligt und die Forderung, dass 
er vor dem Könige erscheine, fallen gelassen zu haben. In einer 
weiteren Predigt verherrlichte Bernardinus den hl. J"ohannes Capistranus, 
den unerbittlichen Gegner der Juden und Häretiker, welcher in der Nähe 
jener Stadt geboren war. 

Von Aquila begab er sich nach Theate (gewöhnlich Chieti genannt), ' 
wo er in seiner letzten Predigt ebenfalls gegen den Wucher der Juden 
auftrat und die Errichtung eines Mons pietatis veranlasste. Zu Inte- 
ramna sorgte er für' die Hebung des Mons pietatis. Auch in einigen 
naheliegenden Städten des Kirchenstaates veranlasste er bei dieser Reise 
die Errichtung der Montes. Weiter kam Bernardinus nicht im Neapoli- 
tanischen, da er abberufen wurde, um in Siena die Fastenpredigten zu 
halten. Als er aber im August des Jahres 1489 zu Reggio im Modene- 
sischen war, und die Herzogin Eleonora von Perrara, eine Tochter des 
Königs Ferdinand von Neapel, mit ihren Kindern ihn besuchte, ermahnte 
er sie, ihrem Bruder^ dem Herzog Alphons von Calabrien zu schreiben, 



1) Amhr, Leo: »Antiquitatum necnon Historiarum urbis et agri Nolae 
libri III,« 1. 3, c.-4, bei Graevius: »Thesaurus antiquitat^m et historiarum 
Italiae.« Lugd. Bat. 1704 sqq. t. 9, p. 4. 



48 Erler, Hist-krit Uebersicht d. tuttionatökon. U. aoc.-pöt Literatur. 

er solle sich vor der Unterdrückung der Armen, der Begünstigung der Juden 
und ungerechten Kriegen hüten, widrigenfalls er gemäss der Weissagung 
des Jacob von Picenum aus seinem Reiche werde vertrieben werden, was 
in der That auch in Erfüllung ging^). 

Die Könige Ferdinand I. (1458-1494) und Alphons IL (Januar 
1494 bis Januar 1495) waren beide sowohl wegen ihrer Grausamkeit dem 
Volke verhasst, als auch Freunde der Juden. »Beide ,€ sagt Joseph ha 
Cohen, »hatten sich gegen die Juden gnädig erwiesen, und viele von den 
Juden, welche aus Spanien vertrieben worden waren, hatten sich dorthin 
(nach Neapel) begeben und in den Städten ihres Beiches sehr vermehrt^).« 
In der That, Ferdinand I , »mag es nun aus Berechnung oder aus Edel- 
muth geschehen sein, hiess sie willkommen und öffnete ihnen sein Land. 
Viele Tausende landeten im Hafen von Neapel (1492) und wurden gut aufge- 
nommen').« Unter diesen Flüchtlingen befand sich auch der von den Juden 
vielgenannte Isaak Abrabanel , der bereits in Portugal Finanzagent und 
Schatzmeister der Könige Alphons V. und Johann IL gewesen, dann, 
der Theilnahme an einer Verschwörung beschuldigt, mit Verlust seines 
ganzen Vermögens nach Spanien geflüchtet war (1483), wo er alsbald 
wieder das Amt eines königlichen Steuerpächters (1484—1492) erlangte 
und sich, wie er selbst erzählt, Reichthümer erwarb, Grundbesitz an- 
kaufte und von Seiten des Hofes und der ersten Granden hohe Ehren 
g'enoss. Auch in Neapel ward er von dem Könige Ferdinand bald in^ 
seine Dienste, »wahrscheinlich im Finanzfache,« gezogen und »erwarb 
sich Namen und Vermögen und hatte Freude und Ueberfluss an Allem.« 
Auch Alphons IL behielt Abrabanel in seinem Dienste und nahm ihn 
nach seiner Abdankung und Flucht vor Carl VIII. von Frankreich 
mit nach Sicilien. Nach Alphons Tode^) begab er sich nach Corfu, 



1) Wadding: »Annales« ad a. 1489 in: Act Sanct Sept. t. 7, 848 sqq. 
n. 827 sqq. 

2) »Emek habacha,« hsg. v. Wiener, Leipz. 1858, S. 78. 

3) Qrätz, 8, 348. 

4) An Alphons hat sich die oben erwähnte Weissagung des Jacobus 
Picenus wörtlich erfüllt. Volk 'und Adel sahen ihn als einen grausamen und 
tyrannischen Menschen an und begrüssten die herannahenden Franzosen als 
ihre Befreier. Alphons aber Hess, wie Giannone erzählt, »alle Hoffnung 
sinken . . . Seine Verzweifelung brachte ihn zu dem Entschlüsse^ das Beich zu 
verlassen.« Er dankte zu Gunsten seines Sohnes Ferdinand^s H. ab , »in der 
Hofbung, es würden seine Unterthanen nach der Herrschaft der Franzosen kein 
so grosses Verlangen mehr tragen, wenn durch seine Abtretung die Quelle ihres 
ungemessenen Hasses verstopft würde.« Allein m war zu spät. »Er verflel 
in eine so ausserordentliche Furcht, dass es ihm schien, als schriee alles zu- ' 
sammen : Frankreich ! Frankreich ! Er entschloss sich also schnell von Neapel 
abzureisen und sich nach Sicilien zu begeben.« Nicht einmal seinem Bruder 
und seinem Sohne sprach er davon. »Bei seiner Abreise selbst zeigte er noch 
so viele Furcht, dass es ihm schien, als ob er schon von Franzosen umgeben 
wäre. Er floh nach Mazara in Sicilien,« wo er bereits im November desselben 
Jahres nach strenger Busse starb. Sein Sohn Ferdinand II. musste alsbald 
nach Ischia fliehen. Er gewann zwar im Juli desselben Jahres sein Beich 



Die Juden Italiens im Mittelalter, 49 

dann nach Monopoli in Apulien nnd endlich nach Venedig , wo er zur 
Vennittelung eines Streites zwischen der Republik und Portugal, sowie 
in anderen politischen Fragen thätig gewesen sein soll und im J. 1509 
starb 1). Auch hatte König Ferdinand I. einen jüdischen Leibarzt, den 
er sogar in den Adelstand erhob ^J. 

Bei der Eroberung Neapels durch Carl VIII. von Frankreich in den 
Jahren 1495 und 1496 und ebenso bei der zweiten Besetzung Neapels 
durch die Spanier und Franzosen und dem in der Folge zwischen beiden 
ausgebrochenen Kriege von 1500—1504 kamen die Juden in arges Ge- 
dränge, Sie wurden theils von den Soldaten, theils von dem Volke ge- 
plündert ^). Viele flohen; andere nahmen die Taufe an., kehrten aber, 
sobald (Jie Gefahr vorüber war, wieder zum Judenthume zurück. Sie 
scheinen sogar an dem, wie Grätz ihn nennt, »heldenmüthigen, liebens- 
würdigen und verschwenderischen« spanischen Grosscapitän Gongalo de 
Cordova, dem Eroberer und Vicekönig Neapels, einen Beschützer ge- 
funden zu haben. Denn »als König Ferdinand (der Katholische) nach 
Eroberung des Königreichs Neapel (1504) befohlen hatte, die Juden von 
hier ebenso wie aus Spanien ,zu verweisen , hintertrieb es der Grosscapi- 
tän mit der Bemerkung : dass sich im Ganzen nur wenig Juden im Nea- 
politanischen befänden ,' indem die meisten der Eingewanderten entweder 
wieder ausgewandert oder zum Christenthume übergetreten wären^ Die 
Ausweisung dieser wenigen würde dem Lande nur zum Nachtheil ge- 
reichen, weil sie nach Venedig übersiedeln und ihren Gewerbfleiss und 
ihre Reichthümer dortbin tragen würden.« Gon9alo hatte auch (von 
1505—1507) einen: jüdischen Leibarzt , den Leon Medigo , einen Sohn 
Abrabanels. Gon9alo wurde jedoch im Jahre 1507 in ungnädiger Weise 
seiner Stelle enthoben 4). 

Im Jahre 1509 wollte König Ferdinand hauptsächlich der verkappten 
Juden wegen die Inquisition in Neapel einführen. Er stand zwar wegen 
der allgemeinen Aufregung des Volkes gegen dieses Staatsinstitat , an 



wieder, starb jedoch schon im Jahre 1496 ; dessen Sohn Friedrich IIL wurde im 
Jahre 1501 von den Franzosen und Spaniern entthront und starbnh Frankreich 
im J. 1504. Sein Geschlecht war eben so unglücklich. Es erlosch ira.J. 1550. 
{Giannone, 3, 625 ff.). 

1) Grätz, 8, 316. 349; 9, 6. Kayserling: »GesAi. d. Juden in Portu- 
gal,« Lpz. 1867, S. 72. 100. 

2) Grätz, 8, 237. 

3) Es scheint unter dem Volke eben eine grosse Erbitterung, gegen die 
Juden geherrscht zu haben. Als Carl VIIL nach Neapel kam und Ferdinand IL 
vor ihm floh, »gab man,« wie Joseph ha Cohen berichtet, »die dort in grosser 
Anzahl befindlichen Juden der Plünderung Preis , so dass Israel in jener ver- 
hängnissvollen Zeit sehr herunterkam.« A. a. 0. S. 74. 

4) Grätz, 9, 3 ff. — Depping : »Les Juifs dans le moyen äge.« Par. 
1845, p. 487 f. In der Familie dieses Gonpalo scheinen überhaupt jüdische 
Sympathieen und vielleicht auch jüdisches Blut vorhanden gewesen zu sein. 
Wenigstens trat ein Nachkomme desselben, Alonso de Herrera (geb. um 1570, 
gest. 1631), der als Kriegsgefangener nach England kam und bei seiner Frei- 
lassung nach Amsterdam ging, daselbst zum Judenthuihe über {Grätz, 9, 494), 

Archiv für Kircbenrecht. XLVIU. 4 



50 Erler, Hist.-krit V eher sieht d, nationalökon. u. soc-poL Liter aiuf^ 

welcher die Juden nicht geringen Antheil hatten, davon ah, übersandte 
jedoch zugleich mit dem Schreiben, worin er dies dem Vicekönige knnd- 
that, ein Decret, durch welches alle Juden und alle Neophiten (Neubekehrte), 
welche von Juden abstammten, aus dem Königreiche verwiesen wurden. 
Als diese Nachrichten dem Volke mitgetheilt wurden, erhob sich allge- 
meine Freude 1). Ob diese Ausweisung allgemein durchgeführt wurde, 
scheint fraglich; jeden&Us kehrten nach Fenlinands Tod (1516) nicht 
wenige wieder zurück, bis sie von Carl V. im Jahre 1540 definitiv aus 
dem Königreiche ausgewiesen wurden. Der liberale Giannono berichtet 
über ihr Treiben in jener Zeit n^h gleichzeitigen Geschichtschreibern 
folgendermassen : »Die Juden kamen das zweite Mal im Jahre 1492 zu 
uns, als sie Ferdinand der Katholische aus Spanien vertrieben hatte. 
Diese neuen Ankömmlinge vermischten sich mit der ersten Brut dieses 
Geschlechtes; hierdurch wurden die Judenstrassen , die sie bewohnten, 
noch mehr bevölkert; sie vervielfältigten sich erstaunlich und zogen die 
grössten Beichthümer an sich; sie trieben ihr gewohntes Geschäft, sie 
kauften and verkauften Kleider und andere alte Waaren und zogen dar- 
aus ihren Nutzen; vornehmlich aber machten sie Geldanlehnungen um 
die allersohwersten Zinsen. Auf der einen Seite dienten sie zu einer 
grossen Bequemlichkeit, auf der anderen aber waren die Zinsen, welche 
diejenigen, welche mit ihnen zu schaffen hatten, erlegen mussten, uner- 
träglich. Gregorius Bosse erzählt, dass die Monate über, als sich der 
Kaiser in Neapel aufgehalten hatte (vom 25. November 15B5 bis 22. März 
1536), viele Bürger und besonders viele Vornehme und Edele verarmten, 
weil sie, um bei dieser Gelegenheit Staat zu machen, den Juden fast all 
ihr Silber und ihre Kostbarkeiten verpfändeten, welche daraus die alier- 
schwersten Zinsen zogen und noch mehr würden gewonnen haben, wenn 
sich der Kaiser noch länger in Neapel würde aufgehalten haben. Ob sie 
nun wohl Ferdinand der Katholische aus Spanien verjagt hatte, so dul- 
dete sie doch Kaiser Carl V. im Beiche; nur verordnete er, dass sie, 
damit sie nicht mit andern Einwohnern sich vermischten, alle in einer 
Strasse wohnen, und sowohl Männer als Weiber ein besonderes Kenn- 
zeichen am Halse tragen sollten. Nachdem aber zur Zeit des Vice- 
königs Pedro von Toledo ihr Wucher noch mehr gestiegen, und die 
ganze Stadt voll von Beschwerden wider die Erpressungen dieser Leute 
war ; so hielt der Vicekönig für rathsam , dem Kaiser davon Nach- 
richt zu geben , von welchem er auch den Befehl erhielt , sie zu ver- 
jagen. Er Hess zu dem Ende im Jahre 1540 öffentlich bekannt machen, 
dass alle Juden sich aus Neapel und aus dem ganzen Königreiche ent- 
fernen sollten. Sie zogen endlich davon und der grösste Theil begab 
sich nach Born und in andere Gegenden?).« Ein Gesuch um die Erlaub- 



1) TrisL Caraccioli: /»De inquisitione epistola« bei MuratoH, Script, 
t. 22, c. 97 sqq.; Zurita: Anal, de Aragon, 6, 9, 26 bei Depping, p. 489. 
Giannone meldet nichts von dieser Ausweisung, sondern nur von einer Prag- 
matica de Judaeis (4, 103); allein nach der bestimmten Angabe des gleich- 
zeitigen Caraccioli und des Zurita. sowie nach dem obigen Berichte des Ambr. 
Leo über Nola ist daran nicht zu zweifeln. 

2) öianno7i€, 4,. 94 f. 



Die Juden Italiens im Mittelalter, 51 

uiss zur Rückkehr .wurde Dicht bewilligt. Doch blieben eine Anzahl von 
Familien jüdischer Abkunft zurück, welche in ihrem geschäftlichen Ge- 
baren das jüdische Wesen nicht verläugneten, bezüglich der bürgerlichen 
Pflichten und Lasten jedoch keine Ausnahme machten ^). 

Zweihundert Jahre später gestattete König Carl III. durch ein Edict 
vom 3. Februar 1740 den Juden aller Orten sich im ganzen Reiche auf 
50 Jahre niederzulassen, mit folgenden ausserordentlichen Privilegien: 
Sie sollten ohne Entrichtung von Zöllen Handel zu Wasser und zu Land 
treiben können. Zur Entscheidung über wichtige Fälle wurde ihnen ein 
besonderes Judengericht gesetzt, und sollten sie keiner anderen Behörde 
unterworfen sein* übrigens aber im Handelsrechte allen Neapolitanischen 
Kaufleuten gleichstehen. Es ward ihnen ferner gestattet, eigene Rab- 
biner zur Leitung der inneren Angelegenheiten einzusetzen, Synagogen 
zu bauen, Handwerke jeder Art auszuüben, Grundstücke mit Ausnahme 
solcher, die Lehngüter oder mit Jurisdiction verbunden seien, zu erwer- 
ben, türkische Sclaven zu halten, christliche Ammen nach eingeholter 
Erlaubniss zu nehmen, christliche männliche Dienstboten Ciber 25 Jahre 
alt und weibliche über 35 Jahre alt zu miethen, die Arzneikünd6 unter 
sich ohne Einschränkung und bei Christen unter Aufsicht eines christ- 
lichen Arztes auszuüben, Waffen zu tragen. Den Rabbinern zu Neapel 
ward das Recht in Civil- und Criminalsachen zu erkennen und den Bann 
zu verfügen eingeräumt, sowie das jüdische Recht hinsichtlich der Mit- 
gift, der Testamente, der Erbfolge, der Buchführung, des Kalenders an- 
erkannt. Gerichtsgebühren sollten sie landesüblich zahlen , alle in ihren 
Angelegenheiten erlassenen Ordonnanzen unentgeltlich haben, bei vor- 
fallenden Bankerotten das fremde Gut bergen dürfen, von jeder Einquar- 
tierung und Lieferung zum Heere frei sein, Kennzeichen nicht zu tragen 
haben. Den Christen ward jede Beleidigung der Juden und Proselyten- 
machen bei deren Kindern streng untersagt. Auf Blutsvermischung 
zwischen Juden und Christen wurden Geldstrafen gesetzt. In streitigen 
Fällen sollton alle diese Privilegien im besten Sinne ausgelegt werden. 
Nach Verlauf der fünfzig Jahre sollten die Juden im Falle der Kündigung 
eine fünfjährige Frist zum Abzüge erhalten ; im anderen Falle aber soll- 
ten die Privilegien auf weitere fünfzig Jahre geltdii. Dieses Edict ^ er- 
regte grossen Unwillen unter dem Volke. Die Juden kamen zwar von 
allen Seiten herbei, zogen sich aber aus Furcht vor der allgemeinen Er- 
regung bald wieder zurück. Das Edict wurde am 13. September 1740 
widerrufen. Es blieben nur wenige und fast nur arme Juden in Neapel, 
einige abgerechnet, die unter der Maske des Christenthums ungekannt 
ihren Handel daselbst fortsetzten ^). Seitdem durften bis in die neuere 
Zeit Juden nicht mehr im Königreiche wohnen. 



1) »Neapoli a Petro e Toleto 1540 ejecti sunt ; iterum cum accedere ten- 
tassent, non fuit permissum. Reliquae tarnen aliquot familiae sunt, quae a 
Judaeis originem ducunt et quae in negotiis peragendis Judaismum sapiunt nee 
in rebus publicis onera subire et petere verentur.« Capacius: »Antiquitates 
et hLstoriae Neapolitanae,« bei Graevius: »Thesaurus antiq. et bist. Ital.« 
t. 9, pars 2, pg. 58. 

2) Joatj 9, 18 ff. — Die »Beriinische Nachrichten« von 1740, N. 41 be- 

4* 



52 Erler, Hist-krit, Üebersicht d, nationalökon. u. aoc-poL tdteratur, 

Anf der Insel Sardinien finden sich die Jnden schon sehr frühe. 
Wenn sie bereits zur Zeit des Jesaias (im 8. Jahrh. vor Chr.) mit Italien 
und Spanien Verbindangen oder gar schon Niederlassungen daselbst 
hatten, so mag auch die Behauptang des sardinischen Geschichtschrei- 
bers Salvafor Vitalis (zu Anfang des 17. Jahrh.) richtig sein, dass sie 
damals schon auf Sardinien lebten, wenn auch seine Beweisführung der 
Grundlage entbehrt ^). Gewiss ist, dass durch Decrete des Augustus ver- 
boten wurde, die Juden auf Sardinien an der Sendung von Geschenken 
und Geldern für den Tempel nach Jerusalem zu hindern^), sowie dass 
Tiberius im Jahre 19 nach Chr. 4000 wafPenfähige Juden aus Eom nach 
Sardinien verbannte ^). Auch Gregor d. Gr. richfete. wie oben erwähnt, 
in BetreflF der Juden einige Briefe nach Sardinien. Im Mittelalter befand 
sich Sardinien unter der Herrschaft der Vandalen, Griechen, Saracenen 
(seit 720), Pisaner im Kampfe mit den Genuesen (seit 1022) — eine kurze 
Zeit nannte sich auch Enzio, ein Sohn Friedrichs IL, König von Sar- 
dinien (1238-^1249) — dann der Konige von Aragonien (seit 1324), bis 
sie 1713 an Oesterreich und. 1720 an Savoyen kam, und theilten da die 
Jnden wohl im allgemeinen die rechtliche Lage und die Schicksale ihrer 
Stammgenossen in den betreffenden Ländern. Factisch scheinen sie , wie 
sehr zahlreich , so auch sehr einflussreich auf Sardinien gewesen zu sein. 
Der genannte Geschichtschreiber berichtet, dass das schlaue und ver- 
schlagene Volk (»sagax versutaque natio«) in vielen Städten und Gegen- 
den, vorzugsweise aber in den furchtbarsten Gegenden ansässig gewesen 
sei (»pinguioribus regionibus renibus posita est«), die besten Ländereien 
besessen habe (»meliorem possedit agrum,« wobei er die Worte des alten 
Philo citirt: »Omnes urbes, quae bonum agrum habent, a Judaeis in- 
coluntur«) und namentlich in Stadt und Gegend von Sanctus Petrus de 
Paradiso (San Pietro) sehr reich und mächtig gewesen sei (»Erat enim ibi 
ditissimus et potentissimus Judaismus»)*). Die Juden Sardiniens wur- 
den, wie die Spaniens und Siciliens, ebenfalls im J. 1492 verbannt 5). 
Daher erwähnt Vitalis ihrer auch nur als solcher, die früher auf Sar- 
dinien gewohnt. 



richteten als etwas ^Merkwürdiges, dass vier von den in Neapel angekommenen 
Juden reiche Leute seien, Degen trugen und von Bedienten begleitet ausgingen 
{Zünz a. a. 0. S. 533). Jost berichtet im 10. im J. 1847 erschienenen Bande, 
2. Abth. S. 288. . »Im Königreiche beider Sicilien dürfen gesetzlich keine Is- 
raeliten wohnen. Doch will mau wissen, dass gegen 2000 zerstreut sich in 
diesem Reiche aufhalten, ohne gerade verfolgt zu werden, aber ohne Rechte. 
Das Haus Rothschild ist in Neapel begünstigt, und mehrere Glieder desselben 
decorirt und in Würden eingesetzt.« 

1) »Annales Sardiniae,« bei Graevius: »Thesaurus antiq. et bist. Si- 
ciliae, Sardiniae« etc., Lugd. Bat. 1723 sqq. t. 15, p. 89 sq. 

2)'Ftaviu8 Joaephus: »Antiquit.« 16, 10; 18, 12. 

3) Tacitus: »Annales« 2, 85; s. oben Bd. 42, S. 57. 

4) »AnnaL Sard.* 1. c. p. 208 sq. 

5) Gazana: »Storia della Sardcgna,« 2, 151, bei Cassel S. 147.' 

(Portsetzung folgt.) 



53 



ir. 

Die bürgerliche Todeserldärung behufs Wiederverehelichung 
und die l(irchenrechtliche Doctrin hierüber. 

Von Dr. Theodor Kohn, Weltpriester der Erzdiöcese Olmütz. 

Ans Anlass des Bingtheaterbrandes in Wien am 8, December 
1881 wurde die k. k. Regierung aufgefordert, eine Gesetzesvorlage 
im Beicbsrathe einzubringen , die die bisherige in den §§. 24, 112, 
113, 114, 277 und 278 des a. b. G. B. vorgezeichneto Procedur 
regeln und zum rascheren Ende führen sollte. Ohne über die Zweck- 
mässigkeit des projectirten Gesetzes ein ürtheil abgeben zu wollen, 
bemerken wir, dass Stimmen auf katholischer Seite laut wurden, die 
die Begierungsvorlage, insbesondere jene §§. derselben, die über die 
beizubringenden Beweise des erfolgten Todes des einen Ehegatten 
handeln, vom kirchenrechtlichen Standpunkte aus als nicht annehm- 
bar bezeichneten. 

Wir wollen nun die diesbezügliche kircherirechtliche Doctrin 
in chronologischer Ordnung und zum Schlüsse eine den Gegenstand 
vollkommen erschöpfende Instruction der Inquisition aus unseren 
Tagen mittheileuv 

Die Kirche war zu allen Zeiten ängstlich bemüht, das einmal 
geschlossene Eheband unter allen umständen au&echt zu erhalten. 
Mochte die Civilgesetzgebung bezüglich der Abwesenheit des einen 
Ehegatten was immer stipulirt haben : für die Kirche reichte eine 
blosse Abwesenheit^ wenn sie noch so lange dauerte, nie hin ^). 

Hiefür kann man die ältesten Schriftsteller der Kirche an- 
führen. So schrieb z..B. der hl. Basüius an Ämphilochium : »Quae 
cum vir secessit et non apparet, antequam de ejus morte certior 
facta Sit, cum alio cohabitavit, moechatur.« Und an einer anderen 
Stelle: »Militum uxores, quae cum mariti ipsarum non appa^eant, 
nupserunt, eidem rationi subjiciuntur, cui eae, quae propter marito- 
mm peregrinationem ac absentiam reditu non exspectato nupserint % 

Nur die verbürgte Kunde von dem Tode des verschollenen Ehe- 

1) Van Espen, Jus eccles.' univ. tars II. Tit. XV. cap. III. n. 5 
Sanchez, de s. matrimonii Sacramento lib. IL Disp. XLL n. 1; Giraldi, 
Expos, jur pontif. P. I. Tom. IL Tit. XVII. pg, 538. 

2) 8. Basilii epistola canonica ad Amphilocbian) can. 31 und 36. 



54 Kohriy Die hürgerl, Todeserklärung behufs Wiederverehelichang. 

gatten galt für die Kirche als genügender Grund, dem anderen Ehe- 
theile die Erlaubniss zur Wieder verehelichung zu ertheilen. 

Als an den Papst Clemens III. von einigen Frauen, deren 
Männer in Gefangenschaft geriethen und seit vielen Jahren nicht 
zurückkehrten, das Begehren gestellt wurde, ihnen zu erlauben, sich 
zu verehelichen, obschon nach sorgfältigster Nachforschung der er- 
folgte Tod der abwesenden Gatten nicht constatirt werden konnte, 
da antwortete der Papst: »Quod quantocunque annorura spatio ita 
remaneant viventibus vrris suis, non possunt ad aliorum consortiura 
canonice convolare , nee auctoritate ecclesiae permittas contrahere, 
donec certum nuntium recipiaut de morte virorum.c Cap. 19. de 
sponsalibus. 

Und der Papst Lucius IIL bestimmt im Allgemeinen für die 
Gläubigen, die in die -Gefangenschaft der Saracenen geriethen: »üt 
nullus ex vobis amodo ad secundas nuptias migrare praesumat, donec 
ei firma certitudine constet, quod ab hac vita migraverit conjux ejus.« 
Cap. 2. de secundis nuptiis. 

Diese Bestimmung des Decretalen-Rechtes ging in die Parti*- 
culargesetzgebung über. So verordnet z. B. die Diöcesan-Synode 
von Mecheln: »Cum ex longa conjugis absentia non resultet certi- 
tudo de ejus obitu et mors non praesuraatur, sed probanda sit — 
quilibet enim vivere praesumitur — ad secundas nuptias convolare 
desiderans, raatrimonio non jungatur, nisi habita prius legitima cer- 
titudine de morte prioris conjugis, etiamsi non septem tantum, ut 
multis persuasum est, sed etiam viginti, triginta et plures annos 
continuos eum abfuisse constiterit ^).« 

Es fragt sich nun, wie muss die Kunde beschaffen sein, um 
den kirchlichen Richter zu bestimmen, dem übrig gebliebenen Ehe- 
gatten die Erlaubniss zur Wiederverehelichung zu gewähren? 

Diese Frage wurde von den Canonisten der älteren Schule viel- 
fach erörtert. Der gelehrte Streit drehte sich zumeist um folgende 
drei Punkte: 

a) ob die. Kunde über den erfolgten Tod über jeden Zweifel 
erhaben sein muss — omnimoda certitudo mortis — ; 

b) ob die Aussage eines Zeugen hinreichend ist — dictum 
unius tesfis — ; 

c) ob das blosse Gerücht genügt — an sufficiat fama. 

Was den ersten Punkt betrifft, so war die Mehrzahl der Ca- 
nonisten dafür, dass das in den oben angeführten Decretaleu cap. 19. 



1) Synodns Dioec. Mechlin. anni 1609. Tit. IX. cap. X. 



Kohn, Die bürgert. Todeserklärung behufs Wiederv er ehelichung. 55 

de Sponsalibus und cap. 2. de secundis nuptiis vorlangte certum 
nuntiura, iirma certitudo nichts anderes als die certitudo moralis 
bedeute. Zur Bestätigung des Gesagten führen wir nachstehende 
Auetoren an : Ärmilla verb. matrimouinm n. 45 ; Mascard, de prob, 
conclus. 1074. n. 5 ; D. Antonius 3. part. t. l. c. 9 ; Bartholomaeus 
a Ledesma de matriraonio dub. 56. conc. 9;- Sotus. 4. d. 37. q. a. 
5. vers. de hac certitudine; Manud. I. Tom. Sum. 2. edit. c. 233. n. 2. 

Bezuglich des zweiten Punktes fehlte es nicht an solchen 
Casuisten, die die Aussage auch eines Zeugen, falls er eine in jeder 
Hinsicht glaubenswürdige Person war, als ausreichend zur Erlaubniss, 
sich wiederzuverehelichen, erklärten. Wir erwähnen unter Anderen 
den Äbbas d^ c. In praesentia. n. 6 ; Ängdus Matrimonium imped. 
13. n. 4; Veracrmz I. P. Spec. a. 41. conclus. 1. 

Doch die ansehnlicheren Canonisten der älteren Schule wollten 
die Aussagen eines Zeugen im Allgemeinen nicht als genügend an- 
sehen, sondern nur dann, wenn der Ort, wo der eine Ehetheil ge- 
storben zu sein vermuthet wurde, derartig weit war, dass es unmög- 
lich war, andere Beweisgründe beizubringen. Dies ist die Ansicht 
von Sanchez in dem oben citirten Werke de s. matrimonii Sacra- 
mento lib. 11. Disput. XLI. n. 12, wo er ^ich auf eine ganze Reihe 
von Casuisten beruft. 

Auch über den dritten Punkt waren die Ansichten sehr ge- 
theilt. Die besten und gewiegtesten Canonisten erklärten, dass das 
blosse Gerücht nicht ausreiche, wenn nicht andere adminicula vor- 
handen sind. So die Glossa c. Quoniam frequenter, verb. praesumat, 
ut Ute non contest; Nßvarm Sum. c. 22. n. 53; D. Antoninus 3. 
P. t. 1. c. 9. in fine; Sotus 4. d. 37. q. a. 5. verb. Inprimis. 

üeberhaupt musste die fama nach Sanchez also beschaffen sein : 

a) Ut duplici teste probetur: id enim generale est, ut non 
minus quam duo testes pleno probent — n. 16. — ; 

b) ut testes sint omni exceptione majores deponantque, se au- 
divisse a fide dignis; 

c) ut concurrat causa rationabilis , ex qua fama orta est e. g. 
ut si is de cujus morte agitur, mare navigaverit, subortaque tem- 
pestate exspectatus tempore congruo et per loca verisimiiia quaesitus, 
non comparuerit, nee uavis, qua vehebatur; 

d) ut testes deponant se audisse publice a majori populi parte 
nee sat erit deponere publice audiisse; 

e) conditio est, ut deponant testes a quibus personis fama or* 
tum habuerit et a quibus ipsi audierint ^). 

1) Sanchez, Matrimoniam Üb. IL Disput. XLI. n. 6. pag. 197. 



56 Kohn, Die bürgerL Todeserklärung hehufa Wiederverehelichimg, 

Dies ist die kirchenrechtliche Doctrin der älteren Schule über 
die eingangs aufgestellte These. 

Welche Modificationen dieselbe im Laufe der . Zeiten erfahren 
und welche kirchlichen Normen heutigen Tages zu^ Recht bestehen, 
möge man aus den im Archiv Bd. 12. S. 37 ff., Bd 13. S. 214 ff. 223 ff. 
vom sei. Canonicus Df: Dvormh und ebds. Bd. 27. S. 111 ff. von 
Schönhavs dargestellten Bechtsfällen , insbesondere aber aus der im 
Archiv Bd. 22. S. 186. Note 4. mitgetheilten Instructio vom 12. Juni 
1822 entnehmen, und aus der neuerlichen umständlicheren, von den 
Acta s. Sedis Bd. 6. p. 476 sqq. mitgetheilten, folgenden Instructio 
Inquisitiqnis ad probandum obitum alicujus conjugis. 

Matrimonii vinculo duos tantummodo, Christo ita docente, co- 
pulari et conjungi po3se : alterutro vero conjuge vita functo, öecundas 
imo et ulteriores nuptias licitäs esse, dogmatica Ecclesiae catholicae 
doctrina est. 

Verum ad secundas et ulteriores nuptias quod attinet, cum de 
re agatur, quae difficultatibus ac fraudibus haud raro est obnoxia, 
hinc s. Sedes sedulo curavit modo Constitutionibus generalibus, sae- 
pius aytem responsis in casibus particularibus datis, ut libertas, no- 
vas nuptias ineundi ita cuique salva esset, ut praedicta matrimonii 
unitas in 'discrimen non adduceretur. 

Inde constituta s. Canonum, quibus, ut quis possit licite ad~ 
alia Vota transire, exigitur, quod de morte conjugis certo constet, 
uti cap. Dominus, de secundis nuptiis, vel quod de ipsamorte reci- 
piatur certum nuntium, uti in cp. In praesentia, de sponsalibus et 
matrimoniis. Inde etiam ea, quae explanatius traduntur in Instruc- 
tione »Cum alias« 21. Augusti 1670 a demente X. sancita et in 
BuUario Romano inserta, super examine testium pro matrimoniis 
contrahendis in Curia Eminentissimi Vicarii ürbis et caeterorum 
Or^iinariorum. Maxime vero, quae propius ad rem facientia ibi ha- 
bentur n. 11 et 12. 

Et haec quidem abunde sufficerent si in ejusmodi causis pera- 
gendis omnimoda et absoluta certitudo de alterius conjugis obitu 
haberi semper posset; sed cum id non sinant casuum propemodum 
infinitae vices (quod sapienter animadversum est in laudata Instruc- 
tione his verbis : Si tamen hujusmodi testimonia haberi non possunt, 
s. Cong. non intendit excludere alias probationes, quae de jure com- 
muni possunt admitti, dummodo legitimae sint et sufficientes) sequi- 
tur, quod stantibus licet principiis generalibus praestitutis, haud raro 
casus eveniunt, in quibus ecclesiasticorum praesidum judicia haerere 
solent in vera justaque probatione dignoscenda ac statuenda; imo 



Kohn, Die bürgerl. Todeserklärung behufs Wiederverehelichung. 57 

pro summa illa facilitate) quae aetate nostra facta est remotissimas 
quasque regioiies adeuDdi, in omnes fere orbis partes homines deva- 
gentur, ejusmodi casuum multitudo adeo succrevit, ut frequentissimi 
hac de re ad Supreraam hanc Coagregationem habeantur recursiis, 
non sine porro partium incoramodo, quibus inter informationes 
atque instructiones , quas pro re nata, ut aiunt, peti mittique ne- 
cesse est, plurimum defluit temporis, quin possint ad optata vota 
con volare. 

Quapropter s. eadem Congregatio hujusmodi necessitatibus oc- 
currere percupiens simulque perpendens in dissitis praesertim missio- 
num locis, ecclesiasticos praesides opportunis destitui subsidiis, quibus 
ex gravibus difficultatibus extricare se valeant, ere esse censuit, 
uberiorem edere Instructionem , in qua iis, quae jam tradita sunt, 
nuUo pacto abrogatis, regulae iudigitentur, quas in ejusmodi casibus 
haee ipsa s. Cougregatio sequi solet , ut illarura ope vel absque ne- 
cessitate recursus ad s. Sedem possint judicia ferri, vel certe, si re- 
currendum sit, status quaestionis ita dilucide exponatur, ut impediri 
longiori mora sententia non debeat. Itaque 

1. Cum, de conjugis morte quaestio instituitur, notandum 
primo loco, quod argumentum a sola ipsius absentia quantacunque 
(licet a legibus civilibus fere ubique admittatur) a s. canonibus mi- 
nime sufficiens ad justam probationem habetur. Unde s. m. Pius VI. 
ad Archiepiscopum Pragensem die 11. Julii 1789 rescripsit, solam 
conjugis absentiam atque omnimodum ejusdem silentium satis argu- 
mentum non esse ad mortem comprobandam , ne tum quidem , cum 
edicto regio conjux absens evocatus (idemque porro dicendum est, si 
per publicas epberaerides id factum sft) nuUum suimet Judicium 
dederit. Quod enim non comparuerit, idem ait Pontifex, non magis 
mors in causa esse potuit, quam ejus contumacia. 

2. Hinc ad praescriptum eorumdem s. canonum, documentum 
authenticum obitus diligenti studio exquiri omnino debet; exaratum 
scilicet ex regestis paroeciae vel xenodochii, vel militiae, vel etiam, 
si haberi nequeat, ab auctoritate ecclesiastica, a gubernio civili loci, 
in quo, ut supponitur, persona obierit. 

3. Porro quandoque hoc documentum haberi nequit, quo casu 
testium depositionibus supplendum erit. Testes vero duo saltem esse 
debent, jurati, fide digni et qui de facto proprio deponant, defunc- 
tum cognoverint, ac sint inter se concordes quoad locum et causam 
obitus aliasque substantiales circumstantias. Qui insüper, si defuncti 
propingui sint, aut socii itineris, industriae vel etiam militiae, eo 
magis plurimi faciendum erit lUorum testiraonium. 



58 Kohn^ Die bürgert, Todeserklärung behuftf Wicderverehelichung. 

4. InterduQi uuus tantum testis examinandus reperitur et licet 
ab omni JQre testiiuoniam unias ad plene probandum non admittatur 
attamen ne eonjux alias nuptias inire peroptans, vitam coelibem agere 
cogatur, etiam unius testimouiam absolute non respuit Supreraa 
Congregatio in dirimendis hujusmodi casibus, dummodo ille testis 
recensitis conditionibus sit praeditus, nulli exceptioni obnoxius ac 
praäterea ejus dispositiö aliis gravibusque adminiculisfulciatur; sique 
alia extrinseca adminicula colligi oninino nequeant, hoc tarnen cer- 
tum sit, nihil in ejus testimonio reperiri, quod non sit congruum 
atque omnino verisimile. 

5. Contingit etiam, ut testes omnimoda fide digni testificentur, 
se tempore non suspecto mortem conjngis ex aliorum attestatione 
audivisse, isti antem vel quia absentes, vel quja obierint vel aliam 
ob quamcunque rationabilem causam examinari nequennt; tunc dicta 
ex alieno ore, quatenus omnibus aliis in casu concurrentibus circura- 
stantiis aut saltcm urgentioribus respondeant, satis esse censentur 
pro sequutae mortis prudenti judicio. 

6. Verum haud semel experientia compertum habetur, quod 
nee unus quidem reperiatur testis qualis supra adstruitur. Hoc in 
casu probatio obitus ex conjecturis, praesumptionibus, indiciis et ad- 
junctis quibuscunque, sedula certe et admodum cauta investigatione 
curanda erit; ita nimirum, ut pluribus hinc inde coUectis eorumque 
natura perpensa, prout scilicet urgentiora vel leviora sunt, seu pro- 
piore vel remotiore nexu cum veritate mortis conjunguntur , inde 
prudentis viri Judicium ad eandem mortem affirmaudam probabilitäte 
maximu, seu morali certitudine promoveri possit. Quapropter quan- 
donam in singulis casibus habeatur ex hujusmodi conjecturis simul 
conjunctis justa probatio, id prudenti relinquendura est judicis ar- 
bitrio; heic tamen non abs re erit, plures indicare fontes, ex 
quibus illae sive urgentiores, sive etiam leviores colligi et haberi 
possint. 

7. Itaque imprimis illae praesumptiones investigandae erunt, 
quae personam ipsius asserti defuncti respiciunt qnaeque profecto 
facile haberi poterunt a conjunctis, amicis, vicinis, et quoquomodo 
notis utriusque conjngis. In quorum examine requiratur e. g. 

An ille, de cujus obitu est sermo, bonis moribus imbutus esset, 
pie religioseque viveret, uxoremque diligeret, nuUam sese occultandi 
causam haberet^ utrum bona stabilia possideret vel alia a suis pro- 
pingnis aut. aliunJe sperare posset. 

An discesserit annuentibus uxore et conjunctis, quae tunc ejus 
aetas et valetudo esset. 



Kohn, Die bürgerl. Todeserklärung behufs Wi€dtrvereheti<:hHntj. 59 

An aliquandö et quo loco scripserit, et nutu suam volnutaLem 
quamprimara redeundi aperuerit aliaque hujus göiicris iodklii col- 
ligantur. 

Alia ex rerum adjiinctis pro varia absentiao causa colligi indicia 
sie poterunt: 

Si ob militiam abierit, a duee militam requiratur, quid de eo 
sciat; utrum alicui pugnae iuterfuerit, utrura ab lioaübiis fiiorit 
captus, Qum castra deseruerit aut destinatioues t^ericuloaas habaerit. 

Si negotiationis cansa iter susceperit, iaquiratur, iitriim 
tempore itineris gravia pericula fueriiit ipsi supennida; nura solus 
profectus faerit vel pluribus comitatus: utrum in regionem, ad 
quam se contulit, supervenerint seditiones, bella, fames et pesti- 
lentiae. 

Si maritimum fuerit iter aggressus, sedula investigatione fiat a 
quo portu discesserit, quinam fuerint itineris socii, quo ae contulerit, 
quod uomen navis, quam consqendit, quis ejusdem navis guboniatoi", 
an naufragium fecerit, an societas, quae navis cautionera forsan 
dedit, pretium ejus solvent aliaeque circumstantiae, si quae sint, di- 
ligenter perpendantur. 

8. Fama quoque aliis adjuta admiaiculis argumentum de obitu 
constituit, bisee tarnen conditionibus , nirairum: quod a duobös sal- 
tem testibus fide dignis et juratis comprobetur, qui depouaiit de 
rationabili causa ipsius famae; an eam acceperitit a majori et 
saniori parte populi, et an ipsi de eadem fama recte senüant; nee 
Sit dubium illam fuisse concitatam ab illis, in quorum coramodum 
inquiritur. 

9. Tandem si opus fuerit, praetereuuda non erit investigatio 
per publicas ephemerid^s, datis directori oranibus neccssariis per* 
sonae indiciis, nisi ob speciales circumstantias aaniori ac prudentiori 
consilio aliter censeatur. 

10. Haec omnia pro opportunitate casuum s* haec Congre- 
gatio diligenter expendere solet cumque de re gravissima agatur, 
cunctis aequa lance libratis atque insuper auditis plurium tlieologo- 
rum et juris prudentum suifragiis denique suum Judicium pronuntiat, 
an de tali obitu satis constet et nihil obstet , quominus petenti 
transitus ad alias nuptias concedi possit. 

11. Ex bis Omnibus ecclesiastici Praesides certam desumere 
possunt normam, quam in hujusmodi judiciis sequantur, Quod si 
non obstantibus regulis hucusque notatis res adhuc incerta fit 
implexa illis videatur, ad S. Sedem recurrere debebunt, actis ora- 
nibus cum ipso recursu transmissis aut saltem diligenter expositis. 



60 Kohn, Die bürgerL Todeserklärung behufs Wiederverehelichung. 

Passt man die canonische Gesetzgebung über unseren Gegen- 
stand recht ins Auge und prüft dann • darnach die im Beichsrathe 
eingebrachte Begierungsvorlage betreffend die bürgerliche Todes- 
erklärung, so muss man sagen, dass der Standpunkt den die 
Kirche gegen die oben angefahrten §§. des a. b. G. B. in der An- 
weisung für die geistlichen Gerichte des Kaiserthum Oesterreich 
in Betreff der Ehesachen vom Jahre 1856 eingenommen hat, voraus- 
gesetzt dass die Rechtsbasis der Anweisung dieselbe ist^ durch die 
Annahme der jetzt eingebrachten Begierungsvorlage nicht im Ge- 
ringsten alterirt werde. 



61 



iil. 

Der ungarische Episcopat und die katholische Autonomie. 

Von Dr. Stephan Böredy in Budapest 

Der von der ünterrichtscommission des uagarischen Reichs- 
tages zurückgewiesene Gesetzentwurf für Mittelschulea hat dem 
ungarischen Episcopat Gelegenheit geboten, bezüglich der soge- 
nannten Autonomie entschiedene Stellung zu nehmen. Während 
nämlich der genannte Gesetzentwurf die Autonomie der akatholischen 
Gymnasien ausdrücklich anerkannte und der Staatsregierung nur die 
oberste Leitung und Aufsicht sichern wollte, that er in seiner ur- 
sprünglichen Passung von Gymnasien mit katholischem Charakter 
gar keine Erwähnung, so dass die Möglichkeit offen blieb, katho- 
lische Mittelschulen nach Umständen in staatliche Anstalten zu ver- 
wandeln; ausserdem wurden die aus dem katholischen Studienfond 
erhaltenen Gymnasien unter die- unmittelbare Leitung des ungarischen 
Cultusministers gestellt. Da hiemit nicht nur dem katholischen Cha- 
rakter der betreffenden Gymnasien, sondern auch dem des katho- 
lischen Studienfondes ein gefährliches Präjudiz geschaffen würde^ 
erachtete es' der Episcopat als seine Pflicht , für den katholischen 
Studienfond und den katholischen Charakter der aus demselben unter- 
haltenen Gymnasien in die Schranken zu treten. M. s. die im Arcliiv 
Bd. 47. S. 311 ff', mitgetheilte Denkschrift, die Card. Hayndld im 
Namen des Episcopates der ünterrichtscommission des Abgeordneten- 
hauses überreichte. Card. Haynald vertrat überdies in dem Aus- 
schuss der genannten Cammission persönlich die Rechte der katho- 
lischen Kirche. Ausserdem vertheidigte Bischof Schlauch in der im 
Archiv Bd. 47. S. 425 genannten Broschüre den katholischen Stand- 
punkt bezüglich der ungarischen Mittelschulen. 

Da diese Fragen mit der viel ventilirten Autonomie im innig- 
sten Zusammenhange stehen, ist es leicht erklärlich, wenn beide 
Eirchenfürsten auch diese Frage kurz besprechen. Beide betonen, 
dass die Autonomie der katholischen Kirche, nämlich das Selbstbe- 
stimmungs- und Gesetzgebungsrecht., so alt wie die Kirche selbst 
ist, also älter als der ungarische Staat, an dessen Begründung die 
katholische Kirche wesentlichen Antheil nahm ; dadurch , dass die 
Kirche Staatsreligion wurde und dem Oberhaupte des Staates Privi- 



62 Böredy, Der ungar. Episcopat und die katholische Autonomie, 

legien ertheilte, opferte sie nicht ihre Freiheit, Unabhängigkeit nnd 
-Selbstständigkeit; der ungarische Staat selbst bezweifelte nicht die 
volle Autonomie der Kirche, indem,er das jus canonicum als selbst- 
ständige Rechtsquelle anerkannte. Beide Kirchenfursten betonen aber 
auch den wesentlichen Unterschied zwischen katholischer und pro- 
testantischer Autonomie, der nicht nur in der wesentlich verschie- 
denen Kirchen Verfassung seinen tiefen Grund hat, dem zu Folge die 
katholische Autonomie von oben, herab sich entwickelt, die pro- 
testantische aber von unten hinauf sich aufbaut ; sondern der Grund 
des Unterschiedes ist auch ein historischer, indem die ungarischen 
Protestanten iftit den Waffen in der Hand, daher auf der breiten 
Grundlage der Demokratie, wie Bischof Schlauch hervorhebt, ihre 
autonomischen Rechte erzwangen, während die Autonomie der [katho- 
lischen Kirehe Ungarns ursprunglich ist und ebendeshalb mit der 
Gründung des christlichen ungarischen Staates durch den hl. Stephan 
zusammenfällt und von Anfang an mit der staatlichen Gewalt im 
freundschaftlichen Bundesverhältniss stand. 

Die Nichtbeachtung dieser grundwesentlichen Verschiedenheit 
der beiderseitigen Autonomien ist Ursache davon , wenn ungarische 
Protestanten die Autonomie der katholischen ungarischen Kirche 
darum in Zweifel ziehen oder geradezu läugnen, weil die katho- 
lischen Stiftungen, Fonds und Schulanstalten unter der unmittelbaren 
Leitung der Regierung stehen und den katholischen Bischöfen that- 
sächlich auf die erwähnten Angelegenheiten nur wenig Einfluss ge- 
stattet wird. Aber abgesehen davon, dass blosse Thatsachen noch 
kein Recht begründen, sind die Machtbefugnisse, welche die Re- 
gierung und insonderheit das Cultusministerium in dieser Richtung 
in Anspruch nimmt, nicht staatlichen Ursprungs, - Das. Schutz- und 
Patronatsrecht, kraft dessen der apostolische König Ungarns der 
kathoUschien Kirche gegenüber ajitonomische Rechte ausübt, hat 
seine Wurzel in kirchlichen Privilegien und Concessionen , wodurch 
sich dasselbe von allen jenen sogenannten Rechten , welche die mo- 
derne Staatsweisheit und Staatsomnipotenz den Regierungen unter 
irgendwelchem Titel zuerkennt, wesenhaft unterscheidet. Die Klar- 
stellung des kirchlichen Ursprunges dieses königlichen Patronats- 
rechtes lässt sich Bischof Schlauch in seiner Broschüre besonders 
angelegen sein ; er betrachtet das königliche Patronatsrecht als den- 
jenigen Factor im ungarischen Staatsleben, welcher die Vermengung 
der beiden Gewalten verhinderte. So lange der Staat selbst katho- 
lisch war, konnte es ohne wesentliche Gefährdung der Autonomie ge- 
schehen, dass der apostolische König seine obersten Patronatsrechte 



Möredy^ t>er ungar, ßpiscopat und die katholische Autonomie, 63 

durch die Kegierungsorgane ausübte; allein nachdem die Kegierung 
interconfessionell geworden ist und an der Spitze des Cultusmiui- 
steriums ebenso gut ein akatholischier als ein Minister katholischer 
Confession stehen kann, nehmen die Katholiken ihr Reclit in An- 
spruch, nämlich die der katholischen. Kirclie dem Staate gegenüber 
zukommende Autonomie ohne Beeinträchtigung des königlichen Pa- 
tronatsrechtes ebenso auszuüben, wie dasselbe den akatholischen Con- 
fessionen durch den Staat gewährleistet ist. Eine praktische Folge 
dieser Auffassung ist es, wenn Card. Haynald im Namen des ungari- 
schen Episcopats die Errichtung einer katholischen Studiencom- 
mission verlangt, unter deren unmittelbarer Leitung die katholischen 
Mittelschulen stehen sollten. Wenn auch die V'erwirklichung dieses 
Postulats in nächster Zeit vielleicht noch nicht zu erwarten ist, so 
ist es doch aller Anerkennung werth, dass der hochwürdigste Episco- 
pat die Rechte der Kirche wahrt und die factisch bestehenden Zu- 
stände als solche bezeichnet, mit denen die Katholiken Ungarns nicht 
zufrieden sein können. 

Aus einem ungarischen Erzstifte, Martinsberg, schrieb man, 
wie wir hier beifügen, der Germania 1882 Nr. 156: »Bis jetzt stehen 
die katholischen Mittelschulen Ungarns mit Ausnahme der sieben- 
bürgischen unter der Leitung des Cultusministeriums , während alle 
übrigen Confessionen ihre sämmtlichen Mittelschulen mit allen darauf 
bezüglichen Angelegenheiten in ihrer leitenden Hand behielten. Das 
abhängige Verhältniss der katholischen Schulen -erklärt sich durch 
die Beziehungen, in welchen die katholische Kirche Ungarns ^um 
Staatsoberhaupt als apostolischer König und Supremus Patronus 
Ecclesiae stand. Das Patronatsrecht mit dem Titel eines aposto- 
lischen Königs erhielt König Stephan der Heilige und seine Nach- 
folger vom Papst Sylvester II. als Anerkennung für die grossen Ver- 
dienste, die sich der h. König um die katholische Kirche Ungarns 
erworben hat; denn er war wirklich der Apostel seines Landes. So 
kam es, dass das Oberhaupt des Staates mit seiner Regierung sich 
als ergänzenden Bestandtheil der Kirche und ihren natürlichen Schut?- 
herrn betrachtete, wozu er selbst durch die^heimathlichen Gesetze 
und den Krönungseid verpflichtet war. 

Mit der Schulfrage sind die katholischen Stiftungen, besonders 
aber der Siudienfonds ^ in strenger Verbindung. Vor der Reforma- 
tion haben Könige und Unterthanen Klöster und Schulen in reicher 
Auswahl gestiftet, an deren katholischem Charakter wohl nicht ge- 
zweifelt werden kann. Die Reformation brachte die Spaltung ins 
Land, dazu kam noch die verheerende Töjkenplage, unter deren 



64 ßöredy. Der ungar. Epißcopai tmd die katholische Autonomie^ 

drückender Herrschaft viele Klöster zu Grunde gingen, deren Guter 
dann oft von den Nächstbesten in Besitz genommen wurden. Um 
diesem- Unwesen zu steuern , wurde vom Landtage des Jahres 1548 
der 1,2. Gesetzartikel geschaifen , welcher bestimmt, dass die Güter 
und Einkünfte der verlassenen Klöster und Capitel unter Obsorge 
des Diöcesanbischofes »im Interesse des alten, wahren und katho- 
lischen Glaubens zu kirchlichen und Schulzwecken verwendet« wer- 
den sollen. In Folge dieses Gesetzartikels wurden die Güter der 
verwüsteten Klöster grossentheils den Jesuiten und Piaristen über- 
geben. Nach Authebung der Gesellschaft Jesu wurden von der 
Kaiserin* Königin Maria Theresia die den Jesuiten gehörigen Güter 
als katholischer Studienfonds sequestrirt, jedoch mit derselben Be- 
stimmung, welche die Güter in den Händen der Jesuiten hatten, 
nämlich zur Hebung des katholischen Unterrichtes und Gottesdienstes 
nach Massgabe des erwähnten Gesetzartikels. Die Verwaltung des 
Studienfonds übernahm zwar die Regierung, aber unter ausdrück- 
licher Wahrung des katholischen Charakters der Stiftungen. Maria 
Theresia verordnete schon im Jahre 1775," dass diese Stiftungen un- 
verletzt »sine Ulla permixtione in sua integritate« aufrecht erhalten 
'werden sollen. Dieselbe Kaiserin errichtete auch zum Behufe des 
Schulwesens eine eigene ßegierungsabtheilüng, die sogenannte Stu- 
diorum Conimissio^ die in allen katholischen Schulangelegenheiten 
zu entscheiden hatte , und den katholischen Charakter der verschie- 
denen Schulanstalten mit aller Entschiedenheit festhielt. 

So standen die Dinge bis zum Jahre 1848, als auf einmal an 
die Stelle der früheren katholischen Begierungsabtheilung das con* 
fessionslose Culfais- und Unterrichtsministerium trat. Die neue par- 
lamentarische Regierung war zwar nur von kurzer Dauer, aber nichts- 
destoweniger von weittragender Bedeutung, indem der Ausgleich vom 
Jahre 1867 vielseitig an die Aera 48 anknüpfte, welche der katho- 
lischen Kirche nicht freundlich gesinnt war und manche kirchliche 
Angelegenheit in eine schiefe Stellung brachte , die dann der Libe- 
ralismus mit Energie auszunützen suchte. Die Commissio sttsdiorum 
ecdesiastica verschwmid und die Erbschaft derselben trat der Cul- 
tusminister an als Vertreter des apostolischen Königs; so geschah . 
es, dass, während die dkaOiolischen Confessionen ihre Kirchen- und 
Schulangelegenheiten autonom ordnen, die katholische Kirche in den- 
selben Angelegenheiten vielseitig von der Regierung ahhängig ist, 
trotzdem die katholische Religion nicht mehr wie ehemals als Staat&- 
religion betrachtet wird. Dieses Abhängigkeitsverhältniss kann bei 
der herrschenden Strömung des Liberalismus für die katholische 



ßöredy, Der ungar. ^iscopat und die kathotiscke Autonomie, 65 

Kirche nicht von Nutzen sein. So ist die Landesuniversität, ur- 
sprunglich eine katholisclie Stiftung, factisch interconfessionell ge- 
worden , wo heute schon ein bedeutender Theil der Professoren au? 
Protestanten und Juden besteht. Die katholischen Mittelschulen 
sind zwar zum grösseren Theil in den Händen geistlicher Orden, wie 
der Piaristen, Benedictiner , Cistercienser , Prämonstratenser, Mino- 
riten, Jesuiten, einige werden auch von Weltpriestern versehen. Die 
übrigen katholischen Gymnasien werden von weltlichen Lehrkräften 
versehen und vom katholischen Studienfonds erhalten ; aber alle diese 
katholischen Mittelschulen sind bezüglich der äusseren Leitung dem 
Cultusminister untergeordnet^ während die akatholischen Mittelschulen 
die grösste Freiheit gemessen. 

Der genannte Gesetzentwurf will nun nicht nur das de facto 
bestehende Verhältniss bezüglich der katholischen Gymnasien auf- 
recht erhalten, sondern der katholische Charakter derselben ist im 
ursprünglichen Entwürfe mit keinem Worte erwähnt, so dass die 
Möglichkeit offen bleibt , den confessionellen Charakter der katho- 
lischen Stiftungen in Zweifel zu ziehen und katholische Gymnasien 
in Staatsanstalten zu verwandeln. Nicht einmal den Gymnasien der 
religiösen Körperschaften ist der katholische Chara^cter zugesprochen. 
Die Aussicht, welche der Gesetzentwurf eröffnete, ist für die Katho- 
liken nicht sehr trostvoll, umsomehr, als die Protestanten, welche 
1701 ihren Antheil an den Stiftungen, deren nicht wenige katholischen 
Ursprungs sind, gemäss des damaligen »status possessionis actualis« 
erhielten und auch gegenwärtig festhalten, nun einen weiteren An- 
spruch auf katholische Stiftungen erheben, während andererseits der. 
Liberalismus nicht die protestantischen^ wohl aber die katholischen 
Stiftungen als Staatseigenthum betrachten und erwerben will , wozu 
der in Rede stehende Gesetzentwurf leicht eine geeignete Handhabe 
bieten könnte. Die ungarischen Katholiken haben daher allen Grund, 
wenn sie dem Gesetzentwurf legalen Widerstand leisten; sie fordern 
nur gleiche Rechte mit allen übrigen Confessionen ; sie leugnen auch 
nicht die Patronatsrechte des apostolischen Königs; verlangen aber, 
dass dieselben nicht durch ein interconfessionelles Ministerium aus- 
geübt werden, sondern durch ein derartiges Regierungsorgan, dem 
der katholische Charakter anhaftet, damit auf diese Weise die könig- 
lichen Patronatsrechte von den eigentlichen Staatsrechten strenge 
geschieden werden. Diesen Sinn hat die von Card. Haynald gefor- 
derte Wiederherstellung der Commissio studiorum ecclesiastica. Der 
Cardinal wies darauf hin, dass im sog. Culturkampf, obschon schlei- 
chend und entlarvt, jedoch genug erkennbar actu besteht, und eben . 

Archiv für Kirchenrecht XLVIII. K 



66 Böredjft Der imgar. Episcopat und die katholische Äniofiomie. 



♦ 



. darum die Katholiken nicht in Zweifel sein können , wohin die Ab- 
sichten des Liberalismus zielen. 

Bis jetzt haben die Katholiken die Herrschaft des oft von 
akatholischen Rathgebern bedienten Cultusministeriums geduldig er- 
tragen, und wie hat es gewaltet? Es wäre interessant, alle die 
Metamorphosen zu beschreiben, welche die innere Organisation des 
Mittelschulunterrichtes seit 1867 dnrchgemaeht hat, und neben den 
eigentlichen Staatsgymnasien sind es die Jcatholischen Mittelschulen, 
auf welche sich die vielfältigen ministeriellen Verordnungen erstreck- 
ten. Von Seite katholischer Schulmänner wurde bis jetzt kein er- 
heblicher Widerspruch geleistet Dem Mittelschul-Gesetzentwurf ge- 
bührt das Verdienst, manchen Katholiken die Augen geöffnet und 
die katholischen Oemüther zur Vertheidigung ihrer Bechte ange- 
spornt zu haben. Wollte Gott, dass die Katholiken Ungarns klar 
sehen und für. ihre Bechte im Kampfe gegen den Liberalismus muth- 
voU einstehen möchten.« 

(Die Petition des griech.-orient-romän. Erzbischofs Miron Roman vom 
20. Februar 1882 an das ungarische Abg.-Haus wegen Umarbeitung .des Mittel- 
schnlgesetzeutwurfs werden wir im. folgenden Hefte des Archiv mittheilen.) 



67 



IV. 

Drei Kundgebungen Leo's XIII. über die gegenwärtige Lage 
der Kirche in Italien. 

L Encyclica Leon. PP. XIIL dd. 15. Febr. 1882 ad Episc. Ital 

Venerabiiibus Pratribus Archiepiscopis et Episcopis aliisque locorum 
ordinariis in Regione Italica. 

LEO PP. XIII. PAPST LEO XIII. 



P P. 

Venerabües Fratres, 
Salutem et Apostolicam Benedic- 
tionem. 
Etsi Nos, pro auctoritate 
atque amplitudine Apostolici 
muneris, et universam christia- 
nam rempublicam et singulas 
ejus partes maxima, qua possu- 
mus, vigilantia etcaritate com- 
plectimur: nunc tarnen singulari 
quadam ratione curas cogitatio- 
nesque Nostras ad se Italia con- 
vertit. — Quibus in cogitationi- 
bus et curis altius quiddam re- 
bus humanis divinisque suspi- 
cimus: auxii enim et solliciti 
sumus de salute animarum sem- 
piterna; in qua tanto magis 
fixa et locata esse omnia studia 
Nostra oportet, quanto eam 
majoribus periculis videmus op- 
positam. — Cujus generis peri- 
cula, si magna unquara in Ita- 
lia fuerunt, maxima profecto 
sunt hoc tempore, cum ipse re- 
rum publicarum status magno- 
pere sit incolumitati religionis 
calamitosus. Eamque ob caus- 



Ehrwürdige Brüder. 
Oruss und Apostolischen Segen. 

Obwohl Wir, wie dies die Er- 
habenheit und der Umfang des 
apostolischen Amtes erheischt, so- 
wohl die gesammte christliche Welt 
als auch ihre einzelnen Theile mit 
aller Sorgsamkeit und Liebe um- 
fassen , deren Wir fähig sind , so 
zieht gegenwärtig doch in beson- 
derem Masse Italien Unsere Auf- 
merksamkeit auf sich und erregt 
Unsere Besorgniss. — Diese Auf- 
merksamkeit und Besorgniss rich- 
tet sich jedoch auf etwas Höheres 
und Heiligeres als die menschlichen 
Dinge: bange Kfimmerniss erfüllt 
Unser Herz ob des ewigen Seelen- 
heiles, womit all Unsere Sorgen um 
so mehr sich beschäftigen und be- 
fassen müssen, je grösseren Gefah- 
ren Wir dasselbe ausgesetzt sehen. 
— Wenn die Gefahren dieser Art 
jemals in Italien gross gewesen 
sind, so ist dies gewiss in hohem 
Grade gegenwärtig der Fall, wo- 
selbst die Lage der öffentlichen 

5* . 



68 



EiicycL Leo XtlL ad Episcop, ttah d. 15. Febr. 1882. 



sam Nos movemur vehementius, 
quöd singulares conjunctionis 
necessitudines Nobis cum Italia 
intercedunt, in qua Deus domi- 
cilium Vicarii sui, magisterium 
veritatis, et catholicae unitatis 
centrum collocavitu — Alias 
quidem multitudinem monui- 
mus, ut sibi caveret, et shiguli 
intelligerent, quae sua sint in 
tantis offensionum caussis offi- 
cia. Nihilominus, ingravescen- 
tibus raalis , volumus in ea 
Vos, Venerabiles Fratres, men- 
tem diligentius inteudere , et 
coramuuium reruni inclinatione . 
perspecta , munire vigilantius 
populorura anirnos , ornnibusque 
praesidiis firmare, ne thesaurus 
oraniura pretiosissimus , fides 
catholica diripiatur. 



Perniciosissima hominum 
secta, cujus auctores et prin- 
cipes non colant neque dissi- 
raulant quid velint ^ in Italia 
jamdiu consedit: dentineiatisque 
Jesu Christo inimicitiis, des- 
poliare peuitus institutis chri- 
stianis multitudinem contendit. 
— Quantum audendo processe- 
rit, nihil attinet dicere hoc 
loco , praesertim cum extent 
Vobis , Venerabiles Fratres, 
ante ooulos vel fidei vel mori- 



Ding9 der Sicherheit der Religion 
gar sehr geföhrlich wird. Wir 
fühlen Uns aber, um so mehr er- 
griffen, aus dem Grunde, weil be- 
sonders innige Bande zwischen 
Uns und Italien bestehen, wo Gott 
den Sitz seines Statthalters , den 
Lehrstuhl der Wahrheit und den 
Mittelpunkt der katholischen Ein- 
heit begründet hat. — Wir haben 
zwar anderweitig schon das Volk 
ermahnt, auf der Hut zu sein und 
der Pflichten sich bewusst zu wer- 
den , welche bei so grossen Fähr-' 
lichkeiten einem Jeden obliegen; 
trotzdem wünschen Wir, Ehrwür- 
dige Brüder , da das üebel immer 
mehr um sich greift, dass Ihr auf 
diese Pflichten mit erhöhtem Eifer 
aufmerksam macht und, klar die 
immer schlimmer sich gestaltende 
Lage . überschauend , mit noch 
schärferer Wachsamkeit die Her- 
zen der Völker wappnet und mit 
jeglicher Schutzwehr umgebet, da- 
mit der köstlichste von allen 
Schätzen, nämlich der katholische 
Glaube, nicht verloren gehe. 

Eine in hohem Masse verderb- 
liehe Secte, deren Begründer und 
Führer ihre Ziele gar nicht ver- 
bergen oder ableugnen, hat schon 
lange in Italien sich niedergelassen ; 
sie hat Jesu Christo Hass und 
Feindschaft geschworen und geht 
darauf aus, dem Volke die christ- 
lichen Einrichtungen vollständig 
zw rauben. Wie weit ihre Frech- 
heit schon vorgeschritten ist, brau- 
chen Wir .hier nicht zu erwähnen, 
da Ihr , Ehrwürdige Brüder , mit 



>^-': 



EncycL Leo XIIL ad Episcop, ItaL de 15. Febr, 1882, 



69 



bus illatae jara labes et ruinae. 
— Apud ita^las gentes, quae in 
avita religioae constanter et 
fideliter omni tempore perman- 
serunt, immiuuU^ nunc passim 
Ecclesiae libertas est^ atque 
acrius in dies hoc agitur, ut ex 
Omnibus publice institutis forma 
illa et veluti character christia- 
nus deleatur, quo semper fuit 
Italorum non sine caüssa nobi- 
litatum genus. Sublata soda- 
lium religiosoram collegia; pro- 
scripta EcQlesiae bona; rata 
citra ritus catholicos connubia; 
in institutione juveiitutis nuUae 
potestati ecclesiasticae partes 
relictae. — Neque finis est nee 
modus uUus acerbi et luctuosi 
belli cum Apostolica Sede sus- 
cepti, cujus caussa incredibiliter 
Ecclesia laborat , Romanusque 
Pontifex in suramas angustias 
compulsus est. Is enim civili 
principatu spoliatus necesse fuit 
ut in alienam ditionem potesta-' 
temque concederet. — - ürbs 
autem Roma, augustissima ur- 
bium christiauarum , exposita 
est et patet quibuslibet Eccle- 
siae hostibus, profanaque rerum 
novitate polluitur, scholis et 
templis ritui haeretico passim 
dedicatis. Quin immo excep- 
tura fertur hoc ipso anno lega- 
tos et capita inimicissimae re- 
rura catholicarura sectae, huc 
ad singulare quoddam concilium 
coetumque profecturos. Quibus 
quidera hujus deligendi loci sa- 
tis apparet quae caussa fuerit; 



eigenen Augen die V^erluste und 
Trümmer schauet, die sie auf re- 
ligiösem und sittlichem Gebiete 
bereits aufgehäuft hat. — Inmit- 
ten der italienischen Stämme, 
welche stets in der Religion ihrer 
Väter standhaft und getreulich 
beharrten , ist gegenwärtig die 
Freiheit der Kirche auf Schritt 
und Tritt verringert und mit täg- 
lich wachsender Leidenschaft dringt 
man darauf, dass alle öffentlichen 
Institutionen des Gepräges und des 
christlichen ^ Charakterä eaU^lÖsst 
werden, welcher stets mit Kwcht 
das italienische Volk ausgezeichnet 
hat. Die religiösen Genossen- 
schaften sind autgehoben , die 
kirchlichen Güter verschlendert, 
eheliche Verbindungen werden als 
giltig angesehen, die nicht nach 
katholischeqa Ritus geschlossen 
sind, und an der Erziehung der 
Jugend hat die kirchliche Behörde 
keinen Antheil mehr. — Weder 
Ziel noch Mass kennt der erbit- 
terte und unglückselige Kampf 
gegen den apostolischen Stuhl, in 
Folge dessen die Kirche so uu- 
glaublich viel duldet und der Bi- 
schof von Rom den grössten Be- 
drängnissen ausgesetzt ist. Der 
weltlichen Herrschaft beraubt, ist 
er fremder Botmässig^eit und Ge- 
walt unterworfen worden. — Rom, 
die erhabenste aller christlichfiu 
Städte, steht allen Feinden der 
Kirche vollständig offen und wird 
durch verwerfliche Neuerungen be- 
fleckt, allenthalben werden häre- 
tische Schulen und Tempel errich- 



70 



Encycl. Leo XIIL ad Ejdscop. Ital. d. 15. Febr. 1882. 



videlicet conceptum advfersus 
Ecclesiam odinm explere pro- 
caci injuria volant, Bomanoque 
Pontificatu in ipsa sede sna 
lacessendo , funestas belli faces 
proxime admovere. — Dubitan- 
dum profecto non est, quin im- 
pios hominum conatus Ecelesia 
aliquando victrix effugiat; cer- 
tum tarnen exploratumque est, 
his artibus eos hoc assequi 
velle, una cum Capite totum 
Ecclesiae corpus afficere et re- 
ligiohem, si fieri possit, exstin- 
güere. 



Quod sane velle eos, qui se 
italici nominis amantissimos 
profitentur , incredibile videre- 
tur; nam italicum nomen, in- 
tereunte Me catholica, maxi- 
marnm utilitatum fönte prohi- 
beri necesse esset. Etenim si 
religio christiana cunctis natio- 
nibus optima salutis praesidia 
pepi^rit, sanctitatem jurium, tu- 
telam justitiae; si caecas ac 
temerarius hominum cupiditates 
virtute sua ubique edomuit, co- 
mes et adjutrix omnium rerum 
quae honestae sunt, quae lau- 



tet. Nun soll sogar die Stadt im 
Laufe dieses Jahres die Abgesand- 
ten und Häupter der gegen alles 
Katholische am meisten feindlich 
gesinnten Verbindung aufnehmen, 
welche hier zu einer Berathung und 
Versammlung zusammentreten wol- 
len. Wesshalb man gerade diese 
Stadt hierzu ausersehen hat, ist 
zur Genüge klar: man will dem 
Hasse gegen die Kirche durch 
freche Beschimpfung Ausdruck ge- 
ben, das Papstthum an seinem eige- 
nen Sitze verhöhnen und gegen das- 
selbe aus nächster Nähe die un- 
glückselige Kriegsfackel schleudern. 
Freilich unterliegt es keinem Zwei- 
fel, dass die Kirche schliesslich 
das gottlose unterfangen der Men- 
sehen . siegreich überwinden wird ; 
es ist aber klar und sicher , dass 
jene Bestrebungen darauf abzielen, 
zugleich mit dem Oberhaupte die 
gesammte Kirche zu treffen und, 
wenn es möglich wäre, die Reli- 
gion zu vernichten. 

Man sollte es nicht für mög- 
lich halten, dass jene darauf hin- 
ausgehen^ die mit ihrer Liebe zu 
Italien sich brüsten, denn dem ita- 
lienischen Volke würde nothwen- 
diger Weise mit dem Untergang 
des katholischen Glaubens zugleich 
die Quelle reichlichen Segens ab- 
geschnitten werden. Denn wenn 
das Christenthum für alle Völker 
die beste Grundlage ihrer Wohl- 
fahrt ist, dem Rechte seine Weihe 
und der Rechtspflege Schutz ver- 
leiht; wenn das Christenthum die 
blinden und zügellosen Leiden- 



Encycl. Leo XIIL ad Episcop. llah de 15, Febr. 1882. 



71 



dabiles , quae magnae ; si va- 
rios civitatum ordines et di- 
versa reipublicae membra , ad 
perfectam stabilemque coücor- 
diam ubique revocavit , horum 
profecto beneficioram copiam 
nberius quam ceteris Italornm 
generi impertivit. —- Est qui- 
dem nimis multorum haec la- 
bes et macnla, ut obesse et 
nocere saluti ant incremento 
reipnblicae Ecclesiam dicant : 
Bomanumque Pontificatum Pro- 
sperität! et magnitadini italici 
Dominis inimicum putent. Sed 
istoram querelas absurdasque 
criminationes aperte superiomm 
temporum omnia monumenta 
convincunt. Revera enim Ec- 
olesiae Summisque Pontifieibus 
Italia maxime debet, quod glo- 
riam suamapud omnes gentes 
propagavit, quod iteratis bar- 
barorum incursionibusnon succu- 
buit, et immaües Turcarum 
impetus invicta repulit, et 
multis in rebus aequam legiti- 
mamque libertatem diu conser- 
vavit , et pluribus iisdemque 
immortalibus optimarum ar- 
tium monumentis civitates suas 
locupletavit.. — Neque post- 
rema Romanorum Pontificum 
haec laus est, quod provincias 
italicas ingenio moribusque di- 
versas communi fide et reli- 
giöne unas . semper conserva- 
verint, et a discordiis omnium 
funetissimis liberaverint. At- 
que in trepidis calamitosisque 
temporibus non semel erant 



Schäften der Menschen bändigt, und 
alles Edle, Lobenswerthe und Er- 
habene unterstützt und fördert, 
wenn das Christenthum die ver- 
schiedenen Qesellschaftsclassen und 
die einzelnen Glieder , des Staates 
überall zu vollkommenem und con- 
stantem Zusammenwirken anhält, 
so hat wahrlich diese Fülle von 
Segen in reichlicherem Masse als 
die übrigen Völker Italien erfahren. 
— Freilich behaupten sehr viele zu 
eigenem Schimpf und Schande, die 
Kirche stehe der Wohlfahrt und 
Entwickelung des Staates hinder- 
lich im Wege, und meinen, das 
Papstthum sei ein Feind des Glü- 
ckes und der Grösse Italiens ; allein 
die Anschuldigungen und absurden 
Verleumdungen dieser Leute wer- 
den feierlich durch alje Beweis- 
mittel der Vergangenheit widerlegt. 
Thatsächlich verdankt es ja Italien 
vornehmlich der Kirche und den 
Päpsten, dass es bei allen Völkern 
berühmt geworden, dass es den wie- 
derholten Einföllen der Barbaren 
nicht unterlegen ist, dass es sieg- 
reich die gewaltigen Angriffe der 
Türken zurückgewiesen, dass es in 
vielen Beziehungen lange einer bil- 
ligen und gesetzlich geregelten 
Freiheit sich erfreut und seine 
Städte mit zahlreichen und un- 
sterblichen Denkmälern der schö- 
nen Künste geschmückt hat. — 
Ferner ist es nicht das letzte Ver- 
dienst der Päpste, dass sie die ita- 
lienischen Stämme, welche in Be- 
zug auf Geistesrichtung und Sitten 
so ungleich sind, durch das Band 



72 



EncycL Leo XllL ad Episcop. ItaL d. 16, Febr. 1882, 



publicae res ad extremos casus 
praecipitaturae, nisi Pontifica- 
ttts Bomanns ad salutem va- 
luisset. — Neque futurum est^ 
ut minus valeat ia posterum, 
modo U6 voluntas homiai;im 
obsisteus virtutem ejus inter- 
cipiat, neu libertatem impediat« 
Etenim vis ilia banefica, qnae 
in institutis catholicis inest, 
quoniam ab ipsa eorum natura 
sponte . proficiscitur, immutabilis 
est et perpetua. Quemadmo- 
dum pro salute animarum om* 
nia religio catholica et locorum 
et temporura intervalla com- 
pleetitur, ita Cytiam in rebus 
civilibi^s ubique et semper sese 
ad hominum utilitates porrigit 
atque explicat. 



Tot vero ereptis tantisque 
bonis , summa mala succedunt : 
quoniam qui sapientiam chri- 
stianam oderunt, iidem, quid- 
quid contra fieri a se dicant, 
ad perniciem devocant civita- 
tem. Istorum enim doctrinis 
nihil est magis idoneum ad in- 
flammandos violenter animos, 
concitandasque perniciostssimas 
cupiditates. Sane in iis quae 
cognitione scientiaque continen- 
t^ur , caeleste fidei lumen repu- 
di^nt : quo extincto , mens bu- 



des religiösen Glaubens stets zu- 
sammengehalten und vor dem trau- 
rigsten Zwiespalts den es gibt, be- 
wahrt haben. Gerade in den 
schliinmsten und unglückseligsten 
Zeitlaufen wären die öffentlichen 
Dinge wiederholt dem kläglichsten 
Verfall entgegengegangen , wenn 
nicht das Papstthum Bettung ge- 
bracht haben würde. — und auch 
fernerhin wird das Papstthum nicht 
minder segensreich wirken , ^enn 
seine Kraft durch den bösen Willen, 
der Menschen nicht lahmgelegt 
und seine Freiheit nicht behindert 
wird. Denn jene segensreiche, den 
Institutionen des Eatholicismus in- 
newohnende Kraft ist unwandelbar 
perpetuirlich, weil sie direct seinem 
Wesen selbst entspringt Wie in 
Bezug auf das Seeleuheil die katho- 
lische Beligion alle Orte und Zeiten 
umfasst , so entfaltet sie auch in 
weltlichen Dingen überall und im- 
mer ^eine der Wohlfahrt der Men- 
schen zu Gute kommende Wirksam- 
keit. 

Auf den Verlust so vieler und 
so grosser Güter folgen die höch- 
sten Uebel; die Verächter der 
christlichen Weisheit, und mögen 
sie sich noch so oft ihrer Verdienste 
rühmen , locken den Staat an den 
Band des Verderbens. Denn gerade 
die Lehren diesei: Leute sind vor 
Allem geeignet, die Gemüther wild 
zu entflammen und die verderblich- 
sten Leidenschaften zu erregen. Sie 
verschmähen nämlich auf den Ge- 
bieten, welche der menschlichen Er- 
kenntniss und Weisheit zugänglich 



* ••'«arp"^?>SF-^ 



Encycl. Leo XIIL ad Episcop. ItaL <i. 15, Febr. 1882, 



73 



maoa in errores saepissime ra- 
pitur, nee vera cernit, atque il- 
luc facile evadit, ut in humi- 
lern foedumque materialismum 
abjiciatur. Spernunt in genere 
montm aeternam immutabilem- 
que rationem , ^ et supremum le- 
gnm latorem ac vindicem 
Daum despiciunt: quibus sub- 
latis fundamentis , conse^uens 
est , ut , nuUa satis idonea le- 
gam sanctione, omnis vivendi 
Qorma ab hominum volantate 
arbitrioque sumatur. In civi- 
tate vero ex immodica liber- 
tate, quam praedieant et volunt, 
liceutia gignitur: licentiam se- 
quitur perturbatio prdinis, quae 
est maiima et funestissima pe- 
stis reipublicae. Revera nuUa 
fuit aut deformior species, aut 
miserior conditio civitatis, 
quam illa in qua tales et doc- 
trinae^et homines valere ali- 
quamdiu potuerunt. Ac nisi 
recentia exempla suppeterent, 
id fidem excedere videretur, 
potuisse homines scelere auda- 
ciaque furentes in tanta excidia 
ruere, et retento ad ludibrium 
libertatis nomine, in caede et 
ipcendiis debacchari. — Quod 
si tantos nondum sensit Italia 
terrores, primo quidem singu- 
lari Dei beneficio tribuere, de- 
inde id quoque caussae fuisse 
ätatuere debemus, quod, cum 
itali homines numero longo 
maximo in religione catholica 
studiose perseverarint , idcirco 
flagitiosarum opinionum , quas 



sind, das göttliche Licht des Glau- 
bens; wenn dieses ausgelöscht ist, 
dann wird der menschliche Geist 
wieder und wieder in Irrthümer 
hineingerissen, er vermag die Wahr- 
heit nicht mehr zu unterscheiden 
und sinkt schliesslich zu dem nied- 
rigen und elenden Materialismus 
herab. Man verschmäht das ewige 
und unabänderliche Sittengesetz, 
und den höchsten Urheber und Ver- 
theidiger des Gesetzes verachtet 
man. Wenn diese Basis beseitigt 
ist, dann gibt es keine genügende 
Autorität des Rechtes mehr und 
die Consequenz ist , dass jede Le- 
bensnorm von dem, Willen und Be- 
lieben der Menschen allein abhän- 
gig gemacht wird. In dem bürger- 
lichen Gemeinwesen aber entspringt 
aus der masslosen Freiheit, welche 
diese Leute predigen und wollen, 
die Willkür, auf die Willkür folgt 
die Störung der Ordnung, die grösste 
und verhängnissvollste Gefahr für 
deii Staat. Wahrlich, es hat keine 
hässlichere und traurigere Staats- 
verwaltung gegeben, als diejenige, 
in welcher solche Doctrinen und 
solche Menschen zur Macht gelan- 
gen konnten. Und wenn nicht die 
Erfahrung der neuesten Zeit es uns 
lehrte, so würde mau es für un- 
glaublich halten, dass Menschen in 
der Raserei ihrer Laster und ihrer 
Verwegenheit zu solchen Excessen 
sich hinreissen lassen und , unter 
dem Missbrauch des Namens der 
Freiheit , für ihre Ausgelassenheit 
an Mord und Brand sich ergötzen. 
Wenn Italien von so grossen 



74 



EncycL Leo XIIL ad Episcop. ItaL d, 15. Febr. 1882, 



diximas , dominari libido non 
potait. Vernm si haec, quae 
religio praebet , rnttnimenta 
penrampantar , continao Italia 
in eos easus ipsos delaberetur, 
qui maximas et florentissimas 
nationes aliquando percülerunt. 
Etenim necesse est, ut simili- 
tadiaem doctrinaram exitus si- 
miles Gonsequantur: et qaoniam 
in eodem vitio sunt semina, 
fieri non potest, quin fructns 
plane eosdem effundant. Immo 
vero majores fortasse poenas 
violatae religionis gens .italica 
laeret, quia perfidiam et impie- 
tatem culpa ingrati animi cu- 
mttlaret. Non enim casu ali- 
quo, aut levi hominum volun- 
tate datnm est Italiae , ut par* 
tem per Jesnm Christum salu- 
tis vel a principio esset parti- 
oeps, et beäti Petri Sedem in 
siQu gremioque suo collocatam 
possideret, et longo aetatum 
cursü iis, quae a religione ca- 
tholica sponte fluunt, maximis 
et divinis beneficiis perfruere- 
tur. Quapropter metuendum 
sibi magnopere esset quod in* 
gratis populis Paullus Aposto- 
1ns minaciter nuneiavit , ,,Terra 
saepe venientem super $e bibens 
imbr^m^ et generans herbam 
opportunam Ulis a quibm edtir 
tur, aocipit benedidionem a 
Deo: proferem autem spinas 
Mlulos s rq^oba est et male- 
dicto pnfxima , . cujus consum' 
matio ineombustionem}^ (Hebr. 
VI, 7. 8,) 



Schrecknissen noch nicht betroffen 
worden ist, so Verdanken Wir das 
zunächst der besonderen Wohlthat 
Gottes, dann aber müssen Wir es 
auch dem Umstände zuschreiben, 
dass^ die Italiener in ihrer über- 
wiegenden Mehrzahl in der katho- 
lischen Religion treu verharrt sind, 
und desshalb diese verderblichen 
Lehren, welche Wir erwähnt haben, 
nicht zur vollen Herrschaft gelan- 
gen konnten. Wenn aber die Schutz- 
wehren der Religion durchbrochen 
werden , dann werden auch der 
Reihe nach über Italien jene Schick- 
sale hereinbrechen, welche einst die 
grössten und blühendsten Nationen 
verheert haben. Es ist Naturgesetz, 
dass ähnliche Ursachen ähnliche ' 
Wirkungen erzeugen, und der Sa- 
men derselben Sünde muss stets 
dieselbe Frucht zeitigen. Ja, Ita- 
lien würde sogar eine schwerere 
Strafe für den Abfall von der Re- 
ligion zu tragen haben, weil es zu 
dem Treubruch und der Gottlosig- 
keit noch die Schuld des Undanks 
häu£en würde. Denn nicht einem 
Zufall und nicht einem menseh- ^ 
liehen Willensentschluss verdankt 
Italien den Vorzug, dass es von An- 
fang an des Heiles, welches uns Je- 
sus Christus gebracht hat, theil- 
haftig geworden ist, und in seiner 
Mitte den Stuhl des hl. Peters be- 
sitzt, und im langen Laufe der 
Jahrhunderte der grössten und hei- 
ligsten Wohlthaten, welche der ka- 
tholischen Religion entflossen , im 
vollsten Masse theilhaftig geworden 
ist. Desshalb würde auch für das 



Encycl. Leo XIIL ad Episcop. ItaL d. 15, Febr. 1882, 



75 



^ Prohibeat Deus hanc tan- 
tam iormidiuem^ atqne omnes 
pericula serio coDsiderent, quae 
partim jam adsunt, partim im- 
pendent ab iis, qui non com- 
mtitii utilitati öed Sectarum com- 
modis servientes, capitales cum 
Ecclesia inimicitias exercent. 
Qui si saperent, si vera cari- 
tate patriae tenerentur, certe 
nee de Ecclesia diffiderent, nee 
de nativa ejus libertate detra- 
here , injuriosis suspicionibus 
addacti, conarentur; immo vero 
consilia ab ea oppugnanda ad 
tuendam adjuvandamque verte- 
rent: idque in prirais provide- 
rent, ut Pontifex Romanus sua 
jura reciperet. — Etenim sus- 
cepta cum ÄpostoUca Sede 
cont^ntio quanto plus Ecclesiae 
nocet, tanto minus est incolu- 
mitati rerum italicarum profu- 
tura. t De qua re alio loco 
mentem Nostrara declaravimus : 
»Dicite, publicas Italiae res ne- 
>que prosperitate florere , neque 
Ȋiuturna tranquillitate posse 
»consistere, nisi Romanae Sedis 



abtrünnige Italien dievDrohung gel- 
ten , welche der Apostel Paulus 
ge'gen die undankbaren Völker ge- 
richtet hat: »Das Land, welches 
den oft darauf fallenden Regen ein- 
saugt, und dienliche Gewächse für 
diejenigen trägt, die es bauen, em- 
pfängt Segen von Gott ; wenn es 
aber Dornen und Disteln trägt, so 
ist es verwerflich , und der Fluch 
ist nahe; sein Ende ist Verbren- 
nung.« (Hebr. 6, 7 u. 8.) 

Möge Gott ein so grausiges Un- 
heil abwenden und mögen Alle 
ernsthaft die Gefahren ins Auge fas- 
sen, welche theils schon vorhanden 
sind, theils noch bevorstehen von 
Seiten Derer , die nicht dem Ge- 
meinwolil^sondern dem nackten Vor- 
theil der Secten dienend, einen ver- 
derblichen Kampf gegen die Kirche 
führen wollen. Wenn diese Leute 
von Vernunft und wahrer Vater- 
landsliebe sich leiten Hessen, dann 
würden sie wahrlich von dem Miss- 
trauen gegen die Kirche abstehen 
und sich nicht durch ungerechten 
Verdacht verleiten lassen, die der 
Kirche gebührende Freiheit anzu- 
tasten; sie wflrdep im Gegentheil, 
statt sie zu bekämpfen, ihr sehüz- 
zend und helfend zur Seite treten 
und vor allem dafür sorgen , dass 
das Oberhaupt der Kirche wieder 
zu seinem Rechte gelangt. Denn 
jemehr der Streit mit dem aposto- 
lischen Stuhle der Kirche schadet, 
um so schlechter ist für die Wohl- 
fahrt Italiens gesorgt, üeber diesen 
Punkt haben Wir schon an anderer 
Stelle Uns dahin ausgesprochen. 



76 



EncycL Leo XIIL ad Episcop. lUiL d. 15, Fthr, 1882. 



»digoitati et Sumrai Pontificis 
»libertati, prout omnia jura 
»postulant, faerit consultöra.« 



Quapropter, cum nihil ma- 
gis velimus, qnaiu ut res cliri- 
stiana salva sit, camque prae- 
seöti italiiJarum gentium dis- 
criniinecommoveamur, Vos ve- 
liementius^ quam unquam alias, 
Venerabiles Fratres, hortamur, 
nt Studium caritatemque Ve- 
stram ad cotuparanda tot ma- 
lorum remMia Nobiscum con- 
ferätis. — Et primum quidem 
edocete sutnma cum cura popu- 
los, quanti sit fidem catholicam 
possiddre> et quam magna ejus- 
denj tuebdae necessitas. — 
Quoniam vero hostes et oppug- 
natores catholici Hominis, quo 
facilius: male caatos decipiant, 
multis in rebus aliud simulant, 
valde interegt occulta. eorura 
consilia patefieri in lucemque 
proferri , ut sdlicet , comperto 
quid reapse velint et qua 
caussa eontendant, excitetur in 
cathollcis hominibus ardor 
aiiiftii, et Bocleaiam, Bomanum 
PöBtificem , hoc est salutem 
suam viriliter • apei'teque defen- 
dant. ' 

Multorum • ad haue diem 
virtus, quae plurimum potuis- 
set, Visa est aliquantura in 
afi:eudo lenta et in labore re- 



dass das italienische Gemeinwesen 
wedier Wohlfahrt noch däueniden 
Frieden gemessen könne, wenn 
nicht für die Würde des römischen 
Stuhles und für die Freiheit des 
Papstes, sowie das fteeht es fordert, 
gesorgt sei. 

Da Wir nun nichts so sehnlichst 
• wünschen, als das Wohl der Chri- 
stenheit, und über die gegenwärtige 
Nothlage der italienischen Völker- 
schaften bekürnmert sind, so er- 
mahnen Wir Euch , Ehrwürdige 
Brüder, aufs Dringendste, dass Ihr 
Eueren Eifer in der Abwehr dieser 
grossen üebel mit Uns vereinigt, 
und vor Allem belehret zunächst 
aufs Sorgfältigste das Volk, welch' 
grossen Schatz es im katholischen 
Glauben besitzt und wie nothwen- 
dig es sei, denselben zu pflegen und 
zu beschützen. Da die Feinde des 
katholischen Namens , um die 
Schwachen leichter zu bethören, 
sich in vielen Dingen der Heuchelei 
und Verstellung bedienen, so kommt 
es sehr viel darauf an, ihre gehei- 
men Pläne zu entlarven uüd ans 
Licht zu Ssiehen , damit durch die 
ErkenntnisS ihrer wahren Absichten 
und Beweggründe in den Gemütherü 
der Katholiken ein heiliger Eifer 
entflammt werde und öie männlich 
und furchtlos die Vertheidi^ung 
übernehmen für die Kirche und den 
Papst, das heisst für ihr eigenes 
Heil. 

Die Kraft Vieler, die Grosses 
hätte erreichen können, ist bis auf 
den heutigen Tag lässig und unbö* 
nutzt geblieben, sei es, weilmati 



EncycL Leo Xlll ad Episcop, Ital. de lö, Febr. 2882. 



77 



missa , sive quod insaeti rerum 
essent animi, $ive quod pericu- 
loruiD non satis fuerit roagni-, 
tudo perspeeta. Nunc vero, 
cognitis experiendo temporibns, 
nihil esset peiiiiciosins , quam 
perferre oscitanter longioquam 
improborum malitiam , expedi- 
tumque ipsis locum relinquere 
rei christianae ad libidinem 
suam diutius vexandae. li 
qnidem prudentiores quam filii 
lacis raulta jam ausi : inferio- 
res numero^ calliditate et opi- 
boB Talidioresi haud longo tem- 
pore magna apud nosf maloruni 
iucendia exeitaveruni Tntelli* 
gant igitur quicumque amant 
catbolicum nomen , tempus jam 
esse conari aliquid, et nuUo 
pacto ^ languori desidiaeque se 
dedere , cum nemo celerius op- 
primatur, quam qui vecordi se- 
curitate quiescunt. Videant 
quam nihil reformidarit vete- 
rum illorum nobilis et operosa 
virtus: quomm et laboribus et 
sangaine fides catholica adole- 
Vit. Vos autem, Venerabiles 
Fratres , excitate cessantes, 
cunctantes impellite : exemplo 
et auctoritate Vestra universos 
confirmate ad exercenda con-* 
stanter et fortiter offlcia , qui- 
bus actio vitae christianae 
continetur. — Ad haue alen- 
dam augendamque experrectam 
virtutem, curare ac providere 
opus est , ut uiiraero , consensu, 
efficiendis rebus, floreant late- 
que amplificentur sodetates 



mit dem Gegenstande zu wenig ver- 
traut ist , sei es , weil man die 
Grösse der Gefahren nicht ausrei- 
chend durchschaute. Jetzt aber, 
nachdem die Erfahrung uns über 
die.Lagß aufgeklärt hat, wäre nichts 
verderblicher, als trägen Sinnes die 
andauernde Bosheit der Gottlosen 
zu ertragen und ihnen die gunstige 
Position zu beliebiger weiterer Ver- 
folgung der christlichen Kirche gut- 
willig zu überlassen. Klüger alBdi^ 
Söhne des Lichtes, haben Jene ja 
schon Vieles gewagt : geringer )an 
der Zahl, aber an Schlauheit und 
Mitteln überlegener, haben sie bd 
uns in kurzer Zeit viel Uebles an- 
gerichtet. Alle, welche der katho- 
lischen Sache zugethan sind, sollten 
es daher begreifen, dass es hoch an 
der Zeit sei, sich aufzuraifen und 
nicht länger lässig und müssig zu- 
zuschauen, da derjenige am schnell- 
sten unterjocht wird , der trägen 
Herzens der Buhe fröhnt. Sie möi> 
gen sich ein Beispiel nehmen an 
jener edlen und werkthätigen Kraft 
der Altvordern» die vor nichts zu- 
rückscheute und deren Arbeit und 
Blut die katholische Kirche gross- 
gezogen hat Ihr aber, Ehrwürdige 
Brüder, wecket die Schlafenden auf, 
spornt an die Zögernden: durch 
Euer Beispiel und Euer Ansehen 
bestärket Alle in der unermüdlichen 
und unerschrockenen Erfüllung der 
Pflichten, welche die Bethätigung 
der christlichen Gesinnung aofer- 
legt. — Um diese inBedestehendo 
Kraft zu nähren und zu stärken, 
ist es nöthig, das8„Ferewee'S deren 



78 



Encycl Leo XltL ad l^piscop. ttal, d. 15. Febr. 188^. 



qaibas maiime propositam sit 
fidei christianae virtutuiDque 
ceteramm retinere et incitare 
^adia. Tales sant consociatio- 
nes juvenum » opificum ; quae- 
•que cönstitutae sunt aut coeti- 
bas catholicofum hoiDinam in 
tempora certa agendis, aut in- 
opiae miserorum levandae, et 
pneris ex infima plebe erudien- 
dis; aliaeqne ex eodem genere 
complures. — Et cum i-ei 
christianae quam maxime inter- 
sit Pontiflcem Bomanum in 
gubernanda Ecclesia et esse et 
videri ab omni periculo , mole- " 
stia, dif&cultate liberum, quan- 
tum lege possunt agendo , ro- 
gando , contendendo , tantum, 
Fentificis caussa, enitantur et 
ef&cia'nt; neque ante quiescant, 
quam sit Nobis reapse , non 
specie, libertas restituta, qua- 
cum non modo Ecclesiae bo- 
num , sed et secundus rerum 
italicarum cursus, et christia- 
narum gentium tranquilUtas 
necessario quodam vinculo con- 
jungitur. 



Deiude vero permagni refert 
publicari et longe lateque fiu- 
ere salubriter scripta. — . Qui 
«apitali odio ab Ecclesia dissi-» 
dent, scriptis editis decertare, 
iisque tamquam aptissimis ad 
iiocendum armis uti consuere- 



Hauptaufgabe darin besteht, den 
christlichen Glauben und die christ- 
lichen Tugenden zu bethätigen und 
anzuspornen , zahlreich entstehen, 
viel Anklang und Unterstützung 
finden, zur Blüthe kommen und 
sich weit ausbi-eiten. Solcher Art 
sind die Jugend- uöd Handwerker- 
vereine, deren Zweck es ist, zu be- 
stimmten Zeiten Versammlungen 
katholischer Männer zu veraustai- 
ten, oder der Noth der Armen zu 
steuern, oder die Sonn- und Fest- 
tagsfeier zu wahren, oder arme 
Kinder zu unterrichten oder Ande- 
res dem Aehnliches zu thun. — 
und da es für die katholische 
Kirche von der grössten JBedeutung 
ist, ' dass der Papst beim Regieren 
der Kircfhe von jeder Gefahr, Belä- 
stigung und Schwierigkeit frei sei 
und frei erscheine, so sollen sie, 
soweit das Gesetz es ihnen gestat- 
tet, durch Handeln, Bitten, Bestür- 
men die Freiheit des. Papstes nach 
Kräften fördern und durchzusetzen 
suchen; und sie mögen nicht eher 
ruhen, als bis Uns, und zwar that- 
säcblich und nicht nur zum 
Scheine, die Freiheit wiedergegeben 
wird, mit der nicht nur das 
Heil der Kirche, sondern auch dss 
Wohl Italiens und die Ruhe der 
christlichen »Völker verknüpft ist. 
Ferner ist es von grossem ESn- 
flusse, gute Schriften zu veröffent- 
lichen und weit zu verbreiten. — 
Jene, welche hasserfüllt die Kirche 
verfolgen , sind gewohnt , dieselbe 
durch Schriften zu bekämpfen und 
solche als die geeignetsten und em- 



EncycL Leo XIIL ad Epkcop. Ital de 15. Febr^ 1S82. 



79 



runt. Hinc teterrima libroram 
collavies, hinc turbnlentae et 
iniquae ephemerides , qaaram. 
vesanos impetas nee leges fre- 
uant, nee verecuadia contioet! 
Quidquid est proxhnas bis an- 
nis per seditionem et turbas 
gestum , jure gestum esse de- 
fendunt: dissimulant aut adal- 
terant verum: Ecclesiam et 
Pontiflcem Maximum quotidia- 
nis imaledictis falsisque crimi- 
nationibus hostiliter petunt: 
nee ullae sunt tarn absurdae 
pestiferaeque opiniones , quas 
non disseminare passim aggre- 
.diantur. Hujus igitur tanti 
mali , quod serpit quotidie la- 
tius, sedulo prohibeoda vis est: 
nimirum oportet severe et gra- 
viter adducere multitudinem, 
ut intento animo sibi caveat, 
et prudentem in legendo delec- 
tum religiosissime servare velit. 
Praeterea scripta scriptis oppo- 
nenda, ut ars quae potest plu- 
rimum ad perniciem eadem ad 
hominum salutem .et benefi- 
cium transferatur , atque inde 
remedia suppetant, unde mala 
venena quaeruntur. — Quam 
ad rem optabile est , ut saltem 
in singulis provincüs ratio ali- 
qua instituatur demonstrandi 
publice, quae et quanta sint 
singulorum christianorum in 
Ecclesiam officia, vulgatis ad 
id scripticmibus crebris, et, 
quoad &eri potest , quotidianis. 
In primis autem sint ip con- 
spectu posita reiigionis catholi- 



pfindlichsten Waffen zu betrachten. 
Daher jene Fluth abscheulicher Bft- 
cher, daher die scandalösen und 
schändlichen Zeitungen , d^efi 
Wuthausbrüche weder das Gesetz, 
noch irgend eine Bucksicht zu zäh- 
men vermag. Was in den letzten 
Jahren durch Aufruhr und Zusam- 
menrottungen des Pöbels geschehen 
ist, das vertheidigen sie als recht- 
lich geschehen; Schein and Luge 
geben sie für Wahrheit aus; die 
Kirche und den Papst bewerfen sie 
täglich mit Verwünschungen und 
falschen Beschuldigungen und es 
gibt keine noch so absurden und 
giftigen Meinungen , die sie nicht 
immer zu verbreiten versuchen 
wurden. Dieses üebel, das so gross 
ist und täglich zunimmt, muss also 
mit Fleiss eingedämmt werden; 
man muss durch ernstes und nach* 
drückliches Handeln die Menge da* 
hin bringen, dass sie die Gefahr be- 
greift und einen vernünftigen Ge- 
brauch von der lioctäro zu machen 
als ihre Pflicht erachtet. Ausser- 
dem sind Schriften durch Schriften 
zu widerlegen, auf dass jene Kunst, 
die viel Unheil anzustiften vermag, 
zum Nutzen und Wohle der 
Menschheit ausgebeutet werde, und 
von dorther Hilfe komme, wo die 
giftigen Pfeile gesucht werden. — 
Zu diesem Zwecke ist es wün- 
schenswerth, dass wenigstens in je- 
der Provinz irgend eine Einrichtung 
getroffen werde , um öffentUch zu 
verkünden, welche und wie grosse 
Pflichten die einzelnen Christen ge« 
gen die Kirche haben, und das wird 



80 



Encyd. Leo XIIL ad Episcop. Kai d. Jö. fehr, 138^. 



cae in omnes geutes praeclara 
nierita: explicetur oratione vir- 
tus ejus privatis publicisque re- 
bus maiime prospera et saluta- 
ris: statuatur quanti sit, cele- 
riter Ecclesiam ad illuin digiii- 
tatis loconi in civitate revocari, 
quem et divina ejus raagni- 
tudo , et publica gentium utili- 
tas vehementer pöstulat. — 
Harum rerum causa necesse 
est, ut qui animum ad scriben- 
tum ' appulerint , plnra teneant : 
vidölicet idem omnes in scri- 
bendo spectent: quod maxime 
expedit,' id constituant judicio 
certö et effitiant: nihil ex iis 
rebus praetermittant , quarum 
iitilis , atqüe expetenda cognif lo 
vMeatur : gravitate et modera- 
tione .dicendi reteiita, errores 
efe vitia reprehendant , sie ta- 
rnen ut careät acörbitate repre- 
herisio , personisqüe par^atur : 
deihde ' orätioriem adhibeant 
• planum atque evidentem , quam 
facile .queat multitudo perci- 
pere. — Eeliqui autem omnes, 
qui vere et ex animo cuplent, 
flörere ires 6t sacras et civiles 
ingenio bominum litterisque de- 
fensa* , hos litteravum ingeni- 
ique fmctus tuen liberalitate 
sua studeant; et ut quisque di- 
tior est , ita potissimurn re for- 
tunaque sustineat. Iis enim^ 
qui scribendb dant operam, 
omtiino afferenda sunt linjus 
generis adjüm^nta : sine quibus 
aut nfullos ipsorum industria 
habitura'esrt exitus, ant incer- 



am besten durch häufige, womög- 
lich täglich eVscheinende Schriften 
zu en-eichen sein. Vor Allem muss 
man dabei die herrlichen Verdienste 
der katholischen Kirche um alle 
Völker stets vor Augen haben; man 
belehre das Volk über den sehr heil- 
samen und nützlichen Einfluss, den 
die Kirche in privaten und öffent- 
lichen Angelegenheiten ausübt, und 
weise nach , wie vortheilhaft es 
wäre, der K|rche wieder jene erha- 
bene Stellung im Staate einzuräu- 
men, welche für sie sowohl ihre 
göttliche Stiftung, als auch das öf- 
fentliche Wohl der Völker dringend 
erfordert. — Aus diesem Grunde ist 
es nöthig,dass diejenigen, die sich 
mit der Schriftstellerei befassen, da- 
ran festhalten : sie sollen alle den- 
selben Zweck verfolgen ; was diesen 
am besten zu fördern vermag, das 
sollen sie reiflich erwägen und dann 
iiis Werk setzen; sie sollen nichts 
von dem ausser Acht lassen-, was 
sie für nützlich und ihren Absichten 
dienlich erachten. Im Stil sollen sie 
ernst und massvoll sein, Irrthümer, 
Fehler sollen sie widerlegen, doch 
so, dass die Zurechtweisung der Bit- 
teikeit entbehre und die Person 
schone; dann sollen sie eine offene 
und klare Sprache führen, die das 
Volk leicht verstehen kann. Alle 
Uebrigen aber, die wirklich und von 
Herzen wünschen , dass die kirch- 
lichen und bdrgerlichen Angelegen- 
heiten mit Hilfe der Presse zur 
Blüthe gelangen , mögen die gei- 
stige Arbeit der Schriftsteller aus- 
giebig unterstutzen, und je reicher 



lüncycL Leo XUl ad Episcop* ttat d. iS. Febr. 1882. 



tos et perexiguos. — In quibus 
rebus omnibus si quid nostris 
hominibus incommodi impendet, 
si qua est dimipatio subeunda, 
audeant tarnen sese obvios 
ferre, cum homini Christiane 
nulla Sit adeundi vel incom- 
raoda vel labores ' caussa ju- 
stier, quam ne lacerari ab im- 
probis religionem patiatur. 
Neque enim hac filios lege Ec- 
clesia aut geauit aut educayit, 
ut, cum tempus et uecessitas 
cogeret, nullam ab iis opem 
expectaret, sed ut singuli eo- 
rum otio privatisque utilitati- 
bus salutem animarum et inco- 
lumitatem rei christianae ante- 
ponerent. 



Praecipue ^utem curae co- 
gitationesque Vestrae , Venera- 
biles Fratres , in eo evigilare 
debent , ut ministros Dei ido- 
neos rite instituatis. Quod si 
Efpiscoporum est plurimum ope- 
rae et studii in fingenda probe 
omni juventute ponere j, longa 
plus ipsos elaborare in clericis 
aequum est, qui in Ecclesiae 
spem adolescnnt, et participes 
adjutoresque munerum sanctis- 
simorum sunt aliquanda futuri, 
— Caussae profecto graves et 
omnium aetatum communes de- 

Arohiv für Kirchenrecht. XL VIII. 



Jemand ist, um so reichere Mittel 
möge er ihr zukommen lassen. 
Denn die Schriftsteller sind durch- 
aus auf allseitige Unterstützung an- 
gewiesen, 4a ohne diese ihre Arbeit 
entweder keine oder nur unsichere 
oder geringe Erfolge aufweisen wird. 
— Wenn dieser Beruf mit irgend 
einer Unannehmlichkeit verknüpft, 
wenn ein Kampf auszufechten ist, so 
möge man denselben muthig wagen, 
da es für einen Christen kein erha- 
beneres Motiv zum Ertragen von Un- 
annehmlichkeiten und Mühseligkei- 
ten geben kann, als zu verhindern,, 
dass die Religion von den Gottlosen 
geschmäht werde. Denn picht dazi; 
hat die Kirche Söhne gezeugt und 
sie grossgezogen, dass, wenn die 
Zeit und die Noth es erfordert, sie 
von ihnen keine Hilfe erwarten 
könne, sondern vielmehr dazu, dass 
sie alle und einzeln das Heil der, 
Seelen und die Sache des Christen- . 
thums über ihre Privatinjkeressei} 
setzen. 

Euere hauptsächlichste Sorge 
und Bemühung, Ehrwürdige Brüder, 
muss aber wachsam auf die gute. 
Heranbildung tüchtiger Seelsorger 
gerichtet sein. Wenn es schon die 
Aufgabe der Bischöfe ist^ 4iG g^^^sste. 
Sorgfalt und Anstrengung , auf die 
gute Erziehung der ganzen Jugend 
zu verwenden, so sind sie verpflich- 
tet, eine noch viel grössere Sorgfalt 
den Klerikern zuzuwenden, anf, 4e' 
neu die Hoffnung der Kirqhe her 
ruht und welche einst an den hei* 
ligsten Aemtern Antheil haben ai;id 
dieselben verwalten sollen. — 

6 



82 



^ncyd. Leo XIlL ad ilpisdop. ttal. d. 15. t'ehr, l88i. 



cora virtntum malta et magna, 
in sacerdotibns postnlant: ve- 
romtamen nostra aetaa plara 
qnoqae et majora admodam 
flagitat. Revera fidei catholi- 
cae defensio, in qaa laborare 
maxime sacerdotam debet indu- 
Stria, et qaae est tantopere 
bis tennporibus necessai^a, doc- 
trinam desiderat non vulgarem 
neque mediocrem, sed exquisi- 
tam et yariam; quae non modo 
sacras, sed etiam philosophicas 
disciplinas complectatar , et 
physicomm sit atque histori- 
comm tractatione locnples. Eri- 
piendns est enim error homi*- 
num multiplex, singula cliri- 
stianae sapientiae fundamenta 
convellentium : luctandumque 
persaepe cum adversariis ap- 
paratissimis, in disputando per- 
tinacibus , qui subsidia sibi ex 
omni scientiaram genere astute 
conquirunt. — Similiter cum 
hodie magna si1| et ad plures 
diffusa corruptela morum, sin- 
gularem prorsus oportet in sa- 
cerdotibus esse virtutis con- 
stantiaeqne praestantiam. Fu- 
gere quippe consuetudinem ho- 
minum minime possunt: immo 
applicare se propius ad multi- 
tudinem ipsis officii sui mune- 
ribus jubentur : idque in mediis 
civitatibus, ubi nulla jam fere 
libido est, quin permissam ha- 
beat et solutam licentiam. 
Ex quo intelligitur , virtutem in 
Glero tantum habere virium 
hoc tempore debere, ut possit 



Wichtige uud zti jeder Zeit aner- 
kannte Gründe stellen an die Prie- 
ster die jp'orderung vielfacher und 
grosser Tugenden; doch die Zeit, in 
. der wir leben, fordert noch mehrere 
und grössere. In der That, die Ver- 
theidigung der katholischen Reli- 
gion, die vor Allem den Priestern 
obliegt und zu unserer Zeit in sc 
hohem Grade nothwendig ist, erfor- 
dert keine gewöhnliche oder mittel- 
mässige, sondern eine hervorragende 
und vielseitige Gelehrsamkeit ; eine 
Gelehrsamkeit, welche nicht nur 
die Theologie, sondern auch die 
Philologie umfasst, und auch das 
Gebiet der Naturwissenschaf ken und 
der Geschichte beherrscht. Denn es 
sind die mannichfaltigen Irrthümer 
Jener gründlich zu widerlegen, 
welche die einzelnen Grundlagen der 
christlichen "Weisheit zu untermini- 
ren trachten, und sehr oft ist der 
Kampf mit Gegnern zu bestehen, die 
höchst geschickt und im Wortkampf 
hartnäckig sind und schlau den ver- 
schiedenartigsten Wissenschaften 
ihre Hilfsmittel entlehnen. — Da 
ferner heute die Sittenverderbtheit 
so gross ist und sich auf so Viele 
erstreckt, so ist es nothwendig, dass 
die Priester in der Tugend und 
Standhaftigkeit in besonderer Weise 
hervorragen. Den Umgang mit den 
Menschen können sie in keiner 
Weise meiden; die Obliegenheiten 
ihres Amtes machen es ihnen im 
Gegentheil zur Pflicht., mit dem 
Volke eng in Berührung zu treten, 
und zwar mitten in Städten, wo fast 
jeglicher Leidenschaft bis zur Zügel- 



:-?5»<*«r«^^^ 



JÖncycL Leo ^itt. ad kpiscöp. ttah de 15. Pehr. 1882. 8ä 



se ipsa taeri firmiter, et omnia 
cum blandimenta capiditatum 
vincere, tum exemplorum peri* 
cula sospes superare. — Prae- 
terea conditas id Ecclesiae per- 
niciem leges consecuta passim 
clericoram pancitas^ est: ita 
plane, nt eos qui in sacros or- 
dines Dei^ manere legantur, du- 
plicare operam suam necesse 
Sit, et excellenti sedulitate, 
studio, devotione exigaam c(h 
piam compensare. Quod qui* 
dem utiliter facere non possunt, 
nisi animum gerant tenacem 
propositi, abstinentem, incorrup- 
tum, caritate flagrantem, in la- 
boribus pro salute hominum 
sempitemasuscipiendis promptum 
semper atque alacrem. Atqui 
ad hujusmodi munera est adU- 
benda praeparatio diutarna et 
diligens: non enim tantia rebus 
facile et celeriter assuescitur. 
Atque Uli sane in sacerdotio 
integre sancteque versabuntur, 
qui sese in hoc genere ab ado- 
lescentia excoluerint, et tantum 
disciplina profecerint, ut ad eas 
virtutes , quae commemoratae 
sunt, non tarn instituti quam 
nati videantur. 



Eis de caussis, Venerabiles 
Fratres , jure Seminaria clerico- 
ram sibi vindicant plurimas et 



losigkeit gefröhnt wird. Darum muss 
die Tugend des Klerus heutzutage 
so stark sein, dass sie selbst uner- 
schütterlich bleibt , und fiber die 
verfährerischeq Begierden und die 
gefährlichen Beispiele unverletzt 
den Sieg zu erringen vermag. — 
Ausserdem haben die zum Nach- 
thdl der Eirohe beschlossenen Ge- 
setze allmählich die Zahl der Geist- 
lichen verringert; darum mfissen 
diejenigen, die Gottes Gnade für die 
heiligen Weihen erwählt, ihre An- 
strengungen verdoppeln und durch 
hervorragenden Fleiss, Eifer und 
Frömmigkeit für die geringe An- 
zahl einen Ersatz bieten. Das aber 
vermögen sie nur dann, wenn sie 
Charakterfestigkeit, Selbstentsag- 
ung, Sittenreinheit, glühende Näch- 
stenliebe und eine bereitwillige und 
freudige Lust zur Arbeit an dem 
ewigen Seelenheile der Menschen 
besitzen. Zu solchen Aufgaben ist 
eine lang andauernde und fleissige 
Vorbereitung erforderlich; an so 
grosse Dinge gewöhnt man sich 
nicht leicht und schnell. Sicher- 
lich wird* das Priesteramt unver- 
sehrt und heilig von Jenen verwal- 
tet werden, die sich einer Lebens- 
weise von Jugend auf befleissigen 
und inderchristlicheu Zucht solche 
Fortschritte gemacht haben, dass 
es den Anschein hat, als ob die er- 
wähnten Tugenden bei ihnen nichts 
Anerzogenes, sondern etwas Ange- 
borenes fiieien. 

Aus diesen Gründen, Ehrwür- 
dige Brüder, gebührt den Klerikal- 
seminaren mit Becht die meiste 



84 



Encycl. Lto XIII ad Episcop. Ital <f. J6. Febr, 18SQ. 



maximas aiiimi consilii, vigilan-. 
tiae Vestrae partes. Qood ad 
Yirtatem «t mores , minime 
fugit sapientiam Vestram, 
qoibus f abcindare . praecep-* 
t» et institatis adolescentem 
cleripomm s^etatem oporteat. — 
In gravioribas aotem discipli- 
iiis, Litterae Nostrae Encycli- . 
cae — Aetemi Patris — viam 
rationemqas et studiornm op- 
timam indicaverani Sed quo* 
niam. in tanto ingeniomm cnrso 
plära sunt sapienter et utiUter 
inTenta») quae minus decet non 
habere . perspeeta , praesertim 
cum homm^ ' ioq^ii quidquid 
inprBHienti afifert dies in hoc 
genere, tamquam nova tela in 
yeritates divinitus traditas in-, 
tariere eoasueverint, date ope« 
ram, Venerabiks Fratres, quan* 
tum -potestis, ut alnmua sacro- 
mm ju?entus noa modo ^sit ab 
investigatione naturae instrnc- 
tior, 8e4 etiam artibos apprime 
eruditay quae cum sacrarum 
Litteraram vel interpretatione 
vel auctoritate cognationem ha- 
be^flt. — Illud certe non igno- 
ramos, ad elegan(iam studio- 
xxkm optimoram res esse neces-^ 
sarijas: quarum tarnen sacris 
Seminariis italicis adimunt aut 
minuun^ . importauae leges fa- 
cultateu^. -rr Sed bac etiam in 
re .tempus poetulat, . nt largi-^ 
täte et munificentia bene de 
religione catholica promereri 
nostrates studeant! , Voluntas 
majoi*em pia et beneficia egre<- 



und grösste Anerkennung Euerer 
Liebe, Eueres Eifers und Euerer 
Wachsamkeit. Eu«:er Weisheit ist 
nicht unbekan,at, welche Torschrif- 
ten und Einrichtung in Bezug auf 
.Tugend und Sitten für das jugend- 
liche- Alter der ip^leriker in Anwen- 
dung kommen müssen. — Für die 
höheren Wissenschaften hat Unsere 
Encyclica»Aeterni Patrisc die beste 
Weise und Methode der Studien 
angegeben. Da aber bei dem Wett- 
lauf so vieler talentvoller Männer 
zahlreiche scharfsinnige und nutss" 
liehe Erfindungen gemacht worden 
sind, die man um so weniger aus-* 
ser Acht lassen kann, weil gottlose 
Menschen sich gewöhnlich aller 
Fortschritte, die jeder Tag. Bringt, 
bemächtigen und sie alsWurfspiese 
gegen die geoffenbarten Wahrheit^ 
schleudern, so verwendet, Ehrwür- 
dige Brüder, alle Sorge darauf, dass 
die geistliche Jugend nicht nur in 
den Naturwissenschaften besser als 
früher unterrichtet, sondern auch 
in jenen Lehrgegenständen besser 
unterwiesen werde, welche auf die 
Erklärung und Autorität der hl. 
Schrift Bezug haben.-— Wir wis- 
sen sehr wohl, dass zur Vollkom- 
menheit guter Studien viele Dinge 
erforderlich sind, welche leider den 
geistlichen Seminarien Italiens in 
Folge unglückseliger Gesetze theil- 
weisQ oder ganz abgehen. Aber 
auch in dieser Beziehung stellt die 
Zeitlage an unsere Gläubigen die 
Forderung, dass sie sich bemühen, 
durch freudige Preigebig^ceit sich 
um die katboliöche Religion ver- 



Encyccl. Leo XIIL ad Episcop, Ital. de 15. Febr. 18S2. 



8i 



gie ejusmodi necessitatibus pro- 
viderat; atqae illud Ecclesia 
assequi prudentia et parsiinobia 
potuerat, ut tutelam et canser- 
vationera reram sacrarum ne- 
quaquaÜQ haöeret necesiie cari^ 
tau filiorurti suorum commea- 
dare. ^ Sed patriiuoiiium ' ejus 
legitimnm aeqae ae sacrosänc«, 
tum , üai superiörum aetatum 
injüiia pepercerat , - nostrorum 
temporum procella dissipavit : 
qaare canssa renaseitur, cnr 
qiii diligunt catholicum nomen, 
animam iuducant' majarum li- 
beraütatem reno^are. Profecto 
Galloram, Belgarum aliorumqüe 
in eaussa haüd maltum dissi- 
müi illttstria sunt manifieen- 
tiae documenta, non ißäoAo ae- 
quälium, sed etiam posterorum 
ädmiratione dignissima. Neque 
dubitamus, quia italiea gens 
eommunium rerüm considera- 
tione permpta, id pro viribus 
actura 6it, ut et se patribus 
suis digüam in^pertiat,* et ex 
fraternis exemplis capiat quod 
imitetur. 



In bis rebus , qüas diiimüs, 
profecto haud minimam habe^ 
mus '^pem solatii incolumitatis- 
que repositam. — Verum cum 
in Omnibus consiliis, tum ma- 
xime in üs^ quae salutis publi- 



dient zu machen. Die fromme 
und aufs Wohlthun gerichtete Ge- 
sinnung unserer Vorfithren hatte 
für Bedürfnisse dieser Art in her- 
vorragender Weise gesorgt. Die 
Kirche hatte es durcfe Klugheit 
und Sparsamkeit dahih gebracht^ 
dass sie die Bescbfitzubg und Wah- 
rung der h. Interessen der Liebe 
ihrer Kinder gar nicht zu empfeh* 
len brauchte. Doch ihr ebenso le- 
gitimes wie unverletzliches Erbe, 
an dem sich selbst die Ungerech- 
tigkeit frühei'er Jahrhunderte nicht 
vergriffen hatte, ist durch die 
Stürme unserer Zeit zerstreut wor- 
den. Darum erfordern es die Zeit- 
umstäüdci dass diejenigen, welche 
ihrem katholischen Christenthum^ 
mit Liebe anhängen, den Ent- 
fichluss fassen, die Freigiebigkeit 
der \orfiahren wieder zu erwecken. 
Die Franzosen, die Belgier und an- 
dere bieten in ähnlicher Beziehung 
helUeuchtfende Beispiele von Frei- 
giebigkeit, welche der Bewunderung 
nicht nur der Zeitgenossen , son-\ 
dern auch der Nachwelt werth 
sind. Wir zweifeln auch nicht da- 
ran, dass das italienische Volk, 
durchdrungen von der Erwägung 
gleicher Bedürfnisse, nach Kräften 
bemüht sein wird, sich seiner Väter 
würdig zu beweisen und das Bei- 
spiel seiner Brüder nachzuahmen. ' 
Auf den Werken, die Wir er-' 
wähnt, ruht in der That in hohem 
Grade die HoflßiUög TJnsfir^s ttostes 
und Unzeres Heiles. Aber mehr 
als bei irgend einem Beschlüsse 
ist bei solchen, die sich auf das 



Encycl. Leo XIIL ad Epiacop. ItaU d. 15. Febr. 1882. 



cae caussa sascipinntar, omnino 
ad humana praesidia accedere 
necesse est opem omnipotentis 
Dal, cujus in potestate sunt 
Don minus singulorum homi- 
num Yoluntates, quam cursus 
et fortuna imperiornm. Qua- 
propter invocandus summis pre- 
cibus DeuSr orandusque, ut tot 
ejus beneficiis ornatum atque 
auctam respiciat Italiam; in 
eaque fidem catholicam , quod 
est maximum bonuin , cunctis 
periculorum suspicionibus de- 
pulsis, perpetuo tueatur. Hanc 
ipsam ob caussam imploranda 
suppliciter' est Immaculata 
Yirga Maria , magna Dei* pa-* 
rens, fautriz et adjutrix consi- 
liorum optimorum, una cum 
sanctissimo Sponso ejus Jo- 
sephe, custode et patrono gen- 
tium christianarum. Ac pari 
studio obsecrare opus est Pe- 
trum et Paulum, magnos Apo- 
stolos, ut in italicis gentibus 
fructum laborum suorum inco- 
luinem custodiant, nomenque 
catholicum, quod majoribus no- 
stris suo ipsi sanguine pepere- 
runt , apud serös posteros sanc- 
tum inviolatumque conservent. 



Herum omnium caelesti 
patrocinio freti, auspicem di- 
vinorum munerum, et praeci- 
puae benevolentiae Nostrae te- 



allgemeine Wohl beziehen, durch- 
aus notbwendig, dass zu den 
menschlichen Mitteln die Hilfe des 
allmächtigen Gottes hinzutritt, in 
dessen Hand nicht nur der Wille 
der einzelnen Menschen ruht, son- 
dern auch der Weg und das 
Schicksal ^ der Staaten. Darum 
müssen wir die dringendsten Bit- 
ten an Gott richten und ihn an- 
flehen, dass er auf das mit so 
vielen seiner Wohlthaten ge- 
schmfickte Italien wieder seinen 
Blick richte und darin, nach Ver- 
scheuchung jeder Aussicht auf 
drohende Gefahren, den katholi- 
schen Glauben, dies höchste aller 
Guter, tür immer in seinen Schutz 
nehme. Aus demselben Grunde 
müssen wir uns bittend an die un- 
befleckte Jungfrau Maria wenden, 
die mächtige Mutter Gottes , die 
Begünstigerin und Helfertn aller 
guten Entschlüsse, sowie auch an 
ihren heiligen Bräutigam, den hl. 
Joseph, den Beschützer und Patron 
der christlichen Völker. Mit dem- 
selben Eifer müssen wir zu den 
beiden grossen Aposteln Petrus und 
Paulus beten, dass sie unter dem 
Volke Italiens die Frucht ihrer 
Arbeiten unversehrt behüten und 
den katholischen Namen, den un- 
sere Vorfahren durch ihr Blut be- 
gründet haben, bis auf die späteste 
Nachwelt heilig und unverletzlich 
bewahren. 

Auf den himmlischen Schutz 
dieses Aller vertrauend ertheilen 
Wir von ganzem Herzen in Gott 
Euch Allen, Ehrwürdige Brüder, 



Älloc. Leon, XIIL ad Card, d: 2. Mari. 1882, 



87 



stem , Apostolicam benedictio- und dem Euerer Sorgfalt anver- 
nem Vobis universis, Venerabi- trauten Volke als Unterpfand der 
les Fratres, et populis fidei göttlichen Gnaden und als- Beweis 
Vestrae commissis peramanter Unseres besonderen Wohlwollens 
in Domino impertimus. den apostolischen Segen. 

Datum Bomae apud s. Fe-* 
tnim, die XV. Februarii an. 
MDCCCLXXXII, Fontificatus 
Nostri anno quarto. 

Leo PR Xin. 



2. Ansprache des M. Vaters Papst Leo XIIL an das Cardinais- 
CoUegium am 2. März 1882 , betr. die heutige Lage des hl. 

Stuhles. 

Am vierten Jahrestage der Krönung Papst Leo's XIIL verlas 
der Gardinal-Decan Dapentro im Beisein der in Born gegenwärtigen 
Cardinäle vor Sr. Heiligkeit eine Glückwunschadresse. Dieselbe ist 
wie auch die Antwort des Fapstes in italienischer Sprache gehalten 
und theilte u. A. der »Osservatore Bomanot Nr. 52. vom 4. März 
1882 den italienischen Wortlaut von beiden mit. Die AAtwort des 
Papstes lautet im italienischen Original und in deutscher Ueber- 
Setzung wie folgt: 



Hell'accogliere con grato 
animo i sentimenti affettuosi e 
devoti che il Sacro OoUegio Oi 
rinnova al tornare del giorno 
anniversario della Nostra Coro- 
nazione, Noi non solo amiamo 
di esprimere ad esso il Nostro 
gradimento, ma abbiamo altresi 
sommamente a cuore di atte-* 
stargli la piona Nostra soddis- 
fazione per Tilluminato con- 
corso che assiduamente Ci presta 
nel difficile govemo della Chiesa. 
— Nel quäle non ö punto a ma- 
ravigliare, se alle gioie si mes- 
colano in abbondanza amarezze 
e dolori; giacche, come Ella, 
Signor Cardinale, test^ a ac- 



Indem Wir dankbaren Herzens 
die Gefahle der Ergebenheit ent- 
gegennehmen , welche das h. Col- 
legium Uns von neuem bei der 
Wiederkehr des Jahrestages unse- 
rer Krönung darbringt, wollen Wir 
ihm nicht nur Unsere Erkenntlich- 
keit dafür ausdrücken, sondern Wir 
fühlen auch das Bedürfniss, ihm 
Unsere volle Genugthuung zu er- 
kennen zu geben für die erleuch- 
tete Unterstützung, welche es Uns 
fortwährend in der schwierigen Lei- 
tung der Kirche gewährt. Es kann 
auch nicht Wunder nehmen, wenn 
in dieser Leitung Bitterkeiten und 
Schmerzen sich mischen mit Freu- 
den; denn das ist, wie Sie, Herr 



AÜQC. Leon. XUl. ad Card, d, 2. Marl 1S82. 



ceonava, tale h Teconomiaf ta]e 
il consiglio coQ oai e coodotta 
la Cbiesa dalla P^rovvideDza di* 
vina. . 

Nö Ci; e grave che anche in 
an giornq si lieto si riccordi la 
dura coddizione Nostra e della 
Ghiesa; essendo che : qnesta al 
di sopra di ogni altra eosaCi.pre- 
ocenpacontiimamentßi ^ Tolge a-sd 
le NoaVe.piu sollecite pure, r- Su 
^i ,e3^ .jielüannp. che ora ,si, ^ 
^ivi?o, upa , Serie. ^Ii fetti I al S.. 
Collegio bea noti,. ha .ricbiar 
mato Tattenzione , di tutto il 
nqondo cristiano; e d^lle; piu 
lontane contrade molte ed auto-« 
revoli yoci si levarono a larore 
della Nosljra causa. 

.Ora vediamo cl»e di propo- 
sito si miira a farle Quovamente 
tacere; e con, ^rtifizi si cerca 
di caliqare le , apinrensjLoni dei 
cattoUci, trepidi per la 3orte ri- 
serv.a^ al. Bomano Fqf^tefice. -- 
Ha. i um banno apertamante 
mQstraio, quanto giusti e fon- 
dati siano tali timorij; e Tan^ 
illusione sfirebbe il creder^, ebe 
con tali espedienti si possono 
rimuovere le gravissime diffi- 
coltä^ che neUo stato , {»reseiite . 
di cosQ per in.triasec,a necessitä 
da ogni p^te rampollano a 
daunp dQlIa Nc^str^: Ubert^ e.inr 
dipei^flenssa., — . flia.: tal ;C9Biro-: 
ve^raia, , cpjp.^ .qggi ycgliaup chiar. 
marla, . .c9ll*.,.qjjale..sQno con- 
giuQti .ghnter^ßi piu vit^lji della 
Chijösa,, la. dignitl^ . del Seggio 



Cardinal, vorhin sich ausdrückten, 
die Anordnung und Absicht der 
göttlichen Vorsehung bei der Be- 
gierung det Kirche. 

Ebenso wenig auffallend ist es, 
dass man selbst an einem so freu- 
digen Tage an die harte Lage der 
Kirche und unserer Person erin- 
nert;, denn diese Lage beschäftigt 
uns fortwährend vor allen änderen 
Dingen und legt Uns die drü- 
ckendsten Sorgen auf. .£ine Beihe 
dem h. OoUegium wohlbekannter 
Tbatsachen hat im verflossenen 
Jahre die Aufmerksamkeit der gan- 
zen Welt auf diese Lage gerich- 
;tet, und von den entferntoBten Ge- 
genden erhoben sich zahlreiche 

. und competente Stimmen zu Guur 
sten Unserpr SaQhe. 

Heute sehen Wir, dass maa 
sich von neuem ben^üht, diese Pro- 
teste, zu unterdrücken. Durch 
verschiedene E^unstgriffe sucht man 
die Besorgnisse, der Katholiken, 

, welche unruhig sind übei* das dem 
römischen Papst bevorstehende 6e* 
schick, zu. beschwichtigen. Aber 
die Ereignisse haben offen darge- 

. than, wie gerechtfertigt and wohl 

. |)egründet diese Befürchtungen sind, 
und es wäre eine eitle Täuschung, 
zu versuchen, mit .solohea Mitteln 
die Schwierigkeiten bei Seite zu 
schafG^n, welche bei gegenwärtiger 
Lage cler Dinge mit iöia^rlieber 
Nothwendigkeit von allen Seiten 
sich erheben zum Naohtheile Un- 
serer EVeiheit und Unabhängigkeit, 
üine derartige Controverse, wie man 
es heut zu Tage zu nennen be- 



Attoc. Leon. XIII. ad Card. d.2. Mari, 1882. 



89 



Apostolico, 1» libertä delPonte- 
fice, la päce e la tranquillitä 
noki di unä uazio&e soltanto ma 
di tutto il mondö cattotico, per 
fermo !W>ä si «ompone colbene- 
^d d^l tempO) ed anche meno 
eol sUenzio; sino^ a che ne^ laset 
SQSsistere la cagione, forza &. 
ehe «issa tosto.o tardi, si ris- 
fegli piü riva che mai. 



!> Infotti , da nna parie , • non 
sali mai che il Pontefice s'in-^ 
JbKJa ad accettare Tiüa condi«- 
aioae cosi umiliante, che, maK 
grado le contraiie proterstc , lo 
pone in bSIIa deiraltrai potere, 
6 in mano della rivoltisiojie ; la 
^ale ddpo avcrla violentemente 
spogliato della piö efficace tu- 
teia della sua indipendenza , e 
private dei pin valMi aiati pel 
goyemo della Chiesa, lascia che 
sia tatto giorno in mille guise 
insultato ed offei^o uella sua 
Persona, nella sua dignitä, negli 
atti piu venerandi deirAposto* 
lico ministero. 

D'altra- parte ö stoltezza il 
pensare che i cattolici di tutto 
il mondo vogliano tranquilla- 
mente soffirire, cl^e il loro Cape 
e Maestro supremo rimanga a 
Inngo in tina condizione s\ in- 
degna della sua altissima dig- 
nüä , e 8\ penosa al loro euere 
di figli. — Che aiizi crescendo^ 



liebt i bei welcher die wichtigsten 
Interessen der Kirche in Betracht 
kommen: die Würde des aposto- 
lischen Stctbles, die Freiheit des 
römischen Papstes, der Friede und 
die Freiheit nicht einer Nation, 
sondern der ganzen katholischen 
Welt, lässt sich wahrlich nicht 
durch die Zeit, noch weniger aber 
durch Stillschweigen aus der Welt 
schaffen. So lange man die Ur- 
sache bestehen lässt, muss sie früh 
oder spät unausbleiblich wieder 
auftauchen und ^War heftiger als je. 

Auf der einen Seite /wird man 
'niemals den rSmischen Papst ver- 
mögen, eine so deiüütfaigende Lage 
zu acceptiren , welche ihn, trotz 
seiner Proteste , dem Gutdünken 
einer anderen Gewalt unterwirft 
und den Händen der Bevolution 
' überliefert. Nachdem diese Revo- 
lution ihn der wirksamsten Bürg- 
ischaft seiner Unabhängigkeit und 
der stärksten Hilfsmittel Mr die 
Regierung der Kirche beraubt hat^ 
gestattet sie , ' dass der Papst alle 
Tage auf tausenderlei Art be- 
schimpft und beleidigt wird in sei- 
ner Person, in seiner Würde und 
in den erhabensten Akten seines 
apostolischen Amtes. 

Auf der anderen Seite ist es 
Unvernunft, zudenken, die Katho- 
liken, ider ganzen Erde würden es 
ruhig dulden, dass ihr Oberhaupt 
und oberster Meister lan^e Zeit in 
einer Lage bleibe , welchö so un- 
würdig ist seines hohen Amtes und 
so peinlich für ihre kindlichen 
Herzen. Ausserdem isehen wir an- 



90 



Alloc. Leon. XII!. ad Card. d. 2. Mari /882. 



come vediamo, e prevalendo 
sempre pro le popolari passioni, 
alla religione non meno che alla 
civil societa funeste« teitipo forse 
verrä che dagli stessi nemici si 
riconosca e s'inyochi la potente 
e benefica virtü, onde h ricoo 
il Pontificato Romano, anche a 
tntela dell' ordine pubblico, e a 
salvezza dei popoli. 



Si pnd qumdi esser certi 
4;he studio ed arti non varranno 
a tenere sempre sopito an con- 
flitto, che tante cause concor- 
rono a ridestare ad ogni mo- 
mento. Varranno solamente a 
mantenere pin a lungo uno stato 
di cose violento, nemico del 
pubblico benb, pieno didifficoltit 
e di pericoli, e che ogni uomo 
di yero senno politico avrebbe 
tutto r interesse di fare scom- 
parire al piu presto. Giacchd 
se esso perdurando sarä molesto 
e dannoso alla Ghiesa, non sarä 
per certo profittevole al populo 
italiano , nh sicuro ed onorevole 
per coloro, che secondando 
grintendimenti delle sette, si 
ostinano a riguardare come ne- 
mico, e a volere perciö soggetto, 
umiliato e depresso il Pontifi- 
cato Romano. 



gesichts der täglich wachsenden 
Leidenschaften der Völker, welche 
mehr und mehr zur Vernichtung 
nicht blos der Religion, sondern 
auch der bürgerlichen Gesellschaft 
drängen, die Zeit kommen, wo 
vielleicht die Feinde selbst zur 
Erkenntniss gelangen und jene 
mächtige und wohlthätige Gewalt, 
an welcher das Papstthum so reich 
ist, zu Hilfe rufen werden zur Ver- 
theidigung der öffentlichen Ord- 
nung und zum Heil der Völker. 

Desshalb kann man sicher sein, 
dass alle Anstrengungen und kunstr- 
lichen Mittel auf die Dauer nicht 
.einen Conflict werden aufhalten 
können, welcher aus so vielen Gran- 
den jeden Augenblick entstehen 
kann. Es kann dadurdh nur län- 
gere Zei( hindurch gewaltsam ein 
Zustand der Dinge aufrecht erhal- 
ten werden, welcher dem öffent- 
lichen Wohle schädlich ist und 
Schwierigkeiten und Gefahren in 
sich birgt, ein Zustand, an dessen 
möglichst baldiger Beseitigung je- 
der Mann von wahrer politischer 
Einsicht ein Interesse hi^en sollte. 
Denn wenn derselbe auf die Dauer 
der Kirche lästig und nachtheilig 
ist, so wird er sicherlich dem ita- 
lienischen Volke nicht nützlich 
sein, um so mehr, als er nur denen 
Ehre und Befriedigung gewährt, 
welche den Bestrebungen der ge- 
heimen Gesellschaften Vorschub 
leistend etwas darein setzen, das 
römische Papstthum als Feind zu 
betrachten und in Folge dessen das- 
selbe niedergeworfen, gedemüthigt 
und vernichtet sehen wollen. 



Leo XllL ad episcopos Siciliue d. 22. April. 1S82. 



91 



In qnanto a Noi , non sap- 
piamo qaali e quanto difficoltä 
Ci occorra di affrontare, per 
compiere fino air ultimo i do- 
veri del gravissimo officio che 
portiamo. Perö fidenti in Dio, 
forti del sao validissimo ainto, 
prosegairemo animosi nelPaspro 
cammino, nel quäle, ne siamo 
certi, avremo sempre con Noi 
e per Noi il fedele coucorso e 
la constante assistenza del S. 
Collegio. 

Intanto ^ dolce al Nostro 
CQore in qaesto giorno di letizia 
cbiamare sa di esso in abbon- 
danza i piü eletti doni del cielo; 
dei qnali vogliamo cbe sia pegno 
rapostolica benedizione, che in 
argomento di specialissima be- 
nevolenza a tntti e singoli i 
snoi membri con efiFnsione di 
caore impartiamo. 



Was Uns betrifft ^ so können 
Wir nicht wissen , wie gross die 
Schwierigkeiten sind, die Wir zu 
überwinden haben, um die Pflich-. 
ten unseres so sehr schweren Am- 
tes bis zum Ende zu erf&llen. Aber 
vertrauend auf Gott und stark 
durch seine so m&chtige Hilfe, 
werden Wir muthig weiter geben 
auf dem beschwerlichen Wege. 
Wir sind gewiss, auf demselben 
stets mit und fSr Uns zu haben die 
treue Hilfe und den steten Bei- 
stand des h. CoUegiums. 

In dieser Erwartung ist es an 
diesem freudigen Tage unserem 
Herzen angenehm, die Fülle der 
Gaben des Himmels auf das h. 
CoUegium herabzuflehen. Unter- 
pfand derselben möge ihm der apo- 
stolische Segen sein, den Wir allen 
seinen Mitgliedern und jedem ein- 
zelnen von ihnen von ganzem Her- 
zen als ein Zeichen Unseres ganz 
besonderen Wohlwollens ertheilen. 



3. Episiola ss. Dom, Nostri Leonis XIII. ad Archiqnscopos^ 

Episcopos äliosque locarum ordinarios in regione Sicuia. 
Venerabües Fratres et düecti 
Filii Sdlutem et ApostoUcam 
benedieUonem. 



Schreiben Leo XIII. an den 
Episcopat Sicüiens. 



Sicut multa audacter et insi- 
diose ii susceperunt, qui de per- 
nicie catholici nominis jamdiu 
cogitant: ita nominatim videntur 
decrevisse, vim quamdam popu- 
laris invidiae in Pontifices ma- 
ximos ezcitare. — Quod quidem 
ipsorum consilium quotidie magis 
illustratur et erumpii Omnem 
enim occajqonem vituperaijdoruin 



Ehrwürdige Brüder und geliebte 
Söhne, Gruss und apostolischen 
Segen« Unter den tollkühnen und 
im Dunkel wirkenden Parteien, 
welche schon seit langem darauf 
ausgehen, den katholischen Glau- 
ben auszurotten, scheint namentlich 
der Beschluss gefasst worden zu 
sein, gegen die Päpste den Volks- 
bass aufzustacheln. Diese Absicht 



92 



Leo XJlLadepUcQpßs^SicUU^ d^^2%^Ap(^if* /882. 



Fontificum datam av^de airipinnt, 
Qon d^ta^. (^udipse csipti^t: inr 
c(^rnipti3 .rerum . gß^tarjum. roopiiT 
mentis i>08tbat)itia,. fictps «^ri90^ 
9(98 4i§sü>f^Dt:. f^U^ criiQJipa, 
t^qu^i9 veoei^ata, te^ajac^At, 

licßntia,,^ quanto eßt imguDitas 
Tßßim Jn. qua ma}e .dic^nd^. 
Cdpßpetudine. .aliud quippiam pro-r. 
ppMti.inöst, ßT^etof (jfli^tmneUam: 
vifliBiU/set. hup ßlßn« ^pectant bor; 
i|4na^!iiHprobi,,,at e p^rspn^ Po^-r 
tificum JEboin^orfm ad ^p^um 
Igm^Sfifit^jß, diyinit^a iQ^ti|ai^^I^ 
co^tuqielis^ peiryeniatj ^^dvclisqn!^. 

sji^ ^;aBiQ»?.bij8., JBpoiesi^. ip^a, 
sjiößrAPQWtif.i^PWftBe, lipmiiiRm. 
jn4jiciciqu.e dj^ioB^tu^. , : . ... 



^arumMnaohia^tioimm triste 
ad r^cordaUanejm. dQcamentii^m 
extrenpo inende. mwtio-Vois^Veue- 
rabiles, Fratres et ßileQti Eilü, 

potiiit JadigQ«Aio. siegjara;. sigw- 
fica|9OO0m .f jus In^rtW^W et no- 
hü»m , m^^ ftbr- JQpiscppifi es;% 
p^afi x)pdrtßl>ati ad .Noaper 
Utt^^B , qffiqü pl^DM 4ef^f endaiii . 
c«rawi4s. Ptojfectp ilUeuijuriaß 
praeter Hwd^l» graveis -faera^ ut; 
quieiv cpQ^tUntpiPaaorwum cqd-^ , 
venerwt I . oQctjioiendiaMQertatim 



tritt .von. ^ag ,zvi Tage immer of- 
fei^.beryor. . U^erig. greifen ajie 
nämlict jede sieb darbietende Ge- 
. 4egwheit. aj*f „ ^^l;. die.iPÄpste zu 
.4iadetln, qpd. fehlt ea ihnen, an soI- 
«her^ 30 zie^ aie dißselbp hei den, 
,Haafrpn hei:bei;.sie verbreitep, npter 
.ilisgachtqng .authentischer bi^rir 
^ch^ .Documenta Lüg;engesp^n|ist9 ; 
giftjgPQ Pfeilen gleich, achleudern 
sie ei:diohtete Verbrechen in. die 
Welt, und ihre ausgelassene Zügel- 
liosigkeit ist um. so frecher, al3.;3ie 
der Straflosigkeit sicher sind. Doch 
die J^leidlgung gßuugt ihnpu nicht ; 
.hinter ih^eu gewohnh^itsmäasigeu 
LägpD atectdt. noch.. eioe andere Abr 
sieht» ^Die. (gottlosen iQgen es darauf 
an, dass von .der Pei^san der romi- 
.sehen Päpste die Schmach auf die 
,yon Gott gegründete Institution des 
Papstthums falle und dass in Folge 
der Verächtlichmachung des Ober- 
hauptes der Kirche, wenn möglich, 
.die Kirche selbst von der öffentr 
lichen Meianug verurtheilt und ver«* 
;dammt werde. 

Gegen Ende des Monats Mai habt 
ihr, ehrwürdige Brider und iheuere 
-3öhne,. zu Palermo einen traurigen 
Beleg, für diese; bösen Umtriebe ge- 
sehen.. Euxe.Entruetung konnte da» 
nicht -stillschweigend ertcagen.und^ 
ihr habt einen glänzeuden und edkn 
Beweis eurer Entrostung, wie man 
ihn von Bischöfen erwarten durfte^ 
Uns in eurem respectvollen Schrei- 
ben zukommen lassen. In der That 
überschritten die Beleidigungen je- 
des Mass^ 80 dass es den Anschein 
bat, als ob mau in Palermo absieht-^ 



Leo Xitt^'ad epkcöpd»^iciUtt^'tt: ^2. April ISSi. 



6ä 



probri3'= in Pdntifices llotoanos 
Vfei ömt coärettisse. Nb ulk 
quWerii Verö^nftiä röliglotii^ ftilt, 
quam ^Iciili Üömittes at> avis et 
majoribuö" säncte itiviöMe^aö ' 
c(msertaöf, quäecjue 'est ötröteiter 
didHir lacesättä, in qtiibüs ipsaiü 
agreötemlttitöSnitätöm iietno pro- 
bös lötre aeqtw) anitnö potiiit. 
Qüanttis harüm reiurti inustus 
anirao Nösiro öit dolor, conjec-' 
türam ei dolore vestro 'singuli^ 
Ikcite. WMl enim tarn lameri-^' 
tabile eldtv ^uani puMi«6e Höei'«' 
Edeleside thaji^rtatem ' salit^titä- 
teiöque lief ärie cöntetönöte; nihil 
tarn midemtn^ quam s^mtnörütfi 
Pöntidcttm memoriam ab Halis 
bomifiibus iiidigne violaH: 



Eä quae Pontiflces Jlomanrpr6 
salatb Italiae gessetunt; orbis 
terf ae testlmonio jtididoqne dotä^ 
probantur, ita ut nihil sit, qnod 
nomini Decessofum Nostroram 
metaamns ab aeqüis et pniden- 
tibos virki. Vefnmtamen Noö 
in crhninätionibus, de quibus lö- 
quimur; valde comtnovit primum 
rei indiguitas per set deinde 
mtiltitudinifir minus eruditae ^eri- 
cnlnm, quae Bacillus decipi et in 
errorem impölli potent. 



• Et sane magnus futttrus est 
eito^, d in re judicanda sex 



licK nur zu dem Zwecfeii zusammen - 
' gekommen itäi*e, um* die i^mischeh 
Päpste um die Wette äru' öchtaähen. 
Selbst diö Religion^'welehö vöttdetf 
' Bicilianerh seit ' dem- Üräfaf arige an 
"so Heißg unä dnverleftzt beobachtet 
' *wordeii ist, tet inan hiehtTersbhontV 
-sie wüi^de durcäi die' schmachvoll-' 
sten Worte ürtd'in so roher Weisfe' 
angegriffen, :däs§ kein Billigdcfnkeh- 
der SolcKeÖ^rtrageii kann. Wölchen 
Schiüferi diiese Thatsache«' UnseWih 
Herzen bereitet haben ^ das kSnht* 
ihr -llßteht aus' der ''<SFr5^e feur^ö' 
Sctenöt^eä' föl^ei^n. Denh WcMs ist' 
' beklägeiÄWertheV ; als dife' ausge- 
lassene J'röiheit, df^'Mäjfestät tind 
Heiligkeit der BÄrcHe «ffentlicli ätif 
böswillig^ Airt' zu .verspotten' j' nichts 
ist betrfibenderj'^als das Atidenlcehi 
der Päpste von Italienern auf un- 
würdige Weise geschmäht zu er- 
blicken. 

Die hohen Verdienste der römi- 
schen Päpste um das Wohl Italiens 
Werden durch das Zeugniss und ür- 
theil des ganzen Erdkreises derart 
anerkartÄt, daös wir^ vöä dem A\is- 
Bprüche'gel-^chter itüi #felser Märi^*- 
ner föf ^en Ruf 'ünöÄtei* Vöi^ätf^ei'' 
nichts zu ßrbWten häbeii; Wa^Ülis 
bei den AnächuMigutiget)'; vofi deiifen' 
Wir hier redöti, ate' fneigten'bettübt 
hat, das ist eii^öi^l 'dile unwürdige 
•Behandlung der Sache selbst, dann 
aber aueh die Gefall, dAsä sieh die 
weniger' tinteitit3htete 'Volksmenge • 
dadurch • leicht tauschen 1iM' in 
krth'öm führen Iftssenkatits. * ' 

Sicher wäre es ^ein'grössel» Fehlet, 
wenn riia'n eine Vdr 6 Jahrhunderten 



94 



Leo XtlL ad epUcopos SicUiae d. 2i. April 188^, 



ante saeculis gesta non ab bis 
temporibos moribasque nostris 
eogitatio avocetar. Bespicere 
qiiippc opus est ad instituta et 
leges ejus temporis , maxime 
vero jus gentium, quo tunc vi- 
veretur, repetere. Ezploratum 
est, quaecumque demum illius 
juris origo et indoles extiterit, 
temporibus Ulis plurimum in re- 
bus etiam civilibus äuctoritatem 
Bomanorum Pontificum valuisse, 
idque non modo non repugnan- 
tibus, sed consentientibus liben- 
tibusque principibus et populis. 
Cumque optabile videretur Vi- 
carii Jesu Christi patrocitiinm, 
non raro usu veniebat praeseri^im 
in Italia, ut ad eum velut ad 
parentem publicum confugerent 
civitates, eidemque sese in fidem 
sponte sua traderent et com-' 
mendarent. Domina animorum 
religione, Apostolica Sedes per- 
inde habebatnr ac propugna^ 
culum justitiae, et infirmiorum 
tatela adversus injurias potentio- 
rum. Et> hoc quidem cum magna 
utilitate commuui: hacenim ra- 
tione hcüm est, ut Pontificibus 
auctoribus diremptae saepa sint 
controversiae , sedati tumultus, 
sublatae discordiae, bella com- 
posita. 



In hoc tarnen magisfterio po- , 
pulorum ac pene dictatura, nemo 
Romanos Poutißces jijire coarguet 
imperii sui vel opos augere, vel 



vollzogene Thatsache nach den Ver- 
hältnissen und den Sitten unserer 
Zeit beurtheilen wollte. Man muss 
den Blick in die Vergangenheit 
richten, auf die Einrichtungen und 
Gesetze jener Zeit und namentlich 
auf das damals geltende Völkerrecht. 
Welches auch der Ursprung und die 
Natur jenes Rechtes gewesen sein 
magf so viel steht ausser Zweifel, 
dass zu jener Zeit die römischen 
Päpste auch in weltlichen Dingen 
eine grosse Autorität besassen und 
dass die Fürsten und Völker gegen 
dieselbe nicht nur nichts einwen- 
deten, sondern mit derselben ganz 
einverstanden waren. Wenn das 
Protectorat des Statthalters Jesu 
Christi erwünscht schien, kam es 
nicht selten vor, namentlich in 
Italien, dass sich die Staaten an 
ihn wie an den gemeinsamen Vater 
wendeten, und sich und das Ihrige 
gern seinem Schutze unterwarfen. 
Die Beligion war die Beherrscherin 
der Seelen und darum galt der apo- 
stolische Stuhl als ein Schutzwall 
der Gerechtigkeit und als Schutz- 
wehr der Schwächeren gegen ün- 
gerechtigkeijien der Mächtigeren. 
Das allgemeine Wohl zog den Nutzen 
daraus, denn auf diese Weise ge- 
schah es, dass, Dank der Interven- 
tion der Päpiste, oft Streitfragen er- 
ledigt, Unruhen besänftigt, Feind- 
schaften gehoben und Kriege be- 
endet wurden. 

Es kann aber Niemand mit Fug 
die römischen Päpste beschuldigen, 
dass sie bei dieser Macht über die 
Völker und bei dieser Art von Die- 



L€ö XltL ad episcopos Siciliae d. 22. April. 1882. 



dS 



fines proferre voluisse. Omnem 
potestateiD suam illnc semper 
converterunt ut civitatibus pro- 
dessent : nee semel ipsoram opera 
et auspiciis Italia impetravit, at 
?el externorum hostium propul- 
sarentar incursiones , vel dorne- 
sticoram adversariorum tarba- 
lenta ambitio frangeretar. Quam 
ad rem sapienter et opportune, 
Venerabiles Fratres et Dilecti 
Filii, commemorati a Vobis sant 
Gregorius Vn., Alexander IlL, 
Innocentius in., Gregorius IX., 
Innocentius IV. Decessores No- 
stri, qui exterarum gentium do- 
minationem rebus italicis saepins 
imminentem pmdentia et forti- 
tadine summa prohibuerunt. 



Qnod ad Sidliam vestram per- 
tinet, fidei et pietati ejus in hanc 
ApostolicamSedem paterna bene- 
Yolentia Fontificum mutue cu- 
mnlateque respondit. Bevera 
ipsorum consiliis vigilantiaeque, 
non mediocri ex parte Siculi de- 
bent quod potuerint Saracenam 
servitutem efiPngere. Gratamque 
etiam et aequam libertatem ab 
Innocentio IV.. et Alexandre IV. 
gens Siculä tunc impetravit cum, 
post Conradi Imperatoris obitum, 
sammam imperii penes munici- 
pium esse placnit. 

Post autem si Clemens IV. 
Carolum Andegavensera solemni 
ritu Siciliae regem appellavit, 
cur Pontifex reprehendatur nihil 



tatur ihre Macht zu vermehren und 
ihr Gebiet zu erweitern trachteten. 
Sie benutzten ihre Macht stets da- 
zu, um den Staaten zu nfltzen, und 
mehr als einmal verdauM Italien 
ihren Bemühungen und Anstreng- 
ungen die Abwehr der Einfälle aus- 
wärtiger Feinde oder die Unter- 
drückung des unruhigen Ehrgeizes 
einheimischer Gegner. In dieser Be- 
ziehung habt ihr, ehrwürdige Brü- 
der und geliebte Söhne,, mit Becht 
und zeitgeroäss an Gregor VII., 
Alexander III., Innocenz III., Gre- 
gor IX. und Innocenz IV., Unsere 
Vorgänger erinnert, durch deren 
Weisheit und hohe Tbatkraft zu 
wiederholten Malen die Unterwer- 
fung Italiens unter die Herrschaft 
auswärtiger Völker verhindert wor-^ 
den ist. 

Was euer Sicilien. anbetrifft, so 
hat seine Treue und Liebe gegen 
diesen apostolischen Stuhl in dem 
väterlichen Wohlwollen der Päpste 
eine reichliche Belohnung em- 
pfangen. In der That verdanken 
die Sicilianer zum grossen Theil es 
ihren Bathschlägen und ihrer Wach- 
samkeit, dass sie der Knechtschaft 
der Saracenen entgingen. Aiich da- 
mals, als nach dem Tode des Kaisers 
Konrad die Begierung in die Hände 
der Städteverwaltungen überging, 
erhielt das Volk Siciliens von In- 
nocenz IV. und Alexander IV. eine 
angenehme und billige Freiheit. 

Wenn später Clemens IV. Karl 
von Anjou in feierlicher Weise König 
von Sicilien nennt, so ist keine Ver- 
anlassung vorhanden, den Papst des- 



Ö6 



Leo XtJt ad episcopos iSiciUae d. M. April. IS^t 



est. Pecit ille jure suo, fecit 
quod e republica Siculorum ma- 
gis esse judicavit, delatis im- 
perii insignibus viro nobili et 
potenti, qui civicas res ordinäre 
et exterorum ambitioni resistere 
posse videbatur : de quo viro vel 
ipsa maximarum virtutum do- 
raestica exempla sperare jube- 
bant, fore ut jnste et sapienter 
imperaret. Nee caussa est, qua- 
mobrem vel ürbano IV. vel Cle- 
menti IV. vitio detur, quod homo 
natione exterus reguum Siculo- 
rum capessivit. Etenim praeter- 
quam quod exeraplis hujus ge- 
neris nee antea carebat nee 
postea caruit historia, Siculi ipsi 
in potestatem externi principis 
illo eodem anno volentes con- 
cesserunt. Simul ac vero se 
Oarolus inflexit in dominatum 
injastiorem, maxime ministrorum 
vitio praecipitata in perniciosam 
partem republica , desid,erata 
certe non est Bomanorum Pon- 
tificum in admonendo Caritas, 
in corripiendo severitas, Constat 
inter omnes , quot quantasque 
curas Clemens IV. et Nicolaus 
III. adhibuerint, ut hominem ad 
aequitatem justitiamque revo* 
carent. Quoriftn Providentia per- 
vicisset fortasse obstinationem 
viri principis, nisi viam rebus 
novis cruenta multitudinis ira 
subito patefecisset. Post inhu- 
manam illam caedem, cujus, ubi 
furor constitisset , ipsos puduit 
auctores, conscientia oftcii ini- 
pulit Martinum IV., ut Siculos 



balb zu tadeln. Er machte Ge- 
brauch von seinem Rechte und' 
' that, was er für Sicilien von Vor- 
theil hielt, indem er die Insignien 
der Herrschaft einem edlen und 
mächtigen Mahne übertrug, der die 
Geschäfte in Ordnung zu bringen 
und dem Ehrgeize der Ausländer 
zu widerstehen im Stande zu sein 
schien, einem Manne, der zuvor im 
kleineren Kreise Beweise von sehr 
grosser Tüchtigkeit abgelegt hatte 
und so hoffen Hess, er werde eine 
gerechte und weise Regierung 
führen. Es liegt auch keiu Grund 
vor , ürban IV. oder Clemens IV, 
einen Vorwurf deshalb zu machen, 
dass ein Ausländer die Herrschaft 
über Sicilien in seine Hände be- 
kam. Abgesehen davon , dass die 
Geschichte ähnliche Beispiele so- 
'wohl aus früherer wie späterer Zeit 
aufweist, traten die Sicilianer in 
eben demselben Jahre freiwillig 
unter die Herrschaft eines auslän- 
dischen Pursten. Sobald aber Karl 
auf weniger gerechte Weise von der 
Regierüngsgewalt Gebrauch machte, 
und als besonders durch die Fehler 
seiner Minister der Staat ins Un- 
glück gestürzt wurde, da fehlte es 
seitens der Päpste nicht an liebe- 
vollen Ermahnungen und strengem 
Tadel. So leugnet Niemand, dass 
Clemens IV. und Nicolaus III. viele ' 
und grosse Mühe sich gegeben haben, 
ihn auf den Weg der Billigkeit und 
Gerechtigkeit zurückzufuhren. Ihre 
Klugheit hatte vielleicht den Starr- 
sinn des Fürsten gebrochen, wenn 
nicht die wilde Wuth der Menge 



Leo XI iL ad eptscopos äiciUne d. 22» April 1882, 



9f 



itemque Petram Aragonium ali- 
quanto severius pro meritoipso- 
ram a^hiberet. Nihilominus ta- 
rnen eam severitatem et ipse 
Martinas et Honorius IV., Ni- 
colaus IV. , Bonifacius VIII. 
lenitat«' et misericordia mitiga- 
runt : iidemque non antea quies- 
cere visi'sunt, quam, Omnibus 
iis controversiis per litteras le- 
gationesque compositia, Siculo- 
rum saluti et legitimae liber- 
tati, quantum fieri poterat, con- 
suluerunt. Quibus ex rebus 
manifestum est, quod Vos, Vene- 
rabiles Fratres et Dilecti Filii, 
verissime dixistis, fautores injusti 
dominatus vel popularis invidiae 
concitatores appellari Bomanos 
Pontifices nisi per summam in- 
juriam non potuisse. In quo 
quidem Decessores Nostri ju- 
stioribus judicibus usi sunt iis 
ipsis bominibus Siculis, qui, re- 
centi adhuc caede, Sedem Apo- 
stolicam fidedtibus animis im* 
plorandam censuerunt. 



Haec commemorare voluimus, 
ut de tot tantisque injuriis Ec- 
clesiae et Pontificatui Bomano 
impositis querelas Nostras publice 
testaremur : eodemque tempore 
ut TOS intelligeretis, gratas ad- 
modum accidisse Nobis com- 

Arohiv filr Kircheqrecht. XLVTII, 



plötzlich neue Wendungen herbei- 
geführt hätte. Nach jenem nn- 
menschltchen Blutbade, desmn die 
Veranstalter sich später, als die 
Wuth vorüber war, selber schämten, 
hat Martin IV. es für seine Pflicht 
gehalten^ den Siciliern und ebenso 
Peter von Aragonien gegenüber 
Strenge walten zu lassen, wie sie es 
verdient hatten. Trotzdem milder- 
ten sowohl Martin selbst, als Ho- 
norius IV, , Nicolaua IV. , Bonifa- 
cius VIIL, diese Strenge durch 
Sanftmuth und Güte, und wir sehen, 
dass sie nicht eher ruhten, als bis 
sie nach Beilegung aller jener Zwi- 
stigkeiten auf dem Wege von Schrei- 
ben und Gesandtschaften für das 
Wohl und die legitime Freiheit von 
Sicilien gethan hatten, was in ihren 
Kräften stand. Hieraus folgt offco- 
bar, dass ihr^ ehrwürdige Brüder 
und geliebte Söhne, vollstäDdig der 
Wahrheit gemäss erklärt, die Päpste 
könnten nur mit dem grössten un- 
recht als Begünstiger der ungerech- 
ten Herrschaft oder als Schürer der 
Unzufriedenheit des Volkes hinge- 
stellt werden. In dieser Beziehung 
fanden Unsere Vorgänger gerechtere 
Bichter gerade in den Sicilianernf 
die kurz nacli dem Blutbade voller 
Vertrauen sich au den apostolischen 
Stuhl wandten. 

An dieses wollten Wir erinnern, 
um laut und öffentlich Unsere Kla- 
gen zu erheben über die so vielen 
und so grossen Unbilden, die der 
Kirche und dem Papstthum zuge- 
fügt werde* sind ; zugleich auch, 
um euch zu zeigen, wie überaus an- 

7 



98 



Leo XIIL ad episcopos Sidliae d. Ö2. April. 188S. 



munes litteras vestras, qaibas 
easdem injarias summa volanta- 
tum concordia Nobiscum pariter 
deploratis. Apparent in iis lit- 
teris episcopalis vestigia virtutis, 
cujus gratia forsan ignoscentior 
posteritas erit eorum temeritati, 
qui nihil dubitarunt Bomanum 
Pontificatum, hoc est nobilissi- 
mum et maximum Italiae decus, 
incesto ore lacerare. 



Ceternm ex hoc ipso magis ac 
magis perspicitis, qttod superiore 
mense Februario monuimus, 
quanta vigilantia providere opor- 
teatf ut fides catholica in tanta 
iniquitate temporam apud Italos 
conservetur. Pergite itoque, Ve- 
nerabiles Fratres et Dilecti Filii, 
fortiter pro juribus Ecclesiae pro- 
pugnare, mendacia improborum 
convinceire, fraudes detegere, Si- 
culosque universos in fide et 
amore retinere hujus Apostolicae 
Sedis, unde iis, beneficio Aposto- 
lorum, christianae sapientiae lu- 
men affulsit. 



Divinorum munerum auspicem 
et praecipuae benevolentiae No- 
strae testem Vobis, Venerabiles 
Fratres et Dilecti Filii, et populis 
curae fideique vestrae concreditis 
Apostolicam Benedictionem pe- 
ramanter in Domino impertimus. 

Datum Uomae apud S. Pe- 
trum die XXIL Ap'rilis anno 
MDCCOLXXXn , Pontificatus 
Nostri anno Quinto. 

Leo P. 



genehm Uns euer gemeinsames 
Schreiben berührt hat, in welchem 
ihr eben diese Unbilden in vollkom- 
menster Uebereinstiramung mit Uns 
beweint. Das Schreiben enthält Be- 
weise jenes bischöflichen Eifers, 
Dank welchem die Nachkommen 
vielleicht weniger nachsichtig über 
die Verwegenheit . jener urtheilen 
werden, die kein Bedenken trugen, 
die schönste und grösste Zierde 
Italiens, das Papstthum, in frecher 
Weise mit Schmutz zu bewerfen. 

Im Uebrigen erseht ihr daraus 
immer deutlicher — was Wir euch 
schon im verflossenen Februarmonat 
an's Herz gelegt haben — wie sehr 
man darauf bedacht sein muss, 
dass der katholische Olaube in 
diesen so beunruhigenden Zeitver- 
hältnissseu den Italienern erhalten 
werde. Fahret daher fort. Ehrwür- 
dige Bruder und Geliebte Söhne, 
für die Rechte der Kirche muthig 
zu kämpfen, die Lügen der Gott- 
losen zu widerlegen, ihre Schliche 
aufzudecken, und alle Sicilier im 
Glauben und in der Liebe zu diesem 
h. Stuhle zu festigen, von welchem 
sei Dank den Aposteln, das Licht 
des chrisüichen Glaubens erhalten 
haben. 

Als Unterpfand der göttlichen 
Gnadengaben und als Beweis unseres 
besonderen Wohlwollens ertheilen 
Wir euch. Ehrwürdige Brüder und 
Geliebte Söhne, und dem euer Ob- 
hut anvertrauten Volke voll 'Liebe 
im Herrn den apostolischen S^gen. 

Gegeben zu Rom bei St. Peter, 
am 22. April 1882, im fünften 
Jahre Unseres Pontificats. 

P. XIIL 



dd 



Y. 

SS. Domini Nostri Leonis XIII. PP. Literae Apost de ordine 

S. Basilii Ruthenae nationis. 



Sanct. Dom. Nostri Leonis Diy. Provid. 

PAPAE XIII. 
Apost. Litt, de ord. S. Bas. M. Käthen. 

Nationis in Gallicia Beformando. 
Leo PP. XIII. 

Ad futuram rei memoriam. 

Singalare praesidiam et decos 
semper Ecclesia catholica stbi 
sensit accedere eoram hominum 
o^era, qai christianam sanctitatis 
officiique perfectionem expetentes, 
hamanis rebus generosa quadam 
alaciitate dimissis, sese Jesu 
Christo dicavissent. Qai etsi 
principio qaidem seinota a civi- 
tatibns loca liberius Deo vaca- 
tari incolerent, rationemque aeta- 
tis degendae clericalium mune- 
rnm expertem mallent, postea 
tarnen, proximorum caritate et 
qaandoque Episcopornm etiam 
aactoritate couipulsi, in urbes 
concedere et sacerdotalinm mn- 
nerum officia suscipere non re-* 
cusarunt. — Mirifice inter hos 
vel a primis Ecclesiae saecalis 
effulsit magnus ille Basilius Cae- 
sareae in Cappadocia Episeopas, 
theologus idemqae orator cum 
paucis comparandus, qui non 
modo ad omnem virtutis laudem 
ipse contendit, sed ad imitatio- 
nem sui vocavit plurimos: quos 
sapientissimis praeceptis Insti- 
tutes ad communem religiosae 
yitae disciplinam in coenobia 



Apostolisches Schreiben 
PAPST LEO' XIII. . 
über die Beform des Basilianer-Ordens 
rathenischer Nation in Galizien. 

Leo XIIL Papst. 
Zum künftigen Gedächtnisse. 
Die katholische Kirche hat es 
immer empfunden , dass ihr eine 
besondere Hilfe und Zierde aus dem 
Wirken jener Männer zuwachse, 
welche, nach der christlichen Voll- 
kommenheit, der Heiligkeit und der 
.PflichterfüUang strebend, mit hoch-, 
herziger Freudigkeit den mensch-^ 
liehen Dingen entsagten und sich 
Jesu Christo weihten. Und obwohl 
sie anfönglich von den Städten ent- 
fernte Orte bewohnten, um sich 
Qott mit mehr Freiheit widmen zu 
können und ihr Leben lieber ohne 
geistliche Aemter zubringen woll- 
ten, weigerten sie sich doch später, 
von Nächstenliebe und zuweilen 
auch durch die Autorität der 
Bischöfe bewogen, nicht, in die 
Städte zu kommen und priester-^ 
liehe Aemter zu übernehmen. — 
Wunderbar glänzte unter diesen 
schon in den ersten Jahrhunderten 
der Kirche jener grosse Bischof von 
Gäsarea in Cappadocien, Basilius, 
ein Theologe und Redner, wenigen 
vergleichbar, welcher nicht nur für 
sich selbst nach jeder löblichen 
Tugend strebte, sondern auch viele 
zu seiner Nachahmung berief und 



100 Leo XllL ConaU Singulare praeMium d.d.^^. Mai J(882. 



congregavit. li vero poenis volun-^ 
tariis. et labore assaefacti in di- 
vinäs laudes sacrarumque doc- 
trinarum studia dispertiebant 
litiliter temporaj atque bis arti; 
bus . cum alia . multa assecuti 
fuerant , tuni ilf ad praecipue ut 
rem christianam valerent et^vir- 
tate saa illastrare et, ubi opus 
esset, data opera defendere. 
QuamobreiD quo tempore praecla- 
riis ille virorum religiosorum Ordo 
F)ibtiana clade interiit,, fons uti- 
litat'am non exiguiis ana secum 
^xaruit. Verum ubi primum, re- 
ceptis denuo in Ecclesiam catho- 
licam Buthenis, ille revixit, et 
in dignitatem pristinam revoca- 
tüs est adnitente Sancto Josa- 
phato Archiepiscopo Polocensi, 
martyre ihvicto, eodemque ejus 
Ördinis alumno, tunc Butheni 
revirescentis sodalitii celeriter 
sensere öperäm. Ejus enim so- 
dalibus iä maxime erat propo- 
situm, conservare Kutbenorura 
cüni Ecclesia Romana conjunc- 
tioneiA, plebem erudire, in ju- 
ventute instituenda elaborare, 
l^arochialia munera gerere, cunc- 
tiä demum officiis, quae ad ex- 
cölendos animos pertinent , per- 
fung{, praesertim si Cleri saecu- 
läris aüt numerus äut industria 
iemporibus iräpar extitisset. 



sie, mit höchst weisen Vorschriften 
versehen , zur gemeinsamen Di?- 
ciplin des Ordenslebens in Klöstern 
vereinigte. Diese aber theilten, au 
freiwillige Busse und Arbeit ge- 
wöhnt, ihre Zeit nützlich in das 
Lob Gottes und in das Studium 
der heiligen Wissenschaften, und 
damit erreichten sie nebst vielem 
Anderen insbesondere das, dasssie 
die christliche Sache durch ihre 
Tugend zu verherrlichen und nöthi- 
genfalls auch durch die That zu 
vertheidigen vermochten. Darum 
versiegte zur Zeit, als jener herr- 
liche Mönchsorden durch ^as 
Schisma des Photius unterging, mit 
ihm eine ergiebige Quelle mannig- 
faltigen Nutzens. Aber sobald er 
nach der Rücktehr der Ruthenen 
in die katholische Kirche wieder 
auflebte und durch das Bestreben 
des heil Josaphat, Erzbischofs von 
Plock des unbesiegten Märtyrers 
und Zöglings desselben Ordens, zur 
früheren Würde zurückberufen 
wurde , empfanden die Ruthenen 
bald das Wirken der neu auf- 
blühenden Genossenschaft. Denn 
ihre Genossen machten es sich zur 
Hauptaufgabe, die Verbindung der 
Ruthenen mit der römischen Kircbe 
zu erhalten, das Volk zu unter- 
richten, an der Erziehung der Jugend 
zu arbeiten, die Pfarrseelsorge zu 
führen und alle Aemter zu ver- 
richten, welche zur Bildung der 
Seelen gehören, namentlich wenn 
entweder die Zahl oder die Bildung 
der Weltgeistlichen zu Zeiten un- 
zureichend war. 



:^W> 



De reform* ord. s. BasiL M. Ruth, nat in GaU^ia, 



Qaibus Uli de caussis (iantum 
sibi^ apüd omneö benevolentiaö 
conciliärttiit, 'taritum dpinioniä et 
gratiae, ut nönnisi ex Basilianls 



Aus diesen Ursachen erwarben 
sie sieb bei Allen ^vjeVWohi-^ 
wollen, so viel Ansehen uncl Dänic, 
dass Diejenigen, welche ttischöf^ 
legererittir, qui vel Episcopi Vel oder Arcyman^riten werden sc^l^ 
Ätchimatidritae fiiereöt (Breve ^ten^, hur aus den BasilinnerD ge- 
wählt wurden. (Breve Bemdic^s 
XIV. iüclytüm quidem vom H, 
April 1753.) Auf der rutheiiischen 
provinciali, cujus Apostolica So- Provincialsyiiodezu Zamoysk, deren 
des decreta confirmavit, cautum Decrete der römische Stuhl bestä- 
tigt hat, wurde veroidnet, dass 
Niemand Bischof sein könne, der 
nicht die Profess als Basilianer ab- 



'Ben^ä.'Xir.^ diei 12. Aprilis 
*l'75ä' iric, iticlylufti quidem.) Ih 
'^fnoscena Synodo Ruthenorum 



fuerat, üt nemo esde Episcopus 
posset, quin institutum Basilia- 
num professus esset, nemo autem 
prböteri, quin ihtra monasterii 
sejpta annum prohaUonis regu- 
taris et sex hebdonias ad leges 
ef/ cönsuetudines sancti Basilii 
ei^set (Syn. Zamosc. Tit. VI. 
de Episcopis.) Itaque non solüm 



gelegt hätte, und dass Niemand 
die Profess iablcgen könne, der 
nicht innerhalb des Klosters ein 
Probejahr und sechs Wochen zur 
^ Erlernung der Gesetze und Ge* 
wohnheiten des heil. Basilitis zu- 



Episcopi Ruthenorum, sed etiani gebrächi hätte, (Syn. Zamoac, 



Ponti&ces Rbmani, Decessores 
Kostri, sodalitatem Basilianam 
magno in honore habuerunt, me- 
ritisque 'laudibus pros^cuti et 
praecipua cura, coinplexi sunt: 
eam quippe probe noverant Ec- 
ciesiae catholicae m^xime apud 
Ruthehos et antea pluriraum pro 



Tit. VI. de Episcopis.) Daruni 
hielten nicht nur die Bischöfe der 
Ruthenen, sondern auch die römi- 
schen Päpste, Unsere Vorgänger, 
die Genossenschaft der Basilianer 
in hohen Ehren und spendeten ihnen 
verdientes Lob und widnrieten ihnen 
besondere Sorgfalt, denn sie )yuss- 
fuisse et in posterum noii minus ten, dass sie der katholischen KircKe 
profuturam. De Clemente YIII. zumeist bei den !Ruthenen und auch 
(plem. Vm.<t Altissimi dispo- schon vorher setr viel genützt EaVen 
sitiöne 23. sept. 1603) et Gre- und in Zukunft nicht weniger nützen 
gorio XIII. {Greg. XIIL Benc;- werden. Von Ölenaens VIII. (Öte- 
dictus Dens 1. nov. 1579) satis mens Vltl, Altissinai iäispösitione 
const^t, quantum in ornandis vom 23. September 1603), Gregor 
Basilianis operae studiique col- Z/JJ. (Benedictus Dens vom l.No- 
locarint: quos ipse Benedictus vember 1579) ist sattsam bekannt, 
XIV. {Sened. X/F., Inter plures wie viel Sorgfalt und Eifer sie auf 
1 maji 1749; Inclytum 12. apr. die Auszeichnung der Basilianer 
1753; Super familiam 30. mart. verwendeten, welche auch Benedict 



102 Leo XIII. Const, Singulare praesidium d» d, 12, Mai 1S82» 



1756) et recentiore memoria 
Pias VII. (Fit4S VIL, Ea sunt 
ordinis julii 1822) singularibus 
verbis commendaruiit. His vero 
luculentum postremo tempore 
accessit testimonium f. r. Pii IX. 
(Pius IX. , Splendidissimum 
Orientalis Ecclesiae 29. jun. 
1867) iis consignatum litteris 
Apostolicis, in quibus B. Josa- 
phato sanctorum caelitum so- 
lemnes honores deceruebantur. 



Sed pristina mouasteriorum 
conjünctione dirempta, Ordinem 
jampridem florentissimum variis 
debilitatum casibus humanae in- 
firmitatis incommoda non parum 
afflixere : idque maxime per hanc 
aetatem, cum in tanta opinionum 
insania et corruptela morum pas- 
sim doctrina catholica in invidiam 
vocetur. Abductis praeterea re- 
rum novarum cupiditate ad pro- 
fana stndia animis muUorum Ca- 
ritas deferbuit, ac pauci inveni- 
nntur, qui mortalibus abdicatis 
rebus proxime ingredi Jesu Christi 
vestigiis instituant. — Nobis in- 
terim Ordinis Basiliani dolenti- 
bus vicem, et qua ratione rele- 
vari casum ejus oporteret, in_ 
animo considerantibus, illud com- 
mode accidit, ut de rerum statu 
non modo Nos Episcopi, sed 
etiam ex eodem Ordiue sodales 
diligenter docuerint. 



XIV. (Inter plures vom 2. Mai 
1749 Inclytum vom 12. April 1753, 
Super familiam vom 30. März 1756) 
' und in neuerer Zeit Pim VII (Ea 
sunt Ordinis vom 30. Juli 1822) 
besonders empfohlen haben. Hiezu 
kommt in neuester Zeit' das glän- 
zende Zeugniss Pim' IX. seligen 
Andenkens (Splendidissimum Orien- 
talis Ecclesiae vom 29. Juni 1867), 
welches in jenem apostolischen 
Schreiben verzeichnet ist, worin 
dem seligen Josaphat die feierlichen 
Ehren eines Heiligen des Himmels 
zuerkannt wurden. 

Aber nachdem der ursprängliche 
Verband der Klöster zerrissen war, 
beugten den einst so blähenden, durch 
verschiedene Zufälle geschwächten 
Orden die Schäden der mensch- 
lichen Schwachheit nicht wenig dar- 
nieder; und das hauptsächlich in 
unserer Zeit, wo bei so ungesunden 
Ansichten und bei so grosser Ver- 
derbniss der Sitten die katholische 
Beligion allenthalben angefeindet 
wird. Und da ausserdem durch die 
Sucht nach Neuem die Geister zu 
profanen Studien abgezogen wurden, 
ist die Liebe in Vielen erkaltet» 
und Wenige finden sich, welche 
das Irdische verlassen und ganz in 
die Fussstapfen Jesu Christi treten 
wollen. Während Wir Uns inzwi- 
schen über die Lage des Basilianer- 
Ordens betrübten und die Mittel 
erwogen, wie er von seinem Falle 
wieder aufzurichten wäre, fügte es 
sich passend, dass Uns nicht blos 
die Bischöfe, sondern auch Sodalen 
desselben Ordens sorgfältig über 



De reform. ord. s. BasiL M, Ruth» naL in Gaticia, 



103 



Immoquod olim inOrientalium 
Ecclesiarum discrimine Basilius 
'roagnus, idem illi sibi faciendum 
opportune censuerunt ut opem 
Apostolicae Sedis imploraverint, 
propositis etiam inter alia reme- 
diis\ quae sanctus Josaphat in 
caussa simili sapieater et ntiliter 
adhibnit. Perplacuit Nobis com- 
munis Episcoporum et Monacho- 
rum voluntas: et leuiri coeptus 
est animi nostri dolor Butheno- 
rum caussa susceptuSf de quibus 
quoties cogitamus, toties angi- 
mur: non enim possumus vel 
illatas fidei cathoUcae jacturas 
non deplorare vel praesentia pe- 
ricula non extimescere. Sed recte 
sperandum in posterum judica- 
mus, si Deo adjutore et au^ice 
magnus ille Monachorum Ordo 
ex Integro floruerit, quo vigente, 
Ruthenorum viguit Ecciesia. Ha- 
bendus enim ille est annosae 
instar arboris, cujus radix sancta: 
unde novorum insitione palmi- 
tum fruptus expectare licet laetos 
et uberes: idque eo magis quod 
cultores expetuntur, quorum alias 
est in opere eodem industria 
spectata, scilicet sodales ex So- 
cietdte Jesu, quo ipse sanctus 
Josaphat et Velaminus Butski 
Metropolita adjutores optimos 
experti sunt- — Igitur de gravi 
bujusmodi negotio , quod singu- 
lares curas Nostras sibi jure 
vindicat; mature deliberare jus- 
simus aliquot Venerabiles Fratres 



den Stand der Dinge unterrich- 
teten. 

Ja, sie erachten es für zweck- 
mässig, dasselbe zu thun, was einst 
in der gefahrvollen Lage der orien- 
talischen Kirchen der heil. Basilius 
der Orosse gethan, dass sie näm- 
lich die Hilfe des apostolischen 
Stuhles anriefen und unter anderen 
Mitteln auch diejenigen vorschlu- 
gen, welche der heil. Josaphat in 
ähnlichem Falle mit Weisheit und 
Nutzen anwendete. Es gefiel Uns 
der gemeinsame Wille der Bischöfe 
und der Mönche und es begann 
sich unser Schmerz über die Bu- 
thenen zu mildem, deren Lage Uns 
mit Kummer erfallt, so oft Wir an 
sie denken : Denn Wir können nicht 
anders als die dem katholischen 
Glauben zugefügten Nachtheile be- 
klagen, und die gegenwärtigen Ge- 
fahren fürchten. Aber mit Becht 
glauben Wir auf eine bessere Zu- 
kunft hoffen zu dürfen, wenn mit 
Gottes Hilfe und Beistand jener 
grosse Mönchsorden, unter dessen 
Blüthe auch die Kirche der Bu- 
thenen blühte, aut*s Neue wieder 
aufblüht. Denn er ist wie ein Jahr- 
hunderte alter Baum zu erachten, 
dessen Wurzeln heilig sind. Und 
darum darf man von dem Auf- 
pfropfen neuer Zweige erfreuliche 
und reichliche Früchte erwarten, 
und das um so 'mehr, als Pfleger 
erbeten werden, deren Geschick in 
demselben Werke schon früher er- 
probt wurde, nämlich Sodalen aus 
der Gesellschaft Jesu, welche der 
heil. Josaphat selbst und der Me- 



104 Leo XUl €onvt Sing^Uintre praesidium d. d. J2. ülai 7882. 



nosticos S. B. B: Gardinales e 
sacro Oonsüio cfaristianae fidei 
prop'agätidäe OHefiftaJibus - nego- 
tiis praeposito. Quorum cum 
probavtt*imtis sententias' , ad or- 
dinandilm äo4^1itatoM Basttia-* 
ttam in 'monasteriis Oalliöiae ea 
qüae s^triitur aiietdriiltte Nostra 
Äpodtolica decernimas religio- 
seque servarf präecipimns. 



Indytom Ordiuem S. Basifii 
magni in 'Buthenis: ^ic restitni' 
voinmtHf, ' ut nodales ejus ad sa» : 
t^tAotsAi^ mnnera probe ex<mlti 
in cttranda proiimoram saloie 
Btopitema strenue versentar. 
Atque in hoe' genere nthil opta^ 
lUtts magis , quam ab studeant 
ipsüm S. Josaphatam ferme al- 
tehim pareiitem suum imitari, 
et ad excellentem ejus caritatem 
proximo a^ed^re. Hujüs rei 
gratia OoU^giam tirociniomm^ 
seu Ni^iatum^ ati Tocaat, jure 
legitimo constiM volumus ia 
Mönasterio Dobromilef^si intra 
fines Dioeeesis Premisli^nsis : 
cüjas n^nasterii templdm et oon- 
tinetites aedes una cnm omni re 
familiari luribtiS) reditibns Col- 
legio tirociniOrtim seviNmtialui 
cedant. * 

Moüachod Ordinis BasHiani in 



tropofit Batski als ihre besten Ge« 
hilfen erprobt haben. — Velanin 
haben Wir einige unserer ebrirär- 
digea Brfider^ dia Gaardinäle der 
heiligen römischen Kirche atus der 
Congregation der Propaganda fide 
für die orieotalisdien Angelegen- 
- betten beauftragt, diese Angelegien* 
heit> welche Unsere besondere FGr^ 
sorge mit Recht in Ansprach nimmt, 
reiftiieh za erwägen. Dnd nach dem 
Wir ihre Ausspräche gebilligt 
haben^ beschliessen Wir mr Ordi- 
nuüg der Basilianer-Sodaliitätiiiden 
Klöstern Oaliziens kraft unserer 
apo8t(dischen Autorit&t Folgendes 
und wollen es gewissenhaft . bee^ 
bachtet wissen. 

Wif wollen , dass der berühmte 
Orden des heil. Basüius des Gh^ossen 
bei den Bnthenen so wieder her- 
gestellt werde^ dass seinci, Sodalen, 
zum Priesteramte rechtschaffen 
ausbildet, ernsüich am ewigen 
Heile des Nächsten arbeiten und 
in dieser Richtung wänschen Wir 
nichts mehr, als dass sie trachten 
mögen, den heil. Josaphat gerade- 
zu als ihren zweiten Vater nach- - 
zuahmen und seiner ausgezeich- 
neten Liebe möglichst nahe zu 
kommen. Darum wollen Wir, dass 
ein Gollegium der Nonzen, ein so* 
genani^es Noviziathaus im Kloster 
zu Dobromir, dessen Kirche nnd 
anstossende Gebäude mit allen Ein- 
richtungen, Rechten und Einkünf- 
ten dem Noviziathans abzutreten 
sind, rechtmässig errichtet werde. 

Wir befehlen, dass die Mönche 



Detefatin,ord^8*BfMsü.M: Huth. nat. in Galicia. 



105 



€rallicia fatttTos tirocinium in Mo- 
nasterio Dobrormilefisi ponere rato 
tempore jubemas: si seeus fo^ 
saeriat,. professio reUgiosa irrita 
infectaque estd. 

<^ totios et firmios latis- 
oeiitis Chrdtnis necessitatib^ con^ 
^nlatar*, pluresque adolesoentes 
ad profitendum tarn salutare vitae 
iüdiitatameicite&tttr, Privilegium 
eamdem ob cauesam a Pio VIL 
Decessore Nöstro renovatum vel 
cancessum per Apostolicias Lit- 
teras die 80. Juli an. 1822 da- 
taä, quarum initiam Eor simt 
orcHniSi Ma confirmamus , ui 
etiam Latinos, nondum tarnen 
sainis ordiiiibus initiatos , coop- 
tari liceat. lis fas csto ad Ba- 
thenorum ritnm sese in omaibus 
coüfonnare ante solemnem pro^-^ 
fessionem: qua peracta, non ta- 
mm antaa, ad ritnm Buthenum, 
VQtito ad Latinum regressn, vere 
etpenitus transiisse intelligantnr. 



Cum snsceptnm hnjus Ordinis 
reformandi negotium mnltas ha-* 
beat difficultates, quae consilium 
auctoritatemque Sedis Apoiäto- 
licae postulant, idcirco* ejus re- 
gimen Nobis et Bomanisr Fonti- 
ficibus ^ucceasoribus Nostris re* 
servamus, curam agente sacro 
Ccoisitio ehristianae fidei propa- 
gandae /Orientalibus negotiis 
praeposito, donec aliter ab ipsa 
Sanota^Sede Apostolica decerna- 



des BasilianettOrdens. kfiÄ(tig,,^if 
der bestinwt€^n Zeit das Novizif^t 
im Klostf^r von Dobrpmir voll- 
bringen 9Q]hu, ; wenn ^e i^s anders- 
wa vollbringen, so solV ibr^ Qr- 
densprofe$s null und nicbtiif.ß^ip« 

um Swc dia Bedürfnia^ des npthf' 
leidenden V Ordens ;£iiiihÄr^r und 
dauerhafter vorznsorgen ^uQd melir 
junge Leute anzuregen , i^inen so 
heilsamen Lebensberuf zu erwählen, 
bestätigen Wir aus derselben Ur- 
sache das von Unserem Vorgänger 
Pins VII. mit dem apostolischen 
Schreiben Ea sunt ordinis vom 
30. Juli 1822 erneuerte oder ver- 
liehene Privilegium dahin , dass 
man auch Lateiner, welche jedoch 
noch nicht die heil Weisen em- 
pfangen haben, beliehen ci^rf. 
Diese sollen sich vor der feierlichen 
Profess in Allem dem. ruthenisohen 
Bitus €onformireß4 nach dear Prp- 
fesS} aber nicht früher, sollen sie 
wissen, dass sie unter dem Ver- 
bote der Bückkehr zum lateini- 
schen Bitus wahr)iaft und voll- 
ständig zum rutheniscben Bitus 
übergegangen sind. 

Da di^ übernoQuneiie Aufgabe 
der Beform dieses Ordens viele 
Schwierigkeiten hat, welche^ den 
Bath und die Autorität des apo- 
stolischen Stuhles erfordern, so be- 
halten Wir jseine Leitung Uns und 
den römischen Päpsten Unserep 
Nachfolgern unter der Obsorge der 
heiligen Congregation .der , Propa- 
ganda für die orientalischen Ange- 
legenheiten vor, bis von diesem 
heiligen Stuhle anders verfugt w|rd^ 



106 Leo XIIL ConuL Singular i praesidium d. d. 12. Mai 1882. 



tur. Eidem sacro Consilio jus 
potestatemque tribaimus nomi-. 
nandi, rite perrogata Monacbo- 
rum sententia, . eligeudique Pro- 
toegumenum , ßeu Praepositum 
Ordinis in Oallicia Provincia. 
Hanc itaque sodalitatem Basilia- 
nam ab ordiuaria^ Episcoporum 
et ipsius etiam Metropolitae Ba- 
thenorum auctoritate et jarisdic- 
tione omnino eximimus et exemp- 
tam esse declaramus: salvatameö 
potestate, quam Trideutina Sy- 
Dodus Episcopis in hoc genere 
attribuit etiam uti Apostolicae 
Sedes Delegatis. 

Gollegiam tirociniornm , quod 
diximus, veterum exempla se- 
quuti, nominatim S. Josaphati et 
Velammi Batski Metropolitae, 
Societati Jesu instituendam ac 
regendom taindiu concredimus, 
quamdiu ex ipso Ordine Basi- 
liano non extiterint viri, quibos 
Monasterii Dobromilensis regendi 
caram Sedes Apostolica deferen- 
dam putet. 

Itaqne praecipimus, uti quam 
primum Coenobii Dobromilensis 
et NovUiatus magisterium guber- 
nationemque suscipiant lecti ali- 
quot e Societate Jesu sacerdotes ; 
qui tarnen non modo quod ad re- 
ligiosam disciplinam, sed etiam 
quod ad officii mutationem in 
potestate ordinariä Antistitum 
suerum, uti nunc sunt, ita esse 
pergant lisdem sacerdotibus e 
Societate Jesu Protoegumenus 
^radat, salvo tarnen Basilianis 



Derselben Congregation verleihen 
Wir das Beebt und die Macht nach 
ordnungsmässiger Anhörung des 
Gutachtens der Mönche den Pro- 
toegumenen oder Probst des Or* 
dens in der Provinz Galizien za 
ernennen und zu erwählen. Darum 
eximiren Wir diese Basilianische 
Sodalität von der ordentlichen Au- 
torität und Jurisdiction der Bischöfe 
und auch des Metropoliten der Bu- 
thenen und erklären sie für eximirt, 
jedoch unbeschadet der Gewalt, 
welche das Ooucil von Trient den 
Bischöfen in dieser Bichtung ver- 
leiht, auch Delegaten des aposto- 
lischen Stuhles zu verwenden. 

Die Einrichtung und Leitung des 
erwähnten Noviziates'vertrauen Wir, 
nach dem Beispiele der Alten, ins- 
besondere des heil. Josaphat und 
des Metropoliten Velamin Butski, 
der Gesellschaft Jesu an, so lange 
als nicht Männer aus dem Basi- 
lianer-Orden selbst vorhanden sind, 
welchen der apostolische Stuhl die 
Leitung des Klosters von Dobromir 
zu übertragen erachtet. 

Darum verordnen Wir, dass einige 
auserwählte Priester aus der Ge- 
sellschaft Jesu sobald als möglich 
das Lehramt und. die Leitung des 
Klosters von Dobromir übernehmen; 
jedoch sollen dieselben, sowohl in 
Bezug auf die Ordenszucht, als auf 
die Umwandlung der Pflicht, so 
wie jetzt, auch kfiAftig unter der 
ordentlichen Gewalt ihrer Bischöfe 
stehen. Diesen Priestern aus der 
Gesellschaft Jesu soll der Protoe- 
gumene, jedoch unbeschadet des 



t)t reform. ord. «. j^asiL M, Ruth, nat. in GalicuL 



107 



jure domiDÜ, monasterium supra- 
dictum, Nobis jam ultro obla- 
turn ^ una cum omnibus ejus 
bonis ac reditibus : de eaque tra^ 
ditione instrumeutum justüni per^ 
ficiatur, Ea bona eörumque bo- 
norum fructus in tuitionem Coe- 
nobii et Alumnorum insumendos 
administrent sacerdotes Societatis 
Jesu, uon auctoribus Monachis 
Basilianis, auctore Sacro Con- 
silio Christiane nomini propa- 
gando, cui in annos siogulos ra- 
tioues accepti et expensi, item 
relationem de statu tirociniorum 
deque adlectis inter tirocinia ex 
ftde* reddant. 



Monasterium Dobromilense, 
quod interim potestate Protoegu- 
meni exsolvimus, accipiat quot- 
quot ex Butheno vel Latino ritu 
in Ordinem Basilianum cooptari 
se velle declaraverint. Nee ta- 
rnen cooptentur, nisi quos probos 
et idoneos esse constiterit non 
solum legitimis de vita mori- 
busque litteris, et utriusque Or- 
dinarii tam originis quam do- 
micilii testimonio, verum etiam 
semestri probitatis constantisque 
voluntatis documento, quod intra 
Monasterii septa ante ediderint, 
quam vestem initialem sumpse- 
rint. 



Dobruaiileusea alumui seu N(h 



Besitzrechtes der Basilianer , das 
eben erwähnte, Uns schon freiwil- 
lig angebotene Kloster mit allen 
seinen Gätern und Einkünften über- 
geben; und über diese Uebergabe 
soll ein rechtsgiltiges Instrument 
abgefaisst werdeu. Diese Güter und 
ihr zur Erhaltung des Klosters und 
der Alumnen zu verwendendes Er-* 
trägriiss sollen die Priester der Ge- 
sellschaft Jesu verwalten, nicht im 
Auftrage der Basilianer-Mönche, 
sondern im Auftrage der Propa- 
ganda, welcher alljährlich über 
Einnahmen und Ausgaben Bech- 
nung zu legen und über den Stand 
der Novizen und über die in's No- 
viziat Aufgenommenen gewissenhaft 
Bericht zu erstatten ist. 

Das Kloster von Dobromir, wel- 
ches Wir einstweilen von der Ge- 
walt des Frotoegumenos befreien, 
soll Alle, welche erklären, dass sie 
in den Basilianer-Orden aufgenom- 
men zu werden wünschen, aus dem 
rutbenischen oder aus dem lateini- 
schen Ritus aufnehmen. Jedoch 
sollen nur Solche aufgenommen 
werden, von welchen nicht blos 
durch rechtmässige Zeugnisse über 
ihren Lebenswandel und durch das 
Abstammungs- und Heimathszeug- 
niss ihrer Ordinarien beider Biten, 
sondern auch durch eine halbjäh- 
rige , in den Klostermauern vor 
Anlegung des Novizenkleides ab- 
zulegende Prüfung Mer Becht- 
schaffenheit und ihres standhaften 
Willens bekannt ist, dass sie recht- 
schaffen und tauglich sind. 

Pie A^lmnnen oder Novizen ^qu 



tos Leo XllL Const Singulare praesiMum d.d. JZ. Mai.J882. 



vUa ad omnem pietatem reli^ 
giosamqne perfectionem infor- 
mentinr ei ^iastitato Ordinis Bar 
siliaxii diseiplinaqae per Sanc- 
tarn Josapliatam ordinata« Cum- 
qne omDVDO yelimas Rnthenoraai 
rita^ probatasqve ooasuetudines 
inTiolate wrvarif earent et pro« 
Tideant rectorea MoDasteriU ut« 
aliqno adhibito 6£ sacerdotibus . 
Batbema, in aede aaora coutir 
nenti dima . officia peragantar, 
et SieramMita adminiatreatar 
rittt BnirbeBÖ.: item ut alumni 
likirgiam Deremoniasqae Butiie** 
na» aednio ediscant lidem 
«Ininai f cU vinaa latides rite . per* 
»otnat^ aasaeaoant: abatinentiaa 
et jejiini^' ad praeaoripta Saneti 
ilcaapibatisaryant : ea tarnen pro«- 
denter temperare Coenobii f rae^ 
leate.iliceatd xui et licere yoIu- 
itos eoBf qnibAisr praeesi, a pvaer 
oeptiseecläsiastieiejüfitade cauasa ' 
eESolvBc^, eidem^ue ceteras fa«- 
mitates jm^ertimos, qnas in An-^ 
tiatites: Ordinqm röligiosomm 
<3enferr6 Sedes Apeatolica com- 
suent; 



"•■'■ Saprameutalefi alumiionin) eon» 
fessioBeö, etiam biehnk) postr. 
faam vdta aimpUda lianonpaye« 
rint^^ exoipiat ipaoram magister, 
^i forte praefeetnram monaste* 
ni, idem. gerat: ita tarnen ut 
iUis int^ram sit, qnandocnmqne 
volnerint) ad extraordinaxium 
Confeasarinm aocedere. 



Dobromir soll^ jiiacb.der Regel 
dea Basilianer-Ordena no^d der vom 
heil. Joeaphat (j^o^eord^eten Dia* 
cipiin in aller Frömmigkeit und 
VoUkommeobeit des Ordenslebena 
herangebildet werden. Und da Wir 
durchaus wollen , dasa der Bitns 
und die gutgebeissenen Gewöhn- 
, heiten der BatbeQ^n unverletzt be- 
wahrt werden, ^ sollen die Leiter 
des. Kloöters dafür Vorsorge treffen^ 
dass durob einen ruthenischen 
Priester nach dem rutheniachan 
Bitus der Gottesdienst in der w- 
stossenden Kirche abgehalten, m^d 
die Sacramente gespendet, werden. . 
Auch sollen die Zöglinge die k^ch- 
lichen Tagzeiten ordnungsmässig 
persolviren, Abstinfenz und Pasten 
nach den Vorschriften des heil. 
Josaphat beobachten; jedoch soll, 
es d«m Prafecten des Elostent. er- 
laubt seiUf siq in kluger Weise zu 
milder». Auch wollen Wir, dass 
es ihm erlaubt sei, seine Unter- 
gebenen aus gerechter Ursache von 
den kirchlichen Vorsehriften zu be- 
freien und verleihen ihm die äbri- 
gen Facnltäten, welche der aposto- 
lische Stuhl den Vorstehern der 
religiösen Orden zu verleihen pflegt. 
Die sacramentalische Beichte i^er 
Alumnen soll auch noch zwei Jahre 
nach Ablegung der einfachen Ger 
lübde ihr Novizenmeister abnehmen, 
auch wenn er zuf&llig Präfect des 
EQosters wäre, so jedoch, dasa es 
ihnen unbenommen bleibt, so oft 
sie wollen, sich an einen ausserr 
ordentlichen Beichtvater zu wen- 
den. 



be^t^forh, oM.s.BmiLM*Rüth49iat'in Galicia. 



J09 



Po6t tiit)clniü^ äüiii uftiü&iöt 
siBX beWeyrÄAdü'iri, Vota si«npli(äa 
AlümnöS titmöupai^e las -^td, di 
rhb&o -aighl et Kabilös ad öffida 
ÖMitiis stii Äritistittitti jüdiciö 
Vidöafatuh ' Qüös mirtüs dignos 
äftiütiWe idane6s esse canstfteriti 
&0S cftiatasi votis obätrictos, (|[uae 
äevotibnäUa appöllaiitar^ Prae-^ 
fectlas Ooeüobii iisdeto solutos 
äbire jubeat. Qui vota siiiiplkJia 
ritö ediderint, eos abirö jubere 
ne liceat oitra S^is Apostolicae 
aitretöritatem , erceplo quöd evi* 
dieiisDecesditasrurgeatqüa^ cunc- 
tatic^flem düllam recipiat. 



Alumni post Vota siinplieia 
Säcei^dötibtis Societatis ^esu stu- 
diorum moderatöribus ad huma- 
niores litteras instituantar: möx 
philosophiam et tbeologiam sab 
iisdetö doctöribus percipiant, at- 
que in iis studiis ad disciplinam 
D. Thomae Aquinatis exerceantur. 



«lisdem, exacto a nuncupatione 
votorum simplicium triennio, Or- 
dinem Basilianum solemni ritu 
profiteri liceat, servatis legibus 
a f. r. Piö IX. Decessore Nostro 
editis, imprimis Constitutione Äd 
Universalis JEcclesiae edita die 
7. Febroarii 1861. 

Haec quidem decemenda judi- 



- Nach : ein®B Jahr und sechs 
Woehen sollen die Alumnen die 
einfadien • öelübde abfegen dürfen, 
wenn äie nur ijachl 4eni ürtheii 
' ihrör . Vowteher als/ < würdig und 
'tattgüehf ffcf' die -^Pflichten ihre^ 
Ordenä ötkaant werden. Diejeni- 
gen, von 'Welchen' Consta tirt ist, 
dass sie minder würdig oder min- 
der tauglich seien, k^ll der Prä- 
feetdea Klosters; auch wenn sie 
durch die sogenannten devotioDalea 
Gelübde gebnmdjeri sind, von den- 
seBwn lösen und' entlassen. Die^ 
jenigen,^ ^welche die: einfachen Ge* 
lubdeabgel^ haben, dürfen nicht 
ohne diB Erläubrtiss des apoatoli- 
scheit Stuhles * entlassen werden, 
jaus&öT im Falle einer dringenden 
= Nothwendigkeit , welche keinen 
Aufschub zulässi 

Nach Ablfegung .der einfachen 
Gelübde sollen die Alumnen durch 
Priester der Gesellschait Jean als 
Leiter ihrer Studien;, in den Hu- 
maniora gebildet ; werden , darauf 
sollen, sie' Philosophie und Theo- 
logie unier densdben Lehrern stu- 
diren und bei diesen Studien in der 
Disciplin des heil. Thomaä von 
Aquino geübt werden. 

Drei Jahre nach Ablegnng der 
einfachen Gelübde soll es üuien er- 
laubt sein, die feierliche Profess im 
Basilianer<-Oi3dan abzulegen, unter 
Beobachtung der von unserem Vor- 
ganger Pius IXi seligen Andenkens, 
insbesondere der Constitution Ad 
universalis Ecclesiae vom 7, Fe- 
bruar 1861 erlassenen Gesetze, 

Das haben Wir anordnen zu sol- 



HO Leo XIIL Conat. Singtäare praesidium d.d. 7Ö. Mai 188^, 



cavirnns. Interim diligens da- 
bitur opera perscribendis vivendi 
legibus aeu Constitutionibus, iis- 
que ad ipsas illas propios ac- 
cedentibus, quas Basilins, Jos^- 
phat tarn praeclare condiderunt, 
Eas vero Nostra et hujus Apo- 
stolicae Sedis anctoritate recog- 
noscendas et approbandas esse 
volumus. Bt hac demum ratione 
fnturam confidimus, ot Basiliana 
Bnthenorum in Gallicia societas 
in spem gloriaQ veteris, opitu- 
lante Deo, reviviscat, atque ad 
omaem virtutem instructa, id 
facile assequatur qnod ejus tum 
conditor Basilins, tum restitntor 
Josaphatus animo proposuerant: 
nimlrum catholicnm nomen in 
alteris conservare, ad alteros pro- 
pagare , avitara ejus gentis cum 
Ecclesia Bomana conjunctiouem 
tueri , Episcopis Bnthenorum, 
catholicis adjutores doctos, in- 
dustrios, bene animatos suppedi- 
tare. 

Verum adlaborantes pro inco- 
Inmitate Basilianae in Gallicia 
familiae, non in hac unice curas 
deflgimns, ut non etiam ceteros 
Caritas Nostra complectatur ejus- 
dem alumnos extra Qalliciam 
consistentes. Qui sane paii studio 
benevolentiaque Nostra digni 
sunt, maxime ob utilitate Eccle- 
siae catholicae non modo partas, 
sed etiam reliquas et speratas. 
Interea pro certo habemus, eos 
minime sibi defuturos, ac volle 
oniversQs omni ope contendere. 



len erachtet. Inzwischen mOge man 
sorgfältig bemüht sein, Lebensre- 
geln oder Constitutionen zu ver- 
fassen, welche denen, die Basilius 
und Josaphat in vorzüglicher Weise 
gegeben haben , möglichst nahe 
kommen. Dieselben sollen durch 
Unsere und des apostolischen Stuhles 
Autorität eingesehen und bestätigt , 
werden, und schliesslich vertrauen/ 
Wir, es werde die Basilianer-Ge- 
nossenschafb der Bnthenen in 6a- 
lizien zur Hebung des alten Bnhmes 
mit Gottes Hilfe wieder aufleben, 
und, in aller Tugend unterwiesen, 
es leicht dahin bringen, was so- 
wohl ihr Stifter Basilius als ihr 
Wiederhersteller Josaphat sich vor- 
gesetzt, nämlich den katholischen 
Namen bei den Einen zu erhalten, 
unter den Anderen auszubreiten, 
die angestammte Verbindung dieses 
Volkes mit der römischen Kirche 
zu bewahren, den katholischen 
Bischöfen der Bnthenen gelehrte, 
thätige, gutgesinnte Mitarbeiter zu 
liefern. 

Aber indem Wir für die Wohl- 
fahrt der Basilianer-Familie in 
Galizien arbeiten, ist unsere Für- 
sorge nicht so ausschliesslich dar- 
auf gerichtet, dass Unsere Liebe 
nicht auch die übrigen Aluronen 
derselben ausserhalb Galiziens um- 
fassen sollte. Denn sie sind ge- 
wiss in gleicher Weise Unseres 
eifrigen Wohlwollens würdig, nicht 
blos wegen des Nutzens, welchen 
sie der katholischen Kirche schon 
gebracht, sondern auch noch in 
Zukunft bringen werden, Inde^seq 



De reform, ord. 8. Baail. M. Hutk. nat in Oalicia, 



11t 



ut dignitas retineatur Ordinis 
Basiliani, atque omniam mona- 
steriuiA exoptata conjunctio,,Dei 
beneficio, obtineatur. — Venera- 
biles autem Fratres Buthenorum 
Praesales, de sodalitate Basiliana 
egregie meritos, libenti animo 
fatnros arbitramur, oon quod 
ipsos in hac parte levandos onere 
daximus, sed quia, rebus aucto- 
ritate Nostra ita constitutis, jure 
ea bona ex Ordine Basiliano ex- 
pectari possunt, quae communi 
omnium desiderio expetebantur« 



Prosperos coeptorum exitus im- 
petret a Deo ipsa parens ejus 
Maria Virgo, una cum Michaele 
Archangelo, caelesti Gallicien- 
siam Patrone, et Basilio magno 
et Josaphato martyre: quorum 
omnium gratia faxit Deus, ut 
plnrimi ex omni hominum ordine 
in animum inducant hujus refor- 
mationis beneficia experiri. 

Haec volumus, mandamus at- 
que indulgemus, decernentes ir- 
ritum et inane si quid contra 
praemissa a quavis auctoritate 
scienter vel ignoranter contigerit 
attentari. Contrariis quibuscum- 
que etiam special! et iudividua 
mentione dignis minime obstan- 
tibuSy quibus omnibus et singulis 



sind wir gewiss, dass sie keines- 
wegs gegen ihren Vortheil han- 
deln und vor Allem auf jede Weise 
dahin streben werden, dass die 
Wärde des Basilianer-Ordens ge- 
wahrt und mit Gottes Hilfe die 
erwünschte Verbindung aller Klöster 
erlangt werde. Die um die basi- 
lianische Genossenschaft hochver- 
dienten ehrwürdigen Brüder, die 
Bischöfe der Buthenen , aber wer- 
den, denken Wir, sich freuen, nicht 
weil Wir sie in dieser Richtung zu 
entlasten erachtet haben, sondern 
weil man, nachdem die Angelegen- 
heit durch unsere Autorität so ge- 
ordnet ist , mit Becht jene Güter 
vom Basilianer-Orden erwarten 
kann, welche durch das gemein- 
same Verlangen Alier erbeten 
wurden. 

Einen gedeihlichen Erfolg des 
Unternehmens erflehe von Gott 
seine jungfräuliche Mutter Maria 
mit dem himmlischen Patrone der 
Galizier, dem Erzengel Michaelt 
mit Basilius dem Grossen und dem 
Märtyrer Josaphat, durch deren 
Fürbitte Gott geben wolle, dass 
Viele aus allen Ständen sich vor- 
nehmen , die Wohlthaten dieser 
Reform zu erfahren. 

Das wollen, befehlen und ge- 
statten Wir und verordnen, dass 
ungiltig und nichtig sei, was gegen 
das Voranstehende von was immer 
für einer Autorität wissentlich, oder 
unwissentlich unternommen werden 
sollte. Dem soll nichts was immer 
Widersprechendes, auch wenn es 
besondere und einzelne Erwähnung 



il2 Leo Xltl, Const Singulare prae^idittm d. d. li* Mai ISSi, 

ad effectum dumtaxat praesen- verdienen wurde, in keiner Weise 
tium Apostolica auctoritate de-* entgegenstehen und Wir derogiren 
rogamus. Yolnmus autem ut es im (Hnzeu und Einzelnen, ki^aftf 
praesentium Litterarnm eiemplis unserer apostolischen Aptorität .je- 
etiam typis impressis, ncianu ali- doch nur zum vorliegendeu Zweake^ 
cujus Notarii publici subscriptis Wir wollen aber, dass d^n Exens^- 
et sigillo personae in ecclesiastica plaren dieses Schreibens, auch Am 
dignitate constitutae munitis, gedruckten, wenn .sie von der Band 
eadem prorsus fides ubique in eines öffentlichen Notars untf^r- 
judicio et extra illud adhibeatur, schrieben und mit dem Siegel ei^r 
quae ipsis praesentibus habe- in einer kirchlichen Würde stehen- 
retur, si forent exhibitae vel ex- den Person versehen sind , überall 
tensae. vor Gericht und ausserhalb des^ 

selben derselbe Glaube hdgemesseB 

werde, wie dem, gegenwärtigen 

Schreiben, wenn es vorgezeigt oder 

entfaltet würde. 

* Datum ßomae apud S. Petrum Gegeben zu Rom bei St. Peter 

sub annulo Piscatoris die 12. Maji unter dem Fischerringe am 12. Mai 

1882 Fontificatns Nostri anno 1882 Unseres Pontificates im fünften 

Quinto. * Jahre. 

Leo PF. XIII. Leo XIII Papst 

Die Germania Nr. 244 meldete aus Lemberg vom 29. Mai 1882, 
»gegen die päpstliche Bulle zur Reformation jäes BasUianer^Ordens 
erklärte sich die von schismatischem Geiste durchseuchte ruthenische^ 
Presse , was vorauszusehen war. Jetzt hat nun der Basilianercafi-^ 
vent eu Buczace (Kreis Stanislau) in Rom Protest dagegen erhoben; 
dass das Noviciat von Dobromir den Jesuiten unterstellt werde. 
Ruthenische Blätter melden triumphirend, es würden weitere Pro- 
teste folgen und der weltliche Klerus mit seinen Decanatsversamm- 
lungen gleichfalls gegen das Ejitschreiten Roms Verwahrutig ein- 
legen. Dass schwache Elemente innerhalb des Ordens sich der 
strengen Zucht der Jesuiten nicht besonders gern unterstellen wür- 
den, hätte Niemanden Wunders genommen ; der Protest von Buczacz 
beweist aber klar, wie hohe Zeit es war, dass der h. Stuhl fest zu- 
grifi. Mit der Demonstration werden die Ordensautoritäten schon 
« fertig werden; sollte aber der weltliche ruthenische Klerus sich das^u 
verleiten lassen, an derartigen Demonstrationen gegen <ien b. Stuhl 
und die eigenen Bischöfe Tbeil zu nehmen^ so müsse der Metropolit 
dagegen einschreiten, derselbe Metropolit, der kürzlich noch den 
[Klerus vor gewissen als ultramontan bezeichneten polnischen Blättern 



Protest "äes Baail'Oönv^v. ßUczdCB'ffeg.' die tief. d/Ördenk HS 

wairnie, welche deü Mtith hatten, anf gewisse naeh dem schismati- • 
sehen Riissland Hnfiberscliielend^ Elemente iiü nrtbenrschen Klerus 
airfmerfesam zti iiaehen. Eö ist Thatsache, dass der päpstliche StöM 
die hekannte Hefom des Basiliarier-Orfens angeordnet hat auf die 
Initiative des Ordisiis^selbet, namentlich seines Provluzials. I>ie 
Sache wtode fei^ner auf einer Goiiferenz besprechen, welche die rw- 
thmischen und '^olniBehen BisiMfe auf Veranlassunlg *^es Ottltu^ 
miuisters mit d-em ' Statthalter töü Qalizien' - abgehiatteri haben: DK^ 
nials machte der' ruthenische Bischot 'StüpmsM von Pwemyil darauf 
aiifmertsam , dass gewisse Leute darin, däss man die Durchfuhrung 
der Reform äen Jesuiten überträfe, eine pö?i^scÄ6 Massregel eri^ 
blicken und daraus Veranlassung zu Aufreizungen nöhnieh worden; 
gegen die Reform selber war der Bischof nicht. Der Bischof Mö^ 
^awsM ^ntgegn^te^ ein gewisses Ödium würde im Lager der Buthenen 
imiäö^i*hiii iiadureh angeregt werden, dass einem fremden Orden die 
Safehein die Hand gelegt weiSl«; dadurch, dass man die Jesuiten 
wähle, sei wenigstens die Oaräntie gegeben, dass die Reform werde 
di*chg€!fahrt n^^rden, wÄtitti ehtgegengeäetzfen Fälle TiellSicfet' nicht 
er<rarf et Verden könne;' Diese Betaerküiigscheirit' das' Bedenken des 
Bfechöfö'*Stupnicki beseitigt ' zu haben. - Der rütheiffsche Itfetropolil 
Sembratowicsi erhob keinerlei Bledenken gegen die beabsichtigtiö''H0-' 
form, .welche von dem Provincial der Basiliäiuer, ?r Samicki^ lebhaft 
empfohlen wurde. Welche Stdlüng sonach- die 'geistliche 'Behörde 
einnehmen wird, Hegt auf der Hand, und um musseü^ abwarten^ ob 
die Hetzereien der ruthenischen' Presse innerhalb' des' ruthenischeti 
weltlichen Klerus Erfolg haben* werden. Mau darf nicht ■übersehen, 
dass hinter allen diesen Agitationen ^as schism^isdie Russlaöd ^teht« , 

Unter dem 1. Juni 1882 meldete die Germania Nr. 249 aus 
Lemberg weiter : Der Brotest der Basiliaüer zu Buczdcsiiegb nnn^ 
mehr vor. Es ist bezeichnend, dass (der Slöwo) eiii pc^iti3ches Blatt, das 
in schismätischem Fahrwasser segät, in der Lage ist, zuerst das be-' 
daüerliche Aktehstück zu veröffentlichen. Das Schreiben, welches sich 
an die* gesammten Basilianer in Gali7ien^^ wendet}, ist dentf auch iö 
einem Tone verfasst, wie man ihn in MrchlicheTt Aktenstücken, die' 
man an die' competente^ Seite etwa um Abstellung vou tJebelstän- 
den richtet,' nicht findet. Der Provinaal des Ot'dens, P. /SarmVÄJtV 
hatte die Cdnvente unter Uebersendung der päpstlichen Constitution 
eingeladen, an den h. Vater durch Vermittelurig des Provinzials ihren 
Dank für die Constitution auszusprechen. t)ie Mönche erklären, sie 
hätten keine Veranlassung, dem Papste i^a danken, da sie Weder ihn 
noch sonst Jemand um die Constitution gebeten, noch ihren Provinzial 

Arohiy für Kirchenrecht. XLVUL 3 



114 Protest des BcLSÜ.-Conv, v. Buczacs geg. die Ref. d. Ordens. 

dazu ermächtigt hätten! Der Provinzial habe vielmehr einen für 
den Orden »sehr verderblichenc Schritt gethan, indem er in »heim- 
tückischere Weise ohne Wissen nnd Ermächtigung des ganzen Or- 
dens das Kloster za Dob'romir nebst seinem Vermögen auf unbe- 
schränkte Zeit unter die Verwaltung und bedingungslose Nutzniessung 
der Jesuiten gestellt, unter deren Botmässigkeii in Zukunft das. No- 
viciat stehen solle, ohne dass die oberste Behörde des' Basilianer- 
Ordens eine Aufsicht darüber führe. Dagegen wird SÜQ^^uch er- 
hoben und, bevor über eine Beform des Ordens das noch in diesem Jahre 
stattfindende Capitel befinden werde, wird erklärt: 1) Jede weltliche 
un4 geistliche Vereinignng bespfaliesst, für sich. selbeiT, W09 iiöthig sei, 
und legjB dio Beschlüsse ihren Oberen nur zur Bestätigung vor; des- 
halb protestire der Orden gegen die Octroyirung anderer Grundsätze. 
2) Die Basiliatrer wollten der Jurisdiction ihres Metropoliten nicit 
entÄögfen werden. 3) Nur der Metropolit solle ito Verein mitihÄeri 
Sefotmen einführen, ohne die geringste Mitwii^ung der Jesuiten; 
4) A]^ das Energischste widersi&tzen sich die Basilii^ner deoiydas»^ 
nach der päpstlichen Bulle den Vorstehern und Directoren dei:. 
Schulen das Kecht entzogen werde, alle vier Jähre einen neuen Vor: 
geisetzteii und Consulenten für den Orden zu erwählen; Niemand 
soll« 81^ dabei einiiaischen. ;5) Die Ba^öllaner geben nicbt ihl:^ 
EinwilligBiig.dsiKn, das» das .Kloster zcr Dobromir den Jeaiiitea:übar^ 
geben werde, weil dßi: Provinzial die »Curiec(!) ^regefuhrt mit der 
Erklärung^ alle Patres und Laienbrüder des Ordens wftnschten dieses;, 
dks ser^ieltnehi* seinerseits eine »scliamlose Lfige.c Schliesslicli 
werden die Mönche in 4en übrigen Orden aufgefordert v Üefem 
Schritte sieb>^tiznschUes$en; Diese» Schreiben iiefert s^ho»' allein 
den Beweia, das^ieipe, gründliche Beform des Orde^is dnjigeod g^: 
boten ist. — Die »Gazeta Narodowa« sprach jedoch die Vermuthiin^ 
aus, der Protest der Basilianer von Buczacs sei ein Falsificat, weil 
das Scbriftistück keine Unterschritten, sotiderrf nur ein Siegel habe, 
dessen Bcbttoit 2U b€»zw«ifeln m« Der Oonveni selbst hat das Schrift^ 
stüi^k aber bisher nicht als unecht bezeichnet. Nach. dem intheni^ 
sehen Blatte »Dilo« ßoUen. noeK viel andere BasilianercpnveAtegege&v 
die päpstliche Bulle prptestirt haben , , ebenso sechs Gremeinden . im . 
Kreise Dobrbmil und der Klerus des Decanates Lubäczöw, während 
in anderen Decanaten Proteste vorbereitet würden. (Vgl. Germ. Nr. 254 
unter Lemberg 3. Juni 1882.) Einzelne Basilianerconvente haben (vgl. 
Bericht der Germ. Nr. 264 aus Lemberg 12. Juni 1882) aus Anlass 
der päpstlichen Bulle ^lugIi hei der ^Elegierung einen Öolleäivprocess 
eingeleitet. Die Regierung hat keine Veranlassung, der durch die 
competente geistliche Behörde im Einverständnisse mit der Central- 
regierung entschiedenen Angelegenheit näher zu treten. 



115 



VI. 
Deeretum s. Oongr. Officii dd. Ferla IV. 1 Febr. 1882, . 

i ät invalida dispensaiione ob copiüam in^estnosam aponaorum. 

(Vergl. Archiv Bd. 45. S. 328 fL) 

Ih congregatione generali S. B. et universalis inquisitionifl 
halJila, coram Emm. ac. Rmm. DD. S. B. E* Cardinal ibas in rebaa 
fidei inquiaitoribus generalibus proposito dubio : Utrum ad valorem 
dispeasatiOQumi quae sive directe ab apostolica Sede, me es pon- 
tifieia delegationa coQceduntar suimr quibnseumqne gradibus prohi- 
bittd cousanguinitätis, affinitatis, cognationis spiritualis et legalis nac 
non publicae faonestatis uecessarium dit exprhnere copulam iacestuo^ 
s^m a spoasia babitam ante impetrationem vel executionam praedic* 
taniin dispensatipnum ; nec non exprimer^ consilium et intentionetn 
cum qua (M^ulam inierunt obtinendae focilins dispensationis. 

' lidem Emi ac Bmi DD, praehabitö Veto DD. Gonsultomm 
r^spoüdendum decreverunt: Standum Decretig S. 0. feria IV- 
8« Augusti et sacrae Poenitentiariae 20. Julii 1869. 

Decretum autem s. Off. d. 8. Aug. 1806 cfr. in nostro Archiv, 
tarn. 45« pag. 329 sq., (ubi äutem falso relatum est aliud datom d, 
1. Aug.) 

Decräum vero ^. Pömit. d. 20. Juh 1869 in Archiv, eod, 
loeo jun laudatum hunc habet teuerem : »Post conatitätioDem Bene- 
dict! IV. Pastor ionus non posse amplius dubitari de nullitate 
düspensationis obtentae reticita copula incestuosa vel prara intentione 
facilius obtinendi dispensationem habita in ea patranda^c 



8* 



116 



VII. 

Die französischen Schulgesetze vom 15. März 1850 und 

28. März 1882. und die bischoflichen Anweisungen beti^i das 

Verhalten der Katholiken zum letzteren Gesetze. 

1. Lot du 15. Mars 1850. 

(Pnblicirt in Nr. 86. des Moniteur ÜDiversel , Journal Offi6iel de la Repu- 
blique Fran^aise. Mercredi 27. Mars 1850.) 

B^publiqne Fran^aise. 

Liberte, Egalite^ Fratemüe. Loi sur VenmgnemmU 
Au Nom Du Peuple Fran^ais/ 

L'Assembl^e nationale a adopt^la loi dont la tenear suit: 
Titre I. Des autorit^s pr6pos6es a l'enseignefnent. 

Chapitre L Du conseil sujperieur de Vinstruction puUique. 

Art. 1. Le conseil sup^rieur de Tinstruction publique est com- 
pose comme il suit: 

Le ministre, pr^sident; 

Quatre archeveques, ou ^veques, 61uö par leurs collfegues ; 

Un ministre de T^lise röformöe, 61u par les consistoires ; 

Un ministre de T^ßglise de la confession d/Augsbourg, flu par 
les consistoires; 

Un membre du consistoire central israflite , flu par ses 
collegues ; 

Trois conseillers d'feat, 61us par leurs collegues; 

Trois membres de la cour de Cassation, 6Ius par leurs collögues. 

Trois membres de llnstitut , flus en assembl^e g^n^rale de 
FInstitut; - 

Huit membres nomm^s par le Präsident de la Räpublique, en 
conseil des ministres, et choisis parmi les anciens membres du con- 
seil de rUniversitö, les inspecteurs gönöreaux ou supdrieurs, les 
recteurs et les professeurs des facultes. Ces huit membres forment 
une section permanente; 

Trois membres de Tenseignement libre nommös par le Präsi- 
dent de la Bäpnblique, sur la proposition du ministre de Finstruction 
publique. 

Art. 2. Les membres de la section permanente sont nommäs 
ä vie. 



Französisches Ünterrichts-Gesetz vom 15. März 1850, 117 

IIs ne peuvent 6tre revoquds que par le President de la Repa- 
blique, en conseil des ministres, sur la proposition du ministre de 
rinstruction publique. 

Ils refoivent seuls un traitement. 

Art. 3. Les autres membres du conseil sont nommös pour 
fiix ans. 

Ils sont ind^finiment r^ligibles. 

Art. 4. Le conseil supörieur tient au moins quatre- sessions 
par an. 

tes ministre peut le convoquer en Session extraordinaire toutes 
les fois qu'il !e juge convenable. 

Art. 5. Le conseil superieur peut etre appele ä donner son avis 
sur les projets de lois, de reglements et de decrets relatifs ä renseigne- 
meüt, et en g^n^ral sur töutes les questions qui lui seront soumises 
par le ministre. 

Jl est nöcessairement appelö ä donner son avis: 

Sur les reglements relatifs aux examens, aux concours, et aux 
programmes d'etudes dans les äcoles libres, et en g^neral, sur tous 
les arretäs portant reglement pour les Etablissements d'instruction 
publique; 

Sur la cr^ation des facult^s^ lycEes et Colleges; 

Sur les secours et encouragements ä accorder aux Etablisse- 
ments libres d'instruction secondaire; 

Sur les livres qui peuvent etre introduits dans les Ecoles pu- 
bliques, et sur ceux qui doivent. etre defendus dans les Ecoles libres, 
.comme contraires ä la morale, ä la Constitution et aux lois. 

II prononce en dernier ressort sur les jugements rendus par 
les eonseils acadEmiques dans les cas dEterminEs par Tart. 14, 

Le conseil präsente, chaque annEe, au ministre un rapport sür 
retat göneral de Tenseignement, sur les abuaqui pourraient s'intro* 
duire dans les Etablissements d*instruction , et sui^ les moyens d'y 
remEdier. 

Art. 6. La section permanente est chargEe de Texamen prEpa- 
ratoire des questions qui se rapportent ä la police, ä la comptabilitE 
et ä Tadministration des Ecoles publiques. 

Elle donne son avis, toutes le fois qu'il lui est demandE par 
le ministre, sur les questions relatives aux droits et ä Tavancement 
des membres du corps enseignant. 

Elle prEsente annuellement au conseil un rapport sur TEtat de 
Fenseignement dans les Ecolbs publiques. 



118 . Französisches UnterrichiS'Giß^tz «o«i lÄ/ März 1850, 

Chapitre IL Des conseils acad&mi^ues. 

Art 7. n sera ^tabli aue acadänie dans cbaqpe d^partement. 

Art. 8. Ghaque acad^mie est administr^e par ma recteur, 
assist^, di le ininistr^f le jage necessaire, A'x^ ,ou. de plusieurs in- 
specteur»^ et par HB conseil acad^Buqne. 

Alt. 9; Les reeteurs ne sont pas obokis exelusiT^ment parmi 
les membres de l-enaeignement pablic 

Ils doivent avoir le grade de licenci^, oü dix ann^es d'exerdoe 
comme inspecteurs d^äcad^mie, proviseavs, ceBsenrs, ehe& ou profes- 
seurs des classes snp^rienres dans un ätablissemeDt public ou libre. 

Art. 10. Le conseil acad^miqae est compos^ ainsi qaäl snit: 

Le irecteur^ pir^sident; 

ÜB iBspectear d'aoadäflne, ied fofictionBaire de TeBseigBeBieat 
btl BB inspectear des öooles primaires, däsign^ par le ministre; 

Le prüfet OB BOB däl^ga^; 

L'öi^dqoe OB sob dä^gnä; 

CM eeel^slatiqBe d^sigB^ par F^ySqBe; 

Un miBistre de TBne des deBx %lises proteataBtes, d^igBifi par 
le ministre de l'instmctioB publiqae , dans les departements ob il 
existe Bne %lise I^alement ^tabÜe; 

ÜB d^I^ga^ dB consistoire isra^lite daBS cbacan des d^parte- 
Bients od 11 existe bb consistoire I^galement 6tabli; 

Le procureBr g^n^ral pr&s la cour d-appel, dans lea villes od 
si^ge BBC coBT d'appel, et, daBS les antres, le procBreor de la Bäpn- 
UiqBe prte le tribBfial de premiere isstaBce; 

ÜB hiembce de la coar d'appely äla par eile, ob, ä d^faat de 
coBr d'appelf bb membre dB tribonal de premi^re inataBoe, ün par 
le tribBBal ; 

QBatre membres ^Ibs par le coBseil gdaäral, doBt denx an 
moiBS pris daBS soB fteiB. 

Les doyeifö dfs facBlt^ seront, en ontre, appel^s daBS le cob- 
9^1 acad^iqne, arec voix dälibArative, poBr les affaires i&t^essaBt 
lenrs facBlt^s respectives. 

La pr&ence de la moiti^ plos bb des membres et nteessaire 
ponr la validit^ des d^Qb^atioBS da. coBSeil acad^iqoe. 

Art. 11, Poar le döpartement de la Seine, le coBseil aca- 
. d^mique est- compos^ comme il SBit : 

Le rectetir, prösideBt; 

Le prüfet; 

L'arcbeveqae de Paris ob sob d^l^gB^; 



Jf^anzösivches Unierrichis^Gesei» vom 15. Mär» JSöO, .119 

Trois eccl^siastiques d&ign6s par l'archevSque ; 

Un ministre de l^Eglise r^fdrmöe, diu par le consistoire ; 
"Üö minfetre de TEglise 'de la cönfessiiHi d'Augsbourg, flu par 
le cönsistofret 

üö ftiembre flu coikistoire feraflite, flu par lö consistoire; 

Trois inspecteurs d'acadiScfiie, ^Mgn6s par le miHistrc^i 
: v... xJq bspectiaur- des äeol^ primaires,^ däsigiu^ par le ministre; 

Le procurenr g^n^ral pres la conrd'appelv ou uu membre du 
psrquet d^sign^ par lui; ' 

Bn membre d'erla conr d'appel, flu par 1a conr; 

ün^mtaibre dn tribunal de premi^re instaacd, äla par le 
tribunal; 

Quatre membres da couseil municipal de Paris, et deax mem- 
bres da oonseil g^n^ral de la Seine, pris parmi cenx des arrondisse- 
mentsde Sceaux et de Saint-Dems, tous ^us pcur. leconseil gen^ral. 

Le secr^taire genäral de la pr^fecture du d^partementde la Seine. 

Les doyens des facultas seront, en outre^ appel^ dans le con- 
seil acad^mique, ayec voix d^lib^rative, pour les affaiites interessant 
lenrs faeultte respeetiT«8. 

Art« 12^ I^s membres das donseikacad^miquesdoQt Ja -noQii- 
nation est faite par flectiou, sont ^as pour kois ana^ et iudälm- 
mont rd^ligiblee. ■'.. 

Art. 13. Les d^partemeots foürniFOitt an: liacal poar le sorvu^e 
de radministration acad^mique. 

Art. 14 Le Gonseil acad^miqae donae son avis: 

Sur retat des diSi^rentes 4coles ^tß,blie9 dans le d^partement; 

Sor lea r^fortnes h introduire dans renseignement« la discipline 
et Vädministration dea ^coles pnbliqnes; 

Sur les budgets et les comptes administratifs des lyc^es, col- 

. läges et ^coles norixmles primpires.' ' . * ' 

• Sur les secours et encouragements ä accorder aaxdcoles primaires. 

' n iostrait les affaires disciplinairda relatives mx membres de 

-i'ensetgnemeiit public saoondaire ou süpMeur, qui lui soat reuvoy^s 

par le ministre ou le recteur. . ^ r . • - .■ 

H prononce, sauf reeours an^^onseil saii^riBUr^ sttr Ji^ affaires 
contentieuses relatives ^ Tobtention des grades, aöx ccmeours. de^ant 
les facultas, ä Touverture des ^coles Ubr^s , aux droits des mattres 
particnliers et ä Texercice du droit d'enseigner; sur leis ppunsfuites 
dirig^es contre les membres de rinstruotion secondaij;« publique et 
tendant k la r^vocation, avec interdiction d'excerc^ 1^ profession 
dinstituteur libre, de chef ou f^fesseur d'^tablif^eniQuti libre, et, 



120 Frcmzösisches Unterrichiß-Qeaetz vom 16. Mär« 1850. 

daas les cas d^terminäs par la präsente loi,.8ur l6s afifaires discipH- 
naires relatives aux institateurs primaires, publics ou libres. 

Art. 15. Le conseil acad^niique est näcessairement consalte 
sur les reglements relatifs aa rägime iutäriear des lyc^es, Colleges et 
e'coles normales primaires, et sur les r^glements relatifs aux ^oles 
publiques primaires, 

II fixe le taux de la rdtribntion scolaire, sur l'avis des conseils 
munieipaux et des d^lögu^ cantonaux. 

II d^termiue les cas oü les communes penvent, ä raison des 
circoQstances^ et proyisoireäient^ etablir ou coosenrer des äeolesr pri* 
maires dansdesquelles seront admis des enfants de l'un et rautre 
sexe, ou des enfants appartenant aux difL^rents cultes reconnus. 

U dofiue sonaris an recteur, sur les räcompenses ä accorder 
aux ii^titutetirs primaires. - 

. Le recteur fait les propositioos au ministre, et distribue les 
recompenses aceord^es. 

Art. 16. Le conseil acad^mique präsente, chaque aim^, au 
ministre ^t au cons^l g6nfy^l un exposä de la Situation de Tenseigne- 
ment dans le döpartement. • 

Les ra^rporte. du conseil acadtoique sont enyoy^ par le rec- 
teur au ministre, qui les comnaunique au conseil sup^rieur. . 

Chapfre lll.. Des ecolesetdeVinspectian. 
Section 1. Des öcoles. 

Art. 17. La M reconnätt deux especes d'^eoles primaires ou 
secondaires. 

1^ Les ^les fond^es ou entretenues par les communes , les 
departements, ou TEtat, et qui prennent le üom d^^oles publiques. 

2^ Les ecole^ fondäes et entretenues par des particuliers ^u des 
associations, et qui ptenneiit le nom d*6coles libres. 

Section IL De Tinspection. 
Art. 18. Llnspection des Etablissements d'instruction publique 
ou libre est exercöe, 

10 Par les inspecteurs g^neraux et supErieurs; 
2^ Par Jies recteurs et. les in^cteurs d'acadämie; 
S^ Par^ les inspecteurs de Tenseignements primaire. 
/4^ Par les d^l^gu^s cantonaux, le maire et le eure, le pasteur 
ou le d^leguö du consistoire israälite, en ce qui concerne Fenseigne- 
ment primaire. 

Les ministres des diffärents qAtes n'inspecterout que les Cooles 



Frän%ösi8Ches ünterrichtS'Geset» vom 15. März 1850. 121 

speciales a leai* culte, ou les ^edes mixtes pour leurs coreligion- 
naires seulement. ' 

Le reoteur pourra, en cas d'jempSchemeht, d^l^er temporaire- 
ment llaspectioa ä ua membre du conseil acad^miqüe. 

Art. 19. Les jnspecteors d-acad^mie sont choisis par le ministre, 
parmi les ancieas inspectears, les professears des facult^, les provi- 
sear&et censeors des lyc^s^ les principaux des Colleges, les chefs 
d'^tablissements secondaires libres, les professears des classes supd- 
rieares dans ces diverses oat^gories d'^tablissementSt les agr^g^s des 
facult^ et lycdes et les inspectears des ^oles primaires, sous la 
condition eommune ä toas da grade de licenciä, oa de dix ans 
d'exercice. . 

, Les inspectears g^n^raax et saperiears sont choisis par le 
ministre, seit dans les cat^gories ci-dessas indiqa^es, seit parmi les 
anciens inspectears g^n^raax oa inspectears saperiears de Vmstraction 
primaire, les rectears et inspectears d'acad^mie, oa parmi les membres 
de rinstitat. 

Le ministre ne fait aacane nomination d'inspectear g^n^ral sans 
avoir pris Favis da conseil sap^riear. 

Art. 20. L^inspection de Tenseignement primaire est sp^ciale- 
ment confi^e ä. deax insjpectaars sapMears. 

n y a, en oatre, dans chaqae arrondissement, an inspectear 
de Tenseignement primaire choisi par le ministre, apr^s avis da con^ 
söil acad^miqae. 

N^nmoins, sar Tavis da conseil acad^miqae, deax arrondisse- 
ments poarront etre r^anis poar Tinspection. 

Un r^glem.ent d^terminera le claäsement, le frais de toarn^e, 
ravancement et les attribations des inspectears de Tenseignement 
primaire. 

Art. 21. L'inspection des 6coles pabliqaes s'exerce conformö- 
ment aax reglements delib^r^s par le conseil sapäriear. 

Celle des ^coles libres porte sar la moralit^, rhygi^ne et la 
salabtit^. 

Elle ne peat porter sar Tenseignement qae poar vÄrifier s'il 
n'est päs ä la morale, ä la constiti^tion et aax lois. 

Art. 22. Toat chef d'ötablissement primaire oa secondaire 
qui reiasera de se soamettre ä«la sarveillance de TEtat, teile qa'elle 
est presorite par Tarticle pr^cMent, sera tradait devant le tribanal 
correetionell de Tarrondissement, et condamn^ ä ane amende de cent 
firancs ä mille francs. 

En cas de r^idive, Tamendb sera de cinq cents fraacs ä trois 



122 Französisches Unterrichts-Gesetz vom 15, März IS50, 

mille francs. Si le refns de se soumettre ä la sarveillance de FEtat 
a donn^ liea k deax condamnations dans Tann^e, la fermeture de 
r^tablissement poarra etre ordoim^ par le jagement qai prononcera 
la seconde condatunation. 

Le proces-Yorbal des inspectenrs constatant le refas da chef 
d'^tablissement fera foi josqfi^it inscription de faiut. 

Titre IL De i'enseignement primaire. 
Ohapitre L Dispositians gSnerales. 

Art. 23. L'enseigneiQent primaire comprend : ^ 

L'instruction morale et religieuse; . 

La lecture; 
' L'^critüre; 

Les ^I^ments de la langue fran9aise; 

Ue calcul et le systöme l^gal des poids et mesures. 

II peut comprendre, en outre: 

L'arithmi^tique appliqii^e anx Operations ptatiques; 

Les fl^ments de Thistöire et de la göographie ; 

Des notiöns des Sciences physiques et de Thistöire natafeUe, 
applicables* aux us^ages de la yie; 

• Des instrüctions elöräentaires sur Tagriculture , rihdüstrie et 
rhygifene; . ' 

L'arpentage/le myellement, le dessinlirt^aire; 

Le.chant et la gymnastique. . 

Art. 24; L^enseignenient primaire est A6nn6 gratoitement ä 
tpus les enfants dont les familles sont hors d'^tat de payer. 

' Chapi^e II. Des instUuleurs. 

Seqtioja.L Deß conditions d'oxercice de la professiod dinstituteur 
primaire public ou libre. 

Art. 25. Tont Fraii9ais äg^ de vingt et im ans adcomplis 
peilt excercer da&s toQte. la France la profession d'mstitateur pri- 
maire, 'psbM Qii'lihire, s^ii eist mxmi;d'«n breret de capadltä« 

Le brevet de capacit^ peut etre sapl^^ par le certifioat de T^age 
dont. liest« pa^^^Tart. 47m par le. diplönie de baeheli^r^par un 
certifiest constatant' qja'^a £td admis dans ood ^^ Cooles 9pMales 
•de TEtäi/on pa^ le titre d6 minis^re, non interdit ni ieT<^«d, de 
Tun des cnltes leeonotts par Ffitat. ... 

^ Arti 2ft. Soak ino^bles de teqir ane 6cale publique ou litee, 
on d'y §tre employ^s, des individas qni on subi ane condamnation 



iiotit cHmef^^m twür ün Mit feontt-aire k la probit^ ou ättx taoeüi*, 
Ife itidiVichis ^riv^ px' jtigeta^iit "d* tonJt oü p^rtie' flear; titoife 
irientiöhri& en l^art. 42 dli Cdäe^öiml, et 'öeiix ^ni ont Ätd inter- 
dits en vertu des art. 30 et 33 de la prösentfe loi. ' ''^ '■ 

Section IL Desr conditii^ spiSci^s aiax. msJ^itatearg.Ubcfs. 

Art 27. Tout instituteur qui veut ouvrir une öcole libre, doit 
pr^sdablement dMäVei* son Menüöfii au maire de la eommnne od il 
veut s'ötablir, tai döwgner te local, et lui doüner rindication des 
lieux oü il a r^sid^ et des professions q,u'it a ^xer^^s pe^d^nt les 
dix annöes pröcödentes. . ! ' 

Cette döclaration doit etre, en outre, adress^e par feipostu- 
lant au recteur de Tacad^mie, au procureur de la R^pui)li<iu€i et au 
sous-pröfet. 

Elle demeurera affichi^e; par les soins du ipaire, ä la pprte de 
la mairie pendaut un mois. . > [' 

Art. 28. Le rectw» seit d^öce, soit.sur la plaint^^^ pro- 
cureur de la ßöpubliq^ue ou du sous-pr^fei.peut former op|)^^^^ ä. 
Fouvert^re de Fdcple, dans VinUttt des moeurs publiqües^ dans le 
mois qui suit la dMaration ä lui fäite. . . r '•',-, 

Cette Opposition est ju^ee dans un bref Mair contra^^OTO^^ 
ment et sans recours, par le conseil acad^mique. 

Si le maire Tofuse ,d'apprj)uverlelpcal,.il est, statiie ä cet 
^gard par ce conseil. 

A döfaut d'opposition, l'öcple peut etre ouverte Jt Texpiration 
du mois, sans auti:e formalitö. \ , 

Art. 29. Quiconque aura ouvett ou dirigeune (Scoliei en coiiträ- 
vention aux articles 25„ 26. et ^7, ou ayaut Fexpiration du dölai 
fix6 par le dernier paragraphe de Tarticle 28., sera poursuivi devant 
le tribunal corröctionnel du lieü du dölit, et condainnö ä une'ameride 
de cinquante francs It cinq cents francs. 

L'^cole sera fermöe. 

Eü ^B de r^cidive, le d^li&qua&t aera eoitdaiiiiiS ' ä>^<im empri- 
sonnement de six jours k un mois, et ä ime amehde dev cent. frmcs 
k mille francs. . ; * ^i >.: 

La mdme peine de six jours ä un^mds id'em{npk|oiliiement"iet 
de Cent francs äKmifle fra^s d'amende^eni'proüorieöa*conibre edui 
^ii 'danar le cas d'<q)position iormöeä PouvertureL cte son^^Qölö, Tauira 
n^anmoins ouverte avant qu'il ait ^tlstaipe aur eette o|ipositiony^^ öu 
Uen au m4pris de la d^cision du cofas^ acaiKmiqaie <][ui aurait 
«etm^m ^Opposition» * ^ i 



124 FranzÖBischea Unterrichta-Gesetz vom 15, März 1850. 

Ne seront pas considär^es comme tenant ^cole , les personnes, 
qui, dans an but parement charitable, et sans eiercer la profession 
d'institiiteurf enseigneroat ä lire et k ^crire aox enfants, avec Tau- 
torisaition du d^Mgaä cantonal. 

N^anmoins, cette antorisation pourra etre retirde par le con- 
seil acad^mique. 

Art. 30. Tout institatear libre, sar la plainte da rectear ou 
da prooareor de la B^pabliqae, poorra etre traduit, poar cause de 
faate grave dans Texercice de ses fonctions, d'incondaite oa d'im- 
moralitä« devant le conseil acadämiqu'e da d^purtement, et etre cen- 
sar^ suspenda ponr nn temps qai ne pourra exender six mois, ou 
interdit de Vexercice de sa profession dans la commane oü il exerce. 

Le conaeil äcadämiqae peut meme le frapper d'ane interdiction 
absolue. II y aora. lieu ä appel devant le conseil sup^riear de 
Finstraction publique« 

Cet appel devra etre interjetä dans le d^lai de dix jours , ä 
compter de la notification de la d^cision, et ne sera pas suspensif. 

Section III. Des instituteurs communaux. 

Art. 31, Les instituteurs communaux soiit nomm^s par le con- 
seil .manicipal de chaque commune, et choisis seit sur une liste 
d'admissibiUte et d'avancement dressäe par le conseil acadämique du 
d^partement, soit sur la Präsentation qui est faite par les sup^rieurs 
pour les membres des associations religieuses vouäes ä Tenseigne- 
ment et autoris^es par la loi reoonnues comme Etablissements d'uti- 
litö publique* 

Les consistoires jouissent du droit de Präsentation pour. les in- 
stituteurs appartenant aux cultes non catholiques, 

Si le conseil municipal avait fait un choix non conforme ä la 
loi, ou n'en avait fait aucun, il sera pourvu ä la nomination par le 
conseil acadämique» un mois aprte la mise en demeure adressEe au 
maire par le recteur. 

L'institution estr donn^e par le ministre de Tinstruction pU"^ 
blique. 

Art. 32. II est interdit aux instituteurs communaux d'excer- 
cer aucune fonction administrative sans Tautorisation du conseil 
acadämique. 

Toute profession commerciale ou industrielle leur est absolu- 
ment interdite. 

Art 33. Le recteur peut« suivant le cas, r^primander, su- 
spendre, avec öu sans privation totale ou partielle de traitement, 



Frantöaisches UnterrichtS'Oeaetz vom 15. März 1B50. 125 

pour un temps qui n'eirc^dera pas six mois, ou r^voquer Tinstitu- 
teur communal. 

L'instituteur • r^voquö est incapable d'excercer la profession 
d'instituteur, soit public, soit libre, dans la raeme commune. 

Le conseil acadömique peut, apres l'avoir entendu ou düment 
appelö frapper l'instituteur communal d'une interdiction absolue, sauf 
appel devant le conseil supörreur de Tinstruction publique dans le 
d^Iai de dix jours, ä partir de la notification de la döcision. Cet 
appel n'est pas suspensif. 

En cas d'urgence, le maire peut suspendre provisoirement Tinsti- 
tuteur communal, k Charge de rendre compte, dans les deux jours 
au recteur. 

Art. 34. Le conseil acad^mique d^termine les ^coles publiques 
auxquelles, d'aprös le nombre des Kleves, il doit etre attachö un 
instituteur adjoint. 

Les instituteurs adjoinüs peuvent n'etre ägtSs qne de dix-huit ans 
et ne sont pas assujettis aux conditioüs de Tart. 25. 

Ils sont nommös et r^vocables par Tinstituteur,. avec l'agrö- 
ment du recteur de Tacadömie. Les instituteurs adjoints apparte- 
nant aux associations religieuses dont i! est parl6 dans i'article 31., 
sont nommös et peuvent etre r^voquös par les superieurs de ces 
associations. 

Le conseil municipal fixe le traitement des instituteurs adjoints. 
Ce traitement est ä la Charge exclusive de la commune. 

Art. 35. Tout d^partement est tenu de pourvoir au recrute- 
ment des instituteurs communaux, en entretenant des ^^ves-üiatitre^, 
soit dans les Etablissements dHnstruction primaire d^signi^s par le 
conseil acadömique, soit aussi dans TEcole normal ötäblie ä cet eflfet 
par le döpartement. , ' 

Les ßcoles normales peuvent 6tre süpprimdes par le conseil 
g^ndral du d^partement; elles peuvent l'etre ^galement par le mi- 
nistre, en conseil supörieur , sur le räpport du conseil acadömique, 
sauf dans les deux cas, le droit acquis aux boursiers en jouissance 
de leur bourse. 

Le Programme de Tenseignement, les conditions d^entröe et de 
sortiei Celles qui sont relatives h la nominatton du personnel, et tout 
ce qui conceme les öcoles normales, sera ddterminö par un rögle- 
m.ent dölibörE en conseil supörieur. 



l2ö[ Fmnzösitcff^ea tJn4^rric^§T^m^s^ mm< tS. Mär» ISSO^ 

. • ; , Gha^ßm Uli De» icdes Gomnimai^: 

Art. 86* Toute commune doit entretenrr nne in plusieurs 
^ööliBli primaires. ^ ' • ' ' 

Le cpnseil acadömique' du äi^partemeüt peut autoriöer '^une 
communö ä 'se röunir ä ün5e öü plusieurd. commünes, vöisines. pour 
rentretieid d^UiiB öcöle. , ^ • .: . i , 

Tbufe '^cdibiiiunö ä la facültö d'en tretönir uhe öü plusieura icples 
entiörement gi^atuites, ä la conditioo d'y subvehir sur ses propres 
ressourdös. 

Le tonseil acad^mi(][ne peut dispenser üne cornmüiie d'entretenir 
und iScole publiquö, ä candition qu^elle pourvoira ä l^eilseignemeht 
pritnaire gratuit, dans Une ^cole libre, de tous les ehfants dont les 
fatnill'es sont hors d^ötat d'y subvenir: Cette dispense peut toujours 
§tre retiröe. 

Dans les communes ou les difKrents ciiltes reconnus sont pro- 
fess^^ pcibliqnement, des ^cöles ^4par^es serönt Stabiles pour les 
enfants appärtenant ä cbacun de ces cultes, sauf ce q.üi est dit ä 
Tarticle 15. 

= La -otomune' peut, ä^c Päutorisatiön du ' cotiseil abadßmique, 
exiger que Vitistikteör eotiamünal döntie, en *tdut ou en partie/ksön 
easeignementy les däyeloppements dont H est ^arM ä rartick 23. 
^ Art.«37.i Teilte .commune doit fournir k 1 ;iastituteut- uii' local 
convenable; tant pehr son habttation que pour la tenue de r^eole, 
le mobilier de classe, et un traitement. 

: ATit*5i^,ij; A/dater du 1; janvier 1851, le traitement desinsti- 
tuteur^ oonunjoiDaäx se eomposera: 

V D^un traitement fixe qui ne 'peut etre infiSrieur ädeux cents 
francs ; 

S^üDU' pro^t.de ia j^ribution seolpre; 

3^ D'un suppi^uMfht aocord^ vä tous <3dux dont le traitement, 
Joint au .produit de la rötribution scolaire, n'atteinij pas. six cents 
francs.' ;^^ '.,„''; ■' , .",,. „,. .< , , ■ . ,.. . ' '/^ . 

de öuppliäment sera c^lcule d'apr4s le total de la rötribution 
scolaire pendant l^annöe jpr^cÄdente. 

4^ift^ 39.,, Une, cai3se de retraites sera subsitituöe, par un regle- 

me^nt d^^dmifii^r^tion pu^liquei, aux caisses d^^pargne. des instituteurs, 

: AivL 40|. A deiaut de fondationSt dPQS ou legs,i le copteil 

miinlcij^ ^^Ubke sur les mojens de pourvoir aux d^penses de 

renseignement primaire dans la comniune. 

£n cas d'insuffisance des revenus ördinaires, 11 est pourvu ^ 



PranzöHsches' VnierHcMa-Öeaeti^ vom 15. März 1850, l^^ 

ces d^penses an moy^ d'tine impositiön speciale ?otde par le conseil 
manicipal, öq, k dehnt da vot^ de ce conseil, stabile par an d^cret 
du poavoir exöcdtif. Cetie imposition, qni devra etre aatoris^e 
chaque ann^e par la Ipi de finances , ne pourra exender trois Cen- 
times additionnels an principal des qnatre contribations dir6cte3. 

Lorsqne des communes, sojt par elles-mSmes, soit en se r^anis- 
sant ä d'aatres commnnes, n'aaront pu snbyenir, de la mani^e qai 
vient düstre indiquöe, aux döpenses de Föcole Communale, il y sera 
pourva sar les ressonrces ordinaires da d^partement, ou, en cas d'in- 
suffisance, au moyen d'upe imposition speciale vot^e par le conseil 
giSn^ral, ou, h defaut dn voie de ce conseil, ^tablie par un.d^cret 
Gette iniposition, aatoris^e chaque ann^e par )a \o\ de finances^ ne 
devra pas excMer deux Centimes additionnels au principal des qnatre 
contribations directes. 

Si les ressonrces cpmmunales et 4^partementales ne auffisent 
pas, le ministre de rinstruction publique accordera une Subvention 
sur le credit qui sera port^ i^i^nuellement,. pour renaeignement pri- 
maife, au budget de TEtat. 

Cliaqae ann^, un r^^pport ai^es^ au projei de budget fera 
CQupaitre.remploi des fond^ s4Ioaes ppnr rannte pr^c^dente« 

. Art, 4L La r^tributi^n scolaire lest perf ue dans la naeme 
fornae qi]i6 les oontribütiona pabliquies directes ; eile lest exenipte des 
droits de timbre, et donne (koit aux rndme» remises que les autres 
recouvrements. . ; , • 

N^anmoins, 9ttr Tavi^t conforme. du conseil g^nSral, rinstituteur 
coromunal pourra §tre autoris^ par le conseil acadimique k pevce- 
voir lui-notSme la rätribution scolaire. 

ChapUre IV. Des dSUgues canhnanx, et les a/utres mäoriUs 
preposies ä Venseignenient primaire* 



. f 



Art. 42. Le conseil acad^mique du d^partement d^signe un 
oa plusieurs däl^gu^s r^sidant dans chaque catiton, pour surveiller 
les ^coles publiques et libres du canton, et d^termine les ^coles par- 
ticnliörement sonmises ä la surveillance de chacun. 

Les d^l^gu^s sönt nomm^s pour trois ans ,' ils sont r^^ligibles 
et rtfvacables. Chaquö MUga6 correspond, taut avec le conseil aca- 
d^mlque, auquel il doit adresser ses rapports, qu'avec les autorit^s 
loeales/ pour tont ce qni regarde TEtat et les besoins de ren$eigne-* 
ment primaire dans sa circonsoription. 

II peut lorsqu'il n^est pas membre du conseil acad^mique, 



128 f^raniiösisches Ünterrichts-Oeaetz vom 15. März 18S0, 

assister ä ses s^ances, avec voix consultative pour les affaires in- 
teressant les öcoles de sa circonscription. 

Les dflöguös se rdunissent au moina une fois tous les trois 
mois, au.chef-lieu de canton, sous la prösidence de celui d'entre 
eux qa'ils designent, pour convenir des avis ä transmettre au conseil 
acad^mique. 

Art. 43. A Paris, les deleguös nommös pour chaque arron- 
dissement par le conseil acadämique se r^unissent au moins une fois 
tous les mois, avec le maire, un adjoint , le juge de paix , un eure 
de ranondissement et un eccl^siastique , ces deux derniers d^ignäs 
par Tarchevgque, pour s'entendre au sujet de la surveillance locale, 
et pour convenir des avis ä transmettre au conseil acadömique. Les 
ministres des cultes non catholiques reconnüs, s'il y a dans l'arron- 
dissement des äcoles suivies par des enfants appartonant ä oes cul- 
tes, assistent ä ces r^unions avec voix dälib^rative. 

La r^union est pr^d^e par le maire. 

Art. 44, Les autoritös löcales pröpos^es ä la surveillance et 
ä la direction morale de Fenseignement priraaire sont, pour chaque 
öcole, le maire, le curö, le pasteur ou le dflöguö du culte isradlite, 
et, dans les communes de deux mille ämes et audessus , un ou plo- 
sieurs habitants de la commune däläguös par le conseil academiqne. 
Les. ministres des cultes non catholiques reconnus, s'il y_ a dans 
Tarrondissement des äcoles suivies par des enfants appartenant ä ces 
cultes, assiätent ä ces r^unions. 

L'entröe de Töcole leur est toujours ouverte. 

Dans les communes oü il existe des öcoles mixtes, un ministre 
de chaque culte aura toujours Tentröe de Tecole pour veiller ä 
Teducation religieuse des enfants de son culte. 

Lorsqu'il y a pour chaque culte des öcoles söparöes, les enfants 
d'un culte ne doivent ötre admis dans Töcole d'un autre culte qua 
sur la volonte formellement exprimöe ^m les parents. 

Art. 45. Le maire dresse chaque annöe, de concert avec les 
ministres des diff^rents cultes , la liste des enfants. qui doivent @tre 
admis gratuitement dans les öcoles publiques. Cette liste est 
approuvöe par le conseil municipal, et döfinitivement arr§töe par le 
prüfet. 

Art. 46. Chaque annöe le conseil acadömique nomrae une 
commission d'examen charg^e de juger publiquement^ et h, des 
^poques d^termin^es par le recteur, Faptitude des aspirants au brevet 
de capacitö, quel que soit le lieu de leur domicile. 



Pramösi8Che8 Unterricht s-GesetK "vom 15. März 1850. l29 

Cette commission se cotnpose de sept merobres , et choisit son 
President. 

Ün iöspecteur d'ärrondisement pouf Tinstruction priraaire, m 
ministre du eulte profesä^ «par le cändidat , et dedx membres de 
renseigaement poüblic ou libre, en fönt nöcessaireraent partie. 

L'examen ne portera quo sur les matieres coraprises dans la 
preulifere partie de l'art. 23. 

Les candidats qui voudront etre examin^s sur tout ou partie 
des autres matieres- sp6cifi?es däns le raeme article, en feront raention 
des matiöres speciales sur, les qiielles les candidats auront . räpondu 
d'uue maniöre satisfaisante. - 

Art. 47. Le conseil acadömique dölivre, sHl y a lieu, des 
certificats de stage äux personnes qui justifient avoir enseignö pen- 
dant trois ans au moins les matieres coiüprises dans la premifere 
partie de Tart. 23., dans les öüoles publiques on libres autorisöes ä 
recevoir des stagiaires. . > 

Les Kleves maitres sont, pendant la duree de leur stage, 
sp6cialement surveillös par les inspecteurs de Tenseignejnent primaire. 

Chapitre F. Des ecoUs de ßles: . , 

Art. 48, L'enseignement primaire dans ,les dcoles f de fiUes 
comprend, outre les matieres de Tenseignement primaire enonc^es 
dans Tart. 23., les, travaux Ji Taiguille. 

Art. 49. Les lettres d^obödience tiendront.lieu de brevet de 
capacit^ aux infititutrices apparteuant ä des congrqgations religieuses 
vou^es h f enseignement et reconuues par TEtat. . 

L'examen des institutrices n'aura pas lieu publiquement. 

Art. 50. Tout ce qui se rapporte k Texamen des institutrices^ 
k la surveillance et k Ti^spection des Cooles des fiUes , sera Tobjet 
d'un röglenient d61ib6r6 en eon^eil supörieür. 

Les autres disppsitions de la präsente loi , relatives aux öcoles 
et aux instituteurs, sont applicables aux ecoles des filles et aux insti- 
tutrices, k Texception des articles 38, 39, 4Ö et 41.' 

Art. 51. Tonte commune de huit cents ämes de population 
et au dessus est tenue, si ses propres ressources lui en föurnissent 
les moyens, d'avoir au moins une öcole de filles, sauf ce qui est dit 
k Tart. 15. 

Le conseilacadörnique peut, en outre, obliger leff communes 
d'nne population införieure k entretenir, si leurs ressources ordinaires 
le leur permettent, une äcole de filles; et, en cas de rötinion de 
plusieurs communes pour Tenseignement primaire, il pourra, selon 

Archiv rar. Kirchenrecht. XLVIII. 9 



130 Französisches Unterricht s^eset% vom 15, März 1860,' 

les drconstances, döcider que T^cole de garfons et Töcole de filles 
seront dans deux communes difförentes. II prend Favis du conseil 
raunicipal. 

Art. 52. Aucune 6cole primaire, publique ou libre , ne peut, 
Sans Tautorisation du conseil. acad^miqne, recevoir d'enfants des deux 
sexes, s'il existe dans la commune une öcole publique ou libre. de 
filles. 

Chapitre VI. Institutions complementaires, 
Section I. Des pensionnats primaires. 

Art. 53. Tout fran9ai8 ägö de vingt-cinq ans, ayant au moins 
cinq annöes d'exercice comme instituteur, au comme maitre dans un 
pensionnat primaire, et remplissant les conditions ^num^r^es en 
l'art. 25, peut ouvrir un pensionnat primaire , aprös avoir d^clar^ 
son Intention au recteur de Vacad^mie et au maire de la commune. 
.Toutefois, les instituteurs communaux ne pourront ouvrir de pension- 
nat qu'avec Fautorisation du conseil acaddmique, sur Tavis du conseil 
municipal. 

Le Programme de Fenseignement et le plan du local doivent 
etre adress^s au maire et au recteur. 

Le conseil acadömique prescira, dans FintörSt de la moralit^ 
et de la santö des Kleves, toutes les mesures qui seront indiquöes 
dans un reglement dölib^rö par le conseil supdrieur. 

Les pensionnats primaires sont soumis aux prescriptions des 
art. 26, 27, 28, 29 et 30 de la präsente loi , et ä la surveillance 
des autoritös qu'elle institue. 

Ces dispositions sont applicables aux pensionnats de filles ea 
tout ce qui n'est pas contraire aux conditions prescrites par le 
chapitre V. de la präsente, loi. 

Section II. Des öcoles d'adultes et d'apprentis. 

Art. 54. II peut etre. cx66 des ^coles primaires coramunales 
pour les adultes au-dessus de dix-huit ans, pour les apprentis au- 
dessus de douze ans. 

Le conseil acadömique dösigne les instituteurs chargös de 
diriger les öcoles communales d'adultes et d'apprentis. 

II ne peut gtre refu dans ces öcoles d'öleves des deux sexes. 

Art. 55. Les articles 27, 28, 29 et 30 sont applicables 
aux instituteurs libres qui veulent ouvrir des e'coles d'adultes ou 
d'apprentis. • 



Pranzösisches Unterricht sr-Öesetz vom 15. M&rz 1850, l3l 

Art 56. II serä ouvert, chaque annöe, au budget du ministre 
de rinstruction publique, un credit pour encourager les auteurs de 
livres ou de möthodes utiles |i Tinstruction primaire, et ä la fondation 
d'institutiotts, telles que: 

Les ^coles du diraanche ; 

Les öcoles dans les ateliers et les manufactures ; 

Les classes dans les bOpitaux; 

Les cours publics ouverts conformöment ä Tart. 77.; 

Les bibliotheques de livres utiles; 
. Et autres institutions dont les Statuts auront 6t6 soumis ä 
Texaraen de Tautoritö compötente. ' 

Section IIL Des salles d'asile. 

Art 57. Les salles d'asile sont publiques ou libres. 

ün döcre^t du President de la Röpublique, rendu sur Tavis du 
conseil supörieur, döterminera tout ce qui se rapporte ä lä surveil- 
lance et ä Finspection de ces Etablissements, ainsi qu'aux conditions 
d'äge, d'aptitude, de moralitö, des personnes qui seront chargöes de 
la direction et du Service dans les salles d'asile publiques. 

Les infractions ä ce döcret seront punies des peines stabiles 
par les art. 29, 30 et 33 de la presente loi. 

Ce d^cret deterrainera dgalement le programme de Tenseigue- 
ment et des exercices dans les salles d'asile publiques, et tout ce 
qui se rapporte au: traitement des personnes qui y seront chargees 
de la direction on du Service. 

Art. 58. Les personnes chargöes de la direction des . salles 
d'asile publiques seront nommöes par le conseil municipal, sauf 
TapprobatioQ du conseil acad^mique. 

Art. 59. Les salles d'asile libres peuvent recevoir des aecours 
sur les budgets des i^ommunes, des döpartemenls et de TEtat. 

Türe III. De rinstruction secondalre. 
Chapitre L Des etablissements particuliers d'instrudion secondaire. 

Art. 60. Tout Pran9ais äge de viugt-cing ans au moins , et 
n'ayant encouru aucune des incapacitös comprises dans l'art. 26. de 
la präsente loi, peut former un Etablissement d'instruction secondaire, 
sous la condition de faire au recteur de Tacadömie oü il se propose 
de s'etablir les döclarations prescrites par Fart. 27 , et , en outre, 
de d^poser entre ses raains les piöces suivantes, dont il lui sera 
donnö räcöpissE : . 

9* 



132 Französisches Unterrichts' Gesetz vom 15, März 1850, 

1^ ün certificat de stage constatant qu'il a rempli, pendant 
ciuq ans au moins, les ionctions de professeur ou de surveillant dans 
un Etablissement d'instruction secondaire^ public ou libre ; 

2^ Soit le diplorae de bachelier , soit un brevet de capacitö 
dölivre par un jury d'exaraen dans la forme döterminee par l'art. 62 ; 

3<^ Le plan du local, et Tindication de Tobjet de renseignemeut, 

Le recteur ä qui le depöt des pieces aüra ete fait en donnera 
avis au prefet du döpartement et au procureur de la Republique de 
l'arrondissement dans lequel rötablissement devra ötre fonde. 

Le ministre, sur la proposition des conseils acadömiques et 
Favis conforme du conseil supörieur , peut accorder des dispenses 
de s!age. 

Art. 61. Les certificats de stage. sont dölivres parle conseil 
acadömique sar Tattestation des cheft des etablissements oüle stage 
aura 6t6 accompli. 

Toute attestation fausse sera puuie des^ peines port^es en Tart. 
160 du Code pEnal. 

Art. 62. Tous les ans, le ministre nomme, sur la Präsentation 
du conseir acaderaique, un jury Charge d'examiner les aspirants au 
brevet de capacitö. Ce jury est composE de sept membres, y com- 
pris le recteur qui le pröside. 

• Un ministre du culte professö par le candidat et pris dans. le 
conseil academique, s'il n'y en a dejä un dans le jury, sera appele 
avec voix deliberative. - 

Le ministre, sur Tavis du conseil supörieur de Tinstruction 
publique, instituera des jurys speciaux pour renseignement pro- 
fessionnel. 

Les prögrammes.d'examen seront arretös par le conseil supMeur. 

Nul ne pourra etre admis ä subif Fexamen de capacitö avant 
Tage de vingt-cipq ans. 

Art. 63. Aucun • certificat d'ötudes ne sera exigE des aspirants 
au diplöme de bachelier ou au brevet de capacito. - 

Le candidat peut choisir la faculte ou- le jury academique de- 
vant lequel il subira son examen. 

ün candidat refusö ne peut se präsenter avant trois mois ' ä 
un nouvel examen sous peine de nullit^ du diplöme ou brevet indü- 
ment obtenu. 

Art. 64. Pendant le mois qui suit le döpöt des pieces requi- 
ses par Tarticle 60, le recteur, le prüfet et le procureur de la Re- 
publique peuvent se prevoir devant le conseil acadömique, et s'oppo- 



Französisches Unterricht s-Gesetz vom 15. März 1850, 133 

ser ä Touverture de r^tablissement, dans riüteret des moeurs publique» 
ou de la santö des Kleves. 

Aprfes ce delai, s'il n'est inlervenu aucune Opposition, Tetablisse- 
meut peut etre immödiatement ouvert. 

En cas d'opposition, le conseil academique prononce,*la partie 
eotendue ou düment appeMe, sauf appel devant le conseil- superieur 
de rinstruction publique. 

Art. 65.. Est incapable de tenir un etablissement public ou 
libre d'instruction secondaire, ou d'y etre" employe', quiconqüe est 
atteint de Tune des incapacitös determinees par Tarticle 26. de la 
presente loi, ou qui, ayant appartenu ä Fenseignement publiö, ä etö 
rövoquö avec interdictiou, conförmement a 1%'rticle 14. 

Art. 66. Quiconqüe, sans avoir satisfait aux conditions pres- 
crites par la loi, aura ouvert un Etablissement d^nstructiou secon- 
daire, sera poursuivi devant le tribunal correctionnel du. lieu du 
delit, et condamnö ä une amende de cent francs ä mille francs.' 
L'ötablisseinent sera fermö. 

En cas de recidive, ou si Tetablisseraent a ete ouvert avant 
qu'il ait 6U statue sur Topposition, ou contrairement a la decision 
du conseil academique qui Taurait accueillie, le deliquant sera con- 
damne a un emprisonnement de quinze jours ä un mois^ et ä une 
amende de mille ä trois mille francs. 

Les ministres des diflfärents- cultes reconnus peuvent donner 
Pinstruction secondaire ä quatre jeunes gens, au. plus, destines aux 
Ecoles ecclesiastiques , sans. etre soumis aux prescriptions de la prä- 
sente loi, ä la condition d'en faire la declaratioa au recteur.- 

Le conseil academique veille h ce que ce nombre ne soit pas 
döpassö. 

Art. 67. En cas de d^sordre grave dans le regime Interieur 
d'un etablissement libre d^nstruction secondaire, le chef de cet e'tab- 
lissement peut etre appelä devant le conseil academique , et soumis 
ä la reprimande avec ou sans publicitä. 

La reprimande ne donne lieu ä aucun recours. 

Art. 68. Tout chef d'etablisaement libre d'instruction secon- 
daire, toute personne attachäe ä Tenseignement ou a la surveillance 
d'une maison d'education , pent , sur la plainte du ministere public 
ou du recteur, Stre traduit, pour cause d^nconduite ou d^mmoralite, 
devant le conseil academique, et etre interdit de sa profession, ä 
temps ou ä toujours, sans präjudice des peines eucourues pour crimes 
ou deiits prevus par le Code penal. 



134 Französisches, UnterrichiS'Gesetz vom 15, Mär» 1850. 

Appel de la decision rendue peat toujours avoir lieo^ dans les 
quinze jours de la notification, devant le conseil saperieur. 

L'appel ne sera pas saspensif. 

Art. 69. Les etablissemeats libres peuveat obtenir des com- 
mnnes^ des d^partemeots ou de PECat, an locii.! et une Subvention, 
Sans que cette Subvention paisse excöder le dixiöme des d^penses an- 
nuelles de Fetablissement. 

Les conseils acaderaiques sont appelös ä donner leur avis prear 
lable sur l'opportunitö de ces subventions. 

Sur la demande des^ communes , les bätiments compris dans 
Tattribution gönörale faite ä Tuniversite par le decret du 10. d6- 
cembre 1S08, pourront etre affectös ä ces Etablissements par döcret 
du pouvoir oxöcutif. 

Art. 70. Les ecoles secondaires ecclesiastiques actuellement 
existantes sont maintenues, sous la seule condition de rester soumises 
ii la surveillance de FEtat. 

II ne pourra en etre etabli de nou volles sans TautoFisation du 
Gouvernement. 

ChapUre II. Des ädblissements publics dHnstruction secondaire. 

~ Art. 71. Les etaMissement publics d'instructioji secondaire 
sont les lyc^es et les Colleges communäux. 

II peut y etre annexä des pensionnats. 

Art. 72. Les lycEes sont fondös et entretenus par TEtat, avec 
le concours des döpartement et des villes. 

Les Colleges communäux sont fondös et entretenus par les 
communes. 

Ils peuvent etre subventionnEs par TEtät. 

Art. 73. Toute ville dont le College communal sera, sur la 
demande du conseil raunicipal, 6ng6 en lycöe, devra faire les dö- 
penses de construction et d'appropriation requises ä cet effet, fournir 
le mobilier et les coUections nöcessaires ä l'enseigneinent , assurer 
Tentretien et la r^paration des bätiments 

Les villes qui voudront ötablir un pensionnat pres du lycöe 
devront fournir le local et le mobilier nöcessaires et fonder pour dix 
ans, avec ou sans le concours du d^partement, un nombre de bourses 
fixE de grö ä gv6 avec le rainistre. A Pexpiration des dix ans, les 
villes et döpartements seront libres de supprimer les bourses, sauf le 
droit acquis aux boursiers en jouissänce de leur bourse. 

Paus les cas ou TEtat voudrait conserver le pensionnat, le 



Franzöaischea Unterrichta" Gesetz vom 15* März 1850, 135 

local et le mobilier resteront ä sa disposition et ne feront retour a 
la commune que lors de la suppression de cet ötablissement. 

Art. 74. Pour etablir un College comtjiunal, toute ville doit 
satisfaire aux conditions suivantes: fournir.un local appropri^ ä cet 
usage, et en assurer Tentretien; placer et entretenir dans ce local 
le mobilier necessaire ä la tenue des cours, et ä celle du pensionat, 
si r^tablissement doit recevoir des Kleves internes; garantir pour 
cinq ans au moins le traitement fixe du principal et des professeurs, 
lequel sera considerö comme döpense obligatoire pour la commune, 
en cas d*insuffisance des revenus propres du coUöge, de la rötribu- 
tion collegiale payee.par les externes, et des produits "du pensionnat. 

Daus ledelai de deux ans, les villes qui ont fondö des Colleges 
communaux en dehors de ces conditions, devront y avoir satisfait. 

Art. 75. L'objet et Tetendue de Tenseignement dans chaque 
College communal seront determinös, en egard aux besoins de la lo- 
calitö, par le ministre de Tinstruction publique, en conseil sup^rieur, 
sur la proposition du conseil municipal et Favis du conseil acadö- 
mique. 

Art. 76. Le ministre prononce disciplinairement contre les 
membres de Finstruction secondaire publique, suivant la gravitö 
des cas: 

V La röprimande devant le conseil academique; 

2^ La censure devant le conseil äupörieur ; 

S^ La mutation poür un emploi införieur; ^ 

40 La-suspension des fönctions, pour une annöe au plus, avec 
ou Sans privatiön totale pu partielle du traitement; 

5<l Le retrait d'emploi, apres avoir pris Tavis du tfonseil supö- 
rieur öu de la section permanente. 

Le ministre peut prononcer les memes peines, ä l'exception de 
la mutation pour jin emploi införieur, contre les professeurs de 
Tenseignement supdrieur. 

La rövocation aura lieu dans les formes prövues par Tart. 14. 

Titre IV. Dispositions g^n^rales. 

Art. 77. Les dispositions de la präsente loi concernant les 
<5cole"s primaires ou secondaires sont applicables aux cours publics 
sur les matikes de Tenseignement primaire ou secondaire. 

Les conseils academiques peuvent, selon les degrös de Tenseig-: 
nement , dispenser ces cours de Tapplication des dispositions qui 
pr^cMent, et specialement de Tapplication du dernier paragraphe de 
f art. 54. 



i 



136 Französisches Vnterrichts-Geselz vom IS. März 2S50, 

Art. 78. Les etrangers peuvent etre autorisö ä ouvrir ou di- 
riger des etablissenients d'instruction primaire ou secondaire, aux 
cooditions determinöes par un reglement d^lib^r^ en conseil su- 
perieur. 

Art. 79. Les insUtuteurs adjoints des ecoles publiques, les 
jeunes gens *qui 'se preparent ä renseignement primaire publique dans 
les Ecoles designees ä cet eflfet, les membres ou novices des asso- 
ciatioüs religieuses, vouees ä renseignement et autoris^es par la loi 
ou reconnues comnie Etablissements d'utilitE publique, les Kleves de 
Tecole normale superieure, les maitres d'ötude, rögents et professeurs 
des colMges et lycees, sont dispenses du Service militaire, s'ils ont, 
avant Tepoque fixöe pour le tirage, contracte devant le recteur Pen- 
gagement de se vouer , pendant dix ans , ä Tenseignement publique, 
et s'ils r^alisent cet engagement. 

Art. 80. L'art. 463 du Code pönal pourra etre applique aux 
iüits prevus par la präsente loi,. . 

Art. 81. Un röglement d'administration publique dfterminera 
les dispösitions de la präsente loi, qui sefont applicables h TAlgerie. 

Art. 82. Sont abrogöes toutes les dispositions des lois, decrets 
ou ordonnances contraires ä la präsente loi. 

Dispositions Transitoires. 

Art. 83. Les chefs ou directeurs d'6tablissements.d'instruction 
secondaire ou primaire libres, maintenant en exercice, continueront 
d'exercer leurs professions san^ etre soumis aux prescriptions des 
art. 53 et 60. 

Ceux qui en ont interrompu Texercice pourront le reprendre 
Sans etre soumis ä la condition du stage. 

Le temps passö par les professures et les sourveillances dans ces 
^blissements leur sera compte pour raccomplissement du stage 
prescrit par ledit article. 

Art. 84. La präsente loi ne sera executeure qu'ä dater du* 
I. septembre 1850. 

Les autoritös actuelles continueront d'exercer leurs fonctions 
jusqu'ä cette äpoque. • 

Nöanmoins^ le conseil superieur pourra etre constituö et il 
pourra etre convoque par le ministre avant le 1. septembre 1850; 
et, dans ce cas, les art. 1, 2, 3, 4, Tart. 5, ä Texception de Tavant- 
dernier paragraphe, les art. 6 et 76 de la' präsente loi, deyiendront 
immädiatement appliQables. 

La loi du 1 1 . janvier 1850 est prorogöe jusqu'au 1. septembre 1850? 



Französisches Schulgesetz vom 28. März 1882. 137 

Dans le cas ou le conseil sup^ri^ur aurrait 6t6 coDstita^ avant 
cette epoque, Pappel des instituteurs revoquös sera jugö par le mi- 
nistre de '1- Instruction publique, en section permanente du conseil 
sup^rieur. 

Art. 85. Jusqu*ä la Promulgation de la loi sur Tenseignement 
supörieür, le conseil superieur de Tinstruction publique et sa section 
permanente, seien leur competence respeclive, eicerceront, ä l'ögard 
de cet enseignement, les attributions qui appartenaient au conseil de 
Tuniversit^, et les nouveaux conseils academiques, les attributions 
qui appartenaient aux anciens. 

De'lib^re en söance publique, ä Paris, les 19. janvier, 26. fevrier 

et 15. mars 1850. ' • 

Le President et les secretaires, 
(gez.) Bedeau (Le Gön6ral), Arnaud (De TAriege), 
Lacare. Peupin^ Chapotj Berard. 
La präsente loi sera promulgu^e et scell^e du sceau de TEtat. 

Le Präsident de la ßepublique, 
(sign.) Louis 'Napoleon Bonaparte, 
Le garde de sceaux, ministre de la justice 
(sign.) E. Bouher. 

2, Loi sur Venseignement oUigatoire d. d. 28. mars 1832. 
(Publ. im Journal officiel de 29. Mars 1882.) 

Article 1. L'enseignement primaire comprend: 

L'instruction morale et civique; 

La lecture et Tecriture; 

La langue et les eldments de la litterature fran9aise; 

La gäographie, particulierement celle de la France ; 

L'histoire, particulierement celle de Ja France jusqu'ä, nos jours ; 

Quelques notions usuelles de droit et d'äconomie politique; 
;Les dlämänts des sciences naturelles physiques et matbäma- 
tiques; leurs applications ä Tagricullure, ä J'hygiene, aux arts in- 
dustriell, travaux manuels et usage des outils des principaux inetiers ; 

,Les äläments du dessin, du modelage et de la müsique ; 

La gymnastique; v 

Pour les garpons, les exercices militaires; 

Pour les fiUes, les travaux ä Taiguille. 

L'article 23. de la loi du 15. mars 1850 est abrogö. 

Art. 2. Les ecoles primaires publiques vaqueront un jour par 
semaine, en outre du dimanche, afin de permettre aux parents de 



Französisches Schulgesetz vom 28. März 1882, * 

ner, s'ils le dösirent, ä, leurs enfants, Tinstructioii religieu&e, 
3 des Mifices scolaires. 

aseignement religieux est facultatif dans les öcoles priv^es. 
u 3. Sont abrog^es les dispositions des articles 18. et. 44. 
du 14. 1) mars 1850, en ce qu'elles donnent aux raioistrt^s 
3 Uli droit d'inspection, de surveillance et de direction ^latis 
s primaires publiques et privees et dans les salles d'asile, 

le paragraphe 2. de Tarticle 31. de la meme loi quidoDne 
istoires le droit de Präsentation pour les instituteurs ap- 
I aux cultes non cathoKques. 
. 4. L'instruction primaire est obligatoire pour les enfants 

sexes äg^s de six ans rövolus ä treize ans revolus ; eile 
s donnöe • dans les Etablissements d'ihstruction primaire ou 
B,.8oit dans les ^coles publiques ou libres, soit dans les 

par le pere de famille lui-meme ou par toute personne 
i choisie. 

rfegleraent determinera les moyens d'assurer rinstruction 
aux enfants sourds-muets et aux aveugles. 
. 5. Une commission municipale scolaire est institufe dans 
ommune, pour surveiller et encourager la fröquentation des 




3 se compose du raaire, prösident; d'un des A6Ug\i6s du 
, dans les coramunes comprenant plusieurs cantons, d'autant 
lös qu'il y a de cantons, designes par Tinspecteur d'aca- 
le membres dösignös par le conseil municipal en nombre 
plus, au tiers, des membres de ce conseil. 
Paris et ä Lyon, il y a une commission pour chaque ar- 
lent municipal. Elle est prösidee: ä Paris, par le maire; 
par un des adjoints; eile est composöe d'un des dölegues 
[ dösignds par Pinspecteur d'acadömie, de membres designes 
nseil municipal, au nombre de trois ä sept par- chaque ar- 
lent. 

mandat des membres de la commission scolaire dösignös 
nseil municipal durera jusqu'ä Fölection d'un nouveau con- 
cipale. 

era toujours renouvelable. 

ispecteur primaire fait partie de droit de toutes les cam- 
scolaires instituöes dans son ressort. 

n dem »Journal officiel« steht hier als Datum der 14. März» ebenso 
ir ministeriellen Pariser Ztg. »Le Temps,« vom 30. März 1882. Je- 
as im Vorhergegangenen abgedruckte Gesetz vom 15. März gemeint. 

(A. d. Eed,) 



Franzöaüches Schulgesetz vom 28. März 1882. IS9 

Art. 6. II est institue un certificat d'^tudes primaires; il est 
däcern^ apres un examen public auquel pourront se pr&enter las 
enfants d^s Tage de onze ans. 

Ceux qui, ä. partir de cet äge, aurpnt obtenu le certificat d'e- 
tades primaires, seront dispenses du temps de scolarit^ obligätoire 
qui leur restait ä passer. 

Art. 7. Le pere, le tuteur, la personne qui a la garde de 
Tenfant, le patrön chez qui l'enfant est place, devra, quinze jours au 
moins avant Töpoque d^la rentree des classes, faire öavoir au maire 
de la commune s'il entend faire donner ä, Tenfant Tinstruction dans 
la famille ou dans une ecole publique ou privöe ; dans ces deux 
derniers cas, il indiquera Töcole choisie. 

Les familles domiciliöes ä proximitö de deux ou plusieurs öcoles 
publiques ont la facultö de faire inscrire leurs enfants ä Pune ou ä 
l'autre de ces ecoles, qu'elle soit oii nou sur le territoire de leurs 
communes, ä moins quelle ne compte d^jä le nombre maximum d'4- 
löves autorisös par les reglements. 

En cas de contestation , et sur la demande soit du maire, 
soit des parents, le conseil d^parteraental statue en dernier ressort. 

Art. 8. Chaque annöe le maire dresse, d'accord avec la com- 
mission municipale scolaire, la liste de tous les enfants ägös de six 
ä treize ans, et ayise les persbnnes qui ont Charge de ces enfants de 
r^poque de la rentree des classes. 

En cas de non declaration , quinze jours avant P^poque de la 
rentree, de la part des parents et d'autres personnes responsables, il 
inscrit d'office l'enfant äPune des öcoles publiquea et en avertit la 
personne responsable. 

Huit jours avant la . rentröe des classes, il remet aux directeurs 
d'öcoles publiques et privöes la liste des eufants qui doiyent suivre 
leurs öcoles. ün double de ces listes _est adresse par lui ä Tin- 
specteur primaire. 

Art. 9. Lorsqu'un enfant quitte Töcole, les parents ou les per- 
sonnes responsables dolvent en donner immediatement avis au maire 
et indiquer de quelle fapon Tenfant recevra Tinstruction ä Tavenir. 

Art. 10. Lorsqu'un enfant manque momentan^ment Tecole, les 
parents ou les personnes responsables doivent faire connaitre au di- 
recteur ou ä la directrice les motifs de son absence. 

Les directeurs et les directrices doivent tenir un registre d'ap- 
pel qui conatate, pour chaque classse, rabsence des eleves inscrits. 
A la fin de chaque mois, ils adresseront au maire et ä Finspecteur 



140 Franzöifischea Schulgesetz vom 28. März 7882. 

primaire an extrait de ce registre, avec rindication du uombre des 
absences et des motifs invoqo^s. 

Les motifs d'absence seront soumis ä la commission scolaire. 
Les senls motifs r^put^s legitimes sont les suivants': maladie de 
l'eofant, d^c^s d'uD membre de la famille, empechements resultant 
de la difficullö accideatelle des Communications. Les autres. eircon- 
stances exceptionnellement invoqudes seront egalement appreci^es par 
la commission. 

Art. 11. Tout directeur d'äcole priv^i qiii ne se sera pas con- 
form^ aux prescriptions de Tarticle pr^c4dent, sera, sur le rapport de 
la commission scolaire et de Tinspecteur primaire, däferö au conseil 
d^partemental. 

Le censeil d^partemental pourra prononcer les peines suivantes : 
P Tavertissement ; 2^ la censure; S^ la Suspension pour un mois au 
plus et, en cas de r^cidive dans Fannie scolaire, pour trois mois 
au plus. 

Art. 12. Lorsqu^un enfant se sera absent^ de Täcole quatre 
fois dans le mois, pendant au moins une demijouruäe, sans justiÄ- 
cation admise par la commission municipale scolaire, le pere, le 
tuteur ou la personne responsable sera invit^, trois jours au moins 
ä l'avance, ä comparaitre dans la salle des actes de la mairie, de- 
yant ladite commission , qui lui rappellera le texte de la loi et lui 
expliquera son devoir. 

En cas de non-comparution, sans justification admise, la com- 
mission appliquera la peine ^donc^e dans Tarticle sulvant. 

Art. 13. En cas de röcidive dans les douze mois qui suivront 
la premiöre infraction, la commission municipale scolaire ordonnera 
l'inscription pendant quinze jours ou un mois, ä, la porte de la maitie, 
des nom, pr^noms et qualitäs de la personne responsable, avec indi- 
cation du fait relev6 contre eile. 

La meme peine sera appliquee aux personnes qui n'auront pas 
obtempörö aux prescriptions de Tarticle 9. 

Art. 14. En cas d'une nouvelle röcidive, la commission scolaire, 
ou, a son'd^faut, Tinspecteur primaire, devra adresser une plainte 
au juge de paix. L'infraction sera considöröe • comme une contra- 
vention et pourra entrainer condamnation aux peines de police, con- 
formement aux articles 479, 480 et suivants du Code p^nal. 

L'article 463 du meme Code est applicable. 

Art. 15. La commission scolaire pourra accorder aux enfants 
demeurant cliez leurs parents ou leur tuteur, lorsque ceux ci en 
feront la demande motiväe, des dispenses de fr^quentation scolaire 



Pranzösisches Schulgesetz t>om Ö8. März 1882* 141 

ne pouvant döpasser trois mois par ann6e en dehors des vacances. 
Ces dispenses devront, si elles excedent quinze jours,. etre soumises h 
Fapprobation de Tinspecteur primaire. 

Ces dispositioiis ne sont pas applicables aux enfants qui saivront 
leurs parents ou leurs tuteurs , lorsque ces derniers s'abseuteront 
temporairemeüt de la commune. Dans ce cas, un avis donnö ver- 
balement ou par ecrit au raaire ouä Tinstituteur suffira. 

La comraission peut aussi, avec ^rapprobatiou du conseil d6- 
partemental, dispenser les enfants empbyös dans Tindustrie, et ar- 
rivös ä Tage de Tapprentissage, d'une des deux classesde la journ^e; 
la raeme facultö sera accord^e ä tous les enfants employös, hors de 
leur famille, dans Tagriculture. 

Art. 16. Les enfants qui re9oivent Tinstruction dans la famille 
doivent, cbaque annöe, ä partir de la fin de la deuxieme annöe 
d'instruction obligatoire , subir un examen qui portera sur les ma- 
tieres de Tenseignement correspondant ä leur äge dans. les 6coles 
publiques, dans des formes et suivant des programmes qui seront 
dötermines par arretös ministöriels rendus en conseil sup^rieur. 

Le Jury d'examen sera .composö de: Tinspecteur primaire ou 
son dälögue, pr^sident; un döl^gue cantonal; une personne munie 
d'un diplöme universitaire ou d'un brevet de capacit^; les juges 
seront choisis par Tinspecteur d'academie. Pour^rexamen des fiUes, 
la personne brevetöe devra etre une femme. 

Si Texamen' de Tenfant est jugö insuffissant et qu'aucune excuse 
ne seit admise par le jury,.les parents sont mis en demeure d'en- 
voyer leur enfant dans une ^cole publique ou priv^e dans la huitaine 
de la.notification et de faire savoir au maire^ quelle ^cole ils ont 
choisie. 

En cas de non-d^claration, Finscription aura lieu d'office, comme 
il est dit ä Particle 8. 

Art. 17. La caisse des ^coles institu^ap'ar Tarticle 15 de la 
loi du 10. avril 1867 sera stabile dans toutes les communes. Dans 
les communes subventionn^es dont le Centime n-excede pas 30 francs, 
la caisse aura droit, sur le crödit ouvert pour cet objet au ministere 
de rinstruction publique, ä une Subvention au moins egale au montant 
des subventions communales. 

La räpartition de secours se fera par les soius de la commission 
scolaire. 

Art. 18. Des arretfe minist^riels, rendus sur la demande des 
inspecteurs d'acad^mie et des conseils departementaux, d^termineront 
chaque annäe les <;ommunes oü, par suite d'iusuffissance des locaux 



' .«T^ • 



142 Anordn. der Bischöfe zum franz. ^chulgeaetz vom ^8, März 18S2. 

scolaires, les prescriptions des articles 4 et suivants sur Tobligation 
ne pourraient etre appliqu^es. 

ün rapport annuel, adressö aux Chambres par le ministre de 
rinstruction publique, donnera la liste des communes auxquelles le 
präsent article aura dte appliquö. 

3. ITachdem das vorstehende Gesetz ergangen war, schlug von 
den katholischen Pariser Zeitungen der »Univers« vor, ein aus Laien 
bestehende^, allgemeines Coraitö zur Organisation des Widerstandes 
gegen jenes Gesetz zu bilden, wogegen der »Monde«» bemerkte, die 
Initiative und die Action der Laien sei angebracht gewesen, solange 
das Gesetz sich im Stadium der Berathung befunden habe. Jetzt 
wo die Frage sich nicht mehr aut politischem Gebiete bewege, son- 
dern wo es sich darum handele, ob und in wie weit man einem gott- 
losen, 'das katholische Gewissen verletzenden Gesetze Widerstand 
leisten müsse, sei es Sache des Episcopates, die Initiative zu ergrei- 
fen und die Directive zu übernehmen, und Pflicht der Laien, die 
Bischöfe zu unterstützen. Die französischen Bischöfe gaben auch 
alsbald der eine nach dem andern die nöthige Directive. 

4. Der. Bischof Dtiquesnay von Lille versammelte die 1800 
Kinder der katholischen Schulen daselbst in einer dortigen Kirche 
und erklärte, dass die Eltern unter einer Todsünde verpflichtet seien, 

- den Glauben ihrer Kinder zu beschützen und dieselben in katholische 
Schulen zu senden. 

5. Der Cardinal-Erzbischof Ouibert von Paris hat die Anfrage 
der Ordetislehrer und -Lehrerinnen seiner Diöcese, ob ihr Beruf ihnen 
das Weiterfungiren in den öffentlichen Schulen nach, dem neuen 
Unterrichtsgesetze gestatte , in einem vom 8.' April 1882 datirtem 
Schreiben beantwortet, das als eine Instruction für alle katholischen 
Lehrer Prankreichs gelten darf. Das Schreiben lautet mit üeber- 
gehung der Einleitung wörtlich: 

»In dem Momente« -^ sagt der Kirchenfürst — »wo der Re- 
ligionsunterricht aufhört , ein Theil der obligatorischen Programme 
des Elementarunterrichts zu sein, wo ihm kein Theil bei der Zeit- 
vertheilung an die Classen zugekommen ist, wo es Dienern der Be-_ 
ligion selbst verboten ist, diesen Unterricht in den Schulgebäudeu 
zu ertheilen: da begreift man es, dass Ordensmitglieder sich die 
Frage vorlegen, ob sie öffentliche Lehrer bleiben dürfen. Wenn die 
angeführten Bestimmungen Ihnen in der That jede Betheiligung an 
der religiösen Unterweisung Ihrer Schüler unmöglich machen sollten. 



Anordn. der Bischöfe »um franz, Schutgeaetz vom $S. März 1882, 143 

SO wurden Sie mit Recht daraus folgern, dass für Sie in den Reihen 
des officiellen Unterrichts kein Platz mehr ist. 

Als Sie die Welt verliessen , die Gelübde ablegten und aus 
Ihren! Opfermuthe für die Jugend eine heilige Pflicht machten, so 
thaten Sie das, weil die Ausbildung des Glaubens und der Sitten in 
dem Herzen der Kinder in Ihren Schulen auch. einen wesentlichen 
Theil der Erziehung ausmachte. Sie befanden sich damit im Ein- 
klang mit der Vernunft, mit der Natur des Menschen, mit den 
Traditionen aller Zeiten, mit den Lehren der Erfahrung in unserer 
Zeit und in unserem Lande. Der. Mensch ist Mensch nicht nur durchs 
seinen Geist, sondern er ist es ebenfalls und vor Allem durch das 
Herz. . Die moralische Bildung ist von allen die noth wendigste und 
diese Bildung ist eitel, wenn die Vorschriften und Räthe, die mau 
ertheilt, nicht in Gott ihre Autorität und ihre Sanction finden. Die 
Moral ohne Gott wird von der Philosophie verurtheilt, denn sie ist 
ein besetz ohne Gesetzgeber; sie wird von der Geschichte verurtheilt, 
denn man hat sie nie angewendet, ohne dass sich die Banden der 
menschlichen Pflichten sofort lockerten und ohne dass die Leiden- 
schaften und der Egoismus sofort triumphirten. 

Ausserdem genügte der Wunsch der Familien, um Ihnen Ihre 
Pflichten vorzuzeichnen. Gerade weil Ihr Habit und Ihre Gelübde 
Sie als autorisirte Veftteter des religiösen Unterrichts bezeichneten, 
haben so viele christliche Eltern Ihnen den Vorzug gegeben vor 
anderen ehrenwerthen und ihrer Achtung ebenfalls würdigen Lehrern. 
Indem diese Väter und diese Mütter die Congregationsschule wähl- 
ten, haben sie klar den Willen ausgedrückt, die Religion^ solle in 
den ihren Kindern ertheilten Unterrichtsstunden den ersten Platz 
einnehmen. 

Doch ich verma'g nicht zu glauben, dass die Instructionen, zu 
denen die in Aef Gesetzgebung eingeführten Aenderungen Veraii- 
lassung geben können, Sie in der That in die befremdliche Lage 
versetzen, dass Sie als religiöse Lehrer nicht mehr die Religion 
lehren könnten. Wenn dieser Unterricht aufgehört hat, obligatorisch 
zu sein, so sieht man doch keineswegs, dass er verboten sei. Ihre 
Freiheit bleibt also voll bestehen, selbst wenn Sie sich behufs ihrer 
Ausübung einige neue Beschwerden auflegen müssten. Wie könnte 
sich die Verwaltung des öffentlichen Unterrichts wundern , dass Sie 
eine Pflicht erfüllen, welche ausdrücklich in den Statuten Ihrer ver- 
schiedenen Genossenschaften ausgedrückt ist, da diese Stataten doch 
zu verschiedenen Zeiten die Billigung der Regierung erlangt haben ? 
Wie könnte sie etwas Schlechtes darin sehen, dass Sie beim Be- 



144 Anordn, der Bischöfe zum franz, Schulgesetz vom ^S. März 188^. 

ginn Ihrer täglichen Aufgabe um Licht ?on Oben bitten, dass Sie 
an Ihren Wänden die heiligen Insignien anbringen, welche Ihre 
Regel Sie verpflichtet auf Ihrer Brust zu tragen,? Ihre Gelübde 
legen Ihnen die Pflicht auf, den Religionsunterricht zu ertheilen; 
Ihre, Statuten, welche die Verpflichtung erwähnen, sind von der 
Obrigkeit approbirt und Sie sollten nicht das Recht haben, diese 
Statuten zu beobachten und diese Qelubde zu erfüllen? Darin läge 
ein wahrhafter Widerspruch, den naan doch keinem Gesetzgeber zu- 
schreiben kann. 

Ich bin also der Meinung, dass sie ihre Aemter behalten kön- 
nen und müssen. 

' Wenn ich mich in meinen Erwartungen täuschen sollte, wenn 
eine öflfentliche ünterrichtsbehörde Ihnen das verbieten sollte, was 
für Sie eine Standespflicht und Ihr höherer Lebenszweck ist, so 
müssten Sie respectvolt ein Recht reclamiren, das mir unbestreitbar 
erscheint. Erst in dem F^Ue, wo dieses Recht definitiv misskamnt 
würde, müssten Sie ein Amt verlassen, in welchem Sie durch Ihre 
Kenntnisse und Ihre Aufopferung, Ihre erprobten Lehrmethoden und 
hervorragenden Erfolge sich die Achtung und Dankbarkeit des Landes 
erworben haben. , 

Gott möge uns vor diesem Unglück bewahren. Schon am Ende 
des vorigen Jahrhunderts hatte man, um mit dem Minister Por- 
talis zu reden , »den schamlosen Ausspruch gethan , in der Schule 
dürfe von der Religion niemals gesprochen werden.« Zehn Jahre 
später rief Frankreich , durch die traurigen Resultate dieses Ver- 
suchs ausser Rand und Band, »die Religion zu Gunsten der Ge- 
sellschaft zu Hilfe« und verlangte, dass sie als Grundlage der Er- 
ziehung diene.« . -> 

Thun Sie, meine theueren Brüder und Schwestern, Alles, was 
in Ihren Kräften steht, um der Jugend die wesentliche Grundlage 
der intellectuellen und moralischen Bildung zu erhalten. Wenn man, 
was Gott verhüten möge, Ihnen Ihre Aufgabe in den öffentlichen 
Schulen unmöglich machte, so werden Sie dieselbe voll neuen Muthes 
in den freien Schulen aufnehmen, welche durch die Opfer der Gläu- 
bigen existiren und die beste Hoffnung auf die Regeneration unseres 
Vaterlandes sind. 

Ich werde binnen Kurzem den Eltern Ihrer Schüler und allen 
guten Christen meiner Diöcese Instruction über die Pflichten er- 
theilen, welche sie unter den gegenwärtigen Umständen zu erfüllen 
haben.« 



WHsungen der bischöfe hetr. das franz, Sehniges. i\ ^8. März 1882. 145 

Am 2i. April 1882 erschien denn auch der Hirtenbrief des Gar- 
dinal'Erzbischofs Guibert von Paris Ober die Pflichten der Eltern 
hinsichtlich der Kinder er dehung. In demselben betont der Cardinal 
zunächst die grosse Wichtigkeit des religiösen Unterrichtes, welcher 
zu allen Zeiten und in allen Ländern als die Grundlage einer guten 
Kindererziehung gegolten habe. Ohne Religion gebe es keine Moral, 
und ohne Moral fehle es der menschlichen Gesellschaft an jedem 
sichern Halt. Eine Moral, die sich nicht auf Gott stutze, sei ein 
lockerer Zügel, und nicht im Stande, die Entfesselung der mensch- 
lichen Leidenschaften hintanzuhalten. Nachdem der Kirchenfürst so 
flie Nothwendigkeit des religiösen Unterrichtes dargethan und darauf 
hingewiesen, wie die wohlorganisirten geheimen Gesellschaften, die 
ns leider dahin gebracht hätten, die Gesetzgehung ihren Zwecken» 
dienstbar zu machen, auf die gänzliche Vernichtung des religiösen 
Unterrichtes hinarbeiten*, kommt derselbe auf die heutige Lage der 
Schule selbst zu sprechen. Es gebe Schulen, in welchen Religions- 
unterricht ertheilt werde, und solche, wo derselbe ausgeschlossen ^ei. 
üeberall, wo die Eltern den Unterricht ihrer Kinder nicht selbst 
leiten könnten und ihnen die Wahl freistehe, gebiete es die Ge- 
wissenspflicht, den christlichen Schulen vor den unchristlichen den 
Vorzug zu geben. Das Werk der christlichen Schule sei dag wich- 
tigste unserer Zeit, und deren werkthätige Unterstützung das noth- 
wendigste, fruchtbringendste und verdienstreichste aller Almosen. 
In Fällen, wo den Eltern eine christliche Schule nicht zur Verfügung 
■ steht, wird denselben zur Pflicht gemacht, den ihren Kindern er- 
theilten Unterricht aufs strengste zu überwachen und jeden Miss- 
brauch zur Abstellung gehörigen Orts zur Anzeige zu bringen. Wo 
dem kindlichen Glauben aber wirklich Gefahr drohe, bleibe den 
Eltern nichts anderes übrig, als ihre Kinder aus einer solchen 
Schule zu entfernen mit Hintansetzung jeder Menschenscheu, allen 
Interessen und etwaigen Schäden zum Trotz. Dies sei nicht nur der 
Eltern Pflicht, sondern auch ihr unbestreitbares Recht. Im Uebrigen 
wird den Eltern aufgegeben, bezüglich des Religionsunterrichtes ihrer 
Kinder dem zuständigen Seelsorger in jeder Beziehung hülfreich an 
die Hand zu geben. Den Lehrern aber werden ihre Pflichten gegen 
Oott in Erinnerung gebracht, welche keiner menschlichen Erlaubniss 
bedürfen; und demgemäss sollen sie dieselben auch ihre Schüler 
lehren, an welchen sie ja gleichsam Elternstelle vertreten. Der 
Klerus hingegen wird zur Verdoppelung seines bisherigen Pflicht- 
Mters ermahnt. Der Hirtenbrief schliesst mit dem Wunsche,- däss 
der liebe Gott die Bemühungen der Katholiken segnen und die 

Archiv für Kirchenrecht XL VIII. 10 



l4o Weisungen der Bischöfe betr, das franz* Schutges, v. 28. März 188^, 

traurigen Folgen einer religionslosen Erziehung Frankreich er- 
sparen möge. 

6. Ein Hirtenschreiben des Cardinal-Er^bischofs Caverot von 
Lyon bemerkt, wie man der Germania 1882 Nr. 216. unter dem 
11. Mai aus Paris meldete: »Das religionslose Schulgesetz ist für 
uns eine Ueberraschung und darf uns nicht entmuthigen. An Wider- 
spruch ist die Kirche gewöhnt und des endlichen Sieges ist sie sicher. 
Versammelt die Kinder zum Religionsunterricht, ruft er den Priestern 
za, in der Kirche, im Winter in der Schule und bedenkt, dass die 
neue Lage euch grössere Pflichten auferlegt. Die Familienväter for- 
dert der Kirchenfürst auf, ihre Kinder nur in freie katholische 
Schulen zu senden, falls solche in der Gemeinde vorhanden; wenn 
nicht, möge man solche gründen durch die reichen Beiträge der 
Vermögenden sowie durch kleine, aber regelmässige der Unbemit- 
telten. Erlangt der Vater die Gewissheit; dass der Lehrer den 
Glauben der Schüler untergrabe, so hat er dieselben aus der SchWe 
fern zu halten? dazu berechtigt ihn das Gesetz selbst, welches 
strenge Neutralität fordere. Möge auch geschehen, was wolle, 
schliesst der Cardinal, der Vater hat seine Kinder so lange aus der 
Schule fern zu halten, bis der Verächter der dem Gewissen der 
Zöglinge schuldigen Achtung aus dem Schularate entfernt wor- 
den ist.« * 

7. Aus Paris berichtete unter dem 19. April 1882 die Köln. 
Volksztg. 1882 Nr. 109 I. Bl. von den bemerkenswerthen Kund- 
gebungen des Erßhischofs i)on Bennes und des Bischofs Freppel von 
Angers. Ersterer wendet sich mit einen! Rundschreiben an den 
Klerus bezüglich der Errichtung bezw. Vermehrung christlicher 
Schulen, zu deren Gunsten eine allgemeine Subscription angeordnet 
wird^ Bischof Frfeppel unterweist die Väter und Mütter seiner Diö- 
cese über die" ihren Kindern zu gebende' christliche Erziehung. In 
herrlichen Worten iührt der Kirchenfürst von Angers aus , wie die 
Schule die Ergänzung der Familie, und der Lehrer der Mitarbeiter 
an der elterlichen Erziehung ist, und demgemäss christlichen Fa- 
milien nur christliche Schulen geziemen. Um keinen Preis und unter 
keinem Vorwand sollen die Eltern ihre Kinder einem Lehrer anver- 
trauen, welcher sich einen directen oder indirecten Angriff gegen die 
Glaubenslehren oder kirchlichen Einrichtungen erlauben würde. In 
einem solchen Falle wäre es der Eltern unabweisbare Pflicht, was 
immer auch daraus entstehen möge, ihre Kinder aus einer Schule zu 
nehmen, wo ihr Glauben Gefahr li^fe, nach dem Grundsatze: man 



Weistung^n der BiscHöfe Beir. das franz. Sehniges, v. 28. März 1SS2. 147 

muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Die angebliche Neu- 
tralität der Schule in. religiösen Dingen bezeichnet der Bischof mit 
Recht als eine Unmöglichkeit; denn man könne nur für oJer wider 
Gott sein. Es sei Gewissenspflicht der Eltern, der chriätlii^hen 
Schule vor der »neutralen« den Vorzug zu geben. Um in dieser 
Beziehung den Eltern hülfreich an die H'and zu. gehen,, wivtl thim- 
lichste Vermehrung bezw. Ausbreitung der christlichen Schalen in, 
Aussicht gestellt, und zu diesem Behufe aus den bedeutendsten Miin- 
nern ein besonderer Diöcesan-Schulverein gebildet. Wie der Ciirdinal 
Guibert spricht sich auch Msgr. Preppel dafür aus , dass die con- 
greganistischen Lehrer ihre gegenwärtige Stellung in den Staats- 
schulen vorläufig beibehalten und mit der religiösen Unterrichts- 
ertheilung fortfahren sollen, bis dieselbe ihnen zur ünmögUclikeit 
gemacht werden würde. Trete dieser Fall ein, dann wurden die 
geistlichen Obern die Ersten sein, um den Widerstand als Pflicht 
anzurathen. Nicht minder entschieden lautet die diesbezügliche 
Kundgebung des hochwürdigsten Oberhirten der Erzdiöcese von ßen- 
nes. Eine systematische Opposition gegen die Regierung des Landes, 
versichert derselbe eingangs seines Rundschreibens, liege ihm bei 
Stellungnahme gegen das neue ünterrichtsgesetz durchaus fern, und 
leite ihn bei Vertheidigung des christlichen Unterrichts kein anderes 
Motiv als die Pflichterfüllung seines. Oberhirtenamtes und das Be- 
wusstsein, die That eines guten Bürgers zu vollziehen. Im üebrigen 
wolle er sich auf die Vorführung von Thatsachen beschränken. Da 
zeige sich nun, dass nicht nur die katholische, sondern jede positive 
Religion aus dem Unterricht verbannt, und dem Geistlichen die 
Schule verschlossen sei. Das Bild des Erlösers werde daraus ent- 
fernt, von Christus sei darin keine Rede mehr. Wenn man sage, es 
ist Sache der Geistlichkeit, den Religionsunterricht in der Kirche zu 
ertheilen, so müsse dies als eine lächerliche Ausflucht bezeichnet 
werden; denn einestheils lasse man den Schülern, in Folge Ueber- 
häufung mit andern Gegenständen, keine Zeit, auf den Katflcliisrniia 
sich genügend vorzubereiten, und anderseits wolle mau die Kirche 
durch die Religionsertheilung an Perientagen in den Schein einer 
»Preudenstörerin« bringen. In Wirklichkeit sei der Religionsunter- 
richt durch dessen gesetzliche Verbannung aus der officielten Scljule 
so zu sagen unmöglich gemacht, und würden die aus der atheisti- 
schen Staatsschule hervorgehenden Geschlechter künftig glaubens- 
und gottlos aufwachsen, aller jener sittlichen Kräfte bar, welche nur 
die Religion dem Menschen verleiht, um sein Gewissen zu leiten und 
seinf Leidenschaften zu beherrschen. Als letzter Hort der GewisKens- 

10* 



148 Weisungen der Bischöfe hetr* das franz. Sehniges, v. 08. März l8Si. 

freiheit und Schutz der Elternrechte bliebe demnach nur noch die 
religiöse Schule übrig, zu deren ünterstütznrig und Verbreitung ein 
Jeder nach seinen Kräften beisteuern solle; das sei heute im höch- 
sten Grade Christen- und Patrioten- Pflicht. 

8. Der Cardinal- Er ^hischof von Ronen ^ Bonnechose^ beklagt 
in einem Hirtenschreiben vom 17. April 1882 (vgl. Köln. Volksztg. 
Nr. 110 I.^ Bl. die unheilvollen Folgen des »den Priester, die Re- 
ligion und Gott aus der Schule verbannenden ünterrichtsgesetze?, 
welches der Gewissensfreiheit der Familienväter eine tiefe Wunde 
schlage« und ertheilt demgemäss allen Betheiligten von den um- 
ständen gebotene Rathschläge und Anweisungen. Zunächst wird allen 
christlichen Eltern anempfohlen, ihre Kinder nur christlichen Schulen 
anzuvertrauen und überall da, wo die Ortsverhältnisse die Gründung 
solcher Schulen nicht gestatten, auf den in der »neutralen« Staats- 
schule ertheilten Unterricht ein wachsames Auge zu haben und je- 
den Verstoss gegen Religion und Glauben gehörigen Ortes zur An- 
zeige zu bringen. Fahre der staatliche Lehrer fort, einen Religion 
und Glauben verletzenden Unterricht zu ertheilen, dann erheische 
der Eltern Gewissenspflicht, ihre Kinder aus einer solchen Schule 
fernzuhalten, bis der pflichtvergessene Lehrer ersetzt sei. Den Eltern 
wird überdies dringend anempfohlen, dem Ortsgeistlichen zur Er- 
theilung des Religionsuntertichtes alle mögliche Unterstützung zu 
gewähren und die Kinder zum Besuch der Religionsstunde gewissen- 
haft anzuhalten. Aehnligh den Pariser Oberhirten enapfiehlt auch 
Msgr. Bonnechose den congreganistischen Lehrern, ihre gegenwärtige 
Stellung vorläufig beizubehalten und vor wie. nach ihren religiöson 
Obliegenheiten in der Schule nachzukommen. 

9, In ähnlicher Weise nahmen fast alle franz. Bischöfe aus- 
drückliche Stellang zu der Schulfrage. Dem vom Card. -Erzbischof 
von Paris gegebenen Beispiele folgend erörterten die Oberhirten (wie 
ein Leitartikel der Köln. Volksztg. 1882 Nr. 114 I. Bl. resumirte) 
zwei Fälle: das Verhalten der Eltern in Gemeinden, wo neben der 
'Staatsschule eine freie Schule sich befindet, und in solchen, wo nur 
eine Staatsschule besteht. Im erstem Falle ist die Entscheidung 
nicht schwer. Die Katholiken werden alsdann nicht zögern, ihre 
Kinder den Privatschulen anzuvertrauen. Schwieriger gestaltet sich 
die Lage, wo den Eltern eine solche Wahl nicht bleibt. Hier nun 
machen die Bischöfe auf einen Umstand aufmerksam, der zum Ver- 
ständniss der ganzen Lage sehr wichtig ist. Nach dem neuen Unter- 
richtsgesetz, so führte (s. o. Nr. 5) der Cardinal-Erzbischof Guibert 



Weisungen der Bischöfe heir. das franz. Seimiges, v. 28. März 18S2. 149 

aus, hört der Religionsunterricht zwar auf, obligatorisch zu sein, 
wird aber nicht direct untersagt. Es hängt daher von den Lehrern 
und den SchulcommissioW.ab, ob derselbe noch fernerhin ertheilt 
werden soll oder nicht. 

Was erstere betrifft, so ist zu beachten, dass augenblicklich 
noch ein grosser Theil der Staatsschulen von Ordenslehrern und 
Ordenslehrerinnen versehen wird. Im Jahre 1880 zählte man noch 
11,445 Schulen mit einem Ordenslehrerpersonal von 24,085. In diesen 
Schulen droht der Religion der Kinder offenbar keine Gefahr ; denn 
die geistlichen Lehrer werden sich natürlich nicht abhalten lassen, 
den Religionsunterricht nach wie vor weiter zu ertheilen, und wird 
ihnen dieses von den Bischöfen noch ausdrücklich zur Pflicht ge- 
macht. In manchen andern Gemeinden, wo weltliche Lehrer ange- 
stellt sind, wird es hauptsächlich von der Zusammensetzung der 
Schulcommission abhängen, ob der Religionsunterricht beibehalten 
bleibt oder nicht. Mehrere Bischöfe weisen daher ausdrücklich auf 
die Wichtigkeit der Wahl dieser Schulcommissionen hin. Sie er- 
mahnen alle treuen Katholiken, sich eifrig an diesen Wahlen zu be- 
theiligen, und machen es den Geistlichen zur Pflicht, eine etwa auf 
sie fallende Wahl zum Vorsitzenden der Commission anzunehmen. 
Man darf hoffen, dass namentlich in Landgemeinden, wo vielfach 
noch ein religiöser Sinn herrscht, die Zusammensetzung der Com- 
missionen eine den Katholiken günstige sein wird. Die radicalen 
Blätter sind denn auch ausser sich über diesen »Schachzug« der 
Klericalen, und die »Röpublique Fran9aise« fordert die Regierung 
auf, mit solchen »reactionairen« Commissionen kurzen Process zu 
machen, d. h. also wohl sie einfach aufzulösen. Das wird aber nicht 
so glatt gehen, wie das biedere Organ meint ; denn im Gesetz steht 
nirgends geschrieben, dass die Gommissionen nur aus kirche^eind- 
lichen Mitgliedern bestehen dürfen. 

Immerhin aber liegt die Gefahr nahe^ dass die Regierung, wenn 
sie die Ausführung des Gesetzes durch Ordenslehrer ui\d katholische 
Schulcommissionen gefährdet sieht, zu weitern Mitteln greifen wird. 
Es steht zu befürchten, dass sie die Ertheilung des Religionsunter- ' 
richtes in den Staatsschulen mit Gewalt verhindern wird. Nöthigen- 
falls werden die Kammern ja nicht zögern , ein dahingehendes 
Amendement zum Schulgesetz anzunehmen. Auch werden bereits 
Stimmen laut, welche den vollständigen Ausschluss der Ordensper- 
sonen von den Staatsschulen fordern. 

Diesen äussersten Fall erörtern die Bischöfe im zweiten Theil 
ihrer Hirtenscbreiben. Klar und bestimmt erklären sie, dass die 



t50 Weisungen dtt ßiscfiöfe betr. das franz. Sehniges, v. 28. März 1882.. 

Eltern im Gewissen verpflichtet siftd< ihre Kinder von Schulen feru\ . 
7m haitön, in welcben deni Glauben derselben Gefahr drohe. Sie 
seien hierzu gebunden < auch wenn sie in Folge dessen zeitliche 
^achtheile tretfen sollten. Hier greife das Wort Platz: »Man muss 
Gott mehr gehorchen als den Menschen.« Zugleich weisen die Ober- 
hirten auf Mittel und Wege hin, wie diesen durch das Strafgesetz 
drohenden Schäden zu entgehen sei. Frankreich kennt bekanntlich 
keinen Staatsschul-, sondern nur einen ünterrichtszwang. Nichts 
bindert demnach die Katholiken, ihre eigenen Schulen zu gründen 
und sie von Lehrern leiten zu lassen, welche hinsichtlich einer reli- 
giösen Erziehung der Kinder die nöthigen Qarantieen geben. Zur 
Gründung solcher Schulen spornen die Bischöfe denn auch in den 
eifrigsten Worten an. , Den Bemittelten wird als höchste Christen- 
und Patriotenpflicht an's Herz gelegt, nach Kräften zur Gründung 
eines Schultonds beizusteuern. 

Zur Gründung solcher freien Schulen wird allerdings ein ganz 
enormes Capital erforderlich sein. Wir weisen ausdrücklieh hierauf 
hin, weil man hier und da die Frage autwerfen hört, warum die 
Franzosen nicht ebenso wie die katholischen Belgier sofort überall 
den atheistischen Schulen katholische entgegen setzten. Zwischen 
beiden Ländern besteht ein gewaltiger Unterschied. Ein Mitarbeiter 
der »Germania« stellte in dieser Hinsicht folgenden lehrreichen Ver- 
gleich auf: 

Die belgischen Katholiken hatten nur 2600 freie Schulen zu 
gründen, was bei einer dichten Bevölkerung — es kommen 181 Ein- 
wohner auf ein Quadrat-Kilometer und 114 Kinder auf eine Schule 
— viel leichter war als in Frankreich, wo. 36,056 Gemeinden mit 
Schulen zu versorgen sind, von denen 2973 grössere Stadt* und 
33,07^ Landgemeinden sind. Das Territorium Frankreichs ist 18 Mal 
grösser als das Belgiens, es zählt aber nur sieben Mal mehr Ein- 
wohner. Je dichter die Bevölkerung , desto leichter ist der Unter- 
halt einer freien, nur auf freiwilligen Beiträgen basirten Schule.' Es 
existirten im Schuljahre 1879/1880 in Frankreich 60,876 öffentliche 
*und 1493 freie Schulen mit den Rechten der öflFentlichen. Davon 
zählen gegen 9000 zu den Stadt- und 53,000 zu den Landschulen. 
Da die grosse Majorität der Schulen katholisch ist, so wären gegen 
61,000 freie Schulen noth wendig, um den religionslosen officiellen 
Concurrenz zu machen. Nun constatirt die Statistik von 1880 
nur die Existenz von 12,888 freien katholischen Schulen; es bliebe 
also die Gründung von rund 50,000 neuen Schulen zu verwirk- 
lichen. 



Der röm. StuM über das franz. Schulgesetz vom 28, Mai 1882, 151 

Endlich gibt es 1246 Gemeinden, welche ihrer Armuth wegen 
in Nachbargemeinden eingeschult sind, 243 ohne jede Schule und 
16,771 gemischte Schulen für Knaben und Mädchen zugleich. Die 
gemischten Schulen zählten durchgchnittlicb 40 Schüler, die ge- 
trennten Dorfschulen 38. Laut der letzten Zählung vom Jahre 1876 
gab es in Prankreich 4,502,894 schul Pflichtige. Kinder (im Alter von 
6 bis 13 Jahren). Die Zahl der Schuler bezifferte sich aber 1880 
nur auf 3,874,055, wovon 4,217,920 öffentliche und 656,135 freie 
Schulen besuchten. Ohne die Zunahme der Bevölkerung zu berück- 
sichtigen, ist also die Zahl der in der Familie unterrichteten oder 
keine Schule besuchenden Kinder, die jetzt jährlich ein Examen zu 
machen haben, auf 628,000 zu veranschlagen. Für sie ist also eine 
weitere Anzahl von Schulen zu beschaffen. 

Man muss diese Verhältnisse berücksichtigen , wenn man sich 
ein richtiges Bild von der Lage der Katholiken Frankreichs machen 
will. Ihre Aufgabe ist eine schwierige, aber keine undurchführbare. 

10, Aus Paris schrieb man den 14. Mai 1882* der Germania 
Nr. 221 : die vom französischen Episcopat in der brennenden Schut- 
frage erbetenen Rathschläge des A. Stuhles sind hier jüngst einge- 
troffen. Mit der ihm eigenen Erbweisheit ermahnt Rom die Bischöfe, 
die religionslosen Schulen nicht von vornherein zu bekämpfen, son- 
dern zunächst die Ausführung des neuen Gesetzes abzuwarten und 
zu überwachen , wie auch jeden Missbrauch , der sich dabei heraus- 
stellt, zu denunciren. Ebenso sollen die Katholiken in die Schül- 
commissiohen eintreten, um die schlimmen Folgen des Gesetzes ab- 
zuwenden, d^m Gesetze und den officiellen Schulen erst dann ener- 
gischen Widerstand leisten, wenn ihre Neutralität verletzt wird. 
Natürlich schliessen die Rathschläge die gleichzeitige Gründung 
katholischer Schulanstalten nicht aus; diese werden 'im Gegentheile 
ernstlich an's Herz gelegt. Jules JPerry thut natürlich sein Mög- 
lichstes, um durch starke Heranziehung der Steuerzahler zu offi- 
ciellen Schullasten \iie Gründung katholischer Schulen zu erschweren. 
Er wird demnächst ein Gesetjs! zur Dotirung der Volhsschtdcassen 
einbringen. Die Gassen sollen den Gemeinden Vorschüsse für Schul- 
bauten gewähren. Schon 1878 wurden diese Gassen mit 60 und 
1881 mit weiteren 50 Millionen dotirt. Das Geld ist bereits alles 
verausgabt und Ferry fordert nun für die Gassen weitere 140 Mil- 
Honen, Es handelt sich dabei zum Theil um nutzlose Verschleu- 
derung öffentlicher Gelder, da auch in solchen Orten neue officielle 
Schulen gebaut werden sollen, wo bereits Congregationsschulen be-* 
stehen. So wird die Freigeisterei auch den französischen Steuer- 
zahlern theuer zu stehen kommen. 



152 



VIII. 
Der Ciriturkampf in Frankreich und eine Erklärung der fran- 
zösischen Bischöfe vom 1. Juni 1882. 

I. Der Antrag Boyssefs cmf Aufhebung des französischen 
Goncordates (Vgl. Archiv Bd. 47..S. 333 Nr. 10) wurde am 29. März 
1882 in der zur Vorberathung dieses Antrags eingesetzten Commii>- 
sion der französischen Deputirtenkammer verhandelt. Die Coramis- 
sion lehnte die Trennung des Staates von der Kirche ab und be- 
schloss, Mittel und Wege zu suchen, um auf gesetzlichem Wege die 
Verhältnisse zwischen der Kirche und dem Staate zu reformireii. 
Der Beschluss enthält einen offenbaren Widerspruch.' Die Cora- 
mission will das Concordat, also einen bilateralen Vertrag, bestehen 
lassen, aber auch gleichzeitig auf gesetzlichem, also einseitigem Wege 
die Verhältnisse zwischen Kirche und Staat ändern. 

II. Anfangs AM 1882 debattirte die dritte Commission, welche 
die Concordatsfrage zu berathen hat, über die drei ihr vorliegenden 
Anträge BerVSy Lavergue^s und Guyho^s^ die sämmtUch die Uin^u- 
fügung von Straßestimmungen su den organischen Artikeln bezwecken. 
Es wurde beschlossen, einen vergleichenden Bericht über alle drei 
Anträge drucken zu lassen und auch die üebersendung des Antrages 
Koche, betreffend die Trennung von Kirche und Staat und des An- 
trages Lockroy, betreffend die Einziehung der Kirchengebäude zu ver- 
langen. ^ 

III. Die Germania 1882 Nr. 216 meldet aus Paris unter dem 
11. Mai 1882: Ein neues Culturkampfgesetz verbietet den Lazareth- 
geistlichen, die Kranken an ihre christliche Pflicht zu erinnern. Die 
Priester dürfen dem Kranken die Tröstungen der Religion nur dann 
bringen, wenn der Kranke ungemahnt darum gebeten hat. Ebenso 
dürfen die Aerzte nicht zum Empfange der Sacramente mahnen. 
Nun hat aber, wie aus einer Interpellation imTariser Gemeinderath her- 
vorgeht, ein freidenkerischer Arzt im Lazareth zu Bicetre die Kranken 
zum Beitritt zu einem Vereine aufgefordert, dessen Mitglieder sich 
jedes religiöse Bcgräbniss verbitten. Aus demselben Lazareth hat 
man unter dem Verwände der Gewissensfreiheitdie Krankenschwestern 
beseitigt; jetzt gibt man die Kranken der Tyrannei eines atheisti- 
schen Arztes preis. 



Gulturkampf in Frankreich (1882), 158 

IV. Dasselbe Blatt meldete in Nr. 221 aus Paris 14. Mai 
1882 : Ausser der Schule wird nun auch die Eidesformel verweltlicht. 
Die Commission hat beschlossen, an Stelle des religiösen Eides ^ein- 
fach die Formeln zu setzen: »ich behaupte auf meine Ehre« oder 
»ich verspreche auf meine Ehre.« Einen ebenso radicalen Beschluss 
hat. die Justizcoramission gefasst. Sie will, dass die Richter aller 
Grade absetzbar seien, und fordert die neue Regelung der rich- 
terlichen Anstellung in einem später zu erlassenden Gesetze. 

V. Die französische Deputirtenkamraer hat in ihrer Sitzung vom 
8.* Mai 1882 in erster Lesung mit 334 gegen 124, am 11, Mai mit 
327 gegen 129 Stimmen den Gesetzentwurf angenommen, welcher die 
Zulässigheit der Ehescheidung ausspricht. Am 8. Februar 1881 
wurde der Antrag noch mit 247 gegen 216 Stimnden abgelehnt. Es 
ist ein Jude^ Naquet^ welcher der Vorlage zum Triumphe verhelfen 
hat. Bei den letzten Wahlen sind viele conservative Deputirten unter- 
legen und es haben 23 Republikaner, welche vor einem Jahre 
gegen die Ehescheidung stimmten, sich jetzt für dieselbe erklärt. 
Der mit grosser Majorität angenommene Gesetzent\vurf enthält auch 
die geföhrliche und schmachvolle Bestimmung, dass sich der wegen 
begangenen Ehebruchs geschiedene Theil mit dem Complicen ver- 
heirathen darf. Am 19. Juni 1882 hat die französische Deputirten- 
kammer die Wiedereinführung der Ehescheidung auch in zweiter 
Lesung^ angenommen. Jedoch ist es fraglich, ob auch der Senat die 
Ehescheidung annimmt. 

VI. Am 13. Juni 1882 hat auch die Budget-Commission der 
franz. Deputirtenkammer den für die Botschaft beim h, Stuhle aus- 
geworfenen Kredit abgelehnt, jedoch am folgenden Tage auf Ver- 
langen des Minist. Freycinet wieder aufgenommen. Auch hätte es 
sich sehr gefragt, ob der Senat in die Aufhebung der Gesandtschaft 
beim h. Vater in einer Zeit willigt, wo er das grösste Interesse hat, 
sich über, die Anschauungen Roms zu informireu. 

VII. Mehrere hervorragende Kirchenfürsten Fraiikreichs, Card. 
Bonnechose, Erzbischof von Ronen, Card. Gmjbcrt, Erzbischof von 
Paris, ferner der Erzbischof von Rheims, der Erzbischof von Larissa, 
der 'zugleich Coadjutor von Paris ist, sowie die Bischöfe von Meaux, 
Chartres, Versailles richteten am 1. Juni 1882 an die Senatoren und 
Deputirten . des Landes über die verschiedenen Gesetzentwürfe be- 
treffend den katholischen Cultus eine. Reihe von »Bemerkungen.« 
Dieser Erklärung schlössen sich alsbald eine grosse Anzahl franzö- 
sischer Bischöfe an. So der Cardinal-Erzbischof von Lyon, die 



154 Denkschrift franz. Bischöfe vom 1. Juni 1S82. 

Bischöfe von St. Jean, St. Brieux, Preguier, Quiniper, St. Die, Or- 
leans, Coutances, Seez, Valence, Nimes, Troyes^ Nizza, Toulon u. s. w. 
Die Erklärung der Bischöfe lautet: 

»Die öffentliche Meinung besitzt Gerechtigkeitsgefühl genug, 
um anzuerkennen, 3ass die Bischöfe die Einmischung in die Politik 
möglichst vermeiden; »sicherlich aber erwartet man von ihnen nicht, 
dass sie gesetzgel)erischen Massregeln gegenüber gleichgiltig bleiben, 
welche religiöse Dinge berühren. Zu keiner Zeit ist- das Parlament 
mit so vielen Vorlagen, welche sich auf diese wichtigen Interessen 
beziehen, beschäftigt gewesen. Mehr als 20 derselben sind seit 
einiger Zeit auf dem Tische der Deputirtenkaramer niedergelegt 
worden. Das ist eine Thatsache , die ohne Präcedenzfall ist ; seit 
. Wiederherstellung des Cultus in Prankreich hat man kaum yon Zeit 
zu Zeit und in wenig einschneidenden Dingen einige Abänderungen 
an der Gesetzgebung zugelassen, welche die Beziehungen zwischen 
Kirche und Staat regeln. Heute wollen die Einen alles abschaffen^ 
die Anderen Alles umschaffen. Die Katholiken können bei diesem 
Unternehmen unmöglich gleichgiltig bleiben und ihre Hirten müssen 
sich zum Echo ihrer Befürchtungen machen. In ähnlicher Lage kann 
nicht das Reden, sondern das Stillschweigen der Bischöfe in Er- 
staunen setzen. 

Ans diesem Grunde wenden wir uns auch mit dem Ausdruck 
unserer Besorgnisse an die Gesetzgeber selbst; wenn wir an ihre 
Weisheit und Billigkeit appelliren, se erweisen wir ihnen dadurch 
in besonderer Weise die Rücksicht, welche Gott gegen die bestehen- 
den Gewalten zur Pflicht macht. 

Die Bemerkungen, welche wir hier machen, sind nur von einigen 
Bischöfen unterzeichnet, denen nachbarliche Beziehungen Gelegenheit 
zu häufigerem Gedankenaustausch bieten. Wir glaubten nicht, die 
Unterschrift aller unserer ehrwürdigen Amtsbruder nachsuchen zu 
sollen, denn wir befürchteten, dadurch Anlass zu gehässigen Inter- 
pretationen zu bieten, welche die dem Klerus feindliche Presse allen 
seinen Schritten gegenüber in Anwendung bringt. Doch zweifeln wir 
nicht daran, dass unsere Worte im Sinne aller anderen Bischöfe ge- 
sprochen sind. 

Die Gesetzvorlagen, die uns beschäftigen, lassen sich in mehrere 
Glassen theilen. Es gibt solche, welche die Ausübung des Cultus 
und die allgemeinen Beziehungen zwischen Kirche nnd Staat zum 
Gegenstande haben; andere beziehen sich auf die kirchliche Disciplin 
und den christlichen Unterricht, noch andere endlich betreffen be- 
sondere Gegenstände. Unter allen vorgeschlagenen Neuerungen gibt 



Denkschrift franz. Bischöfe vom 1. Juni 1882.. 155 

<es keine einzige, welche nicht Misstranen oder offene Feindschaft 
gegen die Kirche an den Tag legte. 

Man darf darüber staunen, dass so verwickelte und — sagen 
wir es offen — so den meisten Laien fernliegende Fragen auf ein- 
mal die parlamentarische Initiative von so vielen Seiten wachgerufen 
haben. Bevor wir die in Rede stehenden Vorlagen im Einzelnen 
prüfen , wird es nicht unnütz sein , ah die Principien zu erinnern, 
welche in dieser Hinsicht massgebend sind, sowie an die historischen 
Vorgänge^ welche Licht darüber verbreiten. 

Wenn man Gesetze machen will zur Regelung der Ausübung 
des katholischen * Cultus , muss man sich vor Allem klar machen, 
was die Kirche ist. Sonst setzt man sich der Gefahr aus, wesent- 
liche Theile ihrer Verfassung oder zu ilirem Leben nothwendige Akte 
als eben so viele Missbräuche zu verfolgen. 

Die Kirche ist ihrem Wesen dach eine geistige Gemeinschaft, 
wenngleich sie wegen der Lage ihrer Mitglieder auf " Erden auch 
ebenso zeitliche Bedürfnisse und Rechte besitzt. Der Zweck, den sie 
verfolgt, ist das ewige Heil aller Menschen. Die Mittel, welche sie 
dabei anwendet, sind ihr von Christus, ihrem göttlichen Stifter, 
vorgeschrieben worden. Sie kann daran nichts ändern. Ihre Ver- 
fassung ist unwandelbar. Ihre Thätigkeit , die sich auf die Seelen 
erstreckt, ist durch keine Grenze beschränkt. Sie zählt nur frei- 
willige Untergebene. 

Das Auftreten einer derartigen , von den menschlichen Ver- 
einigungen so verschiedenen Genossenschaft war vor achtzehn Jahr- 
hunderten eine grosse Neuheit, welche die Cäsaren überraschte und 
beunruhigte. Gewöhnt daran, in sich selber alle Gewalt, die des 
Priesterthums mit einbegriffen, zu concentriren, und die Religion des 
Volkes ihrer Herrschsucht und Politik dienstbar zu machen, be- 
merkten sie nicht ohne Eifersucht und ohne Schrecken, dass in 
Folge der Scheidung zwischen der geistlichen und weltlichen Sphäre 
die Befreiung der Gewissen vorbereitet werde. Daher die Verfol- 
gungen, welche drei Jahrhunderte mit Blut befleckt haben. Durch 
den Glauben und die Tugenden derjenigen, deren Blut in Strömen 
vergossen wurde, besiegt, begriff das römische Reich endlich, dass 
es auf dieser Welt Raum gibt für zwei Gewalten verschiedener Ord- 
nung, und dass die Unabhängigkeit der einen, weit entfernt, die 
Sicherheit der andern zu bedrohen, ihr vielmehr eine Last abnimmt, 
welche diese unfähig ist, zu tragen. Seit Gonstantin hat die Kirche 
neben den Staaten gelebt, ohne sie zu absorbiren und ohne selber 
auch absorbirt zu werden. Während der Dauer einer so langen 



156 Denkachrift franz.. Bischöfe vom, 1. Juni 1882, 

Coexistenz hat der Grundsatz der Atdonomie beider Gesellschaften 
stets bestanden, er hat sogar eim glänzende Bestätigung in den 
Unterhandlungen gefunden, welche in allen Epochen der Geschichte 
stattgefunden haben, um die unvermeidlichen Differenzen in den 
menschlichen Beziehungen .zu beenden. Im Anfange dieses Jahr- 
hunderts hat ein berühmter Akt diese Stellung-der beiden^ Geiwaltea 
vollständig klar gemacht. Als der erste Consul den Cultus ia 
Frankreich wiederherstellen wollte, war er sich vollständig klar 
darüber, dass ein derartiges unternehmen seine Zuständigkeit über- 
schritt; desshalb unterhandelte er als Chef des französischen Staates 
mit dem Oberhaupte der Kirche, um die Grundlagen jener Wieder- 
herstellung festzusetzen. 

Eine Gesellschaft, welche ein Oberhaapt, eine eigene Hierarchie 
und einen Codex über Glaubenssatzungen, Gesetze, Riten und Insti- 
tutionen besitzt, und welche auf das Ersuchen eines weltlichen Sou- 
verains mit ihm übereinkommt, diplomatisch gewisse Streitpunkte 
zu regeln — eine solche Gesellschaft ist für sich selbstständig und 
kann nicht zugeben, dass sie in der bürgerlichen Gesellschaft auf- 
gehe, als wäre sie nur ein Ausfluss derselben. Sie hat ihre Rechte, 
wie der Staat die seinigen hat, und die gegen sie geschehenen 
üebergriffe verletzen die Gerechtigkeit nicht minder wie diejenigen, 
welche in ihrem Namen etwa gegen die weltliche, Macht versucht 
werden sollen. 

Freilich hat diese Gesellschaft zu ihrer Verfügung nicht die 
inaterielle Gewalt , um ihre Prärogative zu beschützen , allein die 
Gläubigen, aus denen sie besteht, gehören gleichzeitig der bürger- 
lichen Gesellschaft an. Als solche haben sie das Recht zu ver- 
langen , dass ihr Gewissen geachtet werde , und dieses Recht wird 
verletzt durch jede Beschränkung der freien Religionsübung. Ob- 
wohl also die geistliche Souverainetät wehrlos ist, so ist sie doch 
nicht der Willkür der weltlichen Macht überantwortet, und die von 
ihr unterzeichneten Verträge können, nicht nach dem Belieben des 
anderen Theils zerrissen werden. 

Das Concoi'dat von 1801 ist in der Beziehung bemerkenswerth, 
dass die französische Regierung die Initiative dazu ergriffen hat. 
Man hört bisweilen, jener dankenswerthe Akt hätte bezweckt, den 
Staat gegen die üebergriffe des Klerus zu schützen. Eine derartige 
Behauptung beweist eine auffallende ünkeButnisss der Geschichte. 
Im Jahre 1801 war der Klerus gar nicht in der Lage, irgend Je- 
mand zu nahe zu treten; decimirt durch Hinschlachtungen und De- 
portation, seiner Guter beraubt, beunruhigt sogar in seinem Privat- 



Denkschrift franz. Bischöfe vom t Juni 1882, 15? 

gottesdienste , sobald er den schisraatischen Eid verweigerte, besass 
er keine weitere Kraft, als dass er die wahre katholische Tradition 
ropräsentirte Angesichts der sogenannten Nationalkirche , welche 
glaubenslose Gesetzgeber decretirt hatten, ohne ihr Lebenskraft ein- 
flössen zu können. An jene moralische Kraft appellirte der erste 
Consul. Erschreckt durch die von der Revolution aufgethürmten 
Trümmer und wohl einsehend , dass ein freies Volk mehr als alles 
Andere der gläubigen üeberzeugung bedarf, welche die Leidenschäf- 
ten im Zügel hält und den socialen Frieden garantirt, fasste er den 
Gedanken, dem Katholicismus eine gesetzmässige Existenz zu geben, 
die im Einklänge stände mit den neuen Lebensbedingungen der 
französischen Gesellschaft. Weil zu diesem Zwecke einige Punkte 
der alten Disciplin mjjdificirt werden raussten, begriff er, dass die 
Katholiken seinen Vorschlägen nimmer folgen würden, wenn dieselben 
seitens ihres geistlichen Oberhauptes nicht sanctionirt werden wür- 
den. Alsdann wandte er sich an den Papst, und nach langwierigen 
Unterhandlungen, bei denen der Papst manches Opfer bringen musste, 
ward endlich die moderne Charte der Beziehungen zwischen Staat 
und Kirche in unserem Lande unterzeichnet. 

Ein derartiger Akt konnte nur die wesentlichen Grundsätze 
feststellen, welche den jieuen Zustand der Dinge zu ordnen .bestimmt 
waren. Diese Grundsätze wurden in 17 Artikeln kurz formulirt, die 
offenbar noch viel denen zu thun übrig liessen , welche mit ihrer 
Anwendung beauftragt werden sollten. 

Wir haben an dieser Stelle noch ein anderes sehr starkes Vor- 
urtheil zurückzuweisen, das eine gewisse Classe von Politikern be- 
heiTscht. Sie stellen nämlich die Behauptung auf, dass die ver- 
schiedenen nach Abfasssung des Concordates sich einander folgenden 
Regierungen dasselbe fortwährend modificirt hätten, nur um der 
Kirche Vortheile und Begünstigungen zuzuwenden, auf welche dieser 
Vertrag ihr kein Recht gäbe. Nichts steht mit der Wahrheit in 
schrofferem Widerspruch, als diese Behauptnng. 

Der erste Akt der weltlichen Macht nach Unterzeichnung des 
Concordates war die Promulgation der organischen Artikel^ welche 
oin Akt der Beschränkung des Vertrags und in verschiedenen Punk- 
ten dem Geiste des letzteren widersprechend waren. Zweifelsohne 
sprechen wir dem Gesetzgeber nicht das Recht ,ab , mit Klugheit 
Fragen der öffentlichen Ordnung zu lösen, welche die Anwendung 
des Concordates betreffen, aber zwei Bedingungen würden ihm durch 
die Billigkeit gestellt werden: dass nämlich keine Massregeln ge- 
troffen werden, welche den Grundsätzen dor Ueberoinkunft wider- 



158 Denkschrift franz. Bischöfe vom i. Jv/ni 18S2\ 

sprechen und dass die Bestimmungen dieses Vertrages streng äüsge-^ 
schieden bleiben. Diese zweifache Bedingung ist aber missachtefc 
worden. Denn die Gesetze des Jahres X. enthalten mehr als eine 
Bestimmung, welche die kirchlichen Constitutionen verletzt, ferner 
wurde die Convention, welche die katholische Religion in Frankreich 
rehabilitirt und die Gesammtheit jener Gesetze, gegen welche der 
Papst und die Bischöfe stets protestirten , mit jener Convention 
selbst durcheinandergeworfen und unter einem gemeinsamen Titel 
veröffentlicht. , 

Unter dem ersten Kaiserreich dauerte es nicht lange, bis die 
Kirche von seinem Haupte verfolgt wurde. Alle Akte der staat- 
lichen Gewalt trugen den Charakter der Feindschaft des Souverains 
gegen die Kirche und in der Folge ebenso die in der Politik vorge- 
nommenen Aenderungen. 

Andere Regierungen waren gerechter oder wenigstens fried- 
licher, manche derselben zeigten sich in gewissen Punkten sogar 
wohlwollend. Aber es ist eine Unwahrheil, zu behaupten, dass -der 
Text ^es Concordates jemals gefälscht oder der Sinn desselben 
missachtet worden sei, um die Kirche zu begünstigen. Mit der 
Zeit neue Bisthümer einzurichten, wenn das Anwachsen der Be- 
völkerung, und die Häufung der Geschäfte dies erfordert; die Ge- 
hälter des Klerus zu erhöhen, weil die früheren Gehälter nicht mehr 
den Bedürfnissen des heutigen Lebens entsprechen und weil solche, 
oder noch grössere Gehaltserhöhungen durchaus entsprechend waren ; 
den Bischöfen die Benützung ihrer Palais wieder zu gestatten, die 
zum Staatseigenthura gemacht worden sind , während doch die Ein- 
künfte der Bischöfe unzureichend sind und sie selbst so schwere 
Lasten zu tragen haben ; Seminarien zu errichten und zu unterstützen, 
die ein wesentliches Erforderniss für den Nachwuchs und ein nothwen- 
diges Mittel für die Heranbildung des Klerus sind; den Domherren, 
Canonikern und Generalvicaren, mit denen nach den kirchlichen Be- 
stimmungen die Bischöfe sich zu umgeben haben, ein bescheidenes 
Gehalt zu gewähren ; den aller ihrer Guter beraubten Pfarrkirchen das 
gesetzliche Privilegium des feierlichen Begräbnisses zu gewähren, um 
ihnen ein Einkommen zu verschaffen und ihnen, vor Allem in den 
Städten, die Unterhaltung des Cultus und der Hilfsgeistlichen,^ welche 
vom Staate keine Unterstützung erhalten , zu ermöglichen — das 
waren jene wohlwollenden Massregeln, aber es waren vollständig ge- 
rechte Massregeln, welche zur Fortdauer von friedlichen Verhält- 
nissen durchaus erforderlich waren. 

Heute behauptet man nun, dass. man dadurch die ^stricte Aus- 



Denkschrift franz. Bischöfe vom 7. Jwwi 188^, 150 

führung<L des Concordates aufgegeben hat. Aber was versteht man 
unter diesem Ausdruck? Will man damit sagen, dass man den 
Buchstaben des Vertrages verletzt hat? Man würde in Verlegen- 
heit sein, sollte man auch nur einen unten den 17 Artikeln als ver- 
letzt nachweisen. Soll das heissen, dass man den Vertrag nicht in 
einem gehässigen und eifersüchtigen Sinne ausgeführt hat? Aber 
wo hat man denn in dem Coneordat die Verpflichtung gefunden, 
dasselbe in der Vfeise auszuführen? Die wahre Billigkeit liegt 
nicht immer in der allzu engherzigen Interpretation eines Textes ; 
es existirt selbst ein alter Grundsatz, der uns lehrt, dass eine 
solche Weise, die Gesetze zu interpretiren, manchmal der Gipfel der 
Ungerechtigkeit ist: »Summum jus, summa injuria.« Die Billigkeit 
fördert, dass üebereinkommen nicht strict ,. sondern loyal ausgeführt 
werden. 

Das Coneordat hat ein Princip aufgestellt und eine Thatsache 
ins Auge getasst : das Frmcip war die Wiederherstellung der katho- 
lischen Kirche ; die Thatsache war die prekäre Lage der Religion in 
Prankreich zur Zeit des Vertrages. Das Princip war dauerhaft, es 
erstreckte sich auf die künftige EntwicKelung der Eeligion der Na- 
tion zu Gunsten des den Gewissen wieder gegebenen Friedens. Die 
Thatsache war ihrem Wesen nach vorübergehend. Am Tage nach 
einer furchtbaren Krisis hatte sich die Kirche kaum aus ihren 
Ruinen erhoben; der Staat, der durch die Revolutionen und den 
Krieg verarmt war, musste zu Auswegen seine Zuflucht nehmen, um 
das Gleichgewicht in seinenoi Budget herzustellen. Wollte man die 
Beziehungen zwischen Kirche und Staat stets nach der elenden und 
dürftigen Lage von 1801 einrichten, so würde man das Coneordat 
nicht loyal interpretiren, so würde man seinen Grundgedanken ver- 
kennen sowie auch den Zweck, den man bei seiner Unterzeichnung 
verfolgte. 

Wir könnten zahlreiche weitere Beispiele anführen; die ange- 
führten genügen. indessen zur Erklärung und Rechtfertigung gewisser 
Massnahmen, welche man den früheren Regierungen zum Vorwurf 
macht. Es sind das nicht, wie man behauptet hat, zu weit gehende 
Concessionen, welche man den Forderungen der Kirche gemacht hat, 
es sind das vielmehr Akte der Gerechtigkeit und der guten Ver- 
waltung. Wenn das Coneordat die Wiederherstellung der Religion 
bezweckt, so konnten die Gesetze, die man unter dem Namen Con- 
eordat versteht, nicht den Zweck verfolgen, ihre Ausübung einsu-- 
engen. Man müsste sich aber bis zu diesem Widerspruche versteigen, 
wenn man im Ganzen alle Anordnungen verurtheilen wollte, die 



16Ö Denkschrift franz. hischöfe vom 1, Juni 188^. 

ira Laufe der Zeit getroffen wurden , um offenbaren Bedürfnissen 
abzuhelfen. 

■ Diese allgemeinen Erwägungen erleichtern die Prüfung der 
Vorschläge, mit denen gegenwärtig das Parlament beschäftigt ist. 

Der radicalste von allen ist derjenige, welcher die Abschaffung 
des Concordates oder die Trennung von Kirche und Staat zum 
Gegenstände hat. . , 

Wir wollen uns darüber kurz fassen. Dieser Vorschlag ver- 
kennt eine offenbare Thatsache : nämlich die bedeutungsvolle Stellung, 
welche die ehristUche Religion in der französischen Gesellschaft ein-' 
nimmt. Wird der Glaube und der Cultus der immensen Majorität 
der Nation als eine private Meinung behandelt; wird dem , was in 
den Augen des grössten Theiles des Volkes das ganze Leben be- 
Rorrscht, Pflichten auferlegt und zur Tagend anspornt, gar keine 
Rechnung getragen; werden die Zweifel des Skeptikers und die Ver- 
neinungen des Atheisten mit den üeberzeugungen des ganzen Volkes 
auf dieselbe Stufe gestellt — so ist das ein wenig überlegtes und 
gefahrvolles Unternehmen. Wer sich daran wagen wollte, der 
müsste den Beweis erbringen können, dass eine tiefgehende Aende- 
rung in dem Sinne und Willen des Landes vorgegangen sei. Diesen 
Beweis wird man nicht erbringen, denn Frankreich wird, dessen sind 
wir sicher, sich nicht mitten im christlichen Europa als eine Nation 
ohne Gott und ohne Cultur hinstellen wollen, noch wird es- von 
seinen Vertretern fordern, wieder in den Zustand der Wirren und 
des Unbehagens zurückgeführt zu werden, woraus es das Coneordat 
befreit hat. 

Ferner würde die Ausführung einer ähnlichen Massregel mit 
SchwierigJceiien verbunden sein , die leichter zu verheimlichen , als 
zu lösen sind. Scliafft man das Coneordat ab, so würde man das 
Culturbudget unterdrücken. Doch dieses Budget ist nicht, man 
möge sagen was man wolle , eine . reine Preigiebigkeit des Staates 
gegen die Kirche. Insoweit es sich auf den katholischen Cultus be- 
zieht, ist es eine Indemnität^ deren Charakter feierlich durch die 
constituirende Nationalversammlung 12 Jahre vor dem Coneordat 
anerkannt worden ist. Wenn man die Indemnität zurückzöge, würde 
man dann die Besitzthümer zurückgeben? Wir erkennen offen an, 
dass man dies heute nicht mehr könnte. Würde man dann keine 
Compensation gewähren? Aber dann würde man die erste Beraubung 
wiederholen, die jenes Unheil angerichtet hat, dem das Coneordat 
ein Ende machte. Will man ns wagen, dem Lande diesen Vor- 
schlag zu machen? 



toenkachrift franz. Bischöfe vom 2, Jtmi 188^. 161 

Was sollen wir von der neuen Lage sagen, in der sich die 
Kirche unter dem Regime der Trennung befinden würde? Sie wäre 
also ihrer früheren Hilfsquellen beraubt. Würde man ihr wenig- 
stens gestatten, sich frei an die Ergebenheit ihrer Mitglieder zu 
wenden , um dem Gultus die erforderlichen Einkünfte zu sichern ? 
Die elementarste Billigkeit würde das fordern. Dann aber müsste 
man alle unsere Gesetze über das Vereinswesen und das Collectiv" 
eigenthum abändern,. Gesetze, welche von dem Misstrauen gegen die 
todte Hand eingegeben sind, uns scheint, dass das nicht die Ten- 
denz der gegenwärtigen Gesetzgeber ist. Wenn dem so ist, wenn 
man die Kirche, nachdem man sie ihrer Güter und der sie theil- 
weise entschädigenden Subventionen beraubt hat, hindert, durch frei- 
willige Gaben die zu ihrem Leben nothwendige Dotation wiederher- 
zustellen, glaubt mauv dann^ dass Millionen also in ihren Gultus- 
Interessen und ihren Gewissensrechten verletzte Franzosen diese 
schreiende und ganz und gar nicht zu entschuldigende Ungerechtig- 
keit ruhig ertragen werden? Wenn man unter dem Vorwand der 
religiösen Neutralität in unserem Vaterlande die Agitation ver- 
ewigen will, so braucht man rmt diesen Weg einzuschlageu, auf 
den einige Menschen hinweisen , die sich die Folgen der von ihnen 
vorgeschlagenen Akte nicht klar gemacht haben. So viel über das 
Concordat. 

Trotz ihres weniger drohenden Aeusseren sind die anderen Oe- 
seteprojede nach unserer Meinung nicht minder verderblich. Schein- 
bar hält man in denselben den nothwendigen Grundsatz von der Ein- 
tracht zwischen Kirche und Staat aufrecht , aber dieser Grundsatz 
wird in einer solchen Weise in Anwendung gebracht, dass an die 
Stelle der schönen Harmonie zwischen den beiden Mächten die Unter- 
drückung und die Vernichtung einer von ihnen gesetzt wird. Statt 
sich dann um die Kirche nicht zu kümmern, würde der Staat über 
sie so direct gebieten , dass ihre geistliche Selbstständigkeit unter 
den Fesseln administrativer Reglements erliegen würde. In den Vor- 
schlägen, um die es sich handelt, sind an die Stelle der günstigen 
Bestimmungen der gegenwärtigen Gesetzgebung Massregeln gesetzt, 
die sich in drei Worten: »Fesselung, Beraubung und Bestrafungt 
charakterisiren lassen. 

Man fesselt die Freiheit der Kirche, wenn man Vorschriften 
wieder in Kraft zu setzen sucht, welche nichts Geringeres bezwecken, 
als die Lehre von Häresien in den Seminarien zur Pflicht zu machen; 
wenn man das dem Bischöfe zustehende Recht, kirchliche Schulen zu 
gründen, verkürzt; wenn der Minister auf die einfache Ansicht des 

▲roUv rOr Kirchenrecht. XLVIII. 11 



162 Denkschrift franz. Bischöfe vom 1. Jtmi 1882. 

Präfecten die Versetzung eines Desservanten oder eines Vicars ver- 
langen kann und zwar unter Strafe des Gehaltverlustes ; wenn Pfar- 
reien, Succursalen und Vicariate ohne Zustimmung des Bischofs 
unterdrückt werden kennen; und namentlich, wenn, der wesentlichen 
Eirchendisciplin zum Trotz und ohne Bücksicht auf das Bedürfniss 
herangezogen werden. . 

Man beratibt die Kirche, wenn man die Gehälter der Canoniker, 
die Freistellen der Seminare, das Privilegium der Begräbnissveran- 
staltung unterdrückt, denn man benimmt ihr so die Möglichkeit, 
den Klerus zu erziehen und den Bedürfnissen der Diöcesanverwaltung 
und den Anforderungen des Gultus zu genügen. Man beraubt die 
Kirche, wenn man die Gemeinden von fast allen ihren Verpflich- 
tungen gegen die Kirchenfabriken entbindet und ihnen das Recht 
zuspricht, einen grossen Theil der Kircheneinkünfte zu verwalten und 
für sich zu verwenden; wenn die ganze Gesetzgebung von 1809, 
welche für so umfangreiche Dienstzweige so weise und billig Vor- 
sorge getroffen hat , ohne Grund zum Schaden der religiösen In- 
stitute beseitigt wird. 

Endlich missbraucht man das Strafrecht ^ das schon bei der 
jetzigen Anwendungsweise einei)efremdliche Anomalie ist. Die Armee 
und der Richterstand besitzen ihre eigenen Tribunale zur Aburthei- 
lung von Vergehen ihrer Mitglieder; die Kirche, welche weiss, dass 
ihre Mitglieder auch fehlen können, hatte auch dem Klerus Richter 
gegeben. Dieses ebenso natürliche wie schickliche Privilegium >ist 
mit dem frühereu Regiment verschwunden. Doch hätte man wenig- 
stens meinen sollen, das neue Regiment werde sich damit begnügen, 
gegen die Kirchendiener die Vergehen gegen das gemeine Recht zu 
verfolgen. Aber es ist anders gekommen : die organischen Gesetze 
haben specielle Strafbestimmungen zur Sanction von gemischten 
Reglements eingeführt, von denen mehrere mit der Disciplin der 
Kirche im Widerspruch stehen. Gerade diese Strafbestimmungen 
will man heute an Zahl und Härte erhöhen. In so delicaten Dingen, 
wo geistliche und weltliche Rechte an ein^inder grenzen, würde also 
der Staat der alleinige Richter über den Missbrauch sein; ihn 
würde der Gesetzgeber mit exorbitanten Vollmachten bewaffnen, 
um die Diener der Religion mit Geld- und Gefängnissstrafen zu 
treffen. 

Nicht zufrieden damit, kündigt man~ auch an, dass das in Vor- 
bereitung begriffene BecnUirungsgeseia die Befreiung der Priester 
vom Militärdienst beseitigen werde.' Wenn die Bestimmung auf die 
Kleriker angewendet wird, welche bereits im Besitze der geistlichen 



Denkschrift franz. Bischöfe vom 1, Jtmi 1882. 163 

Weihen sind, so steht das in directem Widerspruch mit der wesent- 
lichsten Disciplin der Kirche, welche ihren Dienern jeder Zeit das 
Tragen der Waffen untersagt hat ; wenn diese Bestimmung nur auf 
Candidaten des geistlichen Standes Anwendung findet, so macht sie 
die Becrutirung des Elbrus fast unmöglich und nimmt, um dem 
Staate einige Tausend Soldaten, deren er nicht bedarf, mehr zu 
geben ^ der Kirche das Mittel, ihre Priester heranzubilden und sie 
auf ihre Mission vorzubereiten. Das ist eine formelle Verletzung des 
ersten Artikels des Concordats. Wer wollte. die Behauptung wagen, 
dass die Ausübung der katholischen Religion in Frankreich frei sei, 
wenn man der Kirche die Mittel nimmt, die Fortdauer unc^ Würde 
des Friesterthunas zu sichern? 

Eine von solcher Gesinnung eingegebene Reform konnte den 
religiösen Unterricht nicht ausser Acht lassen. In der That , das 
beste Mittel, den Beschwerden der Christen ein Ende zu machen, 
wäre: ihnen ihren Glauben zu nehnaen. Wenn man daran verzwei- 
felt, ihn den Erwachsenen zu entreissen, schmeichelt man sich doch 
mit der Hoffnung, seine Quelle in den jungen Generationen zu ver- 
stopfen. Desshalb soll die Jugend in der ünkenntniss der christ- 
lichen Dogmen aufwachsen. Man hat bereits für diesen Zweck ge- 
sorgt, indem man den Religionsunterricht in den Programmen aller 
öffentlichen Schulen unterdrückte, indem man den Priestern den Zu- 
tritt zu diesen Schulen verbot, indem man den Lehrern untersagte, 
ihre Schüler im Katechismus zu unterrichten. Jetzt geht man mit 
dem Plane um, die Bestimmungen noch zu verschärfen, indem man 
der Freiheit d^s Unterrichts neue Beschränkungen auferlegt, die 
Forderung academischer Grade verdoppelt, und mehr als jemals die 
freien ünterrichtsanstalten der Willkür der Disciplinarräthe preis- 
gibt, worin der Klerus nicht mehr vertreten ist. So wird der katho- 
lische Glaube, welcher zu allen grossen Dingen, die unserer Oivili- 
sation zur Ehre gereichen, den Anstoss gegeben hat, als eine Land- 
plage verfolgt. Man lässt ihm keine andere Zufluchtsstätte mehr 
als die, welche man ihm nicht rauben kann, nämlich die im Herzen 
der treuen Christen. 

Die religiösen CongregcUionen bilden eine Hauptkraft der Kirche 
in der dreifachen Thätigkeit des Apostolats, des ünterriclits und der 
Nächstenliebe. Sie sind bereits getroffen worden im Namen von Ge- 
setzen, welche man gegen sie glaubte in Anwendung bringen zu 
sollen. Allein die mehr wie zweifelhafte Jurisprudenz, welche mit 
soviel Härte angerufen wurde, scheint nicht mehr zu genügen. Man 
bringt in Vorschlag eine neue Gesetzgebung, welche in die unver- 

11» 



164 Denkschrift franz, Bischöfe vom 1. Juni 188^. 

letzliche Domäne des Gewissens übergreifen würde, indem man den 
Menschen gegenüber Rechenschaft verlangt über innere Akte, die 
nur vor Gott vierpflichten , und indem man französische Staats- 
bürger ihrer Rechte für verlustig und schwerer Strafen schuldig 
erklärt,- weil sie der Uebung der evangelischen Vollkommenheit sieb 
hingeben. 

Als fürchtete man, bei diesem umfassenden System von ag- 
gressiven Gesetzen einige Einzelheiten zu übersehen, versuchte sich 
endlich die parlamentarische Initiative an verschiedene Objecten: so 
an der religiösen Eidesformel, die aufgehoben werden soll, an der 
Kirche des Nationalgelübdes, deren Vollendung verhindert werden 
soll, und an den religiösen Emblemen , die von den Orten , wo des 
Rechtes gewaltet wird, verschwinden sollen. ViTir erwähnen nur 
nebenbei diese vorgerückten Propositionen, deren grundsätzliche Be- 
deutung dai-aus hinausgeht, die Gesammtheit der Mittel »zu vervoll- 
ständigen , mit deren Hilfe man sich den Einfluss der. christlichen 
Ideen in unserem Lande zu vernichten verspricht. 

ViTir klagen nur ungern die Intentionen an, und wenn for die- 
selben eine andere Erklärung möglich sein sollte, so würden wir 
glücklich sein, sie zulassen tu können. Allein wir können nicht da- 
hin kommen, zu glauben, dass diese Menge von Projecten keine 
Feindseligkeit gegen die Kirche beweise, da wir sehen, dass sie alle 
Anordnungen treffen, die geeignet sind, die Religion zu zerstören 
oder zu schwächen. ^ 

Indem wir diese flüchtige Uebersicht der gegen die Religion 
des Landes in Vorbereitung befindlichen MassregelYi beschliessen, 
können wir uns eines tiefen Gefühles der Traurigkeit nicht erwehren. 
Wir fragen uns, wozu die Lehren der Geschichte dienen. Der Ver- 
such, dBn man heute unternehmen will, ist in unserem Frankreich 
bereits gemacht worden. Vor fast einem Jahrhundert nahm "eine 
Philosophenschule, die auf ihre abstracten Theorieen mehr vertraute, 
als auf die Lehren* der Erfahrung, die Regierung der Nation in die 
Hand. Ein Artikel ihres neuen Programms besagte iie Vernichtung 
des Christenthums. Die erhabene Lehre, die reine Moral, der ehr- 
würdige Gultus, welcher die barbarischen Sitten gemildert und den 
Glanz der modernen Cultur vorbereitet haben, waren zum Ver-^ 
schwinden verurtheilt. Gewisse Missbräuche der Vergangenheit, 
traurige und unvermeidliche Folgen der menschlichen ün Vollkommen- 
heit dienten diesem verwegenen Plane als Verwand. Alles wurde 
über den Haufen gestürzt und 10 Jahre hindurch waren die Neuerer 
obenauf. Das lehrt uns die Geschichte, allein sie fügt auch hinzu, 



Denkschrift franz. Bischöfe vom L Juni 18ß2, 165 

dass' sie zwar stark, im Zerstören, aber unfähig waren, etwas aufzu- 
bauen, und dass sie nur über Trümmer herrschten. Zügellose 
Anarchie, die ausgelassenste Sittenlosigkeit, öffentliche untreue, all- 
gemeine Erniedrigung der Charaktere und Unwissenheit in allen 
dessen des. Volkes. Das war das Bild, welches das seinem Ende 
zuneigende Jahrhundert bei seinem Anfange darbot. In ihrer Auf- 
lösung musste die Nation die Religion der bedrohten 'Cultur zu 
Hilfe rufen. 

Heute will man dieselbe Erfahrung noch einmal durchmachen. 
Worauf baut man die Hoffnung, dass dies zu besseren Resultaten 
führen werde? Die menschliche Natur hat ihre bösen Neigungen 
nicht verloren und man hat (nichts Neues gefunden , womit man~ an 
Stelle der erhabenen Uebe]:zeugung des Glaubens die Leidenschaften 
beherrschen könnte. 

Wir sprechen hier nicht als eigensinnige Censoren, sondern als 
wahre Freunde unserer Zeit und^ unseres Landes. Möchte doch der 
Herr unser geliebtes Vaterland stets glücklich machen und segnen! 
Allein, möchte sein Schutz ihm auch die Schande und das Unglück 
der Zerstörungen sparen, die man vorbereitet! Wenn jemals ähn- 
liche Gefahren, die beinahe sein Glück vernichteten, dasselbe noch- 
mals bedrohen sollten^ so würde man mit Schrecken gewahr werden, 
welche Leere durch das Schwinden des Glaubens und der christ- 
lichen Sitten- unter uns entstehen müsste. 

Hat man denn nicht gesehen , dass bei unserem letzten Un- 
glück, während der Trübseligkeiten der Invasion, ebenso wie in an- 
deren Epochen bei schweren Plagen, die das Land heimgesucht, ge- 
rade die Religion der Nächstenliebe inspirirte, welche Trost und 
Kettung spendet? Hatte nicht gerade an ihre Vertreter die Be- 
völkerung von selbst sich gewendet, um für die Verwundeten Hilfe, 
für die Kranken Beistand, für die Waisen die Wohlthat der Adop- 
tion , für Personen und Städte selbst Schutz gegen die Strenge des 
Feindes zu erreichen? Wenn das Land heute das in den Tagen der 
Trauer bewiesene Vertrauen uns entziehen will, so wünschen wir 
unseren Gegnern genügenden Eifer und Entsagung, um unsere Hin- 
gebung vergessen zu machen. 

Wir resumiren kurz die dargelegten Gesichtspunkte: 

Die einfache Aufhebung des Goncordates ohne Zustimmung des 
Oberhauptes der Kirche würde ein Willkür- Akt sein, der dem 
Völkerrecht, der Billigkeit, den Interessen und den Wünschen des . 
Landes widerstreitet, unklug im höchsten Grade und begleitet von 
verderblichen Consequenzen, deren Tragweite sich nicht ermessen lässt. 



166 Denkschrift franz. Bischöfe vom 1. Jtmi 1882, 

Die Verpflichtung der Kleriker zum Militärdienst würde die 
Quelle der Ergänzung des Klerus verstopfen und in kurzer Zeit die 
Pfarreien hirtenlos machen. 

Die anderen Projecte sind alle ein mehr oder minder directer 
Angriff auf die Autonomie der Kirche, ihre Zucht, ihr Ansehen/ 
deren sie zur Erfüllung ihrer Mission bedarf. Die Annahme dieser 
Anträge würde den katholischen Gultus umwandeln in einen Zweig 
der Civilverwaltung uiid würde uns der Wiederherstellung der be- 
rüchtigten »constitutionellen Kirchec entgegenfahren. 

Die Gesammtheit dieser gesetzgeberischen Massnahmen geht 
darauf hinaus, aus Frankreich eine gottlose Nation zu machen. Die 
Frage erscheint nicht überflüssig, ob dies der rechte Weg ist, um 
Frankreich die Achtung und Sympathie Europas zu sichern ; ob dies 
das rechte Mittel ist, um den Einfluss und das Prestige Frankreichs 
aufrecht zu erhalten und in jenen fernen Gegenden, wo der Respect 
der Bevölkerung niemals unterschieden h^t zwischen dem christlichen 
und dem französischen Namen. 

Wir beschwören die Gesetzgeber, das in Erwägung zu ziehen. 
Indem wir diese Bitte aussprechen, welche die Vaterlandsliebe uns 
einflösst, fürchten wir nicht den Vorwurf, dass wir von Vorurtheilen 
der Partei • geleitet würden. Wir^ denken nicht daran, die heilige 
Sachie, der wir dienen, mit den Angelegenheiten zu vermischen, 
deren wechselnde Schicksale auf dem Schauplaitze dieser Welt sich 
abspielen. Wir haben vom h. Augustin gelernt, dass die Kirche, 
deren stete Sorge das Heil der Seelen ist, mit 'den verschiedenen 
Regierungen in Frieden leben kann und muss, wenn dieselben die 
menschlichen Dinge mit Gerechtigkeit und in Ehren verwalten, c 
(St. Augustinus »de doctrina christiana.«) Die wahren Feinde einer 
Regierung sind nicht diejenigen , welche von ihr fordern , dass sie 
sich Achtung verschaffe, indem sie gerecht und ehrenhaft bleibe, 
sondern Diejenigen, welche ihr rathen, sich zu entehren, indem sie 
die Willkürmassregeln in den Dienst der antireligiösen Leiden- 
schaften stellt. 

Indem wir uns mit diesen Worten an Sie wenden, sind, wir 
überzeugt, im Interesse des öffentlichen Friedens zu arbeiten. Es 
liegt auf der Hand, dass dieser Friede bedroht ist von dem Kriege, 
welchen man dem christlichen Glauben erklärt. Nichts ist so hart- 
näckig, als ^ der Widerstand, welchen der Glaube anregt und das 
Gewissen unterstützt. Wenn man den Gonflict, der jetzt auszu- 
brechen droht, nicht im Keime erstickt, dann wird das Land, in 
zwei feindliche Heereslager gethei^t, auf lange Zeit in Verwirrung 



Denkschrift franz. Bischöfe vom L Juni 1882. 167 

gestürzt und die gegenwärtige Generation wird nicht das Ende 
unserer Zwistigkeiten sehen. 

Es ist die Pflicht der Repräsentanten des Landes, die Unruhe 
zu beschwichtigen, Indem sie die Ursachen der gefahrlichen Agitation 
entfernen, welche .sich geltend zu machen beginnt. 

Die Gesetze, welche bisher in Frankreich die Organisation des 
religiösen Cultus und seine Beziehungen zum Staate geregelt haben, 
mögen immerhin nicht in jeder Hinsicht vollkommen sein. Wenig- 
stens haben sie dem Lande während nahezu eines Jahrhunderts die 
unschätzbare Wohlthat des Friedens gesichert Wenn diese Bestim- 
mungen irgend einer Abänderung bedürfen sollten , dann würde es 
nach unserer Ansicht eine Forderung der Weisheit sein , dass man 
die Initiative dazu der Regierung überlasse, welche sich in Einver- 
nehmen setzen könnte mit den'' Bischöfen und erforderlichen Falles 
mit dem Oberhaupte der Kirche. Es geziemt sich nicht, unter dem 
Drucke der Parteibestrebungen und unter dem Einfluss politischer 
Bewegungen solche Aenderungen zu treffen. Lasse man zuerst die 
erregten Leidenschaften sich beruhigen! Möge man in- der Erwar- 
tung ruhigerer Tage das besteheöde Recht und die von der Zeit ge- 
heiligten Einrichtungen» respectireu ! Das ist der Rath oder vielmehr 
die Bijtte, welche unsere Vaterlandsliebe sich verpflichtet fühlt, an 
Euren Patriotismus zu richten. 

Genehmigen Sie etp. 



168 



IX. 

Ein RUdesheimer Glockenprocess und der Rheinbrohler Glocken- 

stpelt, 

betr. die Forderung des hathöl. Grdbgeläides für NichtkcUholiken, 

L Vor drei Jahren, am 7. Januar 1879, starb zu Rädesheim 
eine Frau, die vor Jahren von der katholischen Kirche zur Secte der 
Bongeaner übergetreten war. 

Die Angehörigen ersnchteh beim katholischen Pfarramte um 
das Begräbnissgeläute. Dieses Ersuchen wurde abschlägig bescbieden 
unter besonderem Hinweis auf ein früher einmal erschlichenes und 
gewaltmässig herbeigeführtes Qrabgeläute. Die Zurückgewiesenen 
verwandelten nunmehr ihr Ersuchen in eine Forderung und gingen 
den Bürgermeister S. um die Verschaffung des Geläutes an. Dieser 
betragte den Gemeinderath um sein Verhalten. Die liberale Ma- 
jorität desselben erklärte, die Civilgemeinde habe die Pflicht der 
Beschaffung und Unterhaltung von Thurm und Glocken, ergo habe 
sie auch das Becht der freien Benutzung und verlangte w)m Bürger- 
meister die Anwendung von QewaU, Vergeblich protestirte die Ver- 
tretung der Kirchengemeindo gegen eine solche Schlussfolgerung und 
beschränkte das Mitbenutzungsrecht auf die üblichen eivüen und 
poli^eiUchen Zwecke. Jener Beschluss wurde in die That durchgesetzt, 
die Eirchenthüre mittelst Sperr Werkzeuge geöffnet und das Geläute 
zur Beerdigung bewirkt. — Der katholische Kirchenvorstand erhob 
eine Klage wegen Ämtsmissbrauch des Bürgermeisters und Besüg' 
Störung bei der kgl. Staatsanwaltschaft, wurde aber von dieser Seite 
abgewiesen, weil das kgl. Amt die Erklärung des Gemeinderaths da- 
hin abgab, es stehe der Civilgemeinde ein Benutzungsrecht zu. Die 
Klage warde darauf beim Kreisgerichte angebracht; dieses jedoch 
fasste das Delictum als ein öffentliches Vergehen auf, das von der 
Staatsanwaltschaft zu verfolgen sei. In Folge dieser Incompetenz- 
erklärung war man an die Oberstaatsauwaltsohaft gewiesen, die je- 
doch das ürtheil des ünterstaatsanwalts billigte und auf den Civil- 
processweg verwies. Es wurde Berufung beim AppeUgerichte zu 
Wiesbaden eingelegt, dieselbe aber durch die Erklärung beseitigt, 
dass nur Nichtigkeitsbeschwerde zulässig sei. Gegen diese Ent- 
scheidung des k. Appellgerichts wurde seitens der Anwaltschaft der 



OherU'Qer. Frankf. a. M. 1882: Rüdeah. hath, Grahgel.f.MchikaihoL 169 

Eirchengemeinde beim k. 06erfrt6titia2e aod gegen den Erlass des 
Oberstaatsanwalts bei dem Justizminisler Beschwerde geführt. 

Die erwünschte Bemednr wnrde vom k. Obertribanale« Senat 
für Strafsachen, Abtheiinng I. nach Anhörung des Antrags des k. 
Generalstaatsanwaltes dahin verschafft, dass beschlossen wurde, es 
sei der Beschlnss der Beriifskammer des k. Appellationsgerichts za 
' Wiesbaden zu vernichten und auf die Berufung des Privatklägers 
gegen das Erkenntniss der Strafkammer anderweit zu befinden, weil 
die Hauptverhandlung/ ohne zu einer Beweisaufnahme gelangt zu 
sein , abgebrochen und auf einseitige Behauptung hin die sachliche 
Zuständigkeit der Strafkammer verneint worden sei. Auch das an- 
gerufene Beichsgericht zu Leipzig entschied auf die Nichtigkeitsbe- 
schwerde wider den Beschlnss des Appellationsgerichts, dass derselbe 
zu vernichten, die Entscheidung des Ereisgerichts aufzuheben und 
die Sache an die I. Instanz, das königliche Landgericht zu Wies- 
baden zur Verhandlung und Entscheidung zurückzuweisen sei. 

Das Urtheil des königlichen Landgerichts erfolgte am 25. Fe- 
bruar 1881 und lautet: »Die beklagte Givilgemeinde Budesheim 
wird verurtheilt, sich jeder ferneren Störung der klaigenden Eirchen«- 
gemeinde im Besitze der Eirche, insbesondere des Thurmes und der 
Glocken, bei Vermeidung namhafter und steigender Geldstrafen zu 
enthalten, auch der Elägerin den durch die Störung entstandenen 
Schaden zu ersetzen.€ Das Urtheil stutzte sich darauf, dass die 
Kirchengemeinde seither in dem unbestrittenen Besitze der Glocken, 
der Eirche und des Thurmes gewesen sei, und dass sie zur frag- 
lichen Zeit allein die physische Herrschaft über die fraglichen Ob*- 
jecte auszuüben gehabt habe. 

Gegen das Urtheil des Landgerichts legte die Vertretung der 
Civilgemeinde Büdesheim Berufung ein beim Oberlandesgerichte zu 
Frankfurt a. M. Der Civilsenat des Oberlandesgerichts erliess einen 
Beweisbeschluss aber die zwei Punkte: 1) ob die beklagte Civilge- 
meinde am 7. Januar 1829 und vor diesem Zeitpunkte im Milbe- 
sitee der katholischen Eirche zu Büdesheim und insbesondere des 
.Thurmes und der Glocken sich befunden habe, und 2) ob sie sich 
im Besitze des Bechtes befunden habe, die im Thurme befindlichen 
Glocken nach QuBbeßnden der Gemeindebehörde läuten zu lassen. 
Den Beweis für die Sätze konnte die Civilgemeinde nicht erbringen 
nnd erkannte der Civilsenat daher am 9. llärz 1882, dass derselben 
das Recht, zu Begräbnissen zu läuten, nicht zustehe und dass die- 
selbe sich desshalb des Läatens bei Beerdigungen ohne Zustimmung 
des Eirchen Vorstandes bei Meidung einer Strafe von 100 Hark f^r 



170 Rheinbrohler Grabgeläuteaireit (1882), ^ 

jeden Fall des Zuwiderhandelns zu enthalten habe, dass dagegen der 
Civilgemeinde Rüdesheim das Recht, bei Feuersgefahr, bei der TFein- 
lese, bei patriotischen Festen u. dgl. ohne vorherige Zustimmung des 
Eirchenvorstandes zu läuten, zustehe. 

Dieses ürtheiL ist nunmehr rechtskräftig und daher für die Zu- 
kunft massgebend. Zugleich kann es als Norm dienen für andere 
Orte, wie z. B. ßheinbrohl. 

IL Am Donnerstag den 16. !f ebruar 1882 starb in dem rhein- 
preussischen Flecken Bheinbrohl, auf der rechten Rheinseite, welches 
von ungefähr 1500 Katholiken, 30 Protestanten und 60 Juden be- 
wohnt ist, ein nach der Confession seiner katholischen-Mutter ge- 
tauftes Kind eines dortigen protestantischen Fabrikarbeiters. Dieser 
wünschte sein Kind protestantisch beerdigen zu lassen, verlangte da- 
her weder von dem dortigen katholischen , Kaplan die Beerdigung, 
noch machte er diesem von dem Sterbefalle eine Mittheilung (die 
Stelle eines katholischen Pfarrers ist nämlich in Folge des Cultur- 
kampfes verwaist), sondern er Hess den protestantischen Pfarrer von 
Linz am Rhein kommen, um die Beerdigung ani Sonntag Nachmit- 
tag vorzunehmen. 

Am Sonntag W. Febr. gegen vier Uhr erschien, nach einem Be- 
richte der Germania 1882 Nr. 92, bei dem kathol. Kaplan der Orts- 
poU^eidiener mit einem an den Ortsgendarmen gerichteten Schriftlichen 
Befehl des Bürgermeisters von Hönningen, Conrads^ zu der Be- 
erdigung des Kindes »nach ministerieller Verfügung« (das Datum 
der Verfügung war nicht angegeben) *) das ortsübliche Geläute zu be- 
werkstelligen, event. Gewalt anzuwenden *). Um sich Unannehmlich- 
keiten zu ersparen, bat er den Kaplan, ihm die Schlüssel zur Kirche 
zu verabfolgen, die dieser verweigerte, schon um zu verhüten, dass 
aus vorliegendem Falle späterhin Mitbenutzurigs- oder gar Miteigen- 
thumsrechte an den katholischen Kirchenglocken seitens der Pro^ 

1) Die Germaiua ^r. 94 versicherte in einer Oorr. ans Neuwied nochmals, 
dass die s^ngebliche ministerielle Verfügang nicht mit Datum versehen ge- 
wesen sei. 

2) Nicht in Betracht kommt hier der blos für da^ linke Rheinufer 
geltende Glockenparägrah,^ welcher lautet : »Den bürgerlichen Gemeindebehörden 
steht die Benutzung der Eirchenglocken bei feierlichen oder festlichen Gelegen- 
heiten, bei Unglücksfällen oder ähnlichen Veranlassungen zu,, in g],eichem die 
Fortbenatzung der in den kirchlichen Gebäuden befindlichen, zu feuerpolizei- 
lichen Zweken dienenden Locale. Zur Sicherung und Regelung dieser Befug- 
nisse trifft der Oberpräsident die' erforderlichen Anordnungen und setzt die- 
jenigen feierlichen und festlichen Gelegenheiten nicht kirchlichen Charakters 
fest, bei weldiien die Eirehenglöcken zu benutzen sind. 



Rheinbrohler Grabgeläutestreit (1882). 171 

testanten gefolgert würden. Daraufhin unterblieb die Beerdigung. 
Folgenden Tages erschien der Burgermeister mit dem Polizeidiener, 
als die Beerdigung vorgenommen werden sollte, an der Kirche, die 
er wieder verschlosseii fand, und schickte den Polizeidiener den 
Schlüssel zu holen. Dieser kam mit einem Schlosser zurück, der 
auf Befragen erklärte, er könne die Thür nicht öffnen; darauf ver- 
liess der Bürgermeister den Eirchplatz. Es hatte sich eine Schaar 
Neugieriger, meistens Kinder und Weiber, eingefunden, von welch 
letzteren, die meistens auf dem Wege nach den Weinbergen und 
Feldern waren, denn auch Eine mit einer Sichel versehen war, die 
sie auf dem Felde gebrauchen wollte. Im Orte selbst war keinerlei 
Aufruhr.- Die Beerdigung fand wiederum nicht statt, der pro- 
testantische Pfarrer kehrte darauf abermals nach Linz zurück. Am 
Dienstag in der Mittagsstunde hielt der Schnellzug in Bheinbrohl, 
wo nicht einmal eine Station sich befindet, .der protestantische Land- 
rath V. Bunkel stieg in Begleitung des Bürgermeisters aus, begab 
sich zu dem Ortsschultheiss, der zugleich Präsident des Kirchenvor- 
standes ist und verlangte unter Drohung, er werde Militär kommen 
lassen, der Schultheiss solle bewirken, dass das Geläute stattfinde. 
Auf dessen Weigerung Hess er den Kirchenvorstandy die Oemeinde- 
vertretmg und' den Oemeinderath zusammenkommen in einem Wirths- 
hause, wo er seine Forderungen und Drohungen wiederholte. Alle 
drei Gorporettionen waren einig und erklärten einmüthig^ das Qeläute 
nicht freiwillig zu bewerkstelligen, der OewdU aber sich nicht wider- 
setzen m woUen. Der Landrath möge die Thüre mit Gewalt öffnen 
lassen, der Gewalt woUten sie weichen. Auf seine Bemerkungen, 
sie sollten jetzt das Geläute hergeben, sie könnten ja höhern Orts 
ihr Recht suchen, wurde ihm erwidert, sie wahrten die Rechte der 
katholischen Gemeinde, wenn Andere (die Protestanten) sich in ihrem 
Rechte beeinträchtigt glaubten, so könnten diese dasselbe auf ge- 
richtlichem Wege suchen. Auf die Drohung mit Requisition einer 
starken Tm^ipe wurde erklärt, Militär sei nicht noth wendig, man 
wolle nicht den geringsten Widerstand gegen die Anwendung von 
Gewalt leisten. Der Landrath ging fort zur benachbarten Eisen- 
bahnstation, wobei ihm auch 4 Arbeiter begegneten, die er von 
Neuwied mitgebracht hatte, um event. die Kirchenthüre gewaltsam 
zu öffnen , und die nicht in Rheinbrohl ausgestiegen , sondern bis 
Hönningen weitergefahren waren. In Rheinbrohl war alles ruhig; 
die Beerdigung unterblieb zum dritten Male. Des Abends schon 
citirte der Landrath die gesammte Gendarmerie der Umgegend in 
der Stärke von 7 Mann telegraphisch herbei. Am Mittwoch Morgen 



172 RkeinbrohUr Grabgeläutestreit (1882). 

gegen 9 ühr hielt wiederum der Zag aalSTallender Weise ia Bheia- 
brohly and eine Compagnie des 68. Infanterieregiments stieg aus mit 
dem Landrath und seinen »Pioniren,€ wie man die mit Brecheisen 
und Aexsten bewaffneten »Arbeiter« zu nennen beliebte. Zwei- be- 
rittene Gendarmen an der Spitze, dann fünf Fassgendarmen mit ge- 
fälltem Bajonnet, darauf der Landrath mit seinen »Pioniren,« dann 
das Militär mit Trommelschlag ruckten auf die Kirche los. An der 
Gartentiiäre des Pfarrhauses stand der Kaplan, um zu protestiren. 
Der Landrath rief ihm zu i »Gehen Sie hinein, Herr Pfarrer, hier 
wird ein Akt der staatlichen Gewiilt ausgeführt,« worauf der Kaplan 
ins Haus zuräckging. Es ruckten sodann die Gendarmen, der Land- 
rath und die Soldaten auf die Kirchenthüre an, wo sich der Kirchen- 
vorstand und die Gemeindevertretung versammelt hatte, um noch 
einmal zu protestiren. Die Gendarmen zogen die Männer an den 
Armen rechts und links von der Thüre weg, wobei nicht der ge- 
ringste Widerstand geleistet wurde. Der Landrath liess 2 Mitglieder 
jener Corporationen verhaften und fesseln, dann wurden die Kirch- 
thure und die zu den Glocken führenden Thurmthüren mit Brech- 
eisen und Aexten von den »Pionirenc des Landrath erbrochen und. 
fast eine ganze Stunde mit allen G}ocken geläutet. Unterdessen 
ging ein Zug der Compagnie nach dem Kirchhof ab, wo der zum 
vierten Mal- herbeigeeilte protestantische Pfarrer die Beerdigung der 
bereits sechs Tage liegenden Kindesleiche vornahm. Als die Schläge 
wider die Kirchthüre erfolgten, verliess die im weiten Umkreis um 
die Kirche stehende Menge schluchzend und wehklagend den Platz 
und ging ins Dorf zurück ; es soll ein herzzerreissender Anblick ge- 
wesen sein. Es wurde noch ein Mann, der in anscheinend betrunkenem 
Zustande seinen Gefühlen in Aeusserungen Luft machte i. verhaftet 
und in Schurzfell und Holzschuheu gefesselt nach Neuwied gebracht. 
Ein anderer Einwohner wurde verhaftet, weil er an der Wohnung des 
Vaters des Kindes dem Eindruck, den der Geruch der bereits 6 Tage 
liegenden Leiche auf seine Nase machte , Ausdruck gab. Im Dorfe 
blieb Alles ruhig. Was von einer aufgehetzten und fanatisirten, gar 
bewaffneten Menge geschrieben wird, gehört Altes ins Gebiet bös- 
wilftger Erfindung, und wenn die »Neu wieder Ztg.« sagt, dia Ver- 
hafteten würden sich wegen Aufreizung und Aufruhr zu verantworten 
haben, so sind wir der Ansicht, dass weder ein Aufruhr noch die ge- 
ringste Aufreizung von Seiten der Bürger zu constatiren ist. Die 
Soldaten sind nach anderthalbtägigem Aufenthalt denn auch wieder 
in ihre Garnison Ehreubreitstein zurückgekehrt. Was die rechtliche 
Seite der Angelegenheit angeht, so können die Glocken der katho- 



tiheinbrohler Örahgeläutestreit (1882)* iW 

lischen Kirche in Rheinbrohl oder eine derselben allerdings auch zu 
Qemeindezwecken gebraucht, aber ein protestantisch gottesdienst- 
licher Zweck kann doch nicht als Qemeindezweck bezeichnet werden ; 
sonst hätten auch die Juden , die auch Gemeindeumlagen bezahlen, 
das Recht , die Glocken bei ihren Beerdigungen läuten zu lassen. 
Die Kirche in Rheinbrohl war erbaut- und die Glocken darin, ehe 
ein einziger Protestant dort war. Erst vor etwa zehn Jahren, als 
eine Fabrik in den Ort kam, siedelten sich (wie wir einem weiteren 
Berichte der Germania Nr. 90 entnehmen) dort auch Protestanten 
an. Die schöne katholische Kirche wurde zur Zeit, als noch samrat- 
liche Einwohner katholisch waren, um den Preis von 38,000 Thaler 
gebaut. Von der Bauschuld restirten zur Zeit des Zuzuges der Pro- 
testanten noch etwa 8000 Thaler, welche nun, wie bisher, ebenfalls 
von der politischen Gemeinde aufgebracht wurden. Ein Recht ier 
protestantischen Einwohner, welche inzwischen auf 9 bis 10 Familien 
angewachsen sind, und zur evangelischen Gemeinde Linz gehören, 
auf Mitbenutzung der Kirche ist indessen aus diesem Umstände 
weder jemals beansprucht noch zugestanden worden. Es sind seit- 

. her auch schon mehrere Protestanten beerdigt worden , ohne dass 
das Geläute beansprucht worden wäre. Nur vor etwa einem Jahre 
wurde das Geläute bei der Beerdigung des vom katholischen Glauben 
zum Protestantismus abgefallenen Fabriksbesitzers dadurch erschlichen, 
dass man, während der Kaplan in der Kirche eine Versammlung eines 
religiösen Vereines hielt, und in Folge dessen die Kirche geöffnet war, den 
Glockenthurm erstieg. Damals stand der Kirchenvorstand von der Be- 
schreitung des Rechtsweges ab, weil der Bürgermeister erklärte, dafür 
zu sorgen, dass künftig derartiges nicht mehr vorkomme. Es hatten 
seitdem mehrfache protestantische Beerdigungen, aber stets ohne Ge- 
läute stattgefunden. Indessen, selbst wenn ein Mitbenutzungsrecht 
der Kirche oder Glocken seitens der Protestanten bestände, so hätte 
dasselbe nicht im Verwaltungswege^ sondern nur im Rechtswege er- 
zwungen werden dürfen. Stark ist es aber, dass man eine Streit- 
macht von 150 Soldaten autbot, um das zu erzwingen, was auch mit 
Hilfe weniger Gendarmen hätte erreicht werden können, da es doch 
den Leuten um nichts weniger zu thun war, als ihren Willen, ihr 
Recht nur vor der Gewalt weichen zu lassen, zur Erhaltung ihres 
Eigenthumsrechtes zu demonstriren. Was übrigens dem menschlichen 
Gefühl mehr entsprochen haben würde, dass man dem Kinde recht- 

' zeitig die Grabesruhe gegönnt hätte, oder dass man die Leiche acht 
Tage über der Erde liess, damit bei der Beerdigung das Geläute 
nicht fehle, mag dahin gestellt bleiben. Nach der Meldung der 



174 Rheihbrohter Grabgetäuieaireit (18S2). 

Germania wollte die Gemeinde die civilrechtliche Spolienklage ein- 
leiten und eventuell je nach dem genauen Ausgang der Untersuchung, 
auch die strafrechtliche Beurtheilung der. Sache aus den §§. 339, 
341 und 342 anregen. Sollte über eine solche Processverhandlung 
uns ein Näheres bekannt werden, so werden wir darüber später be- 
richten. Die nach Rheinbrohl gesandte Corapa^nie Soldaten kehrte 
am 24. Februar in ihre Garnison nach Coblenz zurück. Auf die. Ab- 
sicht der Regierung, die Truppen auf unbestimmte Zeit in Rhein- 
brohl einzuquartiren, ging der Oberst nicht ein. 

2. Der Rheinbrohler Vorfall bildete auch zweimal den Gegen- 
stand von Verhandlungen im* Landtage. Zuerst in der 22. Sitzung des 
Abgeordnetenhauses .vom 28. Febr. 1882. "Da bemerkte Abg. Bachm 
bei dem Capitel Landgendarmerie ^ dass er Beschwerde darüber 
führen wolle, dass in einem concreten Falle die Landgendarmerie 
nicht, bezw. nicht cmsschliesslich zur Verwendung gekommen ist, 
dass man vielmehr ohne jede Noth militärische Hilfe reqüirirt hat. 
»Zu meinen Ausführungen geben mir einige sehr bemerkenswerthe 
Aeusserungen des Herrn Ministers des Innern in der Sitzung vom 
vorigen. Samstag Anlass, Aeusserungen"; die im Hause mit verdientem 
Beifalle begleitet worden sind. Der Herr Minister bemerkte: »Die 
Bequirirufig militärischer Kräfte.^zur Unterdrückung von, Volksauf- 
läufen ist eine sehr zweischneidige W«/fe^ und ich glaube, man 
darf mw in dem cdlerletzien und äussersten Nothfalle darauf re- 
curiren. Ich bin der Meinung, dass wir alle Ursache haben, uns 
ganz ausserordentlich auf diesem Gebiete in Acht zu nehmen.« Auch 
ich habe zu denen gehöii; , welche diesen höchst besonnenen Aeus- 
serungen des Herrn Ministers Beifall spendeten. Bei meinen Freunden 
mussten sich allerdings bei dieser Gelegenheit recht eigenthümliche 
Erinnerungen einstellen an einen sehr memorablen Fall, der auch 
dieses hohe Haus wiederholt beschäftigt hat, und in welchem ganz 
und gar nicht nach jenen trefflichen Grundsätzen verfahren worden 
ist. Bei den sogenannten Judencravallen in Westpreussen und Pom- 
mern handelte es sich doch um sehr ernste Excesse gegen Personen 
und Eigenthum. Es haben: auch in Folge dessen Verurtheilungen 
einer Reihe von Personen zu schweren Gefangnissstrafen stattge- 
funden ; trotzdem hat man dort die Requisition von Militär nicht für 
nothwendig erachtet. Wie anders hat man bei uns in der Rhein- 
provinz verfahren ! In dem rheinischen Falle, den Sie ja Alle ken- 
nen, lag nichts von thatsächli'chen Excessen vor, ganz und gar nichts. 
Das Resultat der langen kostspieligen Untersuchung war die Frei- 
sprechung aller Angeklagten ; den Staat mag diese Affaire wohl 



Rheinbrohler Grabgeläütestreit (1882), 175 

100,000 M. gekostet haben. (Hört! Hört!) Ich will aber darauf 
nicht weiter zurückgreifen, sondern den Herrn Minister auf einen 
Vorgang aufmerksam machen, der eben jetzt die rheinische Presse 
lebhaft beschäftigt und wo meines Erachtens nach den Grundsätzen, 
welche der Herr Minister vertreten hat, in keiner Weise gehandelt 
worden ist. Der Vorfall spielte in dem im Kreise Neuwied ge- 
legenen Dorfe Rheinbrohl. In der Presse ist darüber viel gelogen 
worden. Sie erinnern sich, dass auch in der Marpinger Angelegen- 
heit viel von Aufruhr, Empörung, Exce'teen u. s. w. die Rede war, 
als man jedoch die Sache näher besah, schwanden alW diese Phan- 
tasiegebilde. Der Thatbestand der Vorkommnisse in dem rheinischen 
Orte •Rheinbrohl ist, soweit er hier in Betracht kommt, folgender: 
Der Bürgermeister von Hönningen verlangte bei dem Begräbniss eines 
zweijährigen Kindes das Glockengeläute, obwohl es in der. dortigen 
Gegend nicht üblich ist, hei dem Begräbniss eines Kindes zu läuten. 
Der Bürgermeister verlangte das Geläute' gegen ^den Einspruch' des 
katholischen Örtsgeistlichen, des Kirchen Vorstandes, der kirchlichen 
Gemeindevertretung, ja auch gegen den Einspruch des Qemeinde- 
raths, welcher in Uebereinstimmung mit der kirchlichen Vertretung 
erklärte, dass die Gemeinde in solchem Falle keinerlei Recht auf die 
Glocken der Kirchs habe (Sehr richtig ! im Gentrum), dass seit 600 
Jahren die Kirchengemeinde in ungestörtem Besitz gewesen sei. 
Der Kirchenvorstand, bezw. der Geistliche, hielt. diesen Einspruch 
aufrecht auch gegenüber der Intervention des Landraths von Neu- 
wied, des in der Rheinprovinz sehr bekannten Herrn v. Runkel, der 
eine reiche culturkämpferische Vergangenheit hinter sich hat. (Hei- 
terkeit.) Die Absicht der kirchlichen Organe war lediglich der, 
sich im Besitz mi erhalten. Darum leisteten sie der Aufforderung 
des Bürgermeisters, zu läuten, passiven Widerstand, indem sie die 
Herausgabe der Schlüssel verweigerten und dem Bürgermeister den 
Eintritt in den Kirchthurm nicht gestatteten. Denselben, lediglich 
passiven Widerstand setztpn sie auch dem Landrath von Neuwied 
entgegen. Der Landrath hat nun nicht den Versuch gemacht unter 
Zuhilfenahme der Landgendarmerie, mit der wir uns bei demX^apitel 
beschäftigen, das zu thun, was er für nöthig hielt, was aber meines 
Erachtens gar nicht nöthig war, nämlich via facti das Geläute aus- 
zuführen. Ich lasse dahingestellt, ob der Kirchenvorstand und die 
kirchliche Gemeindevertretung auch ihrerseits nicht in anderer Weise 
ihr behauptetes Recht zur Genüge hätte wahren können, üeber- 
haupt will ich in die Rechtsmaterie nicht tiefer eindringen. Was 
thut nun aber der Landrath ? In den Zeitungen war zu lesen , er 



1?6 tOustMrotäer Graigetäuteaireit <lSSi). 

habe bei semer Anwesenheit in Bheinbrohl gefunden, dass die Mei^e 
in der Nähe der Kirobe eine drohende Haltung angenommen habe. 
Nirgendwo aber werden Sie gelesen haben, dass irgend welche Thät- 
lidikeiten Torgekommen seien. Es mag hier und da ^eine unpassende 
Aensserung gefallen sein, das will ieh ja zngeben — , es war ausser« 
dem während der Fastnacbtstage, wo die rheinische Bev{äkemng, 
wie Sie wissen, etwas mehr angeregt ist, wie sonst. Der Landrath 
glaubte also, die Bevölkerung habe eine drohende Haltung einge- 
nommen. Ich kann mir diesen Glauben nur durch das biyse (je- 
wissen des betreffenden Herrn Landraths erklären (H5rt! Hört!), 
mit Bficksicht auf seine rmche culturkämp&rische Vergangidnheit; er 
mochte sich wohl eine g^ugende Autorität gegenfiber der Bevöl- 
kerung nicht zutrauen, um via facti durchzusetzen, was durchzu- 
setzen er für nöthig hielt. Der Landrath hätte dbrigeas sehr wohl 
die Sache auf dem Wege Rechtens ausmachen können, und hatte 
nicht nöthig, mit thatsächlicher Gewalt viurzugehen. Die Behörde 
konnte hier nicht als Polufei auftreten, denn es hand^te sich um 
privates kirchliches Begräbniss. Der Gkxdcenparagraph , der uns 
hier so lange beschäftigt hat, gilt, auf der rechten Bheinseite nicht 
Aber ich bemerke zur Coloratur, dass selbst nach diesen viel be- 
kämpften Paragraphen der B&rgerm^ter ub^ das Geläute jeden* 
falls nicht hätte verfiogen können. Denn es heisst im §.4. des be- 
treffenden Gesetzes: 

Den bärgerlichen Gemeindebehörden steht die Benutzung der 
Eirchenglocken bei feierlichen oder festlichen Gelegenheiten, 
wie bei Unglücksfällen oder ähnlichen Veranlassungen zu. 
Das nebenher. Der Landrath im Gefühl des Maogels seiner Auto- 
rität — nur so kann ich es mir zurcichUegen — wandte sich direct 
nach Ooblenz um Militär, und es wird in den Blättern behauptet, 
dass er zwei Mal einen abschlägigen ^Bescheid vom Oberpräsidium 
erhalten habe. Aber der Herr wird die Verhältnisse als äusserst 
bedrohliche und bedenkliehe bezeichnet haben, und da ist denn ein 
Piquet Landgendarmerie sowie eine Gompagnie Militär per Extrazug 
in Bheinbrohl eingetroffen, Arbeiter mit Aexten und Brecheisen be- 
waffnet, haben den Eirchtburm erbrochen und eine ganze Stunde 
mit allen Glocken geläutet bei dem Begräbniss eines zweijährigen 
Kindes. (Heiterkeit.) Ich will, wie gesagt, nicht weiter in die Ma- 
terie eindringen, möchte aber wünschen, dass der Herr Minister der 
Sache , die ja noch nicht nach allen Achtungen hin aufgeklärt ist, 
mit Energie näher tr^te^ um sieb zu überzeugen, ob auch in diesem 
Falle insbesondere des Herrn Landrathes nach den sehr weisen Grund- 



Rheinbrohler Grabgetäutestreit (188^). ♦ 177 

Sätzen verfahren worden sei, welche der Herr Minister Wer am 
Samstag vertrat., und dass, wenn sich das Gegentheil herausstellt, 
wie ich nicht zweifle, dem heissblütigen Beamten der kalte Wasser- 
strahl applicirt werde, auf den er meines Erachtens einen wohlbe- 
gründeten Anspruch hat. (Bravo.) 

Minister des Innern v. Putthamer entgegnete: Ich werde den 
erwähnten Fall nicht mit der Schärfe, die der Herr Vorredner zeigte, 
darstellen. Vorher aber erkläre ich , dass ich an den Orundsätzen, 
denen ich über die Anwendung des Militärs bei Störung der öffent- 
lichen Ordnung Ausdruck gab, durchaus nichts* geändert habe. Bis 
jetzt sind inir aber den erwähnten Fall nur die Berichte der Be* 
hörden zugegangen, ohne jedwedes Aktenmaterial, und nach diesen 
Berichten referire ich. Es ist richtig, dass in dem kleinen Orte 
Bheinbrohl der Gemeinderath dem Bürgermeister es verweigerte, das 
Glockengeläute herzugeben zum Begräbniss eitfes der confessionellen 
Minderheit angehörigen zweijährigen verstorbenen Kindes. Es ist 
auch richtig, was der Herr Vorredner anzuführen vergass, dass die 
Kirche und, wie ich annehme, auch das Geläute, um das es sich 
handelt , auf Kosten der politischen Gemeinde erbaut ist , und in 
Folge dessen die Givilgewalt den Gebrauch der Glocken auch in 
früheren Fällen schon zu anderen als unmittelbar kirchlichen Zwecken 
i^anspruchte. Nun hat der Bürgermeister nicht aus eigener Initia* 
tive, sondern auf Verlangen der betreffenden Eltern -verlangt, dass 
das Begräbniss des Kindes mit Glockengeläut stattfinde, wie es in 
der Gegend Sitte ist. (Nein! im Gentrum.) Der Geistliche, der 
Kirchenrath und, glaube ich, auch der Gemeindevorstand widersetzte 
sich dem, und der Bürgermeister glaubte, Weil er ein unzweifelhaftes 
Recht als vorliegend annahm, den Gebrauch der Glocken im ad- 
ministrativen Wege erzwingen zu müssen. In Folge dessen nahm 
ein grosser Theil der Bevölkerung eine sehr drohende Haltung an 
dem Bürgermeister und auch dem Landrath gegenüber. Das ging 
so weit, dass der Kirchthurm, dessen Thür unten verschlossen war, 
besetzt und die Beamten für den Fall des~ Eintritts mit Thätlich- 
keiten bedroht waren. Der Bürgermeister und Landrath fragten sich 
nun , ob es mit den disponiblen 4 oder 6 Landgendarmen möglich 
sein würde, den thatsächlichen Widerstand der Bevölkerung zu 
brechen, und der Landrath kam, nickt getrieben durch sein böses 
Gewissen, sondern im Bewusstsein der auf ihm liegenden Verant- 
wortung zu der Ueberzeugung , dass dies nur ohne eine grössere 
fixecutivkraft, als ihm zur Verfügung stand, möglich sein würde. 
Tn Folge dessen requirirte er^ Militär, die vorgesetzten Behörden 

Archiv für Kirchenreoht. XLVm. X2 



11 8 RhHnbrohler Orahgeläuiesfreit (188^). 

gaben die Nothwendigkeit dieser Requisition zu uud man schickte 
eine Corapagnie Soldaten auf der Eisenbahn in 4en Ort. Es ist 
glücklicher Weise ohne irgend welche Thätlichkeit gelungen, die 
Unruhen zu unterdrücken; die Militärmacht hielt sich übrigens in- 
sofern im Hintergrunde, als die Gendarmerie im Vordergrunde sich 
befand und. das Militär in einer gewissen EntfeirnuDg folgte. Man 
öffnete den Thurm und das Geläut fand statt Ich kann zu meiner 
grossen Freude wiederholen, dass kein Gebrauch der Waffe nöthig 
war, und es blieb nur übrig, zu erwägen, ob das Militär zur Vor- 
sicht noch etwa 48 Stunden in dem Ort stationirt bleiben solle; das 
hielten die oberen Behörden nicht für nöthig, das Militär kehrte in 
seine Garnison zurück, und in diesem Augenblick sind, weil Gefahr 
nicht mehr im Verzuge ist, nur die Gendarmen der benachbarten 
Kreise, 26 an der Zahl, unter einem Oberwachtmeister zum Schutz 
der Behörden in Eheinbrohl concentrirt. Ich wiederhole also , dass 
ich an meinen Grundsätzen betr. ßequiriren von Militär festhalte, 
dass aber in diesem Falle den Behörden kein Vorwurf daraus ge- 
macht werden kann, dass sie dieser drohenden Haltung der Be- 
völkerung gegenüber das Militär requirirten, wobei es ja nicht zu 
entscheiden" ist, wieviel die Anwesenheit des Militärs dazu beitrug, 
dass eben jede Thätlichkeit vermieden wurde. Es ist aber vor allen 
Dingen kein Anzeichen dafür da, dass der Landrath unbesonnen oder 
über das Mass seiner Befugnisse hinaus sich an die höheren Behör- 
den wandte, und ich bitte Sie, vor dem Vorliegen der Akten diesen 
Fall nicht aburtheilen zu wollen. 

Abg. V. Eynem fragt die Eeichsregierung , ob ihr Nachricht 
darüber zugekommen, dass der Bischof Korum, zu dessen Diöcese 
Rheinbrohl^gehöre, und der sich hauptsächlich als Friedensfürst ein- 
geführt habe, seinerseits zur Beschwichtigung der dortigen Ge- 
raüther etwas beigetragen habe. (Heiterkeit.) Ein einziges Wort 
des Bischofs Korum bringe es sogleich fertig, dass das Gendarmerie- 
Commando abmarschiren könne, dass die Ruhe und der religiöse 
Friede wieder hergestellt werde. Werde dieses Wort nicht ge- 
sprochen, dann werde natürlich die staatliche Autorität dort schon 
die Sicherheit der protestantischen Bevölkerung herbeifuhren. Er- 
halte ^r keine Antwort vom Ministertisch , dann sei keine Antwort 
auch eine Antwort., (Heiterkeit.) 

Minister v. Puttkamer erwidert-, dass in diesem Falle keine 
Antwort eben keine Antwort sei. (Heiterkeit.) 

Abg. Dr. Lieber findet zwischen der heutigen Erklärung des 
Ministers und der vom letzten Sonnabend einen grossen unterschied. 



Hheinbrohler Grahgeläuieatreit (1882). itO 

Den schweren hinterpommersc^en Jadencravallen gegenüber habe er 
militärische Requisition nicht far noth wendig gehalten, während er 
sie in dem viel harmloseren Rheinbrohler Falle billige. Wesshalb 
habe der Minister aus dem Bericht dQ3 Landrathes nichts vorge- 
lesen? Es würde sich dann ergeben haben, dass kein Excßsl^ vor- 
liegt. Der Landrath leide entweder an übertriebener Empfindlich- 
keit, um nicht zu sagen Feigheit, oder er habe ein böses Gewissen. 
(Heiterkeit links.) Wohl mit Vorbedacht habe der Minister von 
einer confessionellen Minorität gesprochen. Man merke die Absicht 
und werde verstimmt. Es handele sich hierbei um keine confes- 
sionelle, sondern lediglich um eine Rechtsfrage. Das Hervorheben, 
der confessionellen Frage bringe blos Verwirrung und Verdunkelung 
in den Thatbestand. Unmöglich könne der Minister auf Grund eines 
einseitigen Berichts das Verfahren der Behörden correct finden. Man 
wisse ja aus dem Culturkampfe, was auf die Berichte der unteren 
Behörden zrf geben sei. Hier müsse der Minister sehr vorsichtig 
verfahren. Redner bestreitet, dass sich im Innern des Eirchthurms 
eine drohende Menge befunden, und dass die vor der Kirche befind- 
lichen Personen eine drohende Haltung zur Schau getragen hätten. 
Nur die Mitglieder des Kirchenvorstandes und der Kirchengemeinde 
hätten sich eingefunden, um zu protestiren. Die politische Gemeinde 
sei im vorliegenden Falle mit der Kirchengemeinde Hand in Hand 
gegangen , und der »Glockenparagraphc bestimme über das private 
Läuten der Glocken gar nichts. Ein solcher Privatfall liege hier 
aber vor. Der Redner fordert den Minister auf, den Fall genau zu 
untersuchen, damit nicht durch einen heissblütigen Landrath die 
feierlichen Versicherungen der Regierung in den Augen des katho- . 
lischen Volkes illusorisch gemacht würden. Gegenüber dem Abg. 
V. Eynern bemerkte Redner, dass Bischof Komm sicher beschwich- 
tigend aufgetreten wäre, wenn es etwas zu beschwichtigen gegeben 
hätte. (Bravo im Centrum.) 

3. In der 33. Sitzung des Landtags vom 13. März 1882 spielte 
der culturkämpferische Abgeordnete v. Eynern wieder auf die Rhein- 
brohler Vorgänge an und zwar in einer ganz entstellenden Weise. 
Der Trierer Bischof Komm habe' dort nicht zum Frieden gewirkt 
und noch jetzt müssten die Protestanten durch Gendarmerie geschützt 
werden. Abg. Dr. Windthor st beleuchtete in dieser und anderen Be- 
ziehungen die Unrichtigkeit der Behauptungen Ejnern's. Dieser repli- 
cirte, wurde dagegenwiederum von Mitgliedern des €entrutns zurückge- 
wiesen, und so namentlich bezüglich der Rheinbrohler Vorgänge vom 
Abg. Fuchs in der 34. Sitzung des Abg.-Hauses vom 14. März 1882. 

12* 



18Ö Rheinhrohler Grabgetäutesireit (1882). 

4. In der 43. Sitzung deö Abgeordnetenhauses vom 28. März 
1882 bemerkte der Abg. Bachern: Mit einigem Widerstreben komme 
ich auf eine Angelegenheit zurück, welche bereits zwej Mal hier im 
Hause berührt worden ist und das letzte Mal zu einem wenig er- 
quicklichen Zwischenfall Anlass gegeben hat. Ich habe meinerseits 
nicht die Absicht, einen solchen herbeizuführen, sondern möchte nur 
in aller Kürze diejenigen beiden Punkte nochmals herausheben, auf 
welche es meines Erachtens bei der Beurtheilung der Sache — es 
ist die Rheinbrohler GlockenafFaire — allein ankommt. Als ich die 
Angelegenheit am 28. Februar zum ersten Mal erwäJjnte, geschah 
dies lediglich in der Absicht, den Herrn Minister zu ersuchen, die 
vortreflftichen Gt^inclsätze, die er einige Tage vorher gelegentlich der 
Erwähnung der Excesse in Westpreussen- und Pommern bezüglich 
der Bedenklichkeit vorzeitiger Requirirung militärischer Kräfte hier 
im Hause entwickelt hatte, doch auch in Rheinbrohl zur Anwelidung 
zu bringen. In Rheinbrohl hatte bekanntlich der Ortsgeistliche, der 
Kirchenvbrstand und die kirchliche Gemeindevertretung dem Bürger- 
meister das von ihm zu einem kirchlichen Begräbniss verlangte Ge- 
läute verweigert, und daraufhin der Bürgermeister unter Zuhilfe- 
nahme von Gendarmerie und Militär das Geläute erzwungen. Der 
Herr Minister hat es sich in der Antwort auf meine Anfrage nicht 
versagt, zu bemerken, es sei das Geläute für die confessionelle Min- 
derheit verlangt worden. Ich muss sagen : . es war nicht schön , in 
solcher Weise ein Moment hereinzuziehen, welches mit der Sache 
nichts zu thun hat, und wozu ich raeinestheils gar keine Veran- 
lassung gegeben hatte. Es ist ganz gleichgiltig, ob das Kind, um 
dessen Beerdigung es sich handelte, katholisch, evangelisch, jüdisch 
oder welchen Bekenntnisses sonst war. Die Frage lag einfach so: 
War der Bürgermeister berechtigt, als Vertreter der Civilgewalt, das 
Geläute der katholischen Kirche für ein hirchliches Begräbniss in 
Anspruch zu nehmen? Und diese Frage ist unbedingt zu verneinen. 
Als die Sache zum* ersten Male hier im Hause zur Sprache kam, 
liess sich ja die Rechtslage noch nicht vollständig übersehen. Den 
Herrn Minister trifft daher auch kein Vorwurf, dass er dieselbe, 
meines Erachtens , falsch aufiasste. Ich hatte damals wenigstens 
schon den richtigen Instinct, indem ich bemerkte, es komme darauf 
an, ob der Bürgermeister berechtigt gewesen, als Vertreter der bür- 
geriichen Gemeinde die Glocken für ein kirchliches Begräbniss in 
Anspruch zu nehmen. Das ist das Punctum saliens. Wir brauchen 
daher auch nicht zu untersuchen, ob die bürgerliche Gemeinde 
Rheinbrohl irgend" welche Mitbenutzungsrechte zu hürgerlichefi 



Rheinbrokler GrahgeläuteHreit (1882). 181 

Zwecken an den Kirchenglocken in Rheinbrohl hatte, ob solche Mit- 
benutzungsrechte für sie etwa aus der Erbauung des Thurmes oder 
aus einer Beitragspflicht zur Unterhaltung der Kirche hervorgingen. 
Möge man selbst diese Frage, die von der Gemeinde und den Eirchen- 
behörden verneint wird^ bejahen, dann bleibt doch ganz unabhängig 
davon die Frage, auf die es allein ankommt, ob der Bfi?germeister 
zu einem hirchlichen Zwecke das Geläute verlangen konnte. Nun 
ist bei der früheren Verhandlung bereits auf ein ßescript der könig- 
lichen Regierung zu Köln vom 15. Mai 1850 Bezug genommen wor- 
den, welches diese Frage rundweg in einem ganz gleichen Falle ver- 
neint. Inzwischen bin ich aber jetzt auch in der Lage, auf ein 
entsprechendes gerichtliches Erkenntniss in einem ganz analogen 
Falle mich berufen zu können. Sie werden dasselbe, voraussichtlich 
in den Zeitungen bereits gelesen haben. In der Gemeinde Rüdesheim 
hatte der Bürgermeister das kirchliche Geläute beansprucht für das 
Begräbüiss eines Deutsch-Katholiken, eines Rongeaners ; es war ihm 
von der katholischen Kirchengemeinde selbstverständlich verweigert 
worden, er hatte dasselbe darauf gleichfalls durch 'Erbrechen der 
Kirchenthüre erzwungen, war dabei allerdings nicht so weit gegangen, 
wie der Landrath von Neuwied, dass er zu diesem Akte Militär re- 
quirirte. Die Civilgemeinde Rfidesheim behauptete ein weitgehendes 
Mitbenutzungsrecht an den Glocken, und brachte in dieser Beziehung 
viel stärkere Beweismomente vor, als man sie in dem Rheinbrohler 
Falle auch nur erbietet. Das Oberlandesgericht zu Frankfurt a. M. 
hat nun dieser Tage auf die Besitzstörungsklage der Kirchenge- 
meinde dahin entschieden, dass allerdings ein Recht der Mitbe- 
nutzung der Civilgemeinde zustehe, aber nur für bürgerliche Ange- 
legenheiten, nicht aber für ein Begräbniss. (Sehr richtig! im Centrum.) 
Dieser Grundsatz ist meines Erachtens so unzweifelhaft richtig, dass 
eine entgegengesetzte Anschauung kaum möglich erscheint. Das 
Geläute bei einem hirchlichen Segräbniss ist eben eine Gultushand- 
lung, (Sehr richtig ! im Centrum.) "Wo , soll es nun hinkommen, 
wenn ein Vertreter der bürgerlichen Gemeinde in der Lage wäre, 
diese Cultushandlung zu erzwingen zu Gunsten eines Angehörigen 
einer andern Confession? Denken Sie sich nur, dass das Geläute 
einer evangelischen Kirche etwa beansprucht würde bei dem Be- 
gräbniss eines Deutschkatholiken oder eines Israeliten. Dass das 
mit der ganzen Natur des kirchlichen Geläutes nicht vereinbar 
ist, liegt doch auf der Hand. Unter diesem ganz einfachen Gesichts- 
punkt betrachtet, war die Forderung des Bürgermeisters von Hön- 
ningen eine durchaus unberechtigte. Es wurde also das Militär zur 



182 RheinbroMer Qrabgeläuteatreit (1882% 

Verwirklichong eines Dnreehts in Bewegung gesetzt. Der Bärger- 
meister hatte auch selbst das Gefühl der Widerrechtlichkeit seines. 
Anftretens; denn er hat versucht, sich durch den Gemeinderath zu 
decken; der Oemeinderath hat ihm indess diese. Deckung nicht ge- 
währt Auch der Landrath von Neuwied hatte das Gefühl der 
Widerrechtlichkeit seiner Handlungsweise. Er hat in der gemein- 
schaftlichen Sitzung des Eirchenvorstandes, der kirchlichen Gemeinde- 
vertretung und des Geraeinderaths, nachdem ihm auseinandergesetzt 
war, dass die katholische Gemeinde lediglich ihren Besitzstand wahren 
wolle, nach einer mir vorliegenden schriftlichen Darlegung der ganzen 
Affaire erklärt: T^Heute geht Gewalt vor Recht U (Hört! Hört!) 
Und zur Durchführung eines derartigen unrechtes wendet man Ge- 
walt an. Wie verträgt sich das mit den einfachsten Forderungen 
des Rechtsstaates. Wenn die Rechtsfrage auch nur zweifelhaft ge- 
wesen wäre — was sie nicht ist — dann hätte sich der Bürger- 
meister damit begnügen müssen, die Sache auf dem Wege Rechtens 
zum Austrag zu bringen. Das ist der eine Gesichtspunkt. Nun 
kommt die zweite Frage : War es , um das bezeichnete Unrecht 
durchzufahren, nothwendig^ Militär zu requiriren? Diese Frage muss 
ebenso verneint werden. Es ist^ wie jetzt feststeht, nicht nur keiner- 
lei Widersetzlichkeit erfolgt, nicht nur keinerlei Drohung ausge- 
sprochen worden, obwohl auch das nicht genügen würde, sondern es 
haben die geordneten Vertreter der Kirchengemeinde und der Civil- 
gemeinde dem Landrath ausdrücklich erklärt, dass es ihnen nur 
darauf ankomme, ihren Besitzstand zu wahren; sie würden der Ge- 
walt sich nicht widersetzen, der Landrath möge die Thür mit Ge- 
walt öffnen lassen , der Gewalt wollten sie weicheq , auch einstehen 
dafür ^ dass keinerlei Excesse vorkämen. Es war daher nicht die 
geringste ernstliche Veranlassung bei ruhiger obj^tiver Erwägung 
der Sachlage für den Landrath vorhanden, zu der äussersten Mass- 
regel der Requirirung von Militär zu schreiten. Wie ich schon 
früher gesagt habe, liegt es unter solchen Umständen nahe, scharfe 
Ausdrücke zur Charakterisirung des Verhaltens der Behörden gegen- 
über der Gemeinde Rheinbrohl zu gebrauchen. Ich will aber heute 
darauf verzichten ; es kommt mir auf einen praktischen Zweck an. 
Es soll nämlich jetzt die Gemeinde Rheinbrohl auch noch die Kosten 
für den Unverstand und den Uebereifer (so will ich einmal sagen) 
der Behörden bezahlen. (Hört! Hört! im Gentrum.) Man hat das 
Militär kommen lassen, am andern Tag ist ^s bereits wieder abge- 
rückt, nachdem die Leute von den Rheinbrohlern so gut verpflegt 
worden waren, dass sie eine Danksagung in die Zeitung einrücken 



RhHnbrohter Grabgeläutestreit (1882), 183 

lassen wollten. (Hört! Hört! im Centram.) Es haben dann eine 
Zeit lang zahlreiche Gendarmen dort gelegen , die auch auf Kosten 
der Gemeinde sehr gut gelebt haben. Die Verhafteten, die auch 
mit ganz ünnöthiger Härte behandelt wurden, sind in Freiheit ge- 
setzt worden, und nun macht man der Gemeinde eine Kostenrech- 
nung von 3000 M. Das ist nun der Punkt, der mich veranlasst 
hat, die Sache noch einmal zur Sprache zu bringen. Ich möchte 
den Herrn Minister ersuchen, dass, wenn die Angelegenheit demnächst 
an ihn herantritt, er die Kostenfrage unter den beiden Gesichts- 
'punkten , die ich heute betont habe , einer sorgfältigen Erwägung 
unterziehen möge und nicht lediglich die Berichte, die von den be- 
theiligten und auch compromittirten Behörden ausgehen, allein zur 
Grundlage seiner Entscheidung und Beurtheilung der Sache tnacht. 
Es liegt hier wirklich ein Fall vor^ in wdchem es gilt, der confes* 
sioneUen Minderheit im Lande zu zeigen, dass auch ihr gegenüber 
nicht Gewalt vor Recht geht (Bravo im Centrum.) 

Minister v. PtMamer will sich, wie der Vorredner, nur auf 
die Frage der Legalität der Kheinbrohler Affaire beschränken und 
die Frage der Opportunität bei Seite lassen, da sich so die Discus- 
sion Aber diese immerhin delicate Angelegenheit am sachlichsten 
werde fähren lassen. Der Hauptfrage des Vorredners : War der be- 
treffende Bürgermeister berechtigt, das Glockengeläut von der 'bür- 
gerlichen Gemeinde zu fordern, und im Weigerungsfall der Forderung 
durch Polizeigewält Nachdruck zu geben, — stelle er die andere 
Frage gegenüber: War die Gemeinde, nachdem ihr von der geord- 
neten Obrigkeit das Verlangen der Zulassung des Glockengeläuts 
gestellt war , berechtigt , diese Forderung abzulehnen (Gewiss ! • im 
Centrum) und nicht nur einen passiven Widerstand zu leisten, son- 
dern nachträglich auch einen Auftritt zu provociren? Er glaube, 
dass kein Grundsatz des Staatsrechts verletzt werde, wenn die bür- 
gerliche Obrigkeit ihren Anordnungen durch Gewalt Nachdruck, gebe. 
Mit Unrecht habe sich der Vorredner aum Beweis der Illegalität 
des Vorgehens der Obrigkeit auf ein Erkenntniss des Frankfurter 
Oberlandesgerichts in einem anderen Falle • berufen^ denn der Khein- 
brohler Fall müsse für sich allein beurtheilt werden. In dem letz- 
teren Falle liege die Sache so, dass das betreffende Kirchengebäude 
mit dazu gehörigem Glockenthurm der bürgerlichen Gemeinde ge- 
höre und auf deren Kosten erbaut sei, und dasb der Usus dafür 
spreche, dass bei Begräbnissen -der confessionellen Minderheit die 
Kirchenglocken hergegeben worden seien. Allerdings sei dies bis 
jetzt nur in einem Falle geschehen, aber es sei eben bisher nur ein 



184 RheinbroMer QrabgeläuteaireU (1882). 

Mitglied der jeonfdS8ioneU«n Minderheit geBtorben. Der Bürgermeister 
sei somit nicht über seine Competenz hinausgegangen. In den ihm 
vorliegenden Akten suche er vergeblich nach dem vom Vorredner 
citirten Aosdruek eines Beamten, wonach es sieh nidit um eine 
Rechtsfrage, sondern um die Gewalt gehandelt habe. So lange 
dieser ai^eblicbe Ausspruch niehtv nachgewiesen sei, halte &[ den- 
selben för nicht gefallen. Eventuell wurde er denselben aufs Schärfiste 
gerügt haben. Mit Unrecht habe mh der Vorredner ferner darüber 
besehwert, dass die Gemeinde Bheinbrohi zu den Kosten herange- 
zogen werde. Zunächst habe die Gemeinde selbst die Kosten durch 
eine Anleihe decken wollen; erst in der vierten Sitzung des Gemeinde- 
rath» habe man die Zahlung der Kosten zu verweigern beschlossen. 
Aber abgeseh^ davon, so handele es sich einfach um einen orts* 
polizeilieben Akt bei drohendem Tumult und Auflattt,-zu dessen 
DnterdrückuQg die vorhandenen polizeilichen Kräfte nicht ausrich- 
ten, sondern milit&rische Hilfe requirirt werden musste. Solehe 
Kpst^ seien aber nach dem Gesetze von 1850 von der Gemeinde zu 
tragen, i^umal ein grosser Tbeil der Einwohner den Tumult provocirt 
habe.; Von der Tragung der entstandenen Kosten sei also die Ge- 
meinde nicht 2u entbinde, &c verspreche aber^ bei d^ Prüfung dar 
Liquidationen die äusserste Sorgfalt walten zu lassen und alle un- 
nOthigen Anforder^iiflgen zu streichen. Die Bequisition des Militärs 
verursache flbrigeiis nuar Vs dw Kosten; die Hauptkosten seien durch 
die Jinquattinmg^ der .Gendarmeriecommandos entstanden. Er be^ 
dauere den Votfall ebenso sehr, wie der Abg. Bachern, aber er könne sich 
der jui^st£9ioben Oonsequenzen der Sache nicht entziehen und wolle 
nur wiedeAolen, dass er in der Frage das äusserste Wohlwollen und 
die äusserte M^icbsicht werde walten lassen. (Beifall rechts und 
links,) 

HL üeber eine nem Erswingmg des Ghckmgeläutes bei 
einem protestantischen Begrübnisse meldete die Germania 1882 
Nr. 203 nach der »Bb;- und Wied.^Ztg.« aus Bheinbrohi 4. Mai 
1882 r Am letzten Sonntag (30. April) starb zu Bheinbrohi in Folge 
Starrkrampfes ein protestantischer junger Mann im Alter von 27 
Jahren i der vor 3--4 Jahren aus der Gegend von Holzappel im 
Nassaiaieoben nach Bh^nbrohl eingewandert und mit der soge- 
nannten falktiden^^Krankheit behaftet war. Er hiess Wilhelm Leber, 
hatte als Junggeselle in seinem eigenen Hause gewohnt und seinem 
Vater, elftem Fuhrunternehmer, bei dessen Arbeit bki weilen auG^^ 
holfett. Sein Ableben rief natfirlich bei der ganzen Einwohnerschaft 



Rheinbrohler Gräbgeläuteatreit (1882). 186 

die Frage hervor: Wird man das Geläute abermals erzwingen? 
Dass man dasselbe bcjaheüden Falls abermals verweigern vrarde, 
schien Jedermann selbstverständlich zu sein. Auch batte man sieh 
an zustehender Seite abermals dahin geeinigt, den erstmaligen Pro*' 
test für alle Fälle au&echt zu erhalten. . Die Beerdigung sollte 
Mittwoch den 3. Mai Nachmittags stattfinden, wurde jedoch auf Grund 
ärztlichen Gutachtens auf Morgens den 4. Mai 10 übt verschoben, weil 
der Tod in Folge Starrkrampfes eingetreten war, und somit die 
Annahme des Scheintodes nicht' unbegründet sein mochte. Hatte 
die zweifelvolle Neugierde der Einwohnerschaft , wie die Beerdigung 
von Statten gehen möchte, während der letzten 3 Tage ihrer Höhe- 
punkt erreicht, so gelangte man schon gestern Abend , als mehrere 
auswärtige Gendarmen eintrafen, zu der etwas bestimmteren Ver- 
muthung dessen , was auch * wirklich nicht ausbleiben sollte. Die 
Bheinbrohler Bürger hatten nichts Eifrigeres zu thun, als sich 
gegenseitig zur grössten Buhe aufzufordern, und ist denn auch ihr 
Verhalten bis zu dieser Stunde ein durchaus lobenswerthes , ja 
musterhaftes gewesen. Ans dem von Neuwied abgelassenen, kurz 
nach 9 ühr in Hönningen angelangten Eisenbahnzuge stiegen aus 
Herr Landrath v. Bunkel, ein Aufseher und sechs mit Brecheisen,' 
Brechstangen und einem Seile ausgerüstete Arbeiter. Von Bürger- 
meister Conrad aus Hönningen in Empfang genommen, begaben sich 
die Genannten sofort auf den Weg nach dem, etwa eine Viertel- 
stunde von da entfernten Bheinbrohl In der Nähe dieses Ortes 
gesellte sich zu ihnen der Ortsvorsteher von Bheinbrohl, den man 
von der Ankunft schriftlich benachrichtigt hatte. Die Aufforderung, 
den Eirchenschlüssel zu überreichen, erwiderte Aet Oitsvorsteher 
dahin, dass er denselben weder an seinem bestimmten Platze noch 
sonstwo in seinem Hause habe vorfinden können; er müsse verlegt 
worden sein. Nun begaben sich Landrath und Bürgermeister einer- 
seits und die sechs Arbeiter unter Führung ihres Aufsehers anderer- 
sieits auf verschiedenen Wegen zur katholischen Kirche , während 
der Ortsvorsteher sich entfernte, angeblich nm für Aufr<3Chterhaltung 
der Ordnung innerhalb des Ortes Sorge zu tragen. Vor der Kirchen- 
thüre angelangt — es war ^4 vor zehn ühr und ausser den Ge- 
nannten Niemand ringsumhei* zu sehen — sagte der Landrath zum 
Polizeidiener Giemen : »Gehen Sie zum Herrn Kaplan und sagen Sie 
ihm, er möge die Schlüssel hergeben, sonst Würde die Thüre er- 
brochen werden.€ Der Polizeidiener ging -— und richtete seinen 
Auftrag aus. Die Herausgabe der Schlüssel zu besagtem' Zwecke 
wurde verweigert. Nun ging's an's Werk. Die Arbeiter sprengteq 



186 Rheinbrohler Grabgeläutestreit (1882). 

die Kirohthfire gewaltsam auf und erbrachen noch weitere zwei 
Thürea. Auch während dieses und der späteren Vorgänge liess sich 
sonst Niemand sehen. Man läutete mit sämmtlichen Glocken unge- 
fähr eine halbe Stunde lang, was bei derartigen Anlässen nicht orts- 
üblich ist. LandrcUh und Bürgermeister schritten^ ohne das Haupt 
zu entblössen, durch die Kirche. Einige Oendarmen, welche die 
Kirche zu betreten hatten, trhaten dies mit entbidsstera Haupte. 
Auch der Herr Bürgermeister entblösste sein Haupt , als er später 
nochmals und zwar allein die heiligen Bäume betrat. Im Ganzen 
waren zehn Fussgendarmen und Polizisten, sowie zwei berittene 
Gendarmen anwesend. Die Kirche war schon seit gestern Abend 
und die Nacht hindurch von ihnen bewacht worden. 

Der Kirchenvorstand war in einem Privathause versammelt, 
der Landrath schien seiner nicht bedurft zu haben. 

IV. Nachtrag. Nach einer Meldung der Köln. Volksztg. Nr 164 
IL Bl. aus Rheinbrohl vom 15. Juni 1882, soll die Gemeinde durch 
ministerielle Verfügung zur vorläufigen Zahlung der bei der oben 
(Nr* III.) besprochenen Glockenaflfaire entstandenen Kosten verpflichtet 
worden sein. 

V. In der Sitzung der Strafkammer zu Neuwied am 14. Juni 
1882 wurden die Rheinbrohler Burger Georg Glas, Daniel Waldorf 
uud Anton Marzi, die beiden ersteren zu einer Gefängnissstrafe von 
zwei Wochen und der letztere zu einer solchen von einer Woche und 
alle drei zur Tragung dftr Geriehtskosten verurtheilt und zwar auf 
Grund der Behauptung des Landraths von Kunkel, des Bürgermeisters 
Conrad und von sieben Gendarmen, wornach sie sich bei der Affaire 
vom 22. Febr. ihrer Verhaftung activ wiedersetzt hätten — trotzdem 
19 Schutzzeugen mit seltener Einmüthigkeit und Bestimmtheit jeden 
Widerstand in Abrede stellten, obschon dem ersten sofort Anklage 
auf Meineid in sichere Aussicht gestellt war. (Vgl. den ausführ- 
lichen der Deutsch. Reich'sztg. entnommenen Bericht in der Germania 
1882 Nr. 270, 272.) 



187 



X. 

Ein nicht sanctionirter Bescliluss des deutsclien Reiclistags 
auf Aufliebung des Gesetzes vom 4. Nlai 1874, betr. die Ver- 
hinderung der unbefugten Ausübung von Kirchenämtern und das 
preussische Icirohenpolitisohe Gesetz vom 31. Nlai 1882. 

1. Der deutsche Reichstag verhandelte in seiner 22. und 23. 
Sitzung vom 11. und 12.. Januar 1882 über folgenden vom Abg. 
Dr. Windthorst eingebrachten Gesetzentwurf, betr. die Aufhebung 
des Gesetzes über die Verhinderung der unbefugten Ausübung von 
Kirchenämtern vom 4. Mai 1874 : 

Ȥ. 1. Das Gesetz, betr. die Verhinderung der unbefugten 
Ausübung von Kirchenämtern- vom 4. Mai 1874 (K.-G.-Bl. S. 43) 
wird aufgehoben. 

§. 2. Die auf Grund dieses Gesetzes ergangenen Verfugungen 
von Landespolizeibehörden verlieren ihre Giltigkeit. 

§. 3. Das gegenwärtige Gesetz tritt mit dem Tage seiner 
Verkündigung in Kraft, c 

Aus der Rede, mit welcher Windthorst seinen Antrag be- 
gründete, geben wir einige Hauptstellen wieder: . 

»Unsere Wähler — . sagte Windthorst,— wissen sehr gut, dass 
der kirchenpolitische Streit sich nicht allein auf das eigentliche Ge- 
biet desselben beschränkt, dass vielmehr die kirchliche Frage alle 
Fragen beherrscht; sie wissen sehr gut, dass das deutsche Reich 
nicht eher gedeihen kann, bis dieser heillose Bruderzwist endlich 
beseitigt ist und der Kirche die Freiheit gegeben wird, welche sie 
bedarf. Und wenn es Parteien im Lande gibt, welche glauben, dass 
es dem Reiche nützt, wenn sie diesen Kampf führen, dann sind dies 
Männer, von denen ich annehmen muss, dass sie die deutsche Ge- 
schichte niemals kennen gelernt haben. Ich glaube der Consolidirung 
des Reiches am besten zu dienen, wenn ich dafür eintrete, dass in 
demselben überall das Recht, und zwar das ßecht ^Wer zur Geltung 
kommt und die kirchliche Freiheit gesichert ist Etwas anderes als 
die kirchliche Freiheit erstreben wir absolut nicht. Und weil wir * 
sie erstreben gleichmässig für alle Confessionen ohne Ausnahme, so 
habe ich geglaubt, dass ein solches Beginnen von allen Seiten die 
vollste Unterstützung finden müsse* Es gibt aber leider Parteien 



188 Windthorst's Antr. auf Aufh. des Ges. vom 4. Mai 1874, 

und Männer, welche ohne den Culturkampf nicht leben zu könaen 
glauben. An diese wende ich mich nicht, sondern an die Männer 
wahrer Freiheit und frage sie, ob es ihren freiheitlichen Auffassungen 
entspricht, wenn der Mensch in den wichtigsten Dingen der Polizei- 
.gewalt uurettbar überliefert wird und wenn die Verhältnisse so ge- 
ordnet md, dass ein Theil der Unterthanen den religiösen Pflichten 
nicht Q^-chkemmen kann.« 

Im weiteren Verlaufe seiner Kede schilderte Windthorst den 
polizeilichen Charakter des Gesetzes vom 4. Mai 1874: 

»Wegen Verrichtung von Amtshandlungen werden Geistliche 
aus dem. Lande gejagt, und nicht etwa durch Richterspruch, sondern 
lediglich durch das Belieben der Landespolizeibehörden. Es ist frei- 
lich gesagt worden, dass man sich gegen eine solche Verfügung an 
die Q^riclite wenden kann , aber meine Herren , dafür besteht der 
preussische Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten, und den an- 
zuerkennen, ist jedem Katholiken absolut unmöglich; und dennoch 
hat man die Geistlichen an diesen Gerichtshof verwiesen, d. h., ihnen 
einen Ausweg gezeigt, den sie unter keinen Unaständen einschlagen 
können. Aber nicht nur diejenigen Geistlichen, die eine Amtshand- 
lung vorgenommen, sondern auch die, welche sonst in Conflict mit 
den Maigesetzen gekommen sind, können eventuell ausgewiesen wer- 
den, und bei den besonders raffinirten Bestimmungen der Maigesetze 
ist es in der Tbat kaum möglich, dass nicht jeder Geistliche alle 
Tage ausgewiesen oder internirt werden kann. Also, meine Herren, 
Internirung^ Beichsacht, durch landespolizeiliche Verfügungen ver- 
hängt, das sind die juristischen Lehren, die wir noch immer von 
Gelehrten hören und die sehr milde, sein sollen, damit nicht andere 
Strafen verhängt werden . . . Selbst das Socialistengesetz, von dem 
Sie wissen, dass ich es niemals gebilligt habe, geht soweit nicht ; es 
garantirt doch eine Beschwerdeinstanz. Die Beichsregiernng hat 
geglaubt, gegen die katholische Kirche ist alles erlaubt, so scheint 
es . < . Ich will Ihnen indessen doch einige Zahlen sagen, von denen 
ich bemerken muss, dass sie mir von Privatleuten zugekommen sind 
und desshalb lange nicht den Glauben in Anspruch nehmen können, 
wie amtliche. Ich mache darauf aufmerksam , dass in der Diöcese 
Trier 50 Ausweisungen, und darunter 9 Expatriirungen stattgefunden 
haben; in der Erzdiöcese Posen-Gnesen sind 46 Ausweisungen und 
' 2 Internirungen vorgekommen, jedoch ist diese Zahl nicht genügend. 
Aehnlich verhält es steh in allen anderen Diöcesen. Es steht fest, 
dass noch jetzt unter diesem Gesetz eine grosse Anzahl von Män- 
nern leidet. Man ist bei den Ausweisungen mit der allergrössten 



Windthor st* 8 Antr. auf Aufh. des Ges. vom 4, Mai 1874. 189 

Rücksichtslosigkeit vorgegangen , und man hat keinen Anstand ge- 
noniraen, Geistliche unter Gtendarmeriebegleitung hinauszubringen^c 

Zum Schlüsse bemerkte Windthorst: »Man verlangt von uns 
zu jeder Zeit schwere Opfer, und wir bringen sie gern und ohne 
Murren; aber wir erwarten, dass wir 'dann auch die volle Freiheit 
der Kirche bekommen. Die Differenzen, die zwischen uns bestehen, 
sollen auf wissenschaftlichem Gebiete ausgetragen werden. Ich ver- 
lange gar nichts, als dass auf die Geistlichen das gemeine Recht 
angewandt wird. Vor dem Gesetze sollen wir alle gleich sein, 
wenigstens wird uns das alle Tage gepredigt, besonders von den 
liberalen Herren. Ich spreche jedem, der dieses Gesetz vertheidigt, 
das Prädicat eines Liberalen absolut ab. Nehmen Sie also die Vor- 
lage an, damit die Gesinnung des Friedens mehr und mehr in die 
Gemüther zurückkehrt und endlich die Stunde nahen kann, wo wir 
uns ganz die Hände reichen und uns gemeinschaftlich freuen des 
blühenden deutschen Vaterlandes.« 

Bei den Verhandlungen über den Antrag Windthorst's im 
deutschen Reichstage fand das unglückliche Gesetz vom 4* MSii 1874 
auf keiner Seite eine grundsätzliche Verthieidigung ; alle Redner er- 
kannten seine Härte und ünhaltbarkeit an. Die Aufbebung des 
Aus Weisungsgesetzes wurde am 12. Januar 1862 vom Reichstage mit 
223 gegen 115 Stimmen angenommen, ebenso bei der dritten Be- 
rathung am 18. Januar 1882. Der »Bundesrath« überwies den vom 
Reichstage angenommenen Antrag in seiner Sitzung vom 23. Januar 
1882 an seinen Ausschuss für Justizwesen. Ob der Bundesrath sich 
seitdetn mit der Sache beschäftigt hat, haben wir nicht iu Erfahrung 
bringen können; jedoch glauben wir nicht, dass es bereits ge- 
schehen ist. Der Bundesrath beschliesst langsam und nach Weisungen. 

II. Nach Rom wurde im Frühjahre 1882 wieder ein preussi- 
scher Gesandter, Herr v. Schlözer, zum päpstlichen Stuhle gesaudt. 
Die preuss. Regierung hielt ebenso wie in den zwei Jahre vorher in 
Wien mit dem damaligen Wiener Nuntius Jacobini geführten und näit 
demselben, nunmehrigen Cardinal-Staatssecretär Jacobini, erneuerten 
Verhandlungen an den Principien der Maigesetze fest, und suchte bald 
diesen bald jenen Weg, immer an allen Voraussetzungen festhaltend, 
um kirchlicherseits eine in den meisten Beziehungen kirchlich ge- 
radezu unmögliche Anerkennung der Maigesetze zu erlangen. Dem 
entsprechend wollte man dann preussischerseits höchstens von Fall 
zu Fall dieses und jenes besonders vereinbaren, namentlich wieder 
möglichst viele geistliche Stellen besetzt sehen, um dann v6n Neuem 



lÖO Preu88, Ges» v. 31. Mai 1882: Abätid, der kirchenpoliU Qeaetze. 

zu versuchen, ob sich nicht von diesen Geistlichen schliesslich die 
Unterwerfung unter die Grundsätze der Maigesetzgebnng ersuvingen 



in. Nur einen schwachen Anfang zu einem kirchlich- politi- 
schen Friedensstande bildet das von der Regierung eingebrachte, in 
seiner schliesslichen Gestalt von dem katholischen Gentrum mit den 
-kirchlich-protestantischen Gonservativen des preuss. Landtags verein- 
barte, am 5. Mai nach einigen Aenderungen, die es im Herrenhause 
nochmals erfahren hatte, vom Abgeordnetenhause in der endgiltigen 
Fassung angenommene, erst am 31. Mai sanctionirte und am S.Juni 
1882 in Nr. 22 der Gesetzsammlung publicirte 

Gesetz^ hetr, Abänderung der hirchenpolUischen Geseiee. 

>W\x Wühdm von Gottes Gnaden König von Preussen etc. 
verordnen unter Zustimmung beider Häuser des Landtages der Mo- 
narchie, was folgt :€ 

»Art. 1. Die Art. 2, 3, 4 im Gesetz vom 14. Juli 1880 treten 
mit der Verkündigung des gegenwärtigen Gesetzes auf die Zeit bis 
zum 1. April 1884 wieder in Kraft.« [Entspricht dem Artikel 1. 
der Regierungsvorlage, nur sind die durch Sperrdruck hervorgehobenen 
Worte eingeschaltet. Die am 31. December 1881 ausser Wirksana- 
keit getretenen, jetzt wieder aufgenommenen Artikel des Juligesetzes 
lauten: Art. 2. In einem katholischen Bisthum; dessen Stuhl er- 
ledigt, oder gegen dessen Bischof durch gerichtliches Urlheil auf 
Unfähigkeit zur Bekleidung des Amtes erkannt worden ist, kann die 
Ausübung bischöflicher Rechte und Verrichtungen in Gemässheit des 
§. 1. im Gesetz vom 20. Mai 1874 demjenigen, welcher den ihm 
ertheilten kirchlichen Auftrag darthut, auch ohne die im §. 2. vor- 
geschriebene eidliche Verpflichtung durch Besehluss des Staatsmini- 
steriums gestattet werden. In gleicher Weise kann von dem Nach- 
weis der nach §. 2. erforderlichen persönlichen Eigenschaften, mit 
Ausnahme des Erfordernisses der deutschen Staatsangehörigkeit, 
dispensirt werden. Art. 3. Die Einleitung einer commissarischen 
Vermögensverwaltung in den Fällen des Art. 2. dieses Gesetzes findet 
nur mit Ermächtigung des Staatsministeriums statt. Dasselbe ist 
auch ermächtigt, eine eingeleitete commissarische Vermögensverwal- 
tung wieder aufzuheben. Art. 4. Die Wiederaufnahme eingestellter 
Staatsleistungen kann, abgesehen von dem Fall des §. 2. des Gesetzes 
vom 22. April 1875, für den Umfang eines Sprengeis durch Besehluss 
des Staatsministeriums angeordnet werden. Der Schlusssatz des §. 6. 
desselben Gesetzes findet sinngemässe Anwendung.«] 



Preuss, Ges. v. 57. Mai 1882.: Ahänd. der kirchenpolit Gesetze, 191 

»Art. 2. Hat der König einen Bischof, gegen welchen auf 
Grund der §§. 24 ff. des Ges. vom 12. Mai 1873 durch gericht- 
liches ürtheil auf Entlassung aus seinem Amte erkannt ist, be- 
gnadigt, so gilt derselbe wieder als staatlich anerkannter Bischof 
seiner, Diöcese. In sonstigen Fällen ». in welchen auf Grund der 
§§. 24 ff. d«8 Gesetzes vom 12. Mai 1873 oder de» §,12. des Ge- 
setzes vom 22. April 1875 auf Entlassung aus dem Amte erkannt 
ist, werden, die Folgen der ergangenen Erkenntnisse auf die Unfähig- 
keit zur Bekleidung des Amtes und die im Art. 1. Abs. 2 und 3 
des Gesetzes vom 14. Juli 1880 aufgeführten Folgen beschränkt, in- 
sofern nicht inzwischen eine Wiederbesetzung der Stelle erfolgt ist.« 

»Art. 3^. Von Ablegung der im §. 4. de^ Gesetzes vom 11. Mai 

1873 vorgeschriebenen wissenschaftlichen Staatsprüfung .sind die- 
jenigen Candidaten befreit, welche durch Vorlegung von Zeugnissen 
den Nachweis führen, dass sie die Entla^sungsprüfung auf einem 
deutschen Gymnasium abgelegt, sowie ein dreijähriges theologisches 
Studium auf einer deutschen Universität oder auf ^nera in Preussen 
bestehenden kirchlichen Seminar, hinsichtlich dessen die gesetzli<5hen 
Voraussetzungen für den Ersatz des Üniversitäts-Studiums durch das 
Studium auf diesem Seminar erfüllt sind, zurückgelegt^ und während 
dieses Studiums Vorlesungen aus dem Gebiete der Philosophie, Ge- 
schichte und deutschen Literatur mit Fleiss gehört haben; Der 
Minister der geistlichen u. s. w. AngeJegenhieiten ist ermächtigt, 
auch im Uebrigen voa den Erfordernissen des §. 4 , sowie^ von dem 
Erforderniss des .§. 11. des Gesetzes vom . 11. Mai 1873 zu dis- 
pensiren, auch ausländische^ Geistlichen die .Vornq^hnje von geist- 
lichen Amtshandlungen oder die Ausübung eines der iü[i §, 10. er- 
wähnten Aemter zu gestatten. Die Grundsätze, naph welchen dies 
zu geschehen hat, sind vom Staatsministerium mit königlicher. Ge- 
nehmigung festzustellen.« 

»Art. 4. Die AusübuQg der in den §§, 13 ff; des Gesetzes 
vom 20. Mai 1874 und in den Art. 4 ff. des Gesetzes vom 21. Mai 

1874 den. Präsentationsberechtigten und der Gemeinde beigelegten 
Befugniss zur Wiederbesetzung eines erledigten geistlichen . Amtes 
und zur Einrichtung einer Stellvertretung in demselben findet ferner 
nicht statt.« So der Wortlaut des neuen Gesetzes. 

Die Aenderungen^ welche durch das Herrenhaus an den frühem 
Beschlüssen des Abgeordnetenhauses hervorgerufen wurden, sind un- 
bedeutend. Das Abgeordnetenhaus hatte in Art. 1. die Verlängerung 
der Art. 2, 3 und 4 des Juligesetzes von 1880 nur bis zum 1. April 
1883 (jetzt 1884) ausgesprochen und in Art. 3. die Fassung ge- 



192 Preusa. Ges. v. 3h Mai 188^: Ahänd. der kirchenpolit. Öeaet^, 

wäblt: »auf einem . . . Seminar, welches nach dem Gesetze die 
Universität zu ersetzen geeignet ist,c während jetzt der Satz lautet : 
»Seminar, hinsichtlich dessen die gesetzlichen Voraussetzungen für 
den Ersatz des Üniversitäts-Studiums durch das Studium auf diesem 
Seminar erfüllt sind.«' Es war vorauszusehen, dass das Abgeord- 
netenhaus .sich die von dem Herrenhause beliebten Aenderungen ge- 
fallen lassen würde. Der kleine Unterschied in Art 3. ist lediglich 
formaler Natur, und die Verlängerun|r der Gültigkeitsdauer des 
Art. 1. konnte für das Centrum gewiss kein Grund sein, das Ergeb- 
niss der mit den Gonservativen geschlossenen Vereinbarung zu ge- 
fährden. Der verhältnissmässig noch sehr geringe Fortschritt zum 
Besseren, welchen das Gesetz enthält, ist 1., dass der ^Bischofs- 
Paragraph {liTt. 2) endlich durchgebracht ist, so dass wenigstens 
die noch lebenden Bischöfe, welche s. Z. vom Gerichtshof für kirch- 
liche Angelegenheiten »abgesetzt« wurden, wieder zur Leitung ihrer 
Diöcesen zugelassen werden Jcönnen. 2. Das Cultur-Examm ist 
beseitigt (Art. 3). 3. Neue T^Staatspfancer^ können ;iicht mehr 
eingesetzt werden (Art. 4). 

Mit der Beseitigung des »Gultur-Examens« ist das eine Haupt- 
hinderniss für Besetzung der verwaisten Seelsorgerstellen beseitigt; 
aber sein Wegfall bleibt praktisch werthlos, so lange nicht die »^n- 
zeigepflichU durch eine Vereinbarung zwischen dem h. Stuhle und 
der Regierung hinweggeräumt ist. Dass die Regierung schon in der 
allernächsten Zeit die auf die Anzeigepflicht bezüglichen Bestim- 
mungen der kirchenpolitischeu Vorlage (§. 4 und 5. des Enttourfs 
des Ges. vom 31. Mai, wie er von der Regierung eingebracht war), 
welche das Abgeordnetenhaus gestrichen hatte, als besonderes Gesetz 
wieder einbringen* wolle, wurde von der officiösen Prov.rCorrespondenz 
entschieden in Abrede gestellt Für den gestrichenen Art 4 und 5. 
des Reg.-Entw. des Gesetzes war eine Neuregelung der An^eigepflicht 
insofern vorgesehen , als der Einspruch künftig auf bürgerliche und 
staatsbürgerliche Gründe beschränkt sein, jedoch auch noch die staat- 
lichen Vorschriften über die Vorbildung der Geistlichen unter dem 
Einspruchsrecht begriffen waren ; ferner sollte statt an den sg. Kirchen- 
gerichtshof die Appellation an den Cultusminister ergehen, welcher 
endgültig entscheiden sollte. Der Art. 5. der Vorlage enthielt end- 
lich eine »discretionäre,« d. h. der Regierung überlassene Erleichterung 
der Anstellimg von Hülfsgeistlichen. (Den Wortlaut des Reg.-Entw. 
des Ges. s. weiter unten Nr. IV.) 

Dass die Sanction des Gesetzes vom 31. Mai 1882 nicht so 
rasch erfolgt war, wie die der Maigesetze der früheren Jahre, suchte die 



Preuss. Ges. v. Bl. Mai 1882: Ahänd. der kirchePpotif. Geseti&e. 193 

Frov.-Corr. dadurch zn erklären, »dass in dem geregelten Gange der 
kaiserlichen Arbeiten jeder Theil nach der Ordnung seine Stelle er- 
halte , welche nur aus Gründen von besonäerem Gewicht vertauscht 
werden könne. < Man hatte nämlich in verschiedenen Blättern die 
Vermuthung ausgesprochen, dass Fürst Bismarck mit der Veröffent- 
lichung des neuen Eir<^hengesetzes gezögert habe, um dadurch einen 
Druck auf Rom auszuüben, der ihm zu Zugeständnissen hinsichtlich 
der »Anzeigepffiichtc verhelfen sollte. Die Frage der »Anzeigepflichtc 
bildete nämlich, wie die vom Abg. Majunke herausgegebene Corresp. • 
vom 9, Juni 1882 (vgl. Köln. Volksztg. Nr. 158 II. El.) bemerkte, 
den Haupt- und Angelpunkt in allen Yerhandludgen und Erörterungen, 
welche seit den Wiener »Besprechungenc zwischen unserer Regierung 
und dem h. Stuhle stattgehabt haben. An dieser Frage scheiterten 
alle vorigjährigen Verhandlungen des Herrn v. Schlözer, obgleich der- 
selbe in dieser Angelegenheit zwei Mal von Rom nach Berlin , resp. 
Varzin zurückgefahren kam; es ist endlich ein offenes Geheimniss, 
dass es seitens unserer Regierung nicht an Bemühungen gefehlt hat, 
uro in dieser Beziehung mit den pveussischen Bischöfen resp. Gapi- 
tels-Vicaren ein Separat- Abkommen zu treffen — was Wunder da- 
her, wenn Fürst Bismarck die Concessionen, zu denen er durch Ver- 
öffentlichung ded neuen kirchenpolitischen Gesetzes genöthigt wird: 
Abscbaffimg des Cultur-Examens und der Staatspfarrer) dazu benutzt 
hätte, um wenigstens den Versuch zu machen, Gegenconcessionen zu 
erlangen — ein Versuch, der natürlich scheitern musste, da Rom in 
seinen »Concesfidonenc schon längst an die Grenze des Möglichen ge- 
gangen war. 

IV. Der am 16. Januar 1B82 dem Abgeordnetenhause vom 
Cultu9minster vorgelegte ^i^Enttmrf eines Gesetzes betr. Abänderungen 
der kirchenpolitischen Gesetze« und die Motivirung desselben lautete 
wie folgt: . 

Art. 1. Die Art. 2, 3 und 4 im Gesetz vom 15. Juli 1880 
(Gesetz-Sammlung S. 285) ti^eten mit der Verkündung des gegen- 
wärtigen Gesetzes wieder in Kraft. 

Art. 2. Einem Bischof, welcher auf Grund der §§. 24 ff. im 
Geset? vom* 12. Mai 1873 (Gesetz-Sammlung S. 198) durch gericht- 
liches [Jrtheil aus seinem Amte entlassen worden ist, kann von dem 
Könige die staatliche Anerkennung als Bischof seiner früheren Diö- 
cese wieder «rtheilt werden. 

Art. 3. Das Staatsministerium ist ermächtigt, mit königlicher 
Oenehmigung die Grundsätze festzustellen, nach welchen der Mi- 

Arohiv für Kirchenreoht. XLVUI. '13 



1Ö4 Preuss. Ges. v. 31, Mai 28Sl: Abänd. der Urchenpklit Geaefzi. 

iiister der geistlichen Angelegenheiton von den Erfordernissen der 
§§. 4 und 11. im Gesetz vom 11. Mai 1873 (Gesetz-Sammlung Seite 
191) dispensiren, auch ausländischen Öeistlichen die Vornahme von 
geistlichen Aintshandluugen oder die A.usübung eines der im §: 10. 
erwähnten Aemter gestatten kann. 

Art. 4. An die Stelle des §. 16. im Gesetz vom 11. Mai 1873 
tritt nachfolgende Bestimmung: 

Der Einspruch findet statt, wenn dafür erachtet wird, dass 
der Anzustellende aus einem Grunde, welcher dem bürgerlichen 
oder staatsbürgerlichen Gebiete angehört, für die Stelle nicht 
geeignet sei, insbesondere wenn seine Vorbildung den Vor- 
schriften dieses Gesetzes nicht entspricht. 

Die Gründe für den Einspruch sind anzugeben. 
Gegen die Einspruchserklärung kann innerhalb dreissig Tagen 
bei dem Minister der geistlichen Angelegenheiten Beschwerde 
erhoben werden, bei dessen Entscheidung es bewendet. 
Art. 5. Das Staatsministerium ist ermächtigt,. für bestimmte 
Bezirke widerruflich zu gestatte», dass Geistliche, welche im üebri- 
gen die gesetzlichen Erfordernisse für die Ausübung geistlicher 
Amtshandlungen erfüllen oder von denselben dispensirt sind, zur 
Hilfeleistung im geistlichen Amt ohne die nach §.15. des Gesetzes 
vom 11. Mai 1873 erforderliche Benennung verwendet werden. 
Die dem Entwürfe * beigegebene Begründung lautet: 
Der gegenwärtige Gesetzentwurf beruht auf d^selben Gesichts- 
punkten, aus welchen die Vorlage vom 19. Mai 1880 über Ab- 
änderungen der kirchenpolitischen Gesetze hervorgegangen ist. Durch 
den Entwurf wünscht die königliche Staatsregierung von Neuem zu 
bethätigen, dass sie entschlossen ist, auf dem Wege einer friedlichen 
Entwickelung der Beziehungen zwischen Staat und katholischer Kirche, 
wie er durch das Gesetz vom 14. Juli 1880 angebahnt ist, fortzu- 
schreiten. Auch jetzt wünscht sie in der Sorge für das Wohlergehen 
der katholischen Preussen denselben weitere Erleichterungen, die 
nach den bestehenden Gesetzen möglich sind, gewährt und diese 
Möglichkeit erweitert zu sehen, soweit dies geschehen kann, ohne 
das Wohlergehen der gesammten Staatsangehörigen, die Sicherheit 
des Staats und die Unabhängigkeit seiner Gesetzgebung zu gefährden. 
Bei der Durchführung dieses Gedankens tritt diejenige Frage 
in den Vordergrund, welche auf diesem Gebiete als die brennendste 
bezeichnet werden darf , nämlich die Wiederherstellung der cura 
aniraarum im weitesten Sinne. Die Wiederherstellung erfolgt auf 
doppeltem Wege: 



Preuss. Ges. v, äL Mai 288^: Ahänd. der ktrchenpotit. Gesetze, lÖo 

I. darch Wiedereiofübrang einer regelmässigen Diöcesanver- 

waltung 
II. durch Wiederbesetzung der mit der Seelsorge betrauten 

Eirchenämter, insbesondere der Pfarrstellen. 
Die Lösung dieser Frage zu fördern , ist die hauptsächlichste 
Aufgabe des Gesetzentwurfs. Die letztere wird sich jedoch nach der 
jetzigen Lage der Verhältnisse im Wesentlichen auf die Ertheilung 
discretionärer Befugnisefe für die Staatsregiernng um so mehr zu be- 
schränken haben , als die Bücksicht auf die Lahdestheile mit polni- 
scher Bevölkerung es nothwendig macht, dass der Begierung die 
nach der Vörschiedenheit der politischen Lage erforderliche Freiheit 
der Bewegung fär die Abwehr gesichert bleibt. Die königliche 
Staatsregierung trägt um so weniger Bedenken, auf der mit der 
Gesetzgebung vom Jahre 1880 betretenen Bahn vorwärts zu schreiten, 
als die seit Erlass des Gesetzes vom 14. Juli 1880 und an der Hand 
desselben gemachten Erfahrungen lehren, dass schon die Staats- 
regierung seither gewährten Befugnisse es ermöglicht haben, in der 
Regelung der Verhältnisse auf dem in Bede stehenden Gebiete er- 
sichtliche Fortschritte zu machen. 

Die Lösung wird im Einzelnen dadurch anzustreben sein, dass 
zunächst, wie ^ 

Artikel 1. der Vorlage vorschlägt, die mit dem 1. Januar 1882 
ausser Wirksamkeit getretenen Artikel 2, 3 und 4 des Gesetzes 
vom 14. Juli 1880 wieder in Kraft gesetzt werden. Diese Artikel 
lantien : 

Art. 2. In einend katholischen Bisthum , dessen Stuhl er- 
ledigt, oder gegen dessen Bischof durch gerichtliches ürtheil 
auf Unfähigkeit zur Bekleidung des Amts erkannt worden ist, 
kann die Ausübung bischöflicher Rechte und Verrichtungen in 
Gemässheit des §? 1. im Gesetz vom 20. Mai 1874 demjenigen, 
welcher den ihm ertheilten kirchlichen Auftrag darthut, auch 
ohne die im §. 2. vorgeschriebene eidliche Verpflichtung durch 
Beschluss des Staatsministeriums gestattet werden. 

In gleicher Weise kann von dem Nachweise der nach §. 2. 
erforderlichen persönlichen Eigenscl\afken mit Ausnahme des Er- 
fordernisses der deutschen Staatsangehörigkeit, dispensirt werden. . 
. Art. 3. Die Einleitung einer comraissarischen Vermögens- 
yerwaltung in den Fällen des Artikels 2. dieses Gesetzes findet 
nur mit Ermächtigung des Staatsministeriums statt. Dasselbe 
ist auch ermächtigt, eine eingeleitete commissarische Vermögens- 
verwaltung wieder aufzuheben. 

13'* 



1Ö6 Preuss. Ges. v. 31, Mai 188i: Abänd. der kirckenpoUL Gesetze.^ 

Art. 4. Die Wiederaufnahme eingestellter Staatsleistungen 
kann, abgesehen von dem Falle des §. 2. des Gesetzes vom 
22. April 1875 , für den Umfang eines Sprengeis durch Be- 
schluss des Staatsministeriums angeordnet werden. 

Der Scblusssatz des §. 6. desselben Gesetzes findet sinnge- 
mässe Anwendung. • ~ 

Die vorstehenden Artikel waren nach der Vorlage vom 19. Mai 
1880 dazu bestimmt, das Bedürfniss zu befriedigen, welches für eine 
freiere Handhabung des Gesetzes vom 20. Mai 1874 über die Ver- 
waltung erledigter katholischer Bisthümer, sowie des Gesetzes vom 
22. April 1875, betreffend die Einstellung der Leistungen aus Staats- 
mitteln für die römisch-katholischen Bisthümer und Geistlichen, 
während der letzten Jahre merklich geworden ist und mit dem 
Wachsen gegenseitiger Verständigung voraussichtlich mehr und mehr 
hervortreten wird. Es handelt sich hierbei darum, die Schärfe der 
gesetzlichen Vorschriften durch die Möglichkeit ihrer Nichtanwendung 
oder beschränkter Anwendung zu mildern, ohne das Gesetz selbst 
ausser Kraft setzen zu müssen. Insbesondere erscheint die Wieder- 
herstellung des Artikels 2, welcher das Staatsministerium ermächtigt, 
nach Lage des concreten Falles die Ausübung bischöflicher Rechte 
und Verrichtungen auch ohne ei^e vorangegangene eidliche Ver- 
pflichtung des Bisthumsverwesers zu gestatten, werthvoU. Es genügt, 
darauf hinzuweisen, dass, wenn es gelungen ist,, durch Einsetzung 
von.Gapitularvicaren.die Wiederkehr geordneter Verhältnisse in den 
Diöcesen Osnabrück, Paderborn und Breslau anzubahnen, dies vor- 
nehmlich der Existenz und der Anwendung des Artikels 2. zu ver-. 
danken bleibt. Auch die Artikel .3 und 4. verdienen erhalten zu 
werden, da die durch dieselben der Staatsregierung gewährten Be- 
fugnisse die Möglichkeit gewähren, nach Lage des einzelnen Falles 
Erleichterungen zu gewähren, wie dies noch neuerdings durch Wie- 
deraufnahme der Staatsleistungen für den preussischen Antbeil der 
Erzdiöcese Prag geschehen ist. 

Artikel 2. Nachdem es mit Hilfe der der Begierung mittels 
Gesetzes vom 14. Juli 1880 gewährten Pacultäten möglich geworden 
ist, in denjenigen Bisthümem, deren Stühle auch , kirchlich als er- 
ledigt galten, eine geordnete Diöcesanverwaltung wieder herzustellen, 
gewinnt die Frage der Wiedereinrichtung einer regelmässigen ober- 
hirtlichen Leitung auch für diejenigen Sprengel, deren frühere Bischöfe 
durch gerichtliches ürtheil aus dem Amte entlassen sind, in hervor- 
ragender Weise an Bedeutung. 

Schon bei Vorlage der kirchenpolitischen Novelle im Jahre 1880 



Preuas. Ges. v. 31. Mai 1S82: Abänd, der kirchenpuUf. Gesetze. 197 

musste die königliche Regierung es als ihre Ueberzengung aas- 
sprechen, dass eine Begelung dieser besonders schwierigen Frage 
Wesentlich würde gefördert werden, wenn sich durch das Gesetz die 
Möglichkeit schaffen liesse, einem oder dem anderen jener^ aus dem 
Amte entlassenen Bischöfe die staatliche Anerkennung als Bischof 
seiner früheren Diöcese wieder zu ertheilen. Die inzwischen gewon- 
nenen Eindrücke haben die Regierung in dieser ueberzengung nur 
bestärken können. Die bezugliche Bestimmung der kirchenpolitischen 
Vorlage von 1880 hat desshalb in dem Art. 2. des gegenwärtigen 
Entwurfes von Neuem Aufnahme gefunden. 

Artikel 3. Um die Wiedereinführung einer pfarramtlichen Seel- 
sorge, bezw. die Heranbildung der Kleriker zu erleichtern, bieten 
sich folgende Mittel dar : 

a) die Dispensation der Geistlichen von den Bedingungen der 
Vorbildung, 

b) die Dispensation der Lehrer an den kirchlichen Unterrichts- 
anstalten von den Bedingungen der Vorbildung, 

beides zusammengefasst im Artikel 3. des Entwurfs, welcher der Be- 
stimmung unter Nr. 1 des Artikels 1. der Vorlage vom 19. Mai 1880 
entspricht. Die Wiederaufnahme dieser Bestimmung rechtfertigt sich 
durch die Erwägung, dass die fragliche Dispensationsbefugniss ein 
wesentliches Mittel ist, uni die zur Zeit vorhandenen Lücken in dem 
Bestände der mit, der Seelsorge betrauten Geistlichen auszufüllen 
und dadurch einem anerkannt dringenden Bedürfnisse der katho- 
lischen Bevölkerung thunlichst zu begegnen. 

Artikel 4 und 5. /haben gleichfalls den Zweck, die Wiederher- 
stellung der Seelsorge zu fördern. 

Zu diesem Behuf schlägt zunächst Artikel 4, die Umgestaltung 
des §. 16. des Gesetzes vom 11. Mai 1873 vor, welcher lautet: 
Der Einspruch ist zulässig: 

1. wenn dem Anzustellenden die gesetzlichen Erfordernisse zur 
Bekleidung des geistlichen Amtes fehlen; 

2. wenn der Anzustellende wegen eines Verbrechens oder Ver- 
gehens, welches das deutsche Strafgesetzbuch mit Zuchthaus 
oder mit dem Verluste der bürgerlichen Ehrenrechte oder 
dem Verluste der 'öffentlichen Aemter bedroht, verurtheilt 
ist oder sich in Untersuchung befindet; 

3. wenn gegen den Anzustellenden Tbatsachen vorliegen, welche 
die Annahme rechtfertigen, dass derselbe den Staatsgesetzen, 
oder den innerhalb ihrer gesetzlichen Zuständigkeit erlassenen 



198 Preu88. Qea. v. BL Mai 1882: Abänd, der kirchenpolU. Gesetze. 

Anordnungen der Obrigkeit entgegenwirken oder den öffent- 
lichen Frieden stören werde. 

Die Thatsachen^ welche den Einspruch begründen; sind 
anzugeben. 

Qegen die Einspruchserklärung kann innerhalb 20 Tagen 
bei dem Königlichen Gerichtshöfe für die kirchlichen Ange- 
legenheiten und, so lange dessen Einsetzung nicht erfolgt 
ist, bei dem Minister der geistlichen Angelegenheiten Be- 
rufung eingelegt werden. 

Die Entscheidung ist endgiltig. 
Der Gesetzentwurf beabsichtigt in diesem Punkte zu der Re- 
gierungsvorlage vom Jahre 1873 zurückzukehren, welche den be- 
währten Bestimmungen in anderen Deutschen Staaten sich anschliesst 
und insonderheit die Entscheidung über den Einspruch lediglich in 
die Hand verantwortlicher Verwaltungsinstanzen legte. Diesen ge- 
setzgeberischen bedanken gegenwärtig wieder aufzunehmen, erscheint 
um so mehr angezeigt, als die über den Einspruch entscheidende 
Behörde nicht nur an die thatsächliche Lage des Einzelfalles ge- 
bunden sein darf, sondern bei ihren Entschliessungen eine freiere Be- 
urtheiluDg nach Zeit und Ort, unter gleichmässiger Berücksichtigung 
der staatlichen Interessen überhaupt, eintreten zu lassen hat. 

Ist Artikel 4. dazu bestimmt, das Verfahren in Beziehung auf 
die Pflight der geistlichen Oberen zur Benennung der anzustellenden 
Geistlichen auf einer richtigeren Grundlage zu ordnen, so hat Art. -5. 
den Zweck , in Beziehung auf den Umfang dieser Pflicht die Mög- 
lichkeit von Erleichterungen zu schaffen, die ohne GeßLhrdung wesent- 
licher Hechte des Staates gewährt werden können. Denn einerseits 
wird der Grundsatz der Benennungspflicht bei allen festen Anstel- 
lungen, sowie bei der Einrichtung von Vertretungen in erledigten 
Aemtern festgehalten und damit ein Bechtszustand geschaffen, wie 
er vordem in Preussen bestand und noch gegenwärtig in den meisten 
deutschen Staaten sich in allseitig anerkannter Uebung befindet. 
Wenn andererseits der Entwurf die Befreiung von der Benennungs- 
pflicht hinsichtlich der Hilfsgeistlichen der Ermächtigung der Re- 
gierung für bestimmte Bezirke vorbehält, so nöthigt dazu insbeson- 
dere die Bücksicht, dass der Staat zur Sicherung seiner eigenen 
Interessen sich die Möglichkeit vorbehalten mnss, nach Lage 
der Umstände das obersthoheitliche Aufsichtsre'cht bezüglich 
der Bestellung von Geistlichen in vollem Umfange zur Geltung zu 
briügen. — Soweit der Ges.-Entwurf und seine »Motive.c 

Wir fügen zur Vervollständigung des Materials noch die §§. 4 



Preusa. Ges, v, 31. Mai 1882: Abänd. der kirchevpnlit, Gesetze. 199 

und 11. des Gesetzes vom 11. Mai 1873 an, welche Art. 3. in dis- 
cretionäre Vollmachten verwandelt: 

§. 4. Zur Bekleidung eines geistlichen Amtes ist die Ab- 
legung der Entlassungsprüfung auf einem deutschen Gymnasium, die 
Zurücklegung ^ines dreijährigen theologischen - Studiums auf einer 
deutschen Staatsuniversität, sowie die Ablegung einer wissenschaft- 
lichen Staatsprüfung erforderlich. 

§. 11. Zur Anstellung an einem Knabenseminare oder Knaben- 
convicte ist die Befähigung zur entsprechenden Anstellung an einem 
Preussischen Gymnasium, zur Anstellung an einer für die theolo- 
gische wissenschaftliche Vorbildung bestimmten Anstalt die Befähi- 
gung erforderlich , an einer deutschen Staatsuniversität in der Dis- 
ciplin zu lehren, für welche die Anstellung erfolgt. 

Kleriker und Predigtamtscandidaten müssen die für Geistliche 
vorgeschriebene Vorbildung besitzen. 

Dieselbe genügt zur Anstellung an den zur theologisch-prakti- 
schen Vorbildung bestimmten Anstalten. 

Die für »ausländische Geistlichec vorbehaltene Dispense bezieht 
sich BrUf den §. 1. desselben Gesetzes, wonach ein geistliches Amt 
nur einem »Deutschen ,< der die gesetzmässige Vorbildung hat und 
dem' Einspruch der Regierung entgangen ist, Überträgen werden darf. 
§. 10. erwähnt die Aemter »als Lehrer oder zur Wahrnehmung der 
Disciplinc an »allen kirchlichen Anstalten, welche der Vorbildung 
der Geistlichen dienen (Knabenseminare, Klericalseminare, Prediger- 
und Priesterseminare, Convicte etc.)€ 

V. Das Gesetz vom 31. Mai 1882 und der Regier.-Entw. des- 
selben führen noch lange keinen Friedensstand herbei. So manche 
Bestimmungen der früheren Muigesetze, deren Bedenklichkeit früher 
vom Begierungstische selbst zugestanden war, sind unverändert be- 
lassen. Vor Allem ist noch immer stehen geblieben der »exorbitantec 
StaaispericMshof für kirchliche Angelegenheiten , der Bischöfe und 
Geistliche »absetzte und kirchlich abgesetzte wieder »einsetzt.c Es 
besteht noch die Staatsaufsicht über. die Mrchliehen Lehranstalten^ 
auch über die Priesterseminare: in Unterricht, Lehrbücher, ja sogar 
Gebete und gottesdienstliche Handlungen soll der Staat ändernd ein- 
greifen dürfen. Noch immer kann ein Geistlicher wegen in der 
Beichte verweigerter AbsottUion vor die Staatsgerichte gezogen wer- 
den u. s. w. Und wann und wie werden die durch die früheren 
3Iaigesetze der Kirche, dem Klerus und dem Volke zugefugten ma- 
teriellen Schäden wieder gut gemacht werden? 

VI. Nachschrift. Der Bundesrath beschloss endlich am 5. Juli 
1882, zu der vom Beichstag beschlossenen Aufhebung des Ges. vom 
4. Mai 1874 (s. o. S. 187 ff.) die verfassungsmässige Zt4stimmung 
nicht m gewähren. 



200 



XI. 
Das serbische Taxengesetz vom 3. April 1881. 

(Vergl. Archiv, Bd. 47. S. 97—108.) 

Dieser »Zakon o taksamac nmfasst in einem in der Belgrader 
Staatsdruckerei 1881 erschienenen Abdrucke 31 SS. 8. 

Der I. Theil enthält »allgemeine Bestimmungen über Taxen.€ 
In deutscher Uebersetzung lautet §. 1 : »Für Amtshandlungen der 
Gerichts- , Administrativ- und der sonstigen Landesbehörden ^ ^ inso- 
fern sie aus Anlass und über Bedürfniss von Privatpersonen erfolgen, 
sollen an die Staatskassen Taxen gezahlt werden , wie dieselben im 
Tarife des vierten Theiles dieses Gesetzes bestimmt sind.« 

Der §. 3. zählt die Fälle auf, in welchen eine Befreiung von 
der Taxenzahlung eintritt. Diese Befreiung erfolgt nach lU. c. »bei 
Gesuchen, Klagen, und sonstigen Eingaben solcher Personen, welche 
von dem zuständigen Gemeindegerichte ein Zeugniss beibringen, dass 
*sie unvermögend sind die Taxen zu bezahlen. Die Zeugnisse selbst 
sind taxfrei.« Taxfrei sind auch nach Ut. e. »schriftli^e Testaments« 
v^rffignngen zu wohlthätigen Zwecken.« 

Der III. Theil des Gesetzes enthält »Uebergangsbestimmungen.« 
Der Art. 37. bestimmt: »Dieses Gesetz tritt mit dem 1. Juni 1881 
in Wirksamkeit. 

Theil IV. enthält den Taxentarif und zwar A. allgemeine 
Taxen ; B. Taxen nach den einzelnen Abtheilungen. Uüter der Rubrik 
T^AUheüung des Ministeriums für CfMus- und hircMiche Angelegen^ 
heilen^ werden in dem Art 61—76. die Taxen aufgeaähU^ welche 
von den GeisÜichen^ Consistorien und Prälaten (Archijereji) erhoben 
werden. Diese (p, 21. des Taxengesetzes festgesetzten) Taxen sind 
folgende : 

61. In jedem Eheprocesse bei den geistlichen Eparchial- frcs. q, 
Gerichtshöfen ..,.....'.....• 20 — 

62. Im Falle des Appells gegen das Urtheil des Eparchial- 
gerichts I. Instanz 10 — 



1) Es liegt uns auch eine officielle »Sammlnng der Gesetze, V^ordnnngen 
and sonstigen Verfügangen des Ministeriams für Coltas nnd kirchliche Ange- 
legenheiten« f&r das Ednigr. Serbien vor, welche 1880 erschien (144 SS. 8.) 
Wir werden demnächst das Wichtigere daraus in wörtlicher, deutscher Ueber- 
setzung und minder Wichtiges im Auszuge in unsereni Arthiv mittheilen. 



Serbisches Taxengesetz vom 3, April 18SL 201 

fircs. c. 

63. Bei Gesuchen der Fremden um Ehebewilligungen . 20 — 

64. Bei Dispensen vom Aufgebote eutriehtet derjenige, 
der keine volle Steuer zahlt, keine Taxen ; derjenige, 

der die volle Steuer zahlt 20 — 

und derjenige, der darüber zahlt 15 — 

65. Für die Ehebewillignng nach erhaltenem bischöfliclien 

Segen ........'.. 100 — 

66. Für Auszüge aus den kirchlichen Begistern über Ge- 
burten, Ehen und Todesfälle — 50 

67. Für die Bestattungs-Ürkunde (Singjelia) bei der 
prresterlichen Einweihung 20 — 

68. Für den Erzpriester . . . . • . 50 — 

69. Für die Würde eines Ordensgeistlichen (Monachen) 100 — 

70. Für den Hieromonachen . , 150 — 

71. Für den Diakon (Singjel.) 160 — 

72. Für den Protodiakon (Protosingjel) 200 — 

73. Für den Klostervorsteher 300 — 

74. Für den Archimandriten 400 — 

75. Für die Bischofswürde ........... 2000 — 

76. Für die Erzbischofswürde 4000 — 

Sehr umständlich ist die Unter fertigung des Taxengesetzes (p. 31. 

des jcit. Druckes). Nach der Unterschrift des Königs M. M. Ohrenoviö^ 
folgt darunter zur Linken: »Gesehen, das . Staatssiegel beigedröckt 
der Hüter des Staatssiegels Präsident des Ministerraths und Justiz- 
minister M. 8. Firodanac.^ Sodann folgen darunter zur Rechten mit 
Wiederholungen die. Namen der Minister und zwar heisst es da: 
Präsident des Ministerraths und Justizminister M. 8. Piroöanac; 
Kriegsminister, Ehrenadjutant Sr. Hochwol. General M. Leschjnan; 
Minister für Cultus- und kirchliche Angelegenheiten 8t. NovakoM^^; 
Minister der äusseren Angelegenheiten Ced. Mijatovic^); Minister 
des Innern M. Onr alanin; Bautenminister J. P. Gudovii; Leiter 
des Finanzministeriums Ced. Mijatovi6. 

Die Art. 61—76. des Taxengesetzes haben, zu dem Conflicte 
zwischen dem Metropoliten Michaelo und dem CultuSminister resp. 
der Regierung geführt, dessen Akten und Verlauf wir bereits im 
Archiv Bd. 47. S. 97 flF. mittheilten. Der Metropolit widersetzte 



1) Ehem. Prof. der serb. Sprache und Literatur, bekannt als Literar- 
historikeir. , 

2) Bekannt als Bomanschriftsteller. 



202 Serbisches Taxengesetz vom 3. April 1882. 

sich jenen Bestimmungen des Gesetzes, welche, er als den kirch- 
lichen Canonen zuwiderlaufend und simonistisch erklärte. Aber es 
mischten sich auch politische Motive in den Streit hinein. Der 
Metropolit wurde durch die Regierung von der Verwaltung der- 
Kirche entfernt. Ein durch seine Intelligenz und Stellung mit den 
Verhältnissen in Serbien sehr vertrauter Freund schreibt uns von 
dort : »Nach meiner tiefsten Ueberzeugung ist der ganze Conflict 
muthwillig hervorgerufen worden und hat einen unhaltbaren Zu- 
stand in der Kirche geschaffen, der mit der Zerstörung der kirch- 
lichen Organisation oder mit der Demäthigung der Staatsgewalt 
enden kann.c 



203 



XII. 
Von der neuen Auflage des Freiburger KirohenlexikonsO 

liegt bereits der aus 11 Heften bestehende Band 1. (VIII. und 
2110 Sp. gr. 8.) und vom Band 2. liegen bereits zwei weitere Hefte 
(Spalte 1—384) vor. Die erste aus 12 Bdn. und einem Register- 
bande bestehende, von den Profif. Weteer und Weite redigirte Auf- 
lage erschien 1847—1854. Es folgte bald darauf protestantischer- 
seits Prof. Dr. Herzoges Real-Encyklopädie für protest. Theologie 
und Kirche in 21. Bdn. und einem Registerbande, Stuttgart und Ham- 
burg 1854—1868. Welche Art von Erdichtungen und welche Art 
von protestantischer Polemik man in dieser protestantischen Real- 
Encyklopädie gegen die katholische Kirche vorbrachte und wie man 
dabei aber zugleich zahlreiche Artikel aus dem Preiburger Kirchen- 
lexikon mit den zufälligen Druckfehlern, nur mit Weglassung pro- 
testantischerseits unbequemer Daten und Ausführungen mehr oder 
weniger wörtlich abschrieb, — darüber vgl. man das (zugleich des 
protestantischen Geheimen Kirchenrathes Professors Dr. Karl Hase 
»Protestantische Polemik gegen die katholische KircTie«) trefflich 
beleuchtende Cap. 17. (S. 148—168) der lesenswerthen, gelehrt und 
gewlindt geschriebenen Schrift * Protestantische Polemik gegen die 
kathol. Kirche, Populäre Skizzen und Studien von Heinrich von der 
C?awa, « (Preiburg i. Br., Herder'sche Verlagshandlung 1874, VIII 
u. 168 SS. 8). 

Von der protest. Real-Encyklopädie wurde 1878 (Leipzig 1878, 
J. C. Hinrichs) eine 2. verbesserte und vermehrte Auflage von den 
Professoren Herzog und Plitt begonnen und liegen bereits 4 Bände 
davon vor. Eine neue Auflage des Fteiburger Kirchenlexikons wurde 
bereits seit zwanzig Jahren geplant. Die ersten Vorarbeiten und 
einen Nomenciator dafür besorgte Dr. Weiss und nach dessen Jlin- 
tritt in den Predigerorden übernahm der als Kirchenhistoriker und 
Canonist und durch die vielseitigsten Kenntnisse auf theologischem Ge- 



1) Der vollständige Titel ist: Wetzer und Weite' 8 Kirchenlexikon oder 
Encyclöpädie der katholischen Theologie und ihrer Hilfswissenschaften. Zweite 
Aaflage in nener Bearbeitung, unter Mitwirkung vieler katholischen Gelehrten 
begonnen von Joseph Cardinal HergenrötheVt fortgesetzt von Dr. Franz 
Kaulen, Prof. der Theologie zu Bonn. Mit Approbation des Hochwürd. Capitels- 
Vicariats von Freiburg. Freiburg im Breisgau 1380 ff. Herder*sche Verlags* 
handlung. (Der Bd. ist auf 10—12 Hefte a 1 Mk. berechnet.) 



204 Hergenröther-Kaulen Kirchenlexifton 2. Aufl. 

biete hervorragende Würzburger Professor Dr. Jos. Hergenrother die 
Redaction. Nachdem dieser bereits Vieles weiter vorbereitet und ge- 
fördert hatte, musste er in Folge seiner Erhebung zum Cardinal 
schon vor Beginn des Druckes die Redaction niederlegen und auf 
seine Veranlassung übernahm dieselbe dann der als gediegener theo- 
logischer Schriftsteller bekannte Bonner Prof. Dr. Franz Kaulen, 
dem als Gehilfe Herr Dr. theol. Streber zur Seite steht und ausser- 
dem ein Mitarbeiterkreis von mehr als drittehalbhundert älteren und 
jüngeren, grösstentheils bereits bekannteren Schriftstellern aus den 
theologischen und verwandten Fächern. 

Die erste Auflage des Freiburger Eirchenlexikons enthielt im 
ersten Bande auf 952 Seiten etwas kleineren Formates in etwas 
grösserem Drucke in ganzen Zeilen mit durchlaufender Schrift die 
Artikel: Aaron — Bibelübersetzung. In der neuen Auflage ist jede 
Seite in zwei Spalten eingetheilt, etwas kleinerer, aber doch gut 
leserlicher Druck gewählt und auf 2110 Spalten in etwas grösserem 
Formate sind im Bd. 1. jetzt die Artikel Aachen-Basemath ent- 
halten. (Die bereits vorliegenden Hefte 12 und 13. vom Bd. 2. um? 
fassen auf 384 Spalten die Artikel Basilianer bis Benno H.). Obschon 
manche minder wichtige Namen und Bezeichnungen nicht mehr durch 
einen besonderen Artikel vertreten sind, enthält doch bereits Bd. 1. 
der 1. Auflage an 400 ganz neue Artikel. Die schon in der 1. Aufl. 
enthaltenen sind durchweg entweder von ihrem ursprünglichen Ver- 
fasser oder von einem neuen Bearbeiter ergänzt und verbessert oder 
durch eine ganz neue Bearbeitung ersetzt worden. Wenn schon die 
erste Auflage als ein gediegenes Werk, aus welchem man sich rasch 
über alle Zweige der theologischen Wissenschaft Belehrung verschaffen 
konnte, verdiente Anerkennung in den weitesten Kreisen gefunden 
hat, so verdient nach dem Vorliegenden zu schliessen diese zweite 
Auflage eine noch weit grössere Anerkennung. An längeren und 
kürzeren kirchenrechtlichen oder zugleich für das Kirchenrecbt wich- 
tigere Artikel finden wir im Bd. 1. 163 und weitere 14 im Hett 12 
und 13. In diesen canonistischen Artikeln sind als Mitarbeiter ver- 
treten: Alberdingk-Thijm , Bach, Bauer, fBörlage, Braun, Braun- 
müller, Brischar, Brück, fBuss, Diendorfer, f Ebert, Fehr, f Flosa, 
f Fritz, Funk, Gerlach, Grammer, Grisar, f Häusle, Hefele, Cardinal 
Hergenrother, Phil. Hergenrother, Heuser, Höfler, fHolzwarth, 
Hundhausen, Jeiler, Jungmann Kaulen, Kober, Korap, König, Kössing,- 
Kreutzwald, f Küpper, Laurin, fie Lorenzi, f^rhr. Moy, Müller, 
Neher, Pastor,, f Permaneder, Probst, Renninger, Beumont, Scheeben, 
Scherer, f Schlösser, Aloys und Otto Schmid, Schneemann, Schwane, 
Seidl, Simar, Spillmann, Stahl, Stein, Streber, fThalhofer, Thiel, 
Vering, de Waal, fWandinger, Weber, Weiss, f Wetzer, Wildt, 
Will, Wittmann, Woker; ausserdem ein Anonymus T. mit dem Art. 
Evangel. Allianz und der f Prot. H(ildenbrand) mit dem Art. Basiliken. 
Wir w<dlen in den folgenden Heften des Archivs die canonistischen 
Artikel des Kirchenlexikons im Vergleich mit denen der Herzog'schen 
Encykl. näher besprechen. 



205 



Xill. 
Literatur. 

i. Das Kirchenrecht der Katholiken und Protestanten in Deutsch- 
land von Dr. Patd MnschiuSf ord, Prof. der Reckte an der 
ünivers. Berlin, Bd. 3. IL Hälfte, Berlin^ J, Outtentag 
(D. CoUin), 1882. S. 325—668. Lex, 8. 
Auch diese von den allgemeinen und Pärtikular-Synoden han- 
delnde Fortsetzung (s. über die früheren Theile Archiv Bd. 23, S. 
182, Bd. 24. S. 14L, Bd. 27 S. 180, Bd. 41. S. 192, Bd. 45, S. 
350 f.) gibt Zengniss von grosser Bolesenheit und gelehrtem Ein- 
gehen in Einzelheiten. Dass der Verfasser nicht Katholik ist, tritt 
auch in dieser Abtheilnng entschieden zu Tage. Am Interessantesten 
ist jedenfalls die gründliche Aburtheilung der sg. altkatholischen 
Bestrebungen und Behauptungen sowohl in der geschichtlichen Er- 
örterung über die aÜg. Concilien (§. 169 f.) , als auch insbesondere 
bei der Betrachtung des Vatic. Concils (§. 172 Nr. VIII. und §. 179). 
Hinschius unterwirft die von »altkatholischerc Seite, namentlich von 
Döllinger und Schulte vorgebrachten Gründe, weshalb die Beschlüsse 
des Vatic. Concils ungültig sein sollten; einer vernichtenden Kritik. 
Er untersucht namentlich, ob das Concil, wie die »Altkatholiken« 
behaupteten^ ein unfreies gewesen sei, und trotzdem er den factischen 
•Angaben jener Glauben schenkt, findet er dennoch, dass von einem 
»rechtlich relevanten Zwange« nicht die Rede sein könne. Während 
Döllinger und Schulte behaupteten, dass die auf dem Concil versam- 
melten Bischöfe den Glauben im Wege . des Zeugnisses und zwar 
eines eimtimmig^ nicht durch blossen Mehrheitsbeschluss bekundeten 
Zeugnisses festzustellen hätten, führt Hinschius dagegen aus, dass 
die Functionen der Bischöfe auf den älteren Concilien darin bestanden 
haben, »dass sie eine urtheüende Thätigkeit darüber geübt haben, waa 
entsprechend der christlichen Lehre zum Dogma erhoben werden 
könne und dürfe und dabei auch neue Dogmen als Consequenzen der 
bisher geglaubten und gelehrten Sätze festgestellt haben.« Hinschius 
gelangt nach einer längeren Ausführung zu dem Besultate: »Die 
Lehre, dass auf den allgemeinen Concilien in Glaubenssachen Ma- 
joritäts-Entscheidungen ausgeschlossen seien, und in solchen Ein- 
stimmigkeit erfordert werde^ erscheint, auf ihr historisches Fundament 
geprüft, unhaltb^ir. Ebenso wenig aber lässt sie sich vom Stand- 
punkte der kath. Kirche innerlich und ans der Natur der Sache'be- 
gründen. Auch der Versuch Prof. Dr. v* Schulte's, aus einer Anzahl 



206 idteratur: UinachiuSj kirchenrecht IL ^. 

angeblicher Mängel der auf dem Concil befolgten Geschäftsordnung 
die Nichtigkeit der Glaubensdecrete herzuleiten, wird von Hinschius 
gründlich widerlegt. »Thatsächlich ist,« so sagt H., »auch die Mög- 
lichkeit einer ausreichenden Discussiou in Betreff des Schemas der 
constitutio de fide catholica und der constit. prima de ecclesia Christi 
gewährt worden und die Majorität hat insbesondere bei der Ver- 
handlung über das letztere ihre Macht durch unzeitige Durchsetzung 
des Schlusses der Debatte nicht roissbraucht. Trotz aller beengen- 
den Vorschriften ... hat die Geschäftsordnung eine eingehende Ver- 
handlung der Vorlagen nicht ausgeschlossen, und der Fundamental- 
satz, dass den Mitgliedern Zeit zur Prüfung solcher gegeben, sowie 
eine ausweichende Debatte zugestanden werden müsse, erscheint nicht 
verletzt . . . Abgesehen von allen diesen Erwägungen kommt aber 
noch in Betracht, dass die Majorität gegen die Bestimmungen der 
Geschäftsordnung keine Einwendung erhoben, und dass die Minorität 
zwar sowohl gegen die erste als gegen die zweite protestirt, sich in- 
dessen thatsäcfalich gefügt und an den Verhandlungen Theil genom- 
men hat. Unter diesen Umständen hat also die Geschäftsordnung 
eine allseitige thatsächlicbe Anerkennung gefunden . . .« Auch be- 
merkt H., die Geschäftsordnung habe keinen der Bischöfe gehindert, 
falls er die Vorlagen nicht genügend vorbereitet und sich selbst nicht 
für hinreichend informirt hielt, dieselben aus diesen Gründen durcfi 
ein »Non placet« abzulehnen. H. erkennt auch an, dass das Unfehl- 
barkeitsdogma nur eine Consequenz der bisher schon von der Kirche 
hinsichtlich des Primats anerkannten Grundsätze äei. Er erklärt: 
»Mit demselben Rechte, mit welchem die katholische Kirche aus 
Matthäus XVI. 18 ff., Joh..XXI. 15—17. den Primat des Papstes 
herleitet, kann sie aus diesen Stellen und aus Luk. XZII. 31 ff. auch 
die UnfeMbarkeü folgern. c 
3. De impedimentis matrimonium dirimentihus ac de processu ju' 
diciali in eausis mcUrimonialibm notiones et disceptationes ca- 
nonicae ad usum praesertim ecclesiasticorum judicum et pa- 
rochorum tum öccidentalis tum orientalis eccUsiae cum appendice 
documerUorum studio Josephi Mansella^ jur. utr. doct. s. G. de 
Propaganda fide pro rituum o$'ient. negotiis officialis. apost cane, 
sub'Summistae. Bomae. Ex typographia polyglote 1881. IX 
et 445 p. 
3. Compendium des kath. Eherechtes von J. M, /S., ehern, Frof, de& 
Kirchenr. Marburg^ Verl. des fürstb. Seminars^, 1882. 150 88. 
Mansella's Schrift ist im Verhältniss zu den lateinischen Schriften 
von Bangen (Archiv Bd. 4. S. 286, 467; Bd. 5. S. 77 ;^ Bd. 6. S. 484) 



ManseUot de imped. mair,; J. itf. 5. Comp, des kherechtesu 207 

und Feiß (Archiv Bd. 33. S. 383), ebenso wie im Verhältniss zu den 
grösstentheils oder ganz deutsch geschriebenen Ehereehten von Knopp, 
Kutschker^ Schulte und Weber sehr dürftig, enthält in der Haupt- 
sache nichts Neues oder besser Dargestelltes, als es bereits in älteren 
Schriften zu finden ist. Die gelegentliche Berücksichtigung des 
Eherechtes der unirten Orientalen ist auch nur eine sehr dürftige, 
blos auf Papp. SeilagyVs Enchiridion juris ecci. orienta cathol. 
und die Maronitische Provincialsynode von 1736 gestützte. Bezüg- 
lich der Orte, wo das Tridentiuische Eheschliessungsdecret als sol- 
ches publicirt ist« wiederholt Mansella die ganz ungenügende Ueber- 
sicht aus Perrone De Matrimonio lib. 2. Einen grossen Raum nehmen 
vier Begutachtungen von Ehenichtigkeitsprocessen ein , über welche 
der Verfasser in früheren Jahren als Advocät bei der Congr. Conc. 
seine Meinung mit abgegeben hatte, sehr breit gehaltene Gutachten, 
welche iii keiner Weise irgend welche neue Gesichtspunkte über die 
betreiSende Materie eröffnen. Das ganze Werk ist weder theoretisch, 
noch praktisch von itgend welcher Bedeutung. 

Durch eine einfache verständliche Darstellung zeichnet sich das 
Compendium des kath. Eherechtes aus, welches der ehern: Prof. des 
Eirchenr. im Priesterseminar zu Marburg herausgegeben hat. Es 
ist .das CoUegienheft des uns dem Namen nach nicht bekannten 
emeritirten Verfassers , d^r auf dem Titelblatte seinen Namen nlir 
mit dem Anfangsbuchstabeü bezeichnet und nun aut mehrfach 
geäusserten Wunsch sein CoUegienheft dem Druck übergeben hat, 
damit es Studirenden und Seelsorgern zu einiger Orientirung diene. 
Im Wesentlichen an der Hand der Anweisung aber mit Rücksicht 
auf das österr. .bürgerliche Recht ist darin Eherecht und Eheprocess 
abgehandelt. 

4. De matrimoniis miodis, Scripsit Augustinus de Roskoväny, 
episc. Nitriensis. Tom. VII. Monumenta et literaturam usque 
a. 1881 item repertorium in VIL tomos complectens. Nitriae 
1882. Typis Ed. SchempecJc & 8t. Huszär. XVIII ei 700p. 

5. Matrimonium in ecdesia catholica potestati eeclesi(isticae suitjec- 
tum. Cum amplissima collectione monumentorum et literatura. 
Auetore Augustino de Boshoväny^ epist. Nitriensi. Tom. IV. 
Monumenta et literaturam u. a. 1881 item repertorium com- 
plectens. Nitriae 1882. Typis Ed. Schempek & St. Huszdr. 
XX et 738.p. • 

Excell. Bischof. Roskov&ny gibt im Bd. 7. seines reichhaltigen 
Sammelwerkes De matrimoniis mixtis 103 Aktenstücke und die Mit- 
theilung von 216 literarischen Werken und zwar theils Nachträge 



20d Literatur: tloskoväny, t)e malr. mixtis; Matr, in ecdes. cathot. 

aus dem 17.— 19. Jahrb. zu den früheren Bänden, theils im An- 
schlags an den Band 6, welcher mit dem J. 1875 abschloss, Akten 
und Schriften aus den J. 1876—1881. Alle Länder der Welt sind 
hier wieder vertreten und auch manche nur in engeren Kreisen be- 
kannte Aktenstacke werden da mitgetheilt, so namentlich auch die 
(neuestens allerdings auch im Archiv Bd. 47. S. 464 mitgetheilten) 
ungarischen Aktenstücke über die gemischten Ehen. S. 376 — 700 
ist ein ausführliches Inhaltsverzeichniss über alle sieben Bände ge- 
geben. 

Der Bd. 4. der Monumenta über das »Matrimonium in ecclesia 
cathol. potestati ecclesiasticae subjectum« enthält 21 Aktenstücke 
aus den J. 160*4.— 1875 als Nachträge zu den früheren Bänden und 
41 aus der Zeit v. J. 1875-*1881 ; ausserdem Nachträge zu der den 
früheren Bänden enthaltenen Literatur aus dem 18. und 19. Jahrb. 
bis 1875 und die Literatur von 1876 — 1881. Beiläufig bemerkt, er- 
wähnt Bisehof Boskoväuy (p. 542), dass er mit Verwunderung in 
Dr. GrünwaU's Eheschliessuug (vgl. Archiv Bd. 47. S. 342 ff.) sich 
auch als »geistreichen Bearbeiter^ des protest. Eherechts erwähnt 
finde und dass demnach die blos über das kathol. Eherecht handeln- 
den Werke Boskoväny 's dem Herrn Dr. Grünwald gänzlich unbe- 
kannt seien. S. 544^-738 des 4. Bd. de matrimonio bildet ein ein- 
gehendes Sach-Register zu allen bisherigen vier -Bänden. Es wird 
kaum Jemand, der sich zur Aufgabe macht, alle Aktenstücke und 
Literatur über das Eherecht zu sammeln, nicht doch das eine oder 
andere oder auch eine grössere Zahl von Aktenstücken und literari- 
schen Nach Weisungen bei Boskoväny finden, die ihm sonst wohl^anz 
unbekannt geblieben sein würden. 
6. Kirchengeschichtliches in chronologischer Reihenfolge von der 
Zeit des Vaticanischen Goncüs bis auf unsere Tage, Mit Be- 
rücksicktigting der hirchenpolitischen Wirren. ZusamfnengestelU 
von Dr, Herrn, Rolfus. Fortges. von Conrad Sickinger, Dritter 
Band. Erste Lief, Das Jahr 1Q75. Maine, Kupferberg, 1882. 
VII t«. 256 SS. 

In raschiBr Folge (vgl. Archiv Bd. 47. S. 349 f.) erhalten wir 
hier die das Jahr 1875 in chronologischer Folge in seinen kirchlich- 
politischen Ereignissen darstellende erste Lieferung des dritten Bandes 
der reichhaltigen Sammlung. Es sind in dieser Lieferung auch nicht 
weniger als 33 Aktenstücke vollständig abgedruckt, von denen die 
weitaus meisten wieder den preussischen Culturkampf betreffen. Je- 
doch sind in dem Werke auch ferner nicht blos die Vorgänge in ganz 
Deutschland und Oesterreich, sondern die des ganzen Erdkreises na- 



bchsenhfAn, Tnquis.-Process wid, die Waldenaer in Freib, ». d, Schw. 209 

menflich die von Italien, Frankreich und Russland zusammengestellt, 
meistens nach den Berichten der Germania. Vering. 

7. Aus dem schweizerischen, Volksleben des 15, Jahrhunderts. Der 

Inquisüionsprocess wider die WaMenser zu Freiburg i, U. im 

Jahre 1430 nach den Akten dargestellt von Gottl. JFViedr. 

Ochsenbein, gew. ref. Pfarrer zu Freiburg. Bern, Verlag 

Dalp'sche Buchhandlung, 1881. 8. 410. 
Das Material der Inquisition, welches bisher zumeist aus Spanien 
entlehnt wurde, ist für die zahlreichen protestantischen Geschichts- 
forscher der Gegenwart nicht mehr zureichend ; desshalb müssen 
abermals die alten Eatharer- und Waldenserprocesse aus dem Staube 
vergessener Archive heraufbeschworen werden, um doch ebenfalls ihr 
Schärflein zu dem von der Tagesordnung noch nicht abgesetzten 
Culturkampfe beizutragen. Nachdem der Verfasser in der »Vorbe- 
merkung« so wie in der etwas misslungenen Allegorie vom »ge- 
frornen Wasser« der religiösen Systeme (S. 3.) seinen exclusiv pro- 
testantischen Standpunkt ganz unzweifelhaft gekennzeichnet, glaubt 
derselbe zur Orientirung für den weiteren Leserkreis einen Ueber- 
blick des Sektenwesens im Mittelalter vorausschicken zu müssen, 
wobei insbesondere die Eatharer, Waldenser und Albigenser berück- 
sichtiget werden ; auf die Verbindung der Waldenser mit den böhmi- 
schen Brüdern (die hier irrthümlich mit den Hussiten identifizirt 
worden) ist ein allzu grosses Gewicht gelegt, wie es der Geschichte 
keineswegs entspricht. Hierauf folgen die Akten der 3 zu Freiburg 
stattgehabten Processe gegen die Waldenser, nämlich aus dem Jahre 
1399, 1429 und 1430, wovon der letzte am ausführlichsten geschil- 
dert wird. Die ProtocoUe erscheinen hier in deutscher Uebersetzung 
("die Originale sind lateinisch, ein kleiner Theil im freiburgischen 
Patois geschrieben) und zwar nur zum Theile wörtlich, sonst blos 
im Auszuge, begleitet von Einstreuungen des Verfassers obiger Schrift. 
Das Resultat des dreifachen Processes ist keineswegs darnach ange- 
than, die blutdürstigen Erwartungen mancher Gegner der katholi- 
schen Kirche zu befriedigen. Denn es endet der erste Process mit 
Freisprechung des Angeklagten (S. 124); im zweiten Processe wur- 
den einige Geldbussen auferlegt und sollen zwei Menschen zum 
Feuertode veturtheilt worden sein (S. 170). Der dritte Process end- 
lich, welchen der Verfasser theatermässig in 3 Akten zur Darstel- 
lung bringt und demselben mit wahrem Huronen-Huraor einige 
»Galatage« einschaltet, endigt mit der Verurtheilung einiger Ange- 
klagten zum Kerker, Güterconfiscation und öffentlichen Busswerken 
(S. 238 — 298). Der dogmatische Kern der Arbeit liegt darin, dass 

Archiv für Kirchemrecht XLVin. 14 



210 tdteratur: Journal du Presbytkre. 

der Verfasser die Waldenser zu Vorläufern der Reformation stempelt 
(S. 382 ff.). Für den Geschichtsforscher dürfte unser Buch kaum 
irgend welche nennenswerthen Resultate und Entdeckungen von bis-' 
her unbekannten Thatsachen aufweisen. Dass der Verfasser nicht 
blos im Allgemeinen die bekannten Fusstritte der katholischen Kirche 
zu versetzen pflegt, sondern von der Inquisition durch ein nicht mehr 
ungewöhnliches Saltomortale sogar auf die Infallibilität überspringt, 
gehört lieutigen Tages so. sehr zur Mode und zum Charakter eines 
protestantischen Geschichtschreibers, dass wir uns .nur hätten ver- 
wundern müssen, wenn der reformirte H. Pfarrer es über sich ge- 
bracht hätte, in diese schon recht breit ausgetretenen Fusstapfen 
sovieler Vorgänger nicht hineinzutreten. 

Prag. Prof. Dr. Borovy. 

8. Journal du Preshytere, Paris 1882. (2, Passage des Petits^ 
Peres,) VL Anee. 

Die im Archiv Bd. 47. S. 476 als wiedererstanden angekündigte 
Correspondence de Rome ist bereits Mitte Mai wieder eingegangen 
und es wird den Abonnenten dafür als Ersatz das ganz gleichartige, 
im 6. Jahre erscheinende Sonntagsblatt: »Journal du Presbytere« 
dargeboten. (Preis 10 Frcs. jährlich, wozu in Oesterreich ein 2kr. 
Stempel für jede Nr. hinzukommt.) An der Spitze dieses Spnntags- 
blattes stehen in chronologischer Folge die neuesten Erlasse des 
Papstes und der päpstlichen Behörden in französischer üebersetzung, 
selten wie z. B. der päpstliche Erlass über die Reform des Basilianer- 
ordens in Qalizien in der Nr. vom 21. Mai 1882 geschah, im la- 
teinischen Originaltext und zugleich in französischer üebersetzung. 
Den übrigen Inhalt des Journ. du Presb. bilden eine kirchenpolitische 
Wochenübersicht, die Mittheilung wichtiger Kundgebungen des franz. 
Episcopats und überhaupt kircliliche und kirchenpolitische Nach- 
richten und Correspondenzen. 

Vering. 



211 



XIV. 

Kleine Mittheilungen. 

1, Die Umwandlung der episcopi in partibus infidelium in Titular- 
hischöfe. Das päpstliche Jahrbuch »La Gerarchia catholicac für 1882 fahrt, 
wie wir der Köln. Volksztg. 1882 Nr. 90 III. Bl. Corr. aus Born vom 26. März 
entnehmen, keine Bischofssitze in partibus itifidelium mehr auf. Bisher 
wurde bekanntlich diese Bezeichnung den Namen derjenigen Bisthümer beige- 
setzt, welche in den ersten christlichen Jahrhunderten gegründet, später aber 
durch die Ausbreitung des Muhamedanismus zerstört waren. In neuerer und 
neuester Zeit sind aber manche Landstriche in Europa wie in Asien vom türki- 
schen Beiche getrennt worden und an Staaten gekommen, deren Eegiemngen 
und Bevölkerungen sich zwar nicht zur rom.-kathol. Kirche, aber doch zum 
Ghristenthum bekennen, und desshalb nicht als Ungläubige (infideles) bezeich- 
net werden können. Da aber die dort ehemals bestandenen Diöcesen noch nicht 
wieder hergestellt werden können , und andererseits die katholische Kirche auf 
Erhaltung der Tradition bedacht ist, so hat der h. Vater auf Vorschlag der 
Propaganda-Congregation die Anordnung getroffen, dass fortan überhaupt die 
Bezeichnung »Bischof in part. infid.« durch das Prädicat »Titularbischof« er- 
setzt werde, gleichviel ob der Ort des betreffenden Bischofssitzes in einem von 
Muselmännern oder von Christen beherrschten Lande liegt. Die wirklichen 
Bisthümer dagegen werden im Jahrbuche nach wie vor als »Besidentialsitze« 
aufgeführt. 

2. Das Exequatur und die italienische Regierung, Ein für die 
kirchenfeindliche Haltung des jetzigen italienischen Ministeriums höchst 
charakteristisches Document publicirte der »Corriere di Torino.c Dasselbe ist, 
wie die Germania Nr. 196 vom 1. Mai 1882 berichtete, auch ein Beitrag zur 
Illustration des von den Itallianissimi eingeführten Exequaturs* Das Exe- 
quatur ist die Zustimmung der Begierung zu der Ernennung der Bischöfe durch 
den Papst und ohne dieselbe gelangen die Bischöfe weder in den Besitz ihrer 
Einkünfte, npch in den ihrer Palais, wenngleich ihnen in Bezug auf die Leitung 
der Diöcesen, einen oder zwei Fälle abgerechnet, bisher keine Schwierigkeiten 
bereitet wurden. Immerhin bringt die Nichtertheilung des Exequaturs zahl- 
reiche Plackereien für die Bischöfe mit sich, die ihnen eine normale Verwaltung 
der Diöcesen äusserst erschweren. Aus diesem Grunde hat denn auch der h. 
Stuhl den. Bischöfen im Jahre 1877 die Nachsuchung desselben im Interesse der 
Gläubigen gestattet. (VgL Archiv Bd. 38. S. 30 ff.) 

Um nun auf den speciellen Fall zurückzukommen, so hat bekanntlich der 
Erzbischof von Bologna^ Cardinal Parocchi, jüngst auf seine Diöcese re- 
signirt und residirt jetzt mit Zustimmung des h. Vaters zu Bom. Cardinal 
Parocchi wurde zum Bischof von Bologna vor mehr als 2 Jahren ernannt und 
suchte sofort bei der Begierung das Exequatur nach. Er erhielt es nicht. Der 
angesehene Senator Pepoli, der vor einigen Jahren verstarb, verwendete sich 
für den Cardinal höchsten Ortes vergebens, vergebens interpellirten auch Depu- 
tirte den Minister in der Kammer. Der Minister versprach eine nochmalige 

14* 



212 Das Exequatur und die Uatieniache Regierung (188^), 

Untersiichang des Falles nicht nur der Kammer, sondern auch dem Senator 
Grafen Ldnaii, aber das Exequatur erhielt der Cardinal nicht und schliesslich 
sah er sich im Interesse der Diöcesanen gßnöthigt, zu resigniren. 

Angesichts dieses Factums publifärte nun der Senator Linati im »Cor. di 
Torinoc ein vom 22. Januar 1882 datirtes und an den Juatizminister gerich- 
tetes Sehreihen. In dem Ueberweisungsschreiben an die Bedaction drückt der 
Senator, also ein Freund des einigen Italiens, seine Entrüstung über die Re- 
gierung also aus: »Die dort (in meinem Schreiben an den Minister) berührten 
Dinge bestärken in ihrer Meinung diejenigen, welche sofort aus vielen anderen 
Proben schlössen, dass das Garantiegesetz für die Leiter der öffentlichen An- 
gelegenheiten Wider einen gesetzlichen noch auch moralischen Werth 
hat; bestärkt werden sich in ihrer Meinung diejenigen fühlen, welche glauben, 
dass die siegreichen Parteien, mögen sie einen Titel führen, welchen sie wollen, 
mögen sie Interessen zu vertheidigen vorgeben, welche sie wollen, keine anderen 
Gesetze kennen, als die ihrer Interessen, kein anderes Recht, als das ihrer 
Willkür, und keine andere Freiheit, als die, welche ihren Hass und ihre Lei- 
denschaften befriedigt.c 

In dem zwei Spalten füllenden Schreiben an den Minister erinnert Senator 
Linati denselben daran, dass er ihm vor sechs Monaten eine nochmalige Unter- 
suchung des Falles von Bologna zugesagt, und geht dann den Verlauf der 
Sache durch. Der Erzbischof habe gesetzlich ernannt das Exequatur sofort 
nachgesucht. Die Präfectur und die Stadtverwaltung voii Bologna hätten je- 
doch erklärt, »das öffentliche Verhalten des Erzbischofes in Wort und That sei 
ein derartiges, dass seine Installation zu Bologna Veranlassung zur Missstim- 
mung und vielleicht za Unordnungen geben konnte.« Darauf habe der Staats- 
rath das Exequatur nicht ertheilt. 

In einem freien Lande, sagt der Senator dem Minister, sollten person- 
liche Ansichten niemals ein Grund zur Ausschliessung von öffentlichen Aemtem 
sein, und noch weniger von solchen Aemtem, in denen der Begierung gesetz- 
lich keine Initiative zusteht. Auf die Missstimmung des Volkes darf angesichts 
eines positiven Rechts, wie es die päpstliche Ernennung war, nicht Bücksicht 
genommen werden, und zwar um so weniger, als der Erzbischof seit Langem 
öffentlich sein Amt versah, ohne dass irgend ein Factum die Befürchtung 
der Localbehörden rechtfertigte. 

Einige Jahre später machte auf die Vorstellungen des Senators Pepoli 
und die meinigen der damalige Justizminister das formelle Versprechen, das 
Exequatur zu ertheilen, falls seit dem ersten Gesuch nichts Belastendes vorge- 
kommen. ,Auf die Anfrage des Ministers erklärte der königliche Generalpro- 
curator und die Präfectur, »gegen die Haltung des Erzbischofs sei nichts 
einzuwenden und die Bevölkerung hänge an ihm,< und wenngleich die Stadt- 
verwaltung anderer Meinung war, sprach sich der Staatsrath dieses Mal für 
die Ertheilung des Exequatur aus. Trotzdem crtheilte der Minister dasselbe 
nicht. Also, sagt der Senator, das schlechte Zeugniss der Behörden hat bei 
Ihnen, Herr Minister, Werth, das gute ist werthlos. Und so spotten Sie der 
Mitglieder des Parlaments? Welcher vernünftige Staatsmann kann dem gün- 
stigen Votum der Regierungsorgame das Nachtheilige des Stadtrathes vor- 
ziehen, der wohl für die materiellen, aber nicht über die moralischen und reli- 
giösen Interessen der Stadt competent ist? »Eine Regierung kann nicht, ohne 
sich zu erniedrigen, ihre öffentlichen Akte von dem bösen Wollen und der 




Italienischer Mimst-ErL über das Exequatur (1S82), 213 

Willkür Weniger abhängig machen. Sie kann nur zwei Normen haben : die 
Wahrheit and das Gesetz.« Uncf welchen Nutzen, fährt der Senator fort, hatte 
denn die Nichterhöruug des zweiten Gesuchs ? Handelte es sich um die Ein- 
behaltung einiger Tausend Francs, oder um die Befriedigung des Hasses weniger 
Gegner? War es weise, diese Schmach einem Bischof anzuthun, der ruhig seit 
Jahren unter unserea Augen sein geistliches Amt ausübte ? War es weise, der 
katholischen Welt eine weitere Probe sectirerischer Intoleranz zu geben 
und die dem Papst gegebenen Garantien als illusorisch zu kennzeichnen? 
War es weise, im gegenwärtigen Momente so zu handeln, wo die Regierung 
sich bemühen sollte, dem Papst jeden Grund zu Klagen zu nehmen? »Nein, 
Herr Minister, weder ein Nutzen, noch auch eine weise Politik rechtfertigen 
den Bruch oder die weitere Verschleppung eines gegebenen Versprechens und 
die Erfüllung eines Aktes, der ebenso gerecht, als klug und durch legale Do- 
cumente gerechtfertigt dem Geiste des Gesetzes entsprach und von der haus- 
backenen Klugheit empfohlen wurde.« 

»Ich zw;eifle nicht, dass Sie schliesslich das Recht des Erzbischofs aner- 
kennen, dass es sich schliesslich zeigen wird, wie die Regierung des Königs sich 
über den elenden Parteihass zum wahren Wohl des Vaterlandes; zur Ehre 
der vaterländischen Gesetze «rheben wird.« 

So schrieb Senator Linati, ein eifriger Anhänger des einigen Italiens, im 
Januar. Er hatte die culturkämpferischen und kirchenfeindlichen Tendenzen 
der Minister nicht in Rechnung gezogen. Enttäuscht publicirte er'nun selbst 
das erfolglose Schreiben. Aus jeder Zeile desselben spricht TJeberzeugung, aber 
auch gerechte Entrüstung, Als Beitrag zur jüngsten Kirchenpolitik der Re- 
gierung König Humbert's ist der Brief um so werthvoUer, als Linati ein be- 
geisterter Anhänger des Monarchen ist. 

Bezüglich der Ertheilung des Exequatur erging, wie verschiedene Blätter 
in der zweiten Hälfte des April 1882 aus Rom meldeten, eine neue Verfügung 
des Ministers für Justiz und Cultus Zarnadelli im Einverständnisse mit den 
übrigen Ministem. Darin wird erstens verlangt, dass für alle diejenigen Bischofs- 
sitze, auf welche die italienische Krone als Rechtsnachfolgerin der früheren 
Landesherren Patrouatsrechte beansprucht, vor der Präconisation eines neuen 
Bischofs die kgl. Ernennung des Betreffenden nachgesucht werde. Zweitens soll 
von den neuen Bischöfen der übrigen Diöcesen, auf welche die Regierung keine 
Patrouatsrechte erbebt, das kgl. Exequatur vor ihrem Amtsantritte nachgesucht 
werden, und es wird in dem besagten Schriftstücke strenge betont, dass, wo- 
fern ein neuer Bischof einen Hirtenbrief erlasse oder von seinem Sprengel Be- 
sitz ergreife, oder sonst eine Amtshandlung vornehme, ohne vorherg^legangene 
staatliche Anerkennung, diese ihm in Zukunft unerbittlich verweigert werden 
soll. Als Motiv für diese Verschärfung der bisherigen Bestimmungen gibt der 
Minister das feindselige Verhalten an, welches der Papst in letzterer Zeit deni 
Königreiche Italien gegenüber beobachtet habe. Wenn wir aber die Regierungs- 
handlungen Leo's XIII. seit seinem Amtsantritte betrachten, so finden wir, dass 
er stets aufs Sorgfaltigste Alles vermieden hat, was zu neuen Reibungen zwi- -^ 
sehen der Kirche und den Staatsbehörden Anlass oder auch nur Vorwand bitten 
könnte. Die Rechte der Kirche und des h. Stuhles zu wahren, wegen der Hin- 
dernisse, die ihm und den Bischöfen bei Ausübung ihres oberhirtlichen Amtes 
von der italienischen Regierung in den Weg gelegt werden, vor Gott und der 
Welt feierlich zu protestiren, das "war ihm Gewissenspflicht; aber im «Uebrigen 



214 Aniirel. Lehrercongr, in Mailand (1881). — Das Edict r. Tegemsee. 

hat er stets das grdsste Entgegenkommen gezeigt and ist in seinen Concessionen 
bis zu den änssersten Grenzen des Möglichen gegangen. Und nnn wird ihm so 
dafür gelohnt von denselben Leaten, die den Grundsatz aufstellen : »Freie Kirche 
im freien Staate.« Ein Bischof ohne Exequatur ist in der Unmöglichkeit, seine 
Diöcese zu verwalten; denn er entbehrt nicht nur die Temporalien, sondern er 
kann auch keine Ernennung zu einem Pfarramte oder sonstigen Beneficium vor- 
nehmen, weil alles Besitzthum der vacanten Beneficien vom Staate verwaltet 
und nur dann an die neuen Inhaber derselben verabfolgt wird, wenn diese eine 
Ernennungsurkunde von euiem staatlich anerkannten Oberen vorlegen. Bisher 
hatte die Regierung sieh damit begntlgt, dass die Bischöfe ihre Ernennung an- 
zeigten, und schon vor dem Eintreffen der staatlichen Anerkennung ihr Amt 
antraten; denn nur in einzelnen Ausnahmefällen wurde das Exequatur verwei- 
gert. Fortan sieht der Papst sich aber durch die italienische Regierung auch 
in seinem bisher geübten Rechte der freien Ernennung der Bischöfe behindert. 
(Die betr. Klagen des Papstes in d. Alloc. v. 3. Juli 1882 s. im folgenden Hefte. 

S. Ein antireligiöser Lehrercongress in Italien, In Mailand tagte 
im October 1881 ein pädagogischer Congress, Zu demselben waren, wie 
man der Köln. Volksztg. vom 12. Oct. 1881 Nr, 282 I. Bl. meldete. Lehrer und 
Lehrerinnen aus ganz Italien erschienen. Der Unterrichtsminister Bacelli hatte 
dem Congress u. A. auch folgende Frage vorlegen lassen: Ist es passend, den 
Religionstmterricht in dem Lehrplane der Elementarschulen beizubehalten? 
Eine christliche Lehrerin hatte den anerkennenswerthen Muth , diese Frage zu 
bejahen , indem sie den heilsamen Einfluss der Religion auf die Herzen der 
Jugend hervorhob und den Nachweis lieferte, dass die Religion zu allen Zeiten 
und bei allen Völkern die erste Grundlage des Unterrichtes der Jugend ge- 
bildet habe. Die im Saale anwesenden Sectirer nahmen den Blick fest auf den 
Unterrichtsminister gerichtet, welcher ebenfalls Zeichen der Missbilligung gab, 
die muthigen Worten der christlichen Lehrerin mit Murren, Scharren mit den 
Füssen und anderen Zeichen des Missfallens auf, worauf der Minister selbst das 
Wort ergriff, um auszuführen, dass man die Elementarschüler zu guten Pa-< 
trioten heranbilden und durch die Erfahrungs- Wissenschaft erziehen müsse. Die 
Religion verlange von den Menschen blinden Glauben und blinde Unterwerfung, 
während die Erfahrungs- Wissenschaft den Gebrauch der VerViunft verlange. Ein 
constitutioneiler und liberaler Minister widerspricht also öffentlich einer christ- 
lichen Frau, welche den Muth hat, die Rechte des Gewissens zu vertheidigen 1 

4, Die bayerischen Kammern und das Edict von Tegernsee, 
Der Referent der bayer. I. Kammer über den im Archiv Bd. 47. S. 351 Nr. 2 ge- 
meldeten Beschluss der Abgeordnetenkammer, die Tegernseer Erklärung be- 
treffend, Reichsrath Frhr. v, Schrenk schlug den Beitritt zu dem Beschlüsse 
der II. Kammer vor. 

Sein Bericht schloss mit folgenden Sätzen: Wenn der Antrag erbittet, 
dass bei Auslegung und Anwendung von Bestimmungen der IL Verfassungs- 
Beilage die Allerhöchste Entschliessung vom 15. September 1821 zur Richt- 
schnur dienen möge, so bezweckt er etwas anderes nicht, als dass für An- 
wendung solcher Bestimmungen des Edictes U, welche mit jenen des Concordats 
sich nicht im Einklang befinden, die in den erwähnten höchsten Erlassen vor- 
gezeichneten Auslegungsnormen als massgebend erachtet werden wollen. Eine 
Bitte, Reiche sonach nur die Aufrechthaltung dessen im Auge hat, was von 
der königl. Staatsregierung selbst wiederholt als der gegebenen Sachlage ange« 



Die bayerische I. Kammer und das Edict von Tegernsee (18S2). 215 

messen bezeicbn^ worden ist« kann als eine unzulässige oder irgendwie be- 
denkliche nicht bezeichnet werden, und es wird, wenn dies zugestanden ist, 
sich nur noch um die Frage handeln, ob Anlass gegeben sei, eine derartige 
Bitte zu stellen. Der Herr Staatsminister des Innern für Kirchen- und Schul- 
Angelegenheiten bat in der Sitzung der Kammer der Abgeordneten am 7. März 
d. J. die Erklärung abgegeben, dass die Allerhöchste Entschliessung vom 
15. September 1821 nicht aufgehoben sei, und dass, wenn in derselben — wie 
es ja in Bezug auf die Ableistung des Eides auf die Verfassung der Fall ist — 
eine Beruhigung gefunden werden wolle, ihr diese Wirkung unbenommen bleibe; 
er hat aber dorselben jede weitere Bedeutung abgesprochen, somit auch jene, 
welche die vorerwähnten höchsten Erlasse von 1845, 1852 und 1854 derselben 
beigelegt hatten. Dieser Anschauung gemäss ist denn auch 'die Ministerial- 
Eutschliessung vom 8. April 1852, den Vollzug des Concordats betreffend, durch 
welche den in der Denkschrift des Episcopats vom 2. November 1850 kundge- 
gebenen Wünschen Zugeständnisse gemacht worden waren, unter'm 20. No- 
vember 1873 ausser Wirksamkeit gesetzt worden, und damit insbesondere auch 
die Bestimmung unter Ziffer 1. derselben , welche die vorerwähnte Vorschrift 
fdr Ai^slegung und Anwendung mehrdeutiger oder zweifelhafter Stellen der 
II. Verfassungs-Beilage gegeben hatte. Die betreffende Ministerial-Entschliessung 
vom 20. November 1873 ordnet dagegen unter Ziff. I, Absatz 1, an; »Es sollen 
in allen bei den Verwaltungsstellen und Behörden vorkommenden Geschäfts- 
gegenständen kirchlicher und kirchen-politischer Natur, wie es der Staatsver- 
fassung entspricht, die bestehenden Grundgesetze des Staates sowie die übrige 
hierher bezügliche Gesetzgebung des Landes die Norm geben und nach den 
Regeln des Rechts ihrem ganzen Inhalt nach zur Anwendung gebracht werden.« 
Dieselbe schliesst sonach jede die Gegensätze zwischen dem Edict II. und dem 
Concordat möglichst vermittelnde Auslegung, wie solche bis dahin vorgeschrie- 
ben und in Anwendung gebracht worden war, aus, und es scheint mir desshalb 
allerdinga Anlass geg^en zu sein, die Bückkehr zu der früheren Auffassung 
und Uebung allerunterthänigst zu erbitten. 

Am 18- April 1882 wurde , freilich mit 12 gegen 10 Stimmen der Be- 
schluss der Abgeordnetenkammer bezüglich der Tegeruseer Erklärung von der 
Reichsrathskammer abgelehnt, aber die betreffenden Verhandlungen sind, wie 
wir der Germania 1882 Nr. 178 entnehmen, keineswegs unfruchtbar gewesen. 
Sie haben den Min. v. Lutz genöthigt, seine Maske noch mehr, wie bisher, zu 
lüften und sie haben dem Erzbischof von München Veranlassung gegeben, 
klar und entschieden den Standpunkt der bayerischen Bischöfe zu kennzeich- 
nen und damit die Hoffnungen der Gegner auf Uneinigkeit und Nachgiebigkeit 
des Episcopates gründlich zu Schanden zu machen. Minister t\ Lutz meinte, 
man dürfe nicht übersehen, dass die bayerische Regierung das Concor dat, 
80 wie es der bayerische Gesanite in Rom am 5. Juni 1870 mit zweifelloser 
Ueberschreitung seiner Instructionen abgeschlossen habe, nicht für acceptabel 
erachtete. Die bayerische Regierung sei einhellig der Meinung gewesen, dass 
das Concordat in dieser Weise nicht angenommen und eine Ratification desselben 
Sr. Maj. dem Könige nicht empfohlen werden könne. Darüber sollen die Akten 
den zweifellosesten Aufschluss geben.. Die Ratification sei schliesslich erfolgt, 
weil sich das Ministerium dahin geeinigt habe, dass das Concordat nicht vor 
der Verfassung publicirt werden dürfe, und dass bei der Erlassung der Ver- 
£aa9ung die unveräusserlidien Rechte des Staates und die Verhältnisse der 



216 Die bayerische L Kammer und das Edict von Tegemsee (1882), 

Katholikoi zu den Andersgläubigen gewahrt» bezw. geregelt werden müssen. 
Dass diese Schilderung die Loyalität der damaligen bayerischen Begiening im 
schlimmsten Lichte darstellt , brancht kaum bemerkt zu werden. Glaubte die 
dama%e Regierung, der Gesandte habe seine Insti^iictionen überschritten, so 
konnte sie ihn desavouiren; hielt sie das Concordat für unannehmbar, so konnte 
sie es ablehnen. Aber es äusserlich anzunehmen, mit der Absicht der Hinter- 
gehung — das war ein Betrug am Papste, an den Katholiken Bayerns, am 
Recht und an der Wahrheit. Hören wir weiter, was Herr y. Lutz sagte. Die 
Regierung habe damals die Hoffnung gehegt , d^s sich die Curie dabej be- 
ruhigen werde. Der römischen Curie sei offen erklärt worden, dass eine solche 
Erklärung, wie die Tegernseer Erklärung, keinerlei rechtliche Wirkung haben 
könne, nachdem sie nicht von den drei gesetzgebenden Factoren beschlossen 
worden sei. Die Curie habe davon Akt genommen. Diese Darstellung des 
leitenden bayerischen Ministers wird voraussichtlich noch weitere Erörterungen 
zur Folge haben, so dass wir heute darüber hinweggehen können. Der zweiten 
Eanmier, so führte Herr v. Lutz weiter aus, sei es nicht um eine vermittelnde 
Ausgleichung in zweifelhaften Fällen zu thun, es sei der zweiten Kammer viel- 
mehr darum zu thun, jene allen Zweifeln entrückten, ganz bestimmten Normen, 
welche sie mit dem Concordate nicht vereinbar halte, von der Anwendbarkeit 
auszuschliessen ; der Abg. Rittler habe in der Sitzung vom 7. März d. J. dar- 
über keinen Zweifel gelassen. Redner könne nicht in Aussicht stellen, dass 
dem Beschlüsse der Kammer der Abgeordneten stattgegeben werde. In der 
Richtung sei er mit dem Referenten einverstanden, dass vermittelnd vorgegaageu 
werden solle. Von Bedeutung sind dem gegenüber die Erklärungen des Erz- 
bischofn von München, Dr. v. Steichele. Redner wollte zwar nicht auf die 
Geschichte der Tegernseer Erklärung weiter eingehen, allein dass sie eine Be« 
deutnng habe, könne er durch ein eigenes Erlebniss bekunden. Als er nämlich 
im Jahre 1841 Domvicar geworden sei und den Eid auf die Ver&ssung zu leisten 
gehabt habe, habe ihin der Reichscommissar erklärt, dass der Eid nur unter 
dem Vorbehalt der Tegernseer Erklärung abzulegen sei. Redner führte 
sodann aus, dass er die Verordnung vom Jahre 1873 bedauere; es wäre ein 
modus vivendi zu finden gewesen, denn wenn man nach der Verordnung von 
1852 hätte vorgehen können, so hätte die Kirche noch einigermassen ihre Areie 
Bewegung gehabt. Von seinem und semer AmtsbrUder Standpunkt aus 
könne er erklären, dass sie von den Bestrebungen j den Forderungen^ 
den Bitten und Wünschen des bayerischen Episcopates^ wie sie in den 
50er Jahren gestellt worden seien, nicht abgehen können und dass sie 
die Wahrung der Rechte der Kirche, wie sie in einem Gesuche an Se, 
Majestät den König vom 28, April 1852 betont worden sei^ noch heute 
aufrecht erhalten, Redner wünsche, es möge auf legalem Wege ein Aus- 
gleich zwischen Concordat und Religionsedict sich erzielen lassen und es dazu 
kommen, dass Staat und Kirche in Einigkeit und Frieden mit einander 
wandeln. 

Eine Ende April 1882 erschienene Broschüre : »Offenes Sendschraben an 
die Freunde der bayerischen Krone von Anton Eberhard^ (30 S. gr. 8o Re- 
gensburg, Pustet) handelt im Gap. 2. von der bayerischen Verfassungsurkunde, 
im Cap. 3. vom Concordat und dem Religionsedict , im Cap. 4. von dem Ver- 
halten der Katholiken, im Cap. &. über das Königswort von Tegernsee etc. Der 
Verfasser bemerkt bezüglich des Widei^pruches zwischen Concordat und Reit- 



Die bayerische L Kammer und das Edicl vo7i Tegemsee (1S62). 217 

gionsedict : Die der katholischen Kirche durch ersteres zuerkannten Kechte hät- 
ten derselben schon vor dem Concordat gehört , welches nicht den Katholiken, 
wohl aber dem König Privilegien rerliehen habe. Das von dem protestantischen 
Rechtslehrer Feuerbach ausgearbeitete Beligiousedict beruhe auf rein protestan- 
tischen lOrchenrechtsanschauungen und sei für die Katholiken da überall nicht 
bindend, wo es den Bestimmungen des Conconlatä widerspreche. Das Religions- 
edict enthalte Gewissenszwang für die Katholiken, den die Verfassungsurkunde 
untersage. Als der römische Stuhl über den einseitigen Erlass des Religions- 
edictes unterrichtet wurde , habe der Papst Priestern und Laieil die Eideslei- 
stung auf die Verfassung, als eine Uebertretung der Gebote Gottes und der 
Kirche, verboten. In der allgemeinen Unruhe und Unzufriedenheit erschien das 
Königs wort von Tegernsee, und mit ihm kehrte wieder Ruhe, Frieden und die 
Bereitwilligkeit, die Verfassung zu beschwören, in's Land zurück. Dieses Wort 
wurde denn auch in ganz Deutschland als gesetzlich giltiger Act des yerfas- 
sungsgebers angesehen. Der Verfasser ist der Ansicht, das mit Rechtswirkung 
versehene Königswort von Tegemsee schliesse keine Verfassungsänderung in 
sich, weil die Verfassung selbst den König berechtige, in Bezug auf das Con- 
cordat zu handeln ohne Mitwirkung und ohne Zustimmang der Stände. Dies 
hätten auch die Stände schon auf dem ersten Landtage 1819 anerkannt, indem 
sie aussprachen : »Das Concordat hätte bei der Stände- Versammlung nur dann 
ein Gegenstand der Diskussion werden können, wenn es nach erlassener Ver- 
fassungsurkunde geschlossen worden, und dermalen die Frage davon wäre, das- 
selbe zu einem Gesetz zu erheben. Das Concordat liegt «usser dem Bereich der 
Stände.« In diesem Betreff sagt Art. -XVII, der Convention : »Sollte aber in 
Zukunft sich ein Anstand ergeben , so behalten Se. Heiligkeit und Se. königl. 
Majestät sich vor , sich darüber zu benehmen , und die Sache auf freondschaft- 
liche Weise beizulegen. «< »Ist nun,« folgert der Verfasser, »die Frage, in wel- 
chem VerhältniBs steht das Concordat zum Religionsedict, so muss weiter ge- 
fragt werden : welches war hierüber der Sinn und der Wille des Gebers der 
Verfassung?« Nun hat aber König Max Joseph auch nach 1818 allein das 
Recht zu sagen , »so und so habe ich die Verfassung verständen , und so und 
so will ich sie verstanden wissen.« Das kann keiner seiner Nachfolger sagen. 
Abändern konnte König Max I. nach 1818 die Verfassung nicht mehr ohne Zu- 
stimmung der Stände ; aber die Bestimmung ihres Sinnes war seine Berechti- 
gung als Gesetzgeber der Verfassung , und dies besonders für das Concordat, 
welches einer verfassungsmässigen Behandlung in keiner Weise unterliegt. 
Wenn es, also nie und nimmer erlaubt ist, gegen den Willen des Gesetzgebers 
ein Gesetz auszulegen, dann ist es auch nicht erlaubt, das Verhältniss des Con- 
cordates zum Religionsedict gegen den Sinn und Willen des Königswortes von 
Tegernsee auszulegen; denn jenes Wort ist der Sinn und der Wille des Gesetz- 
gebers. Folglich hat das Concordat vor dem Religionsedict den Verzug und das 
Edict nur insoweit Geltung , wie jenes Tegemseer Wort ausdrücklich sagt, als 
es sich nicht auf kirchliche Rechte, sondern lediglich auf die bürgerlichen Ver- 
hältnisse bezieht. 

5. Der Geschichtsunterricht an den bayerischen Gymnasien In 
der bayerischen Kammer der Abgeordneten wurde am 1. April 1882 ein Gegen- 
stand besprochen , welcher die bayerischen Bischöfe schon vor fast zwei Jahr- 
zehnten zur Einreichung einer gemeinsamen Denkschrift an die Krone veran- 
lasst hat. Es ist das die Ertheilung des Geschichtsunterrichtes an den Mittel« 



218 Oeschichfsunterr. an d, bnyer. Gymitas,- Unterr,- Wts. in Elu^-Luthr, 

schulen, zanächst aa den humanistischen Gymnasien. Schon 1. J. 1865 rieh-, 
teCen die sämnitlichen Bischöfe Bayerns eine Bitte an die Krone, es möge an- 
geordnet werden, dass der Geschichtsunterricht an den Gymnasien nach Confes- 
8i<mcn getrennt werde. Die Bitte fand keine Erhorung, sondern das gerade Ge- 
gentheil von dem geschah, was die hischöflichen Oberhirten wünschten, die 
Professoren der Geschichte und die Gteschioht^büchor wurden nnd blieben si- 
multan. Nachdem die Bischöfe zehn Jahre lang vergeblich auf eine Antwort 
YOti Oben gewartet hatten, erneuerten sie i J. 1875 ihr« Bitte, der Erfolg abci 
war der nämlich? , einer AntwoiFt wnrden die bayerischen Eirchenf&rsten nicht 
gewürdigt. Naq fasste der Finaazanstdiuss mit neun gegen fünf Stimmen den 
BeschlosSy es. sei «in Antrag an die Krone zu richten , dass in der Regel der 
Geschichtsunterricht confessionell getrennt ertheilt werde, und über diesen An- 
trag wurde am 1. April 1882 verbandet. Auch die Gonservativen stimmten 
mit der gesummten Rechten für , die geschlossene Linke gegen den Antrag, 
der mit Mehrheit angenommen wurde. Der Minister Lutz erklarte aber im 
Voraus, dass er dem Antrage keine Folge geben werde, weil dessen Durchfüh- 
rung (?!) unmöglich sei. 

6. Das Unierrichtawtsen in Ei *as8 - Lothringen. Die »Elsasa- 
Lothring. Ztg.« vom 24* April 1882 veröffentlichte eine aus fünf Paragraphen be- 
stehende Allerhöchste Verordnung, datirt Wiesbaden 21. April, durch welche 
zur Beaufsichtigung und Leitung des gesammten höheren und niederen Unter- 
richtswesens mit Ausuahme der Universität, der landwirthschaftlichen und ge- 
werblichen Fachlehranstalten, eine mit dem Ministerium in Verbindung ste- 
hende technische Centralbehörde unter dem Namen »Oberschulrath« gebildet 
wird. Mit dem Inslebentreten des Oberschulraths hört die Unterrichtsabthei- 
long des Ministeriums zu bestehen auf. Der Oberschulrath, dessen Einsetzung 
der »Reichsanzeiger« am 26. April publieirtä , besteht aus dem Staatssecret«r 
als Vorsitzenden , einem Ministierialrath als Director , sieben- ordentlichen Mit- 
giiedem, nämlich drei vom Kaiser zu ernennenden Ober-Schulrathen , dem je- 
weiligen Vorsitzenden der durch die Verordnung vom 23. Oktober 1872 einge- 
setzteA wissenschaftlichen Prüfungscommission, den jeweiligen Regierungs- und 
Schulräthen bei den drei Bezirkspräsidien , und schliesslich aus einer Anzahl 
ausserordentlicher Mitglieder , welche der Statthalter aus den Professoren der 
Universität, dem höheren Lehramt oder sonstigen sachverständigen Kreisen auf 
bestimmte Zeit oder auf die Dauer ihres Hauptamtes beruft. Die Geschäfts- 
führung des Oberschulraths wird durch eine besondere Instruction geregelt, bei 
welcher folgende Grundsätze zu beachten sind : Alle organisatorischen Mass« 
regeln und alje wichtigeren Gegenstände der laufenden Verwaltung werden 
collectiv bearbeitet Die Gesammtheit der Mitglieder ist berufen , zur Erledi- 
gung der Recurse gegen Entscheidungen der Bezirkspräsidenten über Eröffnung 
oder Schliessung einer Schule, Anstellung eines Schulvorstehers oder Lehrers, 
oder Ertheilung vwi Privatunterricht (§. 15. der Verordnung v. lö. Juli 1873). 
In diesem Falle findet eine collegiale Beschlussfadsung statt. In allen übrigen 
hinsichtlich des Unterrichtswesens nach §. 13. des Ges. v. 4. Juli 1879 von 
dem Ministerium zu erledigenden Angelegenheiten steht die Entscheidung dem 
Staatssecretör oder an dessen Stelle dem Director zu. Jedes Mitglied ist be- 
fugt, AntrAge zu stellen und es ist den Mitgliedern Gelegenheit zu geben, sich 
über den Zustand der Schulen ao Ort und Stelle zu unterrichten. Die »Elsass- 



Reform. Consi^tor, zu Frkf. a. Äf.; Militärpfl. c/. QeiaÜ. in Preusaen. 219 

• 
Lothring. Ztg.« publicirte ferner einen Erlass des Statthalters an den Staats- 
secretär vom 11. April, welcher sich über die Angaben des Oberschalrat hs 
eingehend ausspricht und die Grund züge für eine Revision des Ms jetzt gelten- 
den Reglements vom 10. Juli 187S in Betreff der höheren Schulen, sowohl was 
die unterrichtende als die erEieherisehe Thätigkoit derselben anbelangt , auf- 
stellt. Eine SachTerstandigen-Commission von Medicinem soll ein motiTirtes 
Gutachten darüber abgeben, in wie weit die gegenwartige Einrichtung des hö- 
heren Schulwesens in Elsass-Lothringen den Grundsätzen «itspricht, welche die 
medidnische Wissenschaft im Interesse der ph^rsischen und psychischen Ent* 
Wickelung aufzustelleu hat. Auf Grund des Gutachtens dieser Medidnalcömmis- 
sion wird demnächst durch den Oberschuirath vom schuitechnischen Standpunkte 
aus zu prüfen sein, wie die ' für Unterrichts* und häusliche Arbeitsstunden zuge- 
standene Zeit am zweckmässigsten ausgenutzt werden kann, und wird er hier- 
nach den Entwarf zu neuen Begulativen auszuarbeiten haben. Der Tom Ober- 
schuirath aufgestellte Entwurf der revidfrten Regulative etc. wird alsdann einer 
ad hoc zu berufendes Oommission vorzalegen sein» die aus hervorragenden 
Männern des Landes zu bestehen hat. 

Zu Mitgliedern des neuen Oberschulraths sind übrigens (vgl. das Schrei- 
ben aus Elsass-Lothringen in Nr. 2(X). der »Germaniac v. 4. Mai 1882), wieder 
überwiegend Protestanten ernannt worden. Von den neun ständigen oder or- 
dentlichen Mitgliedern sind sieben Protestanten und nur zwei Katholiken. 

7. Das reformirte Conaistorium «m Frankfurt a, M. Eine Mei- 
nungsverschiedeaheit bezüglich der künftigen Organisation desselben trat bei 
den Verhandlungen des preussischen Herrenhauses am 23. Februar 1882 her- 
vor. Ehe die Stadt Frankfurt a. M. in den preussischen Staats verband eintrat, 
entsandte der dortige Senat zwei Mitglieder in das reformirte Conaistorium ; 
mit dem Wegfalle des Senates hörte diese Delegation auf ; dafür soll nunmehr 
nach einem vom Abgeordnetenhause bereits angenommenen Entwürfe der Kö- 
nig einen Vertreter in die genannte kirchliche Körperschaft entsenden, wäh- 
rend der andere vom Frankfurter Magistrat delegirt werden soll; indessen hat 
der Monarch die Wahl des Letzteren zu bestätigen. Graf Zieten-Schwerin 
wollte einer politischen Körperschaft ein derartiges Recht nicht zugestehen, 
weil es denkbar sei, dass der Magistrat einmal einen Crottesleug^er in das Gon- 
sistorium entsende. Diese Bedenken erklärte der Oultusminister für stark über- 
trieben, da zunächst immerhin einem Atheisten die Bestätigung versagt wer- 
den könnte und schliesslich auch der Eintritt eines einzelnen Mannes, der nicht 
auf gläubigem Standpunkte stände , den Charakter der ganzen Versammlung 
nicht zu alteriren im Stande sei. Die grosse Mehrheit der Versammlung stimmte 
dieser Ausführung vollständig bei; sie wollte nicht kirchlicher sein, als H^r 
V. Gossler, und meinte, wenn Se. Majestät sich damit begnüge, nur einen Ver- 
treter in das Consistoriam zu entsenden , den andern aber dem Magistrat zu 
cediren, so solle man sich dem fügen , zumal man nicht wisse, welchen politi- 
schen Erwägungen dieser Entschluss entsprangen sei. 

8. Die Militärpflicht der Geistliehen in Pretissen, Eine Entschei- 
dung des preussischen Kriegsministers vom 29. März 1882 über »militaria mi- 
nistrorum« theilte der >Reichsbote« mit. Dieselbe dürfte für diejenigen Geist- 
lichen , welche pflichtmässig ihrer Dienstpflicht oft auch ausser ihrem Dienst- 



220 RecJUL SieUung d, Gemeindehirchenräthe u. Kirchenvorsl. in Preuss, 

4ahr noch in den einzelnen Uebongen als Officiersaspiranten oder Reservisten 
genügt haben , in Betreff ihrer Theilnahme an den regelmässigen Controlver- 
Sammlungen im Frühjahr und Herbst von. Wichtigkeit sein. Das Presbyterium 
zu Dehl hatte sich , weil die 2ur Theilnahme an den Controlversammlungen 
verpflichteten Geistlichen, insbesondere auf dem Lande, bei der oft 1— l^sstün- 
digen Entfernung vom' Appellplatz bezw. bei unvorhergesehenen dringenden 
Amtsgeschäften an der Ausübung ihrer Pflicht sehr leicht gehindert sind, auch 
das Antreten mit den eigenen Gemeindegliedern auf dem Appellplatze oft ge- 
radezu unangenehm ist, mit einem Gesuch an sie Ereissynode Lüdenscheid ge- 
wandt, dahin zu wirken, »dass durch generelle Verfügung die njilitär Pflichtigen 
Geistlichen auf ihre diesbezüglichen Gesuche von der Theilnahme an den jähr- 
lichen Controlversammlungen entbunden würden.« Der von der Synode auf be- 
sondere Fürsprache des Superintendenten Geck , sowie des gerade anwesenden 
Generalintendanten Dr. Wiesmann aus M. einstimmig angenommene Antrag 
wurde von dem vorgesetzten Consistorium als nur auf dem Gesetzes-, nicht auf 
dem Verwaltungswege realisirbar erkannt. Das Presbyterium zu Dehl wandte 
sich darauf direct an das Kriegsministerium in Berlin , worauf unter dem 29. 
März durch den KriegsminiMter v. Eameke das Presbyterium dahin beschieden 
wurde, dass nach den eingezogenen Erkundigungen seitens des für die Synode 
Lüdenscheid zutreffenden Landwehrbezirkscommandos »die Gesuche der Geist- 
lichen um Dispensation von den Controlversammlungen im Allgemeinen stets 
berücksichtigt werden,« dass in einem Falle aus »lediglich militärischen Be- 
denken von der sonst geübten Praxis Urngang genommen worden« und das 
Kriegsministerium demnach nur vermöge anheiin zustellen, die 'betreffenden 
Geistlichen dahin mit Anweisung gefalligst versehen zu wollen, dass sie sich 
eventuell rechtzeitig mit einem entsprechenden Dispensationsgesuch an das vor- 
gesetzte Landwehrbezirkscommando wenden.« Demgemäss darf es als den In- 
tentionen des Kriegsministers entsprechend angesehen werden, wenn die mili- 
tärpflichtigen Geistlichen aus billiger Bücksichtsnahme auf ihre amtliche und 
sociale Stellung in der Kegel von der Theilnahme an den jährlichen Control- 
versammlungen entbunden werden. 

9. Die rechtliche Stellung der Gemeindekirchenräthe und Kir^ 
cherhvor stände in Preuasen. In einer allgemeinen Verfügung des preussi- 
schen Justizministers vom 21. März 1882, betreffend die Eigenschaft der Ge- 
meindekirchenräthe und der Xarchenvorstände , sowie der Verwaltungen der 
städtischen und der Ereissparkassen heisst es: Im Laufe der letzten Jahre ist 
wiederholt die Frage zur Erörterung gelangt, ob die Gemeindekirchenräthe 
und die Kirchenvorstände (Gesetze vom 25. Mai 1874 und vom 20. Juni 1875) 
als öffentliche Behörden im Sinne der die Befugniss zur Wiederincourssetzung 
von Papieren auf Inhaber betreffenden gesetzlichen Vorschriften und des §. 35. 
der Gmndbuchsordnung anzusehen seien. Die gleiche Frage hat hinsichtlich 
der Verwaltungen der städtischen Sparkassen und der Ereissparkassen schon 
früher zu Meinungsverschiedenheiten Anlass gegeben. Bei den tlber den Gegen- 
stand in neuerer Zeit zwischen dem Justizminister und -übrigen betheiligten 
Bessortministem, sowie in Betreff der Befugniss der Gemeindekirchenräthe und 
der Kirchenvorstände zur Wiederincourssetzung, mit der Hauptverwaltung der 
Staatsschulden stattgefundenen Verhandlungen ist eine allseitige üeberein- 
stimmung dahin festgestellt , dass die Frage sowohl für die Gememdekirohen- 



Suhj, d. Kirckenverm, nach AuffasB, d. pr&usa, kammergeriehtes. ö2l 

räthe tind die Eircbenvorstände wie auch, sofern nicht besondere Bestimmun- 
gen des Statuts der Kasse in dem einzelnen Fall eine andere Auffassung be- 
gründen, für die städtischen Sparkassen und Ereissparkassen zu bejahen sei. 
Die Justizbehörden werden hieron in Eenntniss gesetzt. 

JO. Das Subjekt des Kirchenvermögens nach der Auffassung 
des preussischen Kammergerichts, Nach eipem in Nr. 27. des »Preuss. 
Verwaltungsblattes« Cvgl. »Germania« vom 14. April 1882 Nr. 168) mitgetheil- 
ten Beschlüsse des Eammergerichtes »ist in Preussen die Kirchengem>einde 
als Eigefithümerin jeder Art kirchlichen Vermögens anzusehen ; sie ist 
daher als Eigenthümerin auch solcher Grundstücke einzutragen, welche in den 
beigebrachten Urkunden als der »Kirche,« »Propstei« oder sonstigen kirch- 
lichen Instituten gehörig bezeichnet sind. Im Weiteren wird berichtet, dass 
dieser Beschluss in folgender Angelegenheit ergangen ist : Der Vorstand einer 
katholischen Pfarrkirche hatte beantragt, sämmtliche Grundstücke, welche bis- 
her theils auf verschiedenen Grundbuchblättem auf den Namen der katho- 
lischen Kirche geschrieben , theils noch nicht in das Grundbuch eingetragen, 
in der Grundsteuermutterrolle aber als Eigenthum der Kirche, der Propstei, 
der Organistei aufgeführt waren, auf einem Folium zu vereinigen. Diesem An- 
trage hat das betreffende Amtsgericht entsprochen , hierbei aber als Eigenthü- 
merin der Grundstücke die »katholische Kirchengemeinde zu Z.« eingetragen. 
Das Landgericht hat die hierüber geführte Beschwerde bezw, den Antrag, die 
alten Bezeichnungen »Pfarrei,« »Propstei« etc. wiederherzustellen, zurückge- 
wiesen , weil die neue Bezeichnung den §§. 160 ff. A.-L.-R. IL 11. entspreche. 
Die vom Kirchenvorstande noch erhobene weitere Beschwerde ist für unbegrün- 
det erachtet worden. 

In Wirklichkeif stützt sich das Berliner Kammergericht wohl auf die 
Grundsätze des »Culturkampfgesetzes« vom ÖO. Juni 1875, betreffend die ka- 
tholische Kirchenvermogensverwaltung , wodurch der katholischen Kirche das 
deren Verfassungsgesetzen widersprechende protestantische Gemeinde -Princip 
aufgezwungen ist. (lieber die Mittel und Wege , den katholischen Standpunkt 
von Seiten der Katholik,en auch unter der Herrschaft jenes protestantischen 
Staatsgesetzes zu wahren, vgl. Vering, Lehrb. des Kirchenr. 2. Aufl. §. 204. 
S. 761. Note 4.) 

11. Ein Protest der Pommer'scheh protestantischen ProvinciaU 
Synode gegen das Rektorat eines israelitischen Professors an der Uni- 
versität Greifswald, Gegen die Wahl und Bestätigung des Prof. Dr; Boh- 
rend zu Greifswald zum Bector der Universität erhob der Vorstand der pro- 
testantischen Pommer'schen Provindalsynode, wie die »Germania« vom 10. Mai 
1882 Nr. 210. nach protestantischen Blättern meldete , Beschwerde und Pro- 
test. Der Vorstand der Synode leitet seine Hechte zum Protest gegen die Er- 
hebung eines jüdischen Docenten zum Universitätsrector ans der Elrehen- 
gemeinde- und Synodalordnnng her, welche der Provinciahynode und deren 
Vorstande aufgibt, die Zustände und Bedürfnisse ihres Bezirks ih Obacht zu 
nehmen , über die Erhaltung der kirchlichen Ordnung in Lehre, Cultus und 
Verfassung zu wachen und die Hebung der wahrgenommenen Missstände durch 
Anträge oder Beschwerden im kirchenordnungsmassigen Wege zu betreiben. 
Nun ist nach Ansicht des gegen di^ Behrend'sche Wahl protestirenden Vor- 
standes die Universität Greifswald laut Statut des Herzogs Philipp I. vom 



022 Pomm. Prov.-Syn. proieat gegen iarael, Üniv.-Rect zu QreifswalA. 

Jahre 1539 eine lutherische üniTersität und die Schenkungen des Herzogs 
Bogislaw XIV. bekräftigen diesen Charakter der Universität , deren jedesma- 
liger Bector mehrfacher Patron der üniversitätsgüter ist. Nun kann aber ein 
Jude nicht PairQn chrisflicher Gemeinden sein, und weil für die der Uni- 
versität Greifswald gehörenden Güter des ehemaligen Klosters Hilda das Pa- 
' tronatsrecht über dieselben an der Person des Bectors haftet, so würde, weil 
der demnächst zu vereidende Bector ein Jude ist, das Patronatsrecht zu ruhen 
haben , woraus für die Universität Greiswald rechtliche Schwierigkeiten , je 
nachdem auch materielle oder ideelle Verluste erwachsen konnten. Der Protest 
des Synodevorstandes kam in Bücksicht auf diese thatsächlichen Momente wie 
auch in Hinblick auf die Genesis der Universität und deren rein lutherischen 
Charakter zu. dem Schlüsse, es sei die Zulassung eines anderen als christlichen 
Docenten zum Bectorat nach Inhalt sowohl der Stiftungsurkunde vom Jahre 
1456 wie aller späteren Statuten schlechterdings ausgeschlossen. Namentlich 
aber betonte der Protest das durch ein ßerend*sches Bectorat nothwendig wer- 
dende Buhen der Patronatsrechte der Universität. 

Der Protest des Vorstandes der Pommer*schen Provincialsynode wurde 
vom Ministerium unberücksichtigt gelassen. Am 15. Mai 1882 übernahm der 
israelitische Professor Behrend unter den üblichen Feierlichkeiten das Becto- 
rat. Jedoch erklärte der Bector Prof. Behrend in der Senatssitzung, dass er in 
allen das akademische Pfarrpatronat u. s. w. betreffenden Angelegenheiten sich 
der Leitung der Verhandlungen enthalten und dieselbe dem Prorector übertra- 
gen werde. 

12, Ein neues Sachsen' Meininger Schulgesetz. Der Landtag von 
Meiningen beschäftigte sich, wie die »Germania« vom 31. März 18S2 Nr. 148. 
meldete, mit einem Volksschulgesetze. Die Schule soll der politischen Ge- 
meinde als gemeinschaftliche Ortsschule für alle Beligionsbekenntnisse dienen. 
Will eine im H^zogthum anerkannte Beligionsgemeinde für ihre Kinder neben 
der gemeinschaftlichen Ortsschule eine eigene Volksschule unterhalten, so ist 
ihr dies unbenommen, sie hat es aber auf eigene Kosten zu thun. Die Schulauf- 
sicht führt in erster Instanz der Ortsschulvorstand, an gegliederten Schulen 
der Bector, in zweiter der Kreisschulinspector, in dritter das Ministerium ; den 
Bcligionsunterricht beaufsichtigt der Geistliche. 

13. Der franz, Justizminister über das Nationalfest vom 14* Juli 
und Über das Eigenthum an Kirchen, Der franz. Justizminister will die 
Kirchen zwangsweise zur Verherrlichung des »National festes« vom 14. Juli 
heranziehen. Er hat, wie die Germania vom 21. Juni 1882 Nr. 276 berichtet, 
an die Präfecten ein Schreiben gerichtet, dass, »da die Kirchen /Eigenthum der 
Gemeinden sind ^) , deren Inneres zum besonderen Gebrauche für den Cultus 
verwendet wird, die Gemeinden verlangen können, dass die Kirchen am Fest- 
tage ihre Fa^aden mit Fahnen schmücken und die Nacht hindurch beleuchtet 
werden, wenn die Gemeinde die Unkosten trägt.« Die Pfarrhäuser brauchen 
nicht beleuchtet und beflaggt zu werden, wenn die Geistlichen sich weigern, es 



1) Dass vielmehr der Kirche die in der Bevolütion entzogeneu Kirchen 
und Güter nach Abschluss des Concordates zu Eigenthum zurückgegeben sind, 
ist ausführlich dargelegt bei Verlng^ Kirchenrecht 2. Aufl. §. 206. Not. 6. 
S. 767—770. 



Pranz. iusiizm, üb, J^igentti. an Kirchen etc.; Last d, helg, Ünt-Ges. 223 , 

sei denn, dass die Aufpflanzung der Fahnen, ohne Eindringen in die eigent- 
lichen Wohnungen ausgeführt werden kann. Weigert ein Pfarrer das Pestge- 
läute, so hat der Maire ihn zu ProtocoU zu nehmen. In allen Fällen sind die 
Kirchenschlüssel nach Ausführung dessen , wofür sie verlangt worden , dem 
Kirchendiener oder dem Ohmann der Kirchenfahrik zurückzugeben, da diese für 
das dem Cultus dienende Material gerichtlich verantwortlich sind. 

14, Welche Lasten das belgische Vnterrichtsgesetz vom 1. Juli 
7879 tvgl. Archiv, Bd. 46. S. 276 ff.) dem Lande auflegt, mögen folgende 
Zahlen beweisen. Das Budget für den öffentlichen Unterricht betrug im Jahre 
1879 ungefähr 14,600,000 frcs., im Jahre 1880 18 Hill., für 1882 sind 20 Mill. 
vorgeschlagen. Auch in den einzelnen Städten macht eine bedeutende Steigerung 
des Budget sich geltend. In Brüssel kostete der Unterricht im Jahre 1879 eine 
Million, 1881 beinahe das doppelte. In Gent stieg man von 85,000 auf etwa 
800,000 frcs. In Bergen (Mons) und anderen Orten steht die Sache nicht besser, 
seitdem man den Unterricht der Klosterfrauen aufgehoben hat. Bei der Be- 
rathung des belgischen Unterrichtsbudgets legte der kath. Deputirte Woeste im 
März 1882 die kolossale Geldverschwendung des liberalen Kabinets ziffemmässig 
dar. Das Ministerium stellt, trotz der garantlrten Unterrichtsfreiheit, Lehrer 
selbst dort an, wo nicht das geringste Bedürfniss vorhanden ist. In der ein- 
zigen Provinz Ostflaudern gibt es 30 Lehrer, die auch nicht einen Schüler 
zählen; Woeste führte sämmtliche Orte mit Namen an und konnte nicht der 
Uebertreibung angeklagt werden. Eine zweite noch zählreichere Kategorie von 
officiellen Schulen besitzt nur 2—3 Schüler, und das sind die Kinder der Lehrer 
selbst oder abhängiger Beamten. Eine dritte Kategorie endlich zählt sowenig 
Schüler, dass sie ohne Schaden aufgehoben werden könnten. Wahrhaft scan- 
dalös sind die Fälle , wo für keine oder sehr wenige Schiller mehrere Lehrer 
angestellt und von den Gemeinden, zu besolden sind. So zählt die officielle 
Schule zu Wettern 8 Schüler und 2 Lehrer, zu Häsdonck 8 Schüler, die Kinder 
des Lehrers selbst sind, und 2 Lehrer, zu Belcele 3 Lehrer, 3 Sohullocale und 
keinen einzigen Schüler. Trotzdem die Zahl der ofüciellen Schüler sich ver- 
mindert hat, wird den Gemeinden ein stets wachsendes Schulbudget auferlegt. 
Woeste lässt auch hier die Ziffern reden. Während zu Borsbeke die Schüler- 
zahl auf 9 sank, erhöhte der Minister das Schulbudget von 2704 auf 3550 frcs. 
Keinen einzigen Schüler haben z. B. folgende von Woeste angeführten Schulen, 
und doch müssen die Gemeinden für die nichtsthuenden Lehrer zahlen zu Oetegen 
300 frcs., zu St. Paul 3591, zu Thielrode 4101, zu Belcele 5971 frcs. Noch 
schreiender ist das Verhältniss in der Stadt Limburg. Hier haben 1881 über 
90 Percent" der schulpflichtigen Kinder die katholischen Schulen besucht, also 
nicht dnmal 10 Percent die officiellen, und doch werden die Öemeinden ge- 
zwungen die unbeschäftigteh Lehrer so zu unterhalten, als wenn diese alle 
Kinder unterrichteten. Auf diese Weise werden jährlich gegen 300,000 frcs. 
in'B Wasser geworfen. Natürlich wird, wie die »Germ.c 1882 Nr. 144 vom 
29. März 1882 schreibt, dieser Respect der liberalen belgischen Minister gegen 
die Gemeindeautonomie von der deutschen liberalen Presse todtgesch wiegen, 
ebenso wie auch kein einziges deutsches liberales Blatt- die formelle Einführung 
von Cötiduitenlisten über die Bürgermeister und Stadträthe Belgiens mit einer 
Zölle örwähnt hat. 

l5. Verbot von antikatholischen Zeitungen durch den Bischof 
von Saniander. Die Pariser Monatsschrift: Jonmal du droit et de la ju- 



224 ßisch. V. i\äntand. verh, antik. iZtgen.; Gr. ßr, Öonsiaf, zu SerajewOi 

risprndence canoniqae theilte im Jan.-Heft 1882 S. 47 f. ein interessantes vom 
8. Dec. 1881 datirtes üecret des spanischen Bischofes Vincens Valero von San- 
tander mit, worin dieser bei Strafe der Ezcommunication das Lesen von drei 
irreligiösen Zeitungen (La Voz Montanesa, La Montana, El Diario de Santander) 
verbot, was das Eingehen der betr. Blätter in Folge Verlustes ihrer Abonnenten 
zur Folge hatte. Wie die Köln. Volksztg. 1882 Nr. 140 I. Bl. berichtet, sandte 
derselben ein Leser Nr. 41 des »Boletiu oficial ecclesiastico del obispado de 
Santander« (Amtliches Kirchenblatt des Bisthuras Santander) vom 11. Dec. 1881, 
welches an erster Stelle jenes Decret des Bischofs enthält. Liberale deutsche 
Blätter hatten einen erfundenen Flnchtext nach Art des alljüdischeu Anathema 
Maranatha mitgetheilt , den der spanische Bischof gegen die Eedacteure der 
liberalen Blätter von Santander ausgesprochen habe. In dem ganz ruhig ge- 
haltenen betreffenden bischöflichen Erlasse sind überhaupt keinp Namen von 
Personen genannt. 

16. Das Hirtenachreiben der irischen Bischöfe gegen die Agrar- 
verbrechen und die geheimen Gesellschaften. Die zahlreichen Verbrechen, 
die in letzter Zeit in Irland verübt wurden , haben den irischen Episoopat ver- 
anlasst, in Dublin zu einer Conferenz zusammenzutreten und einen gemeinsamen 
Hirtenbrief an das irische Volk zu vereinbaren, den die irischen und englischen 
Zeitungen nunmehr veröffentlichen. Das Schreiben ist von 26 Erzbischöfen und 
Bischöfen unterzeichnet, und es verurtheilt in sehr nachdrückliche]*' Sprache die 
Agrarverbrechen , die geheimen Gesellschaften, die Verweigerung des Pacht- 
zinses und Oberhaupt den Widerstand gegen die Gesetze und die Aufreizung zu 
solchen. Die Ziele der irischen Landliga werden von den Bischöfen für legitim 
erklärt, und gebilligt, aber entschieden missbilligt und verworfen werden die 
Mittel, deren sich die Geheimbündler zur Erreichung derselben bedienen« Schand- 
thaten, wie sie in der letzten Zeit vielfach verübt wurden , schreien zum Him- 
mel um Bache und können die sociale I;age Irlands nur noch verschlimmern. 
Im weiteren Verlaufe des Hirlenschreibens wenden sich die Bischöfe an die 
Grundbesitzer, denen sie die gegenwärtig stattfindenden Massenaustreibungen 
von Pächtern und das Elend vorhalten, in~ welches fleissige und angestrengt 
arbeitende Leute versetzt wurden, welche in Folge mehrfacher schlechter Ern- 
ten und anderer Missgeschicke ausser Stande sind, ihren legitimen Verpflichtungen 
nachzukommen. 

17. Das griech.' Orient Consistorium zu Serajewo. Die »N. Fr. 
Presse« Nr. 6344 MorgenW. v. 26. April 1882 meldete aus Serajewo 2L Äprii 
1882: Das heutige Amtsblatt enthält eine Verordnung des gemeinsamen Mi- 
nisteriums vom 19. März 1882, durch welche dem orientalisch-orthodoxen En- 
bischofe und Metropoliten in Serajewo für die Verwaltung der Angelegenheiten 
der orientalisch-orthodoxen Kirche und die Ausübung der bischöflichen Gerichts- 
barkeit ein Consistorium zur Seite gestellt wird. Dieses Consistorium besteht 
aus dem Consistorial-Archimandriten mit .dem Gehalte von 2000 fl., drei be- 
soldeten Consistorialräthen mit dem Gehalte von je 2000 fl. und drei Ehren- 
consistorialrähen. Die Mitglieder des Consistoriums werden vom Kaiser ernannt. 
Der Vorstand des Consistoriums ist der jeweilige Metropolit, in dessen Ver* 
tretung der Archimandrit und eventuell ein anderes Mitglied des Consistoriums 
die Leitung der Consistorialgeschäfte führt. 



225 



XV. 
Die Notorietät im canonischen Beweisverfahren. 

Von Dr. C* Dziatzko in Teschen. 

Die Lehre über die Notorietät^ soweit sie ins Processrecht über- 
gegangen ist, beruht auf dem canonischen Rechte, wie denn über- 
haupt die Grundsätze des stricten Beweisverfahrens aus diesem reci- 
pirt worden sind. 

Das Römische Recht kannte zwar auch notoria (l 6. §. 3. 
D. 48, 16^ l. 7. C. 9, 2); diese bedeuten aber Berichte, welche den 
untergeordneten Sicherheitsorganen, Ofiicialen, in den Provinzen mit 
den ergriffenen Uebelthätern an die Magistrate mitgegeben wurden ^). 

Die Canonisten entwickelten die Notorietät im Anschluss an 
c. 15. C. 2. qu. 1 : (Manifesta accusatione non indigent)^) und gaben 
ihre Begriffsbestimmung als eine volle Kenntniss der Sache (cfr. 
Joannes Andreae in Addit. ad Spec. Durantis III. de notorio §. 6), 
wofür dann häufig in den Decretalen als gleichbedeutend steht die 
evidentia facti oder rei, quae nuUa tergiversatione celari aut üegari 
potest, d, h. Thatsachen von der Beschaffenheit, dass ihre Bestreitung 
nur als Chicane denkbar wäre. 

Solch qualificirte Thatsachen machten sich zunächst auf dem 
Gebiete des Criminalprocesses geltend. Bei jeder der drei Formen 
des canonischen Strafverfahrens: beim Denunciations- wie beim Ac- 
cusations- und Inquisitionsverfahren kann die Notorietät in Betracht 
kommen. Manche haben- sogar mit Unrecht die Notorietät als eine 
besondere »Form des canonischen Strafverfahrens angesehen ^). 



1) cf. Heffter, Instit. des röm. u. deutsch. Civilpr. Bonp 1825 p. 183 
not. 13. 

2) Die Stelle selbst ist zurückzuführen auf 1.. Cor. 5, 1. 3—5. 13, wo 
Paulus Über den hlutschändftischen Corinther mit Rücksicht auf die Offen- 
kundigkeit in seiner Abwesenheit doch sofort die Excommunication verhängt. 
cf. Corrector Rom. ad can. cit. 

3) Vgl. darüher und dagegen Yeringy Lehrb. des kathol., Orient, und 
Protest. Kirchenrechts, 2. Aufl. p. 745. 

Archiv fUr Kircheorecht XLVIII. 15 



226 Dziatzko, Die Moiorietät im canonischen Beweisverfahren. 

Zur Zeit Gratians war das Verfahren beinotoriis derart, aas- 
gebildet, dass es bei diesen der accusatio nicht bedurfte, was sonst 
die gewöhnliche ratio war (cf. c. 15. 16. C. 2, qu. 1; c. 9. X. 5, 1; 
c. 3. X. 2, 21; c. 21. X. 2, 24; c. 8. X. 3, 2; c. 23. X. 1, 6). 
Auch wurde von jedem weiteren Beweisverfahren abgesehen, dem 
Schuldigen wurde der Reinigungseid, welcher sonst bei blosser 
faina zulässig war, nicht gestattet, sondern vom Richter sofort eine 
angemessene arbiträre Strafe auferlegt, wogegen die Appellation nicht 
angenommen wurde, (c. 15. X. 5, 34; c. 1. §. 4. in VI. 3, 20; c. 
13. X. 5, 3; c. 14. 61. X. 2, 28). 

Die Notorietät war somit wohl nicht ein eigentliches Ver- 
fahren, sondern gestattete nur das Aussetzen des gewöhnlichen 
accusatorischen Processes. (Dict. Qratiani post c. 16. C. 2. qu. 1). 
. Als zur Zeit Innocenz III. die Inquisition der gewöhnliche 
Process und weiterhin formell ausgebildet wurde, wurde das noto- 
rium nur als Veranlassung zur richterlichen Inquisition angenom- 
men. {DurantiSj Speculum Hb. III. p. 1. de inquis; Jtd. Clarus^ 
Practic. crimin. Sentent. recep. lib. 5. §. fin. qu. 5). Dabei wurde 
das gefahrliche Verfahren beliebt, dass, wenn nur etliche Zeugen die 
Notorietät eidlich erhärteten, der Richter vom weiteren Beweisver- 
fahren absehen konnte, die Thatsachen, auch wenn der Angeschuldigte 
leugnete, als erwiesen annahm^ zum ürtheil schritt und Appellation 
verweigerte. (Gl. »judicis« ad c. 20. C. 2. qu. 1 ; Durantis 1. c. §. 1 
und 8. n. 3; Farinaeius, Praxis et theor. criminalis lib. 1. tit. 3, 
qu. 21. n. 116, 127).- Daher mahnt Alexander III. (c. 14. X. 2, 28) 
zur Vorsicht, Thatsachen, die nicht notorisch sind, als solche anzu- 
nehmen (quum multa dicantur nbtoria, quae non sunt, providere 
debes . . .). 

Die Carolina, welche den Gerichtsgebrauch der damaligen Zeit 
auch im weltlichen Forum gesetzlich zum Ausdruck brachte, weist den 
Richter an, in solchen (öflfenllchen, unzweiff^nlichen) Fällen, falls der 
Thäter widersprechen wollte, ihn mit peinlicher Frage zum Bekennt- 
niss anzuhalten (C. G. C. art. 16; Garpzov, Practica nova fcnp. Sax, 
rer. crimin. 1646. II. qu. 95. n. 88. 85.) 

Für das heutige Verfahren würde sich das alte Notorium noch 
in Geltung finden bei den Irregularitäten ex delicto. Bei einem 
Crimen notorium tritt nämlich die Irregularitas mit ihren Wirkungen 
ipso jure ein, ohne dass es eines besonderen Verbotes des Ordinarius 
bedarf. (Vgl. Schulte, II. System §. 5. n. V). Da übrigens im Tri- 
dentinum (Sess. 22. de reform. cap. 7.) das cap. »Romana ecclesia« 
(c. 3. in VI. 2, 15 de app.) innovirt wurde, so bleibt demnach bei 



Dziatzko, Die Notorietät im canonischen Beweiav erfahren, 22'J 

einem notorischen Vergehen (»super manifeste et notorio«) nach er- 
folgter Sentenz die Apellation zu verweigern. 

II. Es war natürlich, dass diese ins Beweisverfahren tief 
einschneidendiBu Grundsätze für notorische Vergehen auch bald all- 
gemein ausgedehnt und auf alle Thatsachen, wie sie auch die cau^ae 
civiles berührten, Anwendung fanden. Der t. 17. C. 2. qu. 1. lautet 
auch schon so allgemein: »De manifestä et riota pluribus causa non 
sunt quaerendi testes« und fand diese Lehre von der Notorietät schon 
früh Seitens der Ganonisten ihre Stelle auch im civilen Beweis- 
verfahren (tit. de probationibus). 

Auch im Tit. 2, 21: de testihus cogendis vel non der De- 
cretalen ist die Lehre, dass notorische Tliatsachen keines Beweises 
bedürfen schlechthin ausgesprochen (c. 3, 1. c. : »si factum est no- 
torium, non eget testium depositionibus declarari, cum talia proba- 
tionem . . . non requirant«), was auch sonät, (wie c. 10. X. 1, 17; 
c. .23. X. 1, 6; c. 12. in VI. 5, 11) nicht criminelle Thatsachen be- 
treffend wiederkehrt. Als so notorisch dürfen aber nur Thatsachen 
gelten, welche weder geheim noch zweifelhaft sind, sondern durch 
die öfientliche Stimme und Augenscheinlich keit der That sich der 
Bevölkerung als wahr manifestiren (c. 7. 8. 10. X. 3, 2; c. 24. X. 
5, 40; c. 14. X. 2, 28; c. 3. X. 1, 7; c. un. Xvag. com. 2, 2"; 
c. 15. X. 5, 34), so dass sie, wie oben schon hervorgehoben, durch 
keine Ausflüchte verheimlicht oder geläiignet werden können. Aus- 
drücklich sollen aber blosse Gerüchte nicht als Notorietät angesehen 
werden (c. 8. X. 3, 2; c. 2. X. 4, 14; c. 12. X. 2, 24; c. 12 in 
VI.- 5, 11), welche nur angenommen werden kann, wenn gleichsam 
das ganze Volk öder die Majorität der Bevölkerung Zeugenstelle 
vertreten könnte. {Farinacius 1. c. qu. 21. n. 11). 

Da nun diese evidentia facti bald auch gleichbedeutend ange- 
sehen wurde mit juristischer Gewissheit und diese dem Richter ge- 
boten wurde durch das aHenmässig Peststehende, so unterscheiden 
die Glossatoren schon 3 Arten der Notorietät: . 

1. Notorium juris oier juridicum: Thatsachen, die vollen ge- 
richtlichen Glauben hatten, also, die schon vorher durch eine richter- 
liche Sentenz oder durch Geständniss oder durch vollgültigen Beweis 
Seitens der Parteien als wahr feststehen (c. 17. X. 1, 11; c. 61. X. 
2, 28; c. 7. X. 3, 2; c. 10. eodem; c. 24. X. 5, 40; c. 26. X. eod.). 

In diesem Sinne sagt das c. 24. X. 5, 40. de V. S : »offensam 
illam nos rescribimus intelligere manifestam, quae vel per confessio- 
nem vel per probationem legitime nota fuerit aut evidentia rei.« 
Schon das Bömische Recht ^agte : »Res judicata pro veritate acci- 

15* 



228 Dziaizko, Die Nötorietät im canonischen Beweisverfahren. 

pitur (1. 207. D. 50, 17. de reg. jur.) und die neueren Rechtslehrer 
sprechen noch in derselben AufiFassung von '»Gerichtshmdigkeit<si 
Hier sind die gerichtlichen Akten und ProtocoUe, welche von den 
Parteien allegirt und vom Richter. inspicirt werden, eigentliche Be- 
weismittel (1. 6. C. 7, 52.^ de re judic; c. 11. X. 2, 19. de prob; 
Codex Jur. Bav. Judic. v. J. 1753 cap. 12. §. 5). 

2. Notorium facti oder evidentia rei das eigentliche notorium, 
solch öflFentlich bekannte Thatsachen, wie sie oben schon näher de- 
finirt worden sind. Diese enthalten die Beweiskraft schon in sich 
durch ihr allgemeines Bekanntsein (»ita ut, etsi negari vellent, ne- 
gatio nulla esset« 61. »celari« ad c. 8. X. 8, 2). Hierauf findet die 
Rechtsregel Anwendung: »Eum, qui certus est, certiorari amplius 
non opqrtet« (reg. 31. in VI. 5, 12. de R. J.). Hier wurden wie- 
derum mehrere Arten unterschieden : 

a) notoriuni facti (actu) transeimtis oder momentanei^ wozu 
alle bekannten geschichtlichen Thatsachen gerechnet werden, die 
durch die sichere üeberliefeYung für alle Zeiten teststehen. Durantis 
erwähnt hier als Beispiel die Thatsache, dass Christus gelitten hat 
und am Kreuze gestorben ist. Die neueren Rechtsgelehrten nennen 
diese Nötorietät -»Yolks- oder GeschichtsJcundigJceit;<i 

b) notorium facti (actu) permanentis oder continui^ That- 
sachen, die beständig vor den Augen der Bevölkerung eines 
Ortes sich als wahr darstellen. Die Canonisten erwähnen hier, dass 
bestimmte Kirchen an einem Orte sich befinden, dass Jemand in 
einer Gemeinde Einwohner ist, oder auch, dass Jemand in einem 
Concubinatsverhältnisse lebt. So kann der Personenstand oder das 
Domicil Jemandes als notorisch angesehen werden. Der neuere. 
Civilprocess spricht hier von -»OrtskundigTceit]^ 

c) notorium facti (actu) interpolati: Thatsachen, die zwar 
nicht beständig fortdauern, die aber durch öftere Wiederholung eine 
bestimmte Lebensrichtung oder Gewohnheit begründen. Hierin wur- 
den die notorischen Wucherer begriffen. ^ Die Canonisten nennen 
diese Nötorietät aber nur qiuisi notorium und schreiben ihr nur die 
Kraft einer senniplena probatio zu, da ja die einzelnen Handlungen, 
die eine solche Gewohnheit begründen, erst bewiesen werden müssen 
und hier sehr leicht eine Annäherung an die blosse fama stattfindet. 
(Cf. Gl. »manifestac zu dem citirten can. im Gratianischen Decrete). 

3. Das notorium praesiinUum oder praeswntionis : Thatsachen, 
die zwar selbst nicht beweiskräftig feststehen, welche aber aus 
andern durch überzeugende Gründe oder durch bestimmte ßechts- 
regeln mit Notbwendigkeit gefolgert werden. Hierher zählte man 



Dziatzko, Die Notorietät im canonischen Beweisverfahren, 229 

z. B. die rechtlichen Familienverhältaisse, wie paternitas et filiatio *), 
consaiiguinitas , ja nach damaligem Rechte auch durch juristische 
Fictiön das matrimonium, wenn nach vorausgehenden Sponsalien die 
copula hinzutrat, (cf. Burantis \. c. ; Afdon.. de BtUrio in seinem 
Tractate zu c. Vestra X. 3, 2 n. 32). Das c. 10. X. 4, 1. de spons. 
nimmt ausdiücklich hier das matrimonium praesumtum an niit der 
Wirkung der eigentlichen Notorietät : »contra praesumtionem hujus- 
modi non est probatio admittenda.« Nach dem heutigen Rechte 
würde dieses notorium praesumtum unter die Rechtsvermuthungen 
zu zählen sein (praesumptiones juris et de jure)^ welche nicht un- 
passend veritates ex lege genannt werden. {Gcnsler im Archiv für 
civil. Praxis 1818. XIX. §. 4). 

Es erübrigt noch beizufügen, dass im canonischen Rechte das 
notorium die Natur eines Beweismittels selbst hatte, obwohl es seiner 
Wirkung nach den Beweis unnöthig machte. Man pflegte nämlich 
im weiteren Sinne Alles, was dem Richter zur Information der Sache 
eine Ueberzeugung ihrer Wahrheit verschaffte, als Beweisniittel zu 
nehmen. Und so fand unter den übrigen auch das notorium eine 
Stelle, wie die versus memoriales aus der 'Summa des Hostiensis 
darthun: 

»Aspectus, sculptum, testes, notoria^ scriptum, 
Jurans, «onfessus, praesumtio, fama probabunt.« 
In die neueren Codificationen desCivilverfahrens ist meistens 
aiis dem canonischen Recl^te nur der einfache Satz herübergenoramen 
worden: dass notorische oder solche Thatsachen, welche dergestalt 
allgemein bekannt sind, dass kein vernünftiger Qrund, dieselben in 
Zweifel zu ziehen, vorhanden ist, keines Beweises bedürfen.« 



1) Mach der Regel des Rom. R. (I. 5. D. 2, 4): »Mater certa; pater vero 
is est, quem naptiae demonstrant.« 



:^^^:gS^" 



230 



XVI. 

Ist die Stellung des heutigen modernen Staates gegenüber 

der Kirche historisch und rechtlich begründet, und ist das 

beiderseitige Verhältniss, wie es gegenwärtig sich gestaltet, 

ein normales und gedeihliches? 

Von Dr. Georg Rhabanus, 

„Suum ouique." 

um diese Fragen zu beantworten, scheint es zweckdienlich, 
vorerst die Genesis der Staaten im Allgemeinen zu betrachten, dann 
das Wesen, die Begriflfebestimmung und den Zweck des Staates dar- 
zulegen, sonach in diesen Gesichtspunkten den Staat mit der Kirche 
vergleichend zusammenzuhalten und die Verschiedenheit des Wesens 
und Zweckes beider nachzuweisen, endlich die gegenseitigen Be- 
rührungen, Beziehungen und Anspräche nach ihrer historischen, recht- 
lichen und ideellen Seite darzustellen und zu würdigen. 



a. Als die Zahl der Menschen bald nach der Katastrophe der 
allgemeinen Erdüberschwemmung derart sich vermehrt hatte, dass 
der aus derselben gerettete Familienstatom in verschiedene Ab- 
zweigungen sich theilte, da suchten diese, wie schon die älteste ge- 
schichtliche Urkunde andeutet i), vergeblich nach einem einigenden 
Mittelpunkte. Sie zerfielen daher in verschiedene Stämme, welche 
schnell zu zahlreichen Völkerschaften anwuchsen, von denen die 
h. Schrift erzählt, dass sie, zerstreut in alle Länder, einander nicht 
mehr verstanden ^). So wurden sie in Vergessenheit ihrer gemein- 
samen Abstammung sich gegenseitig fremd und mehr und mehr un- 
bekannt. Verschiedenheit in der Sprache, in den Sitten, in der Be- 
schäftigung und Lebensweise, in der körperlichen und geistigen Ent- 
wickelung und Ausbildung, selbst in religiöser Anschavung und 
Richtung hatte allmälig eine Grenzscheide zwischen den häufig auch 
durch geographische Verhältnisse von einander getrennten Völkern 
aufgerichtet, und kein Band gemeinsamer Interessen hielt sie mehr 
zusammen. Selbst die Individuen desselben Volksstammes kannten 



1) Genesis 11, 1 ff. 

2) Ibid. 11, 7-8. 



RhabanuSy VerhäUniss des modernen Staates zur Kirche. 231 

ausser ihrem nächsten Pamilienoberhaupte , mit dem sie auch nur 
lose zusammenhingen, keinen verbindenden Schwerpunkt, keine Ge- 
meinsamkeit der Zwecke und Bestrebungen. Es waren lediglich 
membra disjecta, aus denen die Volksmasse bestand; es war der zer- 
splitternde Individualismus mit seiner Willkür und Gesetzlosigkeit, 
welcher alle Verhältnisse beherrschte. 

Aber hierin lag der Grund der Schwäche und der Unmöglich- 
keit einer menschenwürdigen Existenz. In solcher Zerrissenheit und 
Vereinzelung waren die isolirten Volksst^imme machtlos sowohl gegen- 
über inneren, Störungen und Collisionen Einzelner unter sich, als auch 
gegenüber äussern Gefährden durch wilde Thiere, die ihnen ihre 
Wohnplätze streitig oder unsicher machten, oder durch widrige 
Elemente und Ausbrüche der Naturkräfte, üeberdies waren sie ohne 
geordnete Wehre gegen das Andringen feindlicher Nachbarn, und da 
nur das Recht des Stärkern galt, war ihr Land und ihre Wohnstätte, 
ihr Besitz, ihre Freiheit und ihr Leben jedwedem Sturme der rohen 
Gewalt, jedem AngriflFe der Habsucht und Tyrannei schutzlos preis- 
gegeben. 

Dieser Zystand allgemeiner Rechtslosigkeit und. Unsicherheit 
le'^tö den einzelnen Volksstämmen früher oder später, nachdem viel- 
leicht manche im Strudel innerer Kämpfe oder äusserer Gewaltstösse 
untergegangen waren, die NothwendigJceit auf, zur Erhaltung ihrer 
Existenz sich in Gemeinschaften zu vereinigen, sich zu consolidiren 
und zu organisireu, d. h. in organische Verbände mit festen Grund- 
sätzen, Regeln und bindenden Normen zusammenzutreten, und so ein 
geordnetes gesellschaftliches Zusammenleben, eine societas civilis zu 
^ begründen. 

Dadurch wurde dem Einzelnen eine Schranke seiner Freiheit 
und Willkür gesetzt, dagegen ihm das Recht , die Freiheit und der 
Schutz der Communität, deren Öberhaupte er sich zu unterwerfen 
und zu fugen hatte, zur Antheilnahme geboten. 

So entwickelten sich die ersten Rudimente der Staaten. »Fast 
alle Völker des Alterthums, sagen einige Geschichtschreiber, fanden 
es gleich Anfangs für nützlich, ii:i Gesellschaften sich zu vereinigen, 
die man Staaten nennt; sie wählten den Tapfersten oder Klügsten 
zu ihrem Anführer, zum Könige, wenn sie vor wilden Thieren oder 
feindlichen ITaehbarn sich fürchteten , ergaben sich ihm als seine 
Unterthanen, und setzten das Vertrauen in ihn, er werde sie so re- 
gieren, wie es für ihre Wohlfahrt am besten. Das erste Reich, wel- 
ches nach der Sprachverwirrung entstand, soll das babyionische ge- 



232 Hhvibanus, Verhältniss des modernen Staates zur Kirche* 

wesen sein, Nimrod war sein Stifter, der iu der heil, Schrift ein 
gewaltiger Jäger heisst.« 

Die Wahl der Könige ging aber keineswegs immer aus dem 
freien ßelieben der Völker hervor ; sie entsprang vielmehu gewöhn- 
lich einem gebieterischen Drange der Verhältnisse. Schoa der erste 
Staat, der Staat Nimrods, war ein Gewaltstaat, auf Eroberung iiind 
Völker- Unterjochung gebaut. Ebenso verhielt es sieh mit den meisten 
übrigen Staaten des Alterthums, sofern sie nicht reine Priesterstaaten 
waren. In der Regel waren es herrschsüchtige und eroberungs- 
süchtige Maühthaber, welche von aussen eindringend, mit roher Ge- 
walt und Uöbermacht Länder eroberteti, Völker unter ihr Joch 
beugten utid ihnen mit eisernem Scepter Gesetze vorschrieben. Oft 
auch geschah es, dass aus der Mitte eines Volkes ein Organisator 
sich erhob, der an Ansehen und Stärke, an Tüchtigkeit und Ein- 
sicht hervorragend, oder von der Weihe höherer Weisheit und pro- 
phetischen Geistes geadelt, sein Volk zu gesellschaftlicher Ordnung 
anleitete, und zu friedlichem, gedeihlichen bürgerlichen Zusammen- 
leben Vorschriften und J!^^ormen festsetzte. Mit Grund kann auch 
angenommen werden, dass bisweilen voji einem früher schon gebil- 
deten, noch unter den frischen Spuren einer älteren oder ürkultur 
erwachsenen Volksstamme 4ie Keime besserer, edlerer Gesittung un^r 
ein zurückgebliebenes Volk sich verpflanzten, und dasselbe aus dem 
Naturzustände zu geordnetem Gesellschaftsleben überführten.' Solche 
Keime waren religiöser Natur, wie denn überhaupt schon lange vor 
Gründung der Staaten Beligion in irgend einer Form, wenn auch 
häufig zum rohen Polytheismus und Götzendienste verzerrt und ver- 
unstaltet^ bei den Völkern sich vorfand i). 

b. Hiemit ist die Genesis der Staatenbildung im allgemeinen 
Umrisse gezeichnet, und im Wesentlichen Alles gesagt, was die mo- 
derne Staatawissenschaft unter dem Namen: "^^historische Theorie,<k 
oder ^Theorie der Uebermacht^t oder »religiöse Theorien zusam- 
menfasat 

Was man noch weiter als »ratioftale,^ oder als ndedle^^i^ oder 
als ^gescMchisphilosophische<i Staatstheorie geltend machen will, steht 
nicht auf dem Boden der historischen Wahrheit, welche doch allein 
massgebend sein kann hinsichtlich der Genesis der Staaten. Der Staat 
ist in Wirklichkeit niemals der Staat Plato's gewesen, welch letzterer 
nur ein idealistisches Luftgebilde ist, dem niemals eine Realität ent- 



1) 3»Dio älteste Geschichte aller Völker ist vorwaltend R^Iigionsge- 
schichte, (flüfler, Gesch. d. Alterth., II. Cap. §. 4). 



Rhabanus, Verhälfniss des modernen Staates zur Kirche. 233 

sprach. Darum ist es auch nicht, wie KatU meinte ^), eine »allge- 
meine Vernunftforderung und das Bewusstsein dieser Vernunftfor- 
derung,c das. «um Entstehen einer obersten Gewalt bei den eihzelnen 
Völkern gefühift hat. Noch weniger kann die Lehre der »natur« oder 
gesohichtsphilosophiscfaen« Theorie als richtig anerkannt werden, die 
Lehre nämlich, dass der Staat, wenn er einmal auf dem Wege na- 
türlicher Notbwendigkeit entstanden sei, in seiner weitern und voll- 
kommpnea Entwicklung als nothwendiffes Glied des gesammten 
Natur- und Weltorganismus erfasst werden mfisse, so dass auch die 
physischen Elemente des Staates als Träger sittlicher Ideen er*- 
scheinen, und der Staat zur nothwev^igen^ werUhätigen Offenbarung 
des absoluten vernünftigen und sitüichen Geistes^ nämlich der WeU^ 
sede und Gottheit^ würde^). 

Solche Ansichten sind nichts als ivanae species velut aegri 
spmnia,« wie Horaz sich ausdrückt^), nichts, als exaltirte Träume- 
reien, welche aller Geschichte und Erfahrung widerstreiten. Wäre 
es wahr, dass der höchste . Geist, Gott, im Staate zu seiner vollkom- 
mensten Verwirklichung gelangt, so müsste doch die Geschichte seit 
dem Bestände des Menschengeschlechtes wenigstens Einen Staat auf- 
weisen, in welchem eine solche Gottes- Verwirklichung thatsächlich 
zum Ausdrucke gekommen wäre. Hätte es je einen solchen Staat 
gegeben, so wären die »saturnia regna,« die Reiche Saturns, von 
denen die Phantasie der Dichter fabelte, nicht immer vergeblich in 
der Welt- und Menschengeschichte gesucht worden. Im Gegen- 
theile, was die alten Geschichtschreiber erzählten, und was Dichter 
klagend schilderten, weist nichts weniger als die Verwirklichung 
des göttlichen Geistes in den Staaten nach; es deutet vielmehr auf 
schreckliches Elend und auf tiefes Verderbniss der Menschheit hin, 
und zeigt uns selbst die Oberhäupter der Staaten, statt als erste 
Repräsentanten des göttlichen Geistes, in der Regel als Urheber und 
Förderer des Götzendienstes und der schnödesten Sinnlichkeit, als 
Muster aller Verkommenheit und Lasterhaftigkeit, als Aussauger und 
Peiniger der Völker. Nicht wenige von ihnen waren Scheusale, 
welche Despotismus und Tyrannei, Willkür und üebermuth, Schwel- 
gerei und Grausamkeit als Losungswort auf ibre blutbefleckten Throne 
schrieben. Gerade solche Herrscher, denen die niederträchtige 

1) Metaphys. Anfangsgründe der Rechtslehre, §. 44. 

2) »Weil Gott als objectiver Geist, sagt Hegel, im Staate zu seiner voll- 
kommensten Verwirklichung gelangt, so ist der Wille des Staates Gottes Wille, 
desshalb für den Einzelnen höchstes Gesetz.« 

3) Epist. ad Pison. v. 7. 



234 Rkabanus, Verhältniss des modernen Staates zur Kirche. 

Schmeichelei den Namen »der Grosse« beigelegt hat, haben die 
Erde mit Blut gefärbt. Und dies thateri nicht etwa nur barbarische 
Gewalthaber, wie Ninus, Sardanapal, Salmanassar, Nabuchodonosor, 
Oyrus, Danas,' Xerxes u. A.; selbst der so gerühmte Staat der 
Römer, der Mittelpunkt aller »Cnltur,« der Vorläufer unserer mo- 
dernen sog. Culturstaaten , — welch eine Pftlle des Elendes hat er 
in sich aufgehäuft ! Der Geist der Factionen, unersättliche Herrsch- 
sucht, und Habsucht , Luxus und SittenverfeU kennzeichnen diesen 
Staat, der wie ein nimmersattes . Ungeheuer Alles verschlang, freie 
Völker in Ketten warf, alle Moral und Gerechti^eit mit Füssen 
trat, Tempel und Götter Entehrte. Es muss geradehin als absurd 
erscheinen, wenn man des Langen und Breiten von der CuMr und 
Humanität jener griechischen und römischen Staatsverfassungen uns 
vordeklamirt, und dabei vergisst, dass wenigstens vier Fünftheile der 
Menschen unter dem härtesten Joche der Knechtschaft schmachteten, 
dass das Staatsgesetz die unglücklichen Sclaven nur als Sachen — 
xTi^fxata, res, nicht als Personen anerkannte, und dass es den vor- 
nehmen Herren durch kein Gesetz verwehrt war, solche Unglück- 
liche nicht nur zu allen Willkürlichkeiten und Gelüsten zu miss- 
brauchen, sondern auch wegen geringer Fehltritte grausam zu miss- 
handeln oder gar zu tödten und dann ihr Fleisch als NahrungsstoS 
für ihre Fischteiche zu verwerthen ^). Dies war die »Majestät des 
Gesetzes;« dies war der Wille des Staates, und nach Hegerscher 
Lehre auch Gottes Wille! — Und blickt man von den Staaten des 
heidnischen Alterthums auf die modernen Staaten unsers Jahrhun- 
derts, so 'vermögen wir leider keine erfreuliche Antwort zu geben 
auf die Frage : Sind unsere • Verhältnisse vollkommene und glück- 
liche? Sind sie dem »höchsten Geiste,« der ein Geist der Wahr- 
heit, der Gerechtigkeit und des Friedens ist, entsprechendere ge- ' 
worden? — Die Geschichte unserer Zeit führt dem ungetrübten, 
leidenschaftslosen Zuschauer nur ein trauriges Bild dunkler Punkte 
vor. Zerwürfnisse der Staaten unter einander, Eifersucht auf die 
gegenseitige Macht, unersättliche Herrschaftsgelüste und Vergrös- 
serungssucht, Intriguen und Unehrlichkeit, eine Politik ohne Moral 
und Religion, fortwährende Kriegsunruhen, Blutvergiessen und Ver- 



l) Weiteres über die diesbezüglichen unmenschlichen, nnd empi>renden 
Rechtsverhältnisse und Gesetze in den Staaten des Alterthums kann man lesen 
bei DölUnger, Heidenthum und Jadenthura, S. 667 und 677, bei NUsch, Be- 
schreibung der häuslichen, bürgerlichen, religiösen und sittlichen Zustände in- 
Griechenland, Tbl. L S. 367 und 396; bei Adam, Handb. der rom. Altertb., 
I. Bd, S. 49; bei Rein, Priyatrecht d. Römer, S. 555, u. A. 



Rhabanus, VerhäUnUs des modernen Staates zur Kirche. 235 

Verwüstungen aller Art; im Innern der Nationen Parteizerrissenheit, 
Unzufriedenheit, ünbotmässigkeit, Aufruhr, offen oder geheim wühlend, 
fluchwürdiger ßeichthum der Einen, verzweiflungs volle Armuth der 
Andern, verderbliche Grundsätze, wie Giftpflanzen wuchernd, Un- 
sicherheit des Lebens und Eigenthums, unersättliche Genusssucht, 
hochmüthige Ueberbüdung, frivole Gottesverachtuag, Gesetzlosigkeit 
auf der einen, masslose Vervielfältigung der Gesetze, auf der andern 
Seite, — und das Facit des Ganzen: »Plurimae leges, pessima 
respublica.« 

Wer den Lauf der heutigen Zeitverhältnisse verfolgt, der braucht 
nicht Pessimist zu sein, um in sich die Klage widerhallen zu hören, 
mit der einst Hesiod das eiserne Zeitalter geschildert, und Sallust 
die Sitten Roms beschrieben hat. Es stimmen diese Schilderungen 
mit dem Bilde unserer Zeit und der Entwickelung der Wirksamkeit 
unserer modernen Staaten nur allzu genau überein ^). 



1) Hesiod sagt (Werke und Tage V. 174 ff.): 
»War ich selber doch nicht ein Genosse der fünften der Männer, 
Sondern, wo nicht gestorben zuvor, doch später geboren ! 
Denn dies Menschengeschlecht ist ein eisernes. Weder bei Tage 
Werden sie rMi von Beschwerd und Kiimraerniss, weder bei Nacht je, 
Gänzlich verderbt .... 

Nicht ist hold der Vater dem Sohn\ noch dem Sohne der Vater; 
Nicht dem bewirthenden Freunde der Gast, noch Genoss dem Genossen, 
Nicht dem Bruder einmal will herzliche Liehe, wie vormals. 
Bald versagen sie selbst grauhaarigen Eltern die Ehrfurcht, 
Ja, raisshandeln auch sie, mit Schmach und Beleidigung redend: 
Grausame, Gottesgerichts-Unknndige ! Nimmer verleihen wohl 
Solche Dank für die Pflege den hochbetageten Eltern. — 
Faustrecht gilt: rings strebt man, die Stadt zu verwüsten einander. 
Nicht wer die Wahrheit schwört, wird hegünstiget, noch wer gerecht ist, 
Oder wer gut; nein, mehr den XJebelthäter, den schnöden 
Frevler ehren sie hoch. Nicht Recht und Mässigung trägt man 
Noch in der Hand, es verletzt der Böse den edleren Mann auch. 
Krumme Worte aussprechend mit Trug, und das Falsche beschwört er; 
Scheelsucht folgt den Menschen, den unglückseligen allen, 
Schadenfroh, misslauhig und grollend mit neidischem Antlitz.« — 
Und Sallust schreibt (in Catilin. X.) mit Lapidarschrift: »Sed uhi labore 
atque justitia respublica crevit, reges magni hello doraiti, nationes fferae et 
populi ing^ntes vi suhacti, Carthago aemula imperii romani ab stirpe interiit, 
cuncta maria terraeque patebant: saevire fortuna ac miscere omnia coepit. 
Igitur primo pecuniae, deinde imperii cupido crevit, ea quasi materies om- 
nium malorum fuere; namque avaritia fidem, prohitatem, caeterasque artes 
bonas sub^wrtit; pro bis superbiam, crudelitatem, Deos negligere, omnia 
venalia habere edocuit; ambitio multos mortales falsos fieri subegit, aliud in 
pectore clausum, aliud in lingua promptum habere, amicitias inimi- 



236 Rhabanus, Verhältniss des modernen Staates zur Kirche, 

Ans Vorstehendem ergibt sich von selbst- die ünriclitigkeit nnd 
und Ungereimtheit der Behauptung, als sei der Entstebungsgründ 
der Staaten in einer »noth wendigen, werkthätigen Offenbarung des 
absoluten, vernünftigen und sittlichen Oeistes, nämlich der Weltseele 
und Gottheit, zu suchen. 

c. Auch diejenige treffen das Bichfige nicht, welche die 
Genesis der Staaten auf einen »contract social« wie Bousseau, Hobbes, 
Kant, Puffendorf, und besonders auch Hugo Grotius zurückfuhren, 
sohin einen Vertrag^ einen Gesellschaftsvertrag, einen freiwilligen 
Unterwerfungs- und Gewaltübertragungs- Vertrag annehmen, vermöge 
dessen ein Jeder sein ursprüngliches Recht freiwillig aufgegeben 
hätte, dasselbe an die Gesammtheit Aller abtretend, welche dann 
ihrerseits eine physische oder moralische Person als Träger ihrer 
Bechte aufgestellt hätte. Dieser Person, d. i. dem gewählten Regenten 
oder Oberhaupte, hätte dann die Gesammtheit sich unterworfen in 
der Art, dass alles Becht in der Hand des Staatsoberhauptes con- 
centrirt gewesen, und dieses allein das Becht ausgeübt, über Recht 
und Nichtrecht entschieden, von Allen unbedingten Gehorsam ge- 
fordert hätte, während ihm gegenüber Alle rechtlos, seine Gewalt 
aber absolut und unbeschränkt gewesen wäre. 

Dem gegenüber ist zu bemerken, dass diese Genesis eines 
Staates schon eine gewisse Volkssouveränität und gewisse Rechtsbe- 
griffe des Volkes voraussetzt, während sie zugleich einen zum Despo- 
tismus führenden Absolutismus involvirt, der das gerade Gegentheil 
vom Wesen und dem Zwecke eines freien und vernünftigen Ver- 
trages wäre, und die baldige Wiederaufhebung desselben und den 
Untergang des Staates durch Auflehnung und Bevolution nothwendig 
zur Folge haben müsste. Es wäre andererseits absurd, anzunehmen^ 
die Völker wären freiwillig aus dem Naturzustande herausgetreten^ 
um ihre liebgewonnene Freiheit im Widerspruche mit dem dem 
Menschen angeborenen Freiheitstriebe hin wegzugeben, und sie be- 
dingungslos einer Obrigkeit zu überantworten, von der sie nur Zwang, 
Bechtslosigkeit und Sclaverei einzutauschen gehabt hätten. Da wäre 
jedenfalls viel annehmbarer, was manche, und darunter bedeutende, 
Rechtslehrer dafürhielten, »dass der Ursprung aller Staaten als »res 
meri facti« in der Geschichte aufzusuchen, und vor allen andern 



citiasqne non ex re, sed ei coraraodo aestimare, magisque vultum, quam in- 
genium bonum habere. Haec primo paullatim crescere,' interdam vindicari; 
post, nbi contagio qnasi pestilentia invasit, civitas immutata, iihperiam ex 
jastissimo atqne optimo cmdele intolerandnmqae factnni.« — Ist dies nicht ein 
Spiegelbild ansers Zeitalters, der Aera des modernen Staates? 



Rhabanus, Verhälfniss des modernen Staates zur Kirche. 237 

MeinuDgeB am , wahrscheinlichsten sei, dass Gewalt xxni Ehrgei^f Aen 
ersten Anfang dazu gemacht haben , wie mau insonderheit an Cain 
und Nimrod. sehe, und Augustinus sage: »Quid enim regna, nisi 
magna latrocinisk^).« 

Nein, es ist kein freier Vertrag^ kein Gesellschafts-, Unter- 
werfungs-, Machtübergabsvertrag, oder wie man ihn sonst nennen mag, 
was jemals Staaten begründen und auch nw auf eine Zeit, lang in ihrer 
Existenz erhalten könnte. Was zur Gründung von Staaten führte, 
ist vielmehr t- und eben dies wollen unsere Staatstheoretiker und 
Staatsphilosophen sich picht einleuchten lassen— ein schon ur- 
sprünglich von Gott in die Natur des Menschen gelegtes^ xind den 
Völkern durch tausei^dfaltige Verhältnisse und Erfahrungen allmälig 
jsmn Bexvusstsein gebrachtes Bedürfnisse behufs Ermöglich ung einer 
^rechtlichen Existenz und Sicherung der äussern irdischen Lebens- 
güter in socialen, organisch geordneten Beziehungen, Ordnungen und . 
Gesetzen unter einem leitenden, mit der nöthigen Gewalt und. Auto- 
rität ausgestatteten Oberhaupte in grösseren oder kleineren Communi- 
täten vereinigt zu leben. — Auf dieses in der Menschennatur 
liegende Bedürfniss hai schon Aristoteles Ximg^mQ^Qn^ da er den 
Menschen als »96031 TcoXmxov Cü)ov,« als ein von Natur aus poli- 
tisches Lebewesen, bezeichnete^). 

Eben weil dieses Bedürfniss besteht und weil es von Gott der 
Menschennatur eingepflanzt ist, kann man sagen, dass die Staaten, 
wie ihre Kegenten oder Oberhäupter, welche eben die tragenden und 
verbindenden Schlusssteine dieser socialen Verbände repräsentiren, 
mittelbar auf göttlicher Anordnung beruhen. Es ist nicht eine frei- 
willige und willkürliche, oder lediglich zufällige Erscheinung um den 
Staat; er ist eine relative Noth wendigkeit, von Gott gewollt; und 
nicht minder sind die Oberhäupter der einzelnen Staaten dadurch, 
dass die Volksstämme zur Ermöglichung eines gedeihlichen^ menschen- 
würdigen Zusammenlebens freiwillig oder gezwungen sich unter ihre 
Autorität fügen, als auf dem Grunde göttlicher Anordnung stehend, 
als von Gott gesetzt zu erachten. In diesem Sinne sagt die h. Schrift: 
»Per me reges regnant,^)« und wieder: »Non est enim potestas, 
nisi a Deo*).« — Die Staatsgewalten und ihre Träger haben dem- 
nach zwar keine unmittelbare göttliche Institution zu ihrem Grunde, 



1) Frhr. v, Kreitlmayr, Anmerk. zum Cod. Maximil. bavar. civil. I. Thl. 
Cap. II. §. 6. n. 2. 

2) Politic. I, 1. 8. 9. , . 

3) Proverb. 8, 15. 

4) Römer 13, 1. 



238 Rhabanus, Verhältniss des modernen Staates zur' Kirche. 

wohl aber eine mittelbare^ insofern sie als nothwendiges Postulat der 
von Qott gegebenen Menschennatur und der von Qott gewollten Ent- 
wicklung der Menschheit sich darstellen. Mit Recht können sich 
in diesem Sinne die von den christlichen Völkern anerkannten legitimen 
Staatsobwhänpter das Prädikat T>von Gottes Onaden^ beilegen, frei- 
lich nicht als Ausdruck hochmuthsvoUer Selbstüberhebung nach dem 
Beispiele mancher Despoten des heidnischen Alterthums, welche ihre 
Herkunft von den Göttern selbst ableiteten und sich göttliche Ehren 
anmassten, — sondern als demüthigesBekenntniss der Dankbarkeit für 
die erbarmungsvoUe göttliche Anordnung, vermöge welcher sie auf 
die Stufe eines hohen und heiligen Berufes gestellt, sich als Gottes 
Diener erkennen, als Diener des Königs der Könige, der, wenn sie 
ihre Autorität missbraucheu , von ihnen »das Reich wieder hinweg- 
nehmen wird^).« Denn wenn die Könige nicht von Gottes Gnaden 
ihre Autorität ableiten, und nicht als verantwortliche Diener Gottes 
sich erkennen , so zerbrechen sie selbst ihr Scepter und zerstören 
das erste, noth wendigste Fundament ihrer Legitimität und Gewalt. 
> Weisheit unserer Väter war es, schreibt Friedr. Leop. Graf ssu 
Stolberg y welche die Fürsten eine Formel lehrte, deren Sinn so tief 
als richtig ist , nämlich zu bekennen , dass sie von Gottes Gnaden 
das sind, was sie sind. Es ist den ünterthanen viel daran gelegen, 
dass der Fürst, — es ist dem Fürsten viel daran gelegen, dass die 
ünterthanen die heilige Sanktion der gegenseitigen Pflichten nicht 
vergessen.« — So oft ein Fürst das Wort ausspricht: »Wir, von 
Gottes Gnaden,« möge er der Mahnung gedenken, welche die h. 
Schrift allen Königen und Machthabern zuruft: »Sitzt er auf dem 
Throne seines Reiches, so schreibe er sich den Inbegriif dieses Ge- 
setzes in ein Buch zusammen, und nehme die Urschrift dazu von 
den Priestern des Stammes Levi. Dieses lege er niemals aus den 
Händen ; er lese es die Tage seines Lebens, dass er den Herrn seinet^ 
Gott fürchte -und die Gebote halte. Er sehe nicht mit Stolz auf 
seine Brüder herab , " er weiche weder zur Rechten noch zur Linken 
ab, auf dass er und seine Kinder lange Zeit in Israel regieren*).« 

So verhält es sich also mit der göttlichen Einsetzung der 
Oberhäupter der Staatsgewalt. Falsch ist die Darstellung hierüber 
bei Kant^), als ob der Satz: »Alle Obrigkeit ist von Gott« — nicht 
einen Geschichtsgrund der bürgerlichen Verfassung, sondern ledig- 
lich eine Idee als praktisches Vernunftprincip aussage, die Idee 

1) Daniel 4, 28; 5, 27. 

2) Deuteron. 17, 18 ff. 

3) Metaphys. Anfangsgründe der Eechtslehre, §. 49, A. 



Rhabanus, Verhälinisa des modernen Staates fiur Kirche*, 239 

nämlich: »der jetzt besteheadeu gesetzgebenden Gewalt gehorchen 
zu sollen, ihr Ursprung raöge sein, welcher er wolle.« Eine solche 
Idee von blinder Unterwerfung unter eine Gewalt, Ton der man gar 
nicht wissen kann, ob ihr Ursprung ein berechtigter oder nicht- 
bereohtigter sei, wäre eine unvernünftige Idee. Eine Forderung, die 
keine höhere Grundlage, keine über dem Menschen stehende, zweifel- 
lose Autorität für sich hätte, könnte für den Menschen ^ die als 
solche alle einander gleich sind, keinenfalls eine verpflichtende 
Wirkung erzeugen. 

II. 

a. Fragt man nun: Was ist der Staat? — so wird man auf 
Sei^e der Staatsrechtslehrer keine übereinstimmende Antwort finden. 

Aristoteles erklärt den Staat als eine Gemeinschaft von Ge- 
schlechtern und Ortschaften zu einem vollkommenen und in sich be- 
friedigenden Leben 1).« — Allein eine solche Definition ist offenbar 
zu unbestimmt gefasst und zu allgemein lautend, da bienach der 
Staat Alles in sich begreifen könnte. Ein »voUkommäues,« in sich 
»in allen Be2iehungen befriedigendes Leben« ist eine Utopie im ir- 
dischen Dasein und für den Staat eine unmögliche Aufgabe. 

Noch mangelhafter war die Beschreibung, die Flaio von seinem 
Bürgerstaat machte. Nach Flato ist der Staat der Organismus der 
Menschheit für das Gesammtleben , der drei Klassen von Burgern 
umfasst, nämlich die ^i^vernii/ififUgenxiVLAherrschendenj^AiQ "»sirmlicheti 
und dienenden,^ endlich die >miäleren^€ d. i. die Vertheidiger der 
herrschenden Klasse und des Vaterlandes *). 

Plato's Staatslehre läuft auf den strafläten Absolutismus hinaus, 
in dem alle Rechte und Interessen der Einzelnen verschlungen, Fa- 
milie und Eigenthum absorbirt wären. Und doch bilden gerade 
Familie, Familienrecht und Frivateigenthura das Fundament und die 
Wurzel jedes gedeihlichen Gesellschaftslebens. Letzteres ist über- 
dies ohne die Grundlage der Religion, ohne bestimmte Form der- 
selben, ohie selbstständige Kirche undenkbar. »Es ist anzuerkennen, 
schreibt sogar ein neuerer Staatsrechtslehrer »), dass der Staat nicht 
die einzige humane Gemeinschaft, nicht die einzige leibliche Dar- 
stellung der Menschheit ist. Die Kirche ist in ihrer irdisch- sicht- 
baren Erscheinung auch eine Gemeinschaft, auch ein Leib der Mensch- 
heit. Damit ist zugleich anerkannt, dass die politische Herrschaft 

1) Polit. III. 5, 14. 

2) Polit. IV, 16; De republ. V. 

S) Bluntschli, AUgem. Staatsrecht, S. 27 ff. 



240 Rhabanus, Verhältniss des modernen Staates zur Kirche. 

des Staates sieht das reliose Leben der Menschen bestimmt, und 
dass die Freiheit de»' Gewissen und der Glaube des Individaams 
nicht durch den Staat gefährdet werden darf. Sodann folgt aus der 
mensehlichen Nator des Staates keineswegs, dass der Staat eine 
vollkommene Herrschaft über das Idividnum habe . . . Das Gebiet 
des Staates erstreckt sich daher nicht weiter, als die Interessen der 
Gemeinschaft und das Nebeneinanderbestehen und Zusammenleben 
der Menschen es erfordert.« 

So Bluntschli. Zwar entzieht auch Plato die religiösen Ange- 
legenheiten der absoluten Staatsbefugnissj und vindicirt die Ordnung 
und Bestimmung derselben dem Gotte, d. i. dem delphischen Apollo. 
Auch lässt sich nicht wohl annehmen, Plato habe seinen Bürgerstaat 
sich als religionslos gedacht, da er in andern seiner Schriften Be- 
ligionslosigkeit als den grössten Unsinn und die grösste ünsittlich- 
keit betrachtet, und der' Ansicht huldigt, dass zur Erlan^ng der 
»Tugend,« ohne welche kein geordnetes Gesammtleben möglich, die 
Hilfe der Götter noth wendig sei. Aber gleichwohl spricht Plato 
seinem Staate einen Absolutismus, eine Staatsomnipotenz zu, neben 
welcher weder eine Gewissensfreiheit der Staatsbürger, noch eine 
freie, in sich selbst beruhende Religionsform und Kirehe bestehen 
könnte. Der platonische Staat wäre die grösste Sklaverei der 
Menschheit. 

Und doch hatte diese excentrische Auffassung des Staates als 
einer unbegrenzten Macht die Nachwirkung dass viele Köpfe späterer 
Zeiten vom Schwindel des Staatsabsolutismus ergriffen wurden, 
während andere schwankend in mangelhaften, oder unklaren und 
zweideutigen, entweder nichts, oder zu viel sagenden Definitionen 
sich ergingen. Denn was ist damit erklärt, wenn AnciUon^) den 
Staat als eine »moralische Einheit« definirt? oder wenn Savigny^) 
den Staat als die leibliche Gestalt der geistigen Volksgemeinschaft, 
als die organische Erscheinung des Volkes bezeichnet? oder wenn 
Kant den, Staat als »die Vereinigung einer Menge von Menschen 
unter ßechtsgesetzen *),« — und Jordan als »die Herrschaft des 
Rechtsgesetzes« erklärt? Wenn ferner Bluntschli^) den Begriff des 
Staates so bestimmt : »Der Staat ist eine Gesammtbeit von Menschen 
in der Form von Regierung und Regiert^, auf einem bestimmten 
Gebiete verbunden zu einer .sittlich organischen Persönlichkeit,« 



1) Ueber den Geist der Staatsverfassungen, Berl. 1825. 

2) System des röm. Rechts, I. S. 22. 

3) Metaphys. A^ufangsgründe der Rechtslehre, §. 45. 

4) Ibid. S. 24 und 35. 



Rhabanus, Verhältniss des modernen Staates zur Kirche. 241 

— und weiter unten beifügt, dass »gerade die furchtbarste Thätig- 
keit des Staatsmanns die Sorge fär die materielle Wohlfahrt und 
für die geistige Erhebung des Volkes sei,« — so fehlt auch dieser 
Definition die uöthige Bestimmtheit und Abgrenzung, da man sie 
auch auf die Familie anwenden könnte , deren Hausvater ebetf das 
regierende Haupt ist, der für das materielle und geistige Wohl seiner 
Familienangehörigen zu sorgen hat. Freilich findet ein anderer 
Staatsrechtslehrer, Leo % zwischen Staat und Familie keinen wesent- 
lichen Unterschied, indem er sagt, der Staat sei umnittdhar mit den 
Menschen gegeben (?), und wäre nur eine Familie auf der Welt, so 
bildete sie einen Staat ; denn dann würde sie nicht mehr , wie jdzt 
die Familie, ein untergeordnetes Glied sein, sondern der Staat existirte 
dann in der Form des Familienlebens , und |ille höchsten Attribute 
der Staatsgewalt fielen dann in den Kreis der Familie herein.« — 
Dies ist falsch j dfe Bande, welche die Familie zusammenhalten und 
an den Einigungspunkt, an den Familienvater knüpfen, sind ver- 
schieden von denen, welche die Gemeinschaft des Staates zusammen- 
halten; jene sind ursprünglicher, unzertrennlicher, inniger, heiliger, 
weil auf dem Bande der natürlichen Liebe ^), auf dem Bande der Ehr- 
furcht beruhend, welches hinwiederum in dem Bande der Herzen, in dem 
Gefühle der Vaterschaft und Kindschaf t^ in der religiösen^ dem Ge- 
müthe des Menschen tief eingegrabenen Idee wurzelt, während die 
Verbindung der Menschen zum Staate durch äi«S5ere Bande, durch 
Bande des Zwanges, der InterBssen und der ünterth&nigkeifc unter 
die äussere Macht und Gewalt geknüpft ist. Die' Familienverbindung 
ist daher eine wesentlich andere, als die des Staates. -^ 

Können solche Definitionen und Deäcriptionen des Staates, wie 
die vorgenannten, schon nicht als befriedigend erachtet werden, so 
muss man andere, welche sich der platonischen Staatsidee mehr oder 
jninder anschmiegen, vornherein als unannehmbar, als offenbar. absurd 
zurückweisen. . , 

Wenn Adam Heinr. Müller^) den Staat definirt »als die in- 
nige Verbindung der gesammten physischen und geistigen. Bedürf- 
nisse, des gesammten innern und äussern Lebena einer Nation zu 
einem grossen organischen, unendlich bewegten und lebendigen 



1) 'Naturlehre des Staates. 

2) Schon die Heiden druckten ihre Liebe zu ihren Kindern aus, die sie 
ihre Eingeweide, viseera, nannten: »Eripite yiscera mea ex vineulis,. restituite 
mihi pignora, pro quibus mori non recuso,« sagte Darius von seinen ge- 
fangenen Söhnen, nach Ourtius, Lib. de uxore et filiis captiv. 

3) Elemente der Staatskunst, I. S. 51 und 66, 

Archiv filr Kkchenrecht. XLVIU. IQ 



242 Rhabanus, VerMltniss des modernen Staates zur Kirche. 

Ganzen,« und wieder »als die Totalität der menschlichen Angelegen- 
heiten nnd deren Verbindung zu einem lebendigen Ganzen,« so muss 
man darin ein gänzliches Aufgehen der Religion und ifirche im 
Staate, der ja Alles umfasse und enthalte, erkennen, und darum diese 
Definition als zu weitgreifend entschieden beanstanden. Die Mül* 
ler'sche Definition klingt, wenn auch in besserer Intention nieder- 
geschrieben, schon sehr an die Theorien von Schelling und Hegel 
an, welche beide durch ihre masslose Staatsverherrlichung und Staats- 
vergöttlicbung Alles überboten. 

Schelling nennt den Staat »das nach dem göülicheh Urbild 
geformte Gesammtlehen in Hinsicht auf Sittlichkeit, Religion, Wis- 
senschaft und Kunst, darinnen die sich selbst begreifende. Vernunft 
gerade so, wie im Weltbau durch absolute Naturnothwendigkeit, 
hier durch freie Besonnenheit ihr eigenes lebendiges Bild allein zu 
erkennen vermag. Der Staat ist demnach ein objectiver Organismus 
der Freiheit, sichtbar darstellend die nothwendige Harmonie zwischen 
Freiheit und Nothwendigkeit im öffentlichen Leben der Ganzheit, 
sowie in dem besondern der einzelnen Bürger, — eine Verfassung, 
die nicht blos um gewisser Zwecke willen da ist, sondern von selbst 
und allein schon darum, weil sie ist, alle Zwecke erfüllt. Der Staat 
ist also nicht ein Werk des Zufalles oder der Willkür, sondern nur 
eine besondere Offenbarung des Absoluten ^),<t^ Eine solche Definition 
stellt den Staat dar als das Höchste uiid Einzige, von dem alles 
Uebrige , wie der Nebel vor der Sonne , verschwindet. Aber dieser 
Schelling'sche Staat ist keine Realität; er ist nur ein Phantasiebild, 
dem keine Wirklichkeit entspricht, eine fata morgana, für die wir 
in den Wüsteneien des Staaten- und Völkerlebens niemals eine greif- 
bare Existenz finden. Ist der Staat »eine besondere Offenbarung« 
des Absoluten, so ist das Absolute nicht die ewige Ruhe, unendliche 
Güte, Wahrheit, Schönheit, nicht die untheilbare unbegrenzte Einheit 
und Einfachheit, nicht die substanzielle Liebe, Weisheit und Selig- 
keit, sondern das Gegentheil von diesem, ein auf- und niederwogeri- 
des Chaos der Verwirrung und Unordnung, der Unruhen, der Zwie- 
tracht und eines zahllosen Heeres von Leiden und Leidenschaften, 
welche wie Harpyen die Völker umstürmen. Wenn der Staat Selbst- 
zweck ist, dann geht die Religion, die, Kirche in ihm auf, denn er 
ist selbst die Wesenheit der höchsten Religion und das Ideal der . . 
Kirche; er absorbirt alle Religionen und Kirchen in sich. 

4) Aphorismen zur Einleitung in die Natnrphilosophie §. 8; Methodolog, 
des akadem. Stnd. , Vorlesung X. über Geschichte und Kechtswissenschaft, 
S. 226 flf. 



RhabanuSf Herhältniss des modernen Staates zur Kirche* • 243 

Während noch ein Schüler Schelling's, Heinrich Steffens^ wel- 
cher in seinen »Carrikaturen des Heiligsten ^)* den Bürgerstaat das 
Heiligste der Menschheit nennt, doch den Satz: »die Kirche und der 
Staat sind schlechthin Eines und Dasselbe,« als ein fehlerhaftes 
Extrem , als eine Carrikatur seines »Heiligsten« bezeichnet , ist da- 
gegen Hegel auf die letzte Sprosse der Stufenleiter des Pantheismus 
uud der Staatsvergötterung gestiegen, indem er*) den Staat bezeich- 
nete als den ^wirUichen^ präsenten Gott, als den göttlichen Willen, 
als gegenwärtigen, sich zur wirklichen Gestalt und Organisation ent- 
faltenden Geist.« Der Staat ist nach Hegel ein »wahrhaft Irdisch-- 
Göttliches^ und muss als solches verehrt werden. Die Kirche steht 
nicht über dem Staate, noch ausser ihm; der Staat tritt vielmehr 
an die Stelle der Kirche selbst, und setzt sie zu einem Momente 
seiner selbst herab. Als unbewegter Selbstzweck hat der Staat das 
höchste Recht über die Einzelnen; das Volk als Staat ist die ab- 
solute Macht auf Erden; alle Einzelnen haben derselben unbedingt 
sich zu fügen und für dieselbe sich zu opfern. Jeder hat die ab- 
solute Pflicht, im Staate zu sein. Um tugendhaft und religiös zu 
sein , hat der Mensch nichts Anderes zu thuu , als was ihm vom 
Staate vorgezeichnet und vorgeschrieben ist.« 

Was will man noch mehr? Können nicht alle Staatsabsoluti- 
sten über eine solche Auffassung des Staatsbegriffes mit vollem Be- 
hagen ihre Orgien feiern? Und gar erst jetzt, seitdem in letzterer Zeit 
der idealistische Pantheismus in den Materialismus umgeschlagen 
hat, und der moderne Staat, im Gewände des sog. Liberalismus auf- 
tretend, alles Göttliche läugnet, — jetzt haben ßs unsere modernen, 
liberalen Staatsmänner wieder erlebt, dass sie sagen können, wie 
einst der Minister des Bürgerkönigs Louis Philipp: »Wir sind eine 
Regierung, die nicht zu Gott betet.« Der vom Materialismus durch- 
säuerte Staat ist in der That ein Staat ohne Gott. — Aber: »quem 
Dens perdere sult, prius dementat.« 

Wenn es je möglich ist, dass diese philosophische, oder viel- 
mehr phantastische Staatsbegriffs-Theorie von dem Lichte nüchterner 
Anschauung, Geschichts- und Menschenkenntniss überwunden wird, 
und wenn unsern modernen Staatsabsolutisten über die zerstörenden 
Wirkungen und Folgen ihres in das Leben der Staaten injicirten 
Vergiftungssystems endlich noch die Augen aufgehen, dann vielleicht 
wird man zu einem der Wahrheit und Wirklichkeit näher stehenden. 



1) Carrikaturen des Heiligsten, Leipzig 1819—1821, 2 Bde. 

2) Grundlinien der Philosophie des Rechtes, oder Naturrecht und Natur- 
wissenschaft im Grundrisse. 

16* 



244 RhabanuSy Verhältnisa des modernen Staate^ zur Kirche. 

bescheidenen Staatsbegriffe zurückkehren, wie ihn grosse, geistvolle 
Staatsrechtslehrer als den richtigen erkannt haben. 

b. Schon Hiigo Grotius, hat, obwohl er hinsichtlich der Ent- 
. stehang der Staaten irren konnte, doch das Wesen des Staates rich- 
tiger, d. i. enger gefasst, indem er schrieb: »Est civitas coetus 
perfectus liberorura hominum, juris fruendi et communis utilitatis 
causa societus ^).« Nach seiner Lehre ist also der Staat eine 
perfecte, d. i. selbstständige Gesellschaft freier Menschen, die zum 
Genüsse der Sicherheit ihres Rechtes auf Freiheit, Leben, 
Eigeuthum, Ehre, überhaupt der gemeinsamen ä«55ern Wohlfahrt, 
vereinigt sind. Dass demnach der Staat Alles sei, und dass es 
gegenüber dem Staate- kein anderes, von ihm unabhängiges Recht 
gebe, von dieser Extravaganz hat Hugo Grotius nichts gewusst, da- 
gegen war ihm klar, 'dass ausser und neben der bürgerlichen Gesell- 
schaft noch eine andere grosse, selbätständie Gesellschaft existire, 
nämlich die Kirche, die Erscheinung und die Trägerin der Religion. 
— Spätere Rechtslehrer, vfie Stahl ^)^ bezeichnen den Staat als »ein 
sittliches Gemeinwesen zur äussern Ordnung und Förderung des so- 
cialen Lebens,« oder als »einen Verein von Menschen unter äussern 
positiven, d. h. Rechtsgesetzen zur Erhaltung und Vertheidigung der 
allgemeinen Menschenrechte, der Freiheit, der Sicherheit des Lebens, 
des Eigönthums und der Ehre,« (Meineeke); oder: »als einen so- 
cialen Verband zum Zwecke der Aufrechterhaltung und Geltend- 
machung der socialen Rechtsordnung durch Realisirung der Rechts- 
forderungen, um dadurch die zeitliche Wohlfahrt der Glieder dieses 
socialen Verbandes zu ermöglichen und zu fördern.« (Dr. StöcMy 
Lehrb. der Philosophie, IL S. 537.) — 

Eine richtige und erschöpfende Definition des Staates ' dürfte 
auch folgende sein: 

»Der Staat ist eine selbstständige- bürgerliche Gesellschaft von 
Menschen, auf einer grösseren oder geringeren Vielheit von Familien 
aufgebaut, beruhend in seinem tiefsten Grunde auf göttlicher Ord- 
nung und auf dem aus der Natur des gefallenen Menschen fliessen- 
den Bedürfnisse, zum Zwecke der Erhaltung und Vertheidigung der 
Sicherheit des Lebens, der Freiheit, der Ehre, des Eigenthums, des 
Rechtes , der privaten und öffentlichen Ordnung und Ruhe , sowie 
überhaupt zur Förderung der zeitlichen und irdischen Güter und der 
Wohlfahrt der Gesellschaft als Ganzem und der einzelnen Glieder 
derselben unter einem gemeinsamen regierenden, mit der erforder- 

1) De jure belli et pacis, L IIL §. 7, Proleg. §. 16. . 

2) Eechts- und Staatslehre auf Grundlage christlicher Weltanschauung. 



Rhabanus, Verhättniss des modernen Staates zur Kirche. 245 

liehen bürgerlichen, gesetzmässigen Macht und Autorität bekleideten 
Oberhäupte, einer physischen oder moralischen Person, auf einem- 
bestimmten geographischen Gebiete zu einem organischen Verbände 
vereinigt zusammenzuleben.« 

III. 

a^ Zweck des Staates ist es demnach, die äusserlichen, irdi- 
schen Güter deV Menschen in seinem Staatsgebiete zu sichern, zu 
fördern und zu schützen i). Der Staatszweck umfasst daher weder 
ä\Q ganjse Menschheit, noch den ganzen Menschen, noch dessen höhere^ 
Oberirdische Güter und seine ewige Bestinftuung. Dieser höhere Be- 
ruf der Menschheit, welcher nicht auf einzelne Menschenracen, auf 
einzelne Völker oder Ländergebiete sich beschränkt, sondern auf das 
ganze Menschengeschlecht und auf die ganze von ihm bewohnte Erde 
sich erstreckt, und alle Stämme sammt ihren tausendfachen Ab- 
zweigungen , sie mögen von Sem , von Cham oder Japhet ihre Her- 
kunft ableiten, sie mögen in was immer für einer Zone, in was im- 
mer für einem Klima, in was immer für geographischen, ethnogra- 
phischen oder ethnologischen Verhältnissen leben, in gleicher Weise 
umfasst , und alle zu derselben Einheit der allgemeinen Menschen- 
familie verbilidet, — dieser höhere Beruf liegt vom Zwecke des 
Staates weit ab , und könnte vom Staate mit den ihm zu Gebote 
stehenden Machtmitteln niemals erreicht werden. Hieraus folgt, dass 
ausser und über den bürgerlichen Staaten noch ein anderer, vom Staate 
nach Wesen und Zweck unabhängiger Organismus, ein Gemeinwesen 
höherer Art existiren muss : die allgemeine christliche^ d. i. die Jcatho- 
lische Eirche. Diese, auf unmittelbar göttlicher Gründung beruhend, 
weil sie die Erscheinung und Trägerin der von Gott unmittelbar geoffen- 
harten Religion ist , hat die höheren , zu allen Zeiten unveränder- 
lichen, überirdischen Bedürfnisse der Menschheit, ihre religiösen Be- 
ziehungen, die Beziehungen nämlich des Menschen zu Gott und zum 
jenseitigen Leben, und dessen Bestimmung zur Tugend, zum Glauben, 
zur Hoffnung auf überirdische Güter, sowie überhaupt die Pflichten 
gegen Gott, gegen den Nächsten und eines Jeden gegen sich selbst 
— zu ihrem Gegenstande und Zwecke. Dieser Zweck ist der höchste 



1) Ganz richtig stellt die bayerische Verfassungs-Urkunde vom 26. Mai 
1818, §. 8, den Grundsatz auf: >Der Staat gewährt jedem Einwohner Sicher- 
heit seiner Person, seines Eigenthums und seiner Rechte.« Dieselbe Urkunde 
sondert ausdrücklich den Zweck des Staates von jenem der Kirche -mit den 
Worten: s. Gewissenhafte Scheidung und Schützuug dessen, was des Staates und 
der Kirche ist.« (Einleitung zur Verfass.-Urk.) 



246 Rhahanußj Verhältniss des modernen Staates zur Kirche'. 

für die gesanimte Menschheit, darum auch der erste. Religion ist 
das Höchste, das Erste und das Nothwendigste ; Religion ist die 
Grundlage von Allem, der Balt von Allem, das Fundament, auf dem 
jedes ethische Gebäude ruhen muss, wenn es nicht in Kurzem stürzen 
soll. Ohne Religion sänke die Menschheit zum Thiere herab, und 
könnte kein Staat bestehen. Selbst Heiden haben dies anerkannt, 
»unser Staat, schreibt Valerius von dem alten Rom, hatte immer den 
Grundsatz, dass der Religion Alles nachgesetzt werden müsse; man 
zweifelte daher nicht daran, dass die Staaten den Heiligthümern zu 
dienen haben ^).« Ein grosser Geist späterer Zeit hat den propheti- 
schen Ausspruch gethan, dass die Meinungen der Gottlosigkeit und 
Religionslosigkeit Alles zur Generalrevolution vorbereiten , von wel- 
cher Europa bedroht sei^). »Ein herrschender Glaube an die Sterb- 
lichkeit der menschlichen Seele, schrieb einst der geschichts- und 
menschenkundige Kornmann^)^ wurde Staaten und Völker zer- 
rütten, alle gesetzlichen Bande lösen und Länder und Reiche zur 
Wüste machen*).« 

1) Valerius, Lib. I. c. 1. n. 9 : »Omnia post religionem ponenda semper 
nostra civitas duxit; quapropter non dubitaverunt, sacris imperia servire.« 

2) LeibniZf Nouv-essays, p. 430. 

3) SibyUe der Eeligion. 

4) Wahrhaft erbauend ist es, was drei mächtige christliche Fürsten, 
Kaiser Franz IL von Oesterreich, König Friedrich Wilhelm III. von Preussen, 
und Kaiser Alexander I. von Bussland , in einer für alle Zeiten denkwürdigen 
Urkunde, in der »heiligen Allianz^ d.d. 14./2'6. Septemh. 1815, feierlich aus^ 
gesprochen haben über die Beligion als nothwendige Grundlage der Staaten: 
»Im . Namen der hochheiligen und untheilbaren Öreieinigkeit« erklären diese 
drei Monarchen feierlich, »dass gegenwärtige Akte nur zum Gegenstande hat, 
Angesichts der ganzen Welt ihre unerschütterliche Entschliessung zu erkennen 
zu geben, sowohl in der Verwaltung ihrer respectiven Staaten, als in den «poli- 
tischen Verhältnissen mit jeder andern Regierung, allein die Vorschriften 
dieser heiligen christl. Religion zur Regel zu nehmen , Vorschriften der 
Gerechtigkeit, der christlichen Liebe und des Friedens, die nicht blos auf das 
Privatleben anwendbar sind, sondern im Gegentheil direct auf die Entschlies- 
sungen der Fürsten einwirken , und alle ihre Schritte leiten müssen , wie sie 
denn auch dllein das Mittel sindj die menschlichen Institutionen zu 
consoUdiren und ihren ünvollkommenheiten abzuhelfend^ u. s. w. Hiezu 
bemerkt ein Geschichtschreiber sehr wahr und richtig : »Nach tausend und aber- 
tausend verfehlten. Berechnungen einer hinterlistigen, unsichern und mit Cha- 
mäleons-Natur ihre Farben unzähligemale wechselnden Politik mochten sie (die 
Fürsten) doch endlich das bessere Ich hören, und lon der Wahrheit des 
Axioms überzeugt werden : die einzig sichere Grundlage der wahreü Politik, der 
gesetzlichen Herrschermacht und der anfechte Veredlung der Völker hinzielen- 
den Staatsinstitutioneu finde sich nur in der Begion der sittlich-religiösen 
Menschennatur. Auf diesem Standpunkte Hess sich denn auch leicht Qrkennen, 



Rhahanua, Verhältnis^ des modernen Staates aur Kirche, 247 

Es muss also Jedem, der an Gott und Unsterblichkeit glaubt, 
jedem, der die Bestimmung des Menschen nicht vom Standpunkte 
des Materialismus auffasst, ja Jedem, der nicht sein Auge verschliesst 
vor dem Lichte der Vernunft und sein Ohr vor den Lehren der Ge- 
schichte, einleuchten, dass es neben dem Staate nothwendig noch 
einen andern, keineswegs zu dessen Wesen gehörenden, sondern 
selhstständigen^ grossen, auf kein einzelnes Staatsgebiet beschränkten, 
ethischen Organismus geben muss, damit die Erreichung der höhern, 
der religiösen Bestimmung der Menschheit ermöglicht werde. Dieser 
Organismus, dieser, grosse Menschenverband, diese von Gott gesetzte 
höchste Institution auf Erden ist die Kirche. 

b. Zwei grosse, selbstständige, von einander wesentlich unab- 
hängige höchste Gewalten gibt es demnach in der Welt. Der einen 
dieser Gewalten sind die irdischen und zeitlichen Interessen der 
Menschen, der andern die 'überirdischen und ewigen Zwecke der- 
selben von der göttlichen Providenz als das jeder eigenthümliche 
Gebiet ihres Wirkens und Waltens zugewiesen. 

Wir sagen : zwei Gewalten ; nicht der Staat allein also existirt 
in der Welt als herrschende Macfht ; eine andere, eine geistige Macht, 
steht neben ihm. Dies war die üeberzeugung aller Vernünftigen 
aller Zeiten. >Duo sunt, schrieb jEBwZjwar (de ordin. Palat. 5, cap. 
Duo sunt, Dist. 96), quibus principaliter mundus hie regitur : aucto- 
ritas Sacra Pontificum, et regalis potestas.« Die Verschiedenheit 
dieser beiden Mächte hat Papst Nicolaus I. in seinem Briefe an den 
Kaiser Michael mit den Worten dargelegt : »Wie könnten Diejenigen, 
welche nur den Beruf haben, über die menschlichen Dinge, nicht 
über die göttlichen zu gebieten, über jene zu richten sich heraus- 
nehmen, durch welche das Göttliche verwaltet wird ? Zwar war es 
vor Christi Ankunft der Fall, dass einige Könige im typischen Sinne 
auch Priester waren, wie solches die h. Schrift von Melchisedech be- 
richtet. Aber dies hat der Teufel, der ja immer, was zur Ehre 
Gottes gehört, sich selbst anzumassen strebt, nachgeäfft, in der 
Weise, dass die heidnischen Kaiser zugleich den Titel: »Pontifex 
^ maximus« führten. Als man aber zur Wahrheit (des Christenthums) 
gelangt war, hat. sieh weder ein Kaiser die. Rechte des Pontificates 
angemasst, noch der Pontifex den Titel des Kaisers usurpirt, da ja 



dass jene sitUich-'religiose, die wundervollsten Erscheinungen der Zeit wirkende 
Tendenz bei den christlichen Völkern an das Instilat des positiv christlichen 
Eirchenglaubens gekniipft sei, um etwas, den fluchtigen Augenblick der Zeit 
Ueberlebendes zum Heile der Völker zu stiften.« (Die Geschichte unserer Zeit, 
Bd. 27. S. 500-506.) 



# 



248 Rhabanußf Verhältniss des modernen Staates zur Kirche, 

derselbe Mittler zwischen Gott und dem Menschen, Christus Jesus, 
die jedem von beiden zustehenden Befugnisse und Würden scheidend 
und sondernd, die Competenzen beider Gewalten in der Weise von 
einander abgegrenzt hat, dass die christlichen Kaiser, in allen Be- 
ziehungen auf das ewige Leben der Päpste bedurften,, diese da- 
gegen in den zeitliehen Angelegenheiten die kaiserlichen Gesetze 
brauchten 1),« 

Der Grundsatz von zwei von einander wesentlich verschiedenen 
höchsten Gewalten hat übrigens auch schon im ältesten deutschen 
Rechtsbuche Ausdruck gefunden, »Twei svert lit God in ertrike, to 
bescermene .de kristenheit; deme. pavese ist gesät das geistlike, 
deme keisere dat wertlike^),« 

Die Charta magn^, in welcher die Verschiedenheit beider Ge- 
walten für alle Zeiten festgesetzt und als Grundstein ihres Bestandes 
niedergelegt ist, hat uns Christen das Evangelium, diese die wahre 
christliche Freiheit und Erlösung der Menschheit von der Sclaverei 
des Heidenthums gewährleistende heilige Verfassungsurkunde gegeben, 
auf Grund des feierlichen Wortes, das der göttliche Stifter der Kirche 
vor dem Landpfleger Pilatus ausgesprochen hat: ^Mein Reich ist 
nicht von dieser Welt%^ Mein Reich, wollte damit Christus sagen, 
ist kein weltliche^ Reich, kein Reich, wie die Kaiserthüraer und 
Königreiche dieser Welt, keine Gewalt und Herrschaft über die welt- 
lichen und irdischen Dinge, sondern ein Reich, dessen Fundament 
die ewige Wahrheit, dessen Ziel und Ende die Ehre Gottes, der in- 
nere Friede aller Gutgesinnten und das Heil der unsterblichen Seelen 
ist. — Und gleichwie die Kirche, — dies ist das CoroUar dieses 
ewig berühmten Wortes Christi^ — kein Reich ist von dieser Welt, 
so ist der Staat kein Reich von jmer Welt, so sind die Staaten 
keine Herrschaften über das üeberirdische , Ewige und Geistliche; 
sie haben keine Gewalt über die ewigen Wahrheiten der Religion, 
über die Seelen und ihre überirdische Bestimmung, folglich auch 
nicht über die Kirche, der ausschliesslichen Erzieherin, Lehrerin und 
Führerin der Seelen. Nach diesem Grundsatze der grossen Charta 
magna des Evangeliums haben die ersten Hirten der Seelen, die 
ersten Glaubensboten des höchsten Herrn und Königs gehandelt, als 
sie in die Länder des Erdkreises hinauszogen, um das Reich Gottes, 
das Reich der Kirche, die Herrschaft Jesu Christi allenthalben und 
ohne Rücksicht auf die politischen Grenzmarken der einzelnen Staaten 

1) Can. Denique u. Cum ad verum, 5. 6 Dist. 06. 

2) Sachsenspiegel, I, 1. 
•3) Matth. 18, 36, 



RhahanuSj Verhäliniss des modernen Staates zur Kirche,^ 249 

zu proclamiren und zu verbreiten. Nicht Vollmachten und Sendungen 
seitens eines irdischen Königs hatten sie aufzuweisen; das einzige 
Wort, das Mandat des Königs der Könige: »jGlehet hin in die ganze 
Welt und predigt das Evangelium jeglichem Geschöpfe ^),« war ihre 
Vollmacht. Nie als Staatsdiener, nie als Beauftragte der Staatsge- 
walten haben die Apostel sich gerirt, sondern nur als Diener Christi. 
»So erachte uns, sagten sie, jeder Mensch als Diener Christi und 
Ausspender der göttlichen Geheimnisse^).« Sie erachteten sich in 
ihrem Berufe nicht als abhängig von den weltlichen Mächten ; sie 
haben vielmehr, als diese feindselig ihnen entgegentraten, auch gegen 
deren Willen und gegen ihre Verbote die von Gott ihnen übertragene, 
heilige Mission vollzogen. »Man muss Gott mehr gehorchen, als den 
Menschen ^),« ■— dies war hiebei ihr Wahlspruch. 

Dieses Bewusstsein war schon vollkräftig und lebendig unter 
den christlichen Glaubensboten in den Urzeiten der Kirche, das Be- 
wusstsein von der wesentlichen Verschiedenheit, Selbstständigkeit und 
Unabhängigkeit ihres heiligen Amtes von der Staatsgewalt. »Ich 
frage euch Bischöfe, schrieb Hilarius: Welcher Vollmachten haben 
sich die Apostel zum Predigen des Evangeliums bedient? Durch 
welche Gewalten unterstützt, haben sie Christum verkündet, und 
fast alle Völker, von den Götzenbildern zu Gott' zurückgeführt? 
Haben sie etwa aus dem Palaste sich Amt und Würden geholt, und 
hat Paulus etwa vermöge königlichen Edictes die Gemeinde Christi 
Yersammelt? Hat ihn vielleicht ein Nero, ein Vespasian oder Decius 
beschützt? Hat sich nicht trotz des grimmigen Hasses derselben 
die Blume der Predigt des göttlichen Wortes entfaltet*)?« — So 
hat die Kirche vom Beginne ihrer Existenz an ihren Unterschied 
und ihre Unabhängigkeit vom Staate stets auf's Bestimmteste er- 
kannt, und unter allen Umständen entschlossen bethätigt.*Die Ketten 
und Gefängnisse ihrer Märtyrer und Bekenner geben hierüber Zeug- 
niss , auf grossen Concilien ^) wurde dies bestätigt , von .christlichen 
Königen und Kaisern wurde es anerkannt. »Ihr Bischöfe, sprach 
Kaiser Constantin, seid von Gott über dasjenige gesetzt, was inner- 
halb der Kirche ist, wir über das, was ausserhalb ^).« Ebenso haben 
Valentinian L, Karl d. Gr., und viele andere christlich gesinnte 



1) Mark. 16, 15. 

2) 1. Corinth. 4, 1. 

3) Apostelgesch. 4, 20. 

4) Hilarius, contr. Auxent. n. 3. 

5) Vgl. Conc. Nicaen. IL c. 3. 

6) Euseb. in vita Constant, IV. 



250 Rhabanudf Verhäliniss des modernen Staates zur Kirche. 

Pursten, die erhaben waren über alle Selbstüberhebung, Annmssung 
und Herrschsucht, gedacht und gesprochen: >Die Kirche ist ver- 
schieden vom Staate^ selbstsfändig , frei und unabhängig von jeder 
irdischen Gewalt. € 

c. Haben wir nun die wesentliche Verschiedenheit zwischen 
Kirche und Staat im Allgemeinem , erkannt , so liegt es nahe, 
wie oben vom Staate, so auch von der Kirche eine Begriffsbestim- 
mung zu statniren, um gleichsam eine feste Grenzmarke für die 
beiderseitigen Gewalten zu bezeichnen. 

Wir fragen' daher: Was ist die Kirche? 

Die Antworten- auf diese Frage, wie selbe aus verschiedenen 
Zeiten vorliegen, sind zwar nicht alle gleichlautend, nicht alle gleich 
vollständig und erschöpfend, aber doch keineswegs einander wider- 
sprechend, oder zerfahren, oder unklar, zweideutig und nebelhaft, wie 
es so häufig die Definitionen vom Staate sind, bezüglich dessen man 
nicht selten in Unwissenheit darüber sich befand , was er eigentlich 
seinem Wesen und Zwecke nach sein solle. Hinsichtlich der Kirche 
aber zeigen alle im Laufe der Zeiten gegebenen Erkl^^rungen j Be- 
schreibungen und Definitionen, dass man sie als etwas Positives, un- 
mittelbar von Gott Gegebenes, nicht erst vom Menschengeiste Er- 
daqhtes, noch aus menschlichen Verhältnissen und irdischen Lebens- 
nötheu von selbst Entwickeltes erkannte. Auch besagen alle diese 
Definitionen unzweideutig, worin das Wesen und der Zwech der 
Kirche bestehe. 

Gemäss dem heil. Paulus ist die Kirche eine Gemeinschaft der 
Gläubigen^ — ein Leib, an dem alle Gläubigen zur Einheit in Christus 
verbundene Glieder sind, — eine Gemeinde, welche von Christus,- 
wie ein Körper vom Haupte, regiert und durch die Verbreitung des 
EvangeliumiJ immer grösser und von ihm zur Vollendung gebracht 
wird, — ein Gebäude, dessen Hauptgrundstein Christus Jesus ist, 
das zu einem Tempel des Herrn in die Höhe sich erhebt, -— ein 
mystischer Leiby der ein Ganzes mit vielen Gliedern ist, und in wel- 
chem Alle, Juden und Heiden, Knechte und Preigeborene durch 
einen und denselben. Geist getauft, in einem und demselben Geiste 
getränkt sind ^). — In der h. Schrift wird überhaupt die Kirche be- 
zeichnet als »die Gesammtheit einer Heerde, in welcher die Bischöfe 
regieren,« — als »das Reich Gottes,<ii als ^^die Grundfeste der Wahr-- 
heit,^ als -»die Stadt auf dem Berge, die nicht verborgen bleiben kann*).« 

1) Vgl. Rom. 12, 5; Ephes. 1, 22 ff., 2, 19 ff., 1. Corintb. 12, 4 ff., 
Ephes. 4, 11. 

2) Apostelgesch. 20, 25. 28. 29; 1. Timoth. 3, lörMatth. 5, 14. 



Rhabanus, Verhäliniss des modernen Staates zur Kirche, 251 

. Die heil. Väter erklärten die Kirche mit kürzen Worten als 
»die Versammlung der Gläubigen ^),« als ^die Einheit de^* Gläubigen^ 
wie der Leib die Einheit seiner Glieder ist*), als T>den Tempel 
Gottes^y<ii 

Weisen alle diese Bezeichnungen und Vergleiche schon deut- 
lich genug auf das Wesen und den Zweck der Kirche hin, so wurden 
hierüber in späteren Zeiten noch umfassendere und vollständigere 
Definitionen und Beschreibungen gemacht. Pdrus Canisius^) nennt 
die Kirche: »Cunctorum Christi fidelium visibilem congregationem, 
unam et consentientem in 'fide fideique doctrina et administratione 
sacramentorum, quaeque ab uno capite suo Christo nnoque vices ejus 
in terris gerente Pontifice maximo regitur ac in unitate conserva- 
tur.« — BeUarmin^) definirt sie^ als: »Coetus hominum, ejusdera 
christianae fidei professione, corundemque sacramentorum communione 
coUigatus, sub reginrine legitimorum pastorum ac praecipue unius 
Christi in terris vicarii,. Romani Pontificis.« — Nach Anderen ist 
die Kirche »die von Christus gestiftete und vom h. Geiste geleitete 
sichtbare Gemeinschaft der berufenen Bekenner Christi, in welcher 
die von ihrem Haupte verkündete Religion und angeordnete- gött- 
liche, absolute Heilsordnnng vollständig und unversehrt bewahrt, 
durch diese die von Christus ausgegangene Erlösung, Heiligung 
und Wiedervereinigung der Menschheit mit Gott und unter sich 
selbst stets fortgesetzt und vollzogen, — das Reich Gottes in der 
Zeit verwirklicht werden soll^); — oder: »die Vereinigung aller 
Gläubigen der Erde durch ihre Hirten zu Einer /grossen Gemein- 
schaft in Einem Glauben, in Einer Liebe und Hoffnung, in Einem 
Streben, unter Einem Herrn, um Einen sichtbaren Mittelpunkt, dein 
Papste"^);« oder: »die Gemeinde aller Christen auf Erden, die ver- 
einigt sind unter Einem gemeinsamen Oberhaupte, dem Papste und 
den ihm untergeordneten Bischöfen 8);« — oder: »die durch Christus 
gestiftete und durch den h. Geist unter Mitwirkung der dazu be- 
rufenen Organe bewirkte Lebensgemeinschaft der erlösten Menschen- 
unter sich und mit Gott^);« — oder: »die von Christus gestiftete 

1) Theod. in Ephes I, 23. 

2) August. Euchirid. c. 56. 
V 3) Gregor, Moral 19. 

4) Summa doctrin. Christian. XVIII. 

5) Controvers. tom. I. controv. IV. Lib. III. c. 22. 

6J Alzog, Univers.-Geschichte der christl. Kirche, S. 2-3. 4. Aufl. 

7) Hirscher, Eaiechism. der cfaristkath. Religion. 

8) Deharbe, Eatechism. der kath.' Religion. 

9) Drey. 



252 Rhabanua, Verhältniss des modernen Staates zur Kirche^ 

sichtbare Gemeinschaft aller Gläubigen, in welcher die von ihm 
während seines irdischen Lebens zur Entsündung und Heiligung der 
Menschheit entwickelten Thätigkeiten unter der Leitung seines Geistes 
bis zum Weltende vermittelst eines von ihm angeordneten, ununter- 
brochen währenden Apostolates fortgesetzt; und alle Völker im^Ver- 
laufe der Zeiten zu Gott zurückgeführt werden i);« — oder: »die 
in sich souveräne, von Christus gestiftete Gemeinschaft seiner Gläu- 
bigen, in welcher die während seines Erdenlebens zur Entsündung 
und Heiligung der Menschheit entwickelten Thätigkeiten eines Pro- 
pheten, Hohenpriesters und Königs unter einer selbstständigen Re- 
gierung durch den von den Aposteln herab mittelst besonderer Or- 
dination ununterbrochen fortgepflanzten, und mit dem Stuhle Petri 
zur Einheit verbundenen Episcopat in immerwährender, vom h. Geiste 
geleiteter Wirksamkeit erhalten, und alle Völker im Laufe der Zeiten 
zu Gott zurückgeführt werden sollen ^);« -r- oder: »die Gesammtheit 
aller derjenigen, welche durch denselben gemeinschaftlichen christ- 
lichen Glauben und dieselben gemeinschaftlichen sieben Sacramente 
zu einer Gesellschaft verbunden sind, die auf -dieser Wölt durch die 
Bischö/e, d. h. die unter Autorität des päpstlichen Stuhles bestellten 
Nachfolger der Apostel, und in oberster Instanz durch den Papst, 
den sichtbaren Stellvertreter Christi, regiert wird^).« 

Auf protestantischer Seite hat man die Kirche definirt als: 
»die Gemeinschaft, durch welche Christus fortgelebt hat bis auf die 
Gegenwart und fortleben wird in alle Zukunft*).« — Vollständiger 
ist die Definition: »Est Ecclesia congregatio sanctorum, in qua 
evangelium recte docetur et recte admihistrantur sacramenta^),« und 
auch dieser ist noch vorzuziehen : »Ecclesia est societas hominum 
inter se per eandem fidei confessionem unitorum ad religionis chri- 
stianae scopum obtinendum^).« 

VL 

a. Wenn man die Definitionen der Kirche und des Staates 
auch nur oberflächlich miteinander vergleicht, so wird man den 
wesentlichen Unterschied leicht bemerken, der zwischen diesen beiden 
Gemeinschaften besteht, und der so wenig in Zweifel gezogen werden 



1) Mäkler, Symbolik. 

2) Permaneder, Handbuch des kath. Kirchenrechtes, I. Bd. §. 47. 

3) Vering^ Lehrb. d. kath. und protest. Kirchenrechtes, II, Buch, §. 52. 

4) Hase K., Lehrb. der evangel. Dogmatik, S. 437. 

5) Confess. August, p. 11. 

6) J. H, Boehmef, Instit. jur. canon. L. I. §. 4. 



^ RhabanuSf Verhältniss des modernen Staates zur Kirche. 253 

kann, dass derselbe auch seitens der Reformatoren ^) , sowie in den 
Symbolen der lutherischen Kirchengeuossenschaft anerkannt, und 
selbst mit scharfer Betonung hervorgehoben wurde. Dessenungeachtet 
scheint nicht überflüssig, hier, nachdem oben der Unterschied zwi- 
schen Kirche und Staat im Allgemeinen angedeutet worden ist, noch 
im Besondern die einzelnen Gesichtspunkte, nach welchen diese Ver- 
schiedenheit' ganz speciell sich ausprägt, eingehender darzulegen. 

unter diesen Gesichtspunkten ist vor Allem der Ursprung bei- 
der Gewalten in.'s Auge zu fassen. Die Kirche ist unmittelbar gött- 
lichen Ursprunges, der Staat nur mittelbar. Die Kirche wurzelt in 
der Religion^ diese aber im Glauben an ein höchstes Wesen, im 
Glauben an Gott. Der Glaube an ein höchstes Wesen" inhärirt aber 
dem Menschengeschlechte schon ursprünglich, er ist das Gesetz, das, 
wie Paulus sagt ^), dem Menschen in das Herz geschrieben, und, wie 
es bei dem Psalraisten heisst, als göttliches Licht über dem mensch- 
lichen Antlitze ausgeprägt ist. Nicht als allmäliges Er^eugniss der 
menschlichen Phantasie oder Furcht, wie unsere starken Geister 
meinen, kann die Religion entstanden sein»); denn um Uebernatür- 
liches und Göttliches zu fürchten, muss man vorerst an die Existenz 
übermenschlicher und allgegenwärtiger, rächender und vergeltender, d. 
h. göttlicher Mächte, glauben. Auch das Thier nimmt die Wirkungen 
der Naturkräfte, die Macht der Elemente, den flammenden Blitz und 
den' rollenden Donner wahr und fühlt dabei die Empfindung von Furcht; 
aber es wird dadurch keineswegs zu einer religiösen Idee, zur Idee 
von einem höbern Wesen , zur Datbringung von Sühn- und Dank- 
opfern, wie einst Kain und Abel, angeregt. Die Grundidee der Re- 
ligion, der Beziehung des Menschen zu Gott, muss der Menschheit 
schon von der Natur aus eingepflanzt sein, Gott selbst muss sie ihr 
schon als Naturgabe in das Herz geschrieben haben, so dass sie als 
ein ursprünglicher Besitz des Menschengeschlechtes erscheint. Darum 
flnden wir deutliche Spuren und Kennzeichen des Glaubens an über- 



1) Vgl. Luther, Epistel an Melanchton v. J. 1530. 

2) Römer 2, 15; vgl. Psalm. 4, 7. 

3) »Sie glaubten, schreibt Herder (Ideen zur Philosophie der Geschichte 
der Menschheit) von den ersten Menschen, wo sie keinen sichtbaren Urheber 
sahen, an unsichtbare Urheber, und forschten immer doch, so dunkel es war, 
Ursachen der Dinge nach. Indessen war auch dieser erste Versuch Religion, 
und es heisst nichts gesagt, dass Furcht bei ien meisten Menschen ihre Götter 
erfunden. Die Furcht als solche erfindet nichts, sie weckt blos den Verstand, 
zu muthmassen, und wahr oder falsch zu ahnen. . . . Sobald der Mensch also 
die Welt anders als ein Thier ansah , musste er unsichtbare , machtige Wesen 
vermuthen« u. s. w. 



254 RhahanuSf Ve^^hältniss des modernen Staates zur Kirche, 

menschliche , höhere 'Wesen bei allen , auch bei den rohesten und 
ältesten NaturYölkern^ wie schon denkende, Heiden, Plato, Aristoteles, 
Cicero u. A. die Religion als etwas unmittelbar von Gott Gegebenes 
betrachteten, und grosse christliche Lehrer behaupteten, die Eennt- 
niss von einem höchsten Wesen sei eine ursprüngliche Mitgifi der 
menschlichen Seele^). Schon die ersten Stammeltern des Menschen- 
geschlechtes haben, wie die h. Schrift sagt^), die Stimme Gottes des 
Herrn gehört, und auch jenes Wort vernommen, das ihnen hinneigte 
auf Denjenigen^ welcher der Schlatige den Kopf zertreten werde^ tmf 
jenem göttlichen Heilhringer^ der, wie er selbst sprach, gekommen 
ist, nicht um das Gesetz, die ursprüngliche natürliche Religion, auf- 
zuheben, sondern um dieselbe zu vervollkommnen und zu erfüllen, 
d. h. um i^B positive Religion im prägnanten Sinne, das Ghristen- 
thum zu stiften, und die Kirche^ dessen Trägerin, Pflegerin und 
Verkünderin, zu begründen. »Die christliche Kirche, schreibt ein 
erleuchteter Geistesmann, ist der letzte Zug an einem von Ewigkeit 
her von der Vorsehung entworfene^ Plane, sie ist die Krönung eines 
schon bei der Schöpfung angefangenen Gebäudes, welches mit den 
Jahrhunderten vorgerückt, und nur erst in dem Augenblicke das ge- 
worden ist, als der Werkmeister die letzte Hand an dasselbe 
legte*).« 

So ist denn die Kirche ihrem Ursprünge nach auf unmittelbare, 
bei der Schöpfung des Menschengeschlechtes schon vorbereitete, gött- 
liche Gründung, der Staat aber nur mittelbar auf 4en Ursprung 
durch Gottes Fügung zurückzuführen, da er, wie schon oben darge- 
legt wurde, nur. in Folge des Einflusses äusserer Verhältnisse und 
zwingender Nöthen und Bedürfnisse allmälig sich entwickeln konnte. 

Hieraus folgt auch, dass der Kirche die Priorität der Existenz 
im Verhältnisse zum Staate zukommt. Die Naturvölker existirten 
schon lange, ehe eine «faatliche Ordnung unter ihnen Platz griflf, 
während sie, wenn sie bürgerliche Ordnung und gesellschaftliche 
Normen einzuführen begannen, religiöse Begriflfe und Ideen in* Ver- 
bindung mit dem natürlichen Sittengeselze im Schoosse ihrer Fa- 
milien in irgend einer Form schon besassen, ja gerade dadurch, dass 
Religion und Sittengesetz schon vorher bei ihnen bestand und wal- 
tete, zur Annahme staatlicher Ordnung sich willig und geneigt fanden. 

Verschieden vom Staate ist die, Kirche ferner nach dem, Ge- 
sichtspunkte des Qebietsumfangee und der Dauer. 

1) »Animae a primordio conscientia Dei dos est.« Ter lull, adv, Marc. 1, 10. 

2) Genesis 3, 8. 

3) Bergier, 



Rhäbanus, Verhältniss des modernen Staates zur Kirche. 255 

Der Staat ist auf ein bestimmtes Territorialgebiet beschränkt. 
Klimatische, Verhältnisse, Boden und Producte, geographische Läge, 
Sprache, Abstammung^, Volkssitten, Lebensart, Volkscharakter, Er- 
werbsart und Beschäftigung u. dgl. setzen den einzelnen Staaten ihre 
Schranken. Daher gibt es auch nicht blos einen einzigen Staat auf der 
ganzen bewohnten Erde, sondern eine Vielheit von Staaten, die sich 
durch territorialen umfang, Gesetze,^ Verfassung, öffentliche Einrich- 
tungen und Rechtsverhältnisse unterscheiden. Es gibt darum keinen 
Universal- oder Weltstaat, wie es einen solchen auch niemals gegeben 
hat, oder geben wird. Zwar hat es nicht an Träumern gefehlt, 
welche das Ideal eines Staates im Weltstaate finden wollten; sfe 
wiesen auf das. grosse Römerreicb, auf die Reiche KarFs des Grossen 
oder Napoleons L hin, und folgerten aus deren beharrlichem Streben 
nach immer weiterer Ausdehnung ihrer Gebiete, dass ein solcher Er- 
weiterungsdrang in der menschlichen Natur begründet sei. Aber sie 
vergassen dabei, dass die Erde mit ihren so. vielfach verschiedenen 
geographischen, klimatischen etc. Verhältnissen und Lebensbeding- 
ungen, so wenig sie für einen einzigen Menschen bestimmt ist, ebenso 
wenig für ein einziges Volk, oder für einen einzigen Staat bestimmt 
sein kann; sie übersahen zugleich, dass das unersättliche Weiter- 
streben einzelner thatkräftiger Herrscher nicht auf einem Naturbe- 
dürfnisse der Menschheit • als solcher, sondern vielmehr auf einer Ver- 
dorbenheit der hur auf irdische Macht bedachten Geistesrichtung 
einzelner, sogenannter grosser Männer, auf ihrer Herrschsucht und 
Ruhmsucht beruhte; endlich hatten sie die Lehre der Geschichte 
nicht genug im Auge, welche zeigt, dass die so gerühmten Gross- 
staaten trotz ihrer Grösse und vermeintlichen Unüberwindlichkeit dem 
Schicksale der Vergänglichkeit, gleich allen Menschenwerken, nicht 
entfliehen können , und dasa daher der Bestand eines universalen 
Weltstaates geradezu unmöglich ist, somit kein Naturbedürfniss des 
Menschen sein kann. Vielmehr ist es ein Naturgesetz, dass die 
grössten Reiche, wönn sie den Gipfel ihrer Macht erreicht haben, 
gerade dann dem Abgrunde am nächsten stehen. Das grösste Men- 
schenwerk stürzt unter der Last seiner eigenen Grösse, Ein Uni- 
versal- oder Weltstaat würde überdies schon an der Klippe des Neides, 
der Eifersucht und der Rache scheitern, womit er von Seite der 
Ueberwundenen und Unterdrückten geheim oder offen befehdet und 
bekämpft werden würde. Wenn es so weit käme, dass Einer wäre 
über Alle, so iväre dies jedenfalls von nicht langer Dauer; bald wür- 
den Alle über Einen sein, und immer würde sich "bewahrheiten, was 
Curtius schrieb: »dass die Grösse niemals lange auf festem Fusse 



256 Rhabanus, Verhältnias des modernen Staates zur Kirche, 

stehe, und dass bei den Menschen, -wie gross auch das Glück wäre, 
das ihnen lächelte, doch noch grösser und stärker dep Neid wäre, 
der sie verfolgte.« Dieser Neid wurde innere Qährungen, Factionen, 
Zerklüftungen, Parteiungen, Unruhen erzeugen, und dies war in der 
Geschichte der Staaten gar häufig der Anfang vom Ende. Wahr 
bleibt das Wort eines berühmten Geschichtsschreibers : NuUa magna 
civitas quiescere potest; si foris hostem non habet, dorai invenit^^).« 

So sind die Staaten nicht nur in Bezug auf ihren Territorial- 
umfang, sondern auch in Bezug auf ihre Dauer begrenzt. Die Idee 
von der Verewigung eines Reiches hat, obwohl die Phantasie unserer 
Staatsphilosophen ein schrankenloses Staatsideal zauberte, doch noch 
niemals einen Verfechter gefunden. »Wollen wir, schreibt selbst 
Bousseau in seinem Contract social, ein dauerhaftes Werk begrün- 
den, so sollen wir doch nicht träumen, es zu einem ewigen machen 
zu können. Ein politischer Körper fangt ebenso, wie der mensch- 
liche Leib, von seiner Geburt schon zu sterben an ; denn er trägt in 
sich selbst die Ursachen seiner Zerstörung.« 

Gegenüber dieser Begrenztheit, Vielheit und Vergänglichkeit 
der Staaten steht das von Gott unmittelbar gestiftete Reich seiner 
Kirche in seiner Einheit, Universalität und Unzerstörbarkeit gross 
und gewaltig, wie ein Berg Gottes, da. Die Kirche hat keine ter- 
ritorialen Grenzen auf dieser Erde, Das »Euntes in inundum Uni- 
versum« führt ihre Sendboten über Gebirge und Meere, nach Süd 
und Nord, nach Ost und West. In den Sandwüsten Afrika's, zwi- 
schen Grönlands Eisbergen, innerhalb der grossen Mauer China's und 
in den Wäldern Amerika's , auf den Inseln des Oceans , wie in den 
Weltstädten des Continentes, unter wilden, wie unter civilisirten 
Völkern werden ihre Fahnen aufgepflanzt und ihre ewigen Gesetze 
verkündet. »In omnem terram exivit sonus eorum, et in fines orbis 
terrae verba eorum 2).« — Die Kirche umfasst die ganze, Mensch- 
heit, und überall, wo sie ist, ist sie eine und dieselbe. Derselbe 
Glaube, dieselbe Lehre, dieselben Sacramente, dieselbe Verfassung, 
dieselben Gesetze und Institutionen kennzeichnen ihre Einheit und 
Universalität, — Die Verheissung ihres göttlichen Stifters: »Ich 
werde bei euch sein bis an das »Ende -der Welt;« sein Wort: »die 
Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen« — verbürgt ihre 
ünzerstörbarkeit und ihre Dauer bis an das Ende der Zeiten. Den 
Felsen, auf den sie gebaut ist, kann kein Sturni, keine Verfolgung, 
keine Macht der Welt erschüttern. Während die Staaten den Stürmen 

1) Livius, L. 30. 

2) Psalm, 18, 5. 



Rhabanust VerhäUniss des modernen Staates zur Kirche. 257 

und Angriffen von innen oder von aussen früher oder später unter- 
liegen, muss der Kirche, wie ein weiser Mann schrieb, gerade das- 
jenige, was den Untergang menschlicher Werke herbeiführt, zur 
Stärkung und Kräftigung dienen i).« 

Die Verschiedenheit zwischen Kirche und Staat zeigt noch ein 
weiterer Gesichtspunkt auf, -der Hinblick nämlich auf die beider- 
seitigen Zwecke und auf die Mittel zur Erreichung derselben. 

Die Kirche verfolgt, wie sehen oben bemerkt wurde, nur geistige, 
ethische, überirdische, heilige Zwecke. Sie ist berufen, den Glauben 
an Gott und an seinen Sohn Jesus Christus unter der Menschheit zu 
lehren, das Reich Gottes, d. i. das Reich der Wahrheit, der Gnade 
und der Tugend, auszubreiten, dem Menschen den hohen Werth 
seiner unsterblichen Seele zu zeigen, dessen Hoffnung am Grabe zu 
beleben und ihm hinzudeuten auf jenes höhere Vaterland, wo er bei 
Gott, dem ewigen, gerechten, barmherzigen und' allmächtigen Vater 
ewig dauernder Vergeltung, vollkommenen und unzerstörbaren Glückes 
und Friedens theilhaftig werden kann. Die Kirche hat den Beruf, 
alles Schöne und wahrhaft Edie in der vMenschenseele ^u entwickeln 
und zu pflegen, den christlichen Glauben, die Freiheit in der Wahr- 
hait und Selbstbeherrschung, die Massigkeit und Sanftmuth, die 
Demuth und den Gehorsam, die Armuth im Geiste, die Gottesfurcht 
und »Gerechtigkeit, die Barmherzigkeit und Nächstenliebe, das Gebet 
und Gottvertrauen, mit einem Worte, alle jene. Tugenden, welche als 
gute Gaben von oben kommen, vom Vater der Lichter, und den 
Menschen schon hienieden zu adeln, zu beglücken und mit innerm 
Frieden zu erfüllen vermögen. Diese innere Beruhigung und Be- 
seligung in Mitte der Beschwerden, Drangsale und WechselfiUe 
dieses Erdenlebens in die Herzen zu pflanzen, Allen Alles zu werden, 
um alle Menschen und alle Völker für Gott und Christus und für 
das ewige Leben zu gewinnen , dies ist der Beruf der Kirche , den 
ihr göttlicher Stifter ihr übertragen hat. 

Und um diesen heiligen Beruf zu erfüllen, wendet sie keinen 
äussern Zwang, keine äussere Straf- oder Gewaltmittel an; ihre 
Mittel sind geistiger Natur, sie sind: Predigt des Wortes Gottes, 
Belehrung, Ueberzeugung, Liebe, Gebet, Fürbitte, Tröstung, Mahnung, 
Hinweisung auf Gottes Lohn oder Strafe , Spendung der geistigen 
Nahrung und Entsündung durch die Sacramente und übrigen geisti- 
gen Hilfs- und Heilmittel für alle durch innere oder äussere Leiden 
und Drangsale niedergedrückten Herzen. 



1) Cassiodor. sap. Psalm. 1. 
Archiv für Kirchenrecht. XLVIII. 17 



258 Rhabanus, Verh^ltniss des modernen Staates zur Kirche. 

" »Duldet ruhig, Millionen, . . . 

Duldet für die bessere Welt i 
Droben über*m Sternenzelt 
Wird ein grosser Gott belohnen»« 

, Dies ist der Ruf der Kirche, der einst mitten in der Fiuster- 
niss des Heidenthums an die in der Sclaverei schmachtende-, arme 
Menschheit erging. Derselbe Ruf erschallt noch heute an die Völker; 
ein Ruf zum Ausharren in den Kämpfen dieses Lebens, zum Aus- 
harren im christlichen Dulden und Streben, ein Ruf des Trostes, 
ein Geläute des Friedens, das aus überirdischen Höhen ertönt. 

Welch eine erhabene, wahrhaft göttliche Institution ist die 
Kirche, und wie himmelweit verschieden von ihr das, was man heute 
»Staat« nennt! 

Der Staat hat, wie Hugo Grofius sagt, »zu seinem ursprüng- 
lichen Zwecke die Aufhebung des unstatthaften Gemeinbesitzes der 
gesammten unvertheilten Erde und die Aufrechthaltung der eämmt- 
liehen strengen und äussern Rechte eines Jeden gegen Alle und 
Aller gegen Jeden,« — oder nach Puffendorf »den Frieden und die 
Sicherheit des geselligen Lebens durch Verwandlung der innem Qe- 
wissenspfllchten in äussere Zwangöpflichteri.« Der Staat soll über- 
haupt die äusseren zeitlichen Güter seiner Untergebenen wahren, 
Wohlstand, Verkehr, Handel und Wandel fördern, für den Bedarf 
der nothwendigen Lebensmittel, für Gesundheit und die Bedingimgen 
leiblichen Wohles seines Volkes sorgen, Lehen, Eigenthum, Besitz, 
äussere Sicherheit und Frieden, Ruhe und Ordnung, Ehre und Ver- 
mögen schützen und erhalten, die Giyilisation und Humanität in 
ihrer äussern Erscheinung pflegen, über öffentliche Zucht, Sitte und 
Anstand wachen. Recht und Gesetz für das Ganze und den Einzelnen 
bestimmen und deren Verletzer strafen, die Beziehungen zu den be- 
nachbarten Staaten im Interesse des Friedens und des Rechtes regeln. 

Die Mittel, deren sich der Staat behufs Ermöglichung seiner 
Aufgaben bedient, sind äussere ^ sie sind Befehle oder Verbote in 
Form von Verordnungen und Gesetzen; sie sind Macht- und Straf- 
raittel, Mittel des Zwanges, der Züchtigung oder Abschreckung, 
Freiheitsent/iehting , Landesverweisung , Vermögensentziehung und 
selbst Beraubung des Lebens! Für den Staat gilt das Wort : »Willst 
du nicht willig, so brauch' ich Gewalt.« So muss oft die »ultima 
ratio,« das Schwert, und selbst das grösste aller äussern üebel, der 
Krieg, ^) den Zwecken des Staates dienen. Darum gehört den welt- 



1) Schon ein alter Heide sagte vom Kriege: »Qais fuit, honrendos priraüs 
qai protnlit enses? Qaam feras et yere ferreos ille fait!«c Schiller sagt im 



Rhahanua, Verhäliniss des modernen Staates zur Kirche. 259 

liehen Obrigkeiten das physische Schwert, während die Kirche das 
geistige Schwert führt; jenes, das Schwert des Staates, trifft die 
Leiber, um die Untergebenen unter dem Joche des freiwilligen oder 
erzwungenen Gehorsams zu erhalten ; dieses dagegen trifft die Seelen, 
um ihnen Sühnung und Erlösung zur Freiheit der Kinder Gottes zu 
erwirken, »Der Priester ruft Gott an,« schrieb einst Oervasius^ 
Marschall des Königreiches Arles, — »der König gebietet. Der 
Priester vergibt Sünde und Schuld, der König bestraft die Verir- 
rungen. Der Priester löst und bindet die Seele, der König züchtigt 
und tödtet den Leib i).« 

b. So besteht also nach dreierlei Gesichtspunkten eine Wesens- 
verschiedenheit zwischen Staat und Kirche, und es -ßrgibt sich aus 
dieser Verschiedenheit von selbst die Selbstständigkeit l)eider Qe- 
watten und die Unabhängigkeit der einen von der andern. Wie soll 
die Kirche abhängig sein können von den Staaten, die sie au Alter 
des Ursprungs, an Gebietsumfang, an Erhabenheit und Wichtigkeit 
des Zweckes und der Mittel weit überragt? So wenig die Sonne, 
deren Licht und Wärme das ganze Sonnensystem zu ihrem Wirkungs- 
kreise hat, abhängig ist vom Monde, der seinerseits lediglich ein 
Traba'nt der Erde ist, ebenso wenig kann die Kirche dependeut sein 
vom Staate. Im Vergleiche zum Staate ist die Kirche der Adler, 
dessen Wohnsitz die höchsten Gebirgsgipfel einnimmt, und dessen 
Flug nach den Wolken des Himmels steigt, während der Staat dem 
Maulwurfe zu vergleichen, dessen Beschäftigung es ist, in der Erde 
seine .Gänge zu graben. 



Wilhelm Teil: »Ein furchtbar wüthend Schreckniss i8t der Krieg; die Heerde 
schlägt er und den Hirten.« Wenn ein im Waffenhandwerk ergrauter j mit 
Siegestrophäen geschmückter Heerführer jungst den Krieg glorificirto, so sollte 
•man ihn an jenen Kaiser erinnern (Gin-Thong), der seinem Minister, welcher 
ihm zum Kriege rieth, antwortete: »Was soll ich den Vätern und Müttern ant- 
worten, wenn sie mir ihren Sohn abfordern ? Was der Wittwe, die ihren Mann 
beweint? Was den vaterlosen Waisen? Was so vielen jammernden gestürzten 
Familien ? Ich möchte ja wohl eine Provinz abtreten, um Einem meiner Söhne 
das Lehen zu retten; nun sind alle meine Unterthanen meine Kinder.« — Die 
heil. Schrift erkennt im Kriege eine Strafe Gottes. Isai. 5, 25; Jerem. 5, 14; 
Peuteron. 28, 36. 

1) Vgl. Alzog, Universalgesch. der christl. Kirche, 4. Aufl. I. Bd. S. 461, 
wo die ganze Stelle zu lesen ist, welche schliesslich besagt: »Jeder (der Priester 
und der König) ist Vollzieher des göttlichen Gesetzes, jeder schirmt das Recht. 
Allein das Königthum soll anerkennen, dass es dem Priesterthum neb enge- 
ordnet, nicht vorgesetzt sei, dass es ihm zur Hilfe der Vollziehung bei- 
stehe, und sich nicht anmasso, hinsichtlich des Ansehens der Herrschaft es zu 
überragen.« 

17* 



260 Rhabanus, Verhäliniss des modernen Staates zur Kirche* 

Aber auch der Staat ist zur selbstständigen und unabhängigen 
Existenz berechtigt; er ist seinem Wesen nach nicht abhängig von 
der Kirche. Denn die Kirche ist kein Reich von dieser Welt ; sie 
kann und darf sich die zeitlichen Rechte und Befugnisse der Staaten 
über irdische Angelegenheiten nicht aneignen. Hiezu hat sie keinen 
Auftrag und keine Ermächtigung von ihrem Stifter, vielmehr ein 
bestimmtes Verbot; er sprach: »Reges gentium dominantur eorum, 
vos atdem non sfc*).« Dieses Verbot haben auch die Apostel, die 
Väter und die Kirchenversammlungeu wiederholt eingeschärft ^). 
Die Diener der Kirche sind, wie S^. Cyprian an seinen Klerus schrieb ^), 
»divinis rebus et spiritualibus occupati,« darum in keiner Weise be- 
fugt, ab ecclesia recedere et ad terrenos et saeculares actus vacare *). 
Darum hat die Kirche ihrem Wesen und Berufe nach keine Befug- 
niss, als politische Macht aufzutreten, und die Staaten, deren Ge- 
rechtsame usurpirend, sich zu unterwerfen, sowie der Staat seiner- 
seits eine Ueberordnung über die Kirche sich keinenfalls anmassen 
darf. Hier gilt der Satz: »Laie! sua tantum, i. e. saecularia, Glerici 
autem sua tantum, i. e. ecclesiastica negotia, disponant et pro- 
videant^).« 

1) Luc. 22, 25. 

2) c. Pervenit, c. Sacerdotinm, c. Hi, qai in Ecclesia, c. MoUitiis et laqaeis. 

3) L. I. epist. 9. 

4) Vgl. c. Episcopus 3, Dist. 88. 

5) Humbert y adv. simoniac. III, 9. Kirche and Staat sind als zwei 
organische Gemeinschaften einander coordinirt , und unabhängig von ein- 
ander. Nicht sa aber verhält 'es sich bezüglich der einzelnen Mitglieder dieser 
Gemeinschaften hinsichtlich ihrer in die andere Eechtssphäre fallenden Akte. 
Es lag ein ganz unchristlicher Geist übermüthigen Hochmuthes darin, wenn 
der König Philipp der Schöne von Prankreich dem Papste Bonifacius VIII. 
gegenüber äusserte, »er erkenne Niemanden auf Erden über sich an;« in zeit- 
liehen, zur Machtsphäre des Staates gehörigen Dingen, stand er allerdings 
nicht unter dem Papste, wohl aber war er »ratione peccati,« d. h. in geist- 
lichen Dingen und in Fällen begangener Ungerechtigkeiten , wobei es sich um 
Sünde und das Seelenheil handelt , und wobei der Fürst seine irdische Gewalt 
missbraucht zur Verletzung des natürlichen und göttlicheji Eechtes, denjenigen, 
zu denen der göttliche Stifter der Kirche gesprochen hat: »Quorum remiseritis 
peccata, remittuntur eis, quorum retinueritis , retenta sunt.« (Joann. 20, 33), 
vornehmlich* dem Papste unterworfen, zu dem der göttliche Meister gesagt hat: 
»Pace agnos meos, pasce oves ineas.« (Joann. 21, '15.) In diesem Sinne hat 
schon Bonifacius selbst sich erklärt mit den Worten: »Dicimus, quod in nullo 
volumus usutpare jurisdictionem regis ; non potest negare rex , quin sit nobis 
subjectus ratione peccati,<t {Du Puy preuv. p. 72.) In diesem Sinne hat der 
Papst nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht als Vater der Christenheit, 
als Hirt der ganzen christlichen Heerde den christlichen Fürsten Ermahnungen 
etc. zu ertheilen. Umgekehrt sind auch die Mitglieder der Kirche in Bezug 



Rhabanua, Verhältnias des modernen Staates zur Kirche, 261 

, Gewiss war es ein folgenschwerer Irrthum der protestantischen 
Kirchenrechtslehrer, dass sie das Kirchenregiment als eine Wirkung 
der höchsten staatlichen Macht und Autorität den Landesherm 
vindlcirten , und das Kirchen- und Religionswesen ebenso , wie das 
Staatsregiment, seijier Disposition überliessen, (Vgl. Mosern Compend. 
jur* publ. L. IV. c. 19. §. 8; Böhmer, Jus publ. univ. P. spec. L. 
IL c. 5. §. 15; Thomasim, de Majestate tarn circa sacra quam 
polit.) Wenn man diese Theorie auch noch durch einen Vergleich 
eines protestantischen Landesherrn mit dem Beispiele Saul's unter- 
stutzen und vertheidigen wollte, weil Saul zugleich König und Pro- 
phet gewesen sei, so zeigte man ebendadurch ihre Falschheit und 
Verderblichkeit nur uio so klarer. Katholische Bechtslehrer älterer 
Zeit, wie !Prhr. v. Kreittmayr, haben keinen Anstand genommen, die 
Wahrheit zu vertreten, dass Religions- und Kirchensachen nicht zum 
weltlichen , sondern zum geistlichen Regimente gehören ; dass beide 
Regimenter, jedes in seiner Sphäre, ganz independent sind, mithin 
auch keines dem andern »vorgreifen oder eingreifen darf.« P. Schmier 
hat dies nicht nur aus dem geoffenbarten göttlichen Rechte, sondern 
auch aus dem Naturrechte nachgewiesen 1). 



a. ungeachtet der eben dargelegten Verschiedenheit zwischen 
Kirche und Staat und ihrer gegenseitigen Unabhängigkeit sind doch 
beide mehr oder weniger auf einander angewiesen. Sie beziehen sich 
ja beide auf die Menschen, und haben daher für ihre verschieden- 
artige Thätigkeit dasselbe Object, in welchem sie sich nothwendig 
begegnen, ütid wo sie sich begegnen, können sie sich gegenseitig 
reiben und in ihrem Wirkungsgange hemmen, oder sie können ein- 
ander unterstützen und fördern. Wollten sie sich gegenseitig hin- 
dern und befehden, so wäre dies eine Verletzung der von Gott ge- 
setzten Ordnung, und würde sociales Verderben aller Art zur Folge 
haben. Das Unheil und die Verwüstung, welche in traurigen Zeiten 
durch den Krieg zwischen den beiden höchsten Gewalten herbeige- 
führt worden, sind Warnungszeichen in den Blättern der Geschichte. 

auf ihre äussern Handlungen, welche die rechtmässigen Gesetze des christ- 
lichen Staates direct verletzen, der Staatsgewalt verantwortlich, gemäss dem 
Worte des Apostels: »Omnis anima potestatihus sublimioribus subdita sit.« 
(Roman. 13, 1.) Insofern übrigens einige Päpste ihre Snperiorität über die 
christlichen Fürsten in zeitlichen Dingen n9ch weiter ausdehnten , als »rationiB 
peccati,« waren sie dazu nur durch das damalige, allgemein angenommene 
Staatsrecht befugt, nicht vermöge der Principien der Kirche. 
1) Jus publ. univers, L. III. c. 1. 



262 Rhabanu8, Verhältniss des modernen Staates zur Kirche, 

Diese erzählt uns, wie bei solchen Kriegen und Kämpfen die Völker 
verwilderten, die Bande der Ordnung sich auflösten, Throne stürzten, 
und. materielles und geistiges Elend verheerend durch die Länder 
schritt. Durch solche Erfahrungen belehrt, konnte man sich, ohne 
die unheilvollste Blindheit, der Erkenntniss nicht verschliessen, dass 
ein einträchtiges Zusammengehen zwischen Kirche und Staat, wenn 
beide ihre Zwecke zum Heile der Völker erreichen sollen, unum- 
gänglich nothwendig ist. »Res huraanae, so schrieb Papst Leo^ 
aliter tutae esse non possunt, nisi quae ad divinam confessionem 
pertinent, et regia et sacerdotalis defendat auctoritas ^).« Das tief- 
sinnige Symbol des Beichsapfels auf den Siegeln deä grossen Kaisers 
Otto's I. verkündete öffentlich den grossen Gedanken von der noth- 
wendigen Verbindung des Priesterthums und des Königthums. »Nur 
dann, schrieb Ivo von Chartres, wird die Welt gut regiert und trägt 
die Kirche Blüthen und Früchte, wenn Königthum und Priesterthum 
Hand in Hand gehen. Sind sie aber unter sich uneins, so kann 
nicht nur das Kleine nicht wachsen, sondern es muss selbst auch 
das Grosse zerfallen.« 

Aber warum sollen Kirche und Staat nicht einträchtig neben 
einander gehen können? »Jch kann diejenigen nicht- begreifen, 
schrieb einst der h. Bernhard^ welche sagen, dass dem Kaiserthume 
der Friede und die Freiheit der Kirchen, oder den Kirchen das Ge- 
deihen und' die Erhöhung des Reiches schädlich sein könne. Beide 
Mächte hat ja Gott gesetzt und verbunden nicht zur gegenseitigen 
Zerstörung, sondern zur Förderung ^).« Wenn Kirche und Staatsich 
gegenseitig anfeindeten, so war der Grund davon von jeher nichts 
Anderes, als Egoismus, Herrschsucht, Eifersucht, Uebergriffe und 
Grenzüberschreitungen, oder wohl gar principi^Uer Kirchenhass und 
Irreligiosität. Freilich, wo solche Leidenschaften ihre Drachensaat 
säen, da sprossen die Giftpflanzen der Zwietracht zwischen den 
beiden höchsten Gewalten auf, Selbstverständljch kann ein religions- 
loser oder freimaurerischer Staat auf die Mitwirkung der Kirche zu 
seinen grundstürzenden und kirchenmörderischen Zwecken nicht rech- 
neu. Nur innerlich abtrünnige, servile Knechte unter dem Klerus, 
dejn es an »falschen Brüdern,« namentlich auch in seinen höhern 
Rangstufen, zu keiner Zeit mangelte, könnten sich zu Handlanger- 
diensten eines frivolen, göttlichem und menschlichem Rechte Hohn 
sprechenden Staates hergeben. Die Kirche selbst aber, wo sie sich 
ihrer Aufgabe und Sendung bewusst ist, wird mit einem Staate, der 

1) Epist. ad Pulcher. 

2) Epist. 244. 



Rhabanus, VerhäUniss des modernen Staates zur Kirche. 263 

•616 als seine Sclavin behandeln, und ihre rechtmässige Wirksamkeit 
hemmen will, mit einem Staate, der seine Staatskunst darein setzt, 
kirchenfeindliche Gesetze zu geben, verderbliche Grundsätze aufzu- 
stellen, Gehorsam und Achtung gegen die Kirche planmässig zu 
untergraben, und, sich als die einzige Gewalt betrachtend, selbst an 
die Stelle der Kirche zu setzen, — niemals sich versöhnen, niemals 
Hand in Hand gehen können; diese Zurückhaltung fordert von ihr 
schon die Pflicht der Selbsterhaltung. Bei solcher feindlicher Stel- 
lung eines Staates ist die Kirche genöthigt, zur Nothwehr im pas- 
siven Widerstände zu greifen. An ihr ist es dann , für sich selbst 
und für das ihrer Obhut anvertraute Volk um die höchsten Gute? zu 
kämpfen, gleichwie der treue Hirt den Wolf, der in seine Heerde 
eingebrochen, unerschrocken zurückweisen muss, selbst unter Gefahr 
des eigenen Lebens. »Papa defendit Dei Ecclesiam et legem usque 
ad sanguinem,c schrieb Gregor VIL ^). 

Uebrigens schlagen solche Kämpfe gewöhnlich am Ende zum 
Nachtheile des kirchenfeindlichen Staates aus ; denn Unrecht schlägt 
den eigenen Herrn, wie ein altes Sprichwort sagt. Das kirchliche 
und religiöse Bewusstsein ist, wenn auch» nicht immer in gleicher 
Wirksamkeit hervortretend, doch immer weit tiefer gegründet und 
gewurzelt in den Herzen der Völker, als das Bewusstsein einer sehr 
unsichern und Wandelbaren Staatsidee, welche in der Regel nichts 
weiter, als ein Product überspannter Idealisten, oder befangener Ge- 
lehrten und übereifriger, meist wohlbesoldeter Staatsjuristen ist. 
Ueberdiess kann Niemand, der offene Augen hat, läugnen, dass die 
Völker, so lange sie noch ein Funke religiöser Gesinnung erwärmt, 
weit weniger sich beengt fühlen von der nur durch Liebe und üeber- 
zeugung wirkenden Macht der Kirche,, als von der Macht des Staates, 
der nur mit dem kategorischen Imperativ an seine Unterthanen heran- 
tritt, und an zeitlichem Gute, an Freiheit, Eigenthum und Leben 
die schwersten Opfer» von ihnen verlangt, Opfer, denen die dafür ge- 
botenen Vortheile, namentlich in den sog. liberalen Staatsordnungen, 
nicht entlernt die Wage halten. 

Wenn daher ein Staat, ohne dies zu begreifen,' und ohne ein- 
zusehen, wie sehi; er zur Erhaltung des Gehorsames und der opfer- 
willigen Hingebung seiner Völker der Unterstützung der Kirche be- 
darf, etwa gar eifersüchtig auf deren geistige Macht und ihren re- 
ligiösen Einfluss, deren Thätigkeit einzuengen, ihre Wirksamkeit zu 
schmälern und durch Förderung der Irreligiosität und Gottesläugnung 



1) Epist. 11 und 31. . 



264 Rhabanu9, Verhälinisa des modernen Staates zur Kirche, 

ihr den Boden zu uaterwählen sucht, so gräbt er an seinem eigenea 
Grabe, und thut, was der geblendete Samson gethan, als er die 
Säulen des Hauses umstürzend, unter dessen Trümmeru selbst seinen 
Untergang fand. Ein Volk ohne Religion macht die Existenz jeg- 
licher Dynastie und jedweder staatliöhen Ordnung unmöglich. Die 
Geschichte hat dies hinlänglich bewiesen, und es wäre höchst traurig, 
wenn die Regenten unserer Tage, geblendet von dem Schimmer ihrer 
Macht und Herrlichkeit, oder von dem Irrlichte der falschen Auf- 
klärung, im stolzen Selbstgefühle. die Blätter dor Geschichte nicht 
aufschlagen, oder ihre Lehren ignoriren wollten. Gerade mit der 
zunehmenden falschen Aufklärung unseres Jahrhunderts hat auch der 
Verfall der Sitten und damit auch die Gefahr für den Bestand der 
Staaten zugenommen. Nichts hat dauernden Halt, was nicht ein 
wahres Princip des Lebens zur Grundlage hat; Gottlosigkeit, religiöse 
Frivolität, Hoffart, Luxus und Ueberfeinerung sind Principien des 
Verderbens und der Zerstörung. Jedes belebende Princip ist ein 
Strahl der Gottheit ; Beligion ist ein solcher göttlicher Strahl ; darum 
ist Religion eine unentbehrliche Grundlage für Alles, was Dauer 
haben solle »Religion , so hat einst ein königlicher Prinz gesagt, 
ist und bleibt ewig das Vorzüglichste.« Die Kirche aber ist Er- 
scheinung, Trägerin und Pflegerin der Religion. Darum soll der 
Staat die Kirche nicht befehden. 

Der Staat bedarf der Kh'che zu seiner Existenz und zu seinem 
Gedeihen weit. dringender, als die Kirche des Staates bedarf. Lange 
existirte die Kirche, ohne einer Theilnahme des Staates sich zu er- 
freuen, ja sie existirte trotz. des Staates, und hat sich, wenn auch 
zeitweilig von ihm gestört oder verfolgt, immer wieder gesammelt 
und lebenskräftig erhoben. Dagegen hat ohne Religion und Kirche 
niemals ein geordnetes Staatswesen bestehen können, sowie auch nie- 
mals ein Staat ohne religiöse« Grundlage entstanden ist. Daher 
, haben tiefe Denkende erkannt, dass es einer fleligion bedürfe, um 
die Menschen zu vermögen, sich einer bürgerlichen Gesetzgebung zu 
unterwerfen und den Gesetzen Gehorsam zu leisten. »Quid leges, 
sine moribus vanae, proficiunt? (Horatim,) 

Sehen dies unsere modernen Staaten nicht ein, «o wird doch 
die Kirche niemals aufhören, daran zu erinnern. Auch wird sie nicht 
aufhören, jedem Staate ihre Hand und ihre Unterstützung für alle 
guten Zwecke zu bieten, so lange derselbe nicht eine Richtung und 
Tendenz verfolgt, die mit ihrer Existenz unverträglich ist, und so 
lange er nicht Ansprüche erhebt, die mit ihrer Wirksamkeit unver- 
einbar sind. 



Rhabänus, VerhäUniss des modernen Staates zur Kirche, 263 

Der moderne Staat bekennt sich als confessimslps. Confes* 
sionslos bedeutet so viel, als indifferent gegen jedes positive Reli- 
gionsbekenntniss. Sind die Staaten ehrlich confessionslos, d* h. Wirk- 
lich "indifferent, so ist dies allerdings einer Feindlichkeit desselben 
gegen alle positive Religion und alles Kirchenthum weit vorzuziehen. 
Üebrigens kann die Kirche zu dem indifferenten modernen Staate 
nicht in jene intimen Beziehungen treten, in welchen sie ehedem zu 
den noch wahrhaft christlichen Staaten gestanden. Sie kann nicht 
dessen Beistand und dessen äussere Mitwirkung für ihre Zwecke, 
auch nicht den unbedingten Staatsschutz beanspruchen; sie kann 
nicht fordern; dass der Staat in seinen Gesetzen, Verordnungen und 
Einrichtungen die Interessen der Kirche besonders berücksichtige. 
Ehedem war dies freilich anders, als wahrhaft christliche Fürsten 
das Regiment in den bürgerlichen Gesellschaften führten, als ein- 
Karl der Grosse sich »Ecclesiae defensor, humilisque adjutor« 
nannte ^) , als Kaiser, wie Otto I. , Ileinrich II. , "Conrad d. Aeltere, 
Heinrich III., Männer, durchdrungen vom Geiste des Christenthums, 
leuchtende Sterne für ihre Völker, deren Väter und Wohlthäter sie 
waren, die glänzendsten Throne der Welt zierten. Jetzt sind die 
Verhältnisse andere; unsere modernen Staaten haben ihre Confes- 
sionslosigkeit und ihren Indifferentismus zur Grundlage ihrer Staats- 
politik gemacht ^). Wenn sie aber indifferent ^ind gegen die Kirche, 
wenn sie die Kirche nicht unterstützen wollen, können sie dann ihrer- 
seits eine Unterstützung von der Kirche verlangen? Wenn sie in- 
different sind gegen die Kirche, haben sie dann ein Recht, in die An- 
gelegenheiten der Kirche sich zu mischen, ihrer Berufsthätigkeit 
Hindernisse in den Weg zu legen, und in ihre göttlich, begründeten 
Rechte einzügreifen? Thun sie dies doch, dann sind sie nicht mehr 
ehrlich indifferent gegen die Kirche, dann sind sie Mrchenfeindlich^ 
und macTien eö ipso eine friedliche Coexistenz beider Gewalten zur 
Unmöglichkeit. . ' 

b. Leider haben in unserer Zeit manche Staaten diese ab- 
schüssige Bahn der Kirchenfeindlichkeit zu betreten angefangen, da 

1) Praefat; Capitular. Lib. I. . ^ 

2) Gar gerne mochte der confessionslose Staat nach Umständen noch das 
Prädikat »christlich« sich aneignen. Aber wie kann er vernünftiger Weise ein 
solches Prädikat sich anmassen, wenn er geg«n j.ede Confession, d. h. gegen 
jeden bestimmten Ausdruck der christlichen Religion, sich indifferent zeigt? 
Wie kann man sagen , dies oder jenes sei farbig , wenn es weder von weiss 
noch von schwarz, weder von roth, noch grün, überhaupt von keiner bestimmten 
Farbe auch nur die. geringste Spur zeigt? Per confessionslose Staat ist ia 
Wahrheit religionslos. 



266 RkäbanuSf Verhältniss des modernen Staates zur Kirche. 

sie in der Kirche nicht eine wünschenswerthe und kräftige Mit- 
arbeiterin, sondern eine gefährliche Nebenbuhlerin erblicken, deren 
Einflnss und Wirksamkeit , um jeden Preis gelähmt und gehemmt 
werden soll. Von diesem Standpunkte aus fordert der vom Christen- 
thume thatsächlich abgefallene, und vom materialistisch-pantheisti- 
schen Liberalismus in seinem tiefsten Kerne inficirte moderne Staat 
Rechte gegenüber der Kirche, welche ehedem die christliehen, auf 
katholischer Basis ruhenden Staaten in solcher Ausdehnung kaum zu 
beanspruchen wagten; es sind dies die sog. Rechte, welche die mo- 
delten Staatsrechtslehrer unter dem hochtdnenden Namen: T^siaat^ 
liehe Kirchenhoheitt — »jura roajestatis circa sacnrac zusammen- 



Ueber dieses sog. Kirchenhoheitsrecht schreibt ein neuerer 
Staatsrechtslehrer 1) : »Die katholische Kirche hat zwar noch einige 
Scheu, das Frincip der staatlichen Kirchenhoheit anzuerkennen, und 
die Folgerungen desselben im voUen Umfange ßueugestehen; aber 
die wichtigsten Anwendungen des Grundsatzes sind doch in den 
meisten katholischen Ländern in neuerer Zeit ebenfalls ohne Wider- 
spruch der Kirche eingeführt, und das Frincip der Kirchenhoheit 
von den neuern Staaten regelmässig siegreich behauptet worden,« — 
Dagegen ist Folgendes zu bemerken : die katholische Kirche hat nicht 
blos noch »einige Scheu,« das Frincip der staatlichen Kirchenhoheit 
anzuerkennen, und die Folgerungen desselben >im vollen Umfange 
zuzugestehen,« sondern sie kann und wird sich nie und nimmer zu 
einer Staats- oder Landeskirche gleich den protestantischen Kirchen- 
genossenschaften, lierabdrücken lassen. Sie kann und darf dies nicht, 
sonst würde sie aufhören« die hatholisehs zu sein. Sie kann und wird 
daher das Frincip der Oberhoheit des Staates und die daraus in der 
Regel gefolgerten masslosen Consequenzen niemals anerkennen '). 
Durch eine solche Anerkenntniss würde sie sich selbst aufgeben, und 
dem modernen Staate sich zu Füssen legen, diesem Staate, der er- 
fahrungsgemäss noch keineswegs seine Fähigkeit bewiesen hat, seine 

1) Dr. Blundschli, Allgemeines Staatsrecht, S. 549 lit. c. 

2) Auf Seite des modernen Staates bezeichnet man dies gewöhnlich als 
»hierarchische Herrschsucht,« — ebenso unwahr, als oberflächlich. Die Kirche 
ist in ihren Augen herrschsüchtig, wenn sie ihrer masslosen AUesregiererei und 
ihren ungerechten Uehergriffeu und Usurpationen sich nicht allerunterthänigst 
gehorsamst fugt, sondern gegen ühermüthige Angriffe auf ihre Existenz sich 
wehrt. So reden die atheistischen Kirchen- und Religionsstürmer im heutigen 
Frankreich von hierarchischer Herrschsucht, weil die Kirche ihres Rechtsbe- 
sitzes und ihres Eigenthumes sich nicht zustimmend und apathisch will be- 
rauben lassen. 



Rhabanus, Verhäliniss des modernen Staates zur Kirche. 267 

eigene Aufgabe bezüglich der zeitlichen Wohlfahrt seiner Angehörigen 
genügend zu lösen, und dessen Unfähigkeit immer sofort noch ecla- 
tanter hervortritt, wenn er, das Kind des wandelbaren modernen 
Weltgeistes, in das nahezu zweitausendjährige feste und solide Bä- 
derwerk der katholischen Kirche einzugreifen sich erkühnt. Das 
Wort: »Sutor ne ultra crepidam!« sollte der Stiat in dieser Hin- 
sicht immer wohl beherzigen. 

Was das »siegreiche Behaupten« der »staatlichen Oberhoheit,« 
wovon Blunisehli redet , anbelangt , so hätte er statt des Wortes : 
»siegreich« das richtigere Epitheton : gewaltsame setzen sollen. Was 
aber gewaltsam durchgesetzt wird, kann niemals zum Rechte erwach- 
sen. Einer gewaltsamen Errungenschaft wird immör ein tituljas 
vitiosus ankleben. 

Die »staatliche Kirchenhoheit,« dieses jus majestatis circa sacra,« 
führt so manche angeblichen Bechte des Staates im Gefolge , deren 
Bedenklichkeit und Nachtheiligkeit für die Kirche in die Augen 
fällt. Als solche Bechte sind insbesondere folgende zu verzeichnen: 

Erstens:, das Reformationsrechtj — jus reformandi — . 

Unter dem Schutze der Fürsten hatten Luther und seine An- 
hänger die geheiligten Bechte der Kirche über Bord- geworfen, und 
die Oberhoheit über ihre neue Kirche den Fürsten eingeräumt. Zum 
Beweise der Abhängigkeit der Kirche von den Fürsten hatten die 
Theologen auf dem Convent zu Naumburg, Melanchthon an der 
Spitze, sogar die Schriftstellen Psalm. 23,? und Isaias 49,2S in das 
Feld geführt. . So bildete sich factisch das sog. Territorialsystera 
aus, dessen Spitze in dem Satze: »Cujus regio, illius religio« gipfelt, 
und das späterhin an Juristen, wie Thomasius und Böhmer ^ seine 
Verfechter gefunden hat. 

Uebrigens war das jus reformandi den Fürsten schon durch den 
westphälischen Friedenschluss gesetzlich zugestanden worden *). Allein 
bekanntlich hat Papst Innocenz X. durch die Bulle »Zelus döraus 
Dei« den den Grundsätzen der katholischen Kirche zuwiderlaufenden 
Artikeln dieses Friedensschlusses alle Giltigkeit abgesprochen. Die 
katholische Kirche steht daher auch nach dem westphälischen Frie- 
den rechtlich noch auf der Basis des Concils von Trient, gemäss 
welchem die Kirchengewalt nicht den Landesherren/ sondern aus- 
schliesslich dem. Papste mit den Bischöfen zukommt, und das eigent- 
liche Beformationsrecht nur vom.ersteren, und von ein.em General- 
oder Provinzialconcil ausgeübt werden kann^). 

1) Vgl. Alzog, Universalgeschichte der christl. Kirche, §. 336. 

2) Concil. Trident. Sess. 24 de reform. c. 2, und Concil. Constanz. Sess. 39. 



268 Rhahanua, Verhältniaa des modernen Staates mr Kirche. 

Dem gesunden Menschenverstände muss bei einiger Unbefangen- 
heit einleuchten, dass ein Beformationsrecht über Religion und Kirche 
nicht dem lediglich auf die irdischen und zeitlichen Angelegenheiten 
seiner Burger angewiesenen Staate zukommt. Auch liegt auf der 
Hand, dass ein solches staatliche und fürstliche Becht je nach dem 
Zeitgeiste, je nach den' Anschauungen oder Launen irgend eines 
weltlichen Regenten zur völligen religiösen Sclaverei, sowie zur 
Untergrabung jeäer positiven Religion, und zur Zerrüttung und Zer- 
klüftung der Kirche führen müsste. Der Staat, welcher ertaÜrungs- 
gemäss heute dieses, morgen ein gegentheiliges Begierufigssystem auf 
die Bahn bringt, und auf seiner rastlos arbeitenden Gesetzgebungs- 
maschine experimentirend, heute ein Gesetz macht, dem er morgen 
ein conträres entgegenstellt, um bald wieder beide wie ein abge- 
nütztes und unbrauchbares Handwerkszeug in den Winkel der Ver- 
gessenheit zu werfen, könnte, wenn er im Besitze des jus reformandi 
wäre, mit der Beligion seiner Bürger wie mit öinem Spielballe um- 
gehen; dadurch aber wurde offenbar eine ruhige, kirchlich-religiöse 
Consolidirung in einem Lande zur Unmöglichkeit. Die Angehörigen 
eines solchen Landesherrn, dem obige Prärogative der sog. Staats- 
majestät zustünde, müssten, wie zu den Reformationiszeiten in Däne- 
mark geschehen!), je nach seiner Laune ihre Religion wie .Kleider 
wechseln. - . 

Das jus reformandi des Staates lässt sich daher weder nach 
den Grundsätzen der Vernunft und Moral, noch der Religion und 
Gewissensfreiheit, noch nach den Regeln des natürlichen und posi- 
tiven Rechtes irgendwie, am allerwenigsten gegenüber der katholi- 
schen Kirche, begründen. Aeltere Juristen, z. B. Bärthel', Kem- 
merich, Moser, Buder u. A. haben dies vollkommen anerkannt. 
Ihnen gemäss stehen die katholischen Staatsangehörigen nach wie 
vor dem westphälischen Frieden quoad ecclesiastica et spiritualia 
nur anter der päpstlichen und bischöflichen Jurisdiction. 

Gleichwohl fehlte es nicht an Rechtslehrern, welche, indem sie 
ein jus in Sacra, und ein jus circa sacra unterschieden, das letztere 
dem Landesherrn vindicirten. Sie behaupteten, dieses jus circa sacra 
sei dem Majestätsrechte des Landesherrn inhäreni tmd unzertrennbar 
von demselben. Als Grund hiefür gaben sie an, dass die Pflichten 
gegen Gott, wenn sie in Collision mit den Pflichten, gegen den Staat 
stehen, ihre .verbindende Kraft verlieren, wesshalb'die Kirche umso 
weniger ihre beliebigen Vorschriften werde urgiren können, wenn die 

1) Vgl. Ueber die Willkühr der Fürsten in Glaubenssachen^ Wolfgang 
Menzel, deutsch. Gesch. Cap. 420. 



Rhahanua, VerhäUnias dea modernen Staates zur Kirche^ 269 

oberste Landesgewalt dieselbeu als nachtbeilig für das. allgemeine 
Wohl erkläre. Diejenigen, welche hierüber zweifeln, sagen sie, soll- 
ten bedenken, dass Gotrder Urheber ebensowohl des Staates, als 
der Religion ist, dass somit eine Beligion, welche den Staatszweck 
gefährdet^ oder den Mitteln zur Erreichnng desselben Hindemissein 
den Weg legt, dep Namen einer Religion nicht verdiene ^). 

Die Verkehrtheit dieser Anschauung liegt am Tage. Nicht die 
Pflichten gegen Gott oder die Pflichten der Beligion müssen im Col- 
lisionsfalle den Pfi^ichten gegen den Staat weichen,, sondern umge- 
kehrt diese jenen. »Man muss Gott mehr gehorchen als den Men- * 
sehen ,^ haben schon die Apostel gelehrt. Die Hof- und Staats- 
juristen, welche das Gegentheil demonstriren wollen, sollten doch 
einsehen, dass vielmehr die Kirche, weil sie auf unmittelbarer gött- 
licher Gründung beruht, und weil ihr Zweck ein höheres, erhabeneres 
und noth wendigeres Ziel anstrebt, als der Staatszweck, das Recht 
haben muss, ihrerseits vom Staate zu verlangen, dass er sich ihren* 
Gesetzen und Vorschriften accomodire, und sie in der Ausübung ihreü 
Heilmittel durch seine Gesetze und Einrichtungen in keiner Weise 
behindere. Zu dieser Forderung muss die katholische Kirche um so 
mehr berechtigt sein, weil sie älter ist, als der moderne Staat, der 
ja die Kirche, als er sich in irgend einem Lande etablirte, dort 
schon als bestehend, somit schon im geheiligten Besitze vorfand. 
Von einem' Rechte eines solchen neubegründeten Staates, die Kirche 
unier gewissen Bedingungen zu recipiren, könnte selbstverständlich 
keine Bede sein ; es wäre umgekehrt an der Kirche als der Be- 
sitzerin des Hauses, den Staat unter der Bedingung der vollen An- 
erkennung ihrer Rechte und Prärogativen .neben sich aufzunehmen. 
Der Staat könnte also nur auf dem Wege der Gewalt eine Prä- 
ponderanz oder Oberherrschaft über die Kirche erlangen. Wie kann 
er rechtlich sich anmassen, eine Institution, die älter und grösser 
ist, als er, und deren göttliche Gründung er wenigstens in demselben 
Masse, wie seine eigene, anerkennen muss, beschränken, beherrschen 
oder verdrängen zu wollen? Wollte er dies dennoch versuchen, so 
läge hierin der evidente Beweis, dass er seinen Zweck verkenne, 
dass er von seiner von Gott angeordneten Bestimmung abgeirii) und 
des Namens einer göttlich begründeten Anstalt unwürdig sei. 

Die neuere, liberale Staatsrechtslehre scheut sich zwar noch, 
da§i sog. jus reformandi in der Ausdehnung, wie dies der westphä- 
lische Friede für gut fand, zu beanspruchen. Heute will man seitens 

1) Vgl. . Riegger Paul. Jos., Instit. jurisprnd. eccles. P. I. §. 19 ; Christ. 
S. B. de Wolf, Jor. natur. tom. VIII. c. 4. 



270 Jthahanus, VerhäUniss des modernen Staates zur Kirche» 

der Staatsgewalt sich nur das Recht zueignen, zu bestimmn, ob und 
unter welchen Bedingungen eine Kircbengenossenschaft in ihrem 
Staatsgebiete zugelassen werden solle. Ein solches Recht könnte aber 
dem Staate höchstens bezüglich neu zu recipirender Gonfessionen zu- 
gestanden werden; der bestehenden katholischen Kirche gegenüber 
wäre es ein Angriff auf die wohlerworbenen Rechte -^ jura quae- 
.Sita — derselben, wenn ein Staat eine solche Befugniss ausüben 
wollte, nachdem sie in den verschiedenen Staaten überall längst eine 
historisch berechtigte Slxistenz unter feststehende^ Bedingungen er- 
' werben hat^). 

Zweitens: Ein anderes »Recht« des Staates gegenüber der 
Kirche ist das sog. jus advocatiae^ Schutz- oder Schirmyogtei*Recht. 
Auch dieses Recht will der Staat von seinem Kirchenhoheitsrechte 
ableiten. — In dieser Hinsicht soll hier Folgendes bemerkt werden : 

Die ersten christlichen Kaiser haben den Einfluss, den ihnen 
xlie dankbare Kirche gerne eingeräumt hatte, mit Ausnahme der 
Kaiser Constantius und Valens, der Protektoren des Arianismus, noch 
nicht so weit ausgedehnt, dass sie sich wirkliche Eingriffe in die 
Gerechtsamen der Kirche unter dem Verwände eines landesherrlichen 
Rechtes erlaubt hätten. Sie waren sich vielmehr ihrer Pflicht be- 
wusst, die Kirche, deren Angehörige sie selbst waren, und an deren 
Geschicken sie innigen Antheil nahmen, da ja deren Segnungen ihnen, 
ihren Regierungen und Völkern zu Gute kamen, mit ihren, von 
Gatt verliehenen äussern Machtmitteln zu teschützen. In dem Grade, 
als sie dieser ihrer Schutzpflicht sich bewusst waren, fanden sie sich 
auch bereit, den Päpsten und Bischöfen, wenn sie den weltlichen 
Arm anzurufen sich genöthigt sahen, kräftigen Beistand zu leisten. 
Hiebei gingen sie keineswegs von selbstsüchtigen und herrschsüchtigen 
Nebenabsichten aus; auch lag ihrem christlichen Sinne der Gedanke 
ferne, ihre Schutzpflicht als ein oberhoheitliches SchutzrecÄ^ aufzu- 
fassen, und der Kirche auch wider deren Willen als unberufene 
Vögte oder Advocaten sich aufzudrängen. Damals bestand eben das 
cbrrecte Verhältniss der christlichen Kaiser zur Kirche, deren de- 
müthige Söhne sie sein wollten. Leider wurde dieses schöne , echt 
christliche Verhältniss getrübt, durch die bald mehr und mehr sich 
geltend machenden aufgeblähten Ideen von Oberhoheit und Staatsr 
majestät, welche adulatorische Schleppträger und Holjuristen den 
Kaisern einzuflüstern verstanden. Schon Justinian, dann Zeno, He- 
raklius u. A. fingen mit frivoler Herrscherwillkühr das Scepter der 

. 1) Vgl. Vering, Dr. Fr. H., Lehrb. des kathol. und prot. Kirchenrechts, 
Buch I. §. 30. 



RhabanuSy Verhältniss des modernen Staates zur Kirche. 271 

Staatsallmacht zu schwingen, und die Selbstständigkeit der Kirche 
unter dem Verwände ihres Schutzrechtes zu beeinträchtigen an. Die 
Staatsallregiererei erreichte aber erst ihren Höhepunkt, als die unter dem 
Schutzmantel der von der Kirche abgefallenen deutschen Landesherren 
herangewachsene Eeformation c^ie Rechte und die Selbstständigkeit 
der protestantischen Religionsgenossenschaften gänzlich verschlungen, 
und der Reiz der schrankenlosen Staatsgewalt der protestantischen 
Fürsten dieselben Begehrlichkeiten auch bei den katholi&Tcben ge-^ 
weckt hatte. Von jetzt begannen ^ überall dienstbeflissene Staats- 
rechtslehrer , die verderblichen und verwerflichen Theorieen von der 
sog. Landeskirche zu entwickeln, mit wissenschaftlichen Systemen sie 
zu stützen, und eifrig Proselyten für dieselben zu machen, so dass 
schnell ein neues Kirchenstaats- oder Staatskirchenrecht allenthalben 
Wurzel 2U fassen begann. Dass dieses von Seite der Fürsten als ein 
passendes Mittel zur Erhöhung ihrer Majestät selbstverständlich wohl- 
gefällig acceptirt wurde, ist erklärlich, um so mehr, da selbst auf 
kirchlicher Seite* manche unwissende oder von Selbstsucht bethörte, 
auf beiden Seiten hinkende, weltlich gesinnte Bischöfe und Prälaten 
dieses Attentat gegen das kirchliche Recht sich ruhig gefallen Hessen. - 
Seitdem endlich die Autorität und das Recht der Kirche durch die 
Säcularisation und deren Folgen einen neuen Stoss erlitten, dann die 
Freimaurerei im Bunde mit einer falschen Philosophie den mate- 
rialistisch-liberalen modernen Staat grossgezeitigt, und die Idee vom 
christlichen Staate verdrängt hat, pflegt man gegenüber der Kirche 
nur mehr von RecJUen des Staates zu sprechen ; die ursprüngliche 
Sehntzpflicht ist in ein SchntzrecM verwandelt, und dieses Schutz- 
recht hat sich vielfach in eine Vormundschaft ausgewachsen, welche 
der Kirche nicht selten in ihrer freien Bewegung hinderlich, oft auch 
geradezu nachtheilig ist. Jedenfalls widerspricht es dem Wesen eines 
chfisUichen Staates oder Fürsten. Nüchterne und redlich gesinnte, 
ältere Juristen, wie z. B. der bayerische Rechtslehrer Prhr. v. Kreitt- 
mayr, hatten vom staatlichen Schutzrechte noch gesündere Ansichten 
als unsere heutigen Grössen. »Wie weit sich, schrieb EreiUmayr^), 
der Schutzherr oder advocatus Ecclesiae ... in das Kirchen- und 
milde Stiftungs- Administrationswesen einzumischen habe, lasst sich 
überhaupt so wenig, als übrige bei Mager und andere Rechtsge- 
lehrten findige eflfectus advocatiae ecclesiasticae bestimmen. So viel 
ist ausgemacht, dass er seine Kirche oder Stiftung gegen ungerechte 
Gewalt und Unterdrückung jm schütten hahe,^ Kreittmayr beruft 



1) Anmerk. zum Cod. Maxim, bav. civil. I. Thl. 7. Cap. §. 42. n. 2. 



272 Rhabanus, Verhältniss des modernen Staates zur Kirche, 

sich hierüber auf Moser^ Staatsrecht i T. 12. c. 56. §. 39, und aut 
die katholischen Ganonisten Engel und Pichler. Nach Ersterem be- 
greift das Schutzrecht gemäss den Canones der Kirche in sich: die 
cnra et inspectio, d. i. die wachsame Sorgfalt, dass die kirchlichen 
Güter nicht veräussert oder verschwendet werden, mit der Bestim- 
mung,, dass wenn in dieser Beziehung für die betreffende Kirche 
Nachtheiliges geschehe, dem Bischöfe hierüber Anzeige gemacht 
werde, gemäss can. Filiis, 31 Gaus. 16, qu. 7; ferner: dass der 
Kirche, wann nöthig, der erforderliche Schutz geleistet werde, ge- 
mäss c. Gum autem; dann dass der Kirchenpatron keinerlei Juris- 
diction über einen Pfründe-Inhaber sich anmassen, auch keine Kirchen- 
visitation vornehmen, oder gar in die Verwaltung der Sacramente 
sich einmischen dürfe, gemäss Trident. Sess. 24. de reform. c. 3, und 
seine Befugniss sich darauf beschränke, in wichtigeren MUen An- 
zeige an den Bischof zu erstatten ; weiter , dass dem Kirchenpatron 
nur summarische Bechnungseinsicht zu gestatten sei, gemäss c. Ek 
literis und Sane, dagegen bei Strafe der Excommunication ihm ver- 
boten sei, Theile des Kirchenvermögens sich anzueignen, oder zu 
seinen Zwecken zu verwenden, oder die Pfründebesitzer in der Per- 
ception ihrer Pfründeeinkünfte zu behindern, gemäss Trident. Sess. 
22. de reform. c. 11, u. Sess. 25. c. 9 i). — Nach Pichler gründete 
sich das Recht der bayer. Ghurfürsten, von den Klosterprälaten und 
von den niedern Kirchenvorständen, wenn sie schlechten Haushalt 
führten, oder hierüber im Verdachte standen, Bechnungsablage zu 
fordern, lediglich auf ias Concordat vom J. 1583, §§: »Wann d!e 
Prälaten ^;.€ Eben durch- den Abschluss eines solchen Goncofdates 
ist aber anerkannt worden, wie dies auch immer die Kirche festhält, 
dass das sog. jus advocatiae des Staates keineswegs ein Ausfluss der 
superioritas territorialis sei, sondern auf den ßechtstitel eines er- 
worbenen Patronates, oder eines Vertrages, oder doch eines von der 
kirchlichen Autorität bewilligten Indultes sich gründen müsse. Leider 
lehrt die Erfahrung, dass selbst solche Verträge oder Indulte »öfter 



1) Engel, Colleg. univers. jur. can. L. IE. tit. 38, num. 5. In diesem 
Sinne hat sich auch der bayerische Episcopat in der Freisinger-Denkschrift vom 
20. October 1850 ausgesprochen, indem er erklärte, »dass der Staat die ans der 
Schntzpflicht allenfalls abzuleitenden Kechte nicht auf eine Weise ausdehnen 
und ausüben dürfe, durch welche er im Widerspruche mit den canonischen 
Satzungen in die selbstständige Administration des Kirchengutes eingreifen, 
den kirchlichen Verwaltungs-Organismus stören, und die bischöflichen Amtsbe- 
fngnisse aufheben oder beschränken würde, c 

2) Pichler, Summa jurisprudeiit. sacrae, L. III, tit. 38, num. 5. 



Rhahanus, Vethältnisa des modernen Staates zur Kirche. 273 

nur eine gute Gelegenheit sind, weiter um sich zu greifen, als sich 
vielleicht de jure gebührt.« (Kreittmayr.) 

Wenn freilich das sog. jus advocatiae nur die Thätigkeit des 
Staates in sich begriffe, die Kirche im freien Gebrauche der ihr zu- 
stehenden Rechte zu unterstützen, die Freiheit ihrer ^ Lehre, ihres 
Cultus und ihrer Disciplin gegen hindernde oder störende Einflüsse 
zu sichern, ihre Vermögens-, Erwerbs- und Eigenthumsrechte gegen 
rechtswidrige Angriffe zu wahren, und die Achtung der Religion, 
der Kirche und ihrer Diener ebenso, wie die seiner Staatsgesetze 
und seiner Staatsdiener, durch die ihm zustehenden äussern Macht- 
mittel unverletzt aufrecht zu erhalten, — dann könnte die Kirche 
dieses Schutzrecht des Staates als eine Wohlthat anerkennen, und 
durch entsprechende Gegenleistungen dankbar vergelten. Allein all- 
tägliche Erfahrungen beweisen, dass der moderne Staat sein Schutz- 
recht ganz anders versteht. Oder findet man darin den Schutz für 
die Freiheit der Lehre der Kirche, dass die Kirche nicht einmal ein 
Religionshandbuch ohne Genehmigung der Staatsgewalt in den Schulen 
einführen, und nicht einmal Dogmen und Lehrentscheidungen frei 
verkünden darf, während die staatliche Obrigkeit ruhig zusieht, wie 
öffentlich in Wort und Schrift die Lehren der Religion und Kirche 
angegriffen, geschmäht, geläugnet, verspottet und offen der Atheis- 
mus und Materialismus in tausend Schriften gelehrt und verherr- 
licht wird? Liegt darin der Schutz für die Freiheit des Cultus, 
dass der Staat öffentliche kirchliche Feierlichkeiten, Prozessionen 
verbietet, die Zahl der Pesttage bestimmt, das Kirchengeläute nach 
Belieben untersagt, die Verletzung der Sonntagsheiligung unbeahndet 
lässt, durch öffentliche Arbeiten, Bauten u. dgl. häufig selbst ein 
schlimmes Beispiel gibt? Spricht sich darin der Schutz für die 
kirchliche Disciplin aus, dass der Staat kirchliche Disciplinar- Er- 
kenntnisse seiner Prüfung unterwirft, Gensurirte und Excommunicirte 
in Schutz nimmt, oder Parteiungen in der Kirche fordert, für die 
Verächter der kirchlichen Ordnung, und für die Rebellen gegen die- 
selbe Partei ergreift, oder Abtrünnige mit Ehren auszeichnet, während 
er kirchliche Orden zerstört und deren Mitglieder in die Verban- 
nung schickt ? Schützt der Staat dadurch das Vermögen und Eigen- 
thum der Kirche , dass er kirchliche Fonds und Stiftungen ihrem 
ursprünglichen Zwecke entfremdet, seine eigenen rechtsverbindlichen 
Leistungen für kirchliche Zwecke streitig macht, oder willkührlich 
verweigert , Kirchen und Kirchensachen den Abtrünnigen einräumt, 
das Kirchengut willkührlich als Staats- oder Gemeindegut erklärt? 
Oder hat der moderne Staat durch Einführung, der Civilehe, der 

Arohiv fdr Kirchenreoht. XLVIIL 18 



274 RhabanuSf Verhältnisa des modernen Staates zur Kirche, 

Simultanschule, der neuen, den Geist der Irreligiosität und Kirchen- 
feindlichkeit athmenden Schulbücher etc. seinen Schutz für die Kirche 
gezeigt, oder auch nur den leisen Schein kund gegeben, dass er im 
mindesten geneigt sei, auf den heiligen Zweck der Kirche irgendwie 
Bücksicht zu nehmen? Hat er nicht dadurch hinlänglich documentirt, 
dass sein Streben vielmehr darauf abzielt , den Einfiuss der Kirche 
auf das Volk möglichst zu paralysiren und mehr und mehr aus dem 
Felde zu schlagen? 

Bei Staaten, denen man solches Gebahren zum Vorwurfe machen 
kann, ist das sog. Schutzrecht nichts Anderes, als das Becht dcis 
Starkern, der sich dem Schwäche>n gegenüber Alles erlauben zu 
dürfen meint. 

Drittens: Ein weiteres angebliches Becht des Staates gegen- 
über der Kirche ist das sog. jus cavendi. 

Dieses Becht äussert sich in doppelter Weise: als jus supre- 
mae inspectionis, und als jus placeti regii. 

Was will nun der moderne Staat mit seinem jus cavendi ? Er 
will sich durch gewisse Vorkehrungsmassregeln gegen die Gefahren 
schützen, welche ihm möglicher Weise von Seite der Kirchengewalt 
erwachsen könnten (!) — Hier liegt es nahe, zu fragen: Wenn der 
Staat Gefahren von der Kirche befürchtet, deren Beruf es doch ist, 
durch ihre Thätigkeit und Wirksamkeit alle guten Zwecke des 
Staates zu unterstützen, muss man daraus nicht schliessen, dass der 
Staat Zwecke verfolge, welche vom Standpunkt der Beligion und 
Kirche nicht als gut und heilsam^ sondern als nachtheilig und hin- 
derlich zu erachten sind ? ~ Verfolgt aber der Staat solche Zwecke, 
will er z. B. solche Einrichtungen treffen, welche Gottesfurcht und 
Moralität untergraben ; will er die Erziehung der Jugend ungläubigen 
Lehrern überantworten; will er die Ehe als blos menschlichen Ver- 
trag behandeln ; will er in der Staatspolitik selbst alle Grundsätze 
der Moral verläugnen ; will er Lehrer des Materialismus und Atheis- 
mus an die Staatsschulen berufen, u. s. w., — dann ist er selbst 
seinem Berufe untreu, und in eine schiefe, der Beligion und Kirche 
feindliche Stellung gerückt. Einem solchen Staate gegenüber hat 
ihrerseits die Kirche ein jus cavendi mit um so grösserem Bechte 
zu fordern, als jener, abgesehen von seinen anti-christlichen Tendenzen, 
auch noch mit äussern Gewaltmitteln ausgestattet, und erfahrungs- 
gemäss allzusehr geneigt ist, das Wort: »Macht geht vor Becht« 
in die That überzusetzen. Stünde nicht auch der Kirche in ihrer 
Beziehung zu einem solchen Staate das jus cavendi zu, so wäre sie 
dem Staate nicht coordinirt und nicht mehr selbstständig oder un- 



Rhahanusy VerhäUniss des modernen Staates zur Kirche, 275 

abhängig von ihm. »Der Versuch seitens einer unabhängigen Ge- 
sellschaft, eine andere, ihr coordinirte Gesellschaft in die Unmög- 
lichkeit, ihr zu schaden, zu versetzen, schreibt Erzbischof Clem, Aug. 
Frhr. v. Droste-Vischering ^)\ ist der Versuch, dieser letztern Ge- 
sellschaft ihre Unabhängigkeit zu nehmen, sie aus einer coordinirten 
Gesellschaft zu einer subordinirten zu machen.« Ja, ein solcher 
Versuch des Staates schliesst schon ein Misstrauen in sich, das 
noth wendig wieder Misstrauen erzeugt; ein solcher Versuch ent- 
springt schon einer feindseligen Gesinnung , von ' welcher bis zur 
oflFenen Kriegserklärung nur mehr ein Schritt ist ^). 

Die Kirche hat in Beziehung auf den Staat das gleiche Recht 
der Selbstständigkeit, wie es der Staat in Beziehung auf die Kirche 
beansprucht. Wenn die Kirche ihrerseits dieses ihr Recht in Anwendung 
bringt, dann muss sie gegen einen grossen Theil der neuen Gesetze 
und Einrichtungen des modernen Staates Protest einlegen, und sich 
aller ihr eigenthümlichen rechtlichen Mittel zur Paralysirung der 
verderblichen Wirkungen derselben entschlossen bedienen. Wird der 
Staat hiegegen mit* seinen beliebten Mächtmitteln, Gehaltsperre, Aus- 
weisung, Einkerkerung, Geldstrafen, Amtsentsetzung und ähnlichen 
Attentaten, wie sie dem modernen Rechts(?)8taat zu Gebote stehen, 
in das Feld rücken, sohin, das heilige Band zwischen der Kirche 
und ihm zerreissend, Gewalt brauchen, dann wird an ihm sich er- 
füllen das ewig wahre Wort: »Alle, die nach dem Schwerte greifen, 
werden durch das Schwert zu Grunde gehen.« — Aber unser mo- 

1) Ueber den Frieden unter der Kirche und den Staaten, S. 98. 

2) Sehr ähnlich 'einer Kriegserklärung gegen die Kirche erscheint es, 
wenn ein grosses, officiöses Blatt vor Kurzem folgenden Passus brachte: »Das 
Ringen der Kräfte dreht sich hier in Wahrheit darum, ob der moderne pa-^ 
ritätische Rechts- und Culturstaat in voller Geltung bleiben ^ oder ob 
er die Herrschaft an eine confessionelle Partei ausliefern solly die nicht 
von religiösen, sondern von einseitig kirchlichen, Staats widrigen Gesichtspuhkten 
ausgeht und beherrscht ist.« (Augsburger Allgemeine Zeitung vom 3. März 
1882). Der Officiosus will also die Herrschaft auch im kirchlichen Gebiete 
fahren, und betrachtet eine Kirche, welche diese seine Herrschaft nicht unbe- 
dingt anerkennt, als staatswidrig. Es ist ihm staatswidrig, wenn eine staats- 
grundgesetzlich anerkannte Kirchengesellschaft die ihr vertragsmässig verbrief- 
ten Rechte und die ehrliche Erfüllung der .von ihm feierlich eingegangenen 
Verbindlichkeiten fordert. — In wie ferne der heutige Staat ein »Cultur- und 
Rechtsstaat« genannt werden kann, soll hier unerörtert bleiben ; dass aber ein 
* paritätischer* Staat die verbrieften Rechte jeder recipirten »cönfessionellen 
Partei,« also auch der katholischen Kirche, der Kirche der überwiegenden Mehr- 
heit des Volkes, der ältesten Kirchengesellschaft des Landes, zu achten und zu 
respectiren schuldig ist, wenn er nicht ein Parteistaat sein will, dies dürfte 
doch auch unserm officiosen, juristisch (?) gebildeten Artikelschreiber einleuchten. 

18* 



276 Rhabanus, Verhältnias des modernen Staates zur Kirche. 

derner 8taat glaubt vorläufig von solchen scropulösen Befürchtungen 
sich nicht beirren lassen zu sollen. »In rein kirchlichen Dingendes 
Gewissens und Glaubens , schreibt Bluntschli 0» hat sich der Staat, 
als in ein Gebiet, das für ihn unzugänglich ist, nicht zu mischen, 
somit auch keine dogmatischen Streitigkeiten zu entscheiden. Wenn 
aber die Kirche neue Gesetze, Ordnungen und Bestimmungen in 
Glatibenssachen erlässt, oder in Gewissensangelegenheiten sich nicht 
mit blossem ßathe begnügt, sondern bindende Vorschriften trifft, so 
kann der Staat Kenntniss verlangen von solchen Verfagungen, und 
unter der Voraussetzung, dass die Staatsordnung durch dieselben 
verletzt und gefährdet würde-, Einhalt thun.^ — Wem springt 
nicht der innere Widerspruch dieser »juristischen« Staatsrechtslehre 
in die Augen? »Der Staat kann sich in das Gebiet des Gewissens 
und Glaubens nicht mischen ; er kann keine dogmatischen Streitig- 
keiten entscheiden;« aber er darf die Entscheidungen der Kirche 
und ihre darauf gegründeten Gesetze und Vorschriften, wenn sie 
seinem modernen Geschmacke nicht entsprechen, verbieten, ihre 
Publikation, ihren Vollzug untersagen, d. h. ihnen Einhalt thnn! 
Somit kann die Kirche überhaupt kein^ wirksame Entscheidung, 
selbst nicht einmal in Glaubenssachen treffen, wenn es dem bösen 
Nachbar nicht gefällt. Wo bleibt hier die Selbstständigkeit 
und Unabhängigkeit der Kirche auf ihrem eigensten Boden? 

Vermöge des jus supremae inspectionis vindicirt sich der Staat 
neben der Bevormundung der Kirche auch das Recht, von Allem, 
was auf seinem Territorium selbst innerhalb der Kirche geschieht, 
Wissenschaft zu haben, um überall hineinregieren zu können. Alles 
was in der Kirche vorgeht, muss der moderne Staat wissen, wenig- 
stens was die katholische Kirche betrifft; denn diese hält er für be- 
sonders geföhrlich. Dagegen ist er liberaler gegenüber den Frei- 
maurer-Logen und ihrer im Finstern arbeitenden, minirenden und 
subversiven Thätigkeit, ebenso wie gegenüber der Giftsaat, welche 
diese Antichristenliga - durch ihre Pressorgane allenthalben aussäet. 
Das Schicksal, das diese Liga schon mancher Dynastie bereitete, hat 
den wenigsten unserer modernen Staatsregierungen bisher irgend ein 
Bedenken eingeflösst. Da ist man vertrauensselig, dort misstraiiisch. 

Und welchen Gebrauch macht der moderne Staat *) von seinem 



1) Loc. cit. IX. Buch, Cap. 7. 

2) Hier ist die Rede lediglich vom modernen, d. i. indifiEerenten und con- 
fessionslosen Stjiat. Ein anderes Verhältniss konnte man früher allerdings dem 
christlichen, noch confessionellen Staate einräumen. Wie die christlichen, 
katholischen Fürsten ehedem die Verpflichtung hatten, zum Schutze und zur 



Rhabanus, Verhältniss des modernen Staates zur Kirche, 277 

jus summae inspectionis? Man denke hier an die/staatsrechtliche 
Theorie vom Placetum regium. 

Wie weit der moderne Staat dieses Recht ausdehnt, beweist die 
in jüngster Zeit vorgekommene Thatsache, dass in einem deutschen 
Mittelstaate in bisher unerhörter Weise sogar die kirchliche Ver- 
kündung eines Glaubenssatzes verboten wurde. Also sogar auf Glaube 
und Dogma erstreckt der heutige moderne Staat sein Placetum regium. 
So weit ist man früher nicht einmal auf Seite solcher Staatsrechtslehrer 
gegangen, welche den Josephinischen Staatsprincipien folgten. 
»Dogmata (schrieb einst P. Jos. a Riegger) citra omnem principum 
auctoritatem vim habent et ex integre subsistunt ^).€ Bluntschli hat 
unumwunden zugeständen, dass man dieses Becht »öfters über Ge- 
bühr ausdehne;« aber doch suchte er es principiell zu begründen. 
»Das sog. Placet, schreibt er, ist, recht verstanden,, kein positives 
Becht des Staates, über die Eirchlichkeit und Wahrheit der von der 
Eirchengewalt gegebenen Entscheidung zu urtheilen, sondern nur ein 
negatives Becht, dem das Misstrauen zu Grunde liegt, es möchte 
die sichtbare Kirche, in welcher auch menschliche Schwächen und 
Leidenschaften sich regen, ihre dogmatische Selbstständigkeit miss- 
brauchen, und in der Ausartung Beschlüsse fassen und öffentlich 
geltend machen, mit denen die vom Staate anerkannten Bechte der 
Individuen sowohl, als seiner eigenen Wohlfahrt im Widerspruch 
stehen 2).« — Aber worin bestehen denn diese Bechte der Individuen? 
Sie bestehen lediglich in der Gewissensfreiheit, d. h. in der Freiheit, 
aus einer Kirchengemeinschaft auszutreten, von deren Glaubenssätzen 
sie sich nicht überzeugen können. Ihrerseits kann die Kirche gegen 



Verbreitung der christkatholischen Glaubenslehre mit der ihnen von Gott ver- 
lieheneu Macht mitzuwirken, den Häresieen und Spaltungen entgegenzutreten, 
die Angreifer der wahren Religion nicht zu dulden, mit gesetzlichen Strafen 
gegen sie einzuschreiten, religions- und glanbensgefährliche Schriften. zu ver- 
bieten, die bestehendem kirchlichen Gesetze auch durch weltliche zu bekräftigen 
und zu unterstützen, — so konnte man ihnen atich das Becht zugestehen, 
darauf zu sehen, dass aus den kirchlichen Disciplinargesetzen keine Nachtheile 
für die bürgerliche Gesellschaft heryorgehen, dass neue Disciplinargesetze also 
nicht ohne Mitwissen des katholischen Landesherrn promulgirt würden, soweit 
sie nicht positive, auf Glauben, Sitten oder den Cultus sich beziehende, son- 
dern »leges merae ecclesiasticae , quae incurrunt ad materiam temporalem« — 
sind. Denn die Kirche kann und will nichts thun, wodurch die zeitliche und 
irdische Wohlfahrt der Menschen überhaupt gehindert oder beeinträchtigt würde. 
(Vgl. über diese Materie Petrus de Marca, Concord. sacerdot. et imper. L. IL 
c. 10. §. 9, c. 16. §. 4. L. IV. c. 6.) 

1) Institut. Jurisprudent. eccles. P. L §. 331. " 

2) AUgem. Staatsrecht, Buch 9, Cap. 7. 



278 Rhabanus, Verhältni88 des modernen Staates zur Kirche, 

solche Individuen keinen äussern Zwang behufs ihrer Unterwerfung 
unter eine Glaubenslehre anwenden, sie kann einfach von dem ihr 
als Gesellschaft naturgemäss zustehenden Bechte, hartnäckig unge- 
horsame Mitglieder aus ihrer Gemeinschaft auszuschliessen, Gebrauch 
machen. Was soll man denn unter den Bechten der Individuen, die 
der Staat zu schützen hätte, weiter verstehen? Etwa die Freiheit, 
in der Kirche zu verbleiben^ und doch sich einer Lelirentscheidnng 
derselben zu widersetzen, oder gar dieselbe zu schmähen und zu 
lästern? Wenn der Staat solches Gebahren der Individuen gegen 
ihre Kirche als ein Becht anerkennt, dann ist er offenbar selbst ein 
Gegner und ein Feind der Kirche; überdies setzt er sich in Wider-. 
Spruch mit sich selbst. Oder würde er seinen eigenen ünterthanen 
das Becht einräumen, seinen Verordnungen oder Gesetzen Widerstand 
oder Hohn entgegenzusetzen? Würde er dies nicht vielmehr als 
staatsgefährlich und revolutionär erklären, und mit allen seinen Ge- 
walt- und Strafmitteln dagegen einschreiten? 

Und worin besteht dann die »Wohlfahrt« des Staates, auf die 
man zur Bechtferti^ung des Placet so gerne hinweist? Etwa im 
Belieben der Staatsangehörigen, die Gesetze der Kirche, der sie an- 
gehören wollen, zu achten oder zu missachten? Oder etwa in der 
Hegung und Förderung des Preimaurerthums , des Atheismus und 
Materialismus, dem die Gesetze der Kirche lästig sind, und als ein 
den sog. Fortschritt und die »Aufklärung« hemmendes Hinderniss 
erscheinen? Liegt diese »Wohlfahrt« des Staates darin, dass die 
Staatsangehörigen ungehorsam gegen die Kirche, kirchenfeindlich und 
atheistisch werden? — 

Wenn nun .der kirchenfeindliche moderne Staat rücksichtslos 
sein Placet in Ausübung bringt , somit von seinem Belieben es ab- 
hängig macht, was die Kirche auf ihrem Gebiete lehren und ent- 
scheiden dürfe, und was nicht, ist dann nicht der Staat der Pontifex 
maximus und oberste Leiter der Kirche ? In der ^hat, wo das Placet 
mit staatsabsolutistischer Omnipotenz zur Ausübung käme, da wäre 
nicht der Papst, nicht der Episcopat es, den der heil. Geist gesetzt 
hat, die Kirche Gottes zu regieren. Die Kirche, welche ein solches 
Placet anerkennen wollte, ginge eo ipso ihrer Selbstständigkeit ver- 
lustig, sie wäre mit der Staatsgewalt confundirt, sie wäre nur ein 
Werkzeug derselben; die katholische Kirche hätte dann aufgehört, 
jene freie, von oben stammende Macht zu sein, welche auf dem 
Fundamente Christi und der Apostel den irdischen Gewalten unter- 
stützend zur Seite steht, und denselben den freien, willigen Gehor- 
sam der Gläubigen in allem Guten und Bechten sichert. 



Rhabanus, VerhäUniss des modernen Staates zur Kirche. 279 

Und dann noch eine Frage: Wird der Kirche seitens jener 
Staatsjuristen, welche das landesherrliche Placet für so nothwendig 
halten, dasselbe Recht in Bezug auf die Handlungen der Staatsge- 
walt zuerkannt? Ist das jus placeti wirklich ein nothwendiges Recht 
des Staates, so muss dieses Recht ebenso nothwendig der Kirche 
gegenüber dem Staate zustehen, und was man immer geltend machen 
mag , um die Prätensionen der Staatsgewalt zu rechtfertigen , das 
muss auch für die Kirche gelten. Denn auch sie kann aus er- 
fahrungsmässigen Rücksichten Misstrauen hegen, es möchte der 
Staat, in welchem bekanntlich »menschliche Schwächen und Leiden- 
schaften« gar oft sich regen, seine Selbstsändigkeit und Macht miss- 
brauchen, und in seiner »Ausartung Beschlüsse fassen,« Gesetze geben 
u. dgL, die mit der Wohlfahrt und sogar mit der Existenz der 
Kirche unvereinbar sind. Erkennt der Staat das jus placeti auf Seite 
der Kirche an, dann ist es Pflicht für ihn, es zu beobachten, und 
den Erinnerungen und Einsprüchen der Kirche in vorkommenden 
Fällen Rechnung zu tragen; erkennt er aber dieses Recht der 
Kirche nicht an, dann hat er selbst kein solches Recht, dann gibt 
es überhaupt rechtlich kein jus placeti ; dann muss entweder unbe- 
dingtes Vertrauen zwischen Kirche und Staat walten, oder es muss 
alle gegenseitige Verbindung zwischen beiden Gewalten aufhören, 
d. h. die Trennung, die vollständige Trennung zwischen Kirche und 
Staat muss sich vollziehen. 

Wer von beiden dabei gewinnen, wer verlieren wird, diese 
Frage beantwortet die Geschichte vergangener Zeiten. Die Kirche 
will die Trennung nicht; aber sie muss sich nothgedrungen zuletzt 
zu derselben bequemen. Die Kirche wird auch , losgelöst von ihrer 
Verbindung mit dem Staate, dem zu lieb sie schon schwere Opfer 
gebracht hat , .ferner existiren , wie ja ihre Existenz ohne den Staat 
gegründet und auch in stürmischen Zeiten behauptet worden ist. 
Das Schifflein der Kirche wird , auch einsam hinsteuernd über den 
Ocean der Welt, nicht untergehen. Auf sich allein angewiesen, 
wird sie die Lebenskraft, die ihr eigen ist, nur noch intensiver ent- 
falten. Der Staat dagegen wird,^ bedrängt von den Geistern, die er 
selbst gerufen hat, allein stehen im Kampfe mit den feindlichen 
Elementen, die jedes geordnete Rechts- und Gesellschaftsleben un- 
möglich machen. Sein Schwert wird, bald stumpf und unbrauchbar 
gemacht, für sich allein nicht stark genug sein, um zu hindern, 
dass eine gottlose Generation, die er selbst gehegt und gefördert 
hat, seine Ordnung verwirre, seine Gesetze missachte, seine Funda- 
mente unterwühle. Die Fugen des Staatsgebäudes, nur mehr durch 



280 RhabanuSy Verhältniss des modernen Staates zur Kirche, 

schwache äussere Bindemittel mühselig zusammengehalten, werden 
bei dem ersten Stosse von innen oder aussen weichend in Trum* 
mer zerfallen. Dann wird man zu spät- etwa zur Einsicht kommen, 
dass der Bund mit der Kirche allein den Bestand geordneter Staaten 
möglich macht, und dass es unklug und unpolitisch gewesen, diesen 
Bund so leichthin aufzuheben und * zu zerreissen. An dem kirohen- 
feindlichen modernen, liberalen, confessions- und religionslosen Staate 
aber wird sich früher oder später das Wort der h. Schrift erfüllen: »Sic 
haben Wind gesäet^ und Stürme werden sie ernten ^).« 

1) Ose. 8, 7. . 



281 



XVII. 

Ein rheinhessiscber Rechtsstrelt bezOglich des Mitgebrauches 

an einer protestantischen Kirche^ 

mitgetheilt von Pomcapitular Prof. Dr. Hirschel zu Mainz. 

Die in Bosmheim^ einem unweit von Kremnach auf dem rech- 
ten Nabeufer in Bheinhessen gelegenen, grösstentheils protestanti- 
schen Dorfe wohnhaften wenigen Katholiken ^ welche nunmehr zu 
der nahen Pfarrei Planig im Bisthum Mainjsf gehören, benutzten 
bis in die neueste Zeit die protestantische Kirche ihres Wohnortes 
zur Vornahme der sie betreffenden Casnalhandlungen , der Taufen, 
Beerdigungen '^und Eheabschliessungen. Unter dem 23. November 
1872 berichtete der Pfarrer von Planig an das bischöfliche Ordi- 
nariat zu Mainz, es sei ihm, als er eine Trauung von Katholiken in 
Bosenheim in der dortigen protestantischen Kirche habe vornehmen 
wollen und in Uebereinstimmung mit einem Schreiben des früheren 
protestantischen Pfarrers Engelbach zu Bosenheim vom 13. Februar 
1862 zur Vermeidung von Collissionen bei dem nunmehrigen pro- 
testantischen Pfarrer daselbst Anzeige von der von ihm vorzunehmen- 
den Eheeinsegnung gemacht habe, von letzterem mitgetheilt worden, 
der protestantische Kirchenvorstand verweigere die Benutzung der 
Kirche, insofern die Katholiken dieselbe als ein Recht beanspruch- 
ten, indem er sie nur aus Gefälligkeit und in Folge von ihm er- 
theilter Erlaubniss gestatte. Nachdem der katholische Pfarrer von 
Plauig noch dreimal den protestantischen Kirchenvorstand von Bosen- 
heim ersucht hatte die althergebrachte üebung ungestört zu be- 
lassen, ohne eine Antwort zu erhalten , wandte sich das bischöfliche 
0]*dinariat von Mainz an das Oberconsistorium zu Darmstadt, damit 
dasselbe den protestantischen Kirchenvorstand zu Bosenheim veran- 
lasse, den unvordenklichen Besitzstand der Katholiken, welcher durch 
eine Reihe von Aufzeichnungen vom Anfange des vorigen Jahr- 
hunderts bis zu dessen Ende und sodann durch Zeugen bezüglich 
des behaupteten Mitgebrauches an der protestantischen Kirche zu 
Bosenheim zur Vornahme von Casnalhandlungen der dort wohnhaften 
Katholiken nachweisbar sei, anzuerkennen, um einen drohenden 
Rechtsstreit und die daraus entstehenden Kosten und Unannehmlich- 
keiten zu vermeiden. Das Qrossherzogliche Oberconsistorium ent- 
gegnete unter dem 13. März 1874 : es sei allerdings die protestan- 



282 Hirsche!, Rheinhess. Rechtsstreit betr. Mit g ehr, einer prot. Kirche, 

tische Kirche zu Bosenheim in vereinzelten Fällen auf vorherige 
Anzeige zur Vornahme von Casualien der Katholiken Bosenheims 
benutzt worden, bei der im Jahre 1862 entstandenen Meinungsver- 
schiedenheit habe mit Zustimmung des* bischöflichen Ordinariatejs der 
katholische Pfarrer zu Planig erklärt , man beabsichtige nicht , auf 
das Recht, die -Kirche in herkömmlicher Weise und in den berköm- 
lichen Fällen zu benutzen, irgend ein weiteres, über den bisherigen 
Usus hinausgehendes Recht zu begründen, sondern wie man ledig- 
lich bei dem Herkommen zu verbleiben beabsichtige; zwar sei in der 
dessfallsigen Erklärung eine Benützung der Kirche ohne vorherge- 
gangene Anfrage beansprucht, dieser Anspruch aber ganz bestimmt 
zurückgewiesen worden durch das Schreiben des evangelischen Pfarr- 
amtes Bosenheim vom 13. Februar 1862, worin unter Acceptation 
jener Zusicherung, es beim Herkommen belassen zu wollen, ausdrück- 
lich geltend gemacht worden sei, dass solcher Anspruch mit dem Her- 
kommen nicht übereinstimme, da bisher stets eine Anfrage von dem katho- 
lischen Geistlichen erfolgt sei ; bei dieser Zurückweisung habe man 
sich katholischerseits beruhigt, dagegen habe der evangeliche Kirchen- 
vorstand damals vor Auswechslung der eben erwähnten Erklärungen 
sogar beschlossen, dass den Katholiken, da ihnen ein Becht auf die 
Benutzung der Kirche nicht zustehe, der Gebrauch der Kirche und 
der Glocken principiell zu verweigern und nur auf eine Bescheinigung 
des katholischen Geistlichen, dass die Katholiken hieraus kein Becht 
herleiten würden, zu gestatten sei ; ebenso gehe die neueste Erklärung 
des evangelischen Kirchenvorstandes vom 10. Februar 1874 ganz 
entschieden dahin, dass den Katholiken zu Bosenheim ein Gebrauchs- 
recht an der evangelischen Kirche nicht zuzuerkennen, der wahre 
Sachverhalt vielmehr darin zu erblicken sei , dass nur in sehr ver- 
einjselten Fällen und mit besofiderer jedesmaliger Erlaubniss von 
evangelis(5her Seite die Benutzung der Kirche durch die Katholiken 
stattgefunden habe; die Verhandlungen aus dem Jahre 1862, auf 
welche sich jetzt das katholische Pfarramt Planig stütze, könnten 
für die evangelische Gemeinde in keiner Weise bindende Kraft 
äussern, da sie nicht von dem Kirchenvorstande, sondern vom Pfarr- 
amte geführt worden seien; auch seien die Katholiken niemals im 
Besitze eines Schlüssels zur Kirche gewesen, worauf sie doch wohl 
bestanden haben würden, wenn sie sich, abgesehen von einem Mit- 
eigenthums- oder Simultanverhältnisse in irgend einer Weise für 
berechtigt in Bezug auf die Kirche erachtet hätten, woraus ge- 
schlossen werden müsse, dass sie früher solche Rechtsansprüche zu 
erheben nicht gedachten; die vom Pfarramte beigebrachten Auszüge 



Hirsckel, Rheinhess. Rechtsstreit betr. Mitgehr. einer prot. Kirche, 283 

aus den Kirchenbüchern könntwi nicht als Beweismittel für den An- 
spruch der Katholiken gelten, weil die darin bezeugten zehn Fälle, 
neun Taufen und eine Beerdigungsfeierlichkeit , welche darnach in 
der evangelischen Kirche zu Bosenheim vorgenommen worden seien, 
einen Zeitraum von neunzig Jahren umfassten , also sicherlich nur 
als vereinzelte gelten, und einen Besitzstand, sowie die ununter- 
brochene Ausübung eines Rechtes umsoweniger darthun könnten^ als 
sogar in einem Falle ein in dem dessfallsigen KirchenbuchsprotocoUe 
von 1771 selbst bezeugter Widerspruch von evangelischer Seite er- 
folgt sei; noch viel weniger könnten sie einen Beleg für die Be- 
hauptung des katholischen Pfarramtes geben, welche doch sehr we- 
sentlich' erscheine , dass di^ Katholiken die Kirche ohne vorherige 
Anfrage bei dem evangelischen Geistlichen oder Kirchenvorstande 
benutzt hatten, v^as evangelischer Seits entschieden bestritten werde, 
weil die dessfallsigen Kirchenbuchs-Einträge über diesen für die be- 
urkundeten kirchlichen Akte völlig bedeutungslosen Umstand selbst- 
verständlich schwiegen, also weder pro noch contra als Beweismittel 
benutzt werden könnten; auch der vom katholischen Pfarramte 
Planig citirte Eintrag in das TaufprotocoU: circa annum 1806 pagus 
Bosenheim etc., welcher am Schlüsse laute: »usum ecclesiae ibidem 
non habemus, nisi quando casualia etc. procurandu sunt« vermöge, 
abgesehen von seiner indirecteu Fassung den Anspruch der Katho- 
liken nicht zu beweisen, weil er von katholischer Seite selbst her- 
rühre; endlich erschiene es als ein für die Rechtsansprüche der 
Katholiken nicht günstiger Umstand, dass ebenso in neuerer und 
neuester Zeit Casualhandlungen des katholischen Geistlichen in der 
Kirche zu Bosenheim nur in sehr wenigen, einzelnen Fällen vorge- 
nommen worden seien , so dass z. B. von den zahlreichen (etwa 
zwanzig) sämmtlich während der letzten dreissig Jahren geborenen 
Kindern nicht ein einziges in der evangelischen Kirche getauft wor-. 
den sei, wie denn überhaupt in dem laufenden Jahrhunderte keine 
katholische Taufe oder Trauung und nur drei bis vier Beerdigungs- 
feierlichkeiten sogar unter ausdrücklichem Widerspruche gegen ein 
Recht der Katholiken auf Benutzung der Kirche dazu und mit jedes- 
maliger, besonderer Erlaubniss des evangelischen Kirchenvorstandes 
stattgefunden hätten; hienach müsse man sich dahin äussern, dass 
allem Anscheine nach die Ueberlassung der evangelischen Kirche zu 
Bosenheim an •die Katholiken zu Casualhandlungen in einzelnen 
Fällen früher nur precario erfolgt sei und dass ein auf langjährigen, 
ununterbrochenen und unbeanstandeten Besitz des Rechtes auf Be- 
nutzung der Kirche ohne jedesmalige vorher eingeholte Erlaubniss 



284 Hirschely Rheinhess, Rechtsstreit betr. Mitgehr. einer prot Kirche. 

der evangelischen Genieinde als der alleinigen unbeschränkt berech- 
tigten Eigenthümerin der Kirche gestutzter Usus keineswegs nach- 
gewiesen sei, dieser auch unter den vorliegenden Verhältnissen als 
ein rechtsgiitiger Zustand , wie solches das katholische Pfarramt 
Flanig und das bischöfliche Ordinariat behaupteten, sich gar nicht 
habe bilden können und nicht bestehe; somit stelle sich auch für 
das Obereonsistorium die Verweigerung der Kirche zur Vornahme 
einer Copulation am 9. November 1872 von Seiten des evangelischen 
Kirchenvorstandes, welche Veranlassung zu vorliegender Beschwerde 
gegeben habe , als eine Störung der Katholiken in dem seitherigen 
usus nicht dar und vermöge man daher nach Lage der Sache dem 
Ersuchen des Ordinariates vom 13. November 1872 nicht %\x ent- 
sprechen. 

So blieb denn fär die Katholiken nur die Betretung des Bechts- 
Weges übrig, wozu denn auch der. Kirchen vorstand zu Planig vom 
bischöflichen Ordinariate unter dem 1. October und votn Grossher- 
zoglichen Administrativ-Justizhofe zu Darmstadt ain 4. November 
1874 ermächtigt wurde. 

Der Anwalt des Uägerischen Kirchenvorstandes trug nun bei 
Grossherzoglichem Bezirksgerichte zu Ahey am 9. März 1875 darauf 
an, dieses Gericht möge, nachdem dem katholischen Pfarrer zu Planig 
die Benutzung der evangelischen Kirche zu Bosenheim zur Vor- 
nahme einer Trauung von dem dortigen evangelischen Kirchenvor- 
stande verweigert worden und die auf dem Verwaltungswege ge- 
pflogenen Verhandlungen behufs gütlicher Beilegung dieser Streit- 
sache erfolglos gewesen seien, wenn den behaupteten Thatsachen 
nicht widersprochen werde, dieselben für zugestanden erachten und 
sofort aussprechen, dass die Katholiken in Bosenheim, beziehungs- 
weise die katholische Kirche von Planig berechtigt seien , die ge- 
dachte Kirche sammt dem Geläute bei allen Casualf allen , Taufen, 
Hochzeiten, Begräbnissen auf einfache Anzeige hin zu benutzen, dass 
der evangelische Kirchenvorstftid durch Verweigerung der evangeli- 
schen Kirche zur Einsegnung eines Brautpaares durch den katholi- 
schen Pfarrer zu Planig im November 1873 die Klägerin in ihren 
Bechten an dieser Kirche gekränkt habe; dass dem Beklagten jede 
weitere Störung verboten und derselbe in die Kosten verföUt werde 
unter Vorbehalt aller weitern Rechte. 

Der Anwalt des beklagten Kirchenvorstandes bestritt in seinem 
am 1. Juni übermittelten Antrage zunächst die Berechtigung des 
katholischen Kirchenvorstandes zur Klageerhebung, weil, wenn auch 
die in Bosenheim wohnenden Katholiken nach Planig pfarrten, doch 



Hirschelt Rheinheaa, Rechtsstreit betr. Mitgebr, einer prot Kirche, 285 

nicht der katholische Kirchenvorstand zu Flanig ohne Weiteres die 
Katholiken in Bosenheim, welche, wie in der Klage behauptet werde, 
eine Filialgemeinde bildeten, zu vertreten habe, weil sodann auch der 
Klagegenstand ein solcher sei, der überhaupt nicht zum Wirkungs- 
kreise des Kirchenvorstandes gehöre und bezüglich dessen dieser als 
solcher Processe zu führen nicht ab berechtigt erachtet werden könne; 
da im Fragefalle ein Miteigenthüm oder ein dingliches Recht an dem 
evangelischen Kirchengebäude zu Bosenheim oder ein eigentliches 
Vermögensrecht nicht behauptet werde, handele es sich lediglich um 
angeblich persönliche Rechte der in Bosenheim wohnhaften Katho- 
liken und seien desshalb auch nur diese für befugt und berufen zu 
erachten, diese ihre angeblichen Rechte vor Gerichte zu vertreten 
und zu verfolgen ; zur Sache selbst stelle der beklagte Kirchenvor- 
stand nicht in Abrede, dass früher in der Regel, aber nicht immer, 
den in Bosenheim wohnenden Katholiken auf deren Anfrage und bitt- 
liehes Ersuchen die Erlaubniss ertheilt worden sei, sich bei Taufen, 
Trauungen und Begräbnissen der evangelischen Kirche zu bedienen, 
dass aber eine Berechtigung hierzu, wie sie in der Klage behauptet 
werde, niemals bestanden habe und noch weniger von dem evangeli- 
schen Kirchenvorstande zu Bosenheim als bestehend anerkannt wor- 
den sei weder ausdrücklich noch stillschweigend ; solche Handlungen 
reinen Beliebens und einfacher Duldung könnten aber gemäss Art. 
2232. des Code civiP) niemals einen rechtlichen Besitz oder eine 
Ersitzung begründen, wenn sie auch noch so lange Zeit hindurch 
gedauert haben sollten und demgemäss könne die behauptete Ver- 
weigerung auch nicht eine Störung in einem, rechtlichen Besitze 
bilden; es sei daher an der Klägerin, ihre behauptete Berechtigung 
nachzuweisen und da der Beklagten bis dahin nicht bekannt gegeben 
worden sei, welche Thatsachen die Klage unterstützen und wie die- 
selben bewiesen werden sollten, so befinde sich die Beklagte ausser 
Stande, sich über die Erheblichkeit oder Unerheblichkeit jener That- 
sachen joder über die Zulässigkeit der vorgeschlagenen Beweismittel 
auszulassen, wesshalb sie sich vordersamat in dieser Beziehung allQ 
Rechte vorbehalte; da übrigens in der Klage von einer Ausübung 
der beanspruchten Rechte seit unvordenMicher Zeit die Rede sei, so 
stehe zu vermuthen, dass ein unvordenMicher Besitz und selbst mit- 
tels Zeugen bewiesen werden solle; wenn nach der Klage das AI- 
leineigenthum der evangelischen Kirchengemeinde zu Bosenheim au 
dem dortigen Kirchengebäude nebst Zuständigkeiten nicht bestritten 

1) Les actes de pure faculte et cenx de simple tolerance ne peuvent 
fonder lii posseasion ni prescription. 



286 Hirschel, Rheinhess. Rechtsstreit hetr, Mitgebr, einer prot Kirche. 

ZU werden scheine, vielmehr ein Recht des Mitgebrauches der Kirche 
für gewisse Fälle behauptet werde, wenn von einem s. g. Simultaneum, 
insoferne damit ein Miteigenthurasrecht ausgedrückt werden sollte, 
nicht die Rede sei, wenn also das beanspruchte Recht wohl nur als 
ein Gebrauchsrecht im Sinne des Art. 625. u. ff. Code civ. *) aufge- 
fasst werden könne, da eine Servitut allerdings auch ein herrschendes 
Grundstück erfordere, an welchem es in vorliegendem Falle fehle, 
wenn nun auch ein solches Gebrauchsrecht auf die nämliche Weise 
erworben werde, wie der Niessbrauch und wenn* man auch zugeben 
wolle, dass nach der Ansicht bewährter Rechtslehrer solche Rechte 
ersitzungsfähig sein sollten : so müssten auf diese Ersitzung immer- 
hin die Grundsätze des bürgerlichen Gesetzbuches anwendbar sein ; 
diesem letztern sei aber eine Ersitzung durch unvordenklichen Be- 
süe in dem Sinne , dass dadurch der Nachweis ties Besitzes in den 
letzten dreissig Jahren vor der Klage überflüssig werde oder der 
unvordenkliche Besitz den letztern ersetzen könne, durchaus fremd; 
das Gesetz erkläre überhaupt eine Ersitzung an Kirchen nui deren 
Zugehörigkeiten, weil dieselben dem Verkehre entzogen seien, für 
unstatthaft; falls das Gericht aber ungeachtet des Umstandes, dass 
es sich um eine res extra commercium handle, ungeachtet des hohen 
und jedenfalls unbestimmten Werthes des Streitgegenstandes einen 
Ersitzungsbeweis selbst mittels Zeugen für zulässig halten und nicht 
Urkundenbeweis für erforderlich erachten sollte, so könnten doch im- 
merhin nur Thatsachen erheblich sein, welche einen ruhigen, öffent- 
lichen, ununterbrochenen und nicht lediglich vergünstigungsweisen 
Eigenthumsbesitz jenes angeblichen Gebrauchsrechtes während der 
dreissig Jahre vor der Klage bezw. vor der behaupteten Störung 
herzustellen geeignet wären ; vor der Hand beschränke man sich auf 
diese allgemeinen Bemerkungen, behalte sich die Beurtheilung des 
etwaigen Beweisanerbietens vor und trage darauf an, die Klage 
wegen mangelnder Klageberechtigung der Klägerin und überhaupt 
als unzulässig, jedenfalls als grundlos abzuweisen und letztere in die 
Kosten zu verurtheilen. 

In seinem an das Bezirksgericht Alzey unter dem 7. Juni 
1875 gerichteten Antrage beantwortete der Anwalt der Klägerin 
den Einwand der Beklagten , welcher die Berechtigung des katho- 
lischen Kirchenvoratandes zu Planig zur Anstellung der Klage be- 
stritt, dahin, dass die Pilialgemeinde zu Bosenheim nach Art. l.-des 
Edictes vom 6. Juni 1832 , die Organisation der Kirchenvorstände- 

1) Les droits d'nsage et d^habitation s'^tablissent et se perdent de la 
m^me maniere qne rnsofruit. v 



Hirachely Rheinheas, Rechtsstreit betr. Mitgebr. einer prot Kirche. 287 

evangelischer und katholischer Confession betreffend ^) zwar keinen 
eignen Kirchenvorstand besitze, allein als zur Pfarrei Planig ge- 
hörend mit den in Planig wohnhaften Katholiken eine Kirchenge- 
meinde bilde, jede Kirchengemeinde aber eine juristische Person sei, 
welche alle ihre Rechte durch ihren gesetzlichen Vertreter ausübe, 
der gesetzliche Vertreter der Kircbengemeinde sei aber gerade ,der 
Kirchenvorstand, das Recht der Benützung einer Kirche stelle sich 
doch gewiss als das Recht der Kirchengemeinde dar und sicherlich 
nicht als das Recht der einzelnen, beständig wechselnden Mitglieder, 
deren Rechte übrigens zu wahren eben Recht und Pflicht des 
Kirchenvorstandes sei; zur Sache selbst erkenne Beklagte zwar an, 
den Katholiken zu Bosenheim sei der Regel nach die Beautzung der 
dortigen evangelischen Kirche auf vorherige Anfrage erlanbnissweise 
gestattet worden , allein solche Handlungen reinen Beliebens und 
einfacher Duldung könnten nach Art. 2232 Code civ. einen recht- 
lichen Besitz oder eine Ersitzung nicht begründen; Klägerin nehme 
kein^ Miteigenthumsrecht an der fraglichen Kirche, sondern nur den 
Mitgebrauch derselben in gewissen Fällen in Anspruch im Sinne des 
Art. 625 C. c, welch letzteres Recht aber nach den Grundsätzen des 
bürgerlichen Gesetzbuches in der Weise, wie Klägerin behaupte, 
durch unvordenklichen Besitz ohne Rücksicht auf den dreissigjährigen 
Besitzstand, vor der Klage weder erworben noch bewiesen werden 
könne; diese Einwände seien aber nicht zutreffend, indem es sich 
hier um ein Recht eigenthümlicher Natur, um ein Simultaneum 
handele; das Mitgebra;uchsrecht einer Religionsgemeinde an einer 
Kirche, welche Eigenthum einer Religionsgemeinde anderer Con- 
fession sfi, an und für sich sehr verschiedener Ausdehnung sein 
könne und seine Entstehung Verhältnissen verdanke, welche vor der 
Einführung des bürgerlichen Oesetahuches lägen; nach dem west- 
phälischen Frieden vom 21. October 1648 solle da, wo am I.Januar 
und während des ganzen Jahres 1624 der gemeinschaftliche Gebrauch 
eines Kirchengebäudes durch Katholiken und Protestanten bestanden, 
derselbe als ein rechtmässiger angesehen werden ohne Rücksicht auf 
die Entstehung dieses Gebrauches, die Art und Weise der gemein- 
schaftlichen Benützung sei an verschiedenen Orten verschieden ge- 
wesen und werde daher durch das Herkommen geregelt; bei solchen 

1) Art. 1. In jeder christlichen Kircbengemeinde, welche einen eigenen 
Gottesdienst hat oder welche eigenes Kirchenvermögen besitzt, besteht der zur 
Mitwirkung bei Fahrung der äussern Kirchenaufsicht und bei Verwaltung des 
Kirchen Vermögens bestimmte Kirchenvorstand aus ständigen und unständigen 
Mitgliedern. 



288 Hir8chel, Rheinheaa. Beähtsatreit betr. Mitgebr, einer prot Kirähe. 

Rechten pablicistischer Natur bilde der nachweisbare unverdenkliche 
Besitzstand Ersatz für den unerweislichen , in Vergessenheit oder 
Verlust gerathenen Becktsiüel und habe desshalb die klagende Ge- 
meinde nur diesen Besitzstand zu beweisen ; zu diesem Ende erbiete 
sich dieselbe zum Beweise, dass ausweislich der Kirchenbücher zu 
Pfafien-Schwabenheim, wohin die EathoHken zu Bosenheim bis zum 
Jahre 1806 eigepfarrt gewesen seien; vom Anfange des achtzehnten 
Jahrhunderts an die evangelische Kirche zu Bosenheim bei Taufen, 
Trauungen und Beerdigungen der katholischen Einwohner von Bosen- 
heim sammt dem Geläute benutzt worden , was. auch geschehen sei, 
nachdem die dortigen Katholiken im Jahre 1806 der Pfarrei Planig 
zugetheilt worden, bis im November 1872 dem katholischen Geist- 
lichen zu Planig die Einsegnung eines Brautpaares in der evangeli- 
schen Kirche zu Bosenheim verweigert worden sei; es werde dem- 
gemäss angetragen, das Gericht möge unter Verwerfung der geg- 
nerischen Einwendungen dem Klagegesuche Statt geben. 

Am 24. Juni 1875 fällte das Bezirksgericht zu Alsey ein 
Zmschemurtheil dahin, dass, da die Katholiken in Bosenheim keine 
selbstständige katholische Kirchengemeinde bildeten, vielmehr zur 
katholischen Kirchengemeinde zu Planig eingepfarrt seien, dieselben 
auch, wie aus den Art. 1. und 5.^) des Edictes vom 6. Juni 1832, 
die Organisation der Kirchenvorstände betreffend und aus Art. 40. 
der Verordnung vom nämlichen Tage, die Verwaltung des Kirchen- 
vermögens betreffend*) hervorgehe, in Angelegenheiten der Kirche 
und des Gottesdienstes als solchen, die vorzugsweise das Vermögen 
der Kirche in Anspruch nähmen, durch den Kirchenvorstand der 
Kirchengemeinde, welcher sie zugetheilt seien, vertreten würden, 
wesshalb die gegen die Legitimation der Klägerin erhobene Einrede 
sich als unbegründet darstelle; in der Hauptsache werde aber auch 
die Klage bestritten, diese müsse daher bewiesen werden, wozu sich 
Klägerin auch dahin nämlich erbiete, dass der katholische Geist- 
liche für Bosenheim seit unvordenklicher Zeit bis zur Störung im 
November 1872 bei den Gasualfällen der katholischen Bewohner von 
Bosenheim die evangelische Kirche allda mit deren Geläute auf ein- 

1) Art. 5. Besteht die Eirchengemeinde aus mehreren politischen Ge- 
meinden, 80 soll das ständige weltliche Mitglied immer ans der politischen Ge- 
meinde des Ortes , in welchem die Kirche sich befindet , nach Anleitung des 
Art 3. genommen werden. 

2) Art.. 14. In Bheinhessen behält es bei den bestehenden Vorschriften, 
nach welchen Eechtsstreitigkeiten der Kirchen und geistlichen Stiftnngs-Fonds 
von den Verwaltungen dieser Fonds vor Gerichte zu betreiben sind, sein 
Bewenden. 



Hirschel, Rheinhess. Rechtsstreit betr. Miigehr. einer prot Kirche, 289 

fache Anzeige hin öifentlich und ungestört benützt habe , dass dies 
ausweislich der Kirchenbücher von Pfaffen-Schwabenheim , wozu 
Bosenheim bis zum Jahre 1806 als Filiale gehörte, schon vom Jahre 
1702 an geschehen sei bis zu der erwähnten Störung; die Beklagte 
bestreite zwar auf Grund des bürgerlichen Gesetzbuches die Zuläs- 
sigkeit und Erheblichkeit dieses Beweisanerbietens ; indessen seien, 
da, wie in der Klage behauptet werde,- das in Anspruch genommene 
Recht vor Einführung des bürgerlichen Gesetzbuches datire, die Be- 
stimmungen dieses letztern nicht massgebend ; vielmehr behaupte die 
lElägerin mit Recht , hier werde ein s. g. SimuUaneum geltend ge- 
macht, ein Recht, das nach übereinstimmender Ansicht des Gross- 
herzoglichen Obergerichtes und Cassationshofes ^) durchaus singulärer 
Natur sei und weder als ein eigenthümliches Miteigenthumsrecht 
noch als ein eigentliches Gebrauchsrecht beurtheilt werden könne, 
das theils in grösserem Umfange vorkommend dem Miteigenthums- 
rechte entspreche, theils in geringerem Umfange, wie vorliegend, 
mehr als ein Mitgebrauchsrecht sich darstelle ; mit Rücksicht auf 
den öffentlichen Zweck des Simultaneums und die ihm hierdurch 
innewohnende publicistische Natur und insofeme, wie im Fragefalle 
behauptet werde, dessen Entstehung der Einführung des Code civil 
vorangehe, vermöge der unvordenkliche Besitzstand der Ersatz für 
den unerweislichen, in Vergessenheit oder in Verlust gerathenen 
Rechtstitel zu bilden, wesshalb sich auch das klägerische Beweisan- 
erbieten als zulässig ^und erheblich darstelle und der betreffende 
Beweis sowohl mit Zeugen als Urkunden erbracht werden könne, 
ohne dass jedoch heute schon die Beweiskraft der in dem Beweis- 
anerbieten angeführten Kirchenbücher von Pfaffen-Schwabenheim ge- 
würdigt zu werden vermöge und daher deren specielle Benennung 
im Beweisanerbieten in Wegfall komme , es jedoch der Klägerin ' 
überlassen bleibe, von diesen Documenten zum Zwecke der Beweis- 
führung den ihr geeignet scheinenden Gebrauch zu machen; aus 
diesen Gründen, indem Grossherzogliches Bezirksgericht die der Le- 
gitimation der Klägerin entgegengesetzten Einwände als unbegründet 
abweise, lasse es die Klägerin vor endlichem Erkenntnisse in der 
Hauptsache zu folgenden für zulässig und erheblich erklärten Be- 
weisen und zwar auf jede rechtliche Art mit Urkunden und selbst 
mit Zeugen zu : 1) dass der katholische Geistliche für Bosenheim seit 
unvordenklicher Zeit bis zur Störung im November 1872 bei den 
CaBualfällen der katholischen Bewohner zu Bosenheim die evangelische 



1) Vgl. Archiv, Bd. 25. S. 1. 1871. 
Archiv für Kircbenrecht XL VIII. 19 



290 Hirschel, Rheinhess, Rechtsstreit betr. Miigebr. einer proL Kirche. 

Eircbe allda auf einfache Anzeige hin öffentlich und ungestört be- 
nutzte, namentlich dass dies schon vom Jahre 1702 an geschehen 
sei, 2) dass der evangelische Eirchenvorstand im November 1872 dem 
katholischen Geistlichen von Planig die Einsegnung eines katho- 
lischen Brautpaares in der Kirche nicht gestattet habe, Gegenbeweis 
in derselben Art von Rechtswegen ; ernenne zur Leitung des Zeugen- 
beweisverfabrens einen Gerichtsrath als Commissar und halte die 
Entscheidung über die Kosten bevor. 

Bas erste Zeugenverhör fand am 22. November 1875 statt, 
indem die Zeugen der klagenden katholischen Kirche zu Planig aus- 
sagten, dass. die Beerdigung ihrer katholischen Angehörigen auf An- 
zeige bei dem Bürgermeister oder Schullehrer, der auch Kirchen- 
diener gewesen sei, stets mit Geläute und Predigt und Gebet des 
katholischen Geistlichen von Planig in der evangelischen Kirche zu 
Bosenheim ohne Anstand stattgefunden habe , um Benutzung der 
Kirche habe man Niemanden ersucht, auch wisse man nicht, ob um 
Erlaubniss zum Gebrauche der Kirche gebeten worden sei, auch habe 
man nie gehört, dass solches geschehen sei, man wisse nichts davon, 
dass andere Handlungen , namentlich Taufen von Kindern in der 
gedachten Kirche statt gehabt hätten, diese seien vielmehr immer 
im Hause getauft worden. 

Von den von der Beklagten geladenen Zeugen wurde ausge- 
sagt, dass allerdings bei der Beerdigung von Katholiken geläutet 
und die Kirche bei dieser Gelegenheit benutzt worden sei; sie 
hätten öfters selbst gehört , dass in solchen Fällen die Angehörigen 
der verstorbenen Katholiken um das Geläute und die Benützung der 
Kirche »nachgesucht«, um die »Erlaubniss« hierzu bei dem Bürger- 
meister gebeten und der Gebrauch der Kirche und des Geläutes 
auch »gestattet« worden sei. Der frühere Pfarrer Weiffenbach von 
Bosenheim erklärte, daas, als er im Jahre 1847 dorthin als Pfarrer 
gekommen sei, hätten sein Amtsvorgeher und die Mitglieder des 
Kirchenvorstandes ihm mitgetheilt, dass nur wenige Katholiken in 
Bosenheim seien und bei dem Ableben eines derselben es gestattet 
werde, nach geschehener Anzeige bei dem evangelischen Geistlichen, 
in der evangelischen Kirche das Trauergeläute vorzunehmen und 
nach der Beerdigung in die Kirche gehen zu dürfen , ohne jedoch 
die Orgel, Kanzel und das Schiff benützen zu dürfen, bei dena einen 
Todesfalle eines Katholiken in Bosenheim, dessen er sich erinnere, 
sei der Angehörige des Verstorbenen mit dem evangelischen Schul- 
lehrer, welcher die Kirchenschlüssel in Verwahr gehabt habe, in 
Aufregung zu ihm gekommen, indem jener Angehörige verlangt 



Hirachel, Rheinhess, Rechtsstreit betr. Mitgehr, einer prot Kirche. 291 

habe, dass für den VerstorbeneD geläutet werde und der Schallehrer 
erklärt habß, jener beanspruche diess als ein ßecht, während er, der 
Lehrer, doch nur läuten dürfe, wenn er dazu von seinen Vorgesetz- 
ten ermächtigt worden sei ; es sei auch damals geläutet worden und 
glaube der Zeuge,^ dass er des Friedens halber dem Schullehrer noch 
zugesprochen habe , läuten zu lassen , doch erinnere er sich dessen 
nicht mehr ganz genau; ob damals die Kirche von den Katholiken 
benützt worden, wisse er nicht, doch zweifele er nicht daran; auch 
fügte Zeuge Weiffenbach noch bei, es sei ihm erzählt worden, einer 
seiner Amtsvorgänger Namens Schäfer habe mit dem damaligen ka- 
tholischen Pfarrer von Planig auf sehr freundschaftlichem Fasse ge- 
standen und denselben aufgemuntert ,• die evangelische Kirche zu 
Bosenheim in erweiterter Weise, namentlich die Kanzel und den 
Pfarrstahl zu benutzen; bei einem Abendessen bei dem Bürgermei- 
ster zu Bosenheim habe dieser, als von der Benutzung der Kirche 
durch die Katholiken gesprochen worden sei, sich dahin geäussert, 
in jetziger Zeit, in welcher man so weit vorangeschritten sei, müsse 
ipan dergleichen Angelegenheiten in humaner Weise behandeln, 
worauf Zeuge Weiflfenbach erklärt habe, er sei wohl mit der Ansicht 
des Bürgermeisters einverstanden, glaube aber doch, ihn zur Vor- 
sicht mahnen zu sollen, indem aus solchen Gefälligkeiten Observan- 
zen entstünden und daraus später oft Bechte hergeleitet würden. 
Alle Zeugen der Beklagten sagten aus, dass sie nie wahrgenommen 
hätten und wüssten, dass ausser den Beerdigungen auch noch an- 
dere Casualhandlungeu , namentlich Taufen und Trauungen der Ka- 
tholiken von dem katholischen Geistlichen in der evangelischen 
Kirche zu Bosenheim vorgenommen worden seien. 

Ein weiteres Beweisverfahren fand am 27. November 1876 
statt. Die zwei Zeugen der Klägerin, beide aus Planig, erklärten, 
sie seien seit ihrer Kindheit fünfzig Jahre lang bei der Beerdigung 
von Katholiken in Bosenheim durch den katholischen Pfarrer von 
Planig zugegen gewesen, es sei hierbei stets ohne Einrede das Ge- 
bläute und die evangelische Kirche benutzt, aber von einem Nach- 
suchen um Erlaubniss hierzu sei ihnen niemals Etwas bekannt ge- 
worden. 

Von den vier Gegenzeugen der Beklagten sagte ein in Ruhe- 
stand versetzter , sechs und siebzig Jahre alter , früherer Lehrer in 
Bosenheim aus, er habe die Kirchenschlüssel nie ohne Erlaubniss des 
Bürgermeisters und evangelischen Pfarrers hergegeben, in einem be- 
sonderen Falle seien einmal zum Begräbnisse eines Katholiken die 

19* 



292 Hir^chel, Rheinhess. Rechtsstreit betr. Mitgehr, einer prot, Kirche, 

Kirchenschlüssel von ihm verlangt worden, er habe sie aber verwei- 
gert, bis er die Erlaabniss hierzu vom Bürgermeister und evange-^ 
lischen Pfarrer erhalten habe, bald sei der Polizeidiener zu ihm ge- 
kommen und habe ihm erklärt , die Erlaubniss zum Läuten sei er- 
theilt worden, worauf Zeuge die Schlüssel bergegeben habe, darauf 
sei geläutet und die Kirche bei der Beerdigung benutzt worden. 
Ob derjenige, welcher die Schlüssel vom Zeugen verlangte, bei dem 
Bürgermeister um Erlaubniss nachgesucht habe, sei jenem unbe- 
kannt, er müsse es aber annehmen, weil er die Weisung gehabt 
habe, ohne Edaubniss des Bürgermeisters und Pfarrers die Schlüssel 
nicht herzugeben. Ein anderer Zeuge, ein vier und siebzig Jahre 
alter Ackersmann von Bosenheim erklärte, er habe in den achtzehn- 
hundertzwanziger Jahren im Pfarrhause , in welchem er damals 
Dienste verrichtet habe, vom evangelischen Pfarrer Schäfer gehört, 
dieser habe deni katholischen Pfarrer und Decane von Planig wegen 
dessen Alters und des schlechten Wetters erlaubt, die evangelische 
Kirche zu Bosenheim bei der Beerdigung einer Frau Gaul zu ge- 
brauchen, etwas später habe ein Mitglied des damaligen evange- 
lischen Kirchenvorstandes , Namens Mann^ den Pfarrer Schäfer ge- 
fragt, ob der Decan von Planig ohne Erlaubniss in die Kirche ge- 
gangen sei, Ivorauf der Pfarrer entgegnet habe, diese Erlaubniss sei 
von ihm gegeben worden; es sei übrigens, bemerkte Zeuge weiter^ 
allgemeine Ansicht in Bosenheim gewesen, dass die Katholiken die 
evangelische Kirche nur beautzen. dürften, wenn sie die Erlaub- 
niss hierzu erhalten hätten. Der dritte Zeuge bestätigte , was der 
erste Zeuge, früherer Lehrer in Bosenheim, vom Abfordern der Kir- 
chenschlüssel ausgesagt hatte, indem er diess in der Schule, in wel- 
cher er damals sich* befunden, mitangehört habe. Der vierte Zeuge, 
jetzt Lehrer in Gensingen , früher in Bosenheim , wo auch dessen 
Vater Schullehrer und Glöckner war , bemerkte , zu Taufen und 
Trauungen sei die dortige evangelische Kirche nicht benutzt worden, 
wohl aber manchmal bei Begräbnissen, es sei diess auch in einzel- 
nen Fällen nicht geschehen, der Vater des Zeugen habe gewöhnlich 
die Schlüssel nur dann ausgeliefert, wenn eine schriftliche Erlaubniss 
von Seiten des evangelischen Pfarrers vorgezeigt worden sei , eines 
besonderen Vorkommnisses der Art erinnere sich Zeuge nicht mehr, 
da es schonr lange her sei. 

Nachdem die neue Oerichtsverfassung für das deutsche Reich 
auch im Grossherzogthum Hessen im Jahre 1879 eingeführt worden 
war, reichte der Rechtsanwalt der katholischen Kirche von Planig 
bei der eweiten CHvükam^ner des Landgerichtes eu Maine unter dem 



i 



Hirschel, Rheinhesa. Rechtsstreit betr, Mitgebr. einer prot. Kirche, 293 

28. October 1880 eine neue Klageschrift ein , in welcher er den 
bisherigen Gang der Verhandlungen darstellt, ausser den Zeugen* 
aussagen auch noch einen Auszug aus den Kirchenbüchern der Ge- 
meinde Pfaffen- Schwabenheim vorlegt und zur Einsicht anbot, Be* 
klagte zur Bestellung eines Eechtsanwaltes aufforderte und das 
Gericht um Bestimmung einer Sitzung zur mündlichen Verhandlung 
der Sache ersuchte , in welcher darauf angetragen werde , Url;unde 
zu ertheilen, dass Klägerin den ihr obliegenden Beweis erbracht 
habe, sofort auszusprechen, dass die Katholiken in Bosenheim be* 
ziehungsweise die katholische Kirche zu Planig berechtigt seien, die 
evangelische Kirche zu Bosenheim sammt deren Geläute bei allen 
Oasualfällen, Taufen, Hochzeiten, Begräbnissen auf einfache Anzeige 
bin zu benutzen und dass der evangelische Kirchenvorstand die 
Klägerin in diesem ihrem Rechte dadurch gestört habe^ dass er dem 
katholischen Pfarrer in Planig im November 1872 die Benutzung 
zur Einsegnung eines Brautpaares verweigerte, der Beklagten fede 
weitere Störung zu verbieten und sie in die Kosten zu verurtheilen. 
Im Verhandlungstermine vom 11. December 1880 wurde die Sache 
auf Antrag der Rechtsanwälte der Parteien auf den 4. Januar und 
von da auf den 11. Januar 1881 vertagt,- während am 7. Januar 
1881 Klägerin weitere Einsieht von einem Schretben des evangeli- 
schen Pfarramtes Bosenheim vom 13. Februar 1862 anbieten Hess 
und Beklagte am 11. Januar 1881 beantragte, den von der Klägerin 
auf 200 M. angegebenen Werth des Streitgegenstandes auf min- 
destens 2000 M. zu erhöhen, welchem Antrage jedoch durch Zwi- 
schenurtheil nicht stattgegeben wurde, den aber Beklagte in der 
Sitzung vom 21. April 1881 wiederholte. Das am 26. April 1881 
verkündete Urtheil der H. Civilkammer des {jandgerichtes zu Mainz 
erkannte zu Recht: »Die durch Akt des Gerichtsvollziehers Walter 
vom 9. März 1875 erhobene Klage wird als unbegründet abgetoiesen 
and die Klägerin in die Kosten verurtheilt,€ indem zu gleicher Zeit 
von dem Antrage der Beklagten, den Werth des Streitgegenstandes 
auf den Betrag von 200 M. festzusetzen, Umgang genommen wurde» 
Die Begründung dieses ürtheiles führte aus; der Antrag der 
Erhöhung der Werthbestimmung des Streitgegenstandes von 200 M. 
auf 2000 M. sei für die gegenwärtige Instanz ohne Interesse, da 
Beklagte schon in ihren Anträgen vom 1. Juni . 1875 , also zu einer 
Zeit, in welcher eine Werthfestsetzung nicht erforderlich gewesen 
sei, den hohen und unbestimmten Werth des Streitgegenstandes be- 
tont habe und derselbe in der That auch mehr ideeller Natur sei^ 
der ungewisse Formen umfassend, sich ^ner greifbaren und stricten 



294 Hirschel, Rheinhess. Rechtsstreit betr. Mitgebr, einer proi. Kirche. 

Abschätzung entziehe; nach der früheren Gesetzgebung seien den 
Parteien zur Austragung des Streites zwei Instanzen ofifengestandeu* 
und dazu noch die Cassations- bezw. die Bevisionsinstanz und durfte 
es wohl Sache des höheren Gerichtes sein, sich mit dieser Frage bei 
Prüfung der Zulässigkeit einer etwa eingelegten Revision zu be- 
schäftigen , da in der gegenwärtigen Sachlage für das Gericht kein 
zwingender Grund bestehe, den Werth des Streitgegenstandes, wel- 
chen entstehenden Falles ein höheres Gericht zu normiren be- 
rufen sei, zu fixiren, wesshalb von diesem Autrage Umgang zu 
nehmen sei. 

Auch bei der jetzigen Verhandlung sei Beklagte auf die Ein- 
rede der ünzulässigkeit der klägerischen Ansprüche und Beweise auf 
Grund der Bestimmungen des bürgerlichen Gesetzbuches, welche be- 
reits in dem ürtheile des Grossherzoglichen Bezirksgerichtes Alzey 
vom 4. October 1875 gewürdigt worden seien, zurückgekommen ; ^ie 
in diesem Ürtheile niedergelegten Erwägungen und Bechtsausführungen, 
von welchen das frühere Obergericht Mainz und der Cassationshof in 
Darmstadt in ihren Entscheidungen vom 9. December 1865 bei einem 
Beclitsstreite der katholischen Kirchengemeinde zu Biebelsheim gegen 
die evangelische Eirchengemeinde allda über ein bestrittenes Simul- 
taneum ausgegangen sei und auf welche das ürtheil des Bezirksge- 
richtes Alzey Bezug genommen hab?, erschienen auch für die heutige 
Beurtheilung massgebend und hahe demnach das Gericht sich ledig- 
lich mit der Beweisfrage zu befassen und zu prüfen, ob Klägerin 
den ihr nachgelassenen Beweis erbracht habe ; dies müsse aber ver- 
neint werden, die Berechtigung der Klägerin, die evangelische Kirche 
in Bosenheim sammt dem Geläute bei allen Casualfallen , Taufen, 
Hochzeiten, Begräbnissen auf einfache Anzeige hin zu benutzen, sei 
nicht dargethan. In dem Auszuge aus dem katholischen Kirchen- 
buche von PfafiFen-Schwabenheim , wohin in früheren Zeiten die 
wenigen Katholiken Bosenheims eingepfarrt gewesen seien, könne 
eine solche Berechtigung nicht gefunden werden, indem das besagte 
Kirchenbuch* nur spärlich und in grossen Zwischenräumen erfolgte 
Taufhandlungen aus den Jahren 1702, 1709, 1710, 1725, 1742, 
1771, 1777, 1784, 1791 und 1792 enthalte, die Vornahme von wei- 
tern kirchlichen Taufhandlungen seit diesen Jahren, also in einem 
Zeiträume von über achtzig Jahren vor der Klage sei weder durch 
Urkunden noch durch Zeugen bewiesen; von einer Berechtigung 
hieraus, wenn überhaupt eine solche bestanden oder aus dergleichen 
einseitigen Einträgen für die Zeit, in welcher sie geschehen, einer 
Zeit zahlreicher Streitigkeiten über kirchliches Eigenthum und kirch- 



Hirsche!, Rheinhess. Rechtsstreit betr, Mitgebr, einer prot. Kirche. 295 

liehe Berechtigungen hergeleitet werden könnte, was aus Bemerkungen 
zu den einzelnen Einträgen und dem Erwähnen , dass protestirt und 
nicht protestirt wordeh sei, mehr als zweifelhaft erscheine, könne 
also nicht weiter die Rede sein. Auch der Einsegnung von Braut- 
paaren und der Vornahme kirchlicher Handlungen bei Hochzeiten in 
der evangelischen Kirche zu Bosenheim Seitens der Katholiken ge- 
schehe in dem Beweisverfahren nirgends Erwähnung. 

Was nun diese Ausführungen des ürtheües betrifft, so wird 
die Behauptung, dass nur spärliche und in grossen Zwischenräumen 
erfolgte Einträge von Taufhandlungen in dem erwähnten Kirchen- 
buche enthalten seien, dadurch völlig klar gestellt^ dass das 
[Jrtheil selbst nur wenige Katholiken in Bosenheim kennt, also der 
Natur der Sache gemäss auch nur spärliche Taufhandlungen und 
überhaupt Casualfälle bei ihnen vorkommen konnten. Wenn das 
ürtheil weiter bemerkt, dass in einem Zeiträume von über achtzig 
Jahren vor der Klage weder durch Urkunden noch durch Zeugen die 
Vornahme weiterer Taufhandlungen nachgewiesen worden sei; so 
darf daraus doch nicht geschlossen werden, dass solche überhaupt 
nicht in der evangelischen Kirche vorgekommen seien, noch weniger 
aber, dass die Katholiken zu einer derartigen Vornahme k^ine Be- 
rechtigung gehabt hätten. Denn wegen der geringen Anzahl der- 
selben können an sich schon selten Taufen geschehen sein, sodann 
wurden solche, wie die Zeugen aussagten, im Hause verrichtet, was 
die Betreffenden, wenn die Taufe in die Winterraonate fiel, rechtlich 
vom Geistlichen verlangen konnten, auch steht nichts im Wege an- 
zunehmen , dass , wenn auch Taufhandlungen in jener Kirche statt- 
fanden, gerade dieser umstand bei dem Eintrage in das Kirchenbuch 
der Pfarrei Planig, in welche die Bosenheimer Katholiken seit 1806 
eingepfarrt sind, von dem Geistlichen nicht besonders erwähnt wurde, 
weil er an sich nicht zu dem Eintrage , welcher nur Namen , Stand 
und Aufenthalt der Eltern, den Namen des Täuflings und Namen, 
Stand und Wohnort des Pathen, sowie Zeit und Ort der Geburt und 
der Taufe zu enthalten hat, verpflichtet ist. üebrigens konnten die 
Katholiken von ihrem Rechte,* die Taufen in der gedachten Kirche 
vornehmen zu lassen, Gebrauch machen oder nicht, ohne desshalb 
ihr Recht aufzugeben oder die Vermuthung zu begründen, dass sie 
auf ihre Befugnisse verzichtet hätten, da ein solcher Verzicht, nie- 
mals vermuthet wird, sondern erwiesen werden muss. Dies ent- 
spricht denn auch dem Begriffe und Wesen des Simultanöums , wie 
sie durch die Bestimmungen der Reichsgesetze und namentlich in 
Art. V, §. XXXI. und XXXII. des westphälischen Friedens aufge- 



296 Hirschelf Rheinhess* Rechtsstreit betr. Mitgehr. einer proL Kirche. 

stellt worden waren ^), vollkommen, wonach -der einmal bezüglich der 
Simultanverhältnisse begründete Besitzstand als fortdauernd ange- 
nommen werden soll' Das ürtheil meint weiter, auf dergleichen 
Einträge als einseitiger sei ein Gewicht nicht zu legen. ' Wenn aber 
auch diese Aufzeichnungen von der einen Seite herrühren, so gehen 
die Aussagen der beugen der Beklagten, welchen das Gericht einen 
massgebenden Einfluss auf die Beurtheilung der fraglichen Verhält- 
nisse einräumt, doch gleichfalls nur von elHer ^ite aus, sind also 
ebenmäS3ig ..einseitig un4 ^weisen, demnach gerade soviel oder so 
wenige al9 die.Eintirägß in das Kirchenbuch. Ja. diese sind iu ihren 
Angaben ungleich volbtäadigerr und, bestimmter, als die vereinzelte 
Fälle unifassißnden Auslagen der Zeugen der Beklagten, jene Auf- 
zeichnungen gingen von denjenigen aus, welche die betreffenden 
Casualhandlunge^, selbst yorgen^mmeu hatten und doch wohl ebenso 
gut wussten, um was es sioh handelte und ebenso gut die recht- 
liche!^ Verhältnisse kannten und bezüglich ihrer .Angaben denselben 
Glauben verdienen, als die Aussagen des frühern evangelischen Geist- 
lichen , Bürgermeisters und • Schullehrers. Die gedachten Einträge 
erheben vielmehr einen grösseren Anspruch auf Glaubwürdigkeit, 
weil sie von einer amtlichen Person in amtlicher Eigenschaft in der 
vorgeschriebenen Weise und in einem nicht blos für die kirchlichen, 
sondern auch für die bürgerlichen Verhältnisse der Betreffenden 
öffentlichen und amtlich beweisenden Charakter an s\ch tragenden 
Schriftstücke,, das wieder in einem öffentlichen Archive aufbewahrt 
wird, niedergelegt sind, Thatsachen aber^ welche in der Zeit weit 
zurückgehen, sollen insbesondere auch durch alte Aufzeichnungen 
(per antiquos Ubros), namentlich wenn sie in öffentlichen Archiven 
aufbewahrt werden, bewiesen werden ^). Wenn das ürtheil auf die 

1) Art. XXXI : Statuum Catholicorum Landsassi, Vasalli et Subditi . . . 
qni siye publicum sive privatum Aug. Oonf. exetcitium anno 1624 quacunque 
aiiQi parte sive certo pacto ant privilegio , sive longo usü , sive sola denique 
observantia dicti anni habuerunt, retineant id etiam in posterum una cum 
annexis . . . nee minus maneant in possessione omnium dicto tempore in po- 
testate eorumdem constitutorum templorum , , . Et Haec omnia sempe7\et 
übique observentur^ dbnec de Religione Christiana . . . aliter erit conventum, 
ne qmsquam a quocumque ullä ratione aut via turbetur. Art. XXXII : 
Idemque observetur ratione subditorom Catholicorum Aug. Confedsionis statuum 
ubi dicto anno^ 1624 usum et exerjßitium Catholicae Beligionis publicum aut 
privatum habuerunt. 

2) c. 13. X. 2, 19. de prob, und die Glosse hierzu ad : per antiquos libros, 
creditur instrumento producto ex archivio publice, etiam* si subscriptionem noa 
habeat. Dalloz: Dictionnaire general de jurispr. m. preave litterale, Nr. 36: 
L'enonciation d'un droit dans un acte aucien n'a de force qu'autant qu'elle est 



Hirscheh Rheinhess, Rechtsstreit betr. Mitgebr, einer prof, Kirche, 297 

Zeit, in welcher jene Einträge geschahen, als auf eine Zeit zahl- 
reicher Streitigkeiten über kirchliches Eigenthum und kirchliche Be- 
rechtigungen hinweist und damit wohl die bezeichneten Angaben als 
aus einseitigem Parteiinteresse hervorgegangen hiu^tellen und da- 
durch vielleicht ganz entkräften oder doch abschwächen möchte, so 
waren doch in den Zeiten von 1700 bis 1792 Streitigkeiten der berührten 
Art kaum zahlreicher, als sie noch heute zu Tage sind, was durch 
den gegenwärtigen Rechtsstreit und durch nicht wenige andere der 
gleichen Beschaffenheit, völlig abgesehen von den fast beständigen, 
auf dem Verwaltungswege sich bewegenden Streitigkeiten über Simul- 
tanangelegenheiten, hinlänglich dargethan wird, ein Beweis, dass die 
Betheiligang und das Interesse, an diesen Dingen auf der einen wie 
auf der andern Seite noch ebenso lebhaft fortdauert, als es früher 
der Fall war. Eben desshalb muss doch angenommen werden, dass, 
da die Katholiken nach den ei*wähnten Aufzeichnungen die evange- 
liche Kirche zu Bosenheim zu den angegebenen -Handlungen be-^ 
nutzten und jetzt noch an dieser Benutzung dasselbe Interesse haben, 
wie früher, sie doch nicht, wenn ihnen nach den berührten Ein- 
trägen diese Benutzung als ein Recht zukam , später dieses Recht 
ohne Weiteres in eine blose Duldung und reine Gefälligkeit von 
Seiten der Evangelischen, wie deren Zeugen behaupten, sich hätten 
verwandeln lassen. Mit der Frage aber, auf welche es hier wesent- 
lich ankommt, ob nämlich nach jenen Aufzeichnungen ein den Katho- 
liken zustehendes Benutjsungsrecht zuerkannt werden müsse, was, 
wie gezeigt werden wird, zu bejahen ist, beschäftigte sich das Land- 
gericht nicht, sondern legte- einfach den Einträgen auf Grund seiner 
angeführten Erwägungen kein Gewicht bei. Wenn aber aus diesen 
Aufzeichnungen sich eine Berechtigung für die Katholiken ergibt, 
so stehen diese und die Aussagen der klägerischen Zeugen , welche 
behaupten, dass auf blose Anzeige hin die Beerdigungen geschehen 
seien und eine Erläubniss hierzu nicht eingeholt worden sei, man 
auch nicht wisse und nicht davon gehört habe, dass man um eine 
solche nachgesucht habe, den Aussagen der Zeugen der Beklagten, 
welche die Einholung einer Erläubniss behaupteten, entgegen, um- 
fasst demnach der von der Klägerin erbrachte Beweis die frühere 
und die neuere Zeit, während der Beweis der Beklagten sich nur 
auf die letztere beschränkt und mit den klägerischen Angaben da- 

sontenae par une lougue possession. Toullier (Droit civil Nr. 166) pense que les 
juges peuvent, sans qu'il y alt possession, prendre comme probantes, ä Tegard 
des tiers, les önonciations relatives, non ä une Convention, mais a nn simple 
fait, comme une naissance, un deces remontant a une ^poque recul^e. 



298 flirachel, Eheinhess. Rechtsstreit hefr. Mitgebr, einer prot^ Kirche. 

durch in einen unerklärlichen und nicht anzunehmenden Widerspruch 
tritt, dass er in keiner Weise darthut, aus welchem Grunde die 
Klägerin das ihr seit unvordenklicher Zeit zustehende" und urkund- 
lich ausgeübte Recht aufgegebea und statt einer Anzeige Erlaubniss 
nächgesucht ha,ben solle. Der Einsegnung von Brautpaaren und der 
Vornahme kirchlicher Handlungen bei Hochzeiten in der evangeli- 
schen Kirche zu Bosenheira Seitens der Katholiken geschieht aller- 
dings in den Zeugenaussagen und den genannten Aufzeichnungen in 
den Kirchenbüchern von Pfaflfen-Schwabenheim nirgends Erwähnung. 
Allein wenn Taufen und Beerdigungen in jener Kirche stattfanden, 
so ist es doch seltsam, dass eine andere Casualhandlung, welche 
nicht wichtiger ist, als die erwähnten, in derselben^ nicht hätte vor- 
genommen werden können. Denn der Umstand, dass Taufen und 
Beerdigungen in der gedachten Kirche vorkamen, spricht doch für 
die Vermuthung, dass dies auch bei Trauungen, einer andern Casual- 
handlung geschehen konnte. Dass eine solche in jener Kirche nicht 
statt hatte, kann verschiedene Ursachen haben, namentlich wird es 
grossentheils dessbalb nicht geschehen sein, weil vor der Einsegnung 
das katholische Brautpaar die Sacrameate der Busse und des Altares 
empfängt, welche ihnen in der evangelischen Kirche zu Bosenheim 
nicht gespendet werden konnten oder dass, wenn ein Theil der 
Brautleute aus einem andern Orte stammte, was wegen der geringen 
Zahl der Katholiken in Bosenheim die Regel gewesen sein mag, die 
Trauung an jenem Orte vorgenommen wurde. In der später zu er- 
örternden Bemerkung des Pfarrers Klein im Kirchenbuche von Planig 
wird aber unter den Casualien, welche in der Kirche zu Bosenheim vor- 
genommen werden könnten, neben Taufe und Beerdigung ausdrücklich 
die Eheeinsegnung aufgezählt und in dem Schreiben des evangelischen 
Pfarrers Engelbach zu Bosenheim werden überhaupt die Casual- 
handlungen als Gegenstand der Vornahme in der evangelischen Kirclje 
bezeichnet. Unter dem allgemeinen Ausdrucke »Casualhandlungen« 
werden aber ausser den Taufen und Beerdigungen gerade auch die Ehe- 
einsegnungen verstanden, es müsste denn deren Ausschluss besonders 
dargetban sein. Jedenfalls konnte, wenn man die Abhaltung von 
Copulutionen in jener Kirche nicht als begründet hätte ansehen wol- 
len, nur diese Befugniss den Katholiken absprechen werden. 

Das Urtheil des Landgerichtes bemerkt ferner, dass die Be- 
nutzung der erwähnten Kirche bei Begräbnissen als Thatsache zwar 
durch eine Reihe von Zeugen dargethan sei, keineswegs dagegen die 
Berechtigung hierzu, vielmehr sprächen sich fast alle Zeugen darüber 
aus, dass dies erst nach einer Anfrage bei dem evangelischen Pfarrer, 



Hirschel, Rheinhess. Rechtsstreit betr, Mitgebr. einer proU Kirche, 299 

dem Bürgermeister oder dem evangelischen Lehrer, welcher die 
Eirchenschlüssel in Verwahr gehabt hätte, geschehen sei ; wenn auch 
einige Zeugen von Planig, welche bei den Begräbnissen nicht direct 
betheiligt gewesen wären, in mehr oder minder unbestrittener Weise 
sich dahin ausliessen, dass ihnen von einer Anfrage oder Einsprache 
gegen die vorzunehmenden kirchlichen Handlungen nichts bekannt 
geworden, so würden doch diesö Aussagen durch die Angaben einer 
Reihe von andern Zeugen näher illustrirt und aufgeklärt, dass auch 
in diesen Fällen eine vorherige Anzeige erfolgte und erschienen 
gegenüber den positiven Angaben der klägerischen Zeugen Ellfeld 
und Kraft und den übereinstimmenden Aussagen der von der Ver- 
klagten vorgeführten Zeugen, welche ein stets vorausgegangenes 
Nachsuchen und Einholen der Erlaubniss Seitens der Katholiken und 
ihrer Pfarrer zur Benutzung des Geläutes und der Kirche bei Be- 
gräbnissen ihrer Confessionsverwandten und selbst Fälle von Ver- 
weigerungen auf das Unzweideutigste und Einhelligste constatirten, 
^ohne alles Gewicht und in keiner Weise danach angethan, die 
behauptete Berechtigung darzuthun. 

Vorerst ist bezüglich dieser Erwägungen zu bemerken, dass, 
wenn das Gmcht den Ausdruck »Anfraget gleichbedeutend mit Ein- 
holung einer Erlaubniss nimmt, doch offenbar von vornherein in 
jenes Wort ein Sinn hineingetragen wird , welchen es an sich nicht 
hat. Denn wenn im vorliegenden Falle gesagt wird , es sei ange- 
fragt worden, so kann dies geschehen sein, um zu erfahren, ob man 
die Kirche benutzen dürfe oder ob man sie benutzen könne. Im 
ersten Falle wäre die Anfrage soviel als Nachsuchen um Er- 
laubniss. Soll nun dieser Ausdruck im Sinne von Einholen einer 
Erlaubniss gebraucht worden sein, so muss dies entweder durch die 
Zeugenaussage bestimmt erklärt sein oder sich aus dem Zusammen- 
hange der Aussagen mit Nothwendigkeit ergeben. Der klägerische 
Zeuge Kumpa erklärte, er habe bei dem Bürgermeister angefragt, 
wie es mit dem Geläute gehalten werden solle. Allein dass Zeuge 
dies »Anfragen« nicht im* Sinne von Einholen einer Erlaubniss ver- 
standen habe und verstanden wissen wolle, geht unzweideutig daraus 
hervor, dass er selbst erklärt, er habe bei der fraglichen Gelegenheit 
»Niemanden ersmhi^* auch wisse er nicht und habe nie davon ge- 
hört, dass »die Erlaubniss um Benutzung der Kirche nachgesucht 
worden sei.« Der Ausdruck »Anfrage« ist daher entgegen der Auf- 
fassung des Gerichtes hier unzweifelhaft in der zweiten, oben ange- 
gebenen Bedeutung zu nehmen, nämlich im Sinne von »Anzeige« zu 
dem Zwecke, um zu erfahren, ob die Kirche zur Vornahme einer 



300 Birschely Rheinhess. Rechtsstreit betr. Mitgebr, einer prot» Kirche^ 

Beerdigung l>enutzt werden könne , weil ja möglicherweise ein Hi«- 
derniss bezüglich der bestimmten Zeit vorgelegen haben konnte, in- 
dem die Abhaltung einer kirchlichen Handlung Seitens der Pro- 
testanten schon angeordnet worden war öder AxbeiteÄ in der Kirche 
vorgenommen wurden u. s. w. Hiermit stimmt vollkommen das 
Schreiben des evangelischen Pfarrers von Bosenheim'übeifMn, w<»rin 
es heisst: »es ist seither immer die Anfrage hierorts- 'gesehehen^oi 
unsere Kirche zur Disposition stehe und' damit die Kirche äufg^^ 
schlössen werden Diese »Anfrage« ist also ganz gleicbbededtend 
mit der »vorherigen Anzeige« welche, wie katholisijherseits stets zu- 
gegeben wurde, immer geschehen sei und auch ferner geschehen solle. 
Die beiden klägerischen Zeugen Ingebrand und Gaul von Plunig, 
welche seit mehr als fünfzig Jahren den Beerdigungen der Katho- 
lipon in Bosenheim beiwohnten, sprechen gar nicht einmal v<m einer 
»Anfrage,« wie das landgerichtliche Urtheil sagt, sondern der erste 
der erwähnten Zeugen, gibt an, dass ihm nicht bekannt sei, da^s ein 
^Ersuchen« stattgefunden habe und der. zweite Zeuge, dass er nie 
wahrgenominen , dass bei diesen Gelegenheiten um »Erlaubnius« 
nachgesucht worden sei, die Kirche in der besagten Weiäe 2u. be- 
nutzen. Wenn das ürtheil weiter bemerkt, dass die »poöitiv^n An- 
gaben der klägerisclien Zeugen Ellfeld und Kriaft« 'mit deö' »über- 
einstimmenden Aussagen der von der Verklagten vorgeführten Zeugen 
ein stets vorausgegangenes Nachsachen und Einholung von Etlaab-^ 
hiss Seitens der Katholiken . . . auf das Unzweideutigste und Ein- 
helligste constatiren, so sagt Zeuge- Ellfeld weder direct noch in- 
direct auch nur ein Wort von einem »vorausgegangenen Nachsuchen 
und Einholung einer Erlaubniss,« sondern gibt einfach an, dass bei 
Beerdigung seiner Mutter geläutet und nach, d^ Beerdigung in die 
Kirche gegangen, eine Predigt dort gehalten und bei andern Be- 
erdigungen von Katholiken geläutet worden sei, er habe »ich von 
Lehrer Rodenbach die Schlüssel zur Kirche geben lassen , der «ie 
ihm auch ohne Anstand behändigt habe, eine Aussage, welche offen- 
bar eher darauf hinweist , dass Zeuge nicht um Erlaubniss nach- 
suchte, welche er nicht vom Lehrer, der sie nicht ertheilen konnte, 
begehrt hätte, sondern dass Zeiige gerade desswegen sogleich zum 
Lehrer ging, weil er annahm, einer Erlaubniss nicht zu bedürfen. 
Wenn Zeuge Kraft aussagt, beim Tode seiner Schwägerin, sowie 
seines Schwiegervaters habe er bei dem Bürgermeister Anzeige ge- 
macht und darauf bei dem Lehrer das Geläute bestellt , was ohne 
Anstand stattgefunden habe und wenn er weiter bemerkt, es sei ihm 
nicht bekannt, »dass jemals Jemand darum angegangen worden sei, 



Hirschel, Rheinhess. Rechtsstreit betr. Mitgehr, einer prot, Kirche, 301 

die Erlaubniss zur EircheabQnutzung zu ertheilen,« so folgt daraus 
nothwendig, dass er selbst bei den zwei von ihm erwähnten Be- 
erdigangsfällen keine ßrlaubniss einholte, offenbar doch nur ans 
dem Grunde , weil er ein solches Nachsuchen nicht für erforderlich 
hielt und es ihm auch nicht von evangelischer Seite abverlangt, 
sondern auf seine einfache Anzeige hin die begehrte Beerdigung 
vollzogen wurde. Pa nun Zeuge Kraft offenbar positives Zeugniss 
ablegte, dass er nicht xm Erlaubniss gebeten habe und Zeuge 
Eumpa au8dräckU<^ erklärt, dass er wegen Beerdigung seiner Frau 
bei dem Bprgeviu^ter> ge&agt jiabje , wie es mit dem Geläute ge<- 
halten werde und dieser i&m entgegnet habe, dies habe keinen An- 
stand und' geschehe ja immer und ihn zum Lehrer geschickt habe, 
welcher sich gleichfalls sofort ohne Anstand bereit erklärt habe und 
da Zeug» Eumpa auch dazu bemerkte : »um Benutzung der Kirche 
habe ich damals Niemanden ersucht^ wir fanden. die Kirche, als wir 
vom Friedhofe zurückkehrten^ offen;« so sprechen jgw$i Zeugen po^ 
süiv und direct und Zeuge Ellfeld indirect sich dafür aus, dass ^ie 
fragliche Erlaubniss nicht eingeholt wurde und stimmen demnach 
mit den Zeugen der Beklagten, welche ein Nachsuchen positiv be- 
haupten, nicht blos nicht überein, sondern sprechen vielmehr das 
Oegentheil von Dem aus, was die letztern Zeugen angeben. 

Das ürtheil des Landgerichtes spricht von Fällen von Ver- 
weigerungen, welche vorgekommen seien. Zeuge Boller sagt a,ller- 
dings, seine Orossmutter habe ihm erzählt, in der churpfälzischen 
Begierungszeit hiibe der katholische Pfarrer von Pfaffen^Schwaben? 
heim, wohin damals die Katholiken von Bosenheim eingepfarrt ge-* 
wesen seien, den Eingang in die evangelische Kirche zu ißosanheim 
gewaltsam erzwingen wollen, sei aber von den evangelischen Ein^ 
wohnern mit Gewalt daran verhindert worden. Allein schon an sich 
hat doch eine solche Angabe von Borensagen kein Gewicht, ausser- 
dem geht aus derselben nicht hervor, auf welcher Seite Recht oder 
Unrecht war, jener katholische Pfarrer konnte mit Unrecht den Ein- 
tritt in die Kirche verlangt haben, indem zur nämlichen Zeit von 
evangelischer Seite eine kirchliche Handlung vorgenommen werden 
sollte oder eine Anzeige nicht gemacht oder der Kirchenschlüssel 
nicht konnte gefordert worden sein u. s. w. , was Alles , wie katho- 
lischerseits zugestanden wird , berücksichtigt werden muss. Zeuge 
Ellfeld erklärte, bei der Beerdigung eines gewissen Berg sei, wie 
ihm Bäcker Corell gesagt habe, das Geläute verweigert worden, 
allein abgesehen davon, dass auch diese Angabe auf blosem Hören- 
sagen beruht, stellen die Aussage des gedachten Zeugen, sowie die 



302 Hir8Chel, Wieinheas. Rechtsstreit betr. Mitgebr. einer prot Kirche. 

der Beklagten, den fraglichen Fall unklar und unrichtig dar, indem 
bei demselben deip katholischen Pfarrer vom Kirchenvorstande die 
Ausstellung eines Reverses, dass die Beerdigung auf Ersuchen ge- 
schehen sei, abverlangt, von jenem aber diese Ausstellung verweigert 
und desshalb von ihm die Beerdigung nicht vorgenommen wurde. 
Durch Verhandlungen wurde damals die Sache geregelt, wie noch 
gezeigt werden wird, und darauf hin wurden wieder mehrere Be- 
gräbnisse in der bisherigen Weise abgehalten. Da man evangeli- 
scherseits von der Ausstellung des Reverses in der begehrten Weise, 
wie später nachgewiesen werden wird, Umgang nahm, so kann hier 
von einer Verweigerung nicht die Rede sein. 

Auf die Zeugenaussagen der Verklagten legt das Urtheil ent- 
scheidendes Gewicht; namentlich hebt es die Angaben des hoehbe- 
tagten Zeugen Boller (er war 87 Jahre alt), der zweiundvierzig Jahre 
Gemeinderathsmitglied war und drei katholische Pfarrer in Planig 
erlebte,« hervor. Allerdings erklärt dieser Zeuge, dass er in dieser 
letzteren Zeit öfters dabei gewesen sei, dass Katholiken zu dem 
Bürgermeister gekommen seien und bei diesem darum nachsuchten, 
dass bei der Beerdigung eines Katholiken in der evangelischen Kirche 
geläutet werden dürfe, was denn auch immerhin gestattet worden 
•sei. Diese Angaben stehen aber mit den Aussagen der Zeugen Kraft 
und Kumpa in geradem Widerspruche und Zeuge Ellfeld unterstützt 
jene Angaben gleichfalls nicht, diese Zeugen machten aber sdbst 
persönlich ihre Erklärung bei dem Bürgermeister und müssen also 
doch eher wissen^ was sie dort sagten , als Zeuge Boller , welcher 
diese Erklärungen nur gehört haben will, üebrigens kann der letz- 
tere sehr wohl die Anfrage jener Zeugen, ob geläutet werden dürfe^ 
welche sie nach ihrer bestimmten Erklärung nicht im Sinne der 
Einholung einer Erlaubniss , sondern zu dem Zwecke machten , ob 
nichts im Wege stände, die evangelische Kirche zur Vornahme des 
Geläutes und der Beerdigungsfeier zu benutzen, so aufgefasst haben, 
als ob jene Zeugen um eine Erlaubniss, eine Gestattung nachge- 
sucht hätten. Da übrigens stets und auch »in dieser letztern Zeit,« 
auf welche sich die Aussagen des Zeugen Boller beziehen , wegen 
der wenigen katholischen Einwohner Bosenheims auch nur wenige 
Beerdigungen stattgefunden haben können, so müssen jene Angaben 
Boller's sich so ziemlich auf jene Fälle beschränken, von denen die 
klägerischeu Zeugen sprechen. Hätten übrigens diese Zeugen um 
Erlaubniss nachgesucht, so fragte es sich vor Allem noch, ob sie 
dies im Auftrage des katholischen tCirchenvorstandes oder des Pfar* 
rers als Vorsitzenden desselben thaten. War dies nicht der Fall 



Hirschelt Uhevnhess. Rechtsstreit betr. Mitgehr. einer prot. Kirche, 303 

und machten jene Zeugen eine solche Erklärung vor dem evangeli- 
sßlien Pfarrer oder Bürgermeister blos in ihrer Eigenschaft als Pri- 
vatpersonen, so konnte dadurch das Recht der Katholiken überhaupt 
nicht beeinträchtigt werden. Wenn Boller noch bemerkt : »Tch habe 
drei katholische Pfarrer in Plahig erlebt, von keinem wurden jedoch 
die .Ansprüche bezüglich der Kirchenbenutzung in Bosenheim er- 
hoben^ wie es von dem derzeitigen Pfarrer geschieht,« so gibt Zeuge 
nicht an, woher er wisse, dass di^ beiden früheren katholischen 
Pfarrer zu Bosenheim die Ansprüche nicht , erhoben hätten, wenn 
ihnen die Benutzung der evangelischen Kirche verweigert worden 
wäre, wie es dem derzeitigen Pfarrer geschah. Dass Pfarrer Klein, 
der erste Pfarrer von Planig, dessen sich Zeuge Boller erinnert, 
gewiss bei einer derartigen Weigerung dieselben Ansprache erhoben 
hätte, wie der jetzige Pfarrer, geht aus einer später zu besprechen- 
den Kundgebung des Pfarrers Klein hervor, üebrigens ereigneten 
sich die Fälle »dieser letzteren Zeit,« von welchen Zeuge Boller und 
die genannten Zeugen der Klägerin sprechen, wenn nicht alle, so 
doch bei Weitem die meisten unter dem »derzeitigeu Pfarrer« voa 
Planig, welcher zur Zeit des Zeugenverhores schon mehr als sieben- 
undzwanzig Jahre sich dort befand und ebensowenig grössere An- 
sprüche erhob als seine Vorgänger, weil er, wie diese, »in jenen 
Fällen« keinen Widerspruch und Verweigerung zu erfahren hatte. 

Die Aussage des Zeugen Weiffenbach, früheren Pfarrers zu 
Bosenheim, auf welche das ürtheil Bezug nimmt, geht dahin, dass 
bei dem Antritte seines Amtes sein Vorgänger und der Kirchenvor- 
slaud ihm mitgetheilt habe, es seien nur wenige Katholiken in 
Bosenheim und »bei dem Ableben eines solchen yverie nach ge-^ 
schehener Anzeige bei dem evangelischen Geistlichen gestattet, in 
der evangelischen Kirche das' Trauergeläute vorzunehmen und nach 
der Beerdigung in dieselbe zu gehen , ohne jedoch Orgel , Kanzel 
und Schiff benutzen zu d|irfen.« Diese Erklärung beweist nicht 
gegen die klägerische Behauptung, indem sie sowohl in dem Sinne 
der letztern als auch im Sinne der Annähme der Verklagten aufge- 
fasst werden kann, Zeuge bemerkt weiter, er erinnere sich während 
seiner Anwesenheit in Bosenheim nur einer Beerdigung eines Katho- 
liken, damals sei Schullehrer von der Au, welcher die Kirchen- 
schlüssel in Verwahr gehabt hätte, mit einem gewissen Schmitt in 
seine Wohnung gekommen, beide ziemlich aufgeregt und im Streite 
mit einander, indem letzterer verlangt habe, dass für den Ver- 
storbenen geläutet werde und von der Au dem Zeugen erklärt habe, 
dass Schmitt dies als ein Recht beanspruche, da er als Lehrer doch 



304 Hirschely Rheinhess. Rechtsstreit betr.Mitge^. e^er pfrot..MKjeh¥. 

nnr läuten dürfe, wenn er 'Von srnrnn Vergeiet2ieft;^^u;i«rmtebtigt 
worden sei; es sei bei dieser Gelegenbetli.geiMtetffindi.dfieilKirohe 
zur Leichenfeier benntzt worden,,. Zeage^^gl^abe^. terijEuhBire ^ticb^bcä^ 
dessen nicht mehr beatimmt^ äass er dettb Lobnr $^m«den».iiaUftär zo^ 
gesprochen haha, lävtien 2a lassen...' Asrä ^diäsecfAiifisäge ,igehA«^beir 
hervor, dass Schmitt die^üeb^rzeng>img\hatte,hjdeäi41elfl^e<^ wmgidü 
eices den Katholiken zustehendeof Beehtes/ begBhtfeni;zQ ikdnnenvjUfiA 
dass dieser Ueberzeugung Hficht widei)spr«6cheni wu£d£i, iitasi}<umij:fl5 
auffallender erscheint, als Pfarrer Weiffetibach weitei^ »atis^agt^^dass 
er dem Bürgermeister, welchear >eiheir ; humanen JBeh;^lungfsel€!!h6flr 
Angelegenheiten in jetziger fortgeschrittenen Zeitfla^iWoi* genadÄfi^ 
bemerkt habe, man müsse 1 Vorsieht. Anwenden, da;afidMdieseh tijkl3J«r 
ligkeiten leicht Keehte abgeleitet; < werden Mkdnnteni/ffio t viel '^$tehiC 
jedenfalls fest , . da^s nach' idi^ti bespr&cbeihen. Angabe «ij^e^^Z^ügM 
Weiffenbach weder gegen den diesem. mitgjetheiJtenrBexjbtsähsprrioH 
des Schmitt ^in förmlicher Widerspuuok erhoben : möeh ^ine eigenfc" 
liehe Erlaubniss ertheilt wtutde ;> diet ; ; Ermäehtigangi, ^ vöü » iW^lcÜeK 
Lehrer von der Au spraöh, bezog sich nictt «üf die iBinhötan^'eiijiöif 
Erlaubniss von Seiten der KathoUken füTi das bläute i,NStoiider6v')^iä 
der Lehrer selbst bemerkt, auf' eine; ihm .von seinem iVoig^tzten 
zugehende Weisung siur Bäsofgüng' des GelSiiiesi,? wml t.diesea; ifthitd 
solche vom Lehrer überhaoi^t nijQktHb^rgt^erden^s kounte, iAa:^r 
aus sieh über dasselbe aicht zu; vetfüg^ai es nicht zmerbliil^B U£f4 
auch nicht zu verweigern hefugt war, sondern f die Weisung i«4iue» 
Vorgesetzten xu vollziehen hatte, welcher :4iese^m Lebief ertbfcilea 
musste, wenn ein rechtlicher Anö^rueh auf das öelaute:bestand/ 
Die Angaben des Lehrers von der Au beziehen sich ebeo^ auf die 
ihm zu ertheilende Ermächtigung zur Vornahme des Geläutefi' und 
berühren insofern die in Frage stehende Angelegenheit igail nichts 
sie stehen bezüglich des vom Zeugen Weiffenbach erwahöten Falles 
zum Theile im Widersi^ruche mit des letztem Aussage v .enthalten 
aber nichts vom Nachsuchen eioer Erlaubniss von Seitön der Katho- 
liken bei dem evangelischen Pfarrer oder Bärgerineister* ,. ,1 
Wenn Zeuge von der A» anc^äbt, er habe Tfaner Ji(^*lidi 
von Boseriheim bemerkt» Pfarrer Hirter von Plaiiig b^'' *^ ^ ^^^* * 
Kanzel und jener ihm entgegnete, hierzu sei Ermi 
evangelischen Kirchenvorstande gegeben worden, so g 
Ansprüche der Katholiken nach dere^^ '^^^"'^'^" aussage. 
die Kanzel von ihnen benutzt werc^ nit d 
Zeugen Weiffenbach r ds.ss nämlic ^zui _,^a 
die Kanzel ausgeschlosseui^sei, ül 



} 



Hir$chel, Rheinkess. Rechtsstreit betr. Mitgebr. einer proU Kirche. 805 

bezeichneten Falle die Kanzel bestiegen wurde, so mag dies in Folge 
einer besondern Gestaltung geschehen sein. Die Aussagen der 
Zettgen Scbuckmann und Mayer IL liefern nicht den Beweis, dass 
bei der von ihnen angegebenen Veranlassung Erlanbniss «ingeholt 
worden sei. Denn die Angabe des Schuckmanir, Pfarrer Hürter habe 
dessen Sohne den Aultrag gegeben, bei Pfarrer Engelbaöh anzu- 
fragen, ob er auch die Kirche benutzen dürfe, kann ebenso gut in 
dem von der Klägerin behaupteten Sinne einer vorherigen Anzeige, 
um zu erfahren^ ob der Benutzung des Oeläutes und der Kirche 
nichts im Wege stehe, anfgefasst werden und dies um so mehr, als 
Pfarrer Hirter, der Vorsitzende des klägerischen Kirchen Vorstandes 
gerade der Behauptung der Beklagten, die Benutzung der Kirche 
hänge von ihrem Belieben ab, widerspricht. Aus demselben Grunde 
ist die Angabe des Zeugen Mayer, Pfarrer Hirter habe bei der näm- 
lichen Gelegenheit gesagt, sie gingen in die Kirche/ wenti sie die 
Erlaubhiss hierzu hätten, entweder eitfe irrige Wiedergabe ode^ sie 
soll gleichbedeutend mit »Anfrage« odet »An^ige« sein; übrigens 
legt Mayer kein directeS'Zengniss ab, sooder^ gibt nur an,'vod 
Sehuckmann gehört zu haben, dftös d$e Erlaubniss gegeben worden 
sei. Wenn der pensionirte Lehrer Knift aussagt, daSs er bei einem 
Ersuchen um dse Geläute bei dem Begräbnisse eines Katholiken' zu«» 
erst die ihm vom Pfsgi-er und BUrgermeister zu ertheilende ^Erlaub- 
niss begehrt und als ihm mitgetheilt worden, dass »dieselbe g^eben 
worden sei, geläutet und die Kirche geöffnet habe, so bezieht sich 
die Einholung der Erlaubniss für den Lehrer, wie bereits . bemerkt 
wurde, lediglich darauf, dass der Lehrer überhaupt nur nach Er- 
mächtigung von Seiten seiner Vorgesetzten sogar bei einem Brande, 
wie Lehrer Kraft selbst erklärt, läuten durfte und berührt also gar 
nicht die Frage, ob für das Geläute bei Begräbnissen von Katho- 
liken bei dem evangelischen Pfarrer oder Bürgermeister die Erlaub- 
niss nachgesucht wm-de oder nicht, und wenn Lehrer Kraft angibt, 
der. Polizeidiener sei zu ihm gekommen und habe ihm erklärt, dass 
die Erlaubniss zum Läuten gegeben sei, so ist es uhgewiss, ob sich 
dies auf die dem Lehrer nothwendige Erlaubniss von Seiten seiner 
^''orgesetzten oder auf die den Katholiken ertheilte Erlaubniss bezieht. 
U der letztere Fall angenommen werden, so beruht diese -aussage 
Lehrers Kraft auf blosem Hörensagen und hat also nach jeder 
hin eine Beweiskraft nicht, umso mehr als Zeuge seine Aus- 
"^" "*"'^it macht, indem er beifügt: »soviel ich mich erinnere.« 
stehen die Angaben des Lehrers Kraft und des Peter 
- als Schulknabe dasselbe gehört zu haben erklärt, 
t XLviii. ^ 20 



306 Hirschel, Rheinhess. Rechtsstreit betr. Mitgehr, einer prot, Kirche. 

was Lehrer Kraft aassagte, mit den Angaben des Zeugen der 
Klägerin Johann Kraft and des Lehrers von ^er Au 19 offenem 
Widerspruche. Denn die erstem Zeugen behaupten , der. erwähnte 
Fall habe sich ereignet in der Zeit, als Kraft Lehrer in Bosenheim 
war und es sei der erwähnte Zeuge Johann Krs^ft zum Lehrer Kraft 
gegangen , wälirend doch Johann Kraft sagt , er- habe sich bei Be- 
erdigung seines Schwiegervaters Johann Schmitt im Jahre 1852 oder 
1853 zu Lehrer von der Au begeben und letzterer erklärte, er sei 
seit 1846 in der Schule zu Bosenheim angestellt und habe von de» 
an auch. die ScMüssd zur evangelischen Kirche in Verwahre gehabt, 
was nach der Aussage des von der Au auch noch im Jahre 1848, 
1860, 1861, und 1868 also gewiss auch 1852 oder .1853 der Fall 
war. Dass es sich aber bei beiden Aussagen «um den nämlichen 
Vorgang handelte, geht daraus hervor, dass Lehrer Kraft sa^t, es 
sei ein katholischer Einwohner Namens Kraft, welcher der Zeuge 
Johann Kraft ist, zu ihm gekommen und Zeuge Peter Machemer 
gleichfalls angibt, Johann Kraft sei wegen der Beerdigung seines 
Schwiegervaters Schmitt zu Lehrer Kraft in die Schule gekommen 
und habe das Geläute begehrt. Hieraus erhellt, dass die Angaben 
des Lehrers Kraft und des Peter Machemer unrichtig sein müssen.* 
Auch Zeuge Philipp Machemer erzählt, in den achUehnhundert- 
z wanziger Jahre habe bei einer Beerdigung der damalige Pfarrer 
Schäfer bei Gelegenheit der Beerdigung eines Katholiken auf Vorhalt 
von Seiten eines Mitgliedes des evangelisfchen Kirchenvorstandes er- 
klärt, er habe die Erlaubniss ertheilt, weil der Decan, der damalige 
Pfarrer von Planig ein alter Mann und das Wetter schlecht gewesen 
sei. Allein auch diese Aussagq gibt nur an, was der Zeuge vom 
Pfarrer gehorir^ nicht aber dass er selbst gehört habe, dass um Er- 
laubniss nachgesucht und dieselbe vom Pfarrer ertheilt worden sei. 
Lehrer Rodenbach, welcher wie sein Vater Lehrer in Bosenheim war, 
erklärt nur^ dass sein Vater die Schlüssel zur Kirche gewöhnlich nur 
auf schriftlfche Erlaubniss des protestantischen Pfarrers ausgeliefert 
habe, die Kirche sei bei Begräbnissen von Katholiken benutzt wor- 
den, es seien aber auch Fälle vorgekommen, in welchen dieses nicht 
geschehen sei — eine Aussage, welche, weil sie sich aut eine nicht 
hierher gehörende, dem Lehrer vom evangelischen Pfarrer zu er- 
theilende Erlaubniss bezieht und . hinsichtlich der Nichtbenutzang der 
Kirche weder angibt, ob dies in Folge einer Verweigerung noch aus 
welcher Ursache und bei welcher Veranlassung sonst es geschehen 
sei, keine Bedeutung haben kann. 

Es kann daher wohl nicht mit dem Urtheile der ersten Instanz 



Hirschel, BheinhesB, Rechtsstreit heir. Mitgebr. einer proi. Kirche. 307 

atigenomraen werdenj däss die Zeugen Pfarrer Weiffenbach, Ton der 
Au, Schtictmanii, Mayer, Lehrer Kraft und Rodenbach, Philipp und 
Peter Machemer »des ausdrücklichen Nachsuchens« erwähnt hätten, 
vielmehr sagen die Angaben der erwähnten Zeugen entweder über 
die vorliegende Frage Nichts oder nur Unbestimmtes und Indirectes 
aus. Die einzigen Zeugen Boller und Eckweiler erklären bestimmt 
und ausdrücklich, ersterer, dass in seiner Gegenwart und letzterer, 
dass bei ihm selbst um Erlaubniss zur Benutzung der fraglichen 
Kirche nachgesucht worden sei. Allein diesen Aussagen stehen die 
ebenso bestimmten und ausdrücklichen Erkläningen der klägerischen 
Zeugen Kumpa und Kraft, dass eine solche Erlaubniss nicht begehrt 
wurde, entgegen, was um- so bedeutungsvoller ist, als diese Zeugen 
selbst bei den betreffenden Beerdigungen die nothwendigen Schritte 
thaten , also doch am Besten wissen mussten , was sie verlangen 
konnten und ' wirklich verlangten; Zeuge Ellfeld unterstützt eher 
diese Angaben und die Zeugen Ingebrand und Gaul, welche bei den 
Beerdigungen zugegen waren, legen negatives Zeugniss dahin ab, 
dass gegen die Vornahme derselben keine Einsprache erhoben und 
auch nicht von ihnen gehört worden sei, dass man um Erlaubniss 
gebeten habe. 

Das ürtheil des Landgerichtes führt endlich aus: »auch aus 
dem Schreibön des evangelischen Pfarrajntes Bosenheim an die 
katholische Pfarrei Ptanig vom 13. Februar 1862, wohl eine Er- 
widerung auf die ihm mitgetheilte Ansicht in der Zuschrift des 
bischöflichen Ordinariates zu Mainz an den Pfarrer Hirter zu Planig 
vom 14. März 1861, lasäe sich eine solche Berechtigung nicht fol- 
gern^ indem in dem ersten Schreiben gerade auf das bestehende 
Herkommen, die vorfaergängige Anfrage Bezug genommen und sich 
gegen, ein über den bisherigen Usus hinausgehendes Recht förmlich 
verwahrt werde.« 

Da der Inhalt des erwähnten Schreibens des evangelischen 
Pfarramtes noch näherer Erörterung unterliegen wird, so kann jetzt 
nur darauf hingewiesen werden , dass das ürtheil des Landgerichtes 
von vornherein und ohne Weiteres den Ausdruck »vorhergängige 
An&age« gleichbedeutend nimmt mit dem Nachsuchen um Erlaub- 
niss, während doch eine Anfrage ebenso gut geschehen konnte , um 
zu erfahren, ob die Kirche benutzt werden dürfe^ wie Beklagte be- 
hauptet, als auch,; ob sie benutzt werden könne ^ kein berechtigtes 
Hinderniss im Wege stehe, wie Klägerin angibt. 

Gegen das die Klage abweisende ürtheil des Landgerichtes 
Mainz legte die katholische Kirche zu Planig durch ihren Rechts- 

20"^ 



308 Hirschel, fihei^kess. Ue^^ki^atreH h^tr* Mitgepr.^nf^i^ »r9^'\ H^K<^ 

anwalt am SQ* Juni' 1.881 Ser,¥fif^ig, .ap^ ji^s, Qt^^rlß^f^^e^^i^fft ,zx\ 
Darmsiadt ein. Di^. V(}rhand^^ng■ dpf ^jaobe jfaif4ijafp,^l^ Q<itöj)Cir 
1881 statt , uud, die, ^riheüverkUf^iffmsi J^W'^ i%fß4iO^^ i lißß^t 
durch .wel<?he. 4ie;=J»gegfttt d?^$ tJrtbpil, dftv .zflr^i^cj^, l?iv|J^i?fla 
LaodgericUtes ,fur ^^^. Pwinz ßheiphessc^^ vpn% p. >J^^ 
Jahres eiugel^gte^ jlßen^unßi2i\p ti^efft-^'ifidäp^vi^i^iknni BfiPifoqg^ 
klägerin in die Kosten dieser Instanz ^^^^urtheiitt« /«^^ -vw i i. > 

. Diesf^s ,Ur^h,eilJ)pn?Ärkjt ^^t;J^^ßchtfertj^^ 
»dass die I^hi;e:Toa 4wBiW;?T'i?e/di8?Qn|;iij^^^ 
Er8it7jaQg.r.unji.^hne ^Qi;ti^g^uf:da8.Tfeihä|,toi^ der Sini^U^iieiijSt Aß^ 
Rechtes ..an Xirjp^en .^Seiteps .der bevi^n paritätis^zji^fi. j5bri§ijt>icbQfi 
Gonfessionen nicht anwendbar ist, war scbou j^ .ftUejrr^ 4^irj;§^gQ 
KkcheiiffeQh^, ua^t^^^tteiif ui^^i a\i^h in. Bheiji^esafiiji, ist 4ftr^m durch 
die fraazösisch^. K|rch£;ag^etzgßbj[»ng ^iobts . ge^n^jsj^t Zö4ß#.bf»ß«l 
Axt.,691 C, C;i) in. seiifßni z]sv;«ijb§n :Ab«fttzp|, dass^M^ 
ruckwirkepdj^aul ßacjit? W^f P4bai:' sei^^die. vor Eiufuhruugv4es^.ßa^^ 
civil erworjl^eawcir^eQ ?^.,.Auch..«unterUegi efl^einem Zwelf^l^äp^ 
dei: ErwerJ) durxjl^ uuyprdeuklicbenJBe8it:i.(pi:^npUpn imrp^mpriaji^) 
bei yprhS,ltiüsseH ^ di^ . €t,ffentUcb?li B^cfat^ nicbit ajasi^oi^sen isi^^ 
Mit dif^et^ SätzjE)^ fällt, die urspcängUobe pifäj^icieliie A^_6H^hliü^8b6t 
rufpng. als uiijb9gmiM^f^t;.hipweg uuf^ xnusste. verwrfeii we^rdßu^' : .,: 
»Anla^gf nd:,4ie ^* Hfaupjttj^rHf^ng, ; so ; ^opin^t es bei 4ei?ön Wftr-? 
digung darauf an, .oJ^^I^rufiMigsklägerfu deni^^ da^qb di9n.:]i^Qfib^' 
scheid des ßfpf^^iiiyjßfi^fjfßge^^ \fprp .^* ,^^^i .lp7^ jpßqbH 

gelass^§i}.3w?S^%^^''t^P'<*fe;5^ti dia^s id^y; ka,tboJi^toe .'^^isitllcb«^ ffti:^ 
Bosenbej^ i,^tti tflUYor4enk!li^^ 

1872 .bw, de«i rQa^!#fall^ id^r KatMik;^» ^i^rBq^if^m^jM%ß}mi 
g^iipche .JÖT/?feft^ialMai,a»{; e^^^u^ ^^a^ig^^ .bi»:P%itli^j,u;sd^.^ 
stört beü#z|gi;, nafge^tjUefc >^api9 x'Ji^l spbftp .voö^pjabriß lZ^2r-^^^ 
geschah.« •>..'';:.-/. ;'-..i; ^^---^. ,■ i-" i^-.." M.l .:ii''.'." --/5'".;:'i;< 

.>J!^aeb^<]Lel>J)e]^3^tß^ Pestinam«^ 
undr für di^; vqn,:der .fpap/ö^fi^^ g^ Pfalzröcle^f^ff chQH 

Kriege pccspiart g!?}yi?sgrj§n.iind,. web Artikel 4.4^ Bj^jSKvkernFriW 
dens , (1607, . ^^s wittpy filau^I) , ^uruclyerslpiittetip^ .Qel^i^tep . . WUJjirte ; |$|} 
GjausteR .dteMK^tholi)£pD,.^in sft 4§r -beJlfR^Widenojrprnialbjf^it b^^ 
denes Sjfli,ul^np^qij.^i*^h , ia.\depg^ ,angegabeneift.,bQsabräukt^n Tll^ß 
anerl^aqmt .Y^ejften, .i.Jn. cpx^c^^te.spU/Wu fieu, ftemt;zywlj|a\<i#iiisi^j^f.W 



lyta pössessioö ifnßme iihmemoriäle he sußit päs' pour'"^^^ 
discottiiniied) (Bta1l)liir j sätfs ö«p6hiiani;;' -qu^oft pui^e Ättäqüer'^ujöuraHtii'iwItbÄöf 
d« tsefcfcef ttatard'd^jttao^tiiscis, 'däaid ]l6ä '^lijB loü öUee pourateaV s'acqüedfh'. dtt 



ß^stlith'Whe^Usslk^t^^^ bHr-Mt^ebr.ehi^fproC Kirche. 309 

tolg^öd#'^JöhtliMiäyrte 'tlicM etwa allein darauf geschlossen werden,, 
äötidertf e^^söll dfei^ fee^tii^aiiä das Rfeeat beweisen. Däzii, dass ein 
soföhier B^Öi^^tantl- näfehgeMÄ^^ü Vör^e,;^ötkus* herW dass er 

als* atof'ef 116^4 'ftfecfttsäilsprüöh aTlsgeabt'Wortleh 'sei, ge- 

Höhi' dbfe^^^i^S'^i6^'Besf!t*fiäMl:äh^^ Bl'öS nlchtr'feewaltthätig 

oiia'Qleitöllcfei^'feö'artefö^tic!!/ nicht auf "Öittv Mcfet als pre-» 

cariumausg^W'T^dötf'^SeM''^^'^'^'^ *"'^;'^''^ '■•"^•"'''; '];' " ' 

^' '' »Djßf^ VoMiög^äe'-BewöfetnaterM teiün "tibri 2Ü1 keift^m andern 
Er^bnissö^ahl^n/'^äli^ dääi' flie^^Bötl^^ die ihr obliegen- 

d'eh Näöh^iöö'niöht ^t^ijHlKat.^'Bs' ist 'Hierin den sehr erschöpfen- 
deti AääfflhrtibgWi' des y^^ uhd 

a&t^tt^ öi(;b^Kd' beziehe*.« '^ ' ^ . . ."p : , 

' '• 'Da' Sieb ' das^^' Wtheil' d^ «Ob^lktideägeriebtes' ganz den Erör- 
töJ^ttn^ettdÄ'^erÄ^-BSAfeVs anädhli^^ auch giögen jenes 

ürtbeil die'BöniepMbgett tod'Eid^äiiae;^ W^^ gegen die Auf- 
faäsüngiin -^öfl 'Fbl^^rtittgön- dör i^o^itlöfn Ger'icHtö^ beteits- gemacht 
Wi*Meö'ü'rid\ wiiö ilns^ dahkt,'-Vött'^<Jssereni €feWichte sind als die 
AusführtitigfeÄ »eSiJrtftöiles erster InsftaÄÄ^'TDöcr^^^ dasÜrtheil 

ffeä Oljötliafad^fsg^icfc'tös znt'Ontbrstöt^ti^ Aöschlusses an die 

Brdrtöhirigefa ^ä ttSü^i^Ön 'Ki<*«fe¥sl^äüch'^lioidt*^inige^= Erwägungen, 
welcfre liüö ^' glMchftlb 6iner" '^ehfttie^etf Pröftfng^ tiiiterisögen worden 
sdllrfA. '• Das Weite Wth€firfthfl;^hto«ch 'fori:- ^ mag bür noch 
b^lÖerkt'Werden; flabs 'd^e '^ßrödücir*6h'' Äiiszuf e ätis den Kirchen- 
büöhörn d^r ^kÄtlhcftfschön' Geiöeiirdef' Pftflfeä-Sfeliwabeh^eim^ welcher 
atfci wönigett 'B6siftlieitti6r= Hu^hWiken ^Mh'et eitigepfärrt waren, ge- 
radö'ihdöm' tte' börder Beurktiod^iiig^^rizelber Täüfhatidlürfgen und 
Böet^igüngön-b^mtöiieliyaie Eircfhe und das Ööiatite sei ohne Ein- 
sßwifi* 'Mtetis *eif EiüiigeBßCheii b^Ä^^tt woMen,' erkennen lassen, 
dÄ'ss'toaii aüiF tein^» 'solöhfeti EfeWaM-gefäSöt Wftlr, al§o' kein unbe- 
strittenes Recht in Anspruch genommen wurde.« 
^jiMb/illöitt' di^^ Aiftöfffllrt^uüg :«räp-aö^ !ä''j6ne Bemerkungen bei 
a§ti 'HiÄft^igto in'Öie Ki^eliönftQöhef einfe ÄüSiöht'dtfs^ Elntragrenden 
hiöie^n,' '♦^d^bi^ difesef In keiW' Weik)''zu örkenheh giVt:' Denn so 
gut * tog^Äoäöiieiri w^uräöv diö Aügäbö,; '"^-'iA keine Einsprache* er- 
h56bW'W^d^ti^ -liEiÄse efketin^ßV^däs* öitäri 'auf eine io\c\iQ gefasst ge- 
WeseWj^'äbi) 'i/i,i6M^^&iti ^ji^^Ahi^MUene^^BiihVhm^ worden sei, 

^\i'S(!f'^i^^lit')^ii döö'h ^wiis-attdi'öttttehmen, die Bemerkung, 
dass^ keii^ Einband erfpjgte,s^ gemacht worden, um 

?lfl^4fuqK(?p,,,4^, ^ tj^eoii^, Aer^pt^^^ mi dießeniitzüng der 
MircbeM SO' Ä^r. nn^ voa der andera' Seite m merhifmt worden sei, 
dass dieselbe keine Einsprache dagegen eingelegt habe, was zu thun 



310 HiracheU Rheinhesa» RechUatreit hetr.Miigehr^ eimrproU Kircf^^ 

sie, wenn sie einen Grnnd gehabt hätte, .sieher nicht unterlassj^n 
haben würde, da die Evangelischen, wie 4ie Erfahrung, auß. alter mi^ . 
neuer Zeit lehrt, nicht leicht einen bestrittenen oder g^tr ei^en unheT 
gründeten Ansprach der Katholiken anerkennen.. D^s9,,d^e$e Auffassui^g 
aber auch die richtigere sei, geht daraus h^rvor^. 4a$ü3 ,die frühBreii 
Geistlichen von Bosenheim, sämnitUch BegalarkanQoi)i[er der. Ean^nie,, 
Pfaffen-Schwabenheim, gewiss uicht die Absicht hatt^ö» d^ö^^^- . 
liken nachtheilige Bemerknugen in ihren - Eintrag^u \n die. Kirchen- 
bücher niederzulegen. Der Grund , wesshalb bei den. verschiedeiien 
Einträgen nicht blps die bezüglichen Casualhandluugen, fiondera auch 
andere bei ihnen vorgekommene umstände, wie das Läuten l^ei den 
Taufen und der Beerdigung, bei der hL Messe, welche bei den Taufen 
und bei der Beerdigung gef eiert. wurde, das AbhaU^jn einer. Predigt 
in« der evangelischen Kirche angegeben wurden, j},estand offeubar 
darin, dass man in Zukmft genau wisse ^ wie man sich in d^a 
gleichen Fällen zu verhalten habe, was: man vornehmen höfine, weil 
die Art und Weise der Benutzung der Kirche durch. die Katholiken, 
wenn sie nicht genau schriftlich aufgezeichnet worden wäre, leicht 
zweifelhaft oder ungewiss, werden konnte, da wegen, der geringen 
Zahl der in Bosenheim wohnhaften Katholiken dergleichen Qasualieu 
nur in kleineren nnd grösseren Zwischenräumen vorkamen. Allein di^ 
Ursache, warum in den Einträgen erwähnt wird, dass iein ßinspruck, 
geschehen sei, wird in ihnen selbst angegeben. Es wird nämlich ^^i 
dem Eintrage einer Taufe am 9. Januar 1871 bemerkt,, es Bßi zu- 
derselben und zur hl. Messe bei Gelegenheit dieser laufe .zweimal , 
vom reformirten SchuUehxer und auf dessen Anfrage bei dem EvauT.. 
gelium, dem Sauktus und der hl. Wandlung während der hl. Messe . 

♦ von den katholischen Schulknaben Pet^r Vogler und JatobWwe^flein. 
geläutet worden, indem Niemand . Widerspruch eii;igej.egt habe ausf e^. 
der calvinische Pfarrer, welcher behauptet habe, es dürfe für. etin^n. 
herumziehenden fremden Menschen nicht geläutet, werden v da die . 
Glocken der Gemeinde gehörten, dieser Einwand sei aber vona BLe^ . 
Oberamtmann v. Stahl und dem (reformirten) Inspector ^u Kreu&-. . 
nach als unbegründet abgewiesen worden,, da das, öeläüite. wegen der; 
pfarramtlichen Handlung und nicht des Kiodes we^ßn ge3Ghehe wiid 
der Schullehrer die katholischen Knaben habe lauten lassen, weiLej- 
nicht gewusst habe, wie und wann die Glocfcenzseichen (bei. den einr.. 
zelnen Theilen der hl. Messe) gegeben würden; die Katholiken hflttw 
aber behauptet, gerade weil das Geläute der Genieinde gehiöre> .k^nne 
es auch von ihnen benutzt werden (Die noqa Januarii 1771 bapti?atu8 

* est in filiali parochialis Schwabenheim dicta Bosenheim Joannes Wil* 



Hirschel, Rheinhess. Rechtsstreit betr, Mitgehr. einer prot, Kirche. 311 

helmus fifitts legitimas Ferdinandi Kettenbach Moguntini et Catha- 
rinae conjugum mödö vagabundorum , levante e sacro fönte pro 
tempore Pi^aetbre ibiderü Joanne Wühelmo Schmidt me infra scripto 
baptizante missämtjue crfebrante ad actum binis vicibus pulsatae 
catnpanae ä röformatö ludimagisfero , quo rogante oompulsatio ad 
missatn, evangfeliiim, Sancttts et piilsüs ad elevationem facti sunt a 
nostris scholaribuä Pfetro Vogler et Jacobo Wwesflein, nemine con- 
tradicetite nisi Tttinistro Calviniäno praetöndönte hon «sse pulsandum 
pro vagö* et extraiieo, cum campanae össent commuriitatis; qüae 
tarnen exceptio a doffliüo • Satrapa De Stahl et inspectore Crucen- 
^acensi ut ftitilis rejecta fuit, cum cotopulsatio fiat ob actum pa- 
rochialem et non propter infantem et ludimagister nostros' pueros 
jusserit' pubare propter imperitiam , quomodo et quandö ictus cam- 
panae dandi, nobis rero praetendentibus pulsum campanarum utpote 
ad communitatem spectantiüm etiam a nostris fieri posse). 

Aus dieser Darstellung ergibt sich, dass Niemand eine Ein- 
sprache gegen das Läuten bei Casualhandlungen der Katholiken er- 
hob ausser dei* reformirte Pferrer; dieser widersprach aber der Vor- 
nahme des Göläutes in dem vorliegenden Palle, weil dasselbe bei der 
Taufe eines herumziehenden Auswärtigen geschah. Daraus folgt, 
dass der calvinische Geistliche keinen. Einwand vorgebracht hätte, 
wenn es sich um die Taufe des Kindes eines Einheimischen^, eines 
in'Bosenheim wohnhaften Katholiken gehandelt haben wurde. Denn 
aus dein Umstände, dass der reformirte Pfarrer bei der angegebenen 
Gelegenheit Widerspruch einlegte, ergibt sich die Annahme, dass 
derselbe gewiss nicht versäumt hätte, überhaupt gegen das Geläute 
bei katholischen Gulthandlungen, auch wenn sie in Bosenheim wohn- 
hafte Kätholücen biötroffen hätten^ Einsprache zu thun, wenn er nicht 
von der BerecUtgtmg der Katholiken, wenigstens der in Bosenheim 
sesshaften überzeugt gewesen wäre. Da diese Angelegenheit vor das 
chüt'ptälzische Oberamt und die reforniirte geistliche Inspectiou zu 
Kreuznach gebracht wtfrde und da diese Behörden gewiss nicht ohne 
Kenntiiiss der Sachlage und Erwägung der gegenseitigen Meinungen 
die mit^etheilte Entscheidung erliessen, so ist dadurch nachgewiesen, 
da^B diese Behörden das Recht der Katholiken auf das Geläute bei 
ihren Casualhandlungen überhaupt, um so mehr, wenn diese Ein- 
heimische als wenn sie blös vorübergehend sich in Bosenheim auf- 
haltende Pertorien betreffen, anerkannten. 

• Dass der caltrinische Pfarrer auch g^gen die Vornahme der 
TcsiJife deä Kindes des fremden Katholiken in der protestantischen 
Kircho Widerspruch eingelegt habe , wird nicht angegeben und ist 



312 Hir^chelf Rheinhess, H^(^i^88tf\tU ^^^iV4%^n €ln€in)n*o& .K^te. 

um SO weiMgpr a»2i^^eiw][^9I^,:l ^\a i&m mt^ Wg^;.:^^ t?c&rw^5 Md 
dieses ^^chaur ai^ l?ßs^)pilprejrft,l^rij^iid^^r,weai)die .^ 

erbpben {hatte. . Off^baf, ^rtt Bftck^i^t .^f ^en^^.efeiBt;b#efpriöcheöm 
yargapg ,wird.4n ei^ea^.Wnt^ifagei^vpm 31.r,M9&! <l7j&jt dass 

bei ßine^r iXa^ .ei*es, r^eljie)t«bi^B,,:iKw!)W^d03: «^^ 
•latettgefRpdep hiab^,,iu^dfz?r^^^ Widarspi?ufifc (ad^l^^tuiii 

,pf^e7i^..bipa palsajIjioBe ^.^.<?HDp»J«?Jii(^ ^tev*- 

t^ep^ sjgliflm/d*'^*^ ^ta?ti J\9^. alwaueipiUa,iprofee3t^feiöDe);i I?ft.der 

gaiaiesfs^a c i|nd jin: a^a^^cJ^e^ V^w^hie. siQh ib^ndiöD» ibeistehtet ^witd 
UQ^ ^^i^eif Inba)t .g^u^j?;:0^^(i.i^^ .Pjaitwneij^f lAwicbtfeii^iiiid 

die^,^ia;^lheit€|i»' a^ij^ibti [aq V^fr, d2^ipitr.«nzw^ifeä**ft^dero,iörkudii4Ii(^ 
Bewi3 (g^iei^^rt, Äzsf^^^^^^^^^l ^ ^^ngftJ^idiftQt -s» B^öetf- 
heim als auch die ih^e» , ycfrgfßejlßfjfcepw ^.ta^fcli^^S TOd Idri^liii^beii 
jare^^eiii-, . dj^fla . Aftspruphe der. : . Jfj^i^bolifeea, au| < d^^ Ö-eJÄufco'. in der 
^QiX^y^^vi, e^2LT^^^ Jjei/ibwi, iC^wlliattdlu^gien eiwn 

;Widersipfucbj nicht eÄtg^geiisiet;i?teB , ftoiider);^. dijäes y^rfabcen -4er 
K^boU^fi^ ala.ibiie^ zußtcih^d ,, «orpit .j^lft ,^ifte. gereabtigsiiig Äaer- 

.. : . A»s, der Bi^ertqpg bei dWrfEiDtTP-g^njfdJws fiö.;d^a beiden eti- 
j^?rtin;^ftn Fälijen ..^einp ^m]^(Mih4 ,^xiQ^g\:%(^^ , g^ abei? unzweifel* 
b^^t hexyeiTj/ 4^ss ^m^tefj.flllen /IJiflatpdBp bf^i ^d^r Vornftbiw» -dieser 
bi^ideö (>ßu^lha.Qdluögep jiicbti, u^^^^ »aichge* 

^bt w^d%: ,rjg|e^p; wppn fiin?, spioUe\eii?gphpiJt ^iwflei|.-wär0, .lÄtt©' 
upoiöglicbi je^j^^^iw^de^ij^ M) W ym^m9^Mi'^W^Um^M]i 

^r^abeiQ f»5qy4^P'r .4ft?^^.ö;fj]^hf^l^^g] ^i^^J^Uv^m^ mkdi^^S^-^ 
ippng|ejnepc.^i^l>^t<cÄ^^ xmk zWiiselbeii 

^,.|8i^9Jk)a,Kui^, jp^e«k%,,w^iJ^.Mr^.W i^ie JJplwfeaiss; gegeben 
worden, so war eia Widerspruch gegen^, die, .erlaubte .Hwid^uiigvauflh 
geaohloeseu uad war di^^JSrl^ubuissirpacbg^ßuebt^jKordeiii)^ so ^ konnte 
nicht gesagt werdeu, da,9S.jgegj0i} 4ie bsg«jivte,uad '.ortb^iltet. Erl^^^ 
aiss ein Widerspruch ri,^ch,t jptatl^gefuadiea rh^b^^* (Jas- ^ßine ^ßbliesrt 
4^s Andere aus. Weiu?i;;nup^;a,bei;^iu: d^^n^beideQ -aBgeföhrto^ EiKea 
eine Erlaubuisa unbedingt ,aijphlt.,eii?gel^lt',wurd^^-SO ist .dock i.wahjf'- - 
llcU nicht auzunehmea, ..4^-83. bei ;4ei^. ülffigefliibeKeiohöetea 'Hand** 
luagea aiuo solche ErlaabAis^. nachgesucht. iwordea; w^te^, . vieliuebT 
spricht diu sichere Vermutbung dafär,i idai^s 4^^^ aucihii}a.dea»iua4era 
in den Kirchenbücheru bei?[^rktea Pällea ebeasowieaiig geschebeaspatk 
, In den gedachteu, Eiaträgeji, inidie Kircb^abucfeer^der Pfarrei 
Pfaffen^Schwabenheim wird uater .deai 28. Juli 1725 'uad dem 



Nirsehelj Rheinhessi ReeMaal^eit ^&etr: MUgebr, einer prot, Kirche. 313 

'Id. A][>ra 17^i>gösegt'/ dÄÄs die betreffenden Taufen in der ^^Filial- 
ttr)cÄ*i&> ' B(ööfafe6ito«i ^ (ik fecefe^sfö filiali Böseuheim) geschehen seien. 
Wenn aber' die 'äortig^Kit^he WlsFiKalkii^che bezeichnet wird, so 
wiTdidaorit'attSgespfocliwv, '^äss' dieselbe die Kirche der Filialisten 
von Pfaflfeli-Sfcl^fi^nh4fin/d.' h.der-in^ B^ wohnhaften nnd 

5Jö'jener Ptew^i^gs^börelöfdtti'Kafthdli*^^ diese Kirche 

itt irgend eittät» Weis^ 5larAfiM?nähiile- kirchlicher Handlungen für 
^iese^ katholii^hefi Tiliäliat^ diienfeVdtesen alsd der Mitgebrauch 
diesöi^ Kirche; 'Wfeaora^lb^ für- Ä ^er Casualien in An- 

sphi^ ' gettoö^läefl ' ^itd, • «töfeeh^^^^ JfedeiifÄllsr'gebt hieräns* hervor, 
idiss ai>: £4t<cliei itt'detn ängögfebeiie^i Siünö urid in der bezeichneten 
Absicht -boiiuta^t^-wth-db ülid -dtesi rnäilr 'also gewiss für den Ge- 
teaiicfcf'>eteeir 'MK^^ srölcb^ ittr Vornahme kirch- 

Hobeii Hanätegi^rti^Mr^ di* FilMrsteü -beötrmtnt war und diente, 
fciiB*«ftll8 hm- jE^^ 

^' i-Aüs de« Mshei^igeri Ausführungen ergibt sich unseres Brach- 
teii8\ 4^0 4i^ b^pvö(ih0öen Attfiieichnun^en'äen Nachweis liefern, 
diss währenifl fast' eifie» Jahrhunderts die evangelische Kirche zu 
BoSÄbheibä- b'di deö Castigäharidlüngen der Katholiken , insbesondere 
bei Taufen und Beerdigungen nebst dem Geläute von dem zustän- 
digen GeigtlJcb^ beäutitt dass hingegen nur einmal und dies blos 
in beöchtänfcter Weise Wid^9t)ruch erhoben , dieser aber vou den 
vorgesetzten stafatlichett' und' Mrchliiihen Behörden abgewiesen , dass 
in dlt«i iliesen Päilert'keitife -jEH(itt6wt5^ zur Beriutijüng der Kirche 
eingeholt und 'Akial^ ih' J^iMMrehe d. h. als eine äolche betrachtet 
död'tehÄüdfelt Wurdö, welche dto^in Bosenhelm; befindficheü Pfarr- 
ariigebörigfeö* der tÄthofisofcie'n P&rrei PfaffeÄ-Schwabeüheim för die 
'¥oitiffthiM der^ b^tretfendmi ^a^ua^lhandluhgen^ zu dienen habci und 
dä^s'^i^s geschehen 'sei in dem Bewüsstsein^ \xni ierÄhHcJU, hierzu 
Sii^ Berechtigung zu besitziön. 

' V Obwohl demnach jene Aüfzeichriutigen in den Kirchenbüchern 
übler dbn fra^Iichefn Sa^verhalt in rechtlicher Beziehung so wichtige 
Aufschlös^ geben, wurden diekelb^n voti dem' untern und, oberh Ge- 
riehte ifldiöser Hinsicht klöiüer Betücksichtigung gewürdigt. VVenn 
aber die zweitö Instanz aus der Bemerkung in den Einträgen, es sei 
kein Wld*erst>ruch erhoben worden, eher hierin den Aufdruck eines 
^weifek an der Berechtigung des Anspruches der Katholiken finden 
«1 s^Uett yertneint, so wird die oben behauptete ünhaltbarkeit imex 
Ealgerußg ans jenen Bemerkungen dadurch als tineweifethaft qx- 
wiöB^', dass 4ie eingelegte Einsprache sich lediglich auf die Be- 
uafeuDg der Kirche für Fremde bezog, sie also für die Einge- 



314 Hir8chelt Hheinhes^^ Rechtasireit betr. Mitgebr. eintr proL Kirthe, 

aessenen zugab und dass sogar dieser Einspruch von den obera Be- 
hörden verworfea wurde. Daraus geht aber unabweisbar hervor, 
dass die Bemerkangeu bezüglich des erliobenen Widerspruches nicht 
aus einem Zweifel an der Bereokiigung ^ sondern gerade umgekehrt 
aus dem Beicasstseim der Rechtmässigkeit der Ansprüche der Katho- 
liken hervorgingen und in der Absieht gemacht wurd^» diese .B«^ 
recktigung dadurch zu beurkunden und zu sichern. 

Auch eine andere Bemerkung fand bei den Gerichten keine 
Berücksichtigung, obschon sie in mebrfacber Beziehung nichl: ohne 
Gewicht ist Der Pfarrer Klein von Planig, früher Benedictiner des 
Klosters Jakobsberg bei Mainz, in welches die Pfarrei Planig incor- 
porirt war, berichtete bei Gelegenbeit der Nenanlegiing eines Kirchen- 
buches, da die alten von dea franzömschen Behörden den Pfarrern 
weggenommen und weltlichen Civilstandsbeamten übergeben wurden, 
dass gegen daä Jahr 1806 bei der neuen Pfarmmschreibung in der 
neu erricliteten Diöcese Main^ das Dorf Bosenheim, früher Filiale 
von Pfaffen-Schwabenheim, welch' letzteres als Pfarrei unterdrückt 
und der Pfarrei Badenheim zugetheilt worden sei, der Pfarrei Planig 
zugewiesen worden, dass die Zahl der Katholiken in Bosenheira ge- 
ring sei und nur achtzehn Seelen betrage. Weiter wird bemerkt: 
»Die Kirche benutzen wir nicht, ausser wenn Casualhandlnngen, 
Taufe, Eheeinsegnung und Beerdigung vorzunehmen sind (»Usum 
eccleaiae non habemus, nisi quaudo casnalia, baptismus, inthronizaHo 
et sepultura procuranda sint). Hier wird ausgesprochen, dass die 
Katholiken die fragliche Kirche nicht zur Abhaltung eines ragel- 
mässigen GoUesdmistes ^ sonderü nur bei voriibergehmideH^ von Fall 
zu Falle vorzunehmenden kirchlichen Handlungen (casualia) , nam* 
lieh Taufen, Eheschliessungen und Begräbnissen benützen. Durch 
die Gegenüberstellung des regelmässigen Gottesdienstes und der hie 
UHd da vorkommenden Vomahni^ kirchlicher Handlungen wird nur 
ein beschränkter Gebrauch der Kirche für die Katholiken behauptet, 
dieser ist gegenüber den Protestanten, welche die Kirche zu ihrem 
regelmässigen Gottesdienste und überhaupt für alle kirchlichen An- 
gelegenheiten benutzen, ein^ auf bestimmte Handlungen beschränkter 
Mitgabrauch. Da aber gesagt wird, dass die Katholiken einen sol- 
chen hätten^ 80 wird dieser Mitgebrauch als ein den Katholiken zn- 
stehendQs Recht dargestellt» Denn wenn derselbe blos vom guten 
Willen und der Gefälligkeit von Seiten der Evangelischeu abhängig 
gewesen wäre^ hätte man nicht sagen können; wir kahcu den Mit* 
gebrauch, wir bmid^en die Kirche , da diese sonst ja nach Belieben 
im einzelnen Falle und auch für immer hätte verweigert werden 



Hirsche!, Rkeinhess. Recht^sireii betr, Mitgthr» einer prvL Kirche» 315 

könfienr. }-.Wiß in: 4er angefühuieiv Benuerkung ein weiter gehender 
Mitgeb-yaueby «0 ist. iö ihtf auch -ein Miteigenthnrasrecht der Katho- 
likefD an diecr g^edachtto Kirebe ausgeschlossen. 

JeQe. Aof ^bet dfia F<forrera Klein atimmt übrigens mit dem In- 
haltef der Aufe^eiöbnöugen in dm Eirchenbüchern von Pfaffen-Schwa- 
benteim vollk0iEtiQen^ ö&eseiii ,: bdstat^t diese und wird von ihnen 
bestätigt. Es ist nm aber ^Wiss an2ttneba)eo, dass Decan Klein, 
welcher erst iwa Anfänge; der vierzigeir Jahre als Pfarrer, von Planig 
starb, die: CaanalharwM^ngen , wekbe .er von 180ö bis zu der ange- 
gebenen Zeit in der. Kirche zu Basenheim Tornahm, im Bewusst- 
seine Terrichtete< dasjq. iMioh seiner oben mitgetheilten Bemerkung be- 
rechtigt^ju sein, und dah^r ist aueÜ sicher anzunehmen, dass erhie- 
für BißhiV3im' ErJla^bnisani^ehjsacbteoder um solche nachsuchen Hess, 
wohl aber eine Anzeig« machte^ eine Antrage stellte, ob ihm die 
Khxhe> da die Evange^lischen die unbeschränkte Benutzung derselben 
unbestritten ianehatten und sie vielleicht gerade zu irgend: einer 
kitchliGhenHaödlung gebrauchen wollten, zu Gebote stehe, keiu 
Hindemiss yorliege, im Augenblicke bei einem CasualfaUe der Katho- 
liken die Kirche zu gebrauchen. Da die klägerischen. Zeugen Ell- 
feld , Ing«brand und Gaul von Beerdigungen aus. dem Ende der 
dreissigeif Jahre und vor vierzig und fünfzig Jahren, bei welchen 
Gelegenheiten die Kirche benutzt w:ttrde^ spreche und der Zeuge 
der Verklagten Philipp Machemer I. gleichfalls der Abhaltung der 
Leichenfeier in der Kirohe zu Bosenheim durOh den Decan von 
Planig bei BeerdigÄög jöinear Frau Gaul in de« zwanziger Jahren er- 
wähnt und da Decan Klein zur Zeit der erwähnten Fälle Pfarrer 
von. Planig war, so tnnss doch augenomnaeu werden ^ dass derselbe 
nach .Mass^bet seiner voJk ihm in dem Kirchenbuche zu Planig, 
offenbar hauptsächlich zur Kenntniss und Beachtung für seine Nachr 
folger niedergelegten Bemerkung zur yornahme jener Handlungen 
nicht Erlaubniss nachsuchte, sondern dieselben im BewujBstseine und 
in Äejc. Abgeht, ein Secht auszufiben, vollzogen habe, indörn er an- 
dernialla mit sieh delbst in Widerspruch gerathen wäre. Darnach 
muss aucih die weitere Aussage des Zet^en.Machemer, er habe von 
Pfarrer Schäfer in Boaenheim gehört ^ dass dieser dem Decane von 
Planig wegen seines Alters und des schlechten Wetters die Erlaub- 
niss gegeben. habe, die Kirche zu benutzen mindestens auf einem 
MissverstsäÄdaisse beruhen:, welches sich daraus erklären lässfe, dass 
jedenfalls bei dem evangeli3chen Pfarrer angefragt wurde, ob nicht 
wegen etwaiger Benutzung der Kirche von Seiten der Evangelischen 
für die Vornahme der katholischen Leichenfeier ein Hinderniss im 



316 Hirseh^i; Hkelnhtss, nethtieii'eU^btii^.mij^tdr/eiiii^ 
T^gi9= stehö' o^ei*' dass der evaügöli.*h^^PfiÄ-i%V^''Öfö«i6b*<'*^örfe /^'Öie 
läütöä ku g^w/was dieöerJ'öo tttrdih*übkte7^rfasö'dfiyii«teiJ^^di^^^ 
tWeöttWgJJ etiler ^rtitibfllki^ ''m1S^mi^'-N{ii\^ 

We8ffefnbtteh nii'mfiiiXi}^\m\'Am'^^hU^^ mk 

de*tf Zetr^eil'i0rzftllH'Wotdld»Vitff:dfeW^^ m\^WA^\m 8*b^liatBöM- 

näbe^tl^h' di(d''!faiiss<il^ und d<E*tf 'fi^r^^^ MWdbt 

zui' Öalyih' Plfkrrer»eimfer'ei<M8[rt« halle» fcWrtiWi'^ ^^\ ««*^*b»ij 
dä^s • »ifdbi^fäete^id^giKtlhafadltitigeta! < lüaeb^^d^ti ^ Z^gmi^us^i^idh ^VM 

l!Qfslb6JK)tideir6<>Leiöh^ifderlfch'k'^ \<^g€fnld^ibdti '^ü^d^ä ()id^*äfld^ 
d^'närrtiöig^' JftUr^ l«vll <Jaf^ rPfetie^ Ktetn 'ftiateif ßel^^^^^ 
kfiitöttg dieö ' tbät,' ' lyefl eH * «berä^gft ^Wai^,' ' tefeö ' EöcW^ zu' ?!a(^ jUw* 
«b^hiitptv also! ' bei Tafifen V '<!>3pfeiti0ftei^>: \m \ Böer'diglttigefifir'^zttf '%!ö^ 

« • ' i 'l«0'«ÖeWfefktiög' 'd^si Pmitcrö littd' Öööä^^^^ 
bti^ilk^'^d'Ar ^Pferrei^ Plaftig «It^ht-^atifeti- M' 'Eiftiaiii^^^^ 
ttrig *deka^eritii'ttÄdi''döf klagferii^lr^tf -aeig^b'^^l^^däSs te'dfet^^imt^ 
Wimi Slrtit^ Äti^ iPIäiigi^f 6^^ki^1ftltbtttferf» Be^rdigtt^fif^ Wn^ltatÄö^ 
liken die evan^ölfeöhe^KtifiJhfe iJ^wär-'b^tkitÄ«/^ 
HÄtt^^g'elJftt^», 'öi^nd^k' rifui- ^^nfiöihö^'lÄ'iÄ^ge'^gfeM^cfbtf #Öt«4n sei. 
©tari'tfeli'refJ äiriöt^ War jörlfe Be^äietftäifg'^'ÖeKltfant'iJW* ^^le^sollfe^^^i^ 
däik gököttfnfiöÄ'MA, däsb e^^^däs'in jiärtöi^BiefiMtküÄ^ 
B^cM d»i^^befa-udd'die' B6btfej!fnüg'<l<^^^^^ ^oii diei* fiibMnhgr 
eiöÄ-" Erlättbmss äfefiSöglg^ 'Ifetbädbt -'bäfef^? f fertef'*i4bBö^ 'Atfflätbiiie 
Wtdirstr€atet''tiidht''bloä^ a* biEJä«lttitöt^'^Ei^ftläriiitg''dfea k*tfr(öMsebfeii' 
Klrcbi^WotöfeltfäfeW^zü' Plätligv deösisti VoiWttthä^ir Ptofetr.Htrtet^J ftlV 
iTiJ^dy jSJrfgii*ÖÄ' d^ felage^ ittitt 

vöäaivigW^Bl^t^l^, 'ErläUbtüäÄ^^öibÄtrhtWerÄ.- aiüsztfitäitefn; döttÖijf ü^ ääfeh-^' 
döt? A^u^^gti» diBS 'Siiebenän«a<5hfczi#hWgte^ Bollet, '«afes^^lÄkiS- 

k^irröf dfer' Pl'at^er / welölie er erlebt babfe', ' We Ä^iiiprÖ^ie fes^gileir- 
det^fönÄrenbefiKÄÄUög in Böskbeim' i6t^b6bfeft^ bÄlte, «trte %s Vott^ diftfii 
döritätiged Pfä{frer'(H:ittei^) ^escbehl&iil^T^^aaktetoGfesAgt^W^^^^ 
die'«öfÄ'«iöh»^Sö1iöfiif^ sehr* tittbteHtiötriitjeh '^An^Äfteh^der '^Zi&ugmi "BMk- 
wefteVJ^änrÖ' Sfebuökiödim', als habe TÄrrei»* -Hirter tttn^^fit»lttubWisfs^ttti-* 
fkg^ö'iassdBj/höcfesfc Tiuw^abrs^heiülieh titid 'beirttlien- WöM ärfieitfttfe^ 
MiJomätättdÄisÄejv^-'^'^.' «•i'-'- i'-.-i: ■ m •'• - '•• <•-"!. .»•-;;. j-i.-...: 

»""'•©aö' Ürt«ei4 des- ObeHaBflös^ericht^s^ öagt'isctiHesfiftiÖfrr Öasrä;^ 



^ßvAl^x(^m fite AWemalfftrfcllli^« w6^\.»[ftt#^n:Be44r>gPi^gc^ft,J^^^ 

i3M«P9 (ia, 4i^A Kif cln^; e4pg^i;ftßW jw^^^j^l^ei^;, //d^; dfenKv^ög^M-i 
schfe^rbei« 4^0 jßasiiitlm' z^iji^rtiirfji^f^ejtftniih^tt^p. u^ fii; vi . rM^# 
er auf das Herkommen verwie3, stellte eriiiClaTiftit :g0r:4i4ei4i^rJ^feTi 
C9^j^tät>[i» Am\ . YwÄ|rgrj*nit[ d^8e«i .V!^pr. verlangte ](M»!J;be?rilligta 
Da, c i^nfij i© igegw>«a!p|*gf»? •lPi«fi¥iQ^ i^gm^ m^^wi^^h^^ ÄöcA^fb/e^ 
baupteti.^WrSöi bleibt- jr«Aes5:§ebr^^^^^ ^^<^l;;yrpnni4;. wjgis^ittiqbt]^^ 

könnte^; fftr .41^ Bcgrq^ft^iiijgi4ejüElßfg^'bßi**Ä^^^^ ji> .: ..i 

rüjhtßSnlrjlit; ^ift^eraä§lfoün?Ste»^ .^1 #^cb?P. bei- :^^r'i.Bri5^eF^Bg 
d4SS^ll]^^iH.,yrj^hey#«?lMM^ :i^miA% ^W Apfee^wngs» [/JM> 
Kir#b^Rl[ftcb§ri MW .?(f4lfe»-^wM3ö^^^ bflftadUfih^;,4ij«|ifeßi 'öS-get 
b^ijllW(/BftwJ^ngr::^erc,;Pgghej,ikgiß.W^ i§^bftbMiJfor#p«i 

PfairrfV:(Jli»g^lbft<^li, iQ#u^,]^..i|i cl§fl[i.»ngefAhnteR aehreiö^fi, ^ftg^^ ,m 

kj^itsyqrbalteiss ,!Y.er)vi^Siefl^,;, d^,{pjreAMuW:;ni<}][i6 .?p ^euji^; HecWj^iigen 
st^lji^a cU;i^,»qr flrk}^5?p,\h^b^,;^9ileji?[y ; u^^ 

kauf t^. . d^ft . ß^iUligkeit, \er w4gsi^p tiy^46» • • sciUßr i v ' AUeii?^? ;, bjeri Iragfr: ie^[ 
siQh dpch i^^ali^bst ujq^ v,w AVe/n^^ der <JJ^^^^^fu^(fcr liJEfir^ow, 

me«« jiR ,AWvb^rA^Hftep,ßtc.breiban..i^^^^^^ clem^ßlbwi) 

gegebomi'ßißn J^abß.j^i^, , in ,y-Qri^^jeadej» Fftlle i^ftqh.4epi.\Zpp.iÄ4, 
mßfthai!ig«,:fto^n„t^ies«^- i ,D^r;dwt .gsQbraachjlie.:,W.Qlfj^. »HeiiKcimi^^.tt,«^/ 
kj^oBk; alpi^R seiii^c: .p^deptupg ,fißci\\ ..aa^#b,4oehi gj^wi93..^bf5iwgntj 
ausdrücken, dass das Herkararaen in der J5r^Ä«i7^j^ -eii^: JS*'j!fl^}f 
9?ts9'be8t^ndt'£^l8^s auch flogen kanii:^ daa^^nacb ^eJikrHeckpmmen 



318 . Mir sehet, Rheinhess, Rechtsstreit betr. Mit^br, el^cK^^f. JPihoÄe. 

eine solche Erlaübniss nicht nachgesmU würd«, sohöe^fl ^ur eine 
:>Anfrage€ 'eine Anzeige zu geschehen liattj^. IWä ©n^iiöder-^as 
Andere kann nicht von vornherein angenömöieä wefdefi. '\SPe«»iideth- 
nach aber das ürtheil de» Aftsdrtick H^rkotfiftiön'i'^fft^ deöijöi^Stern 
Sinne, dass «eine Erlaübniss erth^ilt, eine Gj^fälif^kefi 0t#i6se&"W<]fr- 
dan sei, anffasst, 80 trägt «5 ' offelEtmr' wn Td^iieröin 
brauchte Wort »Herkorflment einen Sinn bineiö, d^tt '^s alö siöh nicht 
hat und ni^ht Raben muss. Dies konnte um so^ weniger g^helien, 
als das Schreiben des Pfarrers Engelbaoh selbst von eiöör »Airfra^ec 
spricht, also sieb der nämlichen Bezöichnmig bedife/i*,' Solche die 
Klage zur näheren Bestimmung, worin das Herkomn^n bestehe, an- 
wendet und der Ausdruck »Anfrage« seinem näöhsteri ' und eigent- 
lichen Sinne nach nicht ein Nachsuchenum Erlaubnissl, sondern eine 
Mose Erkundigung bedeutet zum Zwecke, zu erfahren, nifehfe zu bitten, 
ob man die Kilrche benutzen könne, gerade wie die vöi'herig^' Anzeige 
nur dazu diente, zur Kenntoiss zu bringen, dass man ^ie Kirche be- 
nutzen wolle, aber sogleich sich yerlässigen noöchte, ob dies dhtie 
Hinderniss geschehen könne. Wenn nun aber das ürtheil de* Ober- " 
laudesgerichtes annimmt, Pfarrer Engelbäch habe- niit' dem Aas- 
drucke »Anfrage« nicht ganz den Sinn getroffen*, in #eichfem ^r jenes 
Schreiben abzufassen* beabsichtigte, «so ist nicht iferäich'flic^ , woher 
das ürtheil weiss, iü welchem Sinne der Pfarrer jenes Schreiben ab- 
zufassen beabsichtigte und' in welchem Siüne nicht ün^ ebensowenig 
ist ersichtlich, woher das ürtheil weiss, dass dei* evangteliscbe Pfar- 
rer jenes Schreiben gerade in dem ' Sinne abzufassen heabsiclitigte^ 
welchen das ürtheil annimmt. Dieses sagt zwar, die Bedeutung des 
Schreibens bleibe klar und diese Klarheit Soll darin bestehen ,« dass 
ittt Schreiben bemerkt sei, es solle Alles beim BferÄowiwen bleiben. 
Allein dieser Ausdruck ist gewiss nicht klar, da er', wie gezieigt, 
nicht angibt, worin eben dieses Herkoramen bestehe, ob darin, dass 
stets Erlaübniss eingeholt wurde, oder 6b darin, dass dies nicht ge- 
schehen, sondern nur eine Anfrage, eine Anzeige gemacht worden Bei. 
Die im ürtheile angenommene Absicht bei Abfassung des Schreibens 
wird also lediglich durch eine gleichfalls nur angenommene' Be- 
deutung des Ausdruckes »Qerfconimön« gestutzt. Allein aus der 
Entstehung jenes Schreibens deii eVaugelisehen Pfarrers und aus den 
demselben vorausgegangenen Verhandlungen ergibt sichtbar undiw«- 
zweidetäig^ dass iet dem in jenem Schreiben gebrauchten Worte 
»Herkommen«- vom ürtheile des Oberlandesgerichtes ate beabsichtigt 
beigelegte Sinn weder ftcafts^cÄ^^ war noch in jenem Ausdrucke liegt 
und auch nicht in demselben liegen kann. 



Tehel, Bheinhess. Rechtsstreit betr. MUgehr. einer prot Kirche. 319 

La fmem Beriebte das katholischen Pfarramtes zu Planig an 
das biscbflftiche Ordinariat zu Mainz vom 14» Februar 186.1 wurde 
mitg^tbei|t, dass an» 10^ Februar zu Bosenheim Ludwig Berg katho- 
lisoher Conf^ssion giQsti^rben, bei der Beerdigung aber vom evangeli* 
sehen Eirebeavi)rst^nde die Benutzung der Eirobe und des 'Geläutes 
zu Bosenheim »giegen den seitherigen G^rauch« nur zugestanden 
worden.sei, wenn ein Beyers^ folgenden InbalteB von dem katholi- 
.scheu Pfarrer unterschrieben werde: >da8S die Benutzung der Kirche 
auf geschehenes Nachsuchen Toa Seite des katholischen Pfarramtes 
zu Plaäig von ihnen (dem Kitchenvorstande) nachgegeben worden sei 
and kein Recht der Katholiken an die dasige Kirche begründen 
könne.« Unter dem 14. Jdärz 1861 verfugte das bischofliche Ordi- 
. nariat auf den weitern Bericht des Pfarramtes Planig vom 7. März, 
das8 es geschehen möge^ »daas von Seiten ie» katholischen Kirchen- 
vorstandes dem evangelischen Pfarrer oder Kirchen vorstände in Bosen- 
heim die Erklärung gegeben werde, wie man katholiseherseits nicht 
beabsichtige ) .auf das Recht, die dortige Kirche in herkömmlicher 
Weise und in den herkömmlichen Fällen, ohne verhergegangene An- 
frage zu benutzen, irgend ein weiteres, über den bisherigen Usus 
hinausgehendes Recht / atiwa ein Miteigenthumsrecht oder ein förm- 
liches SimpUanrecht u. s.. w. zu begründen, sondern wie man ledig- 
lich bei dem Herkommen zu bleiben beabsichtige. Dagegen scheint 
es nicht zulässig zu sein, dem evangelischen Pfarramte zu be- 
scheinigen, dass die hier in Rede stehende Benutzung erst jetzt auf 
stattgehabtes Ersuchen nachgegeben worden sei, oder dass man diese 
Benutzung in ihren bisherigen Grenzen uur als eine Gefälligkeit, die 
beliebig zurückgenommen wetden könne, in Anspruch nehme.« 

Diese Verfügung des bischöflichen Ordinariates zu Mainz wurde 
vom -katholischen Pfarrer zu Planig dem evangelischen Kirchenvor- 
stande zu Bosenheim mitgetheilt, welcher dieselbe behielt und eine 
Abschrift dem Pfarrer zu Planig zusandte mit einem vom evangeli- 
schen Pfarrer Engelbach unterzeichneten Schreiben vom 13. Februar 
1862, worin es heisst: »Nach Ansicht des anliegend angeschlossenen, 
in .Abschrift ausgefertigten Aktenstückes acceptiren wir, dass katho- 
lischer Seits aus. der* bisher stattgehabten Benutzung unserer evan- 
gelischen Kirche bei katholischen Casualfällen kein weiteres über den 
bisherigen U^us hinaus^gehendes Recht, etwa ein Miteigenthumsrecht 
oder ein förmliches Simultanrecht u. s. w. begründet werde, sondern 
dass es lediglich bei. 4em Herkommen verbleiben solle.« Auf Be- 
richt des katholischen Pfarramtes Planig an das bischöfliche Ordi- 
nariat vom 17. Februar 1862 ertheilte dieses unter dem 6. März 1862 



320 Hirachel, Rheinheaa, Rechtsstreit betr, Mitgebr. einer proL Kirche. 

die erbetene Ermächtigan^ , den verlangten Revers nach Massgabe 
des Schreibens des Pfarrers Engelfaach auszustellen. 

Hiernach ist es klar, dass dieses Schreiben in der Tbat nacb 
seinen eigenen Worten gerade unter Berücksichtigung und im An- 
schlüsse an den Inhalt der Veriögung des bischöflichen Ordinariates 
vom 14. März erfolgte und ebenso klar ist es, dass also dieser Din- 
stand nicht angezweifelt oder^ als nicht ganz sicher bezeichnet wer- 
den kann, wie es der erste Bichter thut, indem er di^ Schreiben des 
Pfarrers Engelbach nur i^woU eine. Erwiderung auf die ihm mitge- 
tbeilte Ansicht in der Zuschrift des bischöflichen Ordinariates zu 
Mainz an den Pfarrer Hirter zu Planig vom U. März 1861c sein 
lässt. Da nun der zweite Bichter, wie er ausdrücklich hervorhebt, 
sich den Ausführungen des ersten Bicbters vollkommen anschliesst, 
so muss auch angenommen werden, dass der zweite Bichter gleich- 
falls die Auffassung des ersten Bichters, welche das Schreiben des 
Pfarrers Engelbach als eine Erwiderung auf die Zuschrift des bischöf- 
lichen Ordinariates bes^weifelt, theile. Jenes Schreiben gibt nnn zu, 
dass bisher die evangelische Kirche bei katholischen Casnalföllen, 
also nicht blos bei Beerdigungen, sondern vorkommenden Falles auch 
bei Taufen und Hochzeiten, benutzt worden sei, es sagt weiter: »wir 
acceptiren , wir nehmen demnach im Namen des Eirchenvorstandes 
an, was die Zuschrift des Ordinariates enthält, nämlich : »dass katho- 
licher Seits aus der bisher stattgehabten Benutzung (der evangeli- 
schen Kirche) bei GasualfäUen kein weiteres über den bisherigen 
V.^m hinausgehendes Becht . . . begründet werde, sondern dass es 
I<'diglich bei dem Herkommen verbleiben solle.« In diesen Worten 
ist au.sdrucklicii unerkannt, dass die »bisher stattgehabte Benutzung,« 
der »bisherige usus« ein für die Katholiken begründetes^ also be- 
stehendes Becht seien. Denn es wird gosagt, dass ein weiteres^ über 
den bisherigen Usus hiipimgehendes Becht nicht begründet werden 
solle. Ein aus der bisher stattgehabten Benutzung sich bildendes 
neues Becht, wie etwa ein 'Miteigen thums- oder ein- Simültanrecht, 
wird atisgeschlossen , somit die bisher stattgehabte Benutzung, der 
bisherige Usus als ein schon begründetes^ ein bestehendes Benutzungs- 
oder MitgebrauchsrecA^ einem künftig entstehenden., weitem, über 
das bisherige hinausgehendon Bechte gegenübergestellt, somit das 
bestehende Becht der Katholiken bestimmt und unzweifelhaft aner- 
kannt und nur gegen die Bildung eines neuen^ weiteren^ umfassen^ 
deren Bechtes Verwahrung eingelegt. Dieser aus den Worten des 
Schreibens des Pfarrers Engelbach sich unmittelbar ergebende Sinn 
wird noch dadurch bestätigt, dass gegen die Aeus^erung im Schreiben 



Hirsnhel, ^ ^heinh^se. Rechi's^tr€it^\lMtf\.^ MiJtgebr, .^imr. prot. Kirchs 32t 

im .Ordl6arMrt?ßs,^>eer ö4i miübt itattsägv dena eyaugeU^^eu^fa^am.^ 
zu bescheinigen,. ^»fia^gitöMi idi«slevßfermte»agaii4hj:^.il)M^epigM 
öi*enzdtt'iiiuii'dJsMeiii«e<tekß;lHgfeBit.v* wdcib^ ib«JäeWg^ ^mi^^gaiiommen 
wi$ifden>'k()iine,^jti()Ahq»n<cfa*iiähw^^ iA.')eAem.Sc^ib6Ptdp8 eyan*? 
g»lieöhöii!'iPfÄpreiti'"iiidil idk ^^getingrf* WideoPaftench^flrboJben.^^, 
w^ obne^^S wdiM^-^cfa^h^ ^^ ^ >> ücehn [»die ^B^htitauj^g; l^er ; Ki^ch^ 
ddro'h -m^ mtliomkfä':d.Jit ^XatA»Icb^ ,^'^i M\i&Ai/^:MrlmMs$ bin 
stuttgefütü^'^n b^tt'e! i*E4iHetis(^'iBrltlä»iK'sa)ah d)as'>Sßbreiben vEog^lbjaob's 
ni^^'^ge^öri dib B'iöliiötftün^*ü:tddr:iZifetolMtft't(ies.[«bi8^^^ Or^ 

äinaiiUt^s^ <^^^sei€' lüch><'nlGbii zufibeä6lii^ig€ln,M.»dü&Sr'di^ hiev.iti 
K^e^^ehindifeiBenntzangveiBiij^tzbsaaf'Btättgehabtös Sr^ucb^n mcht 
gögöbetl^'vybrdöh^stiiii'.' "Dagegen* bebtüjöaes.nSühraibenü.QntgQgent.d«! 
il^eiEts^^i'tirTYg ded'^(hrdifa£Kril[ted;i die Kitidie -.»bhQe'jorbikDgQgangjeue Anr 
zöigö^u'tSefaüteeÄ^'hörvor', dass stri^heT/ Mspraoh' mit dem;B[^kom- 
nTeti^¥ritfhi''ü%eMbsMmtb$', d^' bi^h^ etdts ^Mfr^^gei'^oü ,d^m,:kath<i>i 

ti5Chen-ödstl!Ch'!^»'*^Mgt»«eil.!ii'-''' '•''/••' "■ •• ^-Ir ? .-..(i .;.';:•!•>:•. .".i;V( 

'•* ''Hieraus 'i^rgibt^ sich' 'Wir, /dassi (Jfe&f-ievangelsiihie.Bfaner-.deii 
Atis'ät^ö?e*r i^w/i^(t^^'fe{tfeÄ>igiiris^^^ ioi dämijSiimevgebraiiQMe f , Jn 

wefchöto'et, 'MÄe^'-Ää^'ÖlffeheitJ de& ObeiftendBBgerfcbtes anfainqliüty'jeÄes 
Schteib^ii* 'äbEttfäsßfenJbfeafcifcMi^ iiha^ 

A*8dfö4fe6'-'ib^Ä:öffkge4' aieft-jfec^eftitdttgi'tvoh BiwlwMnngf einer 'i^Jjati*-; 
?Wi''beigöfc|t/^"85''''würde''^p5 di^^'Wieisiift^ -drfs ]OTdi»a*iateb,ri'es m 
mfeWi^ö' bfeso\idiiilt^H^''>«aai8s-^'iä!e' •^^fi\rt2«iri^^ 
s^e/^eJ^-TioicttgegeTi^H' w<n<d*ü>^seiv^*fiicbt uuHeaTiJitande* gelässei ,ji90!q^, 
dem ilir, Wie;ä in dehf ebeh'b^irühTten Falle •bfeügfiöh»'d^rf Forderung 
dösOi^diffatläteffl' däfs^'^dle»^ Öö^yteöngi' öÄ^ie^'Vofheägb \Ahßa^eieT4 
folgen äöllej gewis8'.wi<<eräpiföefieii'ihab^i. ^j^ ^ .' -il !■ i-^' ^f ,; .; 

Daraabh iöt ^fes ' abfer elb^fafls'klai'} dass das ürtheil deö-aWeitefa 
ßiditers' iVrigei<Wef*4 bittrföhtlicb 'deii> Bedeutung 'deaSohreibfeasvdes 
Pfarrä-s Bngelba«h"%ertaerlrtr^^»Iii^ei»'^er''SagtA, -«s. iolte AHfesObeim 
J?erÄömmen bleiben, ttörwieä 'ev-*lar a^f das'-ÖdfälligkeitsJreifhältÄiflß 
und' wollte' nicht etiva das'*^r^cfarltiM:^''zu 'eineni ■ Rechte'« gestalten^ 
sondern ''ein' für AlIötnalirHarei^,=lintef weleh^n Bediiigöngeiv künftig 
die 'Gefälligkfeit wwlesiön werdmv soHe;4: * Öenn -jeH^s S«brerhßn gibt 
seltwtaiKicIrSckHch'^niHi kfer ari,"wWchö Bödeutungiefl'dcma.HfeVkoinj- 
men beilegt.; Indem' es n9Äilich'äeceptirt;'dkö8 ein 'j^ei^öitere^^-ö&er 
den hisherigen Usus Mfiauä§[ehendes^ JPteöiW 'Äidhft l)egrüiiidet werd^ir,« 
sondern* »eä^'b'öim Herkthmmri b^^WeiÖe*^" solle v«- bö2teibhnet.'da8 
Schreiben den »bisherigen üsusmI äufe Beätinitnt^te ^ala ein »Recht« 
und da «der bisherige' Usus eben' rriipdas'flerköminöniöt,^^^ 
äucb-difse^ als ein UdCÄf, und keht^rfsw^gs ate'dtt 'G^JMli^kdtsV^r* 

ArcIuY für Kirchenrecht. XLVIIL 21 



322 Hirachel, Rheinhess. Rechtsstreit betr. Mitgebr. einer prot, Kirche. 

hältniss anerkannt. Demgemäss wollte das Schreiben ebensowenig, 
wie das zweite ürtheil besagt, »etwa das precarium zu einem Rechte 
gestalten,« indem es ja unzweideutig den bisherigen usus, das Her- 
kommen als ein Recht und zwar als ein solches, welches nicht erst 
gestaltet werden sollte, sondern welches, was die Ausdrücke des 
Schreibers: bisherig, usus, Herkommen, verbleiben, unzweifelhaft 
darthnn, schon längst gestaltet war, schon längst bestand, aner- 
kannte. 

Auch blieb es, wie bereits hervorgehoben wurde, unerklärlich, 
dass bei der vom Oberlandesgerichte jenem Schreiben gegebenen 
Auffassung dasselbe in dem erwähnten Schreiben des Ordinariates 
ausgesprochene entschiedene Abweisung des Zugeständnisses, dass es 
sich hier um eine blose Gefälligkeit handele, stillschweigend hinge- 
nommen hätte. Ebenso wäre es unerklärlich, warum das katholische 
Pfarramt Planig, sowie das Ordinariat sich geweigert hätten, den 
vom evangelischen Kirchen vorstände verlangten Revers, dass »die 
Benutzung der Kirche auf geschehenes Nachsuchen nachgegeben 
worden sei,« auszustellen, wenn beide angenommen hätten und auch 
nur im Entferntesten hätten annehmen können, dass das Schreiben 
des evangelischen Pfarrers Engelbach vom 13. Februar 1862, wel- 
ches mit Bezugnahme auf die Ver^guug des bischöflichen Ordi- 
nariates vom 14. März 1861, in welcher ein »GefäUigkeitsver- 
hältniss« entschieden in Abrede gestellt wird, erfolgte, die Be- 
deutung und den Sinn habe, welche das zweite ürtheil in demsel- 
ben fand. 

Mit Bücksicht auf die bisherigen Ausführungen bezüglich des 
Schreibens des Pfarrers Engelbach muss es als ein Irrthum ange- 
sehen werden, wenn das zweite ürtheil gleichsam als Ergebniss 
seiner Erörterungen in Betreff jenes Schreibens des Pfarrers Engel- 
bach sagt: »Indem er auf das Herkommen verwies, stellte er da- 
mit gerade die Precarietät in den Vordergrund dessen, was er 
verlangte und bewilligte.« 

Wenn das Erkenntniss des Oberlandesgerichtes schliesslich noch 
bemerkt;: »Da nun in gegenwärtigem Processe gerade ein erworbenes 
Reeht behauptet wird, so bleibt jenes Schreiben, auch wenn, was 
nicht der Fall ist, dasselbe als ein unzweifelhafter Eechtstitel er- 
scheinen könnte, für die Begründung der Klage bedeutungslos,« so 
beruht diese Aeusserung auf einem doppelten Missverständnisse. 
Denn fürs Erste beruft sich die Klägerin mit keiner Sylbe auf jenes 
Schreiben als auf einen y>Rechtstitel,^ sondern sie legte , dasselbe vor, 
um es als Beweismittel zu gebrauchen, wie es mit den Aufzeich- 



Hirschely Rheinhess, Rechtsstreit betr. Mitgebr, einer prot Kirche, 323 

nungen in den Kirchenbüchern von Pfaffen-Schwabenheim und mit 
den Zeugenaussagen geschah. 

Das gedachte Schreiben stellt sich selbst auch nur als eine 
Erklärung über den bisherigen Usus und als eine Anerkennung 
desselben dar und sollte auch nur dazu diehen, nachsuweisen , in 
welcher Weise Pfarrer Engelbach und beziehungsweise der evan- 
gelische Kirchenvorstand zu jener Zeit die allseitig zugestandene 
Thatsache der Benutzung der Kirche durch die Katholiken auffassten 
und ansahen. 

Sodann sagt jenes Schreiben selbst ausdrücklich, dass es nicht 
ein RecJUstitel sei, nicht ein Recht begründen wolle und solle. Denn 
wenn es bemerkt, dass aus der bisher stattgehabten Benutzung kein 
weiteres über den bisherigen Usus hinausgehendes Recht begründet 
werde, so spricht das Schreiben aufs Klarste aus, dass die bisher 
stattgehabte Benutzung, der^ bisherige Usus ein Recht sei^ dieses 
also bestehe^ bereits begründet sei, es verwahrt sich nur dagegen, 
dass aus diesem Rechte kein weiteres Rechte etwa ein Miteigen- 
thumsrecht u. s. w. begründet werde, also ein neues, über das be- 
stehende Recht hinausgehendes Recht entstehe. Ganz dasselbe ist 
ausgedrückt, wenn es heisst: es solle bei dem Herkommen verblei- 
ben. Denn hierdurch wird gerade so unzweideutig die Fortdauer 
einer bereits begründeten, bestehenden Uebung ausgesprochen. 

Dem Schreiben des evangelischen Pfarrers Engelbach muss ge- 
wiss ein grosses Gewicht beigelegt werden, theils weil es ein öffent- 
liches Schriftstück ist, theils weil es auf Grund vorausgegangener 
Verhandlung zwischen den beiden Theilen und von Jemanden er- 
lassen wurde, welcher sowohl die bezüglichen Verhältnisse genau zu 
kennen berufen , als auch verpflichtet war, die Ansprüche des einen 
Theiles möglichst zu wahren. 

Die Bedeutung dieses Schreibens für die Beurtheilung vorlie- 
gender Sache wurde auch von beiden Instanzen anerkannt, indem 
sie sich mit demselbsn eingehender befassten, ihm aber eine, wie 
wir glauben dargethan zu haben, nicht glückliche, vielmehr unhalt- 
bare Auslegung gaben. 

Wird nun aber nach der gegebenen Darstellung der von der 
Klägerin beigebrachte Beweisstoff, wie er sich aus den Urkunden, 
nämlich aus den Kirchenbüchern von Pfaffen-Schwabenheim und 
Planig, sowie aus dem zuletzt besprochenen Schreiben des evangeli- 
schen Pfarrers Engelbach und dann aus den Zeugenaussagen ergibt, 
mit dem von der Beklagten gelieferten Beweismateriale , welches 
eigentlich nur aus zwei nicht einmal ganz sichern Zeugenangaben 

21* 



324 Hirschelf Rheinhess. Rechtsstreit hetr, Mitgebr. einer prot Kirche. 

besteht, verglichen and berücksichtigt man weiter , dass von Seiten 
der Beklagten keine ihr günstige Erklärung, welche aus Urkunden 
oder Aussagen der Gegenpartei hervorging, erbracht wurde, während 
Klägerin einen bedeutsamen Urkundenbeweis zu fähren und dabei im 
Stande war, eine von dem andern Theile ausgegangene Urkunde, 
jenes Schreiben des evangelischen Kirchenvorstandes, beziehungsweise 
des evangelischen Pfarrers und zwar zur wesentlichen Unterstützung 
der klägerischen Behauptungen vorzulegen ; so muss anerkannt wer- 
den, dass der von der Klägerin hergestellte Beweis stärker war, als 
der Gegenbeweis der Verklagten. . 

Wenn nun auch nach dem Ergebnisse der Beweisluhrang der 
Anspruch der Klägerin nicht gerade zu als begründet wäre erklärt 
worden, weil man dem Gegenbeweise immerhin einiges Gewicht bei- 
legte, so wäre doch wenigstens, um eine ausreichende Ueberzeugung 
von der Wahrheit der zu beweisenden Thatsachen zu erhalten, nach 
§. 437. der Civilprocess- Ordnung der von Gerichtswegen aufzuer- 
legende Erfüllungseid am Platze gewesen. 



325 



XVIII. 

Entscheidungen des kgl. bayer, Verwaltungsgerichtshofes 

aus dem Jahre 1881. 

Mitgetheilt von Prof. Dr. Philipp Hergenröther zu fiichstätt. 
(Vergl. ArchiVy Bd. 47. S. 252 ff.)i). 

1. Entscheidung vom 15. Juni 1881 (Sammlung Bd. IIL Ä 102 ff.). 

Die Bestimmungen der §§. 12 und 14. der II. Verfassungs- 
Beilage bleiben hinsichtlich der religiösen Erziehung der Kinder aus 
einer gemischten Ehe auch dann^ massgebend, wenn einer der beiden 
Ehegatten mit Tod abgeht. 

Das in §. 12. a. a. 0. den Eltern in Bezug auf die religiöse 
Erziehung ihrer Kinder eingeräumte Recht erstreckt sich nicht auf 
die Stiefeltern, . 

Das Recht der freien religiösen üeberzeugung und des Be- 
kenntnisses derselben (Gewissensfreiheit) kann für Personen, bei wel- 
chen vermöge des physischen Alters und der NichtvoUendung der 
religiösen Erziehung eine Selbstständigkeit der Üeberzeugung ausge- 
schlossen ist, nicht in Anspruch genommen werden. Für die Reli- 
gionsverhältnisse derartiger Personen haben nicht die Bestimmungen 
in Cap. I. und IL, sondern lediglich jene in Cap. III. des Abschnitt 
I. der II. Verf.-Beil. masszugeben. 

Aus der Ehe des Maurers Christian Meyer, katholischer Con- 
fession , von Frankeneck mit der Elisabeth Roth , protestantischer 
Confession, von dort entstammten 4 Knaben und 4 Mädchen. Hin- 
sichtlich der religiösen Erziehung ihrer Kinder haben die genannten 
Eheleute. nie einen Vertrag geschlossen; die Knaben wurden katho- 
lisch, die Mädchen protestantisch getauft und erzogen. Hiebei ver- 
blieb es auch anzüglich, als Christian Meyer nach dem Tode seiner 
Ehefrau sich am 17. Februar 1877 mit der katholischen Elisabeth 
Winter von Moorlautern verehelichte. Am 6. December 1880 aber 
erklärte Christian Meyer mit seiner zweiten Ehefrau vor dem katho- 
lischen Pfarramte Qrevenhausen (Lambrecht) den Uebertritt der drei 
jüngsten Mädchen, Maria, geb. am 26. Nov. 1865, Wilhelmine, geb. 



1) »Im Bd. 46. des Archiv S. 143 Z. 1 i^t zu lesen Art. 9. statt 1, 
ebendas. Z. 2 nach »Art. 1. des Ges.« fehlt ein Komma; S. 150 Z. 10 nach 
»Gesetzes« feht v. 8. Aug. 1878.« 



326 Hergenröther, Entscheidungen des Bayer. Verw.-Ger.-Uof, (1881). 

am 17, Nov. 1868, und EHsabetha, geb. am 7, Febr. 1872, zur 
katholischen Kirche, da sie dieselben nun in der katholischen Reli- 
gion erziehen lassen wollten. Der katholische Pfarrer nahm nun 
auch die drei Mädchen nach eingeholter Ermächtigung des bischöfl. 
Ordinariates Speyer in seinen Religionsunterricht. Auf Beschwerde 
des protestantischen Pfarramtes Lambrecht sprach das k. Bezirksamt 
Neustadt a./H. am 28. März 1881 aus, die fraglichen drei Mädchen 
seien in dem protestantischen Olaubensbekenntnisse zu erziehen; 
deren Vater wurde beauftragt, sie an dem öffentlichen protestanti- 
schen Religionsunterrichte Theil nehmen zu lassen ; für den Fall des 
Zuwiderhandelns wurde Meyer auf Grund des Art. 21. des bayer. 
Polizei-Strafgesetzbuches vom 26. DeC. 1871 mit einer üngehor- 
samsstrafe von 30 M. bedroht. Gegen diesen Beschluss erhob der 
Vater der Mädchen mit seiner Frau rechtzeitig Beschwerde an den 
Verwaltungsgerichtshof. In der Beschwerde wurde geltend gemacht, 
der §. 14, der IT. Verf.-Beil. könne wohl nur dann die vom k. Be- 
zirksamte festgehaltene Auslegung finden, wenn kein Eltemtheil mehr 
am Leben -sei , weil ausserdem das Bestimmungsrecht des üeber- 
lebenden vernichtet würde; das älteste der 3 Mädchen, obwohl nicht 
mehr schulpflichtig, sei noch nicht confirmirt. Das protestantische 
Pfarramt erklärte, Marie Meyer sei noch schulpflichtig, der katho- 
lische Pfarrer habe aber Marie und Wilhelmine Meyer bereits con- 
firmirt (zur hl. Communion zugelassen); die Entscheidung des k. 
Verwaltungsgerichtshofes werde sich demnach nur mehr auf Er- 
ziehung des jüngsten Kindes zu erstreken haben. Der katholische 
Pfarrer erklärte, er habe auf ausdrückliches Verlangen der Eltern, 
auch nach erzieltem Einverständnisse mit dem bischöfl. Ordinariate 
Speyer und da noch keine endgiltige Entscheidung des k. Verwal- 
tungsgerichtshofes getroffen gewesen sei, keinen Anstand genommen, 
den Kindern Marie und Wilhelmine Meyer am 24. April 1881 die 
hl. C!ommunion zu reichen. Damit dürfte eine Aen^erung der Sach- 
lage herbeigeführt sein. 

Der Verwaltungsgerichtshof verwarf die Beschwerde und sprach 
aus : Die religiöse Erziehung eines Kindes aus einer gemischten Ehe 
bestimmt sich entweder nach dem freien, übereinstimmenden, in ver- 
tragsmässiger Weise kundgegebenen Willen der Eltern (§. 12.) oder 
es tritt die Regelung nach dem Gesetze ein (§. 14. der IL Verf.- 
BeiL). Die Bestimmung der Eltern kann nur durch gemeinsame 
Willensäusserung beider Theile erfolgen, weil ja, beiden Theilen 
vermöge des Elternrechtes die Befugniss zu jener Bestimmung ge- 
meinsam zukommt. Die Möglichkeit hiezu wird demnach jedenfalls 



Bayer, Verw.-G.-H. 15. Juni 1881 : Kinderziehung aus gem. Ehe» 327 

durch die Lebensdauer beider Theile begrenzt. Mit dem Tode der 
ersten Ehefrau des Christian Meyer hörte die Möglichkeit auf, nach 
der Norm des §. 12. eine Bestimmung über die confessionelle Er- 
ziehung der Töchter aus jener Ehe zu treffen ; es muss daher jener 
Zustand aufrecht erhalten werden, welcher zur Zeit des Todes ihrer 
Mutter der rechtmässige war. Dass von Stiefeltern nicht da^ 
Recht des §. 12. der II. Verf.- Beil. beansprucht werden könne, 
liegt zu Tage. Auch die evientuelle Zwangsanordnung konnte ge- 
troffen werden auf Grund des Art. 46. Abs. 1. des Ges. v. 8. Aug. 
1878; unrichtig dagegen war es, statt dieser Gesetzesbestimmung 
den Art. 21. des bayer. Polizei-Strafgesetzbuches vom 26. Dec. 1871 
anzuführen. 

Wenn der Verwaltungsgerichtshof ferner sagt, die behauptete 
Vorliebe der drei fraglichen Mädchen für die katholiche Religion 
könne keinen ^influss üben, da eine Inanspruchnahme des Rechtes 
der freien religiösen Ueberzeugung und des Bekenntnisses derselben 
für Personen, bei welchen vermöge des physischen Alters und der 
NichtVollendung der religiösen Erziehung eine Selbständigkeit der 
Ueberzeugung (s. §. 6. der II. Verf. -Beil.) ausgeschlossen erscheint, 
unzukömmlich ist; die Thatsache der vollzogenen Communion oder 
Confirmation entbehre in diesem Falle für die religiöse Erziehung 
der Rechtswirksarakeit und zwar auch in kirchlicher Beziehung: so 
bemerken wir dazu ausser dem zur Entscheidung vom 5. Nov. 1880 
(Sammlung Bd. II. S. 149) betreffs des letzteren Punktes bereits 
früher B«sprochenen ; Marie Stelzer, geboren am 26. Nov. 1865, war 
als sie die erste hl. Communion empfing (24. April 1881), bereits 
15 Jahre 5 Monate alt. Wenn in diesem Alter »eine selbständige 
Ueberzeugung« nicht bestehen kann, so ist eine Grenze überhaupt 
nicht dafür festzusetzen. Denn dass erst mit dem 21. Lebensjahre 
»eine selbständige Ueberzeugung« stattfinden könne,« wird doch Nie- 
mand behaupten wollen , wesshalb dieses Alter nur für die bürger- 
lichen Wirkungen des Confessionswechsels massgebend sein kann. 
Auch das Corpus Evangelicorum erklärte in einer Vorstellung an 
Kaiser Franz I. vom 25. Oct. 1747: »Die evangelische Kirche habe 
für den Uebergang von -einer Kirche zur anderen kein gewisses Alter 
bestimmt, sondern es komme lediglich auf eine deren vorgesetzten 
Lehrer gute Prüfung des. Verstandes an, welcher bei manchen Kin- 
dern früher, bei manchen später sich zu zeigen pflege.« Am 12. 
April 1751 aber erfolgte zu Regensburg ein Beschluss des Corpus 
Evangelicorum, die Evangelischen hätten sich einstimmig darüber 
verstanden , dass die anni discretionis blos sodann für erreicht zu 



328 Hergenröther, Entscheidungen des Bayer. V erw. -Ger, -Hof. (1881). 

erachten seien, wenn ein Kind das 14. Jahr wirklich vollendet habe. 
Gegen die ßestinaraung der II. Verf.-Beil. §. 6. hat Papst Pias VII. 
am 13. Januar 1819 ausdrücklich Beschwerde geführt. Im Wider- 
spruch mit der in der Verfassung (Tit. IV. §. 9.) und im Religions- 
edict (IL Verf.-Beil. §. 1. 5.) gewährleisteten Gewissensfreiheit er- 
scheint es uns jedenfalls, wenn der Thatsache der vollzogenen Com- 
muüion oder Confirmation die Rechtswirksamkeit auch in kirchlicher 
Beziehung abgesprochen wird. Denn es kann der weltlichen Macht 
verfassungsmässig nicht zustehen, dasjenige, was kirchlich giltig ist, 
kirchlich zu annuUiren. (Vgl. Archiv Bd. OO- S. 256 f.) 

J2. Entscheidung vom 10. Juni 1881 (Sammlung Bd. IIL S. 83 ff.). 

Die Bestimmung über die religiöse Erziehung eines unehelichen 
Kindes steht in der Regel d^r Mutter zu. 

Das durch §. 21. der II. Verf.-Beil. dem natürlichen 'Vater 
eingeräumte Recht zu dieser Bestimmung tritt nur ausnahmsweise, 
nämlich dann ein, wenn seitens des natürlichen Vaters eine Aner- 
kennung des Kindes in rechtswirksamer Weise erfolgt ist. In letz- 
terer Beziehung haben die Grundsätze der einschlägigen bürgerlichen 
Gesetzgebung Mass zu geben. 

Im rechtsrhein. Bayern ist die Anwendung des §.21. der IL 
Verf.-Beil. jedenfalls als ausgeschlossen zu erachten, wenn bei einer 
freiwilligen Anerkennung der Vaterschaft von Seite des natürlichen 
Vaters die diesbezügliche Erklärung nicht in einer öffentlichen Ur- 
kunde vor dem zuständigen Gerichte oder dem Standeebeamten 
stattgefunden hat, sondern nur eine Privaterklärung oder eine 
Erklärung vor einer Verwaltungsbehörde erfolgt ist. 

Johann Jakob StelJser aus Nürnberg, Protestant, meldete sich 
am 7. August 1877 beim Stadtmagistrat Nördlingen und 'stellte 
zwei Kinder vor, Franziska, geboren zu Niedergemünden in Oberhessen 
am 20. Januar 1870 und in der dortigen protestantischen Kirche 
getauft, und Konrad, geboren zu Grossenlüder in Kurhessen am 8. 
April 1871 und daselbst in der katholischen Kirche getauft. Er 
bezeichnete sie als von ihm mit Maria Reichert aus Nördlingen 
(katholisch) erzeugt, mit welcher er 21 Jahre zusammengelebt habe. 
Die Mutter war am 18. Juli 1877 zu Reibehausen in Preussen, 
seinem letzten Aufenthaltsorte, gestorben. Stelzer erklärte, er habe 
bisher die Kinder und ihre Mutter verpflegt, könne für die beiden 
Kinder, von welchen noch keines die Schule besuche, aber fernerhin 
nichts mehr thun. , Der Stadtmagistrat brachte die Kinder im dor- 
tigen Waisenhause unter. Stelzer hatte sich entfernt und war nicht 



Bayer, Verw.-GrlL 10. Juni 1881 : Relig,- Erziehung unehel. Kind. 329 

mehr aufzufinden. Der aufgestellte Vormund sprach sich für Er- 
ziehung Beider in der protestantischen Religion aus, weil sie in einem 
protestantischen Waisenhaus untergebracht seien ; das k. Stadt- und 
Landgericht Nördlingen beantragte, beide in der katholischen Con- 
fession erziehen zu lassen, das Mädchen, weil die Mutter hatholisch 
gewesen, den Knaben, weil derselbe im Einverständnisse seiher Eltern 
katholisch getauft, von dem natürlichen Vater weder in einer ge- 
richtlichen oder notariellen noch in einer standesamtlichen Urkunde 
anerkannt worden sei und weil sich der Vater der Kinder entledigt 
habe. Der Stadtmagistrat beschloss jedoch, Franziska sei katholisch, 
Konrad protestantisch zu erziehen. Für Letzteres wurde als Grund 
angeführt, dass das Anerkenntniss der Vaterschaft aus den pfarr- 
amtlichen Mittheilungeo und aus den Angaben des Stelzer vor dem 
Stadtmagistrat Nördlingen hervorgelie, daher §. 21. der IL Verf.- 
Beil. in seinem ersten Theile in Verbindung mit einer Ministerial- 
eutschliessung vom 12. April 1850 (V.-O.-S. Bd. 23. S. 30) anzu- 
wenden sei, weil die Feststellung der Vaterschaft durch richterliches 
Erkenntniss oder durch gerichtliche Anerkennung nicht als geboten 
erscheine. (Im Geburtsregister fand sich Konrad Stelzer als Sohn 
des Eisenbahnarbeiters Jakob Stelzer und der Maria Reichert einge- 
tragen. Die Geburt war von der Hebamme angezeigt worden, welche 
den Stelzer als Ehemann der Reichert eintragen liess; ersterer war 
bei dem Pfarramte nicht erschienen.) Die k. Regierung von Schwaben 
und Neuburg entschied sich für den Beschluss des Stadt magistrats 
und sprach aus, dass für die Anerkennung der Vaterschaft keine be- 
stimmte Form vorgeschrieben sei; kein Gesetz fordere die gericht- 
liche, notarielle oder vertragsmässige Anerkennung. Gegen diesen 
Bescheid wurde von der Obervormundschaftsbehörde, dem k. Stadt- 
und Landgericht Nördlingen und von dem katholischen Stadtpfarr- 
amt Nördlingen Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof erhoben. 
Der Verwaltungsgerichtshof sprach aus, dass Konrad Reichert in der 
katholischen Religion zu erziehen sei, • Nach einer Erörterung über 
die Entstehung des §.21. der IL Verf.-Beil. und die späteren Mi- 
nisterial-Entschliessungen wird in diesem Erkenntniss ausgesprochen : 
Die Bestimmung über die religiöse Erziehung eines unehelichon 
Kindes als ein Bestandtheil des Erziehungsrechtes und der Er- 
ziehungspflicht im Allgemeinen steht als Regel der unehelichen 
Mutter zu. Ein ausnahmsweises Recht zu fraglicher Bestimmung 
gewährt §. 21. der IL VerL-Beil. dem natürlichen Vater des unehe- 
lichen Kindes dann, wenn er dasselbe anerkannt hat. Die. Anerken- 
nung muss in rechtswirksaraer Weise erfolgen. Als solche rechts- 



330 Hergenröther, Entscheidurigen des Bayer, Verw^-Ger.-Hof. (1881). 

wirksame Anerkennung war ursprünglich wohl nur die freiwillige 
Anerkennung des Kindes durch den natürlichen Vater nach den 
Grundsätzen des französischen Rechtes unter den dort bestimmten 
Voraussetzungen und mit dem damit verknüpften Erwerbe von Rech- 
ten gegen das Kind in Aussicht genommen. Die zum Vollzuge des 
§. 24. des Religionsedictes vom 24. März 1809 ergangene Ent- 
sehliessung des k. Staatsministeriums des Innern vom 9. März 1818 
hatte wohl noch diese Rechtsgrundlage. Ebenbezerchnete Bestim- 
mung des Religionsedictes vom Jahre 1809 ist unverändert als Vor- 
schrift des §. 21. der II. Verf.-Beil. vom 26. Mai 1818 bestehen 
geblieben. Letztere bildet allgemeines verfassungsmässiges Recht 
des Landes, während das französische Civilrecht nur für einen kleinen 
Bruchtheil des Staatsgebietes Geltung hat. Für die Anwendbarkeit 
der besagten verfassungsmässigen Bestimmung und der hiernach sich 
ergebenden öffentlich rechtlichen Ansprüche müssen jedenfalls die 
Grundsätze der einschlägigen Civilgesetzgebung über Anerkennung 
der Vaterschaft an natürlichen Kindern als massgebend erachtet 
werden. Im diesseitigen Bayern entstehen durch eine freiwillige 
Anerkennung der Vaterschaft dem unehelichen Vater gegen das 
Kind keine Rechte, speciell keine Erziehungsrechte, es erwächst 
demselben daraus nur die Verpflichtung zur Ernährung des Kindes. 
(Vgl. Both, bayer. Civilrecht, 1871, Bd. I. §. 83 ff.) Wenn hienach 
Zweifel erhoben werden könnten, ob im diesrheinischen Bayern für 
die Anwendung der fraglichen Bestimmung des §. 21. der II. Verf.- 
Beil. nach der Intention ^ welche derselben bei ihrer Entstehung zu 
Grunde lag, die civilrechtlichen Voraussetzungen überhaupt gegeben 
sind,' so ist diese Anwendung doch jedenfalls und auch im Sinne der 
bisherigen Praxis wesentlich und in erster Linie dadurch bedingt, 
dass eine Pateruitätserklär^ing des unehelichen Vaters in rechts- 
wirksaraer Weise erfolgt ist. Bei einer freiwilligen Anerkennung der 
Vaterschaft von Seite des unehelichen Vaters kann dies tiur dann 
angenommen werden, wenn die Paternitätserklärung in einer öffent- 
lichen Urkunde vor einer zuständigen Gerichtsbehörde oder dem 
Civilstandsbeamten (nun nach Massgabe des §. 25. des Reichsge- 
setzes vom 6. Februar 1875) stattfindet. Eine Privaterklärung oder 
eine von einer Polizeibehörde abgegebene Erklärung kann demnach 
keinesfalls als zulänglich erächtet werden. Eine Anerkennung des 
Knaben Konrad Reichert durch Joh. Jak. Stelzer hat bei der Auf- 
nahme des Geburtsprotocolles seitens des katholischen Stadtpfarr- 
amtes Grossenlüder nicht stattgefunden ; Stelzer war hiebei selbst 
nicht gegenwärtig; die Angabe der Hebamme war ganz unrichtig; 



Bag. Verw.-G.-H. 9. Febr. 1681: Rel.-Erz.; 28. Jan. 1881: 8lift.-Kap. 331 

eine Ermächtigung derselben zu jener Angabe ist. nicht constatirt« 
In der Protocollerklärung des Stelzer vor dem Stadtmagistrate N^rd- 
litigen kann eine rechtswirksarae Anerkennung der Vaterschaft nicht 
erblickt werden, denn es fehlte der genannten Behörde an der Zu- 
ständigkeit, eine solche Erklärung rechtswirksam entgegen zu neh- 
men; ausserdem bestand bei Stelzer augenfällig nicht die geringste 
Absicht dazu. Ein weiterer dessfallsiger Akt des Stelzer liegt aber 
nicht vor. Es fehlt daher an jener gesetzlichen Voraussetzung, die 
unter allen Umständen erfüllt werden muss, wenn ein ausserehelicher 
Vater die Berechtigung erlangen soll, bestimmend auf die religiöse 
Erziehung seines unehelichen Kindes einzuwirken. 

3. Entscheidung vom 9. Febr. 1881 (Sammlung Bd. IL S. 338 ff,)- 

Die Zurücknahme einer zum Verwaltungsgerichtshof eingereidi'- 
ten Beschwerde, welche auch durch Telegramm erfolgen kann, bat 
den dauernden Verlust dieses Rechtsmittels zur Folge. 

Aus diesem Grande wurde die Beschwerde des k. Hittmeistern 
Otto Prhr. v. Roman zu Anspach, die religiöse Erziehung der erst- 
. ehelichen Kinder desselben betr., abgewiesen. Derselbe hatte näm- 
lich seine Beschwerde durch Telegramm vom 3. August 1880 mit 
den Worten »bitte um Zurücknahme meiner Beschwerde« zurückge- 
nommen, wollte aber das. im Telegramm gestellte Gesuch 23. Sep- 
tember 1880 wieder zurücknehmen. Durch den bedingungslosen 
Verzicht ging das Recht d«r Beschwerde dauernd verloren. 

4. Entscheidung vom 28. Jan. 1881 (Sammlung Bd. IL S\ 526 ff.). 

Zur letz tinstanziellen Bescheidung der Beschwerde einer Kirchen- 
verwaltung wegen Nicht-Gen«hmigung der Verwendung von Stiftungs- 
kapitalien zur Bestreitung von gesetz massigen Ausgaben der Kirchen- 
stiftung ist der Verwaltungsgerichtshof nicht zuständig. 

Die Kirchenverwaltung Weissen kirchberg hatte beschlossen, zur 
Deckung der Concurrenzquote für Reparatur des Schulhauaes im Be^ 
trage von 3867 M. 25 Pfg. Kapitalien der Kichenstiftung zu 3686 M; 
75 Pfg. zu verwenden, da diese Kapitalien nur erspartes^ aber kein 
Stammvermögen der Kirchenstiflung sei, dör Stiftungszweck auch 
ohne die Zinsen aus denselben erfüllt werden könne, und den noch 
fehlenden Concurrenzbeitrag von 181 M. 54 Pfg. durch die Mehr- 
einnahmen der Stiftung aus ihren Grundstücken zu decken. Die 
k. Regierung von Mittelfranken aber verweigerte die Genehmigung 
dazu. Darauf erhob die Kirchenverwaltung Beschwerde an den Ver- 
waltuhgsgerichtshof. Dieser erklärte sich unzuständig, da die Er- 



332 Hergenröther, Entscheidungen des Bayer. Verw,'Ger,-Hof. (1881). 

theilung oder Nichtertheilung der Genehmigung lediglich dem Gut- 
befinden der zuständigen Behörden anheimgegeben sei; es sei dies 
eine Frage des freien Ermessens, welche nach der ausdrücklichen 
Vorschrift in Art. 13. Abs. 1. Zifif. 3. des Ges. vom 8. Aug. 1878 
der Zuständigkeit des Verwaltungsgerichtshofes entrückt sei. . (Vgl. 
Archiv 1881 S. 145.) 

5. Entscheidung vom 7. Jan. 1881 (Sammlung Bd. IL S, 436 ffj. 

Wenn in einer Gemeinde auf Grund des in rechtsförmlicher 
Weise testgestellten Jahres- Voranschlags der Einnahmen und Aus- 
gaben und der hiezu gefertigten staatsaufsichtlich geprüften und 
rechnerisch beschißdenen Rechnungen Umlagen erhoben werden und 
ein Umlagen- Pflichtiger seine Theilnahme an diesen Umlagen unter 
nachträglicher Beanstandung, des Voranschlags und der Eechnungen 
verweigert, so liegt eine Streitsache vor, deren Entscheidung nach 
den gesetzlichen Vorschriften über das verwaltungsrechtliche Ver- 
fahren, somit von der Kreisregierung durch den verwaltungsrecht- 
lichen Senat nach öffentlich- mündlicher Verhandlung zu erfolgen hat. 

Der Müller Johann Wolfgang HofiFmann von der Rohrraühle 
beschwerte sich mit Eingabe vom 21. Sept. 1879 beim Bezirksamte 
Ansbach über eine Zahl von Rechnungsansätzen der Gemeinde- und 
Schulkasserechnung von Grafenbuch für 1878, bezüglich deren er 
sich als Gemeindeforense nicht für concurrenzpflichtig erachten könne, 
und bat, das Bezirksamt wolle das Geeignete zur Richtigstellung der 
Rechnung verfügen, sowie die Gemeindeverwaltung zum Rückersatz 
des von ihm zu viel erhobenen Umlagenbetrages verhalten. Der An- 
trag wurde abgewiesen, weil Hoflfmann seine Erinnerungen gegen die 
gemeindlichen Rechnungen nicht innerhalb der öffentlichen Auflage 
derselben -erhoben , sonach die vorgesetzte Ausschlussfrist versäumt 
habe und die fraglichen Rechnungen längst revidirt und bestätigt 
seien. Auf die Beschwerde an die k. Regierung von Mittelfranken 
vom 18. Dec. 1870 entschied diese 21. April 1880 ini Bureauwege. 
Der Verwaltungsgerichtshof entschied , die Entschliessung der Re- 
gierung sei aufzuheben und der Gegenstand an die genannte Kreis- 
regierung zur neuerlichen ordnungsmässigen Verhandlung und Be- 
scheidung zurück zu verweisen.' Der k. Regierung lag eine nach 
Art. 8. Zift. 30 und 38 des Ges. v. 8. Aug. 1878 als Verwaltungs- 
Rechtssache erklärte Streitsache zur Entscheidung vor. Bei der vor- 
wiegend verwaltungsrechtlichen Natur des der Vorinstanz zur Ent- 
scheidung vorgelegenen Streitgegenstandes war dieselbe verpflichtet, 
bei dem von ihr einzuschlagenden Verfahren die Bestimmungen des 



Bayer, Verw.-G.-H, 7, Januar^ 25, Februar^ 21, Januar 1881, 333 

Art. 16 ff., dann des Art. 31. Abs. 2 und 3. und Art. 33. des an- 
geführtep Gesetzes in Anwendung zu bringen und sonach die Ent- 
scheidung nicht im Bureauwege, sondern im verwaltungsrechtlichen 
Senate auf Grund öffentlicher und. mündlicher Verhandlung zu tref- 
fen, wobei auch die mit der verwaltungsrechtlichen Streitfrage ver- 
bundenen anderen adjuinistrativen Fragen ihre Bescheidung zu finden 
hatten. Die Ausserachtlassung dieser gesetzlichen Vorschriften im 
Zusammenhalte mit den §§. 12 u. ff. Der bezüglichen VöUzugsvor- 
schriften vom 1. Sept. 1879 erscheint als Verletzung einer wesent- 
lichen gesetzlichen Förmlichkeit und begründet sonach eine Nichtig- 
keit der vorinstanziellen Entschliessung vom 21. April 1880. 

6. Entscheidung vom 25, Febr. 1881 (Sammlung Bd, IL 8, 546 ff.). 

In dieser Entscheidung wurden dieselben Grundsätze ausge- 
sprochen wie in der vom 3. August 1880 (Sammlung Bd. IL S. 9) 
in der Sache, Beschwerde der Protestant. Kirchfenverwaltung Gefrees 
wegen Kirchengeraeinde-ümlagen zum dortigen Pfarrhof- und Kirchen- 
bäu betr. {Archiv Bd. 47. S. 260 f.) 

Die gräfliche Standesherrscbaft Castell-Rüdenhausen wurde vom 
Bezirksamt Gerolzhofen umlagenpflichtig in der protestantischen 
Kirchengemeinde Abtswind erklärt. Die Regierung von ünterfranken 
und Aschaffenburg sprach sie frei davon. Die dagegen von der 
Kirchenverwaltung Abtswind erhobene Beschwerde wurde vom Ver- 
waltungsgerichtshof verworfen. Die genannte gräfliche Standesherr- 
schaft besitzt nämlich im Bezirke der protestant. Kirchengemeinde 
A. ein Jagdschloss mit Grundstücken, ohne aber daselbst zu wohnen. 
Sie ist sonach auch nicht Mitglied der protestant. Kirchengemeinde 
A. und daher auch nicht schuldig, zu jenen Umlagen zu concurriren, 
welche von Kirchengemeindegliedern in A. alljährlich auf Grund des 
Kirchengemeindebeschlusses vom 20. Juli 1870 zur Deckung der 
Kirchenbedürfnisse zu entrichten sind. 

7. Entscheidung vom 21, Jan, 1881 (Sammimg Bd. IL Ä 494). 

Die Verordnung vom 20. Nov. 1815, die Vermehrung der Blitz- 
ableiter betr., gehört dem öffentlichen Rechte an, ist mit Gesetzes- 
kraft versehen und ist durch kein späteres Gesetz als aufgehoben zu 
erachten. 

Bestrittene Rechtsansprüche und Verbindlichkeiten bezüglich 
der Herstellung von Blitzableitern auf den Gebäuden der Gemeinden, 
Kirchen und Stiftungen sind keine Verwaltungsrechtssachen im Sinne 
des Art. 8. des Ges. vom 8. August 1878. 



384 Hergenröiher, Entscheidungen des Bayer, Verw.-Ger.-Hof. (J881). 

Auf Grand des' Art. 10. Ziff. 2. genannten Gesetzes können 
Gemeinden wegen Beiziehang zu den Kosten znr Herstellang von 
Blitzableitern anf den Earchthürmen nur dann die letztinstanzielle 
Entscheidung des Verwaltnngggeriehtshofes anraten, wenn diese Bei- 
ziebnng im Wege des staatsanfsichtlichen Verfahrens nach den Vor- 
schriften des Art. 157. der Gemeindeordnnng fnr die Landestheile 
diesseits des Rheines vom 29. April 1869 erfolgt ist 

Die letzterwähnten Vorschriften finden anf staatsanfsichtliche 
Verf&gungen gegenüber den Kirchenverwaltangen and Kirchenge- 
meinden keine Anwendung. 

Die Bes^^hwerde der Kirchenverwaltnng und Gemeindeverwaltung 
Reicholzried gegen die Entscheidung der Regierung von Schwaben 
und Neuburg vom 16. Mai 1880, welche Kirchenstiftung und poli- 
tische Gemeinde zu gleichen Theilen zu den Kosten für Wiederher- 
stellung des abgerissenen Blitzableiters auf dem Kirchthurm daselbst 
verpflichtete, wurde abgewiesen und ausgesprochen : Die Entscheidung 
über den von Kirchen- und Gemeindeverwaltung gegen das Staats- 
ärar erhobenen Anspruch stutze sich auf privatrechtlicjien Titel, ge- 
höre vor die Gerichte und sei der Zuständigkeit des Verwaltungs- 
gerichtshofes nach Art. 13. Abs. 1. Z. 1. des Ges. vom 8. August 
1878 entrückt; die Anschauung der Kirchenverwaltung, welche die 
Anwendbarkeit der Verordnung vom 20. Nov. 1815 auf das Kirchen- 
gebäude in E. bestritt, weil die nun schadhafte Blitzableitung be- 
reits vor dem J. 1815 eingeri'chtet gewesen sei und durch die ge- 
nannte Verordnung nicht auch Bestimmungen für bereits bestehende 
Blitzableitungen hätten gegeben werden wollen, widerspreche der 
Absicht und dem Sinn der Verordnung vom Jahre 1815, welche 
— allerdings abgesehen von etwa bestehenden privatrechtlichen Ver- 
pflichtungen — die rechtlichen Verhältnisse bezüglich der Herstel- 
Inng und Unterhaltung von Blitzableitungen anf grösseren Kirchen-, 
Gemeinde- und Stiftungs-Gebäuden sowie die bezüglich der Kosten- 
attfbringung hiefür im Allgemeinen für die Zukunft zu regeln und 
festzusT;ellen bezweckte. 

S. Entscheidung vom 21. Jan. 1881 (Sammlung Bd. IL S. 501 ff.). 

Die allgemeinen Grundsätze über Rechtskraft und deren Wir- 
kung finden auch auf staatsaufsichtliche Beschlüsse und Verfügungen 
der Verwaltungsbehörden Anwendung, in welchen über das Bestehen 
oder Nicht-Bestehen von gesetzlichen Verpflichtungen der Gemeinden 
Entscheidung getroffen wird. 

Einwendungen gegen staatsaufsichtliche Aufforderungen im 



Bayer. Verw.-G.-H. 21. Jan. 1881: Wirk. d. Rechtsktaft ataatl Verf, 335 

Sinne des Art 157. Abs. 5. der diesrhein. Gemeindeordnung sind an 
die 14tägige Beschwerdefrist nicht gebunden. 

Eine Ministerialentschliessung vom 24. Juni 1874 hatte aus- 
gesprochen, dass im Hinblick auf Art. 38 und 206. der diesrhein. 
Gemeindeordnung vom 29. April 1869 eine Verwaltungspflicht der 
Stadtgemeinde Waldmünchen, den im Eigenthum der letzteren stehen- 
den Pfarrkirchenthurm durch Anbringung eines Blitzableiters gegen 
Brandschaden sicher zu stellen, nicht anerkannt zu werden vermöge 
und hatte desshalb unter Abänderung der Begierungsentschliessung 
vom 14., April 1874 bestimmt, dass wegen Anbringung eines Blitz- 
ableiters auf dem Pfarrkirchenthua-m Waldmünchen gegen die dortige 
Gemeinde zwangsweise nicht zu verfahren sei. Am 6. April 1880 
hatte die k. Regierung der Oberpfalz und von Regensburg dagegen 
folgende bezirksamtUche Verfügung vom 26. September 1879 be- 
stätigt : a) die Kirchenverwaltung W. wird beauftragt, auf der Pfarr- 
kirche daselbst einen Blitzableiter gegen Vollzugsanzeige binnen, 6 
Wochen herstellen zu lassen; b) der Stadtmagistrat W., bezüglich 
Herstellung des Blitzableiters auf dem Thurm der Pfarrkirche und 
bezüglich der Bestreitung der Kosten hiefür mit der Kirchenverwal- 
tung in's Benehmen zu treten.« Der Verwaltungsgerichtshof setzte 
die k. Regierungsentschliessung vom 6. April 1880 ausser Wirksam- 
keit, da bei der Rechtskraft der MinisterialentachJiessung v. 24, Juni 
1874 die gegen die Regierungsentschliessung vom 6. April 1880 vom 
Stadtmagistrat W. erhobene Beschwerde als begründet erachtet wer- 
den musste. Die Versäumniss der 14tägigen Beschwerdefrist be- 
zeichnete der Verwaltungsgerichtshof als unschädlich , weil fragliche 
Verfügung eine sechswöchentliche Vollzugs- Anzeigepflicht vorgesetzt und 
somit hat angenommen werden können, es sei damit auch zugleich 
die Beschwerdefrist bestimmt worden. Deberhaupt lief dem Stadt- 
raagistrate gegen die Verfügung vom 26. Sept. 1879 keine Be^ 
schwerdefrist und konnte eine solche nicht von ihm versäumt wer- 
den; denn diese Verfügung charakterisirt sich nur als Instructions- 
verfügung im Sinne des Abs. 5. des Art. 157, der diesrhein. Ge- 
meindeordnung vom 29. April 1869, nicht aber als instanzielle 
Aufsichtsverfügung nach Abs.- 6. a. a. 0. 

9. Entscheidung vom 22. April 1881 (Sammlung Bd. IL 8. 697 ff.). 

In der Pfalz kommt einem protestantischen Pfarrer nur inso- 
lange, als er sich im Besitze der Pfarrei befindet, die Verwaltung 
des Pfründevermögens, die Wahrung der Rechte und Interessen der 
Pfründe, sowie der Genuss aller Einkünfte derselben zu. Mit dem 



386 HergenrOther, Entscheidungen des Bayer, Vei-VJ.-GeK-Hof, (1881). 

Zeitpunkte seiner Ernennung auf eine andere Pfarrei geht das Recht 
der Vertretung seiner bisherigen Pfründe auf den Pfründe-Nachfolger, 
beziehentlich bis zur Ernennung des letzteren auf den Verweser der ' 
Pfründe über. 

Dagegen kann dem bisherigen Pfründeinhaber das Recht nicht 
abgesprochen werden, auch nach dem Zeitpunkte seiner Ernennung 
auf eine andere Pfründe in einem eingeleiteten Streitverfahren jene 
Ansprüche weiter zu verfolgen, welche er für seine Person aus der 
Zeit seiner Pfründenutzniessung erhoben hat. 

Den Protestant. Presbyterien sind zwar bezüglich des pfarr- 
lichen Pfründevermögens gewisse •üeberwachungsrechte , aber nicht 
das* Recht der Verwaltung der Pfründe oder ein ausschliessliches 
Recht zur Vertretung der letzteren eingeräumt. 

Der Pfründebesitzer hat für seine Person nur Anspruch auf 
die ihm decretmässig zugewiesenen fassionsmässigen Bezüge der 
Pfründe. 

Die Beschwerde des Pfarrer Kreraer von KirchheimBolanden 
gegen den Bescheid der Regierung der Pfalz vom 29. Mai 1880 
wurde 1) soweit sie für die Pfarrpfründe Odenbach die Anerkennung 
des Rechtes auf den Bezug eines jährlichen Weindeputates von 7 
Ohm 4 Viertel 3 Mass 1^/20 Schoppen aus dem Kirchenschaffneifonde 
Obermoschel und in Folge dessen die Zahlung eines jährlichen Aequi- 
valents hiefür von 120 M. an den jeweiligen Pfründeinhaber bean- 
tragt, als unzulässig^ 2) soweit sie die persönlichen Ansprüche des- 
selben auf die für die Zeit von 1866 — 1879 verfallenen Jahresbezüge 
dieses Weindeputates betrifftt, als uhbegründei abgewiesen. Denn 
mit dem Zeitpunkte der Ernennung zum Pfarrer einer anderen 
Pfarrei (13. April 1880) gingen für Kremer die Befugnisse verloren, 
für die Pfarrpfründe Odenbach .als deren gesetzlicher Vertreter auf- 
zutreten. Es stand ihm daher gegen den Regierungsbescheid von) 
29. Mai 1880 nicht mehr die Vertretung der Pfarrei Odenbach 
(seiner frühern Pfarrei) zu. Den Presbyterien aber ist nirgends ein 
Verwaltungsrecht in Bezug auf die Pfründe selbst oder ein aus- 
schliessliches Recht zur Vertretung derselben eingeräumt. Für seine 
Person als Nutzniesser der Pfarrei Odenbach kann der Pfarrer Kremer 
jedoch auch nach dieser Zeit seine Ansprüche im eingeleiteten Rechts- 
verfahren weiter verfolgen, welche er für seine Person und aus der 
Zeit seiner Nutzniessung der Pfarrpfründe Odenbach erhoben hat. 
Allein die fraglichen Reichnisse wurden schon seit mehr als 60 Jahren 
Seitens des Obermoschler Schaflfneifondes nicht mehr an die Pfarrei 
Odenbach gewährt oder von ihr geltend gemacht. Sie bilden weder 



Bayer. Verw.-GrH. 1, Juni 1882: Gemeindelasten f. Schulzwecke. 337 

zur Zeit, in welcher die Pfarrei dem. Beschwerdeführer verliehen 
wurde , noch dermalen einen Theil der fassionsmässigen Pfarrein- 
künfte. Kremer hatte nur Anspruch auf die ihm decret'mässig zu-' 
gewiesenen fassionsmässigen Einkünfte ; diese hat er erhalten. 

10. Entscheidung vom 1 Juni 1881 (Sammlung Bd. IIL S. 59 ff.). 

Streitigkeiten über die Verbindlichkeit einzelner Angehörigen 
einer Gemeinde zur Theilnahme an den die Gemeinde trefienden 
Lasten für Schulzwecke fallen unter .Art. 8. Ziff. 38; Streitigkeiten über 
die Verpflichtung der Gemeinde selbst zur Theilnahme an den Lasten 
für eine bestimmte Schule fallen unter Art. 10. Ziff. 19. des Ges. 
vom 8. August 1878.' 

Die Thatsache^ dass einzelne Angehörige einer Gemeinde, aus 
was immer für einem Grunde, sich von der Schuleinrichtung ihrer 
Gemeinde losgetrennt haben und mit einer fremden Gemeinde wegen 
Benützung der dortigen Schule in Verbindung getreten sind, kann 
zwar für diese einzelnen Gemeindeangehörigen rechtliche Folge haben 
und unter Umständen auch auf die Beziehungen zu ihrer Gemeinde 
von Einfluss sein, vermag aber in keinem Falle für sich allein beim 
Mangel einer besondern Vereinbarung für jene Gemeinde als solche 
eine Verpflichtung gegenüber der derselben fremden Gemeindeschule 
zu begründen. 

Die protestantische Schule in der Gemeinde Wörschweiler wird 
auch von den Kindern der Ortschaft Schwarzenacker, zur, Gemeinde 
Einöd-Ing weiter gehörig, besucht. Zu einem Neubau des Schulhauses 
1834 wurde ein verfügbares Kapital der Gemeinde Wörschweiler von 
571 fl. 38 kr. ,.ein Kreisfondszuschuss vön/500 fl. verwendet, der 
benöthigte Rest zu 702 fl. 22 kr. war nach Entschliessung dar^k. 
Regierung des Rheinkreises durch Umlagen von den Einwohnern zu 
Wörschweiler, Schwarzenacker und Schwarzenbach zu erheben. Auch 
die jährlichen Ausgaben für die Schule wurden früher wie Gleich- 
stellungsumlagen nach der G^sammtsteuer der zum Schulbezirke ge- 
hörigen Ortschaften und Höfe repartirt. Unter dem 2. September 
1859 beschloss jedoch der Gemeinderath Wörschweiler, dass diese 
Ausgaben, sowie der Gehalt des Lehrers, insoweit sie nicht durch 
Kreisfondszuschüsse und das Schulgeld gedeckt werden, jährlich nach 
der Zahl der die* Schule besuchenden Kinder auf die betreffenden 
Gemeinden zu repartiren öeien, welchem Beschluss der Gememderath • 
von Schwarzenbach zustimmte. Als aber im December 1869 die 
Gemeinde Einöd-Ingweiler zur Zahlung von 11 fl. 51 kr. angehalten 
wurde als Beitrag zu den Ausgaben für die Schule, das SchuWiaus 

Arohiv für Kirclienrecht. XLVIII, * 22 



338 Hergenröther, Entscheidungen des Bayer, Verw.-Ger,'Hof. (1881). 

und das Schulgnt zu Wörschweiler pro 1868 , verweigerte der Ge- 
meihderath von Einöd-Ingweiler 24. Dec. 1869 die Zahlung sowie 
• jeden weiteren Beitrag zu den Schulausgaben von Wörschweiler aus 
der Gemeindekasse von Einöd-Ingweiler, weil. diese Gemeinde weder 
mit dem Schulgute noch mit dem Schulhause in Wörschweiler etwas 
zu thun liabe. Das k. Bezirksamt Zweibrücken entschied am 15. März 
1870, dass diese Kosten von den jeweiligen Eltern schulpflichtiger 
Kinder der beiden Höfe, Schwarzenacker und Audenkellerhot, über- 
nommen werden müssten, falls die betreffenden Eltern nicht vor- 
zögen, ihre Kinder die Schule zu Einöd-Ingweiler besuchen za 
lassen. Auf eine neuerliche Forderung von 82 fl, 9 kr. er- 
klärten die Bewohner von Schwarzenacker 23. October 1875: Ihre 
Kinder besuchten schon über 100 Jahre die Schule *zu Wörschweiler 
und noch nie sei eine solche Forderung erhoben worden. Ihre Vor- 
eltern hätten durch die freiwillig zum Schulhausbau geleisteten Bei- 
träge nur für ihre und ihrer Nachkommen Kinder das Kecht be- 
gründet, gegen Entrichtung des laufenden Schulgeldes die Schute in 
Wörschweiler zu besuchen. Von einem Eigenthumsrechte an dem 
Schulhause sei nie die Bede gewesen, sie beanspruchten auch solches 
nicht und bestünden nur auf dem bisher ausgeübten Eechte. Das 
k. Bezirksamt erklärte sie darauf für entbunden von der Beitrags- 
pflicht. Nach der dagegen erhobenen Beschwerde an die k. Re- 
gierung von der Pfalz erklärten jedoch die Bewohner von Schwarzen- 
acker, dass sie von ihrem früheren Standpunkte abgekommen und 
nunmehr entschlossen seien, das von ihren Voreltern erworbene 
Eigenttumsrecht am Schulgebäude zu Wörschweiler nicht aufzugeben. 
Die k. Regierung traf nun Entscheidung dahin , dass die Bewohner 
von Schwarzenacker zu den Kosten für Unterhaltung des Schulhauses 
zu W. wie auch zu den in Art. 20. der Verordnung vom 20. August 
1817 bezeichneten Ausgaben für die genannte Schule beizutragen 
haben. Der Gemeinderath von W. forderte an rückständigen Bei- 
trägen von 1869 bis 1878 die Summe von 1063 M. 92 Pfg., sodann 
noch 169 M. Zinsen aus den Rückständen. Der Gemeinderath von 
Einöd-Ingweiler verweigerte die Zahlung. Das k. Bezirksamt er- 
liess 26. Juli 1880 Beschluss: die. politische Gemeinde Einöd-Ing- 
weiler hat den von den Schulausgaben in W. auf die Ortschaft 
Schwarzenacker entfallenden (vom Gemeinderath W. inzwischen ermäs- 
sigten) betrag von 1025 M. 66 Pf^. der Gemeinde W. zu ersetzen. 
Die Gemeinde Einöd-Ingweiler ist auch fernerhin, solange die Ort- 
schaft Schwärzenacker zu fraglichem Schulsprengel gehört, ver-. 
pflichtet, zu den Schulausgaben in Wörschweiler beizutragen. Dieser 



Bayer, Verw.^G.-H* 8. April 1881: Smg,- und Läutgeld für Lehrer. 339 

Beschluss wurde voa der k. Regierung am 10. Sept. 1880 bestätigt. 
Auf die vom Gemeinderathe von Einöd-Ingweiler erhobene Be- 
schwerde sprach der k. Verwaltungsgerichtshof aus, die Gemeinde 
Einöd-Ingweiler sei nicht schuldig, zu den Ausgaben für die Schule 
in Wörschweiler beizutragen, demzufolge auch. nicht gehalten, den 
Betrag von 1025 M. 66 Pfg. zu ersetzen; die Gemeinde Wörsch- 
weiler habe die Kosten dieser Instanz einschliesslich der der Gegen- 
partei erwachsenen Kosten zu tragen. Die Gründe dieser Ent- 
scheidung sind die Eingangs angeführten. Der Einwand der Be- 
schwerde, dass die Regierungsentschliessung durch den verwaltungs- 
rechtlichen Senat hätte erfolgen sollen, ist unbegründet, weil kein 
Streit über die Verbindlichkeit einzelner Gemeindeangehörigen zur 
Theilnahme an den diese Gemeindeangehörigen treffenden Lasten be- 
steht, sondern die Verpflichtung der Gemeinde selbst in Bezug auf 
die Concurrenz zur besagten Schule bestritten ist; Streitigkeiten 
dieser Art aber unter den Gesichtspunkt des Art. 10. Ziff. 19, und 
nicht Ziff. 38. des Art. 8. des Ges. vom 8. August 1878 fallen. 
Soweit der Anspruch eventuell gegen die Bewohner von Schwar- 
zenacker gerichtet werden wollte, besteht -für den k. Verwaltungsga- 
richtshof zur Zeit kein Anlass, denselben einer näheren Prüfung zu 
unterziehen.. Die Gemeinde Einöd-Ingweiler als solche aber hat keine 
Verpflichtung gegenüber der ihr fremden Gemeindeschule von Wörsch- 
weiler. 

11. Entscheidung vom 8. April 1881 (Sammlung Bd. IJ. 8. 645 ff.). 

Die in dem Einkommen einer Schulstelle begriffenen Reichnisse 
des sogen. Weihnachts- oder Neujahr-Singgeldes und des sogen. Läut- 
geldes sind, wenn sie auch vielleicht ihrer Entstehung nach auf dem 
Kirchen- Verbände beruhen, doch in dem Falle nicht mehr als kirchen- 
gemeindliche Abgaben, sondern als ein vom Schulsprengel zu leisten- 
der Beitrag für das Schuldienst-Einkommen zu erachten* wenn deren 
Leistung für den Schullehrer von der Schulgemeinde als solcher rechts- 
förmlich übernommen wurde. 

Streitigkeiten über -derartige Reichnisse sijid daher genaäss 
Art. 8. Ziff. 38. des Ges. vom 8. August 1878 Verwaltungsrechts- 
sachen und demnach in dem für diese vorgeschriebenen Verfahren zu 
behandeln. . 

In dieser Entscheidung wird ausgesprochen, es erscheine min- 
destens zweifelhaft, ob das für jenes Singen (mit 5—^ Kindern) ge- 
währte Reichniss, das Singgeld, im Kirchengemeinde verband ge- 
wurzelt habe; durch Entschliessung des k. Staatsministeriunas vom 
■. ■ ' 22* 



340 Hergenröther, Entscheidungen des Bayer, Verw.-Ger.-Hof, (1881). 

16. April 1814 sei übrigens auch für den Obermainkreis angeordnet 
worden, dass den Schullehrern, welchen ein zureichender Unterhalt 
nicht ausgewiesen ^sei und das Abgängige auf den Localschulfond 
nicht angewiesen werden , könne , für das untersagte Weihnacht- 
Singen eine Entschädigung in Geld zu bestimmen und diese in den 
jährlichen Etat der besonderen Umlagen für die Gemeindebedürf«. 
. nisse aufzunehmen sei; auch in fraglichem Falle sei letzteres, von 
der Schtdgemeinde übernommen worden und daher lediglich als eine 
Umlage des Schulsprengeis zur Ergänzung des Lehrergehaltes zu 
betrachten. Und wenn auch die* Läutgarben-Reichnisse in der Regel 
ihrer. Bedeutung nach im Kirchengemeinde -Verbände wurzelnde 
Leistungen für die gewöhnlich mit dem Schuldienste verbundene 
Function des Messners oder Kirchners waren , so sei doch das ur- 
sprungliche Naturalreichniss im Laufe der Zeit in eine Geidumlage 
verwandelt und diese nicht etwa von den Paröchianen^ sondern 
gleichfalls von der Schülgemeinde als solcher far den Lehrer über- 
nommen worden, wie dies aus den Schulfassionen von St. Rochus 
hervorgehe. 

13. Entscheidung vom 22, April 1881 (Sammlung Bd. IL 8. 677 ff.). 

Zur Entscheidung von Streitigkeiten über Läutgarben-Reich- 
nisse, welche für einen Kirchendiener von Grundbesitzern eines 
Pfarrsp^engels nicht als dingliches Recht, sondern als eine auf dem 
Pfarrgemeinde -Verbände ruhende herkömmliche Leistungen bean- 
sprucht werden , sind die Verwaltungsbehörden und in letzter In- 
stanz der Verwaltungsgerichtshof zuständig. 

Der Messner in St. Jobst hat fassionsmässig l^/j SchäfiFel 
Läutkorn zu beziehen, welches in den zur Pfarrei St. Jobst gehöri- 
gen Gemeinden Erlenstegen, Schoppershof und Ziegelstein jährlich 
»von den Grundbesitzern« in natura erhoben wird. Beschwerde- 
führer Stephan Klendem in Ziegelstein, der früher keinen nennens- 
werthen Grundbesitz innerhalb der Gemeinde hatte und erst seinen 
ausserhalb der Gemeinde gelegenen Grundbesitz gegen einen solchen 
innerhalb der Gemeinde vertauscht hatte , : ward unter Abänderung 
des Regierungsbescheides vom 21. Mai 1880 von der Abgabe frei- 
gesprochen,' da die strittige Abgabe bisher nicht geleistet worden, 
also nicht hergebracht sei und in Folge dessen derselbe auch nicht 
gehalten werden könne, diese Abgabe vom Jahre 1875 ab an den 
dermaligen Kirchendiener zu entrichten. Nach den Vorlagen könne 
nur angenommen werden, dass nach dem in der Pfarrei St. Jobst 
bestehenden Herkommen nur diejenigen Pfarrgenossen läutgarben- 



Bayer. Verw.-G.-H, 22. April und 4, Februar 1S81. .341 

pflichtig seien , welche auf gewissen seiner Zeit genau, bestimmten 
Anwesen mit Aeckern sitzen. 

13. Entscheidung vom 4. Febr. 1881 (Sammlung Bd. IL 8. 534 ff.). 

Die in Art. 22. Abs. 4. und Art. 45. Abs. 2. des Ges. vom 
8. August 1878 bestimmte ausschliessende Beschwerdefrist läuft nur 
für die Einlegung , nicht aber auch für die Ausführung der Be- 
schwerde. 

Dieser Grundsatz ^rde ausgesprochen bei Abweisung der Be- 
schwerde der Stadtgemeinde-Verw^ltung Rothenfels gegen den am 
24. August 1880 ihr eröffneten Begierungsbescheid, Aenderungen be- 
treffs des Schullokals betr. Die Beschwerde kam erst am 7. Sep- 
tember 1880 in den Einlauf des Bezirksamtes Lohr und erst am 
7. October 18S0 in den der k. Kreisregierung, 



342 



XIX. 

An das hochgeehrte Abgeordnetenhaus des ungarischen Reichs- 
tags gerichtete Vorstellung und Bitte 

des Ersibischofs und Metropoliten Mi von Roman im Namen 
der griechisch'OriefUalischen romanischen Kirche Ungarns und Sieben- 
hürgens^ wegen Umarbeitung des in Sachen der Regelung des Gym- 
nasial- und'Realschul' Unterrichts eingereichten Ge-- 
Setisentwurfes, (gez. Nr. 19. M.) 
(Vgl. Archiv Bd. 47. S. 311 ff.; S. 425 ff.) 

Hochgeehrtes Abgeordnetenhaus! 

Die unter misslichen Verhältnissen Jahrhunderte hindurch 
drückenden Leiden ausgesetzte griechisch-orientalische rumänische 
Kirche Ungarns und Siebenbürgens hat, sobald sie aus der väter- 
lichen Fürsorge des erhabenen Herrscherhauses und durch das Wohl- 
wollen« der Gesetzgebung in die Reihe der freien und gleichberech- 
tigtem heimischen Kirchen und Glaubensgenossenschaften aufgenom- 
men ward, ihrem hohen Berufe gemäss, es zu ihren ersten Sorgen 
gezählt : in ihrem eigenen Wirkungskreise die Volkserziehung in die 
Hand zu nehmen und ihren, der höheren Bildung zustrebenden 
Gläubigen die Möglichkeit des Zutrittes zu den Wissenschaften nach 
Thunlichkeit zu erleichtern.. 

. Während einerseits die Kirche die auf dem Gebiete der allge- 
meinen Bildung erreichten, im Verhältniss zu ihren beschränkten 
materiellen Mitteln befriedigend, zu nennenden Resultate mit Seeleur 
freude und gesteigerter Fortschrittssehnsucht betrachtet: wirke an- 
dererseits auf die Gläubigen derselben Kirche niederdrückend und 
erzeugt -auch in ihren höheren Kirchenbehörden berechtigte Besorg- 
niss jene Thatsache, dass die Staatsregierung im Zwecke der Re- 
gelung des Gymnasial- und Realschulunterrichtes dem hochgeehrten 
Abgeordnetenhause einen solchen Gesetzentwurf vorgelegt hat, wel- 
cher die Autonomie als Existenzgrundlage der grieschisch-oriöntali- 
schen romanischen Kirche empfindlich zu schädigen und die Cultur- 
interessen dieser Kirche grossentheils. ausser Acht zu lassen beab- 
sichtigt. 

Indem ich mir die Freiheit nehme, die diesfalligen Be- 
sorgnisse der griechisch-orientalischen romanischen Kirche in Felge 



Gr.'Or» Metrop. Vor st. 20, Febr. 1882: ungar. Mittelschulgea.-Entw. 343 

dringenden Ansinnens sämmtlicher Diocesen, vermöge meiner amt- 
lichen Stellung dem hochgeehrten Abgeordnetenhause vorzustellen, 
bemerke ich vor Allem zur Kennzeichnung des Standpunktes meiner 
Kirche: dass die griechisch-orientalische romanische Kirche, nach 
ihrer canonischen Entwickelung und nach den klaren Anordnungen 
der bestehenden Grundgesetze in der Reihe der vaterländischen au- 
tonomen Kirchen einen Platz einnimmt, und als solche bei Aufrecht- 
haltung des Oberaufsichtsrechtes des Staates berechtigt ist: nicht 
nur ihre streng genommen kirchlichen, sondern zugleich auch ihre 
Schul- und Stiftungsangelegenheitea, innerhalb der Schranken der 
Landesgesetze selbständig zu leiten, zu ordnen und im. Wege ihrer 
eigenen Organe selbständig zu handhaben* und zu verwalten. 

Die griechisch-orientalische romanische Kirche/ welche weiss, 
dass es Aufgabe der Gesetzgebung ist, die vom Gesetze .gewährten 
und. gesicherten Rechte nicht einzuschränken oder gerade zu ent- 
ziehen, sondern nach den sich entwickelnden berechtigten Anforder- 
ungen immer mehr auszudehnen, macht mit berechtigter Besorgniss 
die Wahrnehmung, dass insbesondere auf dem. Gebiete des öffent- 
lichen Unterrichtes bereits solche Institutionen in das Leben gerufen 
worden sind, welche, abweichend von den zur Sicherstellung der 
vaterländischen Religionsgenossenschafken und Nationalitäten ge- 
brachten Fundamöntalgesetzen, die Autonomie der Kirche erschüttern 
und im praktischen Leben ihre Cufturinteressen in den Hintergrund 
drängen; den erwähnten Gesetzentwurf aber betrachtet sie als einen 
neuerlichen Schritt iii der Richtung, welche am Ende mit dem voll- 
ständigen Umsturz der kirchlichen Autonomie, auch die Existenz der 
Kirche selbst gefährden kann. 

Im Bewusstsein ihrer autonomen Stellung und ihrer hieraus 
fliessenden Rechte, kann ..es der auf Grundlage des Nationalitäts- 
princips gesetzlich organisirten griechisch-orientalischen rondänischen 
Kirche nicht gleichgiltig sein; wenn ihre Gläubigen in solchen Lehr- 
anstalten Unterricht und Bildung empfangen, wo der religiöse Geist 
nicht in entsprechender Richtung und entsprechendem Mass ver- 
breitet, oder wo das nationale Bewusstsein, welches die Grundläge 
unseres gesammten kirchlichen Organismus ist, nicht genügend ge- 
pflegt wird ; * dagegen wendet diese Kirche eben desshalb besondere 
Sorgfalt darauf, Volksschulen und höhere Lehranstalten mit eigenem 
confessionellem Charakter zu errichten und die bestehenden zweck- 
mässig einzurichten, weil den Mängel dieser aus dejn Gesichtspunkte 
ihrer religiösen und theilweise nationalen Interessen weder die Staats-, 
noch die Lehranstalten anderer Confessionen gehörig ersetzen können. 



344 Gr.-or. Metrop. - VorsL 20, Febr. 1882 : ungar* Mittelachulges^-Entw. 

Aber gleichwie einestheils die griechisch-orientalische romanische 
Kirche auf die religiösen und nationalen Interessen ihrer Gläubigen 
ein grosses Gewicht legt, ebenso richtet sie andererseits ihre Für- 
sorge immer darauf, ihre erwähnten Existenzinteressen mit den In- 
teressen des Staates in engstem Zusammenhang zu halten , und be- 
sonders den Patriotismus, als höchste Bürgertugend, in das Herz 
ihrer studirenden Jugend tief einzugraben, indem sie auf diese Art 
dem Staate treue und nützliche Bürger zu erziehen wünscht. Es 
kann also die zähe Aöhäuglicbkeit der Behörden und Gläubigen der 
griechisch-orientalischen romanischen Kirche an ibre^ Keligion und 
Nationalität und deren emsige Pflege aus dem Gesichtspunkte der 
Staatsinteressen und insbesondere des Patriotismus nicht beanstandet 
werden, es sei denn, dass die bei uns vermöge unserer eigenen Ver- 
hältnisse nicht aufstellbare Theorie : dass es überhaupt nicht erlaubt 
sei, in einem Staate verschiedene Eeligionen oder verschiedene Na- 
tionalitäten zu dulden, zu staatsprincipieller Geltung gelangen sollte. 

Indem der erwähnte Gesetzentwurf den Mittelschulunterricht 
leider den Händen der autonomem Glaubensgenossenschaften gleich- 
sam zu entreissen, in sämmtlichen Lehranstalten für die magyarische 
Sprache als die Amtssprache des Staates , mit Einschränkung der 
übrigen vaterländischen Sprachen, über die Grejizen der Berechtigung 
hinaus Fuss zu fassen und das beinahe unbeschränkte Verfügungs- 
recht der Staatsregierung auch a6f die confessionellen Mittelschulen 
auszudehnen beabsichtigt: scheint derselbe hiemit nicht so sehV der 
Entwickelung der einheimischen Bevölkerung verschiedener Religion 
und Nationalität in natürlicher Richtung und den Interessen ihrer 
gründlichen Bildung, als vielmehr, jener verhängnissvollen politischen 
Strömung einen Dienst leisten zu wollen, welche von der irrthüm- 
lichen Auffassung der Verhältnisse und der Existenzinteressen unseres 
Vaterlandes ausgehend, die Magyarisirung der nichtmagyarischen 
heimischen Völker sich zum Ziele gesetzt hat. 

Es ist wohl wahr, dass -der fragliche Gesetzentwurf die Schul- 
angelegenheiten aller Glaubensgenossenschaften gleichförmig zu ord- 
nen' beabsichtigt, und wenige Ausnahmeü abgerechnet, unter den 
vaterländischen Religionsgenossenschaften bekannter Weise magyari- 
scher und nichtmagyarischer Nationalität keinen Unterschied macht, 
was scheinbar gegen. die obige Auffassung spricht ; aber gerade diese 
Färbung, nämlich die Wahrung der confessionellen Gleichberechtigung 
hebt den Angelpunkt des Gesetsientwurfes am meisten hervor,^ wel- 
cher,^ Alles zusammengenommen, darauf gestützt zu sein scheint: 
dass 'die Magyarisirung der Landesbürger nichtmagyarischer Natio- 



• Grror. Metrop.'Vorst 20. 'Fehr, 1882: ungar, Mittelschulges.-Entw. 345 

nalität , selbst auf Kosten^ der Autonomie 'sämmtlicher Confessionen 
durchgeführt werde, indem die Gläubigen der Kirchen nichtmagyari- 
scher Nationalität einem solchen allgemeinen ünterrichtssystem unter- 
worfen, werden , das sie zur Vernachlässigung ihrer eigenen Mutter- 
sprache zwingt und sie hied^urch auf die Bahn der Vermägyarisirung 
drängt, während es im Uebrigen Sache der Regierung ist, den ein- 
zelnen Qlaubens^enossenschaften gegeaüber die Grade der in ihrer 

, Macht stehenden Strenge oder G^^nst nach eigenem Ermessen anzu- , 
wenden. 

Dass die ganze Absicht des in Rede stehenden Gesetzentwurfes 
in diesem Ausgangspunkte sich vereinigt, zeigen klar die darin ent- 
haltenen Bestimmungen, wornach zunächst die Unterrichtssprache 
der neu zu errichtenden Staats-Gymnasien und Realschulen aus- 
schliesslich nur die magyarische sein kann (§. 39) ; daneben aber die 
Sprache der einzelnen Gegenden, wenn es nicht die magyarische ist, 

. in sämmtlichen Gymnasien und Realschulen, also auch in den con- 
fessionellen blos als ausserordentlicher Unterrichtsgegenstand den 
sich freiwillig Meldenden gelehrt werden kann, und zwar so, dass 
der Lehrkörper das Erlernen derselben einzelnen